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Full text of "Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters"

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Quellen und Untersuchungen 



zur 



lateinischen Philologie 
des Mittelalters 



herausgegeben von 

Ludwig Traube 



Dritter Band 



Mit sechs Tafeln 




MÜNCHEN 190S 

C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 
OSKAR BECK 



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DEC 21 '7^^ 
JAN 2 - *9^ 



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Quellen und Untersuchungen 



zur 



lateinischen Philologie 
des Mittelalters 



herausg^eben von 

Ludwig Traube 



Dritter Band 



Mit sechs Tafeln 




MÜNCHEN 190» 

C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 

OSKAR BECK 



THif. NEW YORkI 

PUBLirilBHARY 



A8TOR. Lf^XOX AND 
TILDEN FOoNOATWN«. 
I R 1012 



Inhalt des dritten Bandes: 
Erstes Heft: Franciscus Modius von Paul Lehmann. 
Zweites Heft: Textgeschichte Liudprands von Cremona von Joseph Becker. 
Drittes Heft: Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino von E. A. Loew. 
Viertes Heft: Die Gedichte des Paulus Diaconus von Karl Neff. 



THt i-i^W VORK 

PUBLIC LIBRARY 



ASTOR, LENOX AND 
TfLDEN F"' • n.Mli^NS. 

R 1S12 L 



Quellen und Untersuchungen 



zur 



lateinischen Philologie des 
Mittelalters 



herausgegeben von 

Ludwig Traube 



Dritter Band, erstes Heft 

Franciscus Modius als Handschriftenforscher 



von 



Paul Lehmann 

Dr. phil. 




MÜNCHEN 1908 

C H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 
OSKAR BECK 



FRANCISCUS MODIUS 

ALS HANDSCHRIFTENFORSCHER 



VON 



PAUL LEHMANN 

Dr. PHIL. 




MÜNCHEN 1908 ' ^ 

C. H. BECICSCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 
OSKAR BECK 



PUBLIC LIBRARY 

ASTOR, LENOX ANO 
TILDEN FOUNtATIONa. 

R 1912 L 



C. H. Bcck'tchc Buchdnickcrci in Nördlingeo 



DEM ANDENKEN 

LUDWIG TRAUBES 

GEWEIHT 







9 



Be not the slave of Words: 
is not the Distant, the Dead, 
while I love it, and long 
for \t, and mourn for it, 
Here, in the genuine sense, 
as tnily as the floor I stand on? 



Vorwort 



Die vorliegende Studie über Franciscus Modius soll eine 
Reihe von Untersuchungen eröffnen, in denen deutsche Humanisten 
als Handschriftenforscher, als Entdecker und Benutzer mittel- 
alterlicher Büchersammlungen behandelt werden. Ich beabsich- 
tige damit, zugleich Beiträge zur Geschichte einzelner Ge- 
lehrten wie der Philologie überhaupt und namentlich zu 
einer historischen Bibliothek'en- und Handschriftenkunde 
zu liefern. 

Es ist unzweifelhaft, dafi die Entwicklung der VTissenschaften 
in hohem Grade von der Art der Arbeitsbedingungen, ganz besonders 
von der Zugänglichkeit der Forschungsobjekte, abhängig ist. Treten 
die geschichtlichen Belege aus dem Bereiche der Geisteswissenschaften 
weniger auffällig an den Tag als die aus dem Gebiete der Naturwissen- 
schaften, so kann man dennoch auch dort ohne Mühe dieselbe 
Beobachtung machen. Zum Beispiele wird jedem, der die Entwick- 
lung der lateinischen Philologie überblickt, bald die Bedeutung auf- 
fallen, die das jeweilige Verhältnis der Gelehrten zu der 
Hauptquelle der literarischen Oberlieferung, zu den Handschriften, 
besitzt 

Fast jede Blüteperiode der lateinischen Philologie wird durch 
einen Aufschwung in der Erschließung der Bibliotheken und in der 
Verwertung der einzelnen Handschriften eingeleitet und begleitet: 
Die italienischen Humanisten des 15. Jahrhunderts wurden die 



VIII Vorwort 

Begründer der modernen philologischen Forschung weniger durch 
ihre eigenen schriftstellerischen Arbeiten als vielmehr dank ihren 
zahlreichen Funden alter Exemplare unbekannter und bekannter 
Schriften der Antike. Der Erasmische Kreis, dessen Leistungen 
die Suprematie Deutschlands in der Philologie anzukündigen schienen, 
umschloß Männer wie Bonifatius Amerbach, Beatus Rhenanus, Simon 
Grynaeus, Johannes Sichardus und Sigismundus Gelenius, die mit 
rastlosem Eifer, teils auf eigenen Forschungsreisen, teils unterstützt 
von verständnisvollen Freunden, die Schätze mancher hervonagenden 
Bibliothek hoben. Die französisch-holländische Blüte der klas- 
sischen Philologie bezeichnet einen Höhepunkt in der Entwicklung 
der Textkritik und fällt in die Zeit, wo sich die großen privaten 
Büchersammlungen der Pithou, Cuiacius, Bongarsius, Scaliger, Nan- 
sius, Lipsius, Vossius u. a. bildeten und Männer wie Carrio und 
Modius ihre Bibliotheksfahrten unternahmen. Vollends sind die ge- 
waltigen Arbeiten der Bollandisten und Mauriner eng mit den 
Handschriften und Handschriftensammlungen verknüpft. Jetzt kam 
es zum ersten Male zu einer großartigen Zentralisation verschiedener 
Bibliotheken in der Benediktinerabtei von Saint-Germain und im 
Jesuitenkolleg von Clermont. Und nun wurden die Bibliotheks- 
erforschungsreisen aus Wanderfahrten Einzelner zu planvollen Unter- 
nehmungen großer und einflußreicher Gemeinschaften. Eines der 
besten Beispiele für unsere Auffassung ist der große Aufschwung in 
der Patristik, der sich unmittelbar an die Wiederentdeckung der 
Capitolare von Verona durch Maffei (1713) anknüpfte und sich 
im wesentlichen auf den Ort der Funde, Verona, beschränkte. Wenn 
schließlich das 19. Jahrhundert die Studien der lateinischen Schrift- 
denkmäler von neuem erweiterte und vertiefte, so war das nicht zu- 
letzt eine Folge davon, daß die politischen und wirtschafüichen Um- 
wälzungen die Verkehrsverhältnisse verbesserten und oft an die Stelle 
von vergessenen und schwer zugänglichen Büchersammlungen geist- 
licher Körperschaften staatliche und städtische Bibliotheken setzten, 
die die Handschriften nun erst wirklich zum Gemeingut der gesamten 
gelehrten Welt machten. 



Vorwort. IX 

Wie notwendig und verheifiungsvoll eine sorgfältige Behandlung 
dieser und anderer Phasen in der Entwicklung der Philologie auch 
ist, so fehlt es doch fast ganz an Einzeluntersuchungen und vor allem 
an zusammenfassenden Darstellungen, die von der angedeuteten Auf- 
fassung getragen wären. Dem vorzüglichen Buche von R. Sabbadini, 
Le scoperte dei codici latini e greci ne' secoli XIV e XV, Florenz 1905, 
kann leider noch nichts ähnliches für die anderen Epochen an die 
Seite gestellt werden. 

Der Mangel ist um so bedauerlicher und verwunderlichen als 
derartige Untersuchungen auch nach einer anderen Richtung hin 
reichen Ertrag versprechen, wenn sie mit eingehenden Forschungen 
Aber die von den Gelehrten benutzten Bibliotheken und 
Handschriften verbunden werden. 

Die bibliotheksgeschichtliche Forschung muß in erster Linie 
dahin streben — wenn es auch nicht ihr einziges und höchstes Ziel 
ist — ein Bild davon zu erhalten, was während des Mittelalters in 
den Bacbersammlungen vorhanden war und was aus ihnen auf uns 
gekommen ist. Die Haupthilfsmittel sind ohne Frage die mittelalter- 
lichen und, sofern sie mit hinreichender Sorgfalt gearbeitet sind, die 
modernen Bibliothekskataloge. Freilich ist hiermit allein nur in den 
wenigsten Fällen eine vollständige Rekonstruktion der alten Samm- 
lungen möglich, da einerseits viele der früher vorhandenen Codices 
vernichtet und andere in ihrer Herkunft nicht zu erkennen sind. 
Besonders aber deshalb, weil sich nur von einer Minderheit der 
Bibliotheken Verzeichnisse erhalten haben und die überlieferten ja auch 
immer nur den Bestand, wie er an einem bestimmten Zeitpunkte 
war, widerspiegeln. Will man mehr von dem einstigen Besitze er- 
fahren, so darf man den Umweg über die Gelehrtengeschichte nicht 
scheuen und mufi sich fragen : 

Was haben Forscher vergangener Zeiten von den mittel- 
alterlichen Bibliotheken gewußt, welche Handschriften 
haben sie gekannt und benutzt? 

Das Material zur Beantwortung dieser Frage ist reicher, als man 
von vornherein anzunehmen geneigt ist Es liegt zumeist in den 



X Vorwort. 

Briefen der Gelehrten und in den von ihnen veranstalteten Ausgaben 
und ähnlichen Arbeiten verborgen. Die Mühe, die mit der Bewäl- 
tigung des großen und nicht immer leicht zugänglichen Stoffes ver- 
bunden ist, wird durch die Ergebnisse der Forschungen vollauf be- 
lohnt; ja, hie und da wird man auf Texte und Tatsachen geführt, 
die in der modernen Wissenschaft keine Berücksichtigung gefunden 
haben und zu denen nur diese Art planvollen Zufalles führen kann. 

Für die eigentliche Geschichte der Bibliotheken ist es natürlich 
von hervorragendem Werte, wenn man feststellen kann, wann und 
von wem sie entdeckt sind, und welche Rolle ihre Handschriften in 
der Geschichte der Wissenschaft gespielt haben. Wenn, wie es sehr 
häufig der Fall ist, Handschriften einer mittelalterlichen Sammlung 
über mehrere oft ganz entlegene moderne Bibliotheken verstreut sind, 
ohne dafi man Zeit und Umstände der Zersprengung kennt, so ver- 
mag eine sorgsame Betrachtung der Humanistenbesuche auch zur 
Aufhellung dieses Dunkels zu dienen. Denn einmal reden die Be- 
nutzer selbst schon zuweilen von den Schicksalen der Bibliotheken, 
sie wissen von Feuersbrünsten, Plünderungen in Krieg und Frieden 
durch Fürsten, Soldaten, gewissenlose Gelehrte u. a. zu erzählen. 
— Allerdings hat man es hierbei häufig mit Übertreibungen, leeren 
Gerüchten und böswilligen Entstellungen zu tun, aber immerhin be- 
kommt man oft die Richtung angewiesen, in der man mit Erfolg 
forschen kann. — Andererseits kann man, wenn man die Angaben 
nach der Zeit der Benutzung der einzelnen Handschriften ordnet, aus 
dieser Liste zum mindesten Schlüsse darauf ziehen, wann die Samm- 
lungen im Ganzen und Großen noch unversehrt am alten Orte waren 
und in welchen Zeitraum die großen Veriuste und Verschiebungen 
fallen. 

Läßt sich das Wie und Wann der Krisis nicht genau in Erfah- 
rung bringen, so darf man dennoch nicht versäumen, von den Schick- 
salen der einzelnen Codices so viel als möglich und namentlich ihren 
endgültigen Verbleib zu ermitteln. Auch hierfür sind die Bemerkungen 
der früheren Benutzer wichtige Hilfsmittel. Je genauer und ausführ- 
licher die alten Mitteilungen über die Eigenart der Handschriften 



Vorwort XI 

sind, um so größer ist die Möglichkeit, einen bestimmten Codex, ja 
vielleicht ein ganzes Nest von Codices derselben Herkunft in einer 
neuzeitlichen Bibliothek zu entdecken. 

Nur auf Grund der eben entwickelten Anschauungen dürfte es 
gerechtfertigt erscheinen, wenn im folgenden Franciscus Modius 
eine so ausführliche Darstellung gewidmet wird. Er gehört nicht 
zu denjenigen Männern, deren Bedeutung über ihre Zeit hinaus- 
geht Aber vielleicht ist der unruhige Verlauf seines Lebens und 
die Art seiner philologischen Tätigkeit um so typischer für zahl- 
reiche seiner Zeitgenossen. Und — was das Wichtigste ist — er 
gibt uns die Gelegenheit und Möglichkeit eine große Zahl alter 
Bibliotheken zu durchwandern und ihre Handschriftenbestände zu 
mustern. 

Zum Schlüsse könnte ich manche Bibliothek und manchen 
Mann nennen, von denen mir Förderung meiner Modiusstudien zu- 
teil wurde. Sie mögen, auch wenn sie ihren Namen hier nicht 
finden, meiner hilfsbereiten Dankbarkeit gewiß sein. Nur des größten 
Helfers Name finde hier seinen Platz: LUDWIG TRAUBE. Seinem 
Gedächtnis sei das Buch geweiht! 

Wenn er noch am Leben wäre, würde es mir nicht vergönnt 
sein, meiner dankbaren Gesinnung durch die Widmung Ausdruck zu 
verleihen. Denn, als ich ihm im März des Jahres bei einem jener 
unvergeßlichen Gänge durch seinen Garten erklärte, ihm meine Ar- 
beit darbringen zu wollen, schlug er mir meine Bitte lächelnd ab: er 
könnte keinesfalls die Widmung einer von ihm zuvor beurteilten, in 
seinem eigenen Unternehmen erscheinenden Abhandlung annehmen, 
um so weniger als er sie selbst mit einigen Worten einzuleiten ge- 
dächte. Aller Widerstand war umsonst. Und war es denn wirklich 
nötig, was ich so sehr wünschte? Meine Arbeit war und ist ja auch 
so schon sein eigen. Nicht so sehr deshalb, weil die Anregung zu 
ihr von ihm ausgegangen ist, weil darin nicht wenige Tatsachen 
behandelt werden, auf die er mich aufmerksam gemacht hat, und 
weil manches Stück in seinem gastlichen Hause, in seiner reichen 



XII Vorwort. 

Bibliothek entstanden ist Das Buch gehört ihm in einem höheren 
Sinne, weil es in Liebe mid Verehrung für ihn geschrieben ward, weil 
es in einer gladdichen Zeit innigster Gemeinschaft von Lehrer und 
Schüler erwuchs. 

Nun, wo der große Meister dahingegangen ist, sind alle Gründe 
zu seinem Verbote hinfällig geworden. Nun kann und darf ich nicht 
mehr darauf verzichten, öffentlich es auszusprechen, wieviel ich ihm 
für die vorliegende Arbeit und überhaupt verdanke. 

Des zum Zeugnis steht sein Name vor diesen Blättern, als Ge- 
ständnis und Gelöbnis treuer Liebe, in wehmütiger Erinnerung an 
jene trotz aller bangen Befürchtungen schönen Jahre, da ich Ludwig 
Traubes Schüler sein durfte. 

München, im August 1907. 

Paul Lehmann. 



Inhaltsverzeichnis. 



Seilt 

Vorwort Vn 

I. Franciscus Modius' Leben i 

1. Uteratnr and Qaellen 3 

2. Lebensbesclirelbang^ 5 

3. Beilagen: Aas Modlas' Briefwechsel 29 

IL Modius als Handschriftenforscher 37 

1. Die plillologisclien VerOffentllcliangen 39 

2. Qesclilclite and Eigenart der Forscliangen 48 

3. Die benatzten Handschriften 57 

A. Handschriften aus Kloster- und Stiftsbibliotheken . . 59 

Bamberg 59 — Bonn 60 — Brügge 63 — Fulda 64 — Oem- 
bloux 81 — Heisterbach 83 — Köln 85 — Komburg 103 — 
[Mainz llOJ — Saint-Berün 110 — Si^burg 117 — Ter Doest 
121 — Würzburg 123. 

B. Handschriften einzelner Personen 127 

Franciscus Modius 127 ~ Johannes Posthius 136 — Jacobus 
Susius 138 — Johannes Weidnerus 139. 

C Handschriften unbekannter Herkunft 141 

HL Register 146 

1. Handschriftenverzeichnis 146 

2. Schriftsteuerverzeichnis 148 

3. Personenverzeichnis 149 



1. FRANCISCUS MODIUS' LEBEN. 



QMiteii 11. Untenuch. s. Ut Philologie des MA. 10, 1. 



1. Literatur und Quellen. 

Franciscus Modius ist dasselbe Los in der Geschichte zuteil 
geworden wie vielen anderen Humanisten: vom 17. bis zum 19. Jahr- 
hundert hat man weniger seine wissenschaftlichen Leistungen als 
seine mannigfaltigen äußeren Geschicke behandelt Aber auch diese 
nicht mit der wünschenswerten Genauigkeit und unter übermäßiger 
Bevorzugung des Anekdotenhaften. Die alteren Biographien von 
Miraeus, Adamus, Andreas, Sanderus, Sweertius, Clarmund, Zeltner, 
Foppens u. a. kommen ftlr eine kritische Bearbeitung seiner Lebens- 
geschichte nur noch in geringem Maße in Betracht, die späteren 
dieser Darstellungen am wenigsten, da sie von den früheren sklavisch 
abhängig sind. Neues und im allgemeinen Zuverlässiges haben erst 
die Aufsätze von Anton Ruland im Jahre 1853 gebracht.^ Sie 
haben eine äußerst wichtige Quelle erschlossen: Modius' Original- 
aufzeichnungen aus den Jahren 1581 — 1588 in dem Kodex der Mün- 
chener Hof- und Staatsbibliothek gall. 399. Auf Rulands Forschungen 
beruht im wesentlichen die Monographie von Wilhelm Seibt, die 
1882 zu Frankfurt a. M. erschien,*) eine anmutige Skizze, die das 
kulturhistorisch Interessante in den Vordergrund stellt. Zu bedauern 
ist es jedoch, daß dem Verfasser die neue Tatsachen bietende, treff- 
liche Darstellung entgangen war, die L. Roersch den belgischen 
Gelehrten E. Feys und D. van de Casteele für ihre Histoire d'Ouden- 
bourg*) zur Verfügung gestellt hatte. In neuester Zeit hat sich 



>) Scrapeum XIV 81— 91, 97—108, 113—124 und 129—134; Archiv des histo- 
risdieii Vereins für Unterfranken und Aschaffenburg XII, 2. und 3. Heft, S. 1—57. 
Letztere Arbeit zitiere ich kurz als Archiv. 

') Als zweites Heft der von Seibt herausgegebenen Studien zur Kunst- und 
Kulturgeschichte. 

*) I (Brügge 1873) S. 595—600. 

1* 



4 P. Lehmann, 

schlieSIich der Sohn des genannten Gelehrten, Alfons Roersch, 
mit Modius beschäftigt und über ihn in der Biographie nationale 
publice par Tacadömie royale de Belgique XIV (Brüssel 1897) 
Sp. 921 — 935 eine ganz vorzügliche Arbeit veröffentlicht, die die 
Dürftigkeit des entsprechenden Artikels in der Allgemeinen Deutschen 
Biographie nur allzu deutlich hervortreten läßt 

Wenn ich es trotzdem unternehme, auch Modius' äuSere Schick- 
sale von neuem darzustellen, so geschieht es in der Oberzeugung, 
dafi ohne stete Rücksichtnahme auf das Leben des Gelehrten ein 
Verständnis seiner philologischen Tätigkeit, die im Mittelpunkte der 
folgenden Abhandlung steht, nicht möglich ist, und deshalb, weil ich 
in der Lage bin, ein in manchen Einzelheiten berichtigtes und ver- 
vollständigtes Bild zu entwerfen. Es dürfte nicht zweckmäßig sein, 
das gesamte von mir benutzte Material, das neue Aufschlüsse bot, 
im voraus anzugeben. Nur auf die Hauptgattung der Quellen möchte 
ich schon jetzt hinweisen: auf den Briefwechsel. Von den Dedikations- 
episteln abgesehen, hat man bisher nur den größten Teil der Briefe 
zwischen Modius und Lipsius und die in den „Novantiquae Lectiones" 
wiedergegebenen Stücke berücksichtigt. Die sich gerade in dem 
letztgenannten Werke zeigende Fülle von persönlichen Beziehungen 
hätte die Forscher dazu anregen müssen, nach ferneren Zeugnissen 
der modianischen Korrespondenz zu suchen. Nach und nach ist es 
mir gelungen, folgende bisher nicht benutzte Briefe ausfindig zu 
machen und zu kopieren: 

L 1 Brief an Modius von Justus Lipsius, 7. Januar 1576. 
Original in Stuttgart, kgl. öffentliche Bibliothek, Hist Fol. 603 s? (s. 
Beilage 1). 

II. 75 Briefe von Modius. 

a) 27 an Joachimus Camerarius aus der Zeit vom 22. No- 
vember 1581 bis zum 10. August 1591. Von einem der Briefe» 
30. März 1583, ist das Original verschollen, dafür aber ein zuveriäs- 
siger Abdruck in Th. Crenii animadversiones philologicae et histo- 
ricae IX, Leiden 1701, S. 18 vorhanden. Die übrigen befinden sich 
im Original in München, Hof- und Staatsbibliothek, Coli. Cam. XIX 
115 — 140 (s. Beilage 2 und 3); 141 ist eine Elegie des Modius Ad 
nobUem medicum et cKflrissimunC) vinim ac Dominum D. Joachimum 
J. F. Camerarium de obita Ladovici fratris eius. 



') XXII (1885) S. 46. Ich zitiere fernerhin dieses Werk, wie übUch, als ADB. 



Frandscus Modius' Leben. 5 

b) 43 an Johannes Weidnerus vom 22. Dezember 1580 bis 
zum 6. November 1587. Originale in Stuttgart, kgl. öffentliche Bibliothek, 

HiSt Fol. 603 194, 197| 198, 199, S04, S16, SIT, S18, SSO, SSS, SS4, S99, S44, S47, 
S68, 964, S67, S69, S64, 986, 988, 989, 984, 987, 988, 898, 881, 840, 860, 869, 868, 868, 
868, 889, S76, 408, 404, 411, 499, 488, 441, 466, 948. 

c) 1 an Marcus Welserus vom 19. April 1592. Ab- 
schrift in Basel, UniversitätsbibUothek, G« I 22 fol. 108 (s. Bei- 
lage 4). 

d) 1 an Hubertus Giphanius vom 22. August 1593, Ab- 
schrift in Basel, G» 118 fol. 112 sq. 

e) 1 an Conradus Rittershusius ohne Datum. Original 
in Hamburg, Stadtbibliothek, Supellex Epist. Uffenb. et Wolf. XLVI 
no. 222. 

f und g) Je 1 an Vitus Cresperus vom 1. Oktober 1591, 
und an einen Ungenannten (Videnveltius?); beide aus den 
Originalen der Dorpater Universitätsbibliothek herausgegeben von 
Freytag, Virorum doctorum epistolae selectae, Leipzig 1831, S. 188 ff. 

h) 1 an Rochus Veldius (van Velde) vom 17. März 1592; 
vom Empfänger in Abschrift dem Johannes Weidnerus mitgeteilt, 
Stuttgart, kgl. öffenüiche BibUothek, Hist. Fol. 603868. 

Meine besondere Aufgabe gestattet es mir nicht, diese Doku- 
mente an dieser Stelle vollständig wiederzugeben. Ich muß mich 
darauf beschränken, einzelne Stellen mitzuteilen und nur vier mir be- 
sonders interessant erscheinende Stücke als Beilagen zu veröffent- 
lichen. 

Vermutlich wird sich in den holländischen und belgischen Biblio- 
theken noch einzelnes finden lassen. 



2. Lebensbeschreibung« 

Frandscus Modius wurde am 4. August 1556 in Aldenburg 
(Oudenbourg) bei Brügge als Sohn vornehmer und begüterter Eltern 
geboren.*) 

Nach A. Roersch wäre sein eigentlicher Familienname de Maulde 
gewesen; ich halte es jedoch für angebracht, in meiner gesamten 



1) Ich schicke voraus, dafi ich für die von den genannten Biographen bei- 
gebrachten Daten, soweit sie richtig sind, die Quellenbelege nicht anführe. 



6 P. Lehmaan, 

Darstellung die lateinische Namensform zu gebrauchen, da nur sie 
in den mir bekannten Dokumenten vorkommt. Es ist ja möglich, 
daß er sich im privaten Leben de Maulde nannte und nennen liefi, 
sobald der Gebrauch der lateinischen Sprache aufhörte; jedenfalls er- 
scheint er aber in seiner gelehrten Tätigkeit, die uns hier vorzaglich 
beschäftigt, als Modius, meist mit dem Zusätze Brugensis, da er 
BrOgge recht eigentlich als seine Heimat betrachtete. Ober seine 
Familienangehörigen ist wenig bekannt; der Eltern, die schon früh- 
zeitig gestorben zu sein scheinen, gedenkt er niemals; ein einziges 
Mal erwähnt er einen Bruder.*) Von anderen propinqul et cognatt 
führt er vier Männer an, die sich teils als Gelehrte oder Dichter, 
teils als Staatsmänner und Juristen einen Namen gemacht haben: 

Adeodatus und Aeneas Marivorda,') Jodocus Damhouderius,^) 
Amoldus Barzius^) und besonders häufig den als Gräzisten bekannten 
Franciscus Nansius.«) Zu diesem, der 1565 — 1584 Brügger Senator 
gewesen ist, hat Modius stets in einem besonders nahen Verhältnisse 
gestanden. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er sein Patenkind und 
später sein Mündel gewesen ist, wandte man sich doch 1578, um 
Schulden einzutreiben, die Modius auf der Universität gemacht hatte, 
mit der Begründung an Nansius: Cuiusnam potius fidem atqae 
auxUium in hoc molestissimo amki casu implorem quam eins qui 



1) Oberhaupt darfte es zweckmäfiig sein, sich bei sämtlichen Gelehrten des 
15. bis 17. Jahrhunderts der latinisierten Namen zu bedienen, falls sich nicht anders- 
sprachliche Namen eingebürgert haben. In sehr vielen Fällen ist die ursprüngliche 
Form gar nicht zu ermitteln, in anderen weicht sie so sehr von der latinisierten 
oder gräzisierten ab, daß man oft im ünidaren darüber sein würde, wer denn 
eigenüich gemeint ist. Gewifi war es eine Unsitte, den ererbten Namen auf- 
zugeben; aber ist diese Unsitte nicht für die Leute charakteristisch? 

*) In dem bisher unbeachtet gebliebenen Briefe an Camerarius vom 30. März 
1583, Crenii Animadversiones philologicae et historicae IX 18: ... valde me angit 
quod toto fere anno nihil a fratre saltem verborum accipio metuoque in tanta 
mutatione et perfidia VaUomun omnia, 

') In der Neustetter gewidmeten Gedichtsammlung finden sich zwei Gedichte 
(S. 78 und 134), in denen Modius die beiden .cognati* feiert Ober Adeodatus M. 
vgl A. Sanderus, De Brugensibus fama eruditlonis daris, Antwerpen 1624, S. 9 1 

*) Namhafter Jurist (1507—1581); van der Aa, Biogr. Wordenboek IV (1858) 
S. 39-41 und ADB. IV (1876) S. 716 f. 

•) Senator von Brügge (1554—1629). Biographie nationale de Belgique I 
(1866) Sp. 630 f. Modius erwähnt die Verwandtschaft mit ihnen in der Vorrede zu 
seiner Ausgabe von Damhouderi patrocinium pupillorum, Frankfurt 1586. 

•) 1525—1595; van der Aa a. a. O. XIU (1867) S. 65—70 und Biographie 
nationale de Belgique XV (1899) Sp. 425 fi 




Franciscns Modlus' Leben. 7 

üt audio ilU [sc. Modio] iatn inde a principio carator est datus?^) — 
Eine fernere Vermutung liegt nahe, nämlich die, dafi Modius hier im 
Hause seines Vormundes die erste Anregung zu eingehender Be- 
schäftigung mit der antiken Literatur empfing. Aus den Brügger 
Jugendjahren wissen wir sonst nur, daß vermutlich Johannes Masius, 
Hubertus Busserius und bestimmt Andreas Hoius seuie Lehrer ge- 
wesen sind, von denen nur der letztgenannte weiteren Kreisen als 
tüchtiger Philologe und Poet bekannt ist*) 

Der Sitte vornehmer Geschlechter entsprechend, wurde Modius 
fOr die juristische Laufbahn bestimmt und, damit er sich hierfür 
vorbereite, etwa 1570 auf die Universität Douai geschickt Nach 
seinem eigenen Zeugnisse') waren hier Johannes Vendivilius,^) Ha- 
drianus Peussius^) und Boetius Epo^) seine Hauptlehren Schon im 
Jahre 1573 errang er, der 17jährige Jüngling, die Würde eines Dok- 
tors beider Rechte. Bis 1575 scheint er in Douai geblieben zu sein. 
Dann wandte er seine Schritte nach Löwen. Zwar setzte er auch 
hier seine Rechtsstudien fort und hörte bei den juristischen Dozenten 
Elbertus Leoninus,^ Johannes Wamesius, *) Petrus PecWus,») Johannes 
Ramus^^O u. a. Daneben aber besuchte er auch die Vorlesungen des 
Philologen Cornelius Valerius.^^) 

Schon aus dieser einen Tatsache kann man ersehen, dafi Modius' 
wissenschaftliche Bestrebungen eine gewisse Erweiterung erfahren 
hatten. Was aber führte ihn zur Philologie? 

Eine genaue Antwort würde, auch wenn das Material weniger 
lückenhaft wäre, kaum gegeben werden können. Denn es waren 
wohl hauptsächlich allgemeine Kulturverhaltnisse, die bestimmend auf 
Modius einwirkten. Das juristische Studium des 16. Jahrhunderts 
war noch nicht so ausschliefilich Fachstudium, dafi seine Verbindung 



Crenii animadversiones etc. V 152. Der Brief wird auf S. 12 genauer be- 
sprochen. 

*) 1551—1631; vgl. van der Aa Vm (1867) S. 475 if. 

^ Vgl. die Vorrede zum Patrodnium pupillorum, Frankfurt 1576, in der er 
auch seine LOwener Lehrer nennt 

^ 1527—1592; Jöcher, Allgem. Gdehrtenlezikon, IV 1511. 

*) Ober Penssins habe idi nichts ermittelt 

•) 1529—1599; van der Aa V (1659) S. 184 ff. 

') 1519-1598; Biographie nationale de BelgiqueV (1887) Sp. 1591—1598. 

•) 1524-1590; Jöcber IV 1807 f. 

•) 1529-1589; van der Aa XV (1872) S. 147 f. 

>•) 1535—1578; Biographie nationale de Belgique XVIII (1905) Sp. 652 ff. 

") 1512—1578; ADB. XXXK (1895) S. 469 f. 



g P. Lehmann, 

mit der klassischen Philologie seltsam erscheinen könnte. Im Gegen- 
teil kann man die Beobachtung machen, daß nicht wenige der be- 
deutendsten Rechtsgelehrten zugleich auch tüchtige Kenner und Er- 
forscher des griechisch-römischen Altertums gewesen sind. Es lag 
ganz in der Natur der Sache, dafi die Lektüre und Interpretation des 
römischen Rechtes nicht selten zu eingehender Besch^gung auch 
mit der übrigen antiken, namentlich der römischen Literatur führte. 

Und nun bedenke man weiterhin, dafi, als Modius seine Aus- 
bildung genofi, gerade sein Vateriand der Hauptsitz der europäischen 
Philologie überhaupt wurde, dafi gerade damals Stätten wie Löwen 
und Leiden ihren Glanz ausstrahlten. Will man aber einzelne Per- 
sonen nennen, die Modius in die Philologie einführten, so ist neben 
Franciscus Nansius, Ludovicus Carrio,0 Victor Giselinus*) und Janus 
Lemutius,') die, ebenfalls aus Brügge gebürtig, schon jetzt als seine 
Freunde erscheinen, vor allem Justus Lipsius^) anzuführen. 

Die Bekanntschaft mit dem damals bereits anerkannten Meister 
ist für Modius' wissenschaftliche Entwicklung so bedeutungsvoll ge- 
worden, daß es von Wert ist, sie bis in ihre Anfänge zu verfolgen, 
zumal sich dafür neues Material heranziehen läfit, das eine genauere 
Auslegung des schon früher bekannten ermöglicht — Das älteste 
Zeugnis ihres Verkehres dürfte der in den »Quaestiones Epistolicae*, 
Antwerpen 1577,*^) gedruckte Brief von Lipsius an Modius sein. Das 
Original ist allerdings, wie es scheint, nicht erhalten, und es ist da- 
her nicht feststellbar, welche Veränderungen sich Lipsius bei der 
Herausgabe eriaubt hat Aber es ist gewiß, dafi die berichteten Tat- 
sachen nicht fingiert sind. Leider ist das Schriftstück undatiert Eine 
gewisse zeitliche Festlegung ist dadurch möglich, dafi der Druck der 
„Quaestiones" am 13. Juli 1576 vom Zensor genehmigt, das Werk 
also schon vor diesem Termine abgeschlossen gewesen ist. Ich kann 



1) 1547—1595; Biographie nationale de Belgique HI (1872) Sp. 352-^7 
und unten öfters. 

«) 1543-1591; a. a. O. VH (1883) Sp. 787-792. 

•) 1545—1619; a. a. O. XI (1891) Sp. 631-638. 

«) Leider mufi man noch immer mit F. Növe, Memoire historique et litdraire 
8ur le Coline des trois langues ä V universit^ de Louvain, BrQssel 1856, S. 167 
sagen: La place est encore ouverte dans ies annales des lettres ä qui dira an 
jour ce que fut Juste Lipse, et ce que vaut sa prodigieuse renommie. Vorläufig 
benutze man namentlich den Artikel in der Biographie nationale de Belgique Xn 
(1893) Sp. 239-290. 

•) Lib. m ep. Xü. 



Franciscus Modius' Leben. g 

deshalb den Brief keineswegs, wie Roerscb,^) in das Jahr 1577 
setzen, denke ihn mir sogar schon Ende 1575*) geschrieben und 
zwar auf Lipsius' Landgute in Oveiyssche. Besonders deshalb, weil 
aus den Anfangssätzen: Mihi vero, Modi, et salus a te grata fuU 
nässa per Giselinum et gratiores nuperae litterae, non soüim amanter, 
sed etiam liberaliter scriptae. Itaque cum antea ex sermonibus 
Carrionis düigerem te, nunc coepi etiam amare primam, quia amari 
me sentio a te, hervorgehen dürfte, daß die beiden Männer bei der 
Abfassung des Briefes noch nicht persönlich miteinander bekannt 
waren. Daß dies aber bereits im Januar 1576 der Fall war, zeigt 
die Einladung zu Lipsius' Doktorschmause, Löwen 7. Januar 1576, 
deren Wortlaut ich in den Beilagen aus Modius' Briefwechsel 
mitteile. 

Um die Situation zu verstehen, vergegenwärtige man sich, daß 
Lipsius in den letzten Monaten des Jahres 1575 durch die Kriegs- 
unruhen gezwungen wurde, sich nach Löwen zu flüchten, wo er dann 
schon im Januar des folgenden Jahres die Würde eines iuris utrius- 
que licentiatus errang.') 

Ein fernerer in den »Epistolicae Quaestiones"*) enthaltener 
Brief an Modius und einer an Nansius,<^) in dem sich Lipsius sehr 
günstig über Modius ausspricht, fallen einige Zeit später; sie zeigen 
uns Modius schon in intimem Verkehr mit Lipsius; ebenso die um- 
^greiche lateinische Elegie, die Modius für die »Epistolicae Quae- 
stiones" dichtete. Ich weise aus dem Grunde nachdrücklich auf 
diese hin, weil er mit ihr zum ersten Male als Dichter an die Öffent- 
lichkeit trat.«) 

Die Tatsache, daß die beiden Männer seit 1575 in brieflicher 
und dann in persönlicher Verbindung standen, sagt schon für sich 
allein genug, aber wir erfahren noch Genaueres, nämlich daß es 
weniger juristische als philologische Arbeiten waren, die sie zusammen- 
führten. Aus dem an erster Stelle besprochenen Briefe erhellt, daß 

>) A. a. O. 92L 

*) Auch die Wendung ignosce novo marito spricht für einen früheren Zeit- 
punkt, da sich Lipsius im Jahre 1574 mit Anna van den Colster vermähh hatte. 

*) Vgl. Ch. Nisard, Le triumvirat litt^raire au XVIe siöde, Paris 1852, S. 36. 
Ganz genaue Daten habe ich aber weder hier noch in anderen Arbeiten über diese 
Zeit des Lipsius finden können. 

*) Üb. V ep. XIV. 

•) Lib. n ep. Xü. 

•) Epist. Quaest lib. III ep. V erwfihnt Lipsius Modius' dichterische Tätigkeit: 
die Lemutio, die Modio HendecasyUabos parent. 



10 P- Lehmann, 

Modius an Lipsius über seine Beschäftigung mit den römischen Bu- 
kolikem Calpumius und Nemesianus Bericht erstattet, vielleicht ge- 
radezu Proben seiner Arbeit zur Beurteilung eingeschickt hatte. Da 
nun erhielt er (Ende 1575) die ermutigende Antwort: 

De Nemesiano et Calpamlo ego vero non probo solum^ sed 
hortor et suadeo. Et non sunt Uli maxlmi censas scriptores, fateor, 
sed Sit hoc, Modi, primordium et quasi praecenüo maioris Masae. 

Und zwar sind es, was im Hinblick auf Modius' spätere Ent- 
wicklung interessant ist, textkritische Versuche gewesen; schrieb doch 
Carrio in den 1576 erschienenen ,,Antiquarum lectionum commen- 
tarii'':^ [OilpumUtrn\ proximum una cum M. Aurelio Nemesiano 
multis mendis purgatum et elegantibus scholiis illustratum noster 
Modius elegantissimi ingenii iuvenis et novem sororibus valde 
amicus brevi in lucem dabit. Daß sich Modius auch in der Zukunft 
viel mit den genannten lateinischen Autoren beschäftigte, seinen Plan 
einer Ausgabe aber nie zur AusfOhrung brachte, werde ich an anderer 
Stelle berichten. 

Das Zusammensein von Lipsius und Modius in Löwen war 
nicht von langer Dauer, aber auch in der Trennung brach ihr Ver- 
kehr nicht ab, wie ihre Briefe bezeugen, von denen eine kleine An- 
zahl auf uns gekommen ist.*) 

Modius hing stets mit der größten Verehrung an dem Meister 
und verfehlte keine Gelegenheit, seine Bedeutung hervorzuheben. 
Quid de Modio nostro dicam? in cuius tu ore habitas, qui virtutum 
tuarum apud nos buccinatorem agit liberaUssimum. Is prae gaudio 
gestiens ad me venit, tuasque ostendit mihi doctrina, elegantia et 
humanitate non modo plenas, sed me hercule etiam abundantes be- 
richtete Posthius am 15. Oktober 1582 an Upsius.») Auch dieser 
ließ es seinerseits nicht an Anerkennung fehlen, nicht nur in den 
Briefen an ihn selbst, die ja, der Sitte der Zeit gemäß, etwas ver- 
schwenderisch mit dem Lobe umgehen, sondern auch anderen g^en- 

») Lib. n cap. V. 

*) P. Bunnann hat in seiner »SyUoges epistolarum a viris illustribus scrip- 
tarum" I, Leiden 1727, S. 106—115 drei Briefe des Modius an Lipsius vom 25. Ok- 
tober 1582, 23. März 1583 und I. August 1596, ferner drei des Lipsius an Modius 
vom 11. Dezember 1583, 28. August und 30. November 1596 abgedruckt Außer- 
dem finden sich noch in .Lipsii epistolarum selectarum chiiias*, Leiden 1615^ 
S. 405—408 zwei Briefe an Modius vom 5. August 1582 und 25. Januar 1595. 
Schließlich kommen auch die vier undatierten Briefe in den Nov. Lect. no. 3, 30, 58 
und 99 in Betracht 

*) Burmann a. a. 0. 1 106. 



Frandscus Modius' Leben. H 

über. So mahnte er am 6. Oktober 1582») in folgenden Worten 
Godescalcus Steewechius,*) Modius' Vegetiusausgabe nicht mifi- 
gttnstig zu beurteilen: 

De Modlo, certe amicus ei sunt. {Ingenium et adolescens eius 
virtus Ua merentur.) ac valde auctor tibi, sie rem in scriptis tuis 
temperes, ut ne qua parte eum out stringas aut laedas. Laedas 
autem? Laudes imo volo. Ita de illo ipso Vegetio meruit: et 
sepone mihi, sodes, omnes istas aemulatiunculas, quae intercurrunt 
haec studia mah iure, malo more. 

Bei einer anderen Gelegenheit schrieb er an Lemutius über 
Modius:') Fax aliqua Belgis aliquando ab ingenio illo. 

Modius scheint bis 1577 in Löwen geblieben zu sein, seinen 
Aufenthalt aber durch mehrfache Reisen unterbrochen zu haben, 
deren Ziel die belgischen und holländischen Bibliotheken waren. 
Sein B^leiter war Ludovicus Carrio, damals sein vertrautester Freund, 
in spateren Jahren sein Feind.^) Die Gründe zu der Entfremdung, 
die schon 1582^) zu konstatieren ist, sind nicht ganz klar. An- 
scheinend glaubte Modius, von Carrio hintergangen zu sein und um 
die Früchte seiner mit ihm gemeinsam unternommenen Forschungs- 
reisen betrogen zu werden.*) 

Ober diese Unternehmungen werde ich noch späterhin genauer 
zu sprechen haben; hier erwähne ich nur, dafi sie im Herbste 1577 
die wichtigsten Stätten der Grafschaften Brabant und Namur, sowie 
des Bistumes Lüttich besuchten und dann wahrscheinlich über Brüssel, 
Antwerpen, nach Durchwanderung von Seeland, teils zu Wasser, teils 
zu Lande nach Flandern zurückkehrten. Im Frühjahr 1578 wandte 
sich Modius nach Leiden und liefi sich hier am 19. März in die 
Matrikel der Universität eintragen. Aber schon nach wenigen Mo- 
naten brach er die Studien wieder ab. Wir sind hierüber durch 



1) Epistolanim selectanim chilias, Harderwijk 1618, S. 47. 

«) 1551—1586; van der Aa XVII (1874) S. 1005 f. Steewechius gab Vegetius 
und Frontinus im Jahre 1585 zu Antwerpen neu heraus. 

*) A. a. O. 105. Der Brief trägt ein Datum ohne Jahresangabe Lugd, Bat 
KaL Sextm. 

*) Vgl. unten. 

^ Vgl Upsius' Brief vom 5. August dieses Jahres, Epistolanim selectanim 
centuria prima, Antwerpen 1586, S. 75, in dem er dem Gefühl der Genugtuung 
Ausdruck gibt, dafi Modius endlich Carrios wirkliches Wesen erkannt habe. 

•) Vgl München, Coli. Cam. XDC 120. 



12 P. Lehmann, 

einen bisher von der Forschung übersehenen Brief *) unterrichtet, den 
Janas Dousa*) am 21. August 1578 an Nansius geschrieben hat In 
ihm heißt es, Modius hätte mit Carrio zusammen einige Monate bei 
Janus Hautenus») gewohnt, bis sie beide ganz unerwartet abgereist 
wären, unter dem Versprechen, in etlichen Wochen zurückzukommen 
und dann die Schulden für Wohnung, Kost etc. zu bezahlen. Lange 
Zeit hätten sie gar nichts von sich hören lassen, endlich wäre Carrio 
allein wiedergekommen und hätte gemeldet, in drei Tagen käme 
Modius und brächte das Geld. Voll Vertrauen hätte man ihn mit 
Speise und Trank gelabt und dann ruhig abziehen lassen. Aber 
bald hätte sich herausgestellt, dafi alles eriogen gewesen wäre. DU 
Deaeque quantum est infelicUent hominem ventosissimum omniam 
qui sunt qui fuerunt qui futuri sunt. Modius wäre natürlich weder 
nach jenen drei Tagen noch später gekommen. Nunmehr beabsichtige 
der geprellte Hautenus, nach Brügge zu reisen und Nansius die 
Rechnung seines cognatus Modius zugleich mit dem Verzeichnisse 
der von diesem zurückgelassenen Bücher vorzulegen. Hoffentlich 
käme dann die leidige Angelegenheit zu einem für alle Beteiligten 
ehrenvollen Abschlüsse. Mit anderen Worten, Nansius sollte die 
Summe bezahlen und wird es wohl auch getan haben. 

Wohin Modius vorher seine Schritte gewandt hatte, steht nicht 
fest, vielleicht galt die Reise wieder dem Besuche irgendwelcher 
Bibliotheken. 

Indessen hatten sich die politischen Verhältnisse Belgiens in- 
folge der Verwicklungen mit Spanien so ungünstig gestaltet, dafi 
Modius keine Möglichkeit sah, eine seinen Wünschen entsprechende 
juristische Tätigkeit zu entfalten. Daher fafite er den Entschlufi, sein 
Vaterland zu verfassen. Ob es nun dieser von ihm mehrfach^) an- 
gegebene Grund oder auch persönliche politische Komplikationen 
waren, bleibe dahingestellt. Gewiß ist, dafi er infolge der Unruhen 
dieses und der folgenden Jahre seines anscheinend nicht unbedeutenden 
Erbgutes verlustig ging. 

Wie so viele Niederiänder, fand er in Köln eine Zufluchtsstätte. 
Man hat bisher den Beginn seines Kölner Aufenthaltes in das Jahr 



*) Abgednickt in Crenii animadversiones philologicae et historicae V, Leiden 
1699, S. 149—152. 

•) 1545—1604; van der Aa IV (1858) S. 214—221. 

») 1542—1609; van der Aa VIU (1867) S. 1311—1314. 

*) Z. B. in der Vonede zur Vegiusausgabe von 1579 und zum •Patrodnium 
pupillorum* von 1586. 



Frandscus Mödius' Leben. 13 

1579 gesetzt Wohl mit Unrecht, da die Vorrede der von ihm 1579 
herausgegebenen Gedichte des Maffeo Vegio das Datum trägt: Co- 
loniae Agrippinae, in Ubiis MDLXXIIX a. d. XIV. Kai. Sept. quo 
tempore oUm mstica vinalia Jovi apud Romanos cetebrari con- 
sueverunt. Demnach war Modius bereits seit August 1578 in Köln. 
Die Erwartung, hier Unterkunft zu finden, hatte ihn nicht getäuscht. 
Der gelehrte Jurist Hieronymus Berchemius*) wußte Modius in der 
von ihm geleiteten Hofhaltung des jungen Grafen Karl von Egmont, *) 
eines Sohnes des unglücklichen Helden der Goetheschen Tragödie, 
unterzubringen, ohne ihm besondere Verpflichtungen aufzuerlegen. 
Er konnte ungehindert seinen gelehrten Neigungen nachgehen. Die 
Kölner Zeit war für Modius in mehreren Beziehungen von bleiben- 
dem Werte. Einmal knüpfte sich hier das Band zwischen ihm und 
Egmont, das, solange er lebte, nicht zerrifi. Von nun an war Karl 
von Egmont sein größter und treuester Wohltäter. Weiterhin kam 
Modius hier in einen Kreis von Gelehrten, die gleich ihm mit der 
ErschlieSung der mittelalterlichen Büchersammlungen beschäftigt waren. 
Ich nenne von ihnen nur den allezeit hilfsbereiten Theologen Melchior 
Hittorpius,*) den ausgezeichneten Philologen Janus Gulielmus aus 
Lübeck,*) den Historiker Suffridus Petrus, ^) den hochgebildeten 
Bonner Dechanten Jacobus Campius«) und den Juristen Johannes 
Metellus.^) Dank ihrer Hilfe und Mitarbeit wurde es ihm möglich, 
in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes eine bedeutende Anzahl der 



') Die biographischen Sammelwerke bringen nichts über ihn. Einiges be* 
richtet Bnrmann a. a. O. 626, darnach ist Berchemius 1597 gestorben und ein Kor- 
respondent des Lipsius gewesen. Sein Briefwechsel mit diesem steht a. a. O. 626 
bis 636. Modius nahm drei seiner Briefe an ihn in die Nov. Lect als no. 11, 77 
und 124 auf, machte mehrere Gedichte auf ihn und widmete ihm eine Ausgabe 
des »Lexicon juris Brissonii*. In der Stadtbibliothek Breslau befindet sich als 
Codex graecus 21 eine Handschrift, die einst Berchemius gehört hat 

«) Vgl. Sdbt a. a. 0. 12—14. 

*) Vgl. unten. 

^ 1555—1584; C Bursian, Geschichte der klass. Philologie in Deutschland, 
Manchen und Uipzig 1883, 5.240 f. Modius widmete ihm die Briefe 25, 118 
und 131 der Nov. Lect. sowie mehrere Gedichte. Umgekehrt findet man auch, 
namentlich vor Modius' Ausgaben, Elegien von Gulielmus an Modius. Ober ihre 
Beziehungen vergleiche man femer den ungedruckten Brief von Gulielmus an Ca- 
merarius vom 1& Mal 1582 in München, Coli. Cam. XV 95, femer die Briefe zwischen 
GuUehnus und Suffridus Petrus vom 15. Mal 1582 und 10. Juni 1583 in den Epi- 
stolae daromm virorum ed. Gabbema, Harlingen 1669, S. 422 und 425 f. 

•) 1527—1597; ADB. XXV (1887) S. 539 f. 

•) Vgl. unten. 

1520-1597; NouveUe biographie gto^ale XXXIV (1861) Sp. 225 f. 



14 P. Lehmann, 

in den Bibliotheken Kölns und der Umgebung liegenden Hand- 
schriften zu vergleichen. Er hatte aus der Not eine Tugend ge- 
macht und war mittlerweile aus einem Juristen ein eifriger Philolc^e 
geworden. Die ersten Früchte seiner Tätigkeit waren die Ausgaben 
der Gedichte des Maffeo Vegio und der Geschichtsbücher des Curtius 
Rufus. 

Schon nach einem Jahre aber mufite er Köln verfassen. Die 
Vermögensverhältnisse Egmonts, der ja wie Modius ein Vertriebener 
war, verschlechterten sich nämlich derartig, daß er den Gelehrten 
nicht mehr bei sich beherbergen konnte. Zum Glück fand sich für 
diesen bald eine passende Versorgung: er hatte sich gerade mit dem 
Arzte Johannes Posthius^) angefreundet, der als Begleiter des Bischob 
Julius von Würzburg zu einer Fürstenversammlung nach Köln ge- 
kommen war. Und Posthius lieferte dem bedrängten jungen Freunde 
seinen ersten Freundschaftsbeweis, indem er ihm eine Sekretärstelle 
bei dem hessischen Erbmarschall Adolf Hermann Grafen Riedesel von 
Eisenbach verschaffte. 

So zog denn Modius noch Ende 1579 als dessen Geheim- 
schreiber nach Hessen und Franken, wo Riedesel zahlreiche Be- 
sitzungen hatte. Man hielt sich bald in Würzburg, bald auf den 
hessischen Schlössern auf. Es ist nicht richtig, wenn Seibt*) nur 
von einem Aufenthalte in Würzburg spricht und der Meinung Aus- 
druck gibt, Modius hätte Riedesels hessische Besitzungen erst 1584 
besucht Denn erstens ist die Vorrede zur Vegetiusausgabe Hermanno- 
burgo XII. kalend. Maias CDDLXXX, also auf dem in der Nähe 
von Fulda gelegenen Schlosse >) geschrieben, und zweitens berichtete 
Modius am 23. Juli 1582 seinem Freunde Weidner:«) XV. huUis 
mensis praereptus est mihi morte Adolphus Hermannus Riedeselius,^) 
in cuius contubernio ut nunc D. Decani, in Hassia ante triennium 
aliquamdiu vixL Ober seine Tätigkeit bei Riedesel ist nicht viel zu 
sagen, da sie durch zwei Reisen unterbrochen wurde, die Modius 
noch im Jahre 1580 und dann im Sommer 1581 in die Heimat 

^) 1537—1597. Posthius hat sich durch medizinische Abhandlungen, sowie 
durch lateinische und deutsche Dichtungen bekannt gemacht Vgl. Seibt a. a. O. 
60-63 und ADB. XXVI (1886) S. 473—477 und in meiner Darstellung unten 
an verschiedenen Stellen. 

*) A. a. O. 33 uyl auch 16. 

>) Vgl. Ruland im Archiv 21. 

«) Stuttgart, Hist. Fol. 603 m. 

*) Seinem aufrichtigen Schmerze gab er in mehreren Elegien Ausdrudc. Vgl. 
Ruland im Archiv 13 und 28. 



Franciscus Modius' Leben. 15 

machte, um seine und Egmonts Vennögensverhältnisse zu regeln. 
Die Bemühungen, die ihn bis an die Stände und den Prinzen von 
Oranien führten, waren ziemlich umsonst, nur für Egmont konnte er 
eine Summe Geldes beschaffen. Er selbst hatte von den Reisen 
nichts als Unkosten und grofie Beschwerden, ^) und schliefilich waren 
sie auch begreiflicherweise der Grund, dafi ihm Riedesel seine Stel- 
lung kündigte. 

Da war es wiederum der hochsinnige Arzt und Dichter Posthius, 
der ihm aus der Not half. Er vermittelte ihm die Aufnahme bei 
Erasmus Neustetter, genannt Stürmer, dem als Freund und Gönner 
manches Humanisten bekannten Würzburger und Komburger De- 
chanten.«) Vom 28. Oktober 1581 bis zum 17. September 1584 
wirkte Modius nun bei Neustetter als Sekretär und Bibliothekar bald 
in Würzburg, bald in Komburg. Nicht selten begleitete er seinen 
Patron auch auf Reisen, die ihn nach Frankfurt a. M., )Wesbaden, 
Langenschwalbach, Bamberg, Nürnberg, schliefilich sogar nach Karls- 
bad führten. Wir sind über diese Lebensjahre unseres Gelehrten 
sehr gut unterrichtet durch die Originalaufzeichnungen im Münchener 
Codex Galliens 399,') dann durch den Briefwechsel mit dem Nürn- 
berger Arzte Joachim Camerarius,*) dem Sohne des gelehrten Me- 
lanchthonfreundes, und dem mit dem Rektor von Schwäbisch-Hall 
Johannes Weidnerus.^ Dazu kommen als ergiebige Quellen die da- 
mals entstandenen modianischen Werke. — Selten hatte Modius so 
glückliche Tage erlebt wie hier in Franken. Sein Patron kargte nicht 
mit Geschenken. Und die aus seiner Stellung entspringenden Ob- 
liegenheiten, wie die Führung der Korrespondenz Neustetters, die 
Verwaltung der Komburger Bibliothek, liefien ihm immer noch ge- 
nügend Zeit für eigene Arbeiten. 

Von diesen sind erstens seine lateinischen Gedichte zu nennen, 
von denen 1583 ein Band erschien: 



^) Er beschreibt sie ausführlich in den Nov. Lect Vgl. die daraus ent- 
nommenen kulturhistorisch sehr interessanten Schilderungen bei Seibt a. a. 0. 16—19. 

•) Vgl. über ihn Seibt a. a. O. 56—60; Wegele in der ADB. XXIII (1886) 
S. 557 1 und H. Müller in dem Württemberg. Jahrb. f. Statistik und Landeskunde, 
Jahrg. 1901 S. 27 ff. u. 37 f. 

») Vgl oben S. 3. 

^ VgL oben S. 4. 

•) Vgl. oben S. 5. 



16 P. Lehmaim, 

Francisci Modü Bmgensis paemata ad ampUssimum et sptendi- 
disslmum Erasmum Neastetterum . . . Wirtzebargi, ex officina 
Henrici Aquensis, EpiscopaUs typographi. M. D. L XXXIII . 8». ») 

Man kann nicht sagen, daß sich Modius darin über den Durch- 
schnitt der neulateinischen Poeten des 16. Jahriiunderts eriiöbe. Wohl 
findet man hie und da einzelne Proben echt poetischer Gestaltungs- 
kraft und Anschaulichkeit, aber im allgemeinen beruht der Wert des 
Bändchens auf dem, was es für die Kenntnis des Neustetterschen 
Kreises bietet Meistenteils sind die Gedichte an bestimmte Personen 
gerichtet Aufier Neustetter begegnen uns da Julius von Würzburg, 
Johannes Posthius, Joachimus und Philippus Camerarius, Nicolaus 
Reusnerus, Johannes Weidnerus, Conradus Leius, Paulus Melissus, 
Martinus Crusius sowie die kölnischen und belgischen Freunde. 

In demselben Jahre entstand außerdem: 

Francisci Atodii Hodoeporicum Francicum seu Thermae Caro- 

linae Wirtzeburgi, ex officina Henrici Aquensis, EpiscopaUs 

typographi. 1583. &<>, *) worin Modius eine anschauliche, kultur- 
historisch sehr wertvolle Beschreibung der von ihm als Begleiter 
Neustetters unternommenen Reise nach Karlsbad gibt 

Und schließlich fällt in diese Jahre auch die VeröffenÜichung 
zweier an anderer Stelle genauer zu besprechenden Arbeiten, von 
denen die erste, eine Ausgabe der Epitome des Justinus, Köbi 1582, 
wohl schon länger vorher abgeschlossen war. Die zweite ist das 
Buch, das vornehmlich Modius' Ruf begründet hat: Die Novantiquae 
Lectiones, Frankfurt 1584.») 

Trotz aller Annehmlichkeiten und Vorteile, die die Verbindung 
mit Neustetter bot, entschloß sich Modius im Sommer 1584, sie zu 
lösen. Die Gründe, die ihn zu diesem auffälligen Schritte bewogen, 
liegen nicht ganz klar zutage. Es scheint Verschiedenes zusammen- 
gekommen zu sein. Wir sehen aus seinen Briefen, wie der Ent- 
schluß allmählich reifte. 

Am 2. Juli 1584 äußerte er Camerarius gegenüber:*) 

Dein quod inter nos sit, sunt mihi parandae novae quoque 
amicitiae aiä potius patrocinia, ut si forte Neustetterus, quo iam 
nescio quomodo {et suspicor satietate consuetudinis meae) non satis 
aequo et benivolo utor, suo me excludat habeam, quorum com- 



1) Man vergleiche Seibt a. a. O. 26 ff. 

') Näheres darüber bei Ruland im Archiv 10 und an vielen anderen Stellen. 

•) Ich zitiere es gekürzt Nov. Lect 

*) München, Coli. Cam. XIX 127. 



Franciscus Modius' Leben. 17 

mendatione ad alios possim pervenire. Und mit erwachender Reise- 
lust fuhr er fort: et aüoqiü Opturem, sane daret se occasio, ut out 
kuius viri [sc. Erici Volcmari BerlipsU\^) out tua alteriusve opera 
occasionem nancisci passem Italiam videndl: sie tarnen, ut, si ratio 
pateretur, prius Bavariam obiter et Saxoniam quoque perlustrare 
caperem .... Omnino videtar dia inter D. Patronum et me con- 
venire non posse, faciam tamen omnia, ut aut maneam aut, quod 
malm, certe cum bona gratia ab eo discedam. 

Ausschlaggebend scheint aber weniger Modius' Veruneinigung 
mit Neustetter als sein schlechter Gesundheitszustand und der Wunsch 
nach Rflckkehr in die Heimat und nach Ordnung der dortigen Be- 
sitzverhaltnisse gewesen zu sein. Ich kann für diese Beweggründe 
zwei Stellen aus Briefen an Weidner vom 11. Juli und 27. August 
1584 >) anführen: 

Quod igitur ad me attinet, valetudine utor non nimis firma 
et talis, ut in posterum vitae rationes mihi mutandas putem. In 
den folgenden Zeilen bespricht er die politischen Verhältnisse in 
Belgien s) und die Notwendigkeit, in Bälde zurückzukehren, um zu 
retten, was zu retten möglich wäre. Res non videntur rationesque 
aestimationis meae, ut perpetuo in his regionibus agam. Und am 
27. August: Nonne faltare, quod has regiones relinquo, quod sponte 
non coactus facio^ et cum bona gratia domini Patroni mei ac, ut 
spero, etiam meo, certe vcUetudinis meae, non incommodo. Das an- 
gebliche Fortbestehen der Neustetterschen Gunst äußerte sich in dem 
Geschenke von 100 Talern, das dem scheidenden Modius gemacht 
wurde. Meinem Gefühle nach entsprang der Entschluß zu dieser 
Gabe mehr aus vornehmer als aus freundschaftlicher Gesinnung. 
Jedenfalls hörte seitdem das alte gute Verhältnis auf; am 22. Sep- 
tember 1585 klagte Modius,^) man hätte ihn bei Neustetter zu ver- 
dächtigen gewußt, und, erbost über dessen Leichtgläubigkeit, fügte 
er hinzu: 

Erit mihi idem documento, ne quid in posterum tam inconsi- 
deranter faciam, quam soleo hactenus laudando nimis plenis buccis 
ingenia tam mutabilia. Wohl gelang es Camerarius' Bemühungen, 



<) Vgl Ruland im Archiv 41. 

*) Stuttgart, Hist Fol. 603 tst und tst. 

*) Ober Politik wird überhaupt viel in seiner Korrespondenz geredet Es 
itt nicht ohne Interesse, den Eindruck zu beobachten, den die Nachrichten von 
irgendwelchen Tagesereignissen auf ihn und seine Freunde machen. 

*) München, Coli. Cam. XIX 132. 
QueUeo a. Untersuch, i. Ut PbUologie des MA. m, 1. 2 



18 P- Lehmaim, 

die Beziehungen etwas zu bessern, ^ die frühere Freundschaft aber 
konnte nie wiederhergestellt werden. 

Modius wandte sich zuerst nach Frankfurt a. M., von da aus 
nach Fulda, wo er die letzten Monate des Jahres 1584 in der Biblio- 
thek der Benediktinerabtei arbeitete. Dann besuchte er Posthius in 
Würzburg. Erst nachdem er sich noch bis zum Frühling 1585 in 
Frankfurt aufgehalten hatte, reiste er, von einem Diener begleitet, 
über Köln, Aachen, Lüttich, Namur u. s. w. nach Brügge. Da er 
jedoch derartig schlechte Zustände vorfand, dafi auf Wiedergewinn 
des väterlichen Besitzes keine Aussicht war,*) begab er sich noch im 
Juli desselben Jahres unter mancherlei Fährlichkeiten nach Frankfurt 
zurück. Durch die Not gezwungen, bemühte er sich nun ernstlich 
um Verdienst und fand ihn dadurch, dafi er bei Sigmund Feyer- 
abend') eine Korrektorstelle annahm. Bis zum September wohnte 
er bei Heinrich Thack, der mit Peter Fischer zusammen nicht selten 
als Feyerabends Sozius auf den Titelblättern erscheint, dann vom 
22. September 1585 bis Ostern 1587 bei Feyerabend selbst, der ihm 
freien Tisch gewährte und außerdem wöchentlich einen Gulden, 
später zwei Taler für seine Person und einen Gulden für seinen 
Diener zahlte. Nachdem der Kontrakt mit Feyerabend abgelaufen 
war, zog er zu Johann Wechel, bei dem er gegen Zahlung einer im 
Enchiridion nicht genannten Summe Wohnung fand. 

Die Buchdrucker des 16. Jahrhunderts waren häufig selbst ge- 
lehrte Leute, zumeist waren es jedoch ihre Korrektoren, die den Of- 
fizinen Glanz und Ruhm verliehen.^) Die Korrektoren besorgten 
nicht nur die letzte Herrichtung und die Überwachung des Druckes, 
sondern gaben auch manche eigenen literarischen Arbeiten zum 
Drucke her. Besondere Bedeutung gewannen sie als Bearbeiter und 
Herausgeber antiker und patristischer Texte. Ihre Stellung den Ver- 
legern gegenüber war meist ziemlich unfrei: der Druckherr scheute 
sich nicht, Werke unter seinem Namen aus der Presse gehen zu 
lassen, ohne der vom Konektor geleisteten selbständigen Arbeit auch 



») Vgl. München, Coli. Cam. XIX 131. Dem Datum (25. November) nach ist 
der Brief falsch eingeordnet. 

«) Vgl. Beilage 3. 

*) Vgl. über ihn die wertvolle Biographie von H. Pallmann, Frankfurt a.M. 1881. 

*) Man erinnere sich der Tätigkeit eines Beatus Rhenanus, Johannes Si- 
chardus, Sigismundus Gelenius u. a. in Basel. Im allgemeinen vergleiche man ttber 
die Korrektorenverhältnisse F. Knapp, Geschichte des deutschen Buchhandels, Leipzig 
1886, S. 317-323. 



Franciscus Modius' Leben. 19 

nur mit einem Worte zu gedenken, und außerdem behielt er sich, 
wie begreiflich, einen grofien Einflufi auf die Wahl der Veröffent- 
lichungen vor. 

Auch Modius mufite diese Nachteile der Korrektorenstellung Er- 
dulden. 

Anfangs plante er eine Reihe von Ausgaben lateinischer Schriften, 
des Serviuskommentares zu Virgil, der Etymologiae des Isidorus und 
der Nuptiae Philologiae des Martianus Capella, der Briefe des Si- 
donius Apollinaris, Symmachus, Ennodius, Ivo u. a.^ Jedoch ist 
auch nicht eine einzige dieser Arbeiten zustande gekommen, weder 
damals in Frankfurt noch später anderswo. Allerdings heifit es in 
einem Briefe vom 10. August 1586:«) Reverendissimo Domino Neu- 

stettero dedicavi Sidoniam Apollinarem, qui Parisüs cum 

notis meis cuditur und am 11. Oktober desselben Jahres: Sidorüus, 
quem ipsius [sc. Neustetteri\ dignitati inscripsi quique Parisiis ex- 
cuditur, nondum allatus est Da aber die Nachforschungen in den 
einschlägigen Handbüchern und in vielen Bißliotheken das Vorhanden- 
sein dieser Ausgabe nicht ergeben haben, glaube ich, dafi sie über- 
haupt nicht erschienen ist Es sind nur zwei philologische Publi- 
kationen des Modius zu nennen, die bei Feyerabend erschienen sind, 
die Ausgaben des Justinus von 1587 und des Livius von 1588. 
Letztere wurde erst, nachdem Modius sein Verhältnis zu dem Drucker 
gelöst hatte, fertig. 

Feyerabend glaubte wahrscheinlich, mit anderen Sachen mehr 
Geld verdienen zu können. Er ließ Modius daher eine Reihe großer 
juristischer Werke neu bearbeiten und einige kulturhistorische Samm- 
lungen herstellen, zu denen Amman die Holzschnitte beisteuerte. 
Man muß sagen, daß Modius diesen Wünschen mit großem Eifer 
nachgekommen ist Z. B. die „Pandectae triumphales'' stellen eine 
ungeheuere Arbeitsleistung dar; wir sehen aus den Briefen, wie 
Modius immerfort bemüht war, Material zu sammeln, und nicht das 
geringste Zeugnis seines Fleißes ist die in dem Enchiridion stehende 
Liste») der für die Pandectae herangezogenen Bücher, unter denen 
sich auch einzelne Handschriften befinden. 

Mit der Bearbeitung der juristischen Werke begab sich Modius 
auf ein Gebiet, das ihm ja aus seiner früheren Zeit gut bekannt war. 



') Vgl Beilage 3. 

*) München, CoU. Cam. XIX 136. 

*) Abgednickt von Ruland im Serapeum XIV 117—123. 

2* 



20 P« Lehmann, 

In den Vorreden spricht er mehrfach geradezu von einer Rackkehr zu 
seinem eigentlichen Fach. 

Der selbstständige Wert, den diese Frankfurter Veröffentlichungen 
heute besitzen, ist so gering, dafi ich darauf verzichten kann, sie 
sämtlich genau zu beschreiben und zu besprechen. Zum Teil ist 
das von früheren Forschem mit der nötigen Sorgfalt getan. Ich be- 
schränke mich darauf, in Kürze die Titel anzugeben. Wenn ich 
einige Werke mehr nennen kann als Ruland, Seibt, Roersch u. a., 
so danke ich es besonders der Genauigkeit, mit der Modius in 
seinem Tagebuch*) die Geschenke notierte, die er von Veriegem 
und anderen Personen für Herstellung und Widmung erhielt Aus 
diesen Notizen läßt sich entnehmen, daß man Modius auch dann 
zuweilen als den wirklichen Bearbeiter und Herausgeber ansehen 
muß, wenn sein Name im Drucke nirgends genannt wird und der 
Verleger selbst als Dedikator erscheint Diese Tatsache entspricht 
völlig dem oben flüchtig geschilderten Verhältnisse von Druckherr 
und Korrektor überhaupt Und in diesem besonderen Falle ist es 
schon an sich unwahrscheinlich, daß der recht wenig gebildete 
Feyerabend die gewandten lateinischen Widmungsschreiben verfaßt 
haben sollte.*) Die nichtphilologischen Veröffentlichungen der Frank- 
furter Zeit sind: 

1585. 

1. Cleri totius Romanae ecclesiae subiecti seu pontificlorum 
ordinum omnium omrUno utriusque sexus Habitus, artificiosissinUs 
figuris, quibüs Francisci Modii singula octosücha adiecta sunt, nunc 

prlmtim a Jadoco Ammano expressi Addito Ubello singulari 

eiusdem Francisci Modii in quo cuiusque ordinis ecclesiasttci 

origo, progressus et vestitus ratio breviter ex variis historicis de- 
Uneatur. — Francofurti, sumptibus Sigismundi Feyrabendii 1585. 4®. 

Von Modius dem Neffen seines einstigen Patrones Johann 
Christoph Neustetter gewidmet, 19. August 1585.») 

1586. 

2. Gynaeceum siue theatrum mulierum, in quo praecipuarum 
omnium per Europam inprimis nationum . . . foemineos habitus 



>) Vgl. Ruland im Serapeum XIV 130 f. 
>) Vgl. PaUmann a. a. 0. 182 f. 

*) Vgl. Ruland im Archiv 46 ff., Serapeum XIV 131 ; Seibt a. a. O. 36; Roersch 
a. a. O. 930. 



Frandscus Modius' Leben. 21 

videre est . . . expressos a Jodoco Ammano. Addito ad singulas 
figuras singuüs octostichis Francisci ModU ... M. D. LXXXVI. 
Francofurti, Impensis Sigism. FeyrabendU. 4 <>. 

Von Feyerabend der Königin Isabella von Frankreich gewidmet ^) 

3. Corpus unlversi iuris canonici et omnia in hoc nova edi- 
üone summo studio a mendis vindicata et notis doctissimorum 

virorum locupletata 1586. Francofurdi, excudebat Joh. We- 

chelus, impensis Sigismundi Feyrabendii, Henrici Thacquii et Petri 
Fischerl. 8» 3 Bde. 

Von Modius dem Bischöfe Ernst von Bamberg gewidmet, 
5. August 1586.«) 

4. Patrocinium pupiUorum et viduarum novum 

auctoribus Jodoco Damhouderio I. C. Brugensi . . . et D. Borg- 

nino Cavalcano I. C. Fivizanensi Correctius et emendatius 

secundo nunc edäum, notationibusque nonnuUis auctum a F. M. I. 

CS Francofurti ad Moenum, impensis Sigism. Feirabendii. 

M.D. LXXXVI. Fol. 

Von Modius dem Syndikus der Stadt Frankfurt, Heinrich Kellner, 
gewidmet, 13. August 1586.») 

5. D. Joannis Sichardi lurisconsulti . ... in codicem lusti- 
nianeum Praelectiones . . . nunc vero recognitae intentiore cura, et 
ab innumeris mendis vindicatae, restitutis etiam legum capitulorum- 
que aUegatorum capitibus per Franciscum Modium I. C. Brugensem 
M.D. LXXXVI. Francofurti ad Moenum Impensis Sigis- 
mundi Feyrabendii, Henrici Thacquii et Petri Fischeri Fol. 

Der Widmungsbrief an Wilhelm Ursinus von Rosenberg, 1. Sep- 
tember 1586, ist von Feyerabend unterzeichnet Es folgt darauf eine 
längere Vorbemerkung von Modius für den Leser.^) 

6. Pandectae triumphales siue, pomparum et festorum ac 
solennlum apparatuum toml duo Opus . ... ex In- 



>) Vgl Ruland im Serapeum XIV 131 f.; Roersch a. a. O. 930 f. 

*) Ruland und Seibt führen diese Ausgabe gar nicht an, Roersch a. a. 0. 932 
scheint sie nur auf Qrund des modianischen Eintrages, daß er 50 Qulden fOr die 
Dedikation belcommen hatte, zu zitieren. 

*) Nur von Roersch a. a. 0. 933, aber nicht nach Autopsie angefahrt 

^) Fehlt bei Ruland, Seibt und Roersch. Es ist eine Neuauflage der zuerst 
im Jahre 1565 zu Frankfurt gedrudcten Vorlesungen des Tübinger Juristen Johannes 
Sichardtts. 



22 P» Lehmann, 

finitis, cum veteribus, tum recentibus scriptoribus coUectum, partim 
ex variis monimentis, publicis, privatis, cusis, scriptis; Germanica, 
Itcdica, Gallica, Belgica lingua loquentibus conuersum et Latinitate 
donatum, hocque ordlne digestum, a Francisco Modio I. C. Brugensi 

Francofurti ad Moenum, impens. Sigismundi Feyrabendü. 

M.D.LXXXVI. Fol. 2 Teile in 1 Bande. 

Mit zwei Widmungsbriefen von Modius, deren erster an die 
fränkische, schwäbische und rheinische Ritterschaft, deren zweiter an 
Marcus Schweickher, den Syndikus der fränkischen Ritterschaft, ge- 
richtet ist. Beide tragen das Datum des 1. September 1586. ^) 

1587. 

7. Rerum criminalium praxes, et tractatus omnium nobi- 

liorum qui ad hunc diem exiuerunt iureconsultorum tributa 

in tomos duos opus . . . nunc a mendis .... magno studio 

indefessoque labore repurgatum et coniunctim in lucem editum ä 
Francisco Modio I. C. Brugensi .... 1587. Francofurti apud Joan. 
WecheUim, Impens. Sig. Feyrab. Fol. 2 Bde. 

Das Widmungsschreiben an Georg Joh. Vollbracht und Konrad 
Grafen Riedesel von Eisenbach trägt Feyerabends Unterschrift 
1. April 1587.«) 

8. Repertorium sententiarum et regularium tributum 

in tomos duos, quorum prior promptuarii et locorum communium, 
alter lexici vicem sustinere potest. Uterque quidem nuper a Petra 
Comelio Brederodio . . . summo studio et iudicio collectus, et thesauri 
titulo editus: sed nunc hac iterata editione recognitus, emendatus, 
interpolatus et subinde locupletatus a Francisco Modio I. C. Brug. 

Francofurti ad Moenum, impens. Sigis. Feyrabend, 

Henrici Thack, et Petri Vischeri sociorum. M. D. LXXXVIL Fol. 
2 Bde. 

Von Modius Georg Ludwig Hütten gewidmet, 13. Juni 1587.») 

9. Historia rerum in Oriente gestarum ab exordio mundi et 

orbe condito ad nostra usque haec tempora Francofurti, im- 

pensis Sigismundi Feyrabendü 1587. Fol. 

Als Dedikator erscheint der Verieger, Empfänger ist der Würz- 
burger Dompropst Nithard Thflngen. Dafi Modius der Herausgeber 

^) Vgl. Ruland im Archiv 48—50, im Serapeum 83, 116—123; Seibt a. a. O. 
36 f.; Roersch a. a. O. 931. 

*) Roersch a. a. O. 932. 
») Roersch ebd. 



Frandscus Modius' Leben. 23 

war, zeigt einmal die Notiz in seinem Tagebuche und dann der Mefi- 
katalog von 1592.^ 

10. Bamabae Brissonü Lexicon juris siue de verborum 

quae ad ius pertinent significatione librl XIX ..... Item Francisci 

Hotomanni iurisconsulti clariss tractatus .... Opus selectis- 

simum, lange absolutisslmum nunc primum in hoc corpus 

redactum, digestum et magna industria recognitum a Francisco 
Modio I. C. Brugensi: qui Modius adiunxU etiam leges Regias et 
Decemuirales .... coUectas et digestas a CL V. Justo Lipsio. 1587. 
Francofurti apud Joan. Wedielum, impensis Sigismundi Feyrabendii, 
Henrici Thackquii, et Petri Vischeri, sociorum. Fol. 3 Teile in 
1 Bande. 

Von Modius Hieronymus Berchemius und Jacobus Campius ge- 
widmet, Frankfurt 1. September 1587.«) 

1 1. Corpus iuris civilis in IUI partes distinctum cuüectus 

est commentarius auctore Dionysio Godofredo I. C 

Editio omnium absolutissima et novissima, maxima cura atque in- 
dustria adomata in gratiam tam docentium quam discentium a 
Francisco Modio I. C. Brugensi, qui corollarii uice addidit notas 

suas perpetuas 1587. Francofurti ad Moenum ex officina 

Joannis Wedieli. Cum speciali Caes. M^ privilegio ad decennium. 
Fol. 4 Bände. 

Von Sigismund Feyrabend dem Erzherzoge Maximilian ge- 
widmet, voran geht eine lateinische Elegie von Modius. >) 

Wenn man von der einen Tatsache, dafi von den „Pandectae 
triumphales* auf der Herbstmesse 1586 in kurzer Zeit nicht weniger 
als 250 Exemplare zu* je 3 Gulden abgesetzt wurden,^) auf den 
buchhändlerischen Erfolg der gesamten modianischen Publikationen 
in Frankfurt schließt, wird man es verstehen, dafi der geizige Feyer- 
abend eine so tüchtige Erwerbskraft durch gute Bezahlung sich zu 
erhalten bemOht war. 

Auch schon deshalb hatte Modius in diesen Jahren anfangs weniger 
als sonst Grund, aber den Zustand seiner Finanzen zu klagen, weil ihm 
von anderen Seiten namhafte Summen für die Widmungen zuteil 

1) Vgl. C Becker, Jobst Ammann, Leipzig 1854, S. 146; Ruland im Archiv 
50 f.; Seibt a. a. O. 37; Roersch a. a. O. 932. 

*) Von sflmüichen Biographen Obersehen. 
*) Nur bei Roersch S. 932 verzeichnet 
^ Vgl. Stuttgart, Hist Fol 603 t5o. 



24 P* Lehmann, 

wurden. Zuweilen waren allerdings erst Mahnungen und Beschwerden 
nötig, um die Zahlung der versprochenen Summen zu erwirken. 
Z. B. liefien die Ritterschaften des fränkischen, schwäbischen und 
rheinischen Kreises drei Jahre vergehen, ehe sie sich fOr die Wid- 
mung der „Pandectae triumphales*" erkenntlich erwiesen. Und es 
geschah auch erst, nachdem Modius alle möglichen Freunde und 
Gönner in Bewegung gesetzt hatte. Er betrieb diese Angelegenheit, 
deren Besprechung die aus dieser Zeit stammenden Briefe sehr 
wenig erquicklich macht, um so eifriger, als er anscheinend fest auf 
das Geld gerechnet und daraufhin schließlich sogar schon Schulden 
gemacht hatte, namentlich um sich für eine italienische Reise standes- 
gemäß ausrüsten zu können. 

Wie aus einer bereits angeführten Bemerkung erhellt, hegte er 
schon länger den Wunsch, Italien zu sehen. Nun schien sich ihm, 
dank der Grofimut seines langjährigen Gönners, des Grafen Egmont, 
eine günstige Gelegenheit zur Stillung seiner Sehnsucht zu bieten. 
Hören wir, was er am 10. August 1586 darüber an Camerarius 

schreibt:^) dd pascha in ItaUam consecuturus sum Comitem 

Carolum Egmondanum {quem lamiam peterem, nisi Feyrabendio 
adpasdia usque obligatus essem) futurus ei oeconomus, verbis dum- 
taxat; curam enim hone alter sustinebit, ego Stipendium, praeter 
victum meum duorumque famulorum et totidem equorum, accipiam 
annue centum quinquaginta aureorum, quod tarnen non tarn me 
Invitat, quam multa alia, quae tu facile divinare potes. Fatebor 
autem apud te: cuperem quam honestissime, et, si dlcere licet, quam 
splendidissime ad eum Principem adolescentem decedere; multum enim 
hoc momenti habebit ad dignitatem et aesämationem ad posterum. 

Auch in der vom 1. September 1586 datierten Zuschrift der 
„Pandectae'' an Marcus Schweickher und in den Briefen an Camerarius 
und Weidner vom 11. Oktober •) und 26, November») ist von der 
Reise nach dem Süden als einem für Ostern folgenden Jahres ge- 
planten Unternehmen die Rede. Von da an spricht er nicht mehr 
davon. Aus nicht bekannten Gründen unterblieb die Fahrt, die für 
Modius' innere Ausbildung gewiß von Wert gewesen sein würde. 
Vielleicht hoffte er aber noch längere Zeit auf die endliche Erfüllung 
seines Wunsches. Denn noch 1591 erzählt Giphanius in einem Briefe 



') München, Coli. Cam. XIX 136. 
») München, CoU. Cam. XIX 137. 
*) Stuttgart, Hist. Fol. 603ts8. 



Frandscus Modius' Leben. 25 

an Lipäus,0 <1^ Modius den Plan einer Romfahrt gehabt, nunmehr 
aber aufgegeben habe. 

Kai m?h diese Reise damals und später nicht zu stände, so 
doch die Vereinigung mit Egmont; allerdings erst nach Überwindung 
von mancherlei Hindernissen. Einmal band Modius der Kontrakt 
mit den Frankfurter Druckern länger, als ihm nun erwünscht war. 
Und als er sich endlich im Winter 1587 nach Belgien aufmachte, 
widerfuhr ihm am 23. Dezember in Bonn ein Mißgeschick, das ihn 
lange zurückhielt uiid überhaupt verhängnisvolle >X^rkungen hatte: 
er wurde bei einem nächtlichen Überfall Bonns durch Martin Schenk 
von Nideggen*) verwundet, ausgeplündert, gefangen genommen 
und schliefilich in den Kerker geworfen. Erst die Fürsprache des 
einflußreichen Dechanten Jacobus Campius befreite ihn am 23. Februar 
1588 aus seinem Gefängnisse, nachdem er ein bedeutendes Lösegeld 
hatte zahlen müssen, das ihm eben jener Campius vorgeschossen 
hatte. Von den Folgen dieses Schlages hat sich Modius nie wieder 
ganz erholt Er war körperlich und seelisch gebrochen. Man kann 
nicht ohne Mitgefühl die Briefe lesen, die von diesem Zeitpunkte an 
erhalten sind, sie atmen alle eine Unzufriedenheit mit dem Schicksal, 
die sich bis zum Lebensüberdrufi steigerte. 

Die Situation, in die er durch das Bonner Mißgeschick geriet, 
war deshalb besonders unangenehm, weil er seines gesamten Bar- 
vermögens verlustig ging. Noch dazu meldeten sich nun auch die 
älteren Gläubiger, denn trotz seiner bedeutenden Einnahmen hatte er 
in Frankfurt Schulden hthterlassen. Erst nach vielen Verhandlungen 
gelang es, dank der Unterstützung opferwilliger Freunde, eines Weidner, 
Camerarius, Rochus Veldius') u. a., alles so weit in Ordnung zu 
bringen, dafi sich Modius am 23. September 1588 auf den Weg zu 
Egmont machen konnte. Vermutlich traf er mit ihm in Aire zu- 
sammen, wo Egmont am 15. März 1588 zum Propst des Kapitels von 
S. Peter gewählt war.*) Hier bekam Modius dann im Jahre 1590 

*) Burmann, Sylloges epistolarum 1 340. 

*) Vgl. Seibt a. a. O. S. 40 f. und Annalen des historischen Vereins für den 
Niedenheln, Heft 42 (1884) S. 76 ff. 

*) Eine nicht näher bekannte, bei Feyerabend beschäftigte Persönlichkeit, die 
die Bargschaft fOr Modius' Schulden übernommen hatte. Von seinem Briefwechsel 
mit Modius hat sich nur ein Stück erhalten (s. o.); wegen der modianischen Geld- 
angelegenheit korrespondierte er viel mit Weidner, vgl. die Briefe in Stuttgart, 
Hist Fol. 603. 

*) A. Rocrsch, La biblioth^que de Fr. Modius et R. de Pan, Saint-Omer 
1900, S. 9. 



26 P- Lehmann, 

ein Kanonikat, — nicht erst 1595, wie Seibt*) angibt Man würde sich 
tauschen, wollte man meinen, er habe nun die Annehmlichkeiten 
seiner Pfründe in aller Behaglichkeit genossen. Schon im Winter 
1590/91 machte er sich wieder auf die Reise; vielleicht war anfänglich 
Italien das Ziel. 

Anfang Februar befand er sich bei Johannes Posthius in Heidel- 
berg,*) dann besuchte er Marcus Welserus') in Augsburg und Hubertus 
Giphanius*) in Ingolstadt, wo er von Mai bis Juli blieb.*) Jetzt bot 
sich ihm eine günstige Gelegenheit, eine seinen Wünschen entsprechende 
Anstellung an einer deutschen Universität zu erlangen: auf Grund 
einer Empfehlung des Giphanius hatte ihm nämlich der Bischof Julius 
von Würzburg eine Professur des kanonischen Rechtes an seiner 
Universität angetragen. 

Mi optatissime et optime Camerari, ego ille, qui numquam 
futurum sperabam, ut Germaniam reviserem, schrieb Modius am 
19. Juli,«) iam etiam in penitiorem etus partem me insinuavi; qua 
causa scies praesens ex praesente cum deo intra paucos admodum 
dies. Cogito enim et meditor reditum ad Reverendissimum Dominum 
lUustrissimum Principem Wirceburgensem, a quo satis honestis con- 
ditionibus vocor ad aliquam professionem. 

Anfang August begab er sich in der Tat über Nürnberg, wo 
er einige Tage bei Camerarius weilte, nach Würzburg. Die weiteren 
Verhandlungen mit dem Bischöfe kennen wir besonders aus einem 
Briefe, den Modius am 1. Oktober 1591 in Würzburg an den Kanzler 
der Universität schrieb, ^) er erklärte darin, mit den Bedingungen des 
Fürstbischofs einverstanden zu sein und intra trimestre seine pro- 
fessio canonica beginnen zu wollen, bat aber noch um Aufklärung 
darüber, ob er zuvor die Lizentiatenwürde erwerben müsse. Schließ- 
lich knüpfte er noch die Bitte um eine Extragratifikation von fünfzig 



>) A. a. 0. 43. 

•) In Postiiii Parcrga poctica, Heidelberg 1595, VL 281—284 steht ein Gedicht 
mit der Unterschrift Haidelbergae Kai, Feb, /. Franciscus Modius An. 1591. 
^ ») 1558—1614; ADB. IX (1879) S. 182—185 und namentiich P. Joachimscn, 

Marx Welser als bayerischer Geschichtsschreiber, München 1905 (Progr. des Wilhelm- 
gymnasiums). 

*) 1534—1604; ADB. IX (1879) S. 182—185. 

*) Vgl. Burmann a. a. 0. 1 340 und die Modiusbriefe in Basel GM 22 fol. 108 
(Beilage 4) und G> 1 18 fol. 112 sq. 

•) München, CoU. Cam. XIX 139. 

') Virorum doctorum epistolae selectae, ed. Freytag, Leipzig 1831, S. 188. 



Franciscus Modius' Leben. 27 

Gulden fOr Kleider und Bücher und um Erlafi der üblichen münd- 
lichen Prüfung an. 

Indes verzichtete er nach einigen Monaten übenaschenderweise 
auf den Lehrstuhl, bevor er ihn je innegehabt hatte. Als Haupt- 
grund hierzu gibt er in den Briefen seinen schlechten Gesundheits- 
zustand an.i) 

Anfangs hielt er sich für kräftig genug, um nun in den 
Dienst des Bischofs von Bamberg zu treten, der sich gleichfalls um 
seine Person bemühte, aber kaum war er nach Bamberg gekommen, 
als sich die Krankheit verschlimmerte. Jetzt hiefien ihn die Ärzte, 
jegliche Tätigkeit aufzugeben und sich zur Kur nach Ingolstadt zu- 
rückzuziehen. Die wenigen Briefe, die wir aus dieser Zeit von ihm 
haben, erschöpfen sich in Klagen über seine Krankheit, die aus ihr 
erwachsenden Unkosten und über die unfreiwillige Untätigkeit. Erst 
ganz allmählich besserte sich das Befinden, am 19. April 1592 teilte 
er Welserus mit,*) dafi er nunmehr wieder etwas zu arbeiten beginnen 
könne, und bat ihn, ihn den Kaufherren Fugger zu Übersetzungen 
aus dem Französischen, Italienischen, Deutschen und Vlämischen ins 
Lateinische zu empfehlen. Bald darauf war er soweit wieder her- 
gestellt, daß er selbst nach Augsburg kommen konnte. Von diesem 
zweiten Aufenthalt in Augsburg ist mir weiter nichts bekannt, als daß 
er aufier mit Welserus auch mit Adolphus Occo, dem bekannten Numis- 
matiker, verkehrte und ihn am 19. Oktober 1592 andichtete.') Danach 
weilte er eine Zeit lang wieder in Würzburg und bemühte sich beim 
Bischöfe um den Auftrag einer Geschichte Frankens.*) Ob Julius 
auf den Vorschlag eingegangen ist oder nicht, Modius' „Historia 
Franconica" ist jedenfalls nie im Drucke erschienen. 

Im Sommer 1593 kehrte Modius endlich nach Aire zurück und 
blieb nun dort bis zu seinem Lebensende. Sein Gesundheitszustand 
scheint sich zeitweilig gebessert zu haben, so dafi der rastlose Ge- 
lehrte seine Studien wieder aufnehmen, zuweilen in der Bibliothek 
des benachbarten S. Bertin arbeiten und sogar an neue Ausgaben ver- 
schiedener Schriftsteller wie des Curtius, Frontinus und der Panegyrici 



>) Vgl, aufier der BeUage 4, Stuttgart, Hist. Fol. 60365c. 

*) Vgl. Beilage 4. 

*) Die Verse finden sich bei J. Brucker, Historia vitae Adolphorum Occonum, 
Leipzig 1734, S. 96. Ueber Occo (1524—1606) vergleiche man außer dieser Arbeit 
den Artikel in der ADB. XXIV (1887) S. 127. 

«) Vergleiche den am 4. Mal 1593 in WUrzburg geschriebenen Brief, dessen 
Adressat nicht genannt, vielleicht Videnveltius ist, von Freytag a. a. 0. 189. 



28 ^' Lehmann, 

latini denken konnte. ^) Aber allen diesen Plänen machte der Tod 
ein Ende. Frandscus Modius starb im Alter von nur 41 Jahren am 
23. Juni >) 1597 zu Aire und wurde in der dortigen Peterskirche bei- 
gesetzt Ein kurzes wechselvolles Leben, nicht ohne Glanz und Er- 
folg, aber bar aller Ruhe war beschlossen, ein Leben, das ein Bio- 
graph >) des 17. Jahrhunderts mit dem des Odysseus vergleichen 
konnte. 



>) Vgl. Seibt a. a. O. 44 ff. 

*) Warum Roersch, La biblioth^que de Fran^ois Modius etc., Saint-Omer 
1900, S. 11, den 22. Januar als Todestag angibt, ist mir unklar. Ich schreibe, wie 
es in den älteren Arbeiten und in desselben Roersch Artikel in der Biographie 
nationale de Belgique XIV (1897) Sp. 934 steht, 23. Juni. 

*) Valerius Andreas, Bibliotheca Belgica, Löwen 1623, S. 277. 



Beilagen. 

Aus Modius' Briefwechsel. 

1. Justus Lipsius an Modius. 

Löwen, 7. Januar 1576. 
J. Lipsius Fr. Modio S. D. 

Amidtiam fädle iungere, iunctam constanter colere soleo; eo 
magis te quanquam ex recenti dilectum amicum cum Giselino et 
Lemutio veteranis vocandum ad convivium putavi, quod Licentiae 
meae debetur, quae futura est: XXUL mensis huius. Si id tuo com- 
modo prodest, venies tarn gratus hospes quam Troianus ille Euandrus. 
Lovanü. VD. eid.O,Jan. CD.D. LXXVI. 

Adresse fehlt 

Original in Stuttgart, K. B., Hist. Fol. 603ö7.«) 

2. Modius an Joachimus Camerarius. 

Würzburg, 15. Februar 1582. 
Frandscus Modius Joachimo J. F. Camerario. S. 
De Plinio nepote, vir d<arissime>, magnas imo ingentes tibi 
ago gratias, sperans futurum, ut eum brevi consequantur avunculi 
eins Codices, quibus tum parens tuus sanctae memoriae, tum Ges- 



*) Lipsius gebrattcht diese Form für idus auch sonst zuweilen. 

*) Ich fand dieses BiUet mitten zwischen den Briefen an Johannes Weidnenis, 
dem es Modius vermutlich geschenkt hatte. Bei der Entzifferung der bekanntlich 
schwer lesbaren SchriftzUge des Lipsius wurde ich von den Bibliothekaren der Stutt- 
garter öffentlichen Bibliothek hi liebenswürdiger Weise unterstützt 



30 P* Lehmann, 

nerus olim usi sunt^) Ipse interea non desino conquirere unde- 
quaque alia etiam ad institutum nostrum adiumenta et iam redii in 
memoriam Nannianum Plinium infinitis locis a doctiss<iino> illo viro 
notatum et illustratum, emendatumque apud Suffridum Petrum, iam 
olim mihi familiärem, asservari,*) qui nobis non parum profuturus 
videatur. ea igitur de re ad illum scribo. de tuis, uti dbd, Plinianis 
codicibus et Ferdinandi Pindani') notis bonum factum mihi videretur, 
si proxima occasione per aurigam Haiensem Comburgum ad Syn- 
dicum perveherentur. cupio enim statim reversus, quod felix faustum- 
que Sit, recognitionem huius tanti scriptoris auspicari, absolutis iam 
fere Epistolicis meis de quibus exspecto quid egeris cum Wecheli 
haeredibus. mihi sane in dies maius crescit desiderium, ut hoc opus 
in Germania mihi natum et Germanis ex bona parte inscriptum in 
Germania etiam potissimum excudatur; de Plantino enim, inter hos 
motus Belgicae nostrae, et longa et anceps res est . praeterea vereor, 
ne misellae epistolae meae tam infestis itineribus in via iugulentur; 
tum, si maxime Antverpiam salvae perveniant et recte suoque tempore 
excudantur, unde hie nobis illarum exemplaria? Bibliopolis huius 
regionis propter caritatem, ut aiunt, aut nullos omnino aut certe paucos 
libros a Plantino cusos ementibus. Plane te oro, ut me gratia tua hie 
iuves. et videor sane posse affirmare, vendibile opus fore, si non ob 
alia, certe propter varietatem tum rerum tum styli. constitui enim 
Epistolicis librum singularem carminum annectere maximeque haec 
velim inprimi,^) uti dicere praesenti tibi memini, in quarto, ut vocant, 
quae forma ea, quam in octauo nuncupant, non parum augustior est; 
et habebat Wechelus typos, qui ei, quam dbd, in quarto formae con- 
venirent Sed de hac re satis. 



1) Im Jahre 1580 hatte Caspar Wolf die von dem bekannten Naturforscher 
und Bibliographen Conrad Qesner mit zahlreichen handschriftlichen Bemerkungen 
ausgestatteten Ausgaben des Theophrastus, Dioskorides und Plinius um 25 fl. an 
Camerarius verkauft; vgl. J. Hanhart, Conrad Gesner, Winterthur 1824, S. 293. 

*) Auch Nov. Lect 293 spricht Modius von dem Handexemplar des Plinius, 
das der Löwener Professor Petrus Nannius (f 1557) dem Suffridus Petrus ver- 
macht hatte. 

*) Der spanische Gelehrte Ferdinandez Nuües de Guzmann (= Nonnius 
Pincianus) hatte 1544 »Observationes in loca obscura et depravata Historiae natu- 
ralis C. Plinii' veröffentlicht, die großes Ansehen genossen. Vgl. über ihn (1488 
bis 1552) Nouv biogr. univ XXn 976 f. 

*) Dieser Plan ist nicht zur Ausführung gekommen. Auch Format und Typen 
der »Novantiquae Lectiones' entsprachen nicht seinen früheren Wünschen. 



Fiandscos Modius' Leben. Beilagen: Aus Modius' Briefwechsel. 31 

Neque enim faciundum existimo, ut saepius idem te orem. 
illud potius a te contendam, ut, si quae litterae Antverpia, Colonia 
aut aliunde ad te perferentur mihi inscriptae (et mandavi meis, ut id 
fieret propter tabellariorum, qui ex illis regionibus Wirzeburgum com- 
meant, tarditatem), eas ut proxima semper occasione Comburgum 
mittere digneris. quidquid in hanc rem expendes, id tibi tuo arbitratu 
a me et cum voles restituetur. Ignosce quod tam multa tibi imponam. 
vereque tibi persuade ideo hoc me facere confidentius, quod omnia 
ipse tua caussa facturus libenter sim. ut re exsperiere, sit modo ali- 
quid, in quo tibi commodare possim. Patronus noster bene adhuc, 
quod gaudeo, valet verebar enim, quod quidem inter nos sit, ne 
quem Federici mors^ ^^^ ^ imaginatione morbum afferret. ita ea, 
etsi dissimularet, sedulo animo illum constematum vidi, quod meum 
augurium falsum fuisse serio laetor, maloque artem hanc divinandi 
in perpetuum deponere quam vera simili in re aliquando praevidisse 
videri. 

In diebus pauds hinc Bambergam et inde porro Comburgum 
redituri sumus, ubi, ut dixi, spero me inventurum Plinios tuos et 
ad has responsum, nisi forte Bambergam ad nos litteras dabis quod 
fieri a te porvelim. Vale, V<ir> cl<arissime>, et nos redama. Wirze- 
burgi CD. D- LXXXIL XV. Kl. Martias. 

Adresse: Clarissimo viro et Nobili Medico D. Joachimo J. F. Ca- 
merario Domino et amico suo, 

Noribergam. 

Original in München, Hof- und Staatsbibliothek, Coli. Cam. XIX 11 7. 
Als Tag der Ankunft ist der 21. Februar 1582 vermerkt. 

3. Modius an Joachimus Camerarius. 

Frankfurt a. M., 22. Juli 1585. 
Fr. Modius Joachimo Camerario M. S. P. 
Cum ante triduum ex misera nostra Belgica reversus ad te, vir 
clariss<ime>, mire de extremis quibus cum malis luctorscribere haverem 
intellegeremque hunc hospitem meum Henricum Tack et Feyrabendium 
ad te profecturire, per eos potissimum agendum mihi tecum litteris 
existimavi, quibus fatillimum esset tuas mihi vicissim in diebus paucis 

^) Modius notierte den Tod des Federicus, des Neustetterschen Hausnarren, 
in seinem Tagebuche mit den Worten: Februarü 7. anno 1582 obiit Fedeiicus 
mono Domini Neustetteri, und feierte den Dahingeschiedenen durch eine latei- 
nische Elegie. Vgl. Ruland, Archiv 16 und 24. 



32 P- Lehmann, 

referre. Quod te oro et obtestor, ut ne frustra ^erasse arguar 
dignerisque me qualicumque responso, et miseriam meam si non 
relevare aut potueris, aut, quod abominor, volueris, consilio saltem, 
si potest, iuves. Res enim meae, ne te verbis ducam, tales sunt, ut 
non mode nudus vix ex Belgica elapsus sim, sed et hie aere alieno 
ante meum in fatalem eam Belgicam decessum contracto irretitus 
tenear, facturus earum omnium rerum iacturam, quas in vita carissi- 
mas habeo, quarumque nomine huc redactus sum, nisi praesenti 
auxilio sublever. quod ut plenius intellegas, scire debes, mi Camerari, 
me ante menses fere undecim a D. Neustettero dimissum cum viatico 
thalerorum centum; quam pecuniam cum liberatis ante nominibus, 
quibus obstringebar, Fuldae^ pene universam consumsissem, dum do 
ibidem operam collationi Isidori Etymologiarum, Martiani Capellae, 
Columellae et Palladii de agricultura, Augustini de civitate dei, openim 
aliquot Tertulliani et, quod Caput est, describendis Servii in Vir- 
gilium commentariis ubivis hactenus vulgatis longe et uberioribus et 
emendatioribus. Francofurtum tantum non inanis veni ad hunc 
hospitem meum, qui me mensa et tecto excepit, donec iampridem 
patrui*) mei litteris evocatus et in patriam properans, subducta ratione 
reperi me eidem hospiti meo reliquos debere florenos 24, pro quibus 
ei pignori reliqui universam supellectilem meam vestiariam et libra- 
riam atque in hac notas ad varios scriptores meas, et quos dixi 
Servianos commentarios: existimans prona mihi omnia fore quem 
manerent haereditates domi tres, quarum una quaeque studiis meis 
alendis sufficeret Sed — o spes vana! — nondum Brugas calami- 
tosissimas attigeram et iam intelligere coepi, quam essem frustra. per- 
rexi tamen et omnia quae dici possunt incommoda perpessus patriam 
ingressus, quae ipsa etiam Antverpiensi urbe fame, peste et inopia 
rei pecuniariae grauius urgetur, usque eo, ut aegre viaticum ad reditum 
ingenti foenore sumserim, quod ipsum me defecit, antequam Mogun- 
tiam perveni. Nunc igitur omnium egenus et insuper debitor hie 
sedeo, debitumque quotidie cresdt, quod in septimanas singulas huic 
hospiti meo thaleros duos solvere cogar, a quo si absolutus essem, 
consilium foret vivere quam tenuissime quadra propria et operam 
meam typographis hie venditare auctoresque a me emendatos paula- 
tim in lucem edere, ex qua quoque re fructus fortasse aliquis ad me 
redundaret quod te, mi Camerari, per genium tuum et studia haec 



») Vgl unten. 

*) Vielleicht ist Nansins gemeint. 



Frandscus Modius' Leben. Beilagen: Aus Modius' Briefwechsel. 33 

nostra rogo quaesoque, digneris mihi mutuos dare aliquot triginta 
florenos ad Nundinas usque Vemales anni proximi CD. ID. LXXXVI. 
daboque sanctissimum ius iurandum et oppignerabo eadem omnia 
mea: vestem, libros, scripta; salvam tibi tum eandem pecuniam fore. 
Deinceps enim facile opera mea victum quaeram et ad eas, quas dixi 
Nundinas, iusta mihi pecuniae summa Brugis debetur. quae urbs tum 
aut cum capta Antverpia etiam tum hostium vim sustinente necessario 
cum reliqua Flandria in partes HoUandiae et Zelandiae rursum con- 
cedet, quarum partium si permansisset hodie misella non laboraret. 
Intereaque exiverint unus et item alter ex scriptoribus, quos prae 
manibus habeo; ex quibus decrevi, nisi tu aliter censes, Episcopo 
Bambergensi dedicare emendatos a me et scholiis illustratos Isidori 
Etymologiarum sive Originum libros, opus varium et arduum quod- 
que magno mihi labore constitit, adiuncto Martiano Capella cum notis 
perinde meis. Est etiam in animo Catalecta Serviana mea statim 
edere auspiciis D. Neustetteri. quod opus spero Germaniae non nihil 
decoris allaturum, cum Galli annos iam viginti eodem frustrentur. 
sed quia de D. Neustettero dubius animi sum, vellem eundem per te 
hac de re certiorem ante fieri, ne mihi oleum et opera hie pereat, 
qui in eadem Serviana iam nunc amplius 50 florenorum sumtum 
fecerim. Sunt et alia multa, quibus Patroni parandi sunt, et in iis 
Amobii et Minucii Felicis opera, Symmachi epistolae, Sidonii epistolae, 
Ennodii epistolae, Ivonis epistolae etc. In summa spero nihil mihi 
defuturum, hanc unam difficultatem si superavero, praesertim si apud 
Feyrabendium operam meam commendaveris, ut intellegat me et 
posse et velle Uli servire, modo sit iustum operae pretium; Weche- 
liani enim, quod inter nos sit, ad rem attentiores videntur, etsi ne 
ab Ulis quidem abhorreo. Valde enim vellem posthac Deo et mihi 
stud Usque meis vivere. Magnatum enim quam fluxa et vana sit 
gratia, satis mihi didicisse iam videor et iactatjones commessationes- 
que iUae assiduae haud dubie vitae abrumpendae sunt. Frugalis 
igitur exhinc victus placet, qui cum parvo constet, quid ni sperem 
quam facillime me acturum, principia haec ubi superavero. quae 
ut adiuvare, ut dixi, velis, iterum te obtestor, cui in manu est quid 
Modio fiat: qui tarnen qualiscumque et ubicumque semper totus tuus 
erit Vale, vir cl<arissime>, et si, quod spero, adiuvandum me putabis, 
per ipsum hunc Feyrabendium rem confice, numerata et pecunia et 
per eum rursus tuo tibi arbitrio cavebo. Illud etiam te rogo, ne aut 
Feyrabendius aut hie hospes meus ita plene de his angustiis meis 
cognoscant, quia, sicubi mea opera uti vellent, minoris eam facerent 

Qttelltir n. Uotcnndi. z. Ut Philologie des MA. m, 1. 3 



34 P- Lehmann, 

et suo me arbitrio versarent. De D. Neustetteri erga me animo a 
decessu meo si quid intellexisti, quaeso, ne cela; ut enim is est, ad 
id litteras, quas statim acceptis tuis ad eum daturus sum, accomodabo. 
De Posthio quoque quae nosti quaeso significa. Hie enim nihil 
quidquam de eo auditum est et ego eum iam Heidelbergae agere 
certo persuasum habeo. Iterum vale, amiciss<ime> Camerari, et 
cl<arissimo> viro D. Philippo Camerario multam a me salutem. 
Francofurti ad Moenum, XXII. Julii CID, ID. LXXXV. stylo veteri. 

Adresse: Clarissimo Viro D. Joachimo Camerario Norimbergensi 
ArchiatrOy Domino et amico suo observando, 

Norimbergam 
par amys. 

Original in München a. a. O. 129. Als Tag der Ankunft ist von 
Camerarius auf der Adresse vermerkt: 85. 26. Juli. 

4. Modius an Marcus Welserus.*) 

Ingolstadt 19. April 1592. 

Humanitas illa tua vel potius patema prope pietas, qua me 
ante annum domi tuae excepisti et proceribus quibusdam commen- 
dasti, facit, Vir Observandissime, ut revolutus in pristinam fortunam 
non verear nunc quoque auxilium et consilium a te expetere. Quod 
tamen antequam facio, illud mihi praevertendum puto, ut te prius 
paucis doceam, qua spe aut desperatione potius huc redierim. cuius 
rei causa haec est. Evocaverat me hinc per litteras Cancellarii sui 
ante menses fere decem Reverendissimus et Illustrissimus Würce- 
burgensis opera mea nimirum usurus. sed cum mihi, postquam ad- 
venissem, solam iniungeret lecturam publicam Juris Canonici et ego 
per vires animi corporisque intellegerem me illi parem esse non posse 
nee tamen ullam excusationem Princeps acciperet, consumptis fhistra 
Würceburgi mensibus amplius sex de alia conditione alibi eiusdem 
Reverendissimi consensu dispicere coepi. quo cognito Reverendissimus 



') Anrede und Adresse fehlen in der Abschrift Doch kann kaum ein 
Zweifel daran obwalten, daß Welserus der Empfanger ist, da wir wissen, daß 
Modius 1591 bei ihm gewohnt hat (vgl. oben S. 27). Von anderem abgesehen» 
bricht auch die Nachschrift daffir. 



Frandscus Modlus' Leben. Beilagen: Aus Modlus' Briefwechsel. 35 

et lUustrissimus Bambergensis^) nuper electus statim me ad se venire 
iussit; cui cum comparuissem et aeger pervehendum me Bambergam 
curassem ibique morbus meus ita ingravesceret, ut ei rei satis utilis 
medicorum iudido non viderer, in qua opera mea Princeps uti de- 
creverat, hinc quoque ob corporis imbecillitatem exclusus ex consilio 
potissimum eonmdem medicorum huc redii valetudini operaiti daturus. 
Quae cum nunc Dei opt<imi> inax<imi> beneficio talis sit, ut, licet 
lente admodum procedat, domi tamen possim aliquid meditari aut ex 
aliis Unguis in Latinum vertere, faciundum putavi, cogente praesertim 
necessitate et inopia praesenti coactus exsuccus alioqui et exsanguis 
meo hie succo cochlearum more vivere, ut te rogarem dignareris hanc 
meam egestatem apud Illustres Fuggeros istic commendare, ut, si 
quid volent ex Gallico, Italico, Germanico, Belgico sermone in Latinum 
transferri, id, qualecumque sit, ad me mittant statim convertendum. 
Qui si alioqui etiam pro innata sibi generositate me aliquo munere 
donarent, facerent sane et solita magnificentia rem dignissimam et 
perinde eam pecuniam coUocarent ac si captivos eadem ex vinculis 
redimerent, cum et ipse adhuc premar gravi aere alieno lytri nomine 
contracto, quod Bonnae ante paucos annos solvere coactus sum. 
Misissem ad eosdem Illustres Fuggeros versus quosdam sacros 
superiore quadragesima in morbo a me scriptos, nisi prius cupivissem 
de ea re consilium tuum et, quibus ac quomodo inscribendi essent, 
cognoscere. Caeterum ut constet tibi et per te aliis rem se, ut dixi, 
habere, mitto ad te litteras prius Cancellarii Würceburgensis eius- 
demque binas scidas scriptas ad me Würceburgi decumbentem, dein 
litteras ad me Reverendissimi Bambergensis tum instrumentum 
publicum de infortunio meo Bonnensi, etsi puto me ante quoque id 
tibi communicasse, quae, ubi iis sicut orsum erit usus eris, remitti mihi 
cupio. Vides, vir colendiss<ime>, quo redactus sim; itaque pro pietate 
semper erga me tua iuva qua potes non sua culpa miserum et quic- 
quid est officii, quod ad me proficisci potest, obsequentissime vicissim 
perpetuo tibi deserviet. Vale, vale, ingens solaque prope in hoc 
tempore spes mea. 

Datum Ingolstadii, XIX. Aprilis M.D.XCII. 

Excellentiae tuae addictissimus Franciscus Modius Brug<ensis> 
Canonicus Ariensis. 



*) Nithard von Thüngen, 1591—1594. Modius war mit ihm schon wflhrend 
seines Aufenthaltes bei Neustetter bekannt; vgl. Ruland im Archiv 22 u. 50 f. 

3* 



36 P- Lehmann, Frandscus Modius' Leben. 

Si Inscriptiones tuae Hispanicae^) exierunt tandem aliquando» 
valde aveo eas videre. 
Adresse fehlt 
Original feMt, Abschrift in Basel, U.B., G« I 22 fol. 108. 



^) Anscheinend nie erschienen. 1590 hatte Welser .Inscriptiones antiquae 
Augustae Vindelicorum' veröffentlicht 



II. 

MODIUS ALS HANDSCHRIFTENFORSCHER. 



1. Die philologischen Veröffentlichungen. 

Franciscus Modius ist auf mehreren Gebieten schriftstellerisch 
tätig gewesen: er hat eine beträchtliche Anzahl lateinischer Gedichte 
verfaßt, verschiedene umfangreiche juristische Werke neu bearbeitet, 
historische und kulturhistorische Sammlungen herausgegeben, nirgends 
aber hat er mit der Liebe und Beharrlichkeit gewirkt wie in der 
lateinischen Philologie. Und hier ist es ausschliefilich die Textkritik 
gewesen, der er spätestens seit seinem Studium in Löwen seine Kräfte 
gewidmet, in deren Dienst er alle seine antiquarischen und sprach- 
lichen Kenntnisse gestellt hat 

Für die Untersuchung dieser Wirksamkeit kommen als Quellen 
neben und vor den bereits für die Lebensgeschichte herangezogenen 
Briefen seine besonderen philologischen Veröffentlichungen in Be- 
tracht, die ich bisher nur im Vorübergehen erwähnt habe. Außerdem 
einige nicht von ihm selbst publizierte Arbeiten: Kollationen und dergl., 
von denen wir namentlich dadurch Kunde bekommen haben, dafi 
sie von anderen Gelehrten verwertet worden sind. Ihrer wird bei 
Besprechung der einzelnen Handschriften gedacht werden. 

Im Hinblick auf die Wichtigkeit der eigenen modianischen Ver- 
öffentlichungen für die folgende Abhandlung sei es gestattet, sie in 
zeitlicher Folge aufzuzählen und zu beschreiben. Es sind. sechs Aus- 
gaben lateinischer Autoren und ein Band textkritischer Kollektaneen. 

1579. 

1. 

MAPHEI I VEQII LAVDENSIS | Asfyanax & Vellus 

Aureum, \ Nunc primum edita, opera FRANCISCI | MODU 

BRVGENSIS. I Ad I Nobilissimü & generosissimum | Comitem 



40 P- Lehmann, 

CAROLVM I EGMONDANVM, CANTEU \ NU 

BARON EM&c\limc\imt\c\\tri\COLONI^\ Apud Matemum 
Cholinum. \ M. D. LXXIX. \ Cum gratia & Priuilegio Caes. Maiest. 

12°. 32 ung. Bll. 

[München, Hof- und Staatsbibliothek.] 

Nach dem Titelblatte 9 SS. mit der Widmung an Kari von Eg- 
mont, Köln 18. August 1578, und 1 S. mit einem Gedichte auf Eg- 
mont. — 11 SS. Maphei Vegü Astyanax, 35 SS. Maphei Vegü Vellus 
aareum. — 4 SS. mit einer Elegie von Modius auf Hieronymus Ber- 
chemius und 1 mit einer Elegie von Carolus Utenhovius auf Modius' 
Ausgabe des Vellus aureum. — Letzte S. leer. 

Die Ausgabe ist besonders durch das Vorwort für Modius' Be- 
urteilung als Handschriftenforscher wichtig. Über den Text und seine 
Grundlage vgl. unten. In den bibliographischen Handbüchern steht 
durchweg als Erscheinungsjahr fälschlich 1589. 

2. 

Q. CURTII RUFI HISTORIARUM | MAONI 
ALEXANDRI MA- 1 CEDONIS LIBRI OCTO. | Noue ediü 
et recognUi \ A | FRANCISCO MODIO | BRVOENSI, I 

Ad I Reuerendissimum et lUustrissimum | Principem IVLIVM, 
Episco- I pum Herbipolensem, Fran- ciae Orientalis Du- | cem etc. [ 
Seorsum excusce eiusdem MODU \ in eundem CVRTIUM \ Notce. \ 
COLONIAE, I Apud Matemum Cholinum. | M. D. LXXIX. | Cum 
Gratia & Priuilegio Cces. Maiestatis. 

8°. 8 ung. Bll. 343 SS. 17 ung. SS., 180 SS. 2 ung. SS. (Titelblatt 
als S. 1 gerechnet.) 

[München, Hof- und Staatsbibliothek.] 

Die auf das Titelblatt folgenden 7 Bll. enthalten die Dedikation 
an Bischof Julius von Würzburg, femer 2 Elegien von Janus Pal- 
merius Mellerus und Janus Gulielmus. Nach einem leeren Blatt 
folgen auf S. 1 — 343 Q. Curtii Ruft historiarum libri VIII und auf 
16 SS. ein Index dazu. Nach einer leeren Seite beginnt der 2. Teil 
mit einem neuen Titelblatt: 



Modius als Handschriftenforscher. 41 

FRANCIS=|CI MODU BRV-|GENSIS|in|Q.CVRTIl 

KVrl, I Historiaram, Magni Ale- 1 xandri Macedonis, | libros octo | 

Noue a se editos et recognitos, j NOTAE. 

S. 2 — 5 Widmungsbrief an Ludovicus Lautius, S. 6^181 Mo(üi 
notae. Auf einem letzten Blatt ein Druckfehlerverzeichnis. 

Ein vollständig unveränderter Neudruck dieser Ausgabe erschien 
1591 zu Köln bei Petrus Horst, dem Nachfolger von Matemus Cho- 
linus. Wenn Schweiger, Handbuch der klass. Bibliogr. II 318, die Aus- 
gabe von 1591 als beste Ausgabe von Modius bezeichnet, so ist das 
Lob in gleicher Weise und mit grOfierem Rechte auf die von 1579 
zu beziehen. In den Jahren 1598, 1604 und 1620 erschienen neue, 
durch Druckfehler entstellte Abdrücke ohne die Noten. 

Text und Noten wurden in neuerer Zeit von Snakenburg (1724), 
Zumpt (1826) und namentlich von Mützell (1841) benutzt Vogel 
(1881) läflt im kritischen Apparate Modius mit 40 Sonderiesarten zu 
Worte kommen. 

1580. 

FLAVI VEGETII RE | nati v. inl de 

RE MILITARI, | ubH Quatmr. I SEXTI IVLll FRONTINI 

Stratagemat&n^ libri totidem, | i^LIANVS de instruendis aciebus. | 
MODESTVS de vocabulis rei militaris. | Omnes quidem post 
Hermolai Barbari, Bu- | daei, et quorumcumq. aliorum editiones di | 
ligenter recogniti & emendati: VEGETI- | VS vero & subinde 
FRONTINVS etiam | notis illustratis, \ A \ Francisco Modio Brug. | 
AD I NobiUssimum & Qenerosiss. ADOLPHVM SCHEIF- 
FARTVM A MERADE, | Bomhemü Dominum & cet. | CO- 
LONIAE, I Apud Matemum ChoUnum. \ CID . D . LXXX. | Cum 
Gratla & Primlegio Cces. Malest 

8^. 24 ung. BU. 379 SS. 1 ung. S. 2 leere BU. 1 ung. Bl. 77 SS. 1 ung. 
leere S. 

[Braunschweig, Stadtbibliothek; München, Universitätsbibliothek.] 
Auf den ersten 9 SS. Mdmung an Adolphus Scheiffartus a Me- 
rade und auf 13 SS. eine Elegie an denselben und eine Ode 



42 ^' Lehmann, 

(2. asklepiadeische Strophe) auf die Ausgabe, verfafit von G. Rolan- 
dius. Es folgen 13 SS. mit einem an den Drucker Matemus Cholinus 
gerichteten Vorworte, in dem auch textkritische Proben gegeben und 
handschriftliche Lesarten mitgeteilt werden, die in den Noten z. T. 
übergangen sind. Dann 3 SS. Indices zu Vegetius de re militari, 
nach drei unten zu besprechenden Handschriften und den Ausgaben, 
Rom 1487 (oder 1494), Paris 1515 und 1532. S. 149—296 Frontinus 
strategematicon. S. 297 — 364 Aelicmus de instruendis aciebiis. S.365 — 
379 Modestus de vocabulis rei milUaris. Die letzten drei Schriften 
sind blofie Abdrücke älterer Ausgaben. Nur im Frontintexte hat 
der Herausgeber einige Konjekturen gewagt, die er in den Noten be- 
gründet, sonst vitia et menda operarum^ incuria comnüssa, emen- 
dasse contentus (Vorrede Fol. a5). — Neues Titelblatt: 

FRANCISCI MODU BRVQENSIS, | ^i 

Nobilißimum & Qenerosißimum ADOLPHVM SCHEIFFAR- \ TUM 
A MERADE, Born- \ hemll Dominum &c. \ IN F. VEGETII 
RENATI, I de re militari Libros IV. | NOTi^ | Loca aliquot 
in S. IVLIO FRON- I TINO otUer notata ab eodem 

MODIO. 

S. 1—62 Modli notae in Vegetiim; S. 62—77 MoM notae in 
Frontinum. 

Die Noten zu Frontinus wurden in den Ausgaben des Godes- 
calcus Stewechius, Antwerpen 1585 und Leiden 1592, sowie in 
der des Petrus Scriverius, Leiden 1607, wieder abgedruckt Dieser 
gab auch die Noten zu Vegetius vollständig, während Stewechius nur 
Einzelnes daraus mitgeteilt hatte. Der neueste Herausgeber C. Lang 
(Leipzig 1885) kennt Modius' Bemerkungen nur soweit sie Stewechius 
verwertet. 

1582. 
4. 

IVSTINI I EX TROGI ROM | PEI HISTORIIS | 

EXTERNIS, I LIBRI XLIIII. | A FRANCISCO MODIO \ 
BRVOENSI I ex M. S. codicib. dellgenter emendatt. \ Adiecta est 
monarchiarum omnium tabula | ex fidelissimis historiis coUecta. | 



Modius als Handschriftenforscher. 43 

Cum indice rerum & verborum locupletißimo \ Druckerzeichen. | 
COLON! AE I in officina Birckmannica | Anno CD . D . LXXXII. | 
Cum gratia & priuilegio S. Caes. Maiestatis. 
8^ 16 ung. BU. 304 SS. 1 ung. Bl. 
[Frankfurt a.M., Stadtbibliothek; München, Hof- und Staatsbibliothek.] 

Nach dem Titelblatt 4 SS. mit dem Widmungsbriefe an Gabriel 
Rolandus und einer Elegie des Janus Gulielmus auf die Ausgabe; 
29 SS. Index, 1 leere S. und 1 leeres Bl. S. 1—304 Justini epitome. 

Diese bisher übersehene, auch von Schweiger nicht verzeichnete 
Ausgabe wurde mir durch das häufig von mir benutzte Auskunfts- 
bureau der deutschen Bibliotheken (Beriin) als in Frankfurt, Mainz 
und Bamberg vorhanden nachgewiesen. Nachträglich fand ich sie 
auch in München. Ihre Existenz ging aus Bemerkungen in der 
späteren Justinusausgabe hervor. 

Die von Schweiger, a. a. O. II 489 verzeichnete Ausgabe von 
1586 ist nur ein getreuer Abdruck dieser älteren. 

1584. 
5. 

Franc. Modi Brug. NOVANTI ' QVAE | LEC- 

TIONES, TRI- j butae in Epistolas centum, | & quod excurrit: | 
In quibus infinitis locLs SUius, Censorinus, Hygi- \ nus, Macrobius, 
Fulgentius; plurimis Cicero, \ Seneca, Martialis, Plinius, Calpurnius; 
non-lnulUs Propertius, Ouidius, Lucanus, Valerius \ Maximus, Statius, 
alU supplentur, emendan- \ tur, illustrantur, notantur. | CVM 

TRIPLICI INDICE. | Druckerzeichen. | FRANCOFVRTI | 
Apud heredes Andreae Wecheli, i MDLXXIII. 

8^. 26 ungez. BU. 583 SS. 1 ung. S. 10 ung. BU. 

[München, Hof- und Staatsbibliothek.] 

Nach dem Titelblatt 16 SS. mit der Epistola dedicatoria an 
Erasmus Neustetter, 10 SS. mit Epigrammen auf das Werk von 
Posthius, Brismannus, Reusnerus, Melissus, Leius, Weidnerus, Bers- 
manus, Petreus und Sylburgius, 4 SS. mit dem alphab. Verzeichnis 
der Briefempfänger (92 Namen), 3V« SS. mit dem alphab. Verzeichnis 
der emendierten Autoren (27 Namen), 16V« SS. mit kurzen Inhalts- 
angaben aller Briefe, dann S. 1—583 die Novantiquae lectiones in 
133 Briefen, 17 SS. Index, 1 S. Errata, 3 SS. leer. 



44 P« Lehmann, 

Zur Vorgeschichte des Werkes ist zu bemerken, daß Modius schon 
in der Vorrede zur Vegetiusausgabe von 1580 von den Novantiquis 
quas paro spricht. Die Ausführung des Planes verzögerte sich noch 
einige Jahre, namentlich infolge der Schwierigkeiten, einen Verlier 
zu finden. Anfangs erbot sich der berühmte Drucker Christoph 
Plantin. Als Modius darauf einging, verzögerte Plantin seine Ant- 
wort so lange, bis der Autor ungeduldig wurde und sich entschloß, 
einen anderen Verieger zu suchen. Zuerst dachte er an einen Würz- 
burger Drucker,*) schließlich übernahmen, dank der Fürsprache von 
Joachimus Camerarius,») die Wechelschen Erben in Frankfurt a. AI 
den Druck.*) 

Die Gattung der philologischen Abhandlungen in Briefform war 
nicht neu und gerade damals bei den niederiändischen Gelehrten für 
textkritische Beiträge sehr beliebt Modius verfuhr dabei so, daß er 
eine Anzahl seiner Briefe an hervorragende Freunde und Gönner aus- 
wählte, den ursprünglichen Text etwas veränderte^) und dann mehr 
oder weniger unvermittelt seine Emendationen anfügte. Eine bestimmte 
Absicht in der Anordnung der Episteln ist nicht zu erkennen. 

Die Nov. Lect wurden namentlich in früherer Zeit vielfach, 
leider nicht immer mit der erforderiichen Vorsicht und Sorgfalt be- 
nutzt. Ein wenig guter Abdruck findet sich in Jani Gruteri Lampas 
sive Fax liberalium artium V, Frankfurt 1605, S. 1 — 339. 

1587. 



IVSTINVS. I TROGI POMPEII | HISTO- 
RIARVM PHILIP- 1 PICARVM EPITOMA: | Nuper 

>) Vgl. den Brief an Gimerarius vom 30. März 1583 in Th. Crenii Anim- 
adversiones philol. et bist IX 18 und auch den Brief an Weidner vom 9. November 
1582 in Stuttgart, Hist. Fol. 603 tt9 sowie oben S. 30. 

«) Vgl. Burmann, a. a. 0. 1 107. 

*) Vgl. den Brief an ihn vom 14. Dezember 1583 in München, ColL dm. 
XIX 119. 

^) Der Briefwechsel mit Camerarius enthält auch Mitteilungen über die Ver- 
handlungen betreffs der Typen, des Formates u. s. w. Die Entscheidung lag bei 
Fr. Sylburg, der damals Korrektor der Wechel war. 

^) Der Vergleich des 46. Briefes der Nov. Lect mit dem Original in München, 
Coli. Cam. XIX 115 zeigt, dafi die Veränderungen im allgemeinen nur gering- 
fügig waren. 



Modius als Handschiiftenforscher. 45 

ex Manascriptis codiclbus emendata; & Pro \ logis ä BON- 
QARSIO aucta: Nunc vero secundo re\cognUa & ad Mss. item 
librorum Fuldensium maxime \ fidem ex Uitegro emaculata ä Fi\. 

MODIO BRVO. IN EANDEM NOT/E. | ex- 

cerptiones Chronohgicae: VARIARVM LECTIONVM | 
Ubellus Bongarsü cum eiasdem Modii tarn in lusti \ num quam Pro- 
logos SpicUegio. \ Druckerzeichen. | FRANCOFVRDI | Apud 
loannem Wechelum, | MDLXXXVII. 

12». 14 ung. BU. 2 leere BU. 271 SS. 3 ung. BU. 146 SS. und 102 SS. 

[Wolfenbflttel, LandesbibUothek.] 

6 SS. mit Widmungsschreiben und Gedicht an Friedrich, Pfalz- 
grafen bei Rhein. 1 S. Distichen von Janus Gulielmus, 8 SS. Vonede 
des Jacobus Bongarsius, 2 SS. mit Gedichten auf Bongarsius und 
seine Justinausgabe von 1581, 9 SS. Trogi Pompeii fragmenta, 2 leere 
BU. S. 1—255 Justini epitome. S. 256 leer, (S. 257) neues Titelbl.: 

PROLOGI I HISTORIARVM | PHILIPPI- 

CARVM I POMPEII TROGI, | nunc iterato editi; | Et a 

FRANC. MODIO, post BONGARSIVM, ex m. ss. co- \ 

dicibus Fuldensibtts emendaä. &, \ quod potest, in integrum re- 
stUuti. 

S. 258 Vonede von Bongarsius, S. 259—271 Prologi, S. 272 leer, 
dann neues Titelbl.: 

IN IVSTINI HI- 1 STORIAS NOTAE, | ET | 

EXCERPTIONES 1 Chronologicae. 



Rückseite leer, dann 4 SS. mit einer Vorrede von Bongarsius, 
S. 1—85 Die Noten des Bongarsius, S. 86—87 Index, S. 87—106 
Excerptiones chronologicae, S. 107 — 146 Notae Francisci Modii, 
S. 1—83 Variarum lectionum libellus von Bongarsius, S. 84—102 Index. 

Ein unveränderter Neudruck erschien 1591. 

Wie aus der Beschreibung ersichtlich, ist Modius' Ausgabe nur 
eine Erweiterung der Bongarsischen von 1581. Der lustintext ist 
unverändert abgedruckt, aber in besonderen Noten werden wichtige 



46 P* Lehmann, 

Emendationen vorgeschlagen. Dagegen ist von den Prologen, wenn 
auch unter Zugrundelegung des bongarsianischen Textes, mit Hilfe 
zweier Handschriften ein neuer Wortlaut hergestellt, der dann in An- 
merkungen begründet ist Modius' Ausgabe ist seit I. G. Graevius, 
Utrecht 1668, bis zu Rühl und Gutschmid, Leipzig 1886, mit Recht 
von den Herausgebern stark benutzt worden, leider aber nicht immer 
mit der nötigen Akribie.^) 

1588. 
7. 

T. Livii PATAViNi | HISTORICORVM 

OMNIVM ROMANORVM | LONGE VBER- 
RIMI, ET FACILE | PRINCIPIS LIBRI OMNES, 
QVOTQVOT I AD NOS PERVENERE; | NOVE 

ED/T/, ETRECOGN/T/, ETÄDVETVST/S-\ 

simorum manu exaratorum codicum Fuldensium, Moguntinensium & j 
Coloniensium fidem emendati | A | FRANCISCO MODIO 

BRVGENSI. I 

. . . 1588 Francofurti, impensis Sigism. Feyrabendij & sociorum.*) 

Fol. in 3 meist zusammengebundenen Teilen.«) I: 4 ung. Bll., 52 
und 682 SS. II: 4 ung. Bll., 613 SS. und 1 ung. S. III: 1 leeres ung. 
81. 59 SS: und 1 ung. S. 

[München, Hof- und Staatsbibliothek.] 

I: 3 SS. mit der Widmung an Karl von Egmont, 1 S. mit einer 
Vorbemerkung des Herausgebers für den Leser, 1 S. mit dem Ver- 
zeichnisse der in den Bänden enthaltenen Schriften, S. 1 — 7 Ver- 
zeichnis der in dem livianischen Geschichtswerke enthaltenen Reden, 
S. 14 — 52 Schriften von Caelius Secundus Curio, Pomponius Laetus, 

*) Rühl z. B. schöpft seine Angaben nicht direkt aus der Ausgabe des Modius» 
sondern aus den Zitaten Dübners, Leipzig 1831, und übernimmt so dessen Un- 
genauigkeiten. Z. B. ist seine Angabe zu Üb. XLin 2,9 falsch, was insofern von Be- 
lang ist, als es sich um Lesarten der besten leider verlorenen Handschriften 
handelt. 

«) Die Zeilen 2, 3, 7 sind rot 

') Schweiger a. a. O. II 532 beschreibt nur die beiden ersten Teile, doch kann 
an der Zugehörigkeit des dritten kein Zweifel obwalten. 



Modius als Handschriftenforscher. 47 

Jo. Barthol. Marlianus und Publius Victor; S. 1 — 602 Uvü ab u. c. 
libri, nebst der Epitome, S. 603 — 682 Index rerum et verbonim. 

II: Neues Titelblatt, 3 ung. Bll. und S. 1 — 484 Noten von Glareanus, 
Sigonius, W. Godelaevus, Laurentius Valla, Sabellicus, Velcurio, Beatus 
Rhenanus und Sig. Gelenius, Emendationes ex codice Theodorici 
Morelli, Noten von lo. Saxo, S. 485 — 544 Francisci Modii Brug. in 
Titum Livium Notae, partim ab eo scriptae, partim ex Lipsii, 
Brissonü etc. enuUtissimis ingeniis, monimentis exscriptae. S. 545 
bis 613 Livii fragmenta. 

III: Neues Titelblatt. S. 3 — 5 Widmungsbrief an loa. Grellius vom 
1. November 1568, S. 6 — 59 Chronologia in Titi Livii Historiam. 

Von Modius stammen im 1. Bande nur Widmungsschreiben und 
Vorwort, im 2. die Rezension des Liviustextes und die Noten. 

Alles übrige ist aus der Frankfurter Ausgabe von 1568 ab- 
gedruckt — Nach Gruter (Frankfurt 1608) hat besonders Draken- 
borch die Ausgabe des Modius für seine eigene (Leiden 1738 — 1746) 
mit Sorgfalt benutzt Vgl. sein Urteil über die modianische Arbeit 
rni Stuttgarter Neudruck XV p. LXXVII— LXXIX. 

Allem Anscheine nach hat Modius in späteren Jahren nochmals 
einen Liviuskommentar verfafit, ohne ihn jedoch zum Drucke zu 
bringen. 

Ich verdanke den Hinweis auf diese Tatsache Dr. Th. Gottlieb 
(Wien). Er fand auf einem Autograph der Wiener Hofbibliothek 
folgenden Vermerk: 

> Autograph des Franc. Modius, Verfasser des berühmten Werkes: 
Pandectae triumphales. Diß Gurker bischöfliche Bibliothek besitzt 
von ihm ,Notae in Livium' mit der Schlufischrift: Finitum opus hoc 
per me Franc. Modium a9. MDXCII in die parificationis B, M. V. 
Laus Deo. Die darin vorkommende Schrift ist mit der vorliegenden 
nach genauer Vergleichung eine und dieselbe, so daß man mit voller 
Gewißheit annehmen kann, daß dieses interessante Fragment ein 
Autograph des Franc Modius ist. Budik.< 

Da Budik in der Mitte des 19. Jahrhunderts Bibliothekar der 
Studienbibliothek zu Klagenfurt war, ist an dem einstmaligen Vor- 
handensein dieser Liviusnoten nicht zu zweifeln. Leider aber haben 
sie sich trotz mehrfacher Nachforschungen, bei denen mich nament- 
lich Herr Dr. Ortner, Kustos der Studienbibliothek in Klagenfurt, unter- 
stützt hat, nicht wiederfinden lassen. Die bischöfliche Bibliothek von 
Gurk befindet sich zur Zeit in Klagenfurt. 



48 P- Lehmann, 

Da ich die Wiener Handschrift, die ein .Argumentum ex Hesiodo' 
enthält, nicht selbst gesehen habe, vermag ich nicht zu entscheiden, 
ob Budik sie mit Recht ein Autograph des Modius nennt Auffällig 
ist der Gegenstand des .Argumentum", Modius beschäftigte sich, so- 
weit ich weiß, höchst selten mit griechischen Schriftstellern. 



2. Geschichte und Eigenart der Forschungen. 

Zu den führenden Geistern der Wissenschaft gehört Modius 
gewiß nicht Durch ein Moment aber werden seine Arbeiten doch 
über den Durchschnitt erhoben und vor vielen zeitgenössischen aus- 
gezeichnet: durch die Fülle und nicht zuletzt auch durch die 
Erlesenheit seines Handschriftenmaterials. 

Man kann diese Tatsache freilich nur dann als eine Besonder- 
heit ansehen, wenn man seine Blicke von den modernen Verhält- 
nissen abwendet und die Schwierigkeiten bedenkt, die sich damals der 
Benutzung der Bibliotheken, ja allein schon der Kenntnisnahme ihres 
Vorhandenseins entgegenstellten. Bei dem Fehlen jeglicher gedruckten 
Kataloge, die uns heute die Arbeit, mehr als man es sich immer klar 
macht, erieichtem, waren förmliche Entdeckungsfahrten nötig, wollte 
man sich nicht mit dem zufällig Gegebenen begnügen; ich erinnere 
nur an die Reisen eines Poggio und Enoch von Ascoli, an die Streif- 
züge der Erasmianer Sichardus, Beatus Rhenanus, Grynaeus und Ge- 
lenius und an die Unternehmungen der Magdeburger Centuriatoren. 

In die Reihe dieser Forscher gehört nun auch Modius. Seine 
ersten Bibliotheksreisen erstreckten sich «auf seine belgische Heimat 
und sind in die Zeit von etwa 1575 — 1578 zu setzen. Er unter- 
richtet uns darüber in der 1578 abgefaßten Vorrede zur Aus- 
gabe des Vegius, Köln 1579.*) Nachdem er in allgemeinen Wen- 
dungen von der Beschäftigung mit der antiken Literatur und einigen 
Grundsätzen seiner kritischen Methode gesprochen hat,«) sagt er: 

Cum Belgicae nostrae vehementes motus, out, verlas ut dicam, 
fatalis quaedam conversio imminere videretwr, eam primtim tempore 
et studiis et rei publicae alienissimo pervagandam et quidquid In 
ea bibliothecarum esset, excutiendum mihi esse decrevi, ne si quod 
ante annos decem et quod excurrit, fieri memineram, barbaries 



>) Vgl. oben S. 13 und 39. 
«) Vgl. unten S. 54. 



Modius als Handschliftenforscher. 49 

seditiosissimorum hominum furor hone etiam partem grassata fuisset, 
et Ulis praesiäiis haec honestissimis lUterarum studia, quibtis extin- 
guendis monstra illa nuper videntur orta, privassent: nihil mihi 
Belgica adferre passet adiamenti. Itaque ntUla, neque Uinerum dif- 
ficültatis neque samtaum^ quos hone in rem immensos facere ne- 
cesse füU, habita ratione: primam Arthesia, in qua tum forte eram, 
deinde Hannonia, mox Flandria, Brabantia, Namurco et Leodio 
peragratis et nobilissimis quibusque bibliothecis sedulo ac cum cura 
pervestigatis, quod in HoUandia et Zelcmdia huiusmodi nihil eorum, 
quos dixi, furor reliqui fecisset, Coloniam Agrippinensem veni, tarn- 
quam ad certissimum studiorum portum. 

Die hauptsächlichen der besuchten Statten finden sich in einem 
bereits von Ruland^) wiedergegebenen Briefe der Nov. Lect auf- 
gezahlt Es sind die Bibliotheken«) der Klöster Ter Duyn») und 
Ter Doest, Saint-Bertin und Clairmarais,*) der Domkirche von 
Tongern,*) sowie einiger nicht mit Namen genannter Stifter und 
Klöster von Löwen und Lüttich. 

Der erste Besuch von Saint-Bertin und Clairmarais in Artois 
dflrfte kurz vor 1575 stattgefunden haben, als Modius in Douai 
studierte. Andere Unternehmungen knüpften sich an den Studien- 
aufenthalt in Löwen und wurden in Gemeinschaft mit Ludovicus Carrio, 
der sich schon seit vielen Jahren mit handschriftlichen Studien be- 
schäftigte, ausgeführt In hoc peregrinatione mea et in biblio- 
thecarum indagatione non purum mihi commoditatis attulit Lud. 
Carrio I. C. clariss.; et nomen, cum posui, sat est. is enim eodem 
antiquitatis amore perpetuo incensus, et omne hoc, de quo iam dixi, 
iter und mecum confecit et suo praecipuarum bibliothecarum cata- 
logo, quid quovis in loco requirendum putarat esse, oportune sane 
docuit.^) Von einigen dieser Exkursionen läßt sich die Route ganz 
genau angeben. Es finden sich nämlich in Modius' Tagebuche^) 

1) Serapeum XIV 83. 

') Ich bemerke schon hier, dafi ich später nur den von Modius besuchten 
Bibliotheken eine eingehende Untersuchung widmen werde, aus denen er nachweis- 
lidi bestimmte Handschriften verwertet hat. Ober die anderen bringe ich gleich 
hier einige kurze Daten. 

•) Vergleiche unter Ter Doest 

^) Die meisten Handschriften (116) sind in Saint-Omer, sechs in der Pariser 
NationalbibUothek. Ueber letztere vgl. L Delisle, Le cabinet des manuscrits II 355. 

^ Vgl. unten. 

*) Aus der Vorrede zur Ausgabe des Vegius, Köln 1579. 

») München, Call. 399, fol. 21'— 24r. 
Qiidltn n. Untcrtacli. s. lat Philologie des MA. m, 1. 4 



50 P- Lehmann, 

einige hierher gehörige Aufzeichnungen, die bisher nur bruchstQck- 
weise und fehlerhaft veröftentlicht sindJ) Sie sind Notanda quaedam 
in Belgicae peregrinatione überschrieben und enthalten in lateinischer, 
französischer und vlflmischer Sprache Angaben über die einzelnen 
Stationen dreier Reisen, über die Entfernungen und die bedeutendsten 
Sehenswürdigkeiten der besuchten Ortschaften. Die an erster Stelle 
stehenden Vermerke über Bruxella et iter inde Antverpiam geben 
keinen Aufschluß über die Zeit dieser Wanderung und enthalten nichts 
über Bibliotheken. Die zuzweit skizzierte Reise fällt in den Herbst 
1577. Es handelt sich, wie Modius schreibt, um einen Itus (!) üh 
vanio Namurcum et inde Lovanium reditus; die Hauptstationen sind 
S. Trou, Tongern, Lüttich, Huy und Namur. Im letz^enannten Orte 
war man am 11. September 1577 >) und man kehrte dann über Lüttich 
und Tienen nach Löwen zurück. Leider sind in die Notizen nur 
ganz wenige Angaben über die besuchten Bibliotheken eingestreut. 
Ganz kurz wird die Sammlung der Abtei von S. Trou>) erwähnt: 

Vabbie du St, Truden assise en la ville ou qu'il y a une belle 

bibUotheque que n'avions loisir d'cUler veoir. 

Bei der Besprechung von Tongern heißt es von dem Chor- 
hermstifte*) und dem der Maria geweihten Dome:») . . . En Regu- 
Ueren clooster . . . magnifyc, schoone bibUotheque, sed pauci M.SS. 
In bibliotheca porro D. Virginis omnes m. ss., sed sie, ut nihil ibi 
Sit visu dignum praeter 3 Lucanos et 2 Horatios.^) 

Vielleicht besuchten Modius und Carrio bei dieser Gelegenheit 
in Lüttich die reichhaltige Büchersammlung des Laevinus Tpr- 
rentius.7) Der einzige Ausflug von Löwen wird dies nicht gewesen 



>) Ruland im Serapeum XIV 114. 

*) A. a. O. fol. 21. Das einzige Datum! 

*) Die meisten Handschriften sind jetzt in der Stadti>ibliothek in Lattich, 
einige andere in Brüssel, Düsseldorf und in London. 

^) Wo die Bibliothek jetzt ist, habe ich nicht ermitteln können. Ein umfang- 
reiches Verzeichnis der Handschriften befindet sich in Sanders Bibliotheca Belgica 
manuscripta, Lille 1641, 11 181—206. 

») Vgl. auch oben S. 49. Ein TeU der Handschriften ist im Haag. 

*) Ruland hat bei der Wiedergabe dieser Stelle im Serapeum XIV 114 das 
Versehen begangen, die Bibliotheken der Stadt Lüttich zuzuweisen; der Irrtum ist 
dadurch entstanden, dafi er sich aus den Worten, wo von Tongern als einer Urbs 
ditionis Leodiensis die Rede ist, nur die Worte Urbs Leodiensis notiert hatte. 

') Er erwähnt den Besuch Nov. Lect. 222. Nach Torrentius* Tode kam die 
Sammlung an die Löwener Jesuiten. 



Modius als Handschriftenforscher. 51 

sein, einmal scheint man auch das nicht sehr fem gelegene Kloster 
Gembloux und seine grofiartige Bibliothek besucht zu haben. 

Den Beschlufi der Notizen macht die Beschreibung einer Reise 
von Antwerpen durch Seeland, Vlissingen, dann über das Meer nach 
Flandern. Nachdem man noch Gent und andere Orte durchstreift 
hatte, begab man sich nach Brflgge. Höchst wahrscheinlich kehrte 
Modius dann nicht mehr nach Löwen zurück. Am Schlufi der Notizen 
findet sich noch ein kurzer, uns hier interessierender Vermerk: Brugis 
ter doest abdie l^t [sc. mll.] bibliotheca satis instructa.^) 

Ob Modius erst damals in Ter Doest und Ter Duyn gearbeitet 
hat, ist ungewiß. Da Brügge seine Heimatstadt war, hatte er wohl 
auch schon früher die Gelegenheit benutzt, diese und andere flandrische 
Bibliotheken kennen zu lernen. In den Nov. Lect. erwähnt er einmal 
emen allerdings ergebnislosen Besuch einer klösterlichen Sammlung 
in Lille.«) 

Daß sich auch an den kurzen Aufenthalt in Leiden, Frühjahr 
1578, eine Bibliotheksreise schloß, ist möglich, aber nicht gewiß. 
Oberhaupt sind ja die Nachrichten über Modius' Durchwanderung 
Belgiens und Hollands sehr dürftig. Gewiß würden wir mehr davon 
wissen, wenn die handschrifüichen Funde bedeutender gewesen 
wären. Nur hie und da spricht Modius späterhin von belgischen 
Handschriften. Unter den von ihm benutzten Codices, deren Pro- 
venienz für uns nicht feststeht, mag allerdings mancher sein, der in 
der Heimat aufgefunden war, aber das ist klar, daß Modius' Ausbeute 
viel reicher wurde, als er sich 1578 nach Köln begab und von hier 
aus alle irgendwie erreichbaren Bibliotheken durchforschte.*) 

An erster Stelle war es die wertvolle Handschriftensammlung 
des Domes, dann die des Pantaleonklosters,*) des Franzis- 
kanerkonventes und des Collegium Laurentianum in Köln, 
und fernerhin die Bibliotheken der benachbarten Klöster Sieg- 
burg und Heisterbach; in denen er seine Forschungen anstellte. 



') Auch hier erweist sich Ruland als ungeschickter Excerptor. Er läfit 
a. a. 0. 114 die Worte ter Doest abdie /Vs tort und erweckt dadurch die Vorstel- 
lung, als handele es sich um eine Bibliothek von Brügge, wo die des Klosters 
Ter Doest gemeint ist 

«) S. 498 f. Vgl. darüber auch Seibt a. a. 0. 10 f. 

>) Vgl. die aus den Nov. Lect 188 f. abgedruckte Stelle im Serapeum XIV 83. 

^ Bestimmte Handschriften aus dieser einst bedeutend gewesenen Bibliothek 
werden von Modius nicht namhaft gemacht Ich kenne Codices S. Pantaleonis 
Coloniensis in Brüssel, Düsseldorf, Hamburg, Köln, London, Rom, Wien, Wolfen- 
büttd und im Privatbesitze. 

4* 



52 P- Lehmann, 

Die Fülle der in dem einen Jahre vom Sommer 1578 bis zum 
Herbste 1579 geleisteten Arbeit ist erstaunlich, auch wenn man als 
wahrscheinlich annimmt, daß er einen Teil der Kollationen nicht selbst 
oder erst bei spateren Besuchen Kölns erledigt hat Man kann in 
der Tat mit Seibt^) von einem wahren Heißhunger reden, mit dem 
er sich auf das Studium der Handschriften stürzte. 

Auch als er dann (1581—1584) in Neustetters Umgebung 
weilte, folgte er seiner edlen Leidenschaft, sobald er von seinen 
mannigfaltigen Verpflichtungen und anderweitigen Beschäftigungen 
Zeit erübrigen konnte. In erster Linie beutete er damals die von 
seinem Patrone angelegte Bibliothek zu Komburg aus, daneben 
aber auch die geistlichen und weltlichen (privaten) Büchereien in 
Bamberg und Würzburg, die seines Freundes Weidner in Schwä- 
bisch Hall u. a. Von Joachimus Camerarius t>emühte er sich, 
anscheinend allerdings vergeblich, die berühmten Plautus- Codices 
geliehen zu bekommen.«) Als er gelegentlich mit seinem Patrone 
nach Nürnberg kam, traf er Camerarius nicht an und mußte daher 
zu seinem Bedauern auf die Besichtigung seiner und anderer Nürn- 
berger Sammlungen verzichten.*) 

Besondere Unterstützung scheinen seine handschriftlichen Studien 
während des Aufenthaltes in Franken durch Johannes Weidnerus, den 
schon genannten Rektor von Schwäbisch Hall gefunden zu haben. 
In den Briefen an ihn finden sich nicht selten Bemerkungen, wie 
diese:*) 

De libris veteribus scriptis effice siquid potes: non quidem ut 
mancupio nostri fiant, sed omnino usu, supra quod nihil peto. 
Offenbar hatte Weidner bedeutende Kenntnisse von Bibliotheken und 
Handschriften. Das geht auch aus einer anderen Bitte Modius' her- 
vor. Am 21. Juni 1584 schrieb, er ihm:*) rogo te, ut me laves pro 
parte tua in eo, quod ante abitum molior; est autem hoc, ut biblio- 
thecarum manuscriptarum omnium, quas fieri poterit, indices habecun 
et exemplaribus meis studiis conducibilibus utar. Anno memini 
fieri mentionem cuiusdam abbatiae in istis regionibus, ubi dicerentur 
nonnulti scripti Codices repperiri; amabo, mi Weidnere, qua per te, 
qua per alios hoc age, ut et horum et, si qui alii istic alibi forte 

») A. a. O. 3. 

«) München, Coli. Cam. XDC 131, 132, 133. 

•) Nov. Lect 170. 

«) Stuttgart, Hist Fol. 603114 (4. Mai 1583). 

») Stuttgart, Hist Fol. 603 mi. 



Modius als Handschriftenforscher. 53 

sunt, eorum quoque indicem ad me mittas, quo primum fieri poterit 
tempore . qua re nihil gratius mihi facere poteris. 

Diese Stelle zeigt auch zugleich, wie systematisch Modius bei 
seinen Forschungen vorging; von überall her suchte er Nachrichten 
über Bibliotheken zu sammeln, um spätere Besuche vorbereiten zu 
können. Leider hat sich von dem auf diese Weise gewonnenen 
Materiale — das für die Bibliotheksgeschichte von außerordentlichem 
Werte sein könnte — nichts erhalten. Wir wissen nicht einmal die 
Namen der Stätten, die Modius zu besuchen gedachte, als er von 
Neustetter Abschied nahm. Unsere Kenntnis ist um so geringer, als 
von den geplanten und vorbereiteten Bibliotheksreisen damals nur 
die eine nach Fulda zustande gekommen sein dürfte. 

Der Besuch der Fuldaer Bibliothek vom 26. September bis zum 
12. Dezember 1584 ist der letzte im eigentlichen Deutschland, der 
für seine Studien von reichem Ertrage war. Während er als Kor- 
rektor in den Offizinen Feyerabends und der Wechelschen Erben in 
Frankfurt arbeitete, fand er wenig Mufie für seine handschriftlichen 
Forschungen. Doch erstarb sein Interesse nicht. Als er sich 1588 
auf den Weg zum Grafen Egmont machte, kam er auch nach Trier 
(3. — 26. Oktober) und besichtigte hier das berühmte Kloster S. Maxi- 
mini. Seltsamerweise enttäuschte ihn die Bibliothek. *) Vidi bibtio- 
thecam eius satis instructam, sed non ex MSS. respondentibus anti- 
quitati loci lautet der Eintrag, den er damals in sein Tagebuch 
machte.«) 

Bald darauf (1589) sehen wir ihn in Saint-Bertin eine Apuleius- 
handschrift vergleichen. In den folgenden Jahren scheinen ihm seine 
wechselvollen Geschicke, namentlich sein überaus schlechter Gesund- 
heitszustand nur wenig Zeit und Kraft gelassen zu haben, die For- 
schungen in der alten Weise fortzusetzen. 1593 und 1596 aber finden 
wir ihn unter den Handschriften von Saint-Bertin wieder. Die Biblio- 
thek, die zu den zuerst von ihm besuchten Stätten gehört, ist offenbar 
auch diejenige gewesen, in der er sich zum letzten Male den geliebten 
Manuskripten nach Herzenslust widmen konnte. Der Tod gebot ihm, 
einzuhalten, ihm, von dem ein Zeitgenosse sagen konnte :») 

In studiis Modius nesclt habere modum. 



^) Reste der Handschriftensammlung befinden sich in: Berlin, Braunau, Brüssel, 
Gent, Heidelberg, Koblenz, London, München, Paris, Rom, Trier, Tunbridge Wells 
und Wien. 

>) Serapeum XIV 132. 

^ Sweertius, Athenae Belgicae, Antwerpen 1628, S. 247, zitiert den Vers, ohne 



54 P* Lehmann, 

Hinter diesem rastlosen Suchen und Sammeln steckt mehr als 
eine bloße Liebe zu alten Büchern, mehr als Sammelwut. Modius 
verfolgte einen ganz bestimmten Zweck: die Reinigung der alten 
lateinischen Texte nach einem methodischen Grundsatze, der für 
ihn stets maßgebend gewesen ist, nach dem Grundsatze der 
handschriftlichen Autorität. Er erkannte die vielfachen Ver- 
derbnisse, die den Wortlaut der ihm vorliegenden Ausgaben ent- 
stellten, und sah das vornehmste Mittel, sie zu beseitigen, in dem 
Zurückgehen auf die Überlieferung. V^'n haben schon oben die Vor- 
rede zur Vegiusausgabe von 1579 zitiert und müssen auch jetzt wieder 
auf sie zurückgreifen, da sie gewissermaßen Modius' Programmschrift 
ist. Sie gibt in wenigen Worten die Grundzüge seiner textkritischen 
Methode. 

Auch hier kämpft er bereits gegen den Mißbrauch der Kon- 
jektur, den so viele Emendatoren getrieben haben. Neque enim 
eorum indastriam unquam laudare potiü, qiü, his praesidüs [sc. 
librorum mss] destituti, ad nodos coniecturas cUlabuntur et sola 
ingenii fiducia quosvis auctores emendare aggredUmtur. Ebenso 
scharf spricht er sich im Widmungsschreiben der Vegetiusausgabe 
von 1580 dagegen aus: . . . sine quibus [sc. libris mss.] nugas agat 
et temere adeo faciat meo quidetn iudicio, qui auctorem aUquem 
recensendum in manus sumat. enim periculosa est semper in alieno 
opere nimia diligentia: tantoque periculosior quanto is, qui in tali 
negotio versatur, eniditione et ingenio excellit aut certe excellere 
postulat. 

Ähnliche Äußerungen ließen sich namentlich noch aus den Nov. 
Lect. anführen. Besonders der 25. Brief, den er am 22. April 1582 
an Janus Gulielmus geschrieben hatte, ist von Reiz und Interesse; 
Modius verwahrt sich darin ausdrücklich gegen den Vorwurf, die 
Arbeit der Leute würde von ihm unterschätzt, qui, iudicii bonitate 
Ingenii felicitate subnixi memoriaque multarum rerum et eniditione 
plurima ac assidua tractandi bonos scriptores consuetudine confir- 
mata adiuti, quam phirimos sibi auctores emaculatis, quae passim 
in iis contaminata occurrebant, demerendos existimarunt^) Sein 
Eifer gelte nur denen, qui sola ariolandi fiducia nitentes scriptorem 
aliquem in integrum restituendum suscipiunt Die Konjektur sei 



den auch mir unbekannt gebliebenen Verfasser zu nennen: Vere de illo quidam 
cecinit, 

>) Nov. Lect 119. 



Modius als Handschriftenforscher. 55 

wohl ein in gewissen Fällen erlaubtes und notwendiges, aber doch 
immer mit äußerster Vorsicht und Beschränkung zu gebrauchendes 
Mittel in manuscriptomm et veterum codicum inopia. Eben um 
diesem Mangel abzuhelfen, suchte er von Jugend an möglichst viele 
und gute Handschriften kennen zu lernen. 

Wohl verstand er es im allgemeinen, den Wert bezw. Unwert 
einer Textquelle zu erkennen, oder vielmehr herauszufühlen, aber, in- 
sofern er nicht aber die Zeitanschauungen hinauskonnte und zu einem 
wirklichen Verständnis der Oberlieferung in allen ihren Bedingungen 
nicht sich durchzuringen vermochte, mußte sein Verfahren unvoll- 
kommen bleiben und im Eklektizismus verharren. Modius' Ausgaben 
entstanden weder auf Grund einer systematischen Abwägung der ge- 
samten Handschriften, noch durch bloßen Abdruck einer einzigen 
bestimmten Handschrift, sondern so, daß ein älterer gedruckter Text 
zugrunde gelegt und unter Bevorzugung bald dieser bald jener Hand- 
schriften verbessert wurde. Ober die größeren Veränderungen wurde 
in besonderen Noten Rechenschaft abgelegt, nur kleinere, ihm un- 
bedeutend oder selbstverständlich scheinende stillschweigend vor- 
genommen: satis habeat lector, nihil temere aut sine librorum 
auctoritate m hoc nostra editlone tentari aut loco suo moverl, 
ceterum iisdem Ulis libris suadentibtis adeo multa, partim emendata, 
partim genuinae venustati restituta, ut Notae hae fines suos longe 
excessurae sint, si non, silentio transmissis levioribus, eorum tantum 
mentionem hie faciam, quae vel momenti maioris vel certe minus 
certa et hoc nomine aliorum quoque iudicio subiiciunda videantur.^) 
Waren wirklich einmal Konjekturen nötig gewesen, so betonte er das 
in den Anmerkungen mit besonderem Nachdruck. Sehr oft wagte 
er es jedoch nicht, sie in den Text selbst zu setzen, wenngleich sie 
ihm persönlich gut erschienen. Und auch handschriftliche Lesarten, 
die er billigte, nahm er oft nicht auf, weil er die Möglichkeit einer 
anderen Auffassung einsah. 

Eines Urteils über die Güte seiner Verbesserungsvorschläge 
enthalte ich mich; es sind viele Falschheiten mit anerkannt glänzen- 
den Emendationen gepaart. Nur vor der ungeschichtlichen Verächt- 
lichkeit wäre wohl zu warnen, mit der moderne Gelehrte über die 
Art dieser älteren Forscher aburteilen. 

Da der Hauptwert der modianischen Arbeit für die heutige Text- 
kritik darauf beruht, daß er uns von vielen, höchst wichtigen, jetzt 



») Not in Vcgetium p. 28. 



56 P* Lehmann, 

aber schmerzlich vermifiten Handschriften Nachricht gegeben hat, wie 
von den Justinuscodices aus Fulda, dem Silius Italiens aus Köln u. a., 
so lassen wir ein kurzes Wort über die Glaubwürdigkeit folgen, 
die seine Angaben über handschriftliche Lesarten verdienen. 

Am wenigsten kann man aus den von ihm konstituierten Texten 
selbst gewinnen, da hier oft das Gut älterer Editionen und mehrerer 
Handschriften vermengt ist Es ist nur dann im allgemeinen mög- 
lich, festzustellen, ob eine Lesart aus irgend einem Codex stammt, 
wenn man alle Lesarten ausscheidet, die aus Ausgaben genommen 
sein können; dies ist mühsam, aber möglich, da er die von ihm be- 
nutzten Editionen meist namentlich anführt Es ist jedoch ratsam, 
hierbei alle Exsilentioschlüsse auf Übereinstimmung der benutzten 
Handschriften mit den Drucken zu vermeiden, da Modius eklektisch 
vorgeht Ist erst einmal die Klassenzugehörigkeit des Manuskriptes 
durch Betrachtung der Noten bestimmt, so läfit sich allerdings oft 
mit einiger Wahrscheinlichkeit die Herkunft der einzelnen Lesung 
bestimmen. 

Reichere Ausbeute geben die den Ausgaben beigefügten Noten. 
In ihnen handelt es sich zumeist um einzelne Wörter, zu denen 
Varianten notiert werden. In diesem Falle ist Modius durchaus zu- 
veriässig, wenn sich auch hie und da einmal Ungenauigkeiten fmden 
lassen: es ist nur zu bedauern, daß er die Handschriften nicht immer 
genau bezeichnet, obwohl er oft mehrere nebeneinander benutzt; nicht 
selten sagt er weiter nichts, als daß er die Lesart aus membranae. 
Über. ms. etc. (s.u.) genommen habe. 

Dieselbe Glaubwürdigkeit gebührt auch den Varianten, die er 
in den Nov. Lect. für einzelne Wörter beibringt. 

Schwieriger wird die Sache, wenn er, wie namentlich in dem 
eben zitierten Werke, umfangreichere Stücke aus den Handschriften 
vorführt Er stellt hier der Vulgata einen Text gegenüber, der nur 
scheinbar ganz und gar aus den Handschriften entnommen, in Wahr- 
heit nur an einigen Stellen mit ihrer Hilfe gereinigt ist. Man hat 
demnach einmal zu sehen, welche Ausgabe er zugrunde legt und 
dann, worauf es ihm bei der Emendation besonders ankommt Zu- 
weilen erlaubt er sich Konjekturen nach Anleitung der handschrift- 
lichen Lesart, betont es aber fast stets ausdrücklich. 

Einer der wenigen modernen Gelehrten, die Modius' Angaben 
mit Wohlwollen und Verständnis benutzt haben, ist H. Blaß. Ihm 
\ erdanken wir eine Prüfung des modianischen Verfahrens für Censo- 
rinus und Silius Italiens, die allgemeine Gültigkeit beanspruchen darf. 



Modius als Handschriftenforscher. 57 

Es sei deshalb das Endergebnis seiner Untersuchung mitgeteilt, das 
fflr alle, die mit Ausgaben des Modius arbeiten wollen, von maß- 
gebender Bedeutung isti^ 

»Die Veranlassung für Modius in seinen Nov. Lect. eine Stelle 
zu besprechen, ist so gut wie ausnahmslos die, daß die ihm vor- 
liegende Handschrift Besseres bot Wenn er die Vulgata in seinen 
gereinigten Text wieder aufnimmt, so folgt daraus nicht, daß so auch 
der Coloniensis biete, sondern nur, ^ daß er eine Änderung sachlich 
nicht für geboten erachtete; ändert er die Vulgata, so folgt nur, wo ein 
positives Zeugnis, welches die einzusetzenden Worte namentlich aus- 
hebt, vorhanden ist, mit Sicherheit, daß dies Eingesetzte im Coloniensis 
stehe, mit der Reserve, daß ein richtiges Wort vielleicht in etwas 
veränderter Wortform gegeben ist. Wo dieses Zeugnis fehlt, folgt, 
da Modius, wenn auch sehr vereinzelt und in verschwindend kleiner 
Anzahl, ohne es zu erwähnen, Konjekturen von sich bringt, nur mit 
überwiegender Wahrscheinlichkeit, daß die gegen die Vulgata vor- 
genommene Änderung auf den Coloniensis zurückgehe Ober 

die ,bona fides' aber ist ein Zweifel nicht zulässig." 



3. Die benutzten Handschriften. 

Ehe ich dazu übergehen kann, von den einzelnen durch F. Modius 
benutzten Bibliotheken und Handschriften zu sprechen, muß ich noch 
einige mehr allgemeine Erörterungen vorausschicken. 

Modius' Forschungen verdanken wir, wie bereits erwähnt, die 
Kenntnis von Lesarten verschiedener wertvoller nunmehr veriorener 
Handschriften. Nur dann aber können wir aus diesen Angaben wirk- 
lichen Nutzen für die Textkritik ziehen, wenn es uns gelingt, über 
Herkunft, Alter, Schrift und dergl. der betr. Codices Genaueres zu 
ermitteln. Leider sind Modius' Handschriftenbeschreibungen 
ziemlich dürftig, wenn sie auch einige Vorzüge vor anderen zeit- 
genössischen aufweisen. Einen Vorzug seiner Art und Weise erblicke 
ich darin, daß er uns in den meisten Fällen über die Herkunft seiner 
Handschriften unterrichtet. Die dabei gebrauchten Ausdrücke, die ich 
nachher zu zitieren Gelegenheit haben werde, geben nur selten be- 



1) Fleckeisens Jahrbücher für PhUologie etc., Supplementbd. VIII (1875) 
S. 1941 



58 ^* Lehmann, 

sondere Rätsel auf. Allerdings redet er manchmal ganz allgemein 
von einem liber Coloniensis, Bonnensls etc., ohne die eigentliche 
Aufbewahrungsstätte in den genannten Orten anzugeben, ebenso wie 
er bei Benutzung mehrerer Handschriften desselben Textes nicht immer 
die Lesarten nach ihrem Ursprünge aus diesem oder jenem Exemplar 
scheidet 

Das Äußere wird oft nur sehr mangelhaft geschildert Meist 
gebraucht er nur die wenig besagenden Bezeichnungen: manu ex- 
aratus codex, liber scriptus oder liber manuscriptus (ms), exemplar 
scriptum und ähnliche, besonders häufig: membranae und Über oder 
codex membranaceus. Der eigentlich in letzteren Wörtern liegende 
Begriff des Pergamentenen ist schon frühzeitig sehr abgeschwächt. 
Bei vielen Gelehrten vor und nach Modius ist membranae gleich 
Handschrift überhaupt^) Bezeichnet nun Modius im allgemeinen mit 
jenen Ausdrücken wirkliche Pergamentcodices und redet er anderseits 
zuweilen gewissenhaft von chartacei, so läßt er sich doch auch nach- 
weislich in einem Falle die ungenaue Anwendung zu schulden kom- 
men, wenn er die Komburger Papierhandschriften der Pliniusbriefe 
membranae nennt. Sehr ungenau sind Modius' Alters- und Schrift- 
bestimmungen. Adjektive wie vetus, antiquus wollen nichts besagen. 
Sie werden ohne Unterschied für Handschriften des 9. — 13. Jahrh. 
gebraucht, nicht aber, wie es sonst wohl vorkommt, für noch jüngere. 
Mehr bedeutet es, wenn er im Superiativ redet, z. B. die Fuldaer 
Justinhandschriften antiquissimae membranae, den aus dem 7. Jahrh. 
stammenden Censorinus des Kölner Domes einen liber mire antiquus 
nennt Es entging ihm nicht, daß sich die Handschriften von Fulda 
und namentlich die der Kölner Dombibliothek im allgemeinen durch 
hohes Alter vor anderen von ihm benutzten Sammlungen aus- 
zeichneten. 

Ober die Schrift der Codices schweigt er eigentlich ganz und 
gar, zuweilen gebraucht er allerdings den Terminus scriptura longo- 
bardica, ohne aber damit eine besondere Gattung zu bezeichnen. 
Man redet schon zu Erasmus' Zeiten von .langobardischer Schrift** 
und meinte damit eine in ihren Zügen auffallende wie z. B. die In- 
sulare.«) Vielleicht schließt sich Modius dieser Anwendungsweise an, 



>) Membranae bedeutet seiner ursprünglichen Bedeutung nach (und bei Mo- 
dius oft) nur eine Handschrift 

>) Vgl. L Traube in den SB. d. k. b. Akad. d. Wiss. 1900 S. 469 ff. und in den 
Abh. d. k. b. Akad. d. Wiss. m. Kl. XXIV 1 S. 25. 



Modius als Handschriltenlorscher. 59 

wenn er die eine Fuldaer Justinhandschrift Longobardka littera 
scriptus nennt. In anderen Fällen aber scheint er jede Minuskel- 
schrift .langobardisch" zu nennen.^ 

Die Unvollkommenheit der Handschriftenbeschreibung ist weniger 
ein individueller Mangel des Modius als ein allgemeines Zeitgebrechen. 
Erst mit Mabillon beginnt die theoretische und systematische Paläo- 
graphie. 



Auf den folgenden Blättern stelle ich die einzelnen von Modius 
benutzten Handschriften zusammen, indem ich zuerst die bestimmter 
Klöster und Stifter, dann einiger privater und schließlich verschiedener 
nicht genannter Sammlungen in alphabetischer Reihenfolge bespreche. 
Ausgeschlossen sind, wie schon oben bemerkt, diejenigen von Modius 
besuchten Bibliotheken, aus denen wir keine Handschriften bei ihm 
nachweisen können. Der Besprechung der Codices schicke ich je- 
weils einen kurzen Oberblick über die anderweitigen Benutzungen 
und die letzten Schicksale der Bibliotheken voraus. 

A. Handschriften aus Kloster- und Stlftsblbllotheken. 

BAMBERG. 
Dominikanerkloster. 

Die Geschichte der Bibliothek dieses Klosters ist noch nicht 
untersucht; doch auch wenn das geschehen wäre, würde man wohl 
kaum erfahren haben, daß irgendwelche Handschriften dieser Samm- 
lung jemals eine Rolle in der Geschichte der V^ssenschaft gespielt 
hätten. Soweit ich weiß, ist Modius der erste und einzige Gelehrte 
älterer Zeit, der von der Dominikanerbibliothek öffentlichen Gebrauch 
gemacht hat 

Ober den einstigen Bestand und etwaige Veriuste ist man schlecht 
unterrichtet Die einzigen Entfremdungen, von denen ich weiß, 
knüpften sich an den Besuch des berüchtigten Maugerard, durch 
den 1795/96 einzelne Bücher dieses Bamberger Konventes nach Gotha 
verkauft sind.«) 



>) In der scriptura langobardica erscheinen ihm die Buchstaben s und r 
leicht verwechselbar, vgl. z. B. Nov. Lect 2 u. 25. — Vgl. über Modius' Verwendung 
des Ausdruckes auch unten. 

«) Traube und Ehwald in den Abh. d. IIL Kl. d. k. bayer. Ak. d. Wiss. XXIII. Bd. 
IL Abt. S. 328, 349 u. 369. 



60 P- Lehmann, 

Bei der Säkularisation fanden sich 336 Handschriften des 11. bis 
16. Jahrhunderts vor,^) meist scholastische Literatur enthaltend. Der 
wertvollste Codex kam nach München (lat. 4460), die übrigen wurden 
der königlichen Bibliothek zu Bamberg überwiesen. 

Die von Modius benutzte Handschrift ist nicht mehr vorhanden.') 
Ob er noch andere Handschriften der Dominikaner oder auch anderer 
Klöster und Stifter Bambergs gebraucht hat, wissen wir nicht Es 
ist aber sehr wahrscheinlich, da er in den Jahren von 1581 — 1584 
häufig nach Bamberg gekommen ist, so daß ihm z. B. die Dom- 
bibliothek kaum entgangen sein dürfte. 

Die von Modius herangezogene Handschrift enthielt: 

Valerius Maximus dictorum factorumque memorabilium libri. 

Auf S. 296 der Nov. Lect schreibt er: ... Cum naper Barn- 
bergae bibllothecas more mihi solenni excuterem eiusque exemplar 
scriptum ibidem apud Dominicanos eruissem, operam lusurum me 
non existimarem, si illud adPighianam editionem^) diligenter com- 
pararem . . . und er teilt dann im 54., 96. und im 128. Briefe zu 24 Valerius- 
stellen Lesarten des Bambergensis mit Die Mitteilungen sind weder 
in älterer noch in neuerer Zeit von den Herausgebern berücksichtigt 
worden. Soweit es Modius' Angaben erkennen lassen, hat man den 
Bambergensis zu Kempfs^) ,codices deteriores' zu rechnen. Bemerkens- 
wert ist, daß er Kempf ed. min. p. 11, 25 sqq. mit den beiden besten 
Handschriften A und L geht und sich von der Interpolation aller 
übrigen Handschriften frei zeigt 

BONN. 
Ungenannte Bibliothek, 

In der Vorrede und in den Noten der Ausgabe von Vegetius 
de re militari erwähnt Modius häufig einen Über Bonnensis, von 



1) Vgl. Jaeck, Beschreibung der öffentlichen Bibliothek zu Bamberg, NOra- 
berg 1831 f., I p. UV, U p. LXX sq., CXXV sq. und aufierdem Chr. von Murr, Merk- 
würdigkeiten der fUrstbischOflichen Residenzstadt Bamberg, Nürnberg 1799, S. 130 
bis 134. 

*) Es befindet sich allerdings jetzt eine Valeriushandschrift in Bamberg 
(M.V. 11 saec. XIII). Diese entstammt jedoch der Dombibliothek. 

*) Antwerpen 1567. 8». 

^) Größere Ausgabe, Berlin 1854; Ideinere, verbesserte Ausgabe, Leipzig 
(Teubner) 1888. 



Modius als Handschriftenforscber. 61 

dem ihm der Dechant Jacobus Campius^) eine Abschrift verschafft 
habe. Die Annahme liegt nahe, daß der jetzt verschollene Codex 
damals im Besitze des dem Campius unterstellten Münsterstiftes') 
war. Es scheinen sich gar keine unmittelbaren Reste dieser Samm- 
lung erhalten zu haben. Ihre einstige Existenz geht aus einer Er- 
wähnung in Schultings .Bibliotheca ecclesiastica" , Köln 1599, 
11,13 und aus der Abschrift der Bollandisten in Brüssel 4495 
(6828—69) hervor. 

Eine genaue textkritische Würdigung des Bonnensis ist deshalb 
möglich, weil sich die eigenhändige Kollation des Modius erhalten 
hat. Ich fand sie in dem Exemplar der modianischen Ausgabe von 
1580, das der Universitätsbibliothek München (Polit 302, 8<>) gehört 

Das ganze Buch ist mit Papier durchschossen, und auf diesem wie 
am Rande der bedruckten Blätter sind von zwei Händen des 16. Jahrh. 
Varianten zum 1. Buche eingetragen. Was ich bereits beim ersten 
Anblick vermutete, bestätigte sich bei genauer Schriftveigleichung, 
in der mich mein Freund Ch. H. Beeson unterstützte: Die meisten 
Vermerke — und zwar sind es die Lesarten, denen ein B beigefügt ist, — 
rfHiren von keinem anderen als Modius her. Das Zeichen B wird 
auf einem dem Prologe vorgesetzten Blatte als M. S. Bonriesis er- 
klärt. Andere als textkritische Bemerkungen finden sich nur ver- 
einzelt 

Die Kollation macht den Eindruck großer Sorgfalt, selbst ortho- 
graphische Abweichungen scheinen genau angegeben zu sein. 

Die Einordnung der Handschrift, die C. Lang«) nach den Mit- 
teilungen in Modius' gedruckten Noten vorgenommen hat, erweist 
sich als durchaus richtig. Der Bonnensis steht P, dem Perizonianus 
F 17 s. XI in Leiden, außerordentlich nahe. Ja, es erscheint mir sogar 
als höchst wahrschemlich, daß die Handschrift des Perizonius, die erst 
seit dem 18. Jahrhundert in Leiden liegt, mit der Bonner unseres Modius 



>) In der Biographie ist Campius bereits mehrfach als Modius' Freund und 
Beschützer erwähnt Er war seit 1576 Dechant des Cassiusstiftes in Bonn, zeit- 
weiUg Vizekanzler des Köhier Kurerzbischofs und starb 1604 als Protonotar des 
geistlichen Konsistoriums zu Mainz. Seine wissenschaftlichen Interessen lagen auf 
dem Gebiete der Inschriftenkunde. Vgl. Freudenberg in den Bonner Jahrbüchern 
XXDC/XXX 94 ff. und XXXDC/XL 175 ff. sowie R. Pick in den Annalen des historischen 
Vereins für den Niederrhein 1884 S. 76 und F. Falk, Bibelstudien u. s. w. in Mainz, 
Mainz 1901, S. 103 f. 

«) Vgl Neues Archiv d. G. f. ä. d. Geschichtskunde XIU (1888) S. 147 ff. 

*) In der Teubnerausgabe, Leipzig 1885, p. XU. 



62 P- Lehmann, 

identisch ist Ihre Herkunft aus Deutschland ist durch die alten Glossen 
gesichert; eine eigentliche Provenienznotiz befindet sich nach gütiger 
Mitteilung von Herrn Direktor S. G. de Vries in ihr nicht 

Von den verschiedenen Vegetiusau^aben, die Modius in seinem 
Bücherverzeichnisse von 1588 beschreibt, ist wohl die mit dem 
Münchener Exemplare gleichzusetzen, die er als 

V^etius etc. Ed. nostra coUata ex parte et cum Charta 8° 

bezeichnet >) In der Tat enthält ja der vorliegende Druck nur ftlr 
das erste Buch eine handschriftliche Kollation {coUata ex parte) und 
ist mit Papier {cum Charta) durchschossen. 

Es ist mir unklar geblieben, wie das Buch nach München ge- 
langt ist Da6 es schon vor Modius' Tode aus seinen Händen kam, 
dürfte der wohl noch aus dem 16. Jahrh. stammende Vermerk auf dem 
Titelblatte zeigen: 

Sam loannis Masil Müntzli Baccharacensis P. A^ 95 4 Cal. lunii. 

Ich möchte hier noch eine Bemerkung daran anknüpfen, dafi 
Modius in der Kollation seine Handschrift sigillatim mit B bezeichnet 
Wir haben da ein frühes Zeugnis für den uns jetzt selbstverständlich 
scheinenden Gebrauch, in den kritischeu Apparaten die Handschriften 
durch einzelne Buchstaben zu unterscheiden. Wer jemals L. Traube 
über solche scheinbar gleichgültigen Dinge hat reden hören, weiß, 
daß ihre Geschichte oft die Entwicklung der Philologie überhaupt 
illustriert. Er meinte, nach Poliziano, dem eigentlichen Philologen 
des italienischen Humanismus, der seine beiden Ovidhandschriften 
kurz als a und b bezeichnete, hätten erst der Bischof Pontacus (f 1604) 
und ihm folgend Scaliger im .Thesaurus temporum" von 1606 den 
Gebrauch wieder aufgenommen. Das ist nicht ganz richtig. Mag 
immerhin Scaliger derjenige gewesen sein, durch dessen Autorität die 
Einbürgerung erfolgt ist, auch er steht schon in einer Tradition. 
Lange vor Erscheinen seines großen Werkes und auch noch vor 
Modius verfuhr Theodor Poelmann so. Z. B. gebrauchte er in seiner 
Ausoniusausgabe, Antwerpen 1568, für die Texteszeugen in Kürze 
die Anfangsbuchstaben: M, C, G, V, P. 



^) Vgl. Lang a. a. O. p. XXXIII und Steinmeyer, Althochdeutsche Glossen 
IV 477 f. 

«) Vgl. Serapeum XIV 103. 



Modius als Handschriftenforscher. 63 

B R U E G G E. 
Ungenannte Bibliothek, 

In den Noten zur Curtiusausgabe werden dreimal (S. 154 f., 
161, 176) Lesarten (zu Vffl 11,24; 1X3,10; X2,10) aus membranae 
Brugenses angeführt, die dem Herausgeber, anscheinend nachträglich, 
von Carolus Utenhovius^) zugeschickt worden sind (S. 154f.). Aus 
welcher Bibliothek, ob aus einer öffentlichen, d. h. geistlichen, oder 
einer privaten, der Codex stammt, wird leider nicht gesagt. Man 
ist versucht, ihn mit dem in der Vorrede erwähnten liber Thosanus 
zu identifizieren, da sich die Bibliothek von Ter Doest damals viel- 
leicht bereits in Brügge befand. Gegen diese Annahme spricht jedoch 
Modius' Behauptung Nov. Lect. 188, dafi er persönlich in Ter Doest 
selbst gearbeitet habe.*) 

Ob nun der Brugensis dem Thosanus gleich zu setzen ist 
oder nicht, jedenfalls ist es ein handgreiflicher Fehler, wenn einige 
verdiente Curtiusforscher älterer und neuester Zeit die Brügger 
mit einer vermeintlich Speierer Handschrift identifizieren. Der 
Irrtum stammt von H. Snakenburg, der in der Vorrede seiner 
Ausgabe (Leiden 1724) schreibt: Modius usus est Codice Spirensis 
Abbatiae a. V. CL Utenhovio ipsi misso, quas etiam membranas 
Brugenses vocat, utpatet ad IIb. VIII 11, 24. Über Zumpt und Mützell 
hat sich diese seltsame Angabe bis in die vorzügliche »Etüde sur 
Q. Curce* von Dosson, Paris 1885, verpflanzt (S. 356). — Die Ent- 
stehungsgeschichte des Versehens ist lehrreich genug: M. Rader zitierte 
in seinem Curtiuskommentar (Köln 1628) häufig die Lesarten eines 
»Spirensis*. Da er diesen nun dreimal die gleichlautenden Varianten 
der membranae Brugenses Modii zur Seite stellte und sich dabei 
etwas unklar ausdrückte, setzte Snakenburg Raders „Spirensis*" und 
Modius' »Brugensis* gleich. Bei diesem ohnehin schon leicht- 
fertigen Verfahren beging er insofern ein grobes Versehen, als es sich 
in dem einen Falle nicht um Lesarten einer Handschrift, sondern 
eines Druckes handelte. Rader bezeichnete mit „Spirensis* nämlich 
die um 1470 bei Vindelinus Spirensis in Venedig gedruckte Ausgabe. 
Schon die Nebeneinanderstellung des „Spirensis* und „Aldinus* an 
der für Snakenburg maßgebend gewesenen Stelle (S. 55), femer die 
ausdrückliche Bemerkung Raders, nur 3 Handschriften: eine Konstanzer 



») 1546—1600; van der Aa a. a. O. XVIII (1874) S. 34, 
') Und auch die Bemerkung, die Ter Doester Handschrift olim verglichen zu 
haben (s. u.). 



64 P. Lehmann, 

und zwei bayerische benutzt zu haben, hätte ihn vor dem Iirtume 
bewahren sollen, der allerdings anderseits durch den S. 55 fOr den 
Spirensis gebrauchten Ausdruck antiqaissimus codex erleichtert wurde. 
Wie so oft in älterer Zeit ist auch hier codex nur gleich Buch.^) 

FULDA. 
Benediktinerkloster, 

Für Fulda liegen bereits zwei Arbeiten vor, die in Verbindung 
mit der Geschichte der Bibliothek eine Übersicht über ihre Benutzung 
seit den Tagen des Humanismus zu geben versuchen: 

1. A. Ruland, Die Bibliothek des alten Benediktinerstifts zu 
Fulda, Serapeum XX (1859) S. 273—286, 289—298 und 305—317. 

2. F. Falk, Beiträge zur Rekonstruktion der alten Bibliotheca 
ftildensis und Bibliotheca laureshamensis, 26. Beiheft zum Zentralbl 
f. Bibliothekswesen (Leipzig 1902) S. 4—24 und 76. 

Beide Aufsätze sind durchaus nicht fehler- und lückenlos. Trotz- 
dem möchte ich mit den mir möglichen Berichtigungen und Er- 
gänzungen warten und es überhaupt noch unterfassen, von der Be- 
schäftigung der Humanisten mit Fuldaer Handschriften zu sprechen. 
Bei der Beschränkung, die mir die Absicht dieser Arbeit auferiegt, 
einerseits und der Stoffmasse und Problemenfülle des Themas: Fuldas 
Bibliothek und die gelehrte Welt andererseits wäre es nicht mög- 
lich, hier eine Darstellung zu liefern, die nicht in gleicher Weise wie die 
genannten Arbeiten Rulands und Falks den Stempel des Notizenhaften 
und Unverarbeiteten trüge. Gewiß kann auch bei meinen Be- 
sprechungen der übrigen Bibliotheken nicht von Vollständigkeit die 
Rede sein, aber dort liegt die Sache insofern anders, als es sich um 
erste Versuche handelt. Ich verzichte um so mehr darauf, als ich in 
einer vorbereiteten Abhandlung über den Kreis des Erasmus von 
Rotterdam Gelegenheit haben werde, die Versäumnis nachzuholen. 

Die Notwendigkeit einer sorgfältigen Zusammenstellung und 
Verarbeitung aller Nachrichten über die Fuldaer Handschriftensamm- 
lung dürfte jedem Forscher klar sein, der sich mit dem Mittelalter, sei 
es als Philologe, sei es als Historiker, beschäftigt Die Notwendig- 
keit ergibt sich aus der Bedeutung Fuldas als eines der hervor- 
ragendsten geistigen Mittelpunkte Deutschlands im Mittelalter und den 
traurigen, unaufgeklärten Schicksalen der Bibliothek, durch die sich 
eben die kulturelle Bedeutung des Klosters am klarsten erweist 



*) Vgl. unten. 



Modius als Handschriftenforscher. 55 

Aufier fragmentarischen mittelalterlichen Katalogen ^) besitzen wir 
ein sehr umfangreiches Verzeichnis aus dem 16. Jahrhundert*) Man 
liest dieses wertvolle Dokument nur mit schmerzlichen Empfindungen; 
denn: wo sind jetzt die ca. 800 Bände Handschriften, die dort auf- 
gezählt werden? Bisher hat man nicht emmal den 10. Teil davon 
nachweisen können. Es befinden sich Fuldenses in Basel, Cassel, 
Frankfurt a.M., Fulda, Göttingen, Hannover(?), Leiden, Mai- 
land, MerseburgC?), Modena, Paris, Rom, Vercelli und Wien(?).«) 
Die Geschichte der Bibliothek ist eben so dunkel wie ihr gegen- 
wärtiger Bestand lückenhaft. Nur von wenigen der in den aufgezählten 
Orten liegenden Codices Fuldenses ist es bekannt, wie und wann sie 
aus Fulda fortgekommen sind. Inwiefern die Nachrichten über Be- 
suche der Fuldaer Bibliothek in älterer Zeit geeignet sein können, zur 
Aufhellung des Dunkels zu dienen, das über dem Schicksale der 
Sammlung liegt, habe ich bereits im Vorworte angedeutet. 

Mindestens ebenso wertvoll ist die Benutzung der Bibliothek 
durch Philologen früherer Jahrhunderte aber dadurch geworden, daß 
wir auf diese Weise Kunde von hervorragenden Codices bekommen 
haben, die in der Folge verloren gegangen sind. 

Betrachten wir nun, was wir von Modius' Arbeiten in Fulda 
wissen und welchen Wert sie für die Wissenschaft haben. 

Die Tatsache seines Aufenthaltes in Fulda war von jeher be- 
kannt und ist natürlich weder Ruland noch Falk entgangen. Aber 
beider Berichte sind durchaus unzulänglich; Falk hätte sicheriich 
vorsichtiger gehandelt, wenn er nicht von Modius als , einem den 
Philologen sattsam bekannten Gelehrten* gesprochen hätte. In 
seinem kurzen Artikel*) über Modius nennt er keine der von diesem 



>) G. Becker, Catalogi bibliothecanim antiqui, Bonn 1885, nr. 13, 14 und 128; 
dazu kommt nun noch das Fragment in Basel F. in 15^, das trotz P. v. Winter- 
felds Veröffentlichung in der Festschrift für Johannes Vahlen, Berlin 1900, S. 403 
recht wenig beachtet worden ist, und schliefilich das gewiß mit Fulda zu ver- 
bindende, bislang noch unveröffentlichte Verzeichnis im Bodleianus Land. Mise. 126, 
auf ^ mich mein hilfreicher Freund L Bertalot aufmerksam gemacht hat, der 
seinerseits den Hinweis L Traube verdankt 

*) 1812 durch Kindlinger zuerst, jetzt besser von C. Scherer als Beilage zu 
der angefahrten Arbeit von Falk S. 89—111 verOffentUcht 

*) Vgl die allerdings nicht durchaus zuverlässige Zusammenstellung von Falk 
a. a. O. 24—42. 

^ A. a. O. 14 f. 
QncUcn n. Untcnnch. 1. Ist PhUologle des MA. m, 1. 5 



66 ^' Lehmann, 

benutzten Handschriften, bei anderen Gelegenheiten ^) verweist er 
ganz flüchtig auf die Tertullianus- und die Liviushandschrift. 

Falk*) und Ruland') notierten einmal Modius' Eintrag in sein 
Enchiridion: 23. Sept. 84 Francofurto cum nobUi Rhenano Spies toi 
Fttldam. 26. Sept. veni Fuldam, ubi excussi biblioüiecam illamnobUem 
usque 12. Decembris 1584. HabUabam Fuldae e regione Jesaitarum 
apud institorem Philippum Mentz. 

Femer führten sie*) einen Satz aus der Vorrede von Modius' 
„Pandectae triumphales", Frankfurt 1586, an, der, wie folgt, lautet: 
qui [sc. Erasmus Neustetterus] me ita, ut scis, triennio doml sitae 
habiüt, ut filio praestare amplius nihil potuerit; discedentemque . . . 
eo viatico prosecutus est, quod non tantum ad iter Belgicum 
abunde mihi suffecit, verum etiam ad visendas bibliothecas aliquot 
nobiles et inprimis Fuldensem illam tota Europa celeberrimam, ubi 
per menses etiam aliquot (antiquissimorum voluminum causa, quae 
partim exscripsi, partim cum cusis exemplaribus contuli) substiti. 

Neue Nachrichten über den Besuch glaubte ich, wie man ver- 
stehen wird, in Modius' Briefen finden zu können. Leider haben die 
Funde den Erwartungen nicht ganz entsprochen, da gerade einige der 
wichtigsten Briefe, die genauere Angaben enthalten zu haben scheinen, 
verschollen sind. Johannes Posthius wußte von der Exkursion, er 
teilte am 12. November 1584 Camerarius mit:^) Modius noster e 
nundinis proximis in Fuldam se bibliothecae causa contulit, ubi 
adhuc lotet. Vermutlich hatte ihm Modius aus Fulda geschrieben. 
Dieser Brief ist jedoch ebensowenig erhalten wie der, auf den Modius 
dem Camerarius gegenüber am 21. Januar 1585 anspielte:^) 

Scripsi ad te Fulda, clarissime vir, ante septimanas sex, 

Septem De profectu Fuldae facto a me scripsi nuper, 

quae nunc non itero, ne quid videar promittere de me iactantius. 
Rein zufällig kam er aber doch noch einmal auf seine Fuldaer Tätig- 



>) A. a. O. 8 f. und 76. 

>) A. a. 0. 15, jedoch nur die Worte 26, Sept 12. Decembris 1584. 

•) Vgl. Serapeum XIV 129. XX 291 und im Archiv 21. 

^) Falle a. a. 0. 15 und Ruland, Serapeum XIV 129 zitieren nicht unmittelbar aus 
der Vorrede, sondern nach Modius' Biographen Melchior Adamus, \^tae philosophorum 
Germanorum, Heidelberg 1615, S. 427, wo die Stelle mitgeteilt wird, allerdings, als 
ob es Adams eigene Worte wären, weshalb Tür die Formen der ersten die der dritten 
Person gesetzt sind. 

») Erlangen, Coli. Trew. VI. 

•) München, Coli. Cam. XIX 128. 



Modius als Handschriftenforscher. 67 

keit in einem uns erhaltenen Briefe vom 22. Juli 1585 zurück» ^) als 
er Camerarius seine Geldnot klagte: er hätte die ihm von Neustetter, 
geschenkte Summe besonders infolge seines langen Aufenthaltes in 
Fulda fast ganz verbraucht, dum do ibidem operam collationi 
Isidori Efymologiarum, Martiani Capellae, Columellae et PcUladil 
de agricuUura, Augustini de civitate dei, openim aliquot TertulUani 
et, quod caput est: describendis Servii in Virgilium commentarUs 
ubivis hactenus vulgatis longe et uberioribus et emendatioribus. 

Ehe ich nun dazu übergehe diese, sowie die in den Ausgaben 
und sonstwo erhaltenen modianischen Angaben über Fuldaer Hand- 
schriften zusammenzustellen und zu besprechen, möchte ich noch 
einen gefährlichen Irrtum als solchen erweisen. Callewaert bemerkte,*) 
scheinbar auf Grund des Enchiridion, über Modius in Fulda: 

,11 donne aussi un catalogue des divers auteurs qu'il a trouv6s 
dans la biblioth^que, mais se contente d'une simple Enumeration de 
noms, par exemple: Raph. Volaterranus, Cyprianus, Lactantius, Ar- 
nobius. Parmi ces noms nous rencontrons: Tertullianus 4°." Es ist 
mir lange unerfindlich gewesen, wie Callewaert zu dieser Nachricht 
kommen konnte, bis mir klar wurde, daß er oder sein Münchener Ge- 
währsmann übersehen hatte, daß Modius in seinem Notizbuche erst 
alle Recto-, dann alle Versoseiten voll geschrieben hat.') Auf der 
Rückseite des Notates über den Fuldaer Besuch steht nun die Fort- 
setzung des Index librorum quibus in Pandectis triumphalibus usus 
sum und in dieser Liste werden die genannten Autoren-Ausgaben 
aufgezählt.*) Müssen wir nun zwar diese Namen aus dem Verzeichnis 
der von Modius herangezogenen Fuldaer Handschriften ausscheiden, 
so bleibt doch immer noch eine ansehnliche Zahl zurück. 

1. Augustinus de civitate dei, in jenem Briefe an Camerarius 
zitiert Daß in Fulda diese weit verbreitete Schrift nicht fehlte, wissen 
wir auch aus dem Kataloge des 12. Jahrh. (Becker 128 31—33) und 
dem des 16. Jahrh. (Rep. I or. III 11 und II or. II 14). Bisher ist keiner 
von diesen Codices wieder entdeckt. 

Modius' Beschäftigung mit Augustins Werk geht auch aus seinem 
Briefwechsel mit Weidner hervor. ^) 



1) VoUstilndig als BeUage 3 zum I. TeUe mitgeteilt. 

*) Le codex Fuldensis .... de 1' Apologeticum de TertuUien, Bniges 1902, S. 3. 
•) Vgl. Scrapeum XIV 99. 
«) Vgl. Rulands Abdntck im Serapeum XIV 123. 

*) Er hatte sich von diesem eine Ausgabe entliehen, aber zurückzugeben 
vergessen. Vgl. Stuttgart, Ms. Hist fol. 603sss und auch too. 

5* 



68 



P. Lehmann, 



2. Columella de re rustica, gleichfalls in dem Camerarius- 
briefe angeführt Trotz ihrer Dürftigkeit ist die Nachricht, dafi Modius 
1584 einen Columella in Fulda verglichen hat, von nicht geringem 
Interesse, weil sie von neuem die Berechtigung einer von L. Traube*) 
aufgeworfenen Frage dartut, in der das Hauptproblem der Ober- 
lieferungsgeschichte Columellas eingeschlossen li^ Traube sagt: 
,Es liegt in der Ambrosiana ein bisher unerkannter Fuldensis: der 
Columella L 85 sup. m insularer fuldischer Schrift,*) wie Häußner 
gezeigt hat, ist es der Codex des Poggio. Er mufi also zusammen 
mit dem Ammianus Marcellinus vor dem Jahre 1423 Fulda verlassen 
haben. Wie ist es nun zu erklären, dafi er im Kindlingerschen Kataloge 
nicht nur noch angeführt wird (repos. IX or. III 17), sondern auch gerade 
eine von den Handschriften ist, denen die frühere Signatur beigefügt 
ist?* Die Tatsache, dafi noch am Ende des 16. Jahrh. eine Columella- 
handschrift in Fulda war, läfit die Vermutung zu, dafi der Fuldensis 
in Mailand erst nach 1584 seine Schriftheimat verlassen hat und nicht 
Poggios codex Uteris langobardicls scriptus gleich zu setzen ist, aus 
dem die jüngeren italischen Handschriften abgeschrieben sind. Da 
nun aber diese jungen italischen Handschriften nahe Verwandtschaft 
mit dem Ambrosianus aufweisen, so hat man sich die Oberlieferung 
vielleicht so vorzustellen :•) 




Itali 



Ambros. 



Pctropol. 



>) Gelegentlich der Rezension des Falkschen Buches und der Neuausgabe des 
Kindlingerschen Kataloges durch Scherer, Anzeiger f. deutsches Altert XXDC (1903) S. 1. 

>) Eine Schriftprobe gibt F. Steffens, Ut. Palflographie, Freiburg 1903 bis 
1906, Tafel 103. 

*) Vgl auch Archaeological Institute of America, Supplementaiy Papers etc,. 
voL 1 190 adn. 3. 



Modius als Handschriftenforscher. 69 

L^e Modius' Kollation vor und wäre der Ambrosianus und das 
Verhältnis der Itali zu ihm genau untersucht, so würden die Schwierig- 
keiten leicht zu beseitigen sein. 

3. Diomedes ars grammatica. Dieses Werk lag schon im 
9. Jahrh. in Fulda und wurde damals von Hrabanus Maurus fQr seine 
Schrift »de arte grammatica Prisciani* exzerpiert Im 16. Jahrh. treffen 
wir zwei Diomedeshandschriften in Fulda an: Rep. X or. III 5 und 
or. rv 9, beide mit der älteren Signatur 40 or. Eine von diesen 
kollationierte Modius mit einer älteren Ausgabe, und sein Hand- 
exemplar gelangte durch Janus Gruterus an Putschius. Außerdem 
war der Augsburger Freund des Modius Marcus Welserus im Besitze 
von modianischen Notizen aus dem Fuldensis, die zuerst von Caspar 
Sdoppius in den 1597 zu Nürnberg erschienenen »Suspectae lectiones* 
hie und da verwertet wurden.^) Dann ließ sich Putschius die Papiere 
schicken, sodaß er fQr seine Diomedesausgabe in den »Grammaticae 
latinae auctores antiqui*, Hanau 1605, eine zwiefach genährte Kenntnis 
der Fuldaer Handschrift besaß. 

Auch mit diesem Fuldensis ist eine außerordenüich wichtige 
Textesquelle verloren gegangen, allerdings scheint er aus demselben 
Archetyp wie die erhaltenen Codices, von denen der Monacensis dem 
Fuldensis am nächsten steht, geflossen zu sein.*) 

4. Eutropius breviarium ab urbe condita. Die von ihm 
in Fulda gefundene Handschrift dieses Werkes bearbeitete Modius 
nicht selbst, aber er machte seinen Freund und Kollegen, den be- 
kannten Philologen Fr. Sylburg, auf sie aufmerksam. Dieser ließ sie 
sich dann unter Vermittiung eines gewissen Balthasar \^gandus schicken 
und teilte Lesarten daraus im 2. Bande seiner »Scriptores historiae 
Romanae«, Frankfurt a.M. 1588—1599, S. 902 ff. mit Die auf Modius 
bezüglichen Worte Sylburgs in der Vorrede lauten: . . . post editiones 
Schonhovii et Vinetl ad Codices Instituten id annitendum ptUavi, ut 
ipse quoque veterem librum manuscriptum alicunde impetrarem, et 
com a Francisco Modio antiquorum Ubronim diligenti scnüatore 
cognovissem, optimae notae exemplar in Fuldensi bibUotheca superesse, 
tandem eo per assiduas amicorum intercessiones sunt potitus. 



>) Sdoppius bemerkt, dafi Modius auch einige treffliche Konjekturen ge- 
macht habe. 

*) Vgl. für die ganze DarsteUung Grammatici latini, ed. Keil I p. XXXU sq. — 
Ob Modius' und Hrabans Handschriften identisch gewesen sind, und welche von 
den im Verzeichnisse genannten die benutzte ist, dürfte kaum zu entscheiden sein. 



70 ^' Lehmann, 

Weder die unvollständigen alten Kataloge, noch der grofie aus 
neuerer Zeit verzeichnen einen Eutrop, doch dürfen aus dieser Tatsache 
keine Schlüsse gezogen werden, da die Katalogtitel ziemlich dürftig 
sind und von den Miscellanbänden oft nur die erste Schrift angeben. 

Schließlich sei bei dieser Gelegenheit noch einmal mit Nach- 
druck bemerkt, daß der Fuldensis verloren und nicht mit dem Gothanus 
1101 identisch ist, wie man lange Zeit behauptet hat^ Traubes 
Forschungen >) haben den Nachweis für die Herkunft der Gothaer Hand- 
schrift aus Murbach erbracht. Die frühere Annahme findet in der 
weitgehenden Obereinstimmung des Murbacensis (Gotha I 101) und 
des aus Sylburgs Angaben bekannten Fuldensis ihre Erklärung.') 

5. Isidorus Hisp. etymologiae. In demselben Briefe an 
Camerarius, in dem Modius von der in Fulda angefertigten Kollation 
der »Etymologiae* spricht, erwähnt er auch seinen Plan, eine Aus- 
gabe des Werkes zu veranstalten.*) Wie bekannt, ist es zur Ver- 
wirklichung dieser Absicht nicht gekommen. Aber auch noch später 
hat er Material zu der Arbeit gesammelt, z. B. eine Handschrift von 
Saint-Bertin verglichen.^) Die Fuldaer Kollation dürfte als Isidorus 
et Martianus Capella collati cum MSS. et emendati a me, fol. in dem 
älteren Kataloge der modianischen Bibliothek verzeichnet sein und 
zwar erst unter den ungebundenen und dann unter den gerade neu 
gebundenen Büchern.«) Wir brauchen es wohl nicht durch Belege zu 
stützen, daß in der Fuldaer Bibliothek frühzeitig Exemplare der viel 
benutzten Enzyklopädie vorhanden gewesen sind. Vielleicht stammt 
der Isidor-Codex der Universitätsbibliothek Basel F. III 15, saec. IX, 
aus Fulda; allerdings weist er nicht dieselben Merkmale auf wie die 
anderen dortigen Handschriften, deren fuldische Provenienz Paul 
von Winterfeld nachgewiesen hat,^) namentlich fehlt die alte Signatur. 

^) Z. B. begeht Falk a. a. O 31 noch den Irrtum. 

«) Abh. der k. b. Akad. d. Wiss. IIL Kl. XXIII. Bd. II. Abt. S. 303 f., 312, 316 
und 335 f. 

*) Zur genaueren Würdigung der Handschrift vgl. die Ausgaben von W. Hartel» 
Berlin 1872, und H. Droysen in MG., Auctt. antt. IL 

*) Vgl. Beilage 3 des I. Teiles und S. 19. 

*) Vgl. unten. 

•) Scrapeum XIV 102 und 106. 

») Festschrift zu Joh. Vahlens 70. Geburtstage, Berlin 1900, S. 402. — Wir 
wissen, daß die Handschriften, deren Liste bei Winterfeld nicht voUständig ist» 
durch Remigius Fäsch (f 1666) nach Basel gelangt sind, können aber leider den 
Weg von Fulda zu Fäsch noch immer nicht überblicken. Für die naheliegende 
Vermutung, daß der eifrige Sammler auf seinen Reisen, die ihn nachweisbar nach 



Modius als Handschiiftenforscher. Jl 

Trotzdem ist die Annahme möglich, weil die Handschrift in mehr- 
facher Hinsicht verstammelt, namentlich auch mit einem neuen Ein- 
bände versehen ist, wobei die Provenienznotizen, wie z. B. der Signatur- 
zettel, verloren sein können. Die Schrift ist nicht ausgesprochen 
fuldisch, zeigt aber in den Abkürzungen und Ligaturen insularen 
Einfiufi. 

6. und 7. Justinus epitome historiarum Philippicarum 
Pompeii Trogi in 2 Exemplaren. Modius erklärt im Widmungs- 
schreiben seiner Ausgabe von 1587, er würde nach Erscheinen der 
Bongarsischen Ausgabe keine neue veranstaltet haben, wenn ihn nicht 
folgender Fund dazu getrieben hätte, das Anerbieten des Veriegers 

anzunehmen: incidit forte, ut Ftädam nobUlssimae quae ibidem 

est bibliothecae Inspiciundae causa proficiscerer^ übt cum inter alia 
vetustissimae antiquttatis monimenta cbio eiusdem Justini exemplaria 
reperissem mire bona .... 

Trotzdem ließ er mit Ausnahme der Prologe, den von J. Bon- 
garsius hergestellten Text unverändert wieder abdrucken und be- 
schränkte sich darauf, in besonderen Noten Mitteilungen aus seinen 
Handschriften zu machen, vomehmUch aus den beiden Fuldenses. 
Er bezeichnet sie häufig als besonders alt und gut, macht aber keine 
klaren Angaben über ihr Äufieres. Wenn er den einen Codex als 
Longobardica littera scriptus Justinus qui Fuldae asservatur (zu 
Prol. II 7) zitiert, so ist damit an sich nicht etwas besonders Charak- 
teristisches gesagt. Nach meinen Beobachtungen nennt Modius jede 
Minuskel „langobardisch".^) 

Man könnte allerdings daraus, daß er nur eine der beiden 
Handschriften als »langobardisch* bezeichnet, den Schluß zu ziehen 
wagen, daß es sich in diesem Falle doch um eine von der land- 
läufigen karolingischen Minuskel abweichende Schriftart handelt. 
Natüriich denkt man bei einem Fuldensis zuerst an die Insulare. Daß 
mindestens der eine der beiden Codices in jene Zeit hinaufreicht, wo 
der Grundstock der fuldischen Bibliothek durch unmittelbar von den 



Hessen geführt haben, in der Fuldaer Bibliothek gewesen wäre und dort die Bücher 
eigenhändig entwendet hätte, fehlen alle Beweise. Seine Bemerkung (Basel A. R. 
1 11 fol. 1630 ^ BibUotheca Fuiäensi, uti apparet ex fine bei Beschreibung der 
Qennanicushandschrift (Basel A. N. IV 8) würde befremden, wenn er den Codex sich 
selbst aus Fulda geholt hätte. Gelegenheiten, alte Handschriften bei Trödlern auf- 
zukaufen, gab es gerade im 17. Jahrhundert genug. — Fäsch und seine wertvollen 
Sammlungen verdienten eine eigene Untersuchung, für die in Basel viel Material liegt 
>) Vgl. oben S. 58 f. und unten S. 79. 



72 P- Lehmann, 

Inseln stammende Handschriften gebildet wurde und wo man auch 
in der eigenen Schreibschule noch ganz und gar unter irisch-angel- 
sächsischem Einfluß stand, ist aus mehreren Gründen sehr wahr- 
scheinlich; zwar nicht deshalb, weil Modius' Altersbezeichnung von 
vornherein verläfilich wäre, sondern weil sich das Vorhandensein eines 
Justinus in Fulda für die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts anderweitig 
feststellen läfit Lassen uns auch die mittelalterlichen Kataloge im Stich 
— erst im Verzeichnis von 1560 tauchen unsere beiden Handschriften 
als Rep. IX or. II 1 und III 1 mit dem unzweideutigen Titel: Über 
historiarum Pompeii Trogi auf — , so besitzen wir doch statt dessen ein 
literarisches Zeugnis, auf das ich mit einigen Worten eingehen möchte, 
zumal da es in F. Rühls feinen vorbildlichen Abhandlungen^) keinen 
Platz gefunden hat 

Nachdem ich Rühls Bemerkungen:*) »Wer würde nicht glauben, 
ihn bei Hrabanus Maurus oder Abälard oder Albertus Magnus be- 
nutzt zu finden? Und doch haben sie nicht die geringste Notiz aus 
ihm entnommen,* nachdem ich diese Worte gelesen hatte, unteriiefi 
ich es einstweilen, des großen Fuldaer Kompilators unerquickliche 
Schriften daraufhin durchzuarbeiten, bis ich auf eine Fufinote m 
E. Dümmlers Hrabanstudien stieß, wo auf die Benutzung der Epitome 
im Makkabäerkommentar hingewiesen wurde.') Und wirklich sind in 
dieses Werk zahlreiche und umfängliche Abschnitte aus Justin ein- 
gefügt, nämlich: 

lib. XII 13, 6—14, 3 (Migne CIX 1131); 
, XII 14, 6—16, 1 (Migne CIX 1131); 
, XIII 1.9 (Migne CIX 1130); 
, XXXIV 3, 5—3, 9 (Migne CIX 1177); 
, XXXV 1, 1—2, 4 (Migne CIX 1188 f.); 
, XXXVI 1, 1—1, 6 (Migne CIX 1192 f.); 
, XXXVI 1, 7—1, 8 (Migne CIX 1201); 
„ XXXVI 1, 9—1, 10 (Migne CIX 1208 f.); 
, XXXVIII 9, 2—10, 11 (Migne CIX 1209 f.); 
« XXXIX 1, 1—1, 8 (Migne CIX 1210). 



') Die Verbreitung des Justinus im Mittelalter, Leipzig 1871, und Die Teztes- 
quellen des Justinus, VI. Supplementband zu Fleckeisens Jahrbüchern für Idassische 
PhUologie, Leipzig 1872, S. 1-160. 

») Verbreitung S. 3. 

») S. 13 Anm. 4. 



Moditts als Handschriftenforscher. 73 

Außerdem finden sich zwar noch an verschiedenen anderen 
Stellen deutliche Anklänge an Justins Worte, aber das geht ohne 
Zweifel auf die Benutzung des Orosius durch Hraban zurück. 

Wie gewöhnlich, so sucht Hraban auch hier sein kompilato- 
risches Verfahren durchaus nicht zu verhüllen, er nennt mehrfach 
Justinus als Quelle.*) 

Ob und wie weit Hrabans den ursprünglichen Wortlaut nie 
verändernden Zitate die Textkritik fördern können, das zu zeigen, 
ist hier nicht der Ort, und es wäre mir zur Zeit auch gar nicht recht 
möglich, da wir noch keinen brauchbaren Text des hrabanischen 
Kommentares haben. Um wenigstens die Klassifizierung des von 
Hraban ausgeschriebenen Justinexemplares vornehmen zu können, 
habe ich eine Anzahl für mich leicht erreichbarer alter Handschriften') 
verglichen und da hat sich ergeben, daß der in Mignes Patrologie 
abgedruckte Colvenersche Text auf sehr verderbten*) Handschriften 
beruht, deren Justinvarianten nicht in Betracht gezogen werden dürfen, 
daß vielmehr Hrabans Vorlage ein sehr reiner Vertreter von Rühls 
transalpiner Klasse gewesen sein muß. Ohne Zweifel lag diese Justin- 
handschrift schon im vierten Jahrzehnt des 9. Jahrhunderts im Kloster 
Fulda, als dessen Abt seinen Makkabäerkommentar verfertigte und 
dem kaiseriichen Hofkaplane, nachmaligen Corveyer Mönche, Gerold 
widmete. 

Bei der hervorragenden Stellung, die Fulda in der Überiieferungs- 
geschichte der römischen Autoren einnimmt, ist Rühls Vermutung 
nicht von der Hand zu weisen, daß sämtiiche deutsche Handschriften 
der transalpinen Klasse (aus St Gallen, Konstanz, Weingarten, Mur- 
bach, Engelberg u. a.^) von dem Fuldaer Exemplare abstammen. Ist 
diese Vermutung richtig, dann könnten wir uns auch noch die andere 
bemerkenswerte Tatsache der transalpinen Oberlieferung geschichtiich 



*) Zuletzt hat hierüber £. Riggenbach, gesprochen; Die Ältesten lateinischen 
Kommentare zum Hebrflerbriefe, Leipzig 1907, S. 34. 

*) So Migne CIX 1130: Pompeius Trogus eiusque breviator Justinus: . . ., 
mit ähnlichen Worten 1177, 1188, 1192, 1201, 1208, 1224. 

*) Einsiedeln 185, Genf lat. 21 (vielleicht aus Murbach), München lat. 14046 
(aus S. Emmeram) und 18187 (aus Tegemsee), Zürich (Rheinau) C b. 

^) Die Korruption offenbart sich auch durch folgendes: der Druclc teih den 
Kommentar in zwei, alle meine Handschriften, mit Ausnahme der Tegemseer, in 
drd Bücher. Die Authentizität der Dreiteilung bezeugt Rudolf von Fulda in seiner 
um 850 verfafiten sog. \^ta Hrabani (Migne CVII 66). 

^) Vgl. neben Rühls Abhandlungen Manitius' Zusammenstellung im Ergflnzungs- 
heft zum XLVIL Bande des Rheinischen Museums (1892) S. 38 f. 



74 P. Lehmann, 

auslegen, nämlich die, dafi neben der deutschen eine eng mit ihr ver- 
bundene, aber doch in sich geschlossene französische Gruppe steht Da 
der Vossianus lat. Q. 32 aus Fleury, mit dem nicht ganz fest zu lokali- 
sierenden Puteaneus Jer Hauptvertreter der letzteren, deutlich auf 
irgend eines der Loireklöster als den Ausgangspunkt des französischen 
Zweiges weist, da wir bei Lupus von Ferneres eines der frühesten 
karolingischen Justinzitate finden ^ und da wir schließlich über den 
regen Handschriftenverkehr zwischen Lupus und Hrabanus, zwischen, 
um einen Namen für mehrere zu nennen, Tours und Fulda gut unter- 
richtet sind, so läßt sich ohne Gewaltsamkeit kombinieren, dafi ent- 
weder Fulda an der Spitze der ganzen transalpinen Tradition steht, 
daß von Fulda aus sowohl die süddeutschen als auch die mittel- 
französischen Stätten ihren Justintext bekommen haben, oder, dafi 
dieser sich von Tours aus in Frankreich und weiterhin über Fulda 
in Deutschland verbreitet hat. Eine genaue Untersuchung der paläo- 
graphischen und orthographischen Eigentümlichkeiten der transalpinen 
Handschriften könnte wohl die Richtigkeit oder Unrichtigkeit meiner 
Annahme erweisen. Dafi Tours oder Fulda ihrerseits das Geschichtswerk 
erst von den Inseln erhalten haben, scheint mir unfraglich zu sein. 

Kehren wir nun. nach diesem Exkurse zu Modius zurück! Gegen 
die Gleichsetzung des Hrabanischen Justinus mit einer der von Modius 
kollationierten Codices wird nichts einzuwenden sein. Leider zitieren 
beide Benutzer niemals ein und dieselbe Stelle. 

Wie schon bemerkt, stellt der moderne Herausgeber*) die 
beiden anscheinend nahe verwandten Exemplare an die Spitze der 
transalpinen Handschriftenklasse, zu der 9 noch vorhandene Codices 
des 9. und 10. Jahrh. gehören. ») Wie diese enthielten auch die 
Fuldaer die in der italischen Gruppe fehlenden Prologe und zwar in 
besonders guter Form.*) 

Aus dieser Würdigung entspringt die Verpflichtung zu möglichst 
vollständiger Heranziehung dessen, was wir an Lesarten der wichtigen 
Handschriften haben können. Dem nachzukommen, ist insofern nicht 
ganz leicht, als Modius in den Noten zum Justintexte mindestens 
5 Handschriften benutzt, aus denen er aber nur zuweilen die Fuldenses 



>) MG. Epp. VI 1, 28. 

>) Rühl, Leipzig 1886. 

*) Teztesquellen S. 87 betont Rühl mit Recht, dafi die Verwandtschaft der 
Fuldensis mit anderen Handschriften abweichende und interessante Lesarten nicht 
ausschliefit 

«) Vgl. A. von Gutschmid in Rühls Ausgabe p. LH. 



Modius als Handschriftenforscher. 75 

namentlich hervorhebt. Gesichert sind nur die Lesarten, gelegentlich 
deren er die Provenienz nennt. Von diesen 12 Stellen fehlen 3 inter- 
essante Sonderlesarten in den kritischen Apparaten von Dübner,^) 
Jeep«) und Rühl,») eine 4. fehlt nur bei Rühl: VII 6, 11; XXIV 6,9; XLIII, 
3, 11 und XII 16,5. Kaum zu bezweifeln ist der Fuldaer Ursprung 
der Lesarten, die Modius durch Ausdrücke wie nostri membranacel 
Übri scripü antiquissiml, duo mei antiquissimi. Ms. onus longe 
C!p^//iti{5 einfahrt an 6 Stellen: 16,4; 118, 2; 1114,4; VI, 6; XXIX 4, 11; 
XXXI 6, 5; die zweite fehlt bei Jeep und Rühl. Oberhaupt habe ich 
die Beobachtung gemacht, daß Rühl trotz seiner außerordentlichen 
Hochschatzung der Fuldenses die modianischen Angaben nur flüchtig, 
vermutUch nur indirekt, benutzt hat Von den oben zitierten Aus- 
lassungen abgesehen, notiert er manche andere bemerkenswerte Variante 
nicht, die sich in anderen Handschriften des Modius vorgefunden 
hatte.*) 

Zu den Prologen benutzte Modius offenbar nur die Fuldaer 
Handschriften und stellte in engem Anschluß an sie einen neuen 
Text her. In diesem Falle zeugen nicht nur die in den Noten an- 
geführten Stellen für unsere Handschriften, sondern auch — wenn- 
gleich mit Vorbehalt — alle Abweichungen des von Modius konsti- 
tuierten Textes von dem des Bongarsius. Von den in den Noten 
vermerkten Varianten fehlen einige bei Gutschmid: II 7; III 2,4; VIII 7; 
1X5; XIX 6. 

8. Livius rerum gestarum ab u. c. libri I — ^X. In den Noten 
der Ausgabe von 1588 werden zu sämtlichen Büchern der 1. Dekade 
mit Ausnahme des 1. und 3. etwa 70 Varianten eines ms. Fuld.^ 
membranae Fuldenses etc. mitgeteilt Die Handschrift ist heute ver- 
schollen und sonst von keinem Gelehrten älterer Zeit benutzt. — 
Die nur Theologica enthaltenden Katalogfragmente des 9. — 12. Jahrh. 
(Becker 13, 14, 128) registrieren natürlich keinen Livius. In dem 
Kindlinger-Schererschen Verzeichnisse wird die Handschrift Rep. IX. 
or. IV5: Titus Livius de rep. Üb. 10, 27 or 1. mit unserer identisch 
sein. In dieser Notiz ist die zuletzt stehende Signatur, 27 or. /, be- 



>) Leipzig 1831. 

*) Leipzig 1859. 

') Nach seinen Ausfühningen über die Ratio seiner Ausgabe p. XVII erwartet 
man größere Genauigkeit. 

^ Bei sorgfältiger Benutzung der Noten hätte er auch sehen müssen, dafi die 
durch Konjektur gewonnene Herstellung von II 4, 6 nicht von Gronovius, sondern 
von Modius stammt 



76 P- Lehmann, 

merkenswert, die nach Scherer aus dem 13./14. Jahrb. stammt mid 
dadurch einen gewissen Anhalt für das Alter des Codex gewährt 
Bei dem Rückstande der Forschung hinsichtlich der überlieferungs- 
geschichtlichen Verhältnisse der 1. Dekade ist eine sichere Wertung 
der Handschrift nicht möglich» In Zingerles Editio maiorO hat eine 
Reihe von Lesarten des Fuldensis Beachtung gefunden. 

9. Martianus Capella de nuptiis philologiae. Kollation 
und Editionsplan werden in dem Camerariusbriefe erwähnt.*) Das 
im Mittelalter sehr verbreitete Kompendium besafi Fulda im 16. Jahr- 
hundert mindestens dreimal: Rep.VIII or. IV4; IX or. III 10 (39 or.); 
II 17 (39 or). Bei der Fülle der erhaltenen, noch nicht durchforschten 
Martianushandschriften ist es nicht ausgeschlossen, dafi Modius' Ful- 
densis noch irgendwo erhalten ist. 

10. Palladius de agricultura. Vgl. auch hierüber den Came- 
rariusbrief.') 

Die in Scherers Katalog Repos. VII or. IV 8 erwähnte Hand- 
schrift: Palladius de agricultura et mediana pecorum. 28 or. 3 ist 
heute verschollen. 

11. Servius in Vergilii Aeneidem commentarii. Mit dem 
Namen »Servius Fuldensis" bezeichnet man nach dem Fundorte der 
Haupthandschrift die Erweiterung des servianischen Kommentares zu 
Vergils Aeneis I — ^VI.*) Und Modius gebührt das Verdienst, als Erster 
die gelehrte Welt auf diesen höchst wichtigen Text aufmerksam ge- 
macht zu haben. Er fand die Handschrift im Herbste 1584 auf und 
schrieb sie ab, in der Absicht, den ganzen Text im Druck erscheinen 
zu lassen.^) Leider kam er nur zur Veröffentlichung einiger weniger 
Stücke in den Noten der Justinausgabe von 1587: 

auf S. 112 zu Aen. 1491, 
. . 116f., . 1726, 
. . 118 , „ 1201, 
. „ 124 „ . 1288, 
„ . 133 „ . 1340, 
» . 139 , . III 80.«) 

>) LIb. VI-X, Wien und Leipzig 1890. 
>) Vgl. Teil I Beilage 3. 
*) Vgl. Teil I Beilage 3. 

^) Vgl. darüber und für das Folgende überhaupt Thilos Von-ede zu seiner 
Ausgabe, Halle 1880. 

•) Vgl. TeU I Beilage 3. 

*) Diese Stellen sind von Thilo übersehen. 



Modius als Handschriftenforscher. 77 

Wie er die Handschrift beurteilte, mögen folgende Mitteilungen aus 
seinen Bemericungen zeigen; a. a. O. 112: haec, inquam ad illum 
VirgilU locam, Servius noster manu exaratus Faldensis non pseudo- 
Servias iUe vütgatus, apud quem pleraque et meliorem komm 
partem non invenias und 118: lubuU adscribere totum locum^ quia 
in editionibus non tantum contamtnatissimus est, verum non igno- 
bilis nie qul vulgo circumfertttr, sed membranaceus noster longe 
doctissimus. Durch die Justinausgabe scheint dann Petrus Daniel, 
der bekannte französische Philologe, von der Existenz des größeren 
Servius gehört und sich von Modius, wahrscheinlich durch Vermitt- 
lung eines gemeinsamen Bekannten, vielleicht Sylburgs, eine Teil- 
kollation der ersten beiden Bficher haben schicken lassen, die 
er an den Rand seiner Editio Fabriciana, Basel 1586 in fol., eintrug. 
Dieses Exemplar gelangte später in den Besitz von Bongarsius und 
schliefilich mit dessen Büchern in die Bemer Stadtbibliothek, wo es 
sich heute unter der Signatur O 51 befindet^) Außer den Exzerpten 
mufi ihm Modius einen Binio aus dem »Codex coUegii Fuldensis* 
selbst geschickt haben. Nach Thilos Ansicht*) hätte er die Schollen 
zu I 716 — 727 enthalten, die am Rande jener Editio Fabriciana mit 
auffallender Vollständigkeit wiedergegeben sind.^) Als später, im 
Jahre 1600, Daniel den Serviuskommentar in Verbindung mit Vergils 
Werken zu Paris herausgab, benutzte er seltsamerweise diese Exzerpte 
nicht, war aber so glücklich, noch in einer Appendbc zahlreiche Les- 
arten des Fuldensis mitteilen zu können. Er verdankte diese Kol- 
lation, die umfangreicher als die erste war, aber auch nur die beiden 
ersten Bücher umfaßte, dem Bongarsius, der sie seinerseits von 
Marcus Welserus und Caspar Sdoppius erhalten hatte. Thilo meint,^) 
Sdoppius habe die Handschrift von neuem verglichen gehabt. Mir 
dagegen erscheint es als ganz sicher, daß auch diese Kollation auf 
Modius zurückgeht, da es mir, trotz aller Bemühungen, nicht ge- 
lungen ist, einen Aufenthalt des Sdoppius in Fulda nachzuweisen, 
dieser aber auch sonst modianische Arbeiten von Welser bekommen 
hat^) Auffälligerweise stimmt von diesen drei Berichten über den 

>) Es wurde mir im Sommer 1905 zur Benutzung in die U.-B. Göttinnen 
flbersandt. 

«) A. a. O. I p. UUL 

*) Im Casselianus ist tiier eine gröfiere Lüclce. 

^ A. a. O. p. UI n. 1. 

■) Vgl S. 09 und unten S. 79 f. — Vgl. femer dazu Welsers Brief an Camerarius 
vom 4 Februar 1598 (MOnciien, Coli. Cam. XX 13) : . . . Servium et variantes TertulUani 
lectiones nondum vidi, sed omnia salva esse confido. Die variantes TertulUani 



78 P* Lehmann, 

Fuldensis auch nicht ein einziger mit den anderen in den Lesarten 
völlig überein; da sie aber meiner Meinung nach zuletzt auf ein und 
dieselbe Kollation durch Modius zurückzugehen scheinen, so mufi 
man annehmen, daß sich, wenigstens in zweien, Ungenauigkeiten ein- 
geschlichen haben. 

Vom 17. bis 19. Jahrhundert lag die Textkritik des Servius 
brach. Zuerst beschäftigte sich F. Dübner wieder damit Einer An- 
regung Niebuhrs folgend, suchte er nach dem Fuldensis, zuerst in 
Fulda selbst vergeblich, glaubte ihn aber dann, Mai 1831, zu Kassel 
in der ständischen Bibliothek als Ms. poet fol. 6., saec. IX, wieder ge- 
funden zu haben. Die von ihm beabsichtigte Ausgabe wurde 
durch seine Übersiedlung nach Paris verhindert Nach ihm ver- 
öffentlichte Th. Bergk den Text der ersten beiden Bücher in Mar- 
burger Universitätsprogrammen von 1843 — 1845. Schließlich wurde 
die Handschrift in der Serviusausgabe von Thilo und Hagen, Halle 
1880 f. gründlich verwertet 

Nun ist aber zu beachten, daß erstens die Fuldaer Provenienz 
des Casselanus nicht durchaus gesichert ist und seinerzeit von den 
Kasseler Bibliothekaren bestritten wurde und zweitens die von Modius 
und Daniel angegebenen Lesarten des Fuldensis nicht immer mit 
denen des Cassellanus übereinstimmen. Dennoch schließe ich mich, 
solange kein neues Material, das einen sicheren Gegenbeweis er- 
möglichte, voriiegt, Thilos Meinung •) an, daß die Kasseler Hand- 
schrift aus Fulda stammt, obwohl der Einband ein anderer als der 
dort übliche ist, weil ich in den Schriftzügen, obwohl sie nicht 
den typisch fuldischen Charakter aufweisen, Spuren insularen Ein- 
flusses zu sehen glaube und große Ähnlichkeit mit der Schrift des 
gewiß Fuldaer Codex Kassel, Theol. fol. 49, gefunden habe, anderer- 
seits, weil bei der oben konstatierten Ungenauigkeit der Danielschen 
Angaben die Abweichungen in den Lesarten keine zwingende Be- 
weiskraft haben. 

13. Symmachus epistulae. Sunt et alia multa, quibus Patrom 
parandi sunt, et in äs Symmachl epistolae schreibt Modius 

lectiones sind die von Modius aus einer gleichfalls Fuldaer Handschrift notierten 
Lesarten (s. u. S. 80). Bei dem Servius handelt es sich doch wohl auch um eine 
— damals verschickte — Kollation des Modius. 

>) Vgl. seine handschriftlich erhaltenen Briefe an Schoenemann in der Stadt- 
bibliothek Braunschweig und seinen Aufsatz in Zimmermanns Zeitschrift für die 
Altertumswissenschaft I, Gießen 1834, S. 1222—1230. 

•) A. a. O. p. XLVm— LVII. 



Modius als Handschriftenforscher. 7g 

am 22. Juli 1585.0 Offenbar hatte ihn auch hierzu der Fuldaer Be- 
such angeregt Die damals angefertigte Kollation der Symmachus- 
briefe kam später in die Hände von Marcus Welserus und von 
diesem an C Scioppius. Die ersten Mitteilungen daraus machte 
Sdoppius 1597 in seinen «Suspectae lectiones" und seinem „De arte 
critica . . . commentariolus" und schließlich gelegentiich seiner Neu- 
ausgabe der Briefe, Mainz 1608. An allen drei Orten sind die An- 
gaben über die Lesarten der verschiedenen benutzten Handschriften 
nicht so genau, dafi man überall mit Bestimmtheit die Herkunft aus 
der oder jener Handschrift feststellen könnte. Aus den gesicherten 
Lesarten aber hat man mit Fug und Recht ersehen, daß wir in ^ dem 
Fuldensis Modii (et Scioppii) einen für die Textkritik höchst wichtigen 
Zeugen verloren haben. Vergleiche darüber O. Seeck in seiner Aus- 
gabe des Symmachus in den «Auetores antiquissimi" VI (1883) 
p. XXXV sqq., der zwar Modius, die eigentiiche Quelle seiner 
Kenntnis, nicht erwähnt, aber im übrigen das von Scioppius Gebotene 
voll ausnützt 

Schon aus der besonderen überiieferungsgeschichtlichen Stellung 
der Handschrift (cP) können wir auf ihr ansehnliches Alter schließen, 
wetm sie auch nicht über die karolingische Zeit hinausgehen dürfte. 
Bemerkenswert ist die Beschreibung der Handschrift durch Scioppius, 
der vermutlich dabei modianische Äußerungen wiedergibt. Er sagt 
in dem Büchlein ,de arte critica" :•) At lllum [sc.codicem BertinUmum 
saec. XII.] tarnen aetate et bonitate FiUdanus codex, partim Romano 
et veteri, partim Langobardico charactere scriptus, per omnia superat, 
hoc uno inferior quod non est integer. Zum Verständnis der Schrift- 
charakteristik müssen wir, bei der Unbestimmtheit des Begriffes 
«langobardisch** und .römisch'' eine andere Stelle desselben Buches 
heranziehen, aus der Scioppius' Ausdrucksweise deutiich erhellt:») 
plerique omnes qui hodie in bibliothecis existunt libri calamo ex- 
arati, non maiusculo illo et Romano, sed litteris Langobardicis et 
minoribus vulgo fere hodieque usitatis scripti sunt Die Fuldaer 
Symmachushandschrift wäre demnach in Majuskeln (Capitalis oder 
Uncialis) und Minuskeln geschrieben gewesen, und der Begriff des 
Ungewöhnlichen läge hier nicht in dem Ausdrucke „langobardisch*.*) 



>) Vgl. Teil I Beilage 3. 
<) Fol *3r der Ausgabe, Amsterdam 1662. 
•) S. 41. 

«) Die gleiche, allerdings von Scioppius stark beeinflufite Auffassung be- 
gegnet uns auch in Job. Clerid ars critica U, Amsterdam 1697, S. 11 und 160. 



80 P* Lehmann, 

Wahrscheinlich müssen wir die Beschreibung dahin verstehen, dafi 
die Briefe in Minuskeln, die Ueberschriften der Briefe und vielleicht 
ihre Anfänge in Majuskeln geschrieben waren. 

Eine Handschrift, die aus dem Fuldensis geflossen wäre und 
mit ihren etwaigen Verderbnissen die Mittel böte, den Schriftcharakter 
der Voriage zu bestimmen, gibt es offenbar nicht Auch der Vermerk, 
der sich am Schluß der Handschrift hinter lib. V 29 befunden haben 
soll,0 gibt keine sichere Stütze für die Datierung. Diese Notiz: 
Hie incipit Hazo bezieht sich auf die Verteilung der Abschrift unter 
mehrere Mönche. In genau derselben Schreibweise findet sich der 
Name in den „Annales necrologici Fuldenses** *) und in Dronkes 
„Codex diplomaticus' >) nicht, wohl aber wird für 852 der Tod eines 
,Azzo* und vom 8. — 11. Jahrhundert das Hinscheiden vieler »Hatto* 
vermerkt. 

Schliefilich sei noch die Angabe des Schererschen Kataloges 
Rep. IX or. II 13 Epistolae Symadü Poetae ad diversos 39 or. ver- 
zeichnet 

14. Tertullianus apologeticus und Über adversus lu- 
daeos. Man vergleiche auch hierzu den Camerariusbrief. Kurz vor 
der Druckvollendung der Tertullianausgabe, Franecker 1597, erhielt der 
Herausgeber Franciscus Junius von Scioppius die aus Welsers Be- 
sitze stammende Kollation zugesandt,*) die Modius für die oben ge- 
nannten Schriften in Fulda angefertigt hatte. So war es Junius mög- 
lich, in einem Anhange zum zweiten Bande die Lesarten des Fuldensis 
mitzuteilen. 

Die Handschrift selbst, wohl gleich Rep. IX or. IV 16: Apo- 
logeticum contra Judaeos 39 or.^ ist verioren; wir sind daher auf 
Junius' Mitteilungen angewiesen; allerdings kommt für die cap. 1 
bis 15 des Apologeticus die Originalkollation in einer Handschrift 
der Stadtbibliothek Bremen C 48 hinzu.^) Davon, daß die ,scedae 
Sdoppianae" im Besitze von Professor G. Wissowa (Halle) wären, was 



») Sceck a. a. O. S. 131. 

•) MG. SS. xni. 

*) Kassel 1850. 

^ Vgl. Junius' Dankbrief an Conradus Ritterstiusius vom 27. April 1597 bei 
Struve, Collectanea manuscriptorum, Jena 1713—1717, II 381. 

*) Ich wurde darauf von Herrn Professor Wissowa hingewiesen. Meiner 
Meinung nach stammen die sehr sorgfältigen Angaben von Modius' eigener Hand. 
Der Band stammt wohl aus Melchior Goldasts Bibliothek. Es befinden sich in 
ihm bemerkenswerterweise auch mehrere Kollationen von Scioppius. 



Modius als Handschriftenlorscher. 81 

neuere Forscher, z. B. 'Callewaert und Rauschen, behaupten, kann 
nach gütiger Mitteilung des Genannten keine Rede sein. 

In neuester Zeit ist namentlich durch Callewaert die Aufmerk- 
samkeit auf den Fuldensis gerichtet worden. Er suchte den Nach- 
weis zu fahren, dafi die leider verlorene Handschrift die beste des 
Apologeticus gewesen wäre. Nunmehr hat Rauschen*) dieses Urteil 
dahin abgeschwächt, daß sie zwar häufig hervorragend gute Lesarten 
böte, aber dennoch nicht frei von Verderbnissen wäre. Sie re- 
präsentiere allerdings eine Handschriftenklasse für sich, dürfe aber 
nicht als «beste Handschrift" betrachtet werden. Um andere vor Irr- 
tümern zu bewahren, bemerke ich, dafi Hrabanus Maurus keine 
Kenntnis von dem Apologeticus gehabt zu haben scheint. Wohl heifit 
es bei ihm einmal im Kommentare zu den Büchern der Makkabäer: 
sicut scribit TertuUianus in Apologetico.^) Aber diese und die dazu 
gehörigen Worte sind einfach aus der Chronik des Hieronymus*) 
übernommen. 

GEMBLOUX. 

Benediktinerkloster, 

Kein Geringerer als Erasmus von Rotterdam hat zum ersten 
Male öffentlichen Gebrauch von der schon im Mittelalter gerühmten^) 
Bibliothek gemacht. Während seines Aufenthaltes in Löwen ließ er 
sich den — jetzt verlorenen? — Katalog der Sammlung kopieren«) 
und erwirkte dann von dem sehr weit entgegenkommenden^) Abte, 
dafi ihm zwei dort verzeichnete C)rprianushandschriften zugeschickt 
wurden, die er dann für seine Ausgabe, Basel 1520, verwertete. Am 
17. Juni 1527 berichtete Martinus Lipsius an Erasmus») über einen 



*) Le codex Fuldensis, le meilleur manuscrit de rApologeticum de Tertullien, 
Bniges 1902, Sonderabdruck aus der Revue d'histoire et de litt^rature religieuses VII 
(Paris 1902) S. 322—353. 

*) Sonderausgabe des Apologeticus im Florilegium patristicum VI, Bonn 
1906. Vgl namenüich S. 6 ff. 

>) Migne CIX 1220. 

^) Eusebi chronicorum canonum quae supersunt ed. A. Schoene, Berlin 1866, 
S. 151. 

•) Vgl. MG. SS. VIII 540. 

*) Erasmi opp. III 446, Brief an den Abt Antonius Papinius vom 1. Juni 1519. 

') Er schreibt a. a. O. 466: Quin si voles universa nostra Bibliotheca semel 
ad te commigrabit, tota tuae fidei committetur, 

*) Briefe an Erasmus, herausgegeben von J. Foerstemann und O. Günther, 
Uipzig 1904, S. 79. 

QacUen u. Uotenuch. z. Ut Philologie des MA. m, 1. 6 



82 P- Lehmann, 

Codex Gemblacensis, der den hieronymianischen Kommentar zur 
Apokalypse enthielt. Zehn Jahre darauf konnte der Franziskaner 
Petrus CrabbeO für seine Ausgabe der Konzilsakten, Köln 1538, 
neben anderen auch 6 Handschriften aus Gembloux benutzen.*) In 
der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erscheint der Bibliothekar und 
Schulmeister des Klosters Ludovicus Sonbecus als besonderer 
Förderer der handschriftlichen Studien an den Gemblacenses. Fast 
alle im Folgenden genannten Forscher erwähnen mehrfach voller Dank 
seine bereitwillige Hilfe. Namentlich die Löwener Gelehrten standen 
in enger Verbindung mit der Bibliothek. Johannes Molanus*) 
konnte mehrerer Gemblacenses in seiner Ausgabe von «UsuarcU 
Martyrologium", Löwen 1568, gedenken. Um 1573 sah er die unten 
zu besprechende Fulgentiushandschrift, und für die Ausgabe der 
Werke Augustins, Antwerpen 1577, hatte er nicht weniger als 30 Co- 
dices aus Gembloux zur Verfügung. Suffridus Petrus*) berichtete 
vor seiner Ausgabe der Philosophica des Cicero, Basel 1568: . . . ex 
nobUi etiam et locupleti BibÜotheca monasterii Qemblacensis . . . 
Ludovicus Sonbecus . . . exemplar castigatissimum separaüm sujh 
peditavit in Somnium Scipionis; in alias Ciceronis partes alia con- 
tulit . . . Auch das literargeschichtliche Werk des Sigebert von 
Gembloux gab er nach einer ihm von Sonbecus vermittelten Hand- 
schrift heraus.») Jacobus Susius, Ludovicus Carrio und Mo- 
di us suchten vornehmlich nach antiken Texten in der Bibliothek« 
Susius und Carrio kollationierten hier den berühmten Manilius,«) 
außerdem verglich Carrio z. B. einen vetustissimus Sallustius und 
ein Exemplar der Grammatik des Priscianus.^) Modius nimmt unter 
den gelehrten Besuchern von Gembloux, von denen ich noch 
manchen anderen hätte nennen können, nur einen bescheidenen Platz 
ein. Im 17. und 18. Jahrh. waren namentlich die Bollandisten und 
Mauriner eifrige Benutzer. Die Bollandisten brachten einen be- 

1) 1470—1553; vgl. H. Quenün, Jean Dominique Mansi et les grandes col- 
lecüons conciliaires, Paris 1900, S. 12—17, und unten an mehreren Stellen. 

•) Vgl. die Liste der benutzten Handschriften im 1. Bande. 

») 1553—1585; van der Aa a. a. O. XU (1869) S. 926 f. 

^ Siehe oben S. 13 u. 30. 

*) In den .De illustribus ecdesiae scriptoribus ... authores . . .', Köki 1580. 

«) Jetzt Brüssel 10012. Als Entdecker der Handschrift hat Susius zu gelten; 
vergleiche seine handschriftlich erhaltenen .Excerpta ex Manilio' in Berlin, Santen 
95. Carrio machte Mitteilungen aus dem Codex in den .Antiquae lectiones', Ant- 
werpen 1576. 

') Vgl. die Schollen zur Sallust-Ausgabe, Antwerpen 1579, S. 195 u. a. 



Modius als Handschriftenforscher. gß 

deutenden Teil der Bibliothek nach Antwerpen in ihr „Museum*. 
Hier blieben die Handschriften bis zur Aufhebung des Jesuitenordens 
im Jahre 1773, wurden dann in die Burgundische Bibliothek ge- 
schafft und gelangten so schliefilich in die Königliche Bibliothek zu 
BrOssel. 

Das Kloster selbst wurde in den Jahren 1678 und 1718 durch 
Feuersbrünste heimgesucht und soll dabei fast seine ganze Bibliothek 
verloren haben. Doch hat man diese weitverbreitete Ansicht wohl 
als flbertrieben anzusehen, denn einmal befand sich damals bereits 
ein bedeutender und wertvoller Teil bei den Antwerpener Jesuiten, 
und dann fanden sich doch auch noch zahlreiche Handschriften im 
Kloster selbst vor, ^s dieses 1791 aufgehoben wurde. Diese Hälfte 
wanderte erst nach Paris und dann 1815 nach Brüssel. Heute ge- 
hören die Codices Gemblacenses zu den umfangreichsten und wich- 
tigsten Beständen*) der Königlichen Bibliothek zu Brüssel. 

Es ist wahrscheinlich, aber nicht erwiesen, dafi Modius selbst 
ui Gembloux gewesen ist. Die eine Handschrift, von deren Be- 
nutzung durch ihn wir Kunde haben, war ihm offenbar nach Löwen 
übersandt: 

FulgentiusPlanciades mythologiae. Nov. Lect 275 spricht 
er von tribusque alüs venerandae antiquUatis codidbus^ quibus olim 

Lovanii a Gemblacenslbus et nuper Coloniae usus sunt und S. 548 f. 

gibt er eine Lesart aus dem Gemblacensis an. Es war wohl dieselbe 
Handschrift, die um 1570 Molanus gesehen und in der Vorrede der 
von VUmmerius besorgten Ausgabe der Werke des Fulgentius Ruspensis, 
Antwerpen 1574, mit den Worten erwähnt hatte (S. 9): Quamquam 
ego Opas ipsum nullius arbitrer esse out episcopi out theohgi. nam 
in bibliotheca Gemblacensis monasterii me hos Mythohgias vidisse 
memini sub nomine cuiusdam Placiadis Fulgentii. Jetzt ist die Hand- 
schrift verschollen. 

HEISTERBACH. 
Cistercienserkloster, 

Eucharius Cervicornus«) hatte für zwei seiner Haimo-Aus- 
gaben: für das Homiliar und für den Kommentar zu Jesaias, die 

1) Vgl. z. B. Voyage lit^raire de deux religieux bdn^dictins de la congr^gation 
de Saint-Maur 0, Paris 1747, S. 202, und Ziegelbauer, Historia rei literar. OSB. I, 
Augsburg und Warzburg 1754, S. 479 f. 

*) Ein wirkliches BUd des Reichtumes der Bibliotheca Gemblacensis wird 
erst nach Abschlufi der Brüsseler Katalogisierungsarbeiten zu entwerfen möglich sein. 

*) 1485—1565; vgl. A. Kirchhoff, Beitrage zur Geschichte des deutschen 

6* 



84 P- Lehmann, 

beide 1531 zu Köln herauskamen, Heisterbacher Handschriften zur 
Verfügung gehabt Modius zog um 1580 einen Caesar-Codex aus 
dem Dunkel hervor. Damit sind meine Notizen zur älteren Biblio- 
theksgeschichte Heisterbachs schon erschöpft Das ist gewiß wenig, 
und doch bieten diese Nachrichten über drei jetzt nicht mehr nach- 
weisbare Codices eine willkommene Ergänzung des Wenigen dar, 
was sich von der Bibliothek selbst erhalten hat 

Wenn der Verfasser der «Mahlerischen Reise am Nieder- 
rhein", Köln 1784, S. 47 sagt: „die Bibliothek ist zahlreich und hat 
eine schöne Menge alter und seltener Werke*, so wird damit die 
Sammlung gedruckter Bücher zu verstehen sein, die im Beginne des 
19. Jahrhunderts der Landesbibliothek zu Düsseldorf einverleibt 
ist. Nach meinen Erkundigungen ist die Zahl der dorthin aus Heister- 
bach gelangten Handschriften ganz gering, so dafi man die Behaup- 
tung Hoefers*) «auf die Erhaltung des Archivs und der Bibliothek 
hat die Abtei stets grofie Sorgfalt gelegt. Dieser Fürsorge ist es zu 
danken, dafi die Sammlungen ziemlich vollständig auf uns gekommen 
sind*, sehr übertrieben nennen mufi und höchstens für das 18. Jahrh. 
gelten lassen kann. Ein Heisterbacensis ist auch die Handschrift 
739 der Bonner Universitätsbibliothek. 

Die Handschrift von Caesar commentarii de hello gal- 
lico, die Modius bei seinem Besuche») 1578 — 79 gefunden hatte, 
ist offenbar verschwunden. 

Im 30. Briefe der Nov. Lect kommt er auf die Meinung zu 
sprechen, dafi der Verfasser jener Kommentare nicht Julius Caesar, 
sondern Julius Celsus wäre und führt sie auf die mifiverstandene 
Subskription eines Celsus zurück, die in vielen Caesarhandschriften 
zu finden ist. Ut magis scias me verum dicere, iube sis Pulmannum*) 



Buchhandels I (Leipzig 1851) S. 41 ff. und A. v. Dommer, Die Ältesten Drucke aus 
Marburg i. H., Marburg 1892, S. (12—17), 44—60 und bei mir unten. 

>) Vgl. E. Riggenbach, Die ältesten lateinischen Kommentare zum Hebraer- 
brief, Leipzig 1907, S. 94—102 und 126. 

*) Studien und Mitteilungen aus dem Benediktiner- und Cisterdenserorden 
XII (1891) S. 113. Vgl. auch in derselben Zeitschrift XX (1899) S. 622, wo Hoefer 
die Behauptung wiederholt, ohne neue Mitteilungen über die Bibliothek zu machen. 

») Vgl. Nov. Lect. 189. 

^) Theodor Poelmann (1512—1581). Vgl. Biographie nationale publice par 
l'acad^mie royale de Belgique XVII (1903) Sp. 874—884. — Bücher aus seiner 
Bibliothek, die ihm selbst manchen Codex für eigene Veröffentlichungen bot, be- 
finden sich namentlich im Museum Plantin-Moretus zu Amsterdam und vereinzelt 
auch in Brüssel und in Wien. 



Modius als Handscfariftenforscher. 85 

nostrum ad te nüUere eum Caesarenij quem ego cum longe anti- 
quissimo codice qui est Eysterbacensis abbatiae ad SepticoUes dUl- 
gentissime coUatum ei^ cum nuperrime [sc. 1580] Antverpiae cum 
legatione essem^ lub. mer. donavL Detaillierte Mitteilungen macht 
er leider nicht Die von ihm notierte Subskription: Julius Celsus 
vir clarissimus et comes recensui^ weicht von der sonst überlieferten 
etwas ab.^) Besonders wichtig und bemerkenswert ist das recenstU 
statt des gewöhnlichen legi. 

K O E L N. 

Köln gehört zu denjenigen Bibliotheksstätten Deutschlands, die 
bereits die Aufmerksamkeit der italienischen .Handschriftenjäger* des 
15. Jahrh. auf sich zogen. Um 1420 fand hier Poggio den damals 
im Kreise der italienischen Humanisten noch unbekannten satirischen 
Roman des Petronius,«) und 1426 wußte Guarino von Werken zu 
berichten, die sich Coloniae, urbis Germaniaey in bibliotheca pulve- 
nUenta, ubi pervetusti Codices octingenti (!) carceri mancipaü 
videntur, aufgefunden hätten. >) Sein Gewährsmann, ein Legat des 
Kardinals Orsini, scheint kein anderer als Nicolaus von Cues ge- 
wesen zu sein. Dieser »Nicolaus Treverensis" machte offenbar vor- 
zugsweise Mitteilungen aus Handschriften des Kölner Domes.*) 
Wieder einige Jahre später, im Jahre 1433, sah Äurispa in Köln 
und zwar wohl auch gerade in der Dombibliothek die Schrift des 
Chirius Fortunatianus über die Redekunst.*) In der Folgezeit ver- 
schwinden die Kölner Bibliotheken wieder gänzlich im Dunkel. 

Erst im 16. Jahrh. beginnt sich das Interesse für sie neu zu 
regen, wiederum besonders für die Handschriftenschätze des Domes. 
Aber diesmal waren es vorzugsweise deutsche Gelehrte. 

Daß der vielgeschmähte Sponheimer Abt Johannes Trithe- 
mius,<) dem man zum mindesten eine außerordentliche Bücher- 



>) Vgl. Meusels Ausgabe, Berlin 1894, p. DC. 

') Poggii epistolae, ed. Tonelli II, Florenz 1859, S. 3. 

*) Vgl R. Sabbadini, Le scoperte dei codici Latin! e greci ne' secoli XIV 
e XV, Rorenz 1905, S. 110. 

*) Vgl. den reichhaltigen, zusammenfassenden Aufsatz von Hermann Grauert 
.Nie von Cues als Humanist, Handschriftenforscher und Staatsphilosoph' in der 
Köbiischen Volkszeitung 1897, liter. Beilage 28 (14. Juli) und neuerdings Sabbadini 
a. a. O. 109—113 u. a. 

*) Sabbadini a. a. O. 116. Es handelt sich wohl um Cod. CLXVI des Domes. 

<) 1462—1516; vgl. die bei W. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen 
im Mittelalter 1 3, angeführte Literatur. 



g6 P. Lehmann, 

kenntnis zugestehen mu6, über die Handschriften der KObier Biblio- 
theken unterrichtet war, geht schon aus dem einen Briefe von 1516 
hervor, in dem er einen Widukind-Codex bei St Pantaleon erwähnt 

1526 gab Gerardus Bolsvinge den Orosius auf Grund von drei 
Codices heraus, quorum unum vix hodie notis out legibilibus läerarum 
figuris descriptum bibliotheca maioris ecclesiae Colotüensis suppedi- 
tavity und ungefähr zu gleicher Zeit benutzte Johannes Cochlaeus*) 
eine Handschrift der Artistenfakultät und eine des Domkapitels fOr seine 
Rezension der Werke des Rupert von Deutz, Köln 1527. Hermann 
Graf von Neuenahr») und Eucharius Cervicornus gehören als 
Benutzer von Pantaleon-Handschriften hierher; jener wegen der erst 
erst nach seinem Tode erschienenen Ausgabe des einem Octavius 
Horatianus zugeschriebenen medizinischen Werkes, Strafiburg 1532;^) 
dieser wegen der Herausgabe des Kommentars zur Apokal3rpse von 
Autbertus, Köln 1531. Dafi die Grundlage von des Grafen Hermann 
Text der Mulomedicina Vegetii, Köln 1528, gleichfalls ein Coloniensis 
war, ist nur wahrscheinlich.^) Dagegen wissen wir bestimmt von 
einem anderen in St Pantaleon aufbewahrten Codex derselben Schrift, 
der 1537 von einem ungenannten Gelehrten abgeschrieben wurde. <) 

In den folgenden Jahrzehnten mußten die Bibliotheken Kölns 
die Waffen für den literarischen Kampf gegen das Luthertum her- 
geben. Aus dieser Streittendenz heraus erwuchs die für ihre Zeit 
vorzügliche Sammlung der Konzilsbeschlüsse von Petrus Crabbe, 
Köln 1538—1551.7) Die Fülle der Handschriften, die Crabbe für sein 
großes Unternehmen in Köln fand, ist erstaunlich. Allein die Samm- 
lung des Domes spendete 13 Handschriften, außerdem waren es die 
Bibliotheken des Pantaleonklosters, der Karthäuser, Kreuzträger, Domini- 
kaner, der Universität u. a., die das Rüstzeug liefern mußten. An 



^) J. Chmel, Die Handschriften der k. k. Hofbibliothek zu Wien u.s.w. I (Wien 
1840) S. 315. — A. Kehr, dem hervonragenden letzten Herausgeber, ist die Notiz 
entgangen. Trotzdem sich der Codex zur Zeit nicht nachweisen Ulfit, braucht man 
an der Richtigkeit der Angabe nicht zu zweifehl, zumal da wir in dem Stein- 
feldensis eine gleichfalls aus der Kölner Gegend stammende Handschrift besitzen. 

*) t 1552. Vgl. M. Spahn, Johannes Cochlaeus, Berlin 1898. 

») 1492-1530; ADB. XXUI (1886) S. 485 f. 

^) Vgl. darüber Theodori Prisciani euporiston libri III, ed. V. Rose (Leipzig 
1894) p. IV sq. 

*) Ed. Lommatzsch (Leipzig 1904) p. m. 

•) L c p. X sq. 

T Vgl. oben S. 82. 



Modius als Handschriftenforscher. 87 

dieses Werk schlofi sich im Jahre 1567 die Konzilsaktensammlung 
des Karthäusennönches Laurentius Surius.^) Man darf annehmen, 
dafi auch er Kölner Codices benutzt hat, aber leider bewies er, wie 
bei der Behandlung der einzelnen Texte so auch bei den Angaben 
über sein handschriftliches Material, nicht die philologische Sorgfalt, 
die man bei Crabbe beobachten kann. Auch in seinen übrigen Aus- 
gaben, z. B. in den Bänden ,De probatis vitis sanctorum*, Köln 
1570 — 1581, fehlen die Nachrichten über die Handschriften fast völlig. 

Allein nicht nur zur Bekämpfung, sondern auch zur Verteidigung 
des Protestantismus und zum Angriff auf Rom wurden die Kölner 
Sammlungen benutzt In der Hinsicht sind besonders Cornelius 
Gualtherus*) und Georgius Cassander*) zu nennen. Es gelang 
den Magdeburger Centuriatoren, ihre Unterstützung zu gewinnen.*) 
Leider ist ihr V^rken noch nicht so genau untersucht, daß man sagen 
könnte, den Text nahmen sie aus dieser, den aus jener Handschrift, 
aber wir wissen doch bereits, dafi Cassander und Gualtherus vereint 
seit etwa 1545 durch die Bibliotheken von Köln und Umgegend 
streiften, z. B. in St. Pantaleon eine Handschrift mit Honorius de prae- 
destinatione et libero arbitrio, in St Martin zwei Schreiben des Prosper 
und Hilarius an Augustin für ihre Ausgabe, Köln 1552, kopierten, 
femer auch Werden, wo sie den Ulfilascodex ^) fanden, und Siegburg«) 
besuchten. 

Fernerhin wissen wir,^) dafi sie 1554 Abschriften aus dem be- 
rühmten »Codex Carolinus*, der einstmals dem Kölner Erzbischofe 
V^Uibert gehört hatte, und aus einer ebenfalls im Besitze des Dom- 
kapitels befindlichen Handschrift der Bonifatiusbriefe machten, und 
wir können vermuten, dafi diese beiden Codices und vielleicht auch 
noch andere gerade durch sie an Caspar von Nidbruck und von 
diesem in die Wiener Hofbibliothek gelangt sind. In ihrem Auftrage 



>) t 1578. Beste Zusammenstellung seiner Werke bei J. Hartzheim, Biblio- 
fheca Coioniensis, Köln 1747, S. 218—222. 

«) t 1582; van der Aa a. a. O. VII (1862) S. 529. 

») t 1566. Vgl Sax, Onomasticon Literarium III. Utrecht 1780, S. 233. 

^) Vgl. E. SchaumkeU, Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Magdeburger 
Centurien, Ludwigslust 1898, S. 28—35 und die dort angeführte altere Literatur. 

*) Vgl. R. KOgel, Geschichte der deutschen Literatur I 189. 

•) VgL unten. 

') Vgl. Nürnberger im Neuen Archiv der GeseUschaft für altere deutsche Ge- 
schichtskunde XI 16 ff. 



88 P* Lehmann, 

arbeitete auch Franciscus Fabricius Marcoduranus für die 
Centurien, indem er 1555 die Kölner Handschriften von Cassiodors 
Variae abschrieb bez, verglich*«) Für eigene textkritische Arbeiten 
benutzte der genannte Fabricius die Orosius- und Cicerohandschriften 
des Domes. 

Cassander und Gualtherus wirkten aber nicht ausschließlich ftlr 
das großartige Sammelwerk des Flacius Illyricus. Sie wurden mit 
der Zeit überhaupt zu vielbefragten Autoritäten auf dem Gebiete der 
alten christlich-lateinischen Literatur. Von ihnen ging die Erschließung 
der rheinischen Bibliotheken für die Geschichte der mittelalterlichen 
Messe aus. Sie gaben einmal selbst darauf bezügliche Werke, nament- 
lich karolingischer Schriftsteller, heraus,*) besonders aber regten sie 
auch andere zu weiteren Forschungen an, die sie mit ihrem hand- 
schriftlichen Material unterstützten. So gedenkt ihrer Melchior 
Hittorpius*) mit Dank. Hittorpius gab 1568 unter dem Titel „De 
divinis catholicae ecclesiae officiis ac ministerüs" mehrere über den 
Gottesdienst handelnde Schriften des Isidorus, Albinus, Amalarius, 
Hrabanus Maurus u. a. heraus. Die textliche Grundlage bildeten 
Handschriften des Kölner Domes und des Dominikanerkonventes, 
wertvolle Handschriften, die nur noch zum Teil auf uns gekommen 
sind. In engster Verbindung mit ihm und seinen wissenschaftlichen 
Bestrebungen stand der Brügger Jacobus Pamelius.^) Er verdankte 
es dem Hittorpius, daß er für sein großes Sammelwerk der «Litur- 
gica Latinorum", Köln 1571, Domhandschriften heranziehen konnte 
und schon vorher für seine Cyprianausgabe, Köln 1568, eine Hand- 
schrift von S. Pantaleon^) hatte benutzen können. 

Auch die folgenden Gelehrten mußten oft der Hilfe des Melchior 
Hittorpius gedenken. Wit Cassander, Gualtherus und Pamelius so 



Vgl. über ihn die Biographie von Schmitz, Köln 1871, und meine Miszelle 
im Rhein. Museum UC (1905) S. 624—629. 

*) Vgl. die Briefe im Neuen Archiv XI 31 und bei Burmann. Syll. epp. 
U 237, außerdem die Einträge im Gudianus 95, mitgeteilt in den MG. Auctt antt XII 
p. CIX. 

«) Vgl. Georgii Cassandri opera omnia, Paris 1616. — Von Gualtherus ex- 
istiert nur eine Ausgabe des Hegesippus de hello iudaico, Köln 1559. 

^ 1525—1584; bis 1583 Licenüat und Kanonikus an der Stiftsldrche S. Ma- 
riae ad Gradus, dann Dechant an der Kollegiatkirche S. Cuniberti. Vgl. Ennen hi 
der ADB. XII (1880) S. 507. 

•) t 1587. Vgl. über ihn ADB. XXV (1887) S. 113 f. 

•) Jetzt Brüssel 918 (1052—53) s. XI. 



Modius als Handschriftenforscher. 89 

waren auch die in den nächsten Jahrzehnten die Kölner BibUotheken 
besudienden Forscher zumeist Brügger oder wenigstens Belgien 

Hatte man bisher, d. h. wenn man von den genannten itaUeni- 
schen Humanisten absieht, fast ausschliefilich christlich-lateinischen 
Texten nachgespürt, so begann nun die Zeit, in der die antiken litera- 
rischen Schätze Kölns gehoben wurden. 

Der früheste und vielleicht glücklichste Finder war Ludovicus 
Carrio-O Während seines bis zum Jahre 1564 währenden Studien- 
aufenthaltes in Köln konnte er in der Dombibliothek die später leider 
verloren g^angene Handschrift der Punica des Silius Italiens und 
den ertialtenen Censorinuscodex auffinden und vergleichen. Zur 
öffentlichen Verwertung kamen die Kollationen jedoch erst 1576 in 
den .Emendationes et observationes'. Die Bekanntschaft mit anderen 
wertvollen Colonienses: Charisius, Priscianus, Sallustius und Sergius 
erwies er in den Noten zur Sallustausgabe, Antwerpen 1579. 

Kurz darnach schickte Johannes Metellus«) zwei jetzt ver- 
schollene Exemplare desValerius Maximus aus Köln an Stephanus 
Pighius,») die dieser für seine Ausgabe, Antwerpen 1576, verwerten 
konnte. Die Glanzzeit der handschriftlichen Arbeiten der Belgier und 
ihrer Freunde in Köln bedeuten die Jahre 1578—1584. Jetzt kam 
Carrio wieder*) und in semer Begleitung befand sich Franciscus 
Modius, über dessen Kölner Studien ich unten eingehend sprechen 
werde. Jetzt konnte der Brügger Janus Palmerius Mellerus*) in 
seinem »Spicilegiorum commentarius primus", Mainz 1580, viele Les- 
arten aus Priscianus-, Terentius- und Sallustiushandschriften des Domes, 
der Universität, des Pantaleonklosters, der Apostelkirche u. a. mitteilen, 
der Lübecker Janus Gulielmus«) Cicero-, Martialis-, Quintilianus- 
und Terentiuscodices') verschiedener Bibliotheken und Godescalcus 
Stewechius») den Censorinus und Vegetius») vergleichen. 



^) Vgl. oben S. 8, 10-12 und 49 f. 

«) Vgl. oben S. 13. 

») Vgl. Biographic nationale de Belgique XVII 501—509. 

^ Von Köln aus wandte er sich nach Bonn, wo die Vorrede zur Sallust- 
ausgabe von 1579 geschrieben ist, und dann nach Frankreich. 

•) t 1580. Vgl. Sax, Onomasticon literarium lU, Utrecht 1780, S. 531. 

•) Siehe oben S. 13. 

») Vgl seine .Verisimilium libri tres", Antwerpen 1582, .Plautinarum quae- 
stionum commentarius", Paris 1583, und die Ciceroausgabe von Gruterus, Ham- 
burg 1618. 

•) Vgl. oben S. 11. 

*) Vgl. seine Amobiusausgabe, Antwerpen 1604, S. 325 und unten S. 102. 



90 P. Lehmann, 

Die letzte grofie Veröffentlichung des 16. Jahrb., die sich auf 
Kölner Handschriften stützte, war die «Bibliotheca ecclesiastica" des 
Cornelius Schulting,^ zu Köln 1599 in 4 Foliobänden erschienen. 
In ihr findet man eine gewaltige Masse von Breviarien, Homiliarien 
und dergl. aus den Bibliotheken des Domes, des Karthäuser- und 
Pantaleonklosters, der Stiftskirchen S. Gereon und Severin u. a. 
verwertet. 

Das 17. Jahrb.«) mit seinen unaufhörlichen Kriegswirren rief 
naturgemäß einen Stillstand in der wissenschaftlichen Ausbeutung der 
Bibliotheken Deutschlands und besonders Kölns hervor. Ganz in 
Vergessenheit gerieten dessen Handschriftenschätze allerdings nicht, 
dafür sorgten einmal die zahlreichen Arbeiten von Johannes und 
AegidiusGelenius,*) die vorzugsweise historische Quellen, Heiligen- 
leben u. a. enthaltende Handschriften heranzogen. Aegidius Gelenius 
war es, der nachdrücklich auf das ehrwürdige Alter der Dombibliothek 
hinwies und zum Belege dafür ein Ausleihverzeichnis des 9. Jahrh. 
veröffentlichte,*) dessen Handschrift dann bis zum letzten Jahrzehnte 
des 19. Jahrh. verschollen war.*) 

Und auch im Gedächtnisse einzelner fremder Forscher lebte der 
Name Kölns als einer hervorragenden Bibliotheksstätte fort So 
kamen die Philologen J. G. Graevius und N. Heinsius nach Köln,«) 
um nach den von Carrio, Modius u. a. erwähnten Handschriften zu 
suchen. 1657 durchforschte Graevius die Klosterbibliotheken, ohne 
jedoch seinen Zwecken entsprechende Funde zu machen. 

Um den Einlaß zur Bibliothek des Lorenzgymnasiums und des 
Domes bemühte er sich vergeblich sowohl damals als auch 1672/73. 
Dagegen scheint N. Heinsius vor 1669 in der Dombibliothek ge- 

») t 1604. Vgl. über ihn ADB. XXXII 701. 

*) Hierfür und für das 18. Jahrhundert verweise ich auf die eingehende Be- 
handlung von Frenken, Das Schicksal der im Jahre 1794 über den Rhein ge- 
flüchteten Wertgegenstände des Kölner Domes, insbesondere die Zurückführung der 
Manuskriptenbibliothek, Köln und Neuß 1868, S. 75 ff. 

<) Johannes f 1631, Aegidius f 1656. Vgl. über beide ADB. VOl (1887) 
S. 534— 537. 

^ Pretiosa hierotheca, Köln 1633, S. 42 f. 

*) Wieder aufgefunden und neu herausgegeben von A. Decker in der Fest- 
schrift der 43. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner, Bonn 1895, 
S.228f. 

<) Aus ihrem Briefwechsel in Burmanns Syll. epp. IV kommen in Betracht 
die Stellen auf S. 14, 83. 142, 150, 161, 166, 169, 174. Auf Mitteilung und genaue 
Besprechungen habe ich verzichtet, weil schon mehrfach darüber geschrieben ist, 
so von Frenken a. a. O. 76 ff. 



Modius als Handschriftenforscher. 91 

wesen zu sein; er erinnerte sich 1669, dort eine alte Cicerohand- 
schrift gesehen zu haben. Später aber erfuhr er dieselbe Abweisung, 
über die sich sein Freund Graevius beklagt hatte. Anscheinend 
hatten die Bibliothekare schlechte Erfahrungen mit Bibliotheksbenutzern 
gemacht 

In der Tat wurden damals die Sammlungen nicht nur infolge 
der Kriege und ihrer Nöte, sondern auch durch friedliche Besucher 
ihres besten Schmuckes beraubt Lauter als alles spricht dafür die 
Tatsache, daß eben jener Graevius mehrere der von ihm gesuchten 
wertvollen Domhandschriften bei einer Mittelsperson aufkaufen konnte, 
Handschriften, die aus Graevius' Nachlasse 1703 in die kurfürstliche 
Bibliothek zu Düsseldorf kamen und ein Jahrzehnt später heimlich 
von Zamboni für den Lord Oxford (Hariey) angekauft wurden J) 

Größeres Entgegenkommen fanden die BoUandisten, sie ent- 
nahmen nicht wenige ihrer Texte aus Kölner Handschriften, nament- 
lich des Karthäuserkonventes. 

Im 18. Jahrh. spielte wiederum die Dombibliothek eme gewisse 
Rolle, als J. G. von Eckhardt«) in ihr 1724 unter anderem die — jetzt 
veriorene — Handschrift der sogenannten „Annales Colonienses 
brevissimi* fand und für seine «Commentarii de rebus Franciae orien- 
talis", Würzburg 1729, verwertete, und als J. Hartzheim») außer 
seiner »Bibliotheca Coloniensis'', Köln 1747, für die viel handschrift- 
liches Material der verschiedensten rheinischen Bibliotheken verwandt 
ist, seinen Katalog der Handschriftensammlung des Domes, Köln 1752, 
und die Akten der deutschen Konzile, Köln 1759 — 61, veröffentlichte. 
Konnte er gerade zu dem letztgenannten Werke heute veriorene Hand- 
schriften benutzen, so besteht dennoch kein großer Unterschied zwi- 
schen dem damaligen und dem jetzigen Bestände. Die schwersten 
Verluste, die die Sammlung erlitten hat, sind in frühere Zeiten, ins 
17. Jahrh., zu setzen. Nur selten wissen wir, wann, wie und wohin 
die einst vorhandenen Codices verschwunden sind. Das gilt nicht 
nur für die Dombibliothek, sondern auch, und zwar in nicht geringem 
Maße, für die übrigen geistlichen Büchersammlungen der niederrheini- 
schen Metropole. Mit der Geschichte dieser Bibliotheken hat man 
sich, weil sie geringer an Alter und Bedeutung waren, noch weniger 

1) Vgl. C. A. Clark, Neue Heidelberger Jahrbücher I (1891) S. 238—253. 
^ Vgl. über ihn W. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittel- 
alter P (1904) S. 17f. 

») t 1763. Vgl. ADB. X (1879) S. 721 f. 



92 P- Lehmann, 

beschäftigt, SO dafi man nirgends Angaben darüber findet, auf welche 
Weise sovieles aus diesen Sammlungen in alle möglichen Gegenden 
verschlagen ist.^ 

Aus der großen Zahl der kölnischen Bibliotheken möchte ich 
hier nur diejenigen etwas näher besprechen, die als Arbeitsstätten des 
Modius in Betracht kommen. 

a) Domkapitel^) 

Es ist nicht sicher, ob mit der Bibliothek von 800 Codices, die, 
wie oben erwähnt, Guarino^) in Köln gesehen haben will, die Samm- 
lung des Domes gemeint, und, wenn dies wirklich der Fall sein sollte, 
ob die Angabe nicht stark übertrieben ist Schon zu Modius' Zeiten 
scheint die Zahl der Handschriften nicht sehr bedeutend gewesen zu 
sein. Dem entspricht es auch, daß sich heute nicht viel mehr denn 
200 Bände als erhalten haben nachweisen lassen. Von diesen durch 
Alter und Inhalt ehrwürdigen Schätzen befindet sich der Hauptteil noch 
jetzt im Besitze des Domes zu Köln. Einzels ist bereits im Anfange 
des 15. Jahrh. mit der Sammlung des Amplonius Ratinck nach Er- 
furt gekommen, anderes durch Caspar von Nidbruck in die kaiser- 
liche Hofbibliothek nach Wien,*) z. B. Pal. Vind. 449, 751 und viel- 
leicht 1014. Aus der Bibliothek des J. G.Graevius kamen verschiedene 
Handschriften im Anfange des 18. Jahrh. nach London ^) und ge- 
hören jetzt als Harieiani dem Britischen Museum. Schließlich liegen 
einige Stücke der Sammlung in der großherzoglichen Hofbibliothek 
zu Darmstadt (z. B. 1948), wo sich die ganze Kölner Dombibliothek 
einige Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hindurch befunden hat 

Modius arbeitete namenüich in den Jahren 1578 und 1579 in 
der Bibliothek. Mit Recht gab er ihr den Vorzug vor allen übrigen 
und fällte über sie Urteile wie das folgende:«) 



^) Man vgl. z. B. die von mir S. 51 angeführte Liste der Orte, in denen 
meines Wissens Handschriften aus S. Pantaleon liegen. 

*) Da ein kurzer Oberblick über die Benutzung der Domhandschriften vom 
15. bis 18. Jahrh. schon in den vorhergehenden Bemerkungen gegeben ist, be- 
schranke ich mich auf einige Angaben über die vorhandenen Reste der Sammlung. 

*) Vgl. oben S. 85. Es kflme sonst besonders die sehr stattliche Bibliothek 
von S. Martin in Betracht, aus der Handschriften erhalten sind in Beiiin, Breslau, 
Brüssel, Düsseldorf, Köln und Leipzig. 

<) Vgl. oben S. 87. 

•) Vgl. oben S. 91. 

•) Nov. Led. 189. 



Modius als Handschriftenforscher. 93 

Ex his Omnibus [sc. bibliothecis] tarnen nulla aeque conatus 
nostros adiavit atque ea, quae est in Metropolitana Coloniensium 
ecelesia: non tarn librorum copia, qua Bertiniensi longo intervaUo 
cedit, out bonitate qua Bertiniensis eadem fortasse^ (sint licet hie 
Colonienses Codices ex potiore parte Caroli Magni et primo aut certe 
altero ab illo saeculo exarati) ipsi aequum nacta iudicem, non sit 
inferior; sed, quod illa potissimum Volumina in Agrippina biblio- 
theca extarent, quae maxime facerent studiis meis. 

Darin ist zweierlei besonders bemerkenswert, einmal, dafi die 
Sammlwig schon damals nicht sehr umfangreich war, und zweitens 
die Altersschätzung. 

Modius zog Domhandschriften zurEmendation folgender Autoren 
zu Rate: 

1. Censorinus de die natali. Es ist die schon von Carrio 
benutzte Handschrift in Unciale des 7./8. Jahrhunderts, die noch heute 
in der Dombibliothek aufbewahrt wird und die Nummer CLXVI trägt 
Bekanntlich bildet sie die Grundlage des Censorinustextes.^ Modius 
emendierte mit ihrer Hilfe in den Briefen 5, 14, 27, 35, 42, 47, 56, 
67, 82, 89 und 125 der Nov. Lect etwa 60 z. T. umfangreiche Stellen. 
Für den Codex gebrauchte er Ausdrücke wie membranae Agrippi- 
nenses, Colonienses etc., oder er redete auch (S. 380) von mem- 
branis Ulis, quibus in Ubiis ab eruditissimo et amicissimo Melchiore 
HUtorpio usus sum. Die Bezeichnung der Handschrift (S. 161) als 
liber .... mire antiquus war durchaus berechtigt. 

2. und 3. Cicero orationes. In 11 Briefen der Nov. Lect. (5, 
32, 39, 45, 69, 87, 97, 104, 113, 129 und 131) emendierte Modius 
zahlreiche Stellen der Catilinarischen Reden (16), der Rede „pro 
Deiotaro (7), ,pro lege Manilia* (29), „pro M. Marcello (5), „pro 
Ligario* (5) und „pro Milone* (12) aus 3 Handschriften, die er S. 569 
als tres mss. Codices, quorum duo sunt Metropolitanae Ecclesiae 
Coloniensis, tertius viri doctissimi nühique amicissimi Suffridi Petri 
/. C. bezeichnete. Die mitgeteilten Lesarten entstammten hauptsäch- 
lich den Colonienses. Mit großer Berechtigung haben sie in der 
Textkritik der Reden vom 16. Jahrh. bis auf unsere Tage eine wich- 
tige Rolle gespielt. 



>) Vgl. dieAusgaben von O.Jahn, Berlin 1845; F. Hultsch, Leipzig 1867, und 
J. Cholodniak, Petersburg 1889. 



94 P* Lehmann, 

Vielleicht benutzte sie schon, um 1556, Dionysius Lambinus,^) 
und gewiß kollationierte sie etwa im Jahre 1580 Janus Gulielmus.*) In 
neuester Zeit hat dann Clark im Codex Harleianus 2682 saec. XI (H) 
eine der verloren geglaubten Handschriften wieder gefunden und ein- 
gehend untersucht s) Sie gehört zu den Handschriften, die aus Graevius' 
Sammlung nach London gekommen sind. 

Clarks Behauptung, daß Modius diesen Codex benutzt hat, ist 
sicherlich richtig. Einzelne Abweichungen sind auf Versehen, andere 
darauf zurückzuführen, dafi Modius nicht die Lesarten einer, sondern 
dreier verschiedener Handschriften anführt, des Erfurtensis, den er 
allerdings nur aus der Kollation des Suffridus Petrus kannte, und 
zweier Domhandschriften. Schon Baiter hatte zwei Kölner Handschriften 
annehmen zu müssen geglaubt und C. F. W. Müller war ihm in dieser 
Annahme gefolgt, aber Clark ->) wies mit guten Gründen ihre Argu- 
mente zurück, unteriiefi es jedoch, zu der oben angeführten modiani- 
schen Notiz Stellung zu nehmen, in der deutlich von zwei Gcero- 
handschriften des Kölner Domes gesprochen ist Aufier dieser einen 
Stelle der Nov. Lect. kommt noch eine gleich darauf folgende in Be- 
tracht, wo eine Lesart der dicti tres mss. angeführt wird. Beide 
Bemerkungen finden sich nun allerdings bei der Besprechung einiger 
Verderbnisse in der Rede „pro Deiotaro" und gerade diese steht zwei- 
mal in H: fol. 134—135' und 142 — 145^, weshalb man vermuten 
könnte, Modius meinte mit den dtio Codices diese beiden Abschriften. 
Die Unhaltbarkeit letzterer Annahme ergibt sich indes daraus, daß 
die Rede in der ersten Abschrift nicht vollständig ist und nie voll- 
ständig war, sondern schon mit 1216,26 ed. Halm schUeßt,*) die be- 
treffenden modianischen Zitate aber 1220,i7 und 1219,io ff. ed. Halm 
entsprechen, also nur einmal in H stehen.«) 

*) Vgl. Clark in den .Collations* (s. u.) p. VII. Die von ihm zurückgewiesene 
Annahme, dafi Lambinus zu seiner 1566 erschienenen Ausgabe die modianische 
Kollation benutzt hätte, ist schon aus dem einfachen Gnmde irrig, dafi Modius 
damals erst 10 Jahre alt war. Dieses Argument ist Clark entgangen, weil er als 
Modius' Geburtsjahr 1536 statt 1556 ansah. 

') Vgl. seinen .Plautinanim quaestionum commentarius* , Paris 1583, und 
Gruters Ciceroausgabe, Hamburg 1618. 

*) Collations from the Harleian Ms. of Cicero 2682, in den Anecdota Oxo- 
niensia, Classical Ser. VII, Oxford 1892. Außerdem vgl man Gnrlitt in Fleckeisens 
Jahrbttchera, 22. Supplementbd. (1896) S. 536 ff. 

*) Collations p. VI. 

*) Qark a. a.0.27. 

*) Man überlege, für welche Annahme z. B. folgender Fall spricht: Modius 
sagt zu 1219,11 ed. Halm: lego quomodo etiam dicti tres mss. constanter referunt. 



Modius als Handschriftenforscher. 95 

Es erscheint mir auch als wahrscheinlich, daß ebenso Gulielmus 
zwei Kölner Handschriften benutzt hat, da er einmal bei einer Lesart 
seines .Basilicanus" (= Domhandschrift) sagt: quod tarnen ceteri 
tres^) mei agnoscunt. Qarks Annahme*) eines Druckfehlers für duo 
scheint nur allzu willkürlich zu sein. 

4. Curtius Rufus historiae Alexandri Magni. Zu seiner 
1579 erschienenen Curtiusausgabe konnte Modius 4 Handschriften 
benutzen, darunter membranas summi huius urbis [sc. Coloniensis] 
templi, cum earum usus beneficio humanissimi et eruditissimi 
D. Melchiorls HUtorpii mihi hie nuper concessus esset. Und zwar 
rfiumte er gerade dem Coloniensis einen besonderen Einfluß auf die 
Textgestaltung ein, weshalb er ihn in den Noten häufig zitierte und 
als optimtis et antiquissimus codex vor den anderen auszeichnete, 
ohne jedoch zu verkermen, daß er zuweilen auch schlechtere Lesarten 
bot und überhaupt von den Verderbnissen und Einschiebseln der 
meisten Curtiushandschriften nicht frei geblieben war. 

Der Codex ist heute verschollen. 

Seine Einordnung in den Stammbaum der Handschriften ist 
zuerst von Foss») versucht In neuester Zeit hat dann G. Dostler*) 
diese Forschungen bestätigt und ergänzt. Danach ist es wahrschein- 
lich, daß die Handschrift nicht älter als saec. XII gewesen ist, und 
daß man sie als den Stammvater einer Reihe junger interpolierter 
Handschriften anzusehen hat, die sämtlich in der Gegend von Florenz 
geschrieben zu sein scheinen, wie einiger noch jetzt in Florenz 
Uzender Handschriften, wie femer des Budensis, Monacensis und Oxo- 
niensis A, vielleicht auch des modianischen Sigebergensis. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich einen Irrtum Dossons^) be- 
richtigen, der behauptet, Modius habe außer dem Sigebergensis, 
Tbosanus und Brugensis drei Codices Colonienses herangezogen. 



nisi quod in duobus est, ^inuidia esse", pro Jn inuidia esse". Der Erfurtensis 
Soffridl Petri hat das ,hi' nicht, dagegen bewahrt es H. Nach Qark wäre also 
Modius' Angabe unwahr, nach meiner Auffassung hat Modius die Lesart .inuidia 
esse' aus dem Erfurtensis und dem verlorenen, .in inuidia esse' aus dem erhaltenen 
Coloniensis. 

>) 1. Werdensis, 2. Erfurtensis, 3. Coloniensis I. 

•) A. a. O. p. VI. 

>) Quaestiones Curtianae, Altenburg 1852, S. 23 ff. 

«) Curtiana, München 1904 (Diss.), S. 28—38. 

*) Ehide sur Quinte Curce, Paris 1887, S. 355. 



% P. Lehmann, 

Dosson hat hiermit einen von Snakenburg^) stammenden Fehler 
übernommen, der aus der falschen Auffassung einer Bemerkung 
Raders«) entstanden ist: Coloniensis* tarnen codex vetus ettam 
^Sueuos*" edidit (y 112,6), novus „Suauos*, novissimus ^Susiique', 
Der Stern hätte ihn auf die am Rande stehende Zahl 1542 aufmerk- 
sam machen und ihm den Gedanken nahelegen sollen« daß Rader 
an dieser Stelle nicht von Kölner Handschriften, sondern von Kölner 
Drucken des Jahres 1542 u- s. w. spricht. 

Die Bezeichnung einer Ausgabe mit codex ist im 16. und 
17. Jahrh. weder selten noch auffallend. Ein ähnliches Mißverständnis 
hat, wie ich oben») zeigte, zur Konstruktion einer von Modius ver- 
werteten Speierer Handschrift geführt. 

5. Fulgentius Plane, mythologiae. Die Fulgentiushand- 
schrift erwähnt Modius nur zweimal ganz flüchtig, Nov. Lect 275, 
unter den codicibus qtiibus oUm Lovanii . . . et nuper Coloniae a 
MetropoÜtanae ecclesiae praefectis . . . usus sunt und 548 f. : tres- 
que cUii, quorum mihi Lovanii olim et nuper Coloniae Agrippinae . . . 
facta est copia mit einer Lesart zu 12,5 f. ed. Helm. Die Güte der 
Handschrift scheint er nicht recht erkannt zu haben. Sie ist als 
Harieianus 2685 saec. IX/X erhalten.*) Auch sie ist aus Graevius' 
Nachlasse nach London gekommen.^) 

6. Silius Italiens de hello Punico. Die Oberlieferung«) 
des Epos beruht auf zwei Handschriften, die beide noch zur Zeit des 
Humanismus in deutschen Bibliotheken gelegen haben, nunmehr aber 
verloren sind: einem Sangallensis und einem Coloniensis. Während 
von jenem seit dem 15. Jahrh. Abschriften in stattlicher Zahl gemacht 
sind, aus denen wir, wenn auch mühsam, den ursprünglichen Text 
des einen Überiieferungszweiges herausschälen können, stammt unsere 
Kenntnis der Kölner Domhandschrift nur aus unvollständig über- 
kommenen Kollationen, die Carrio und Modius zwischen 1564 und 



») Curtiusausgabc, Uidcn 1724, fol. ♦**3r. 

*) Prolusiones etc. etc. commentarii ad Curtii Rufi de Alexandro Magno 
historiam, Köln 1628, S. 216. 

«) S. 63 f. 

*) Vgl. R. Helm in seiner Ausgabe, Leipzig 1898, p. Xsq. 

•) Vgl. Qark a. a. O. 247 und 253. 

*) Vgl. besonders H. Blafi .Die Textesquellen des Silius Italicus' im VIII. Supple- 
mentbd. von Fleckeisens Jahrbüchern (1875) S. 161—251 und die kritische Ausgabe 
von L Bauer, Leipzig 1890—92, rezensiert von Rofibach in der Deutschen Literatur- 
zeitung 1890 Sp. 18701. und 1892 Sp. 720ff. 



Modius als Handschriftenforscher. 97 

1584 angefertigt haben. ^) Über das Alter und die Schriftart des seit- 
dem verschollenen Codex steht nichts fest, doch können wir ihn 
wohl mit Carrio als in bester karolingischer Zeit geschrieben ansehen. 
Modius hebt nur im allgemeinen sein hohes Alter und die Schönheit 
der Schriftzüge hervor,«) betont») aber auch die Un Vollständigkeit am 
Schlüsse, die mehrfachen Lücken, Flecken und entstellenden Korrek- 
turen der Handschrift, wovon wir durch Carrio nichts erfahren. Der 
Text reichte — die genaue Angabe rührt von N. Heinsius her — bis 
lib. XVI 557 und ermangelte der durch den Sangallensis überlieferten 
Verse lib. II 375— 377; IV 750, 752; VIII 46; X565, hatte dagegen 
folgende Verse und Versteile mehr: lib. I 550, 551 ; 1126,302; V343; 
VII 620 und 1566—568; 11534—537; XVI 354— 355. 

Modius hatte anfangs daran gedacht, bei Chr. Plantin eine kom- 
mentierte Ausgabe des Silius Italiens drucken zu lassen,*) beschränkte 
sich aber aus unbekannten Gründen auf gelegentliche Mitteilungen 
aus seinem Apparate. Die Nov. Lect. enthalten in 40 Briefen ^) 
242 Stellen, die Noten der Curtius-«) (1579) und Liviusausgabe (1588) 
je 2 und 5. 

Allerdings wird Silius in den Liviusnoten nicht weniger als 89 mal, 
unter Anfügung oft sehr langer Abschnitte, zitiert. Aber leider sieht man 
sich in der Erwartung, hier große Stücke aus dem Coloniensis kennen 
lernen zu können, empfindlich getäuscht. Trotz der einführenden 
Worte wie z. B. Silius non viUgatus sed noster gibt Modius zumeist 
den ungebesserten Vulgattext.') 

Hie und da, z. B. VIII 320, scheinen zwar auch andere als die 5 
von Blaß angenommenen Stellen gebessert zu sein, doch haben wir 
kein methodisches Mittel, ihren Kölner Ursprung zu beweisen. 

') Aus ihren gedruckten und ungedruckten Mitteilungen ist alles geflossen, 
was andere Gelehrte wie Livineius, Dausqueius, Barthius, N. Heinsius und Draken- 
borch über die Handschrift und ihre Varianten sagen. 

«) Vgl. Nov. Lect. 15, 56, 221, 250 etc. 

») Diese wichtige Stelle aus den Nov. Lect. 250 ist von H. Blaß a. a. O. 162 
wiedergegeben. 

<) Vgl. den Brief an Lipsius vom 25. Oktober 1582, in Biirmanns Syll. 1 106: 

et malo Plantinum a vetere aliquo scriptore, mea opera meliore, nostri 

quoque nommis formis suis elegant issimis celebrandi initium facere, iamque adeo 
absolvi notando Silium, in quem mox etiam commentarium daturus videor, 

») Br. 1, 4, 7, 10, 13, 16, 19, 22, 26, 28, 31, 34, 38, 41, 44, 46, 48, 50, 53. 
55, 57. 59, 62, 64, 66, 68, 76, 78, 81, 83, 86. 88, 90, 93. 94. 98, 101. 106, 110 
und 115. 

•) Die auf S. 112 der Noten zitierte Stelle hat Blaß übersehen. 

^ Vgl. Blass a. a. O. 197 f. 

QueUeo u. Untersuch, z. lat. PhUologie des MA. m, 1. 7 



gg P. Lehmann, 

Von großer Wichtigkeit würde es sein, wenn sich die in Richards 
de Pan Bibliothekskataloge 1) verzeichnete Handschrift: Silius Italiens 
de 2^ hello punico /actus a Modio M. S. wieder auffinden ließe. 

Bekanntlich hat H. Blaß die Glaubwürdigkeit der modianischen 
Angaben in einer sorgfältigen Untersuchung geprüft und dife Grund- 
sätze der bei ihnen verwendeten Technik dargelegt.*) Nur an 8 Stellen 
sind wir berechtigt, unserem Humanisten Versehen oder falsche An- 
gaben vorzuwerfen. 

Gewiß haben sich nicht sämtliche von Modius* textkritischen 
Vorschlägen als annehmbar erwiesen, und weiterhin ist die Fülle der 
richtigen Verbesserungen nicht zum geringsten Teile in der Güte der 
Handschrift, die er benutzen konnte, begründet, doch wird durch diese 
Erwägungen sein Verdienst kaum geschmälert: er bewies sein philo- 
logisches Verständnis dadurch, daß er gerade die Stellen im Colo- 
niensis herausfand, die für die Gestaltung des Siliustextes wichtig 
waren. Es liegt eine hohe Anerkennung der modianischen Kritik 
darin, wenn Blaß*) von N. Heinsius sagt: „Er bringt die größeste 
Anzahl von Lesarten aus dem Colon, bei, obwohl nicht die besten, 
denn die hatte Modius zu seinen evidenten Emendationen vorweg 
genommen." 

b) Älteres Franziskanerkloster. 

Während wir über die Bibliothek des 1589 gegründeten Fran- 
ziskaner-RekoUektenklosters „zu den Oliven* durch einen Katalog 
unterrichtet sind,*) fehlen Nachrichten fast ganz über die Sammlung 
des älteren Konventes, der hier allein in Frage kommt, weil Modius* 
Besuch in die Zeit von 1578/79 fällt. 

In der Textkritik von Senecas Briefen und den Schriften „de 
dementia" und „de beneficiis** kommt ein jetzt nicht mehr vorhandenes 
Fragmentum Coloniense a fratribus minoribus Colonia transmissum 
vor, das Gruterus in seiner Ausgabe, Heidelberg 1593, verwertete. 
Femer werden von Possevinus^) einige Mss. mit Werken des Gui- 



^) A. Roersch, La biblioth^que de Frangois Modius et Richard de Pan, Saint- 
Omer 1900, S. 24. 

«) Vgl. oben S. 56 f. 

•) A. a. O. 205. 

*) Vgl. A. Schmidt im Zentralbl. f. Bibliothekswesen XXII (1905) S. 523—529. — 
Es handelt sich hierbei fast ausschliefilich um Drucke, die sich jetzt zu einem 
großen Teile in Darmstadt befinden. 

^) Apparatus sacer, Köln 1608, I in appendice und II 42. 



Modius als Handschriftenforscher. 99 

bertus Tomacensis und Ludovicus a Turre erwähnt. Von einer Hand- 
schrift der „Variae" des Cassiodorus wissen wir durch einen Eintrag 
in dem Wolfenbütteler Gudianus 95 saec. XV: est etiam eiusdem 
materiae ^olumen apud fratres minores in Colonia scriptum in 
pergameno in magna libraria eiusdem convictus.^) 

Im Laufe des 17. Jahrh. muß die Sammlung bedeutende Verluste 
erlitten haben. Der Geschichtsschreiber der Kölner Minoriten Bern- 
hard von der Beck erwähnt um 1740 bei einer Beschreibung der 
Kunst- und Bücherschätze des Konventes außer Drucken nur drei 
Choralbücher, eine »Vita S. Francisci", „Sermones parvi dominicales 
et de sanctis* aus dem Jahre 1373, einen „Sermo super regulam* 
aus dem Jahre 1493, die „Summa alphabetica praedicantium*" des 
Johannes Broymardus, die Dialoge Gregors des Großen, Schriften 
von Albertus Magnus und die „Sancta communitas" des Anton 
Wissing.*) 

Die jetzige Aufbewahrungsstätte dieser Handschriften kenne ich 
nur zu einem geringen Teile: die beiden 1299 von Johann von 
Falkenburg geschriebenen und illuminierten Gradualien befinden sich 
jetzt im Erzbischöflichen Museum zu Köln») und in der Bonner 
Universitätsbibliothek.*) 

Bereits vor der Mitte des 18. Jahrh. müssen die drei jetzt in der 
Dombibliothek aufbewahrten Codices XXX, XCV, CLXXDC, die den 
Minoriten im 13. Jahrh. vom Domkapitel überiassen waren, diesem 
zurückgeigeben sein.^) Um 1400 wurde die Handschrift Erfurt, 
Amplon. Fol. 5, zur Zeit der BoUandisten Brüssel 638—642 der 
Minoritenbibliothek entfremdet. 

Modius benutzte mindestens eine der Minoritenhandschriften. 

Tertullianus apologeticus. TeriuUianum, clarissime 
Pameli, omnes a te avidissime iam dudum expectamus .... con- 
tulimus nos quoque nuper in Ubiis Apologeticum eius ad exemplar 
scriptum, quod ibidem in Franciscanorum bibliotheca servatur . . . 
qui si quod spero ad officium redierint: ibunt notae illae quates- 



») Vgl. Mommsen in MG. Auctt. antt. XII p. CIX. 

«) Vgl K. Eubel, Geschichte der Kölner Minoriten-Ordensprovinz, Köln 1906, 
S. 61 ff. 

*) Erwähnt bei K. Lamprecht, Initialoraamentik des VIIL— XIII. Jahrhunderts, 
Leipzig 1882, S. 32. 

^ Vgl. Chirographorum in Bibliotheca Academica Bonnensi servatorum cata- 
logus. Bonn 1858—1876, S. 113. 

») Vgl. Jaff^-Wattenbach, Eccl. metropol. Colon, codd. mss. p. VIII. 

7* 



100 ^* Lehmann, 

cumque s tat im ad te, scilicet, sin pertendent ; tum tibi difficile non 
erit, eruditissimi Melchioris Hittorpii opera, eiasdem libri Agrip- 
pinensis usum ad dies paticulos impetrare schreibt Modius Nov. 
lect. 449 in einem undatierten Briefe, den wir uns etwa 1579 ge- 
schrieben vorstellen müssen. Der Adressat Jacobus Pamelius hat 
den Rat befolgt; in seiner Tertullianausgabe, Paris 1579, wird im 
Manuskriptenverzeichnis gesagt: Coloniens. cod. MS. Apologetici quem 
per Melchiorem Hittorpium subinde consuluit Pamelius. Auffälliger- 
weise wird jedoch in den Noten auch nicht eine einzige Lesart der 
Kölner Handschrift angeführt.^ 

Weitere Nachrichten über die Handschrift fehlen. 

c) Lorenzgymnasium. 

Von einer Handschriftensammlung des „CollegiumLaurentianum*, 
einer mit einem Alumnate verbundenen Lateinschule, hört man nur zwei- 
mal, einmal gelegentlich des Besuches durch Modius im Jahre 1579 
und dann, als 1672 und 1673 N. Heinsius und J. G. Graevius 
nach der von Modius benutzten Handschrift suchten. Ovidiani Fasti, 
quos Modius evolvit, olim apud sodales Laurentianos extabant 
Coloniae: sed ante annos aliquot eorum magister mihi affirmavit, 
codicem illum a se non posse reperiri. Ipsam tarnen bibliothecam 
tum mihi perlustrare non licuit, nescio quas ob causas, quas prae- 
texebat,^) klagte J. G. Graevius am 16. Dezember 1672 von Utrecht 
aus seinem Freunde Nicolaus Heinsius und ebenso am 2. März 1673:») 
ad bibliothecam tamen cathedralis ecclesiae et Gymnasii Laurentiani 
aditus quoque mihi semper fuit occlusus, nee ulla ratione potui eum 
patefacere mihi. Auch Heinsius scheint es nicht gelungen zu sein, 
die Sammlung besichtigen zu dürfen: in Laurentiano Oymnasio libros 
variis locis iacere dispersos audio, esse tamen in iis Codices quos- 
dam vetusta manu descriptos in membranis. non inficiatus est ille, 
qui bibliothecae catalogum aliquando se concinnasse nobis narrabat, 
sed in quem volumina, quae dixi, scripta non essent relata, ut hie 
quoque frustra fuerim, mußte er am 24. Februar 1673 berichten.*) 



^) Was auch schon bei A. Hamack, Geschichte der ahchristlichen Literatur 1 2, 
679 bemerkt ist. 

«) Burmann Syll. cpp. IV 150. 
») Burmann a. a. O. IV 169. 
*) Burmann a. a. O. IV 166. 



Modius als Handschriftenforscher. 101 

Damit hören die Nachrichten von Handschriften des Gymnasiums 
auf; die Schule selbst wurde in der Zeit der französischen Revolution 
aufgehoben und dabei ihre nur aus gedruckten Büchern zusammen- 
gesetzte Bibliothek mit der des ehemaligen Jesuitenkollegiums ver- 
einigt, i) 

Heinsius und Graevius waren auf die Sammlung bei der Lek- 
türe der Nov. Lect. des Modius aufmerksam geworden. Modius hatte 
auf Grund von membranae coUegii Laurentiani apud Agrippinates 
im 63. Briefe 15 Stellen von Ovidius Fasti verbessert.*) Die hier 
gemachten Mitteilungen finden sich — nicht ganz vollständig und 
nicht fehlerfrei — benutzt in R. Merkels Ausgabe, Beriin 1841, wo der 
treffliche Herausgeber p. CCLXXXII über den verschollenen Codex 
sagt: qui praestantissimus utique fuisse videtur et 2, 394 atque 
alibi Vera suppeditaL In der Tat kann man auffällige Übereinstim- 
mungen mit den ältesten und reinsten Handschriften, daneben einige 
beachtenswerte Besonderheiten konstatieren. 

d) Ungenannte Bibliotheken, 
1. Hyginus astronomicon. Im 11., 37., 60., 73. und 121. Briefe 
der Nov. Lect. werden 66 Hyginstellen verbessert, offenbar stets mit 
Hilfe derselben Handschriften, die Modius meist nur oberflächlich 
mit Ausdrücken wie codex vetus bezeichnet. Ein einziges Mal macht 
er eine genauere Angabe, S. 515: in antiqiässimo scripta codice, quo 
ab eruditissimo /. C Suffrido Petra usus sunt. Wir würden an ein 
im Privatbesitze befindliches Buch denken, wenn es nicht bekannt 
wäre, daß Suffridus Petrus einst in der Lage gewesen war, einem 
anderen Freunde eine Hyginhandschrift zu besorgen, die einer Kölner 
Bibliothek gehörte. Am 17. Mai 1571 schrieb er an Laevinus Tor- 
rentius: ») anno superiori octavo die Julii cum hie esset piae memoriae 
D. Carolas Langhius a me utendum sumsit . . . manuscriptum co- 
dicem membranis colligatis, in forma ut vocant quarta, in quo codice 
erant officia et paradoxa Ciceronis et Hyginus et, nifallor, quaedam 
alia. Transmiserat autem hunc codicem ad me Colonia huc inter- 
posita fide sua Arnoldus Birckmannus, ea conditione, ut cum ego 
usus essem istuc remitterem, ut bibliothecae restitui posset unde 



>) Vgl. F. J. von Bianco, Versuch einer Geschichte der ehemaligen Universität 
und der Gymnasien der Stadt Köln. Köln 1833, S. 22 ff., 175—182. 

«) I 345, 396, 404, 409; II 214, 289. 339, 394, 470. 583, 737, 799 f., 805, 862. 

«) lUustrium et clarorum virorum epistolae, ed. S. A. Gabbema. Harlingen 
1669. S. 253. 



102 ^* Lehmann, 

sumptus est ... . Schefferi) hat die Vermutung ausgesprochen, daß 
es sich in diesem Briefe und bei Modius um ein und dieselbe Hand- 
schrift handehe, und dieser Annahme schließe ich mich an, glaube 
dagegen nicht wie er, daß der Herausgeber der »Astronomica veterum 
scripta etc.-, Heidelberg 1589, den »Codex Modii* benutzt hat Die 
zur Sttltzung der Behauptung angeftlhrte Übereinstimmung in einigen 
Sonderiesarten beweist, meines Erachtens, noch nichts, da ftlr die 
Heidelberger Ausgabe die 5 Jahre zuvor erschienenen Nov. Lect. heran- 
gezogen sein können. Außer Scheffer verwertete Bunte«) die modi- 
anischen Lesarten. Nach Kauffmann «) gehört die Handschrift zu den 
»Codices deteriores*. 

2. Livius ab urbe condita libri I — ^X. Modius teilte zuerst 
in den Nov. Lect. im 30. Briefe 13 Stellen des 1. und 3. Buches, dann 
in den Noten der Ausgabe von 1588 etwa 40 Lesarten der Bacher 2, 4 
und 9 mit: in beiden Fällen redete er nur allgemeinhin von mem- 
branae Coloruenses, ohne die Bibliothek anzugeben. Ebensowenig 
wie über die Herkunft bin ich über den Verbleib der Handschrift 
unterrichtet. 

Ohne die mehrfachen Verderbnisse zu verkennen, halte ich die 
Handschrift auch textkritisch für bemerkenswert;^) eine feste Darlegung 
des Verwandtschaftsverhältnisses zu den zahlreichen anderen Hand- 
schriften ist bei dem heutigen Stande der Kritik^) noch nicht möglich. 

3. Vegetius de re militari. Von der Handschrift, die Modius 
neben dem Bonnensis zur Vegetiusausgabe, Köln 1580, heranziehen 
konnte, sagt er im Widmungsschreiben: copiam fecit . . . optimus et 
eruditissimas Theologus Melchior Hittorpius, ad D. Mariae Coloniae 
Canonicus. Der Zusammenhang mit Hittorpius macht die Herkunft 
des Codex aus der Dombibliothek wahrscheinlich, aber immerhin 



^) In der Ausgabe, Hamburg 1674. 

*) Leipzig 1875. — Eine wirklich brauctibare Ausgabe fehlt zur Zeit noch. 

<) Breslauer philol. Abhandl. m4 (1888) S. 14 Anm. 23. 

*) Charakteristisch erscheinen mir unter anderem die Lesarten: I 6, 1 auocasset 
(mit MRDFP gegen NBETA); 1 10, 6 /ot/w /^^r^^r/ (anscheinend gegen alle übrigen 
Handschriften und Drucke, die Jupiter F, haben); I 27,8 erigerent (mit V gegen 
alle übrigen); 117,8 ibi (mit MFPV gegen RDNLOET), iussis (mit MFP gegen 
RDNOET); U 23, 10 a/ (mit FPV gegen MHRNOESI); lU 31, 4 eademque {mit 
VOTQ gegen MRPF). 

•) Vgl. L. Traube, Abh. d. K. B. Akad. d. Wiss. lU. Kl. XXIV. Bd. 1. Abt. S. 15 f. 



Modius als Handschriftenforscher. 103 

nicht ganz gewiß.*) Kurz nach Modius benutzte O. Stewechius*) 
die Handschrift und teilte neue Varianten daraus mit, leider ebenfalls 
ohne die Provenienz mit hinreichender Genauigkeit anzugeben. Er 
bezeichnet mit H den liber manuscriptus, quem a D. Melchiore 
HUtorpio Decano sancti Cuniberti Colon, utendum accepL 

Nach dem Urteile des letzten Herausgebers C. Lang») verweisen 
die Lesarten die Handschrift in die schlechteste Klasse (k). 

K O M B V R G. 
Ritterstift,^) 

Als die um 1075 gegründete Benediktinerabtei Komburg bei 
Schwäbisch Hall 1488 in ein Ritterstift umgewandelt wurde, waren 
nur wenige Bücher vorhanden.^) Die Verarmung des Klosters im 
Laufe der letzten Jahrhunderte des Mittelalters hatte zur völligen Ver- 
wahrlosung der Bibliothek, ja sogar zu ihrer Verpfändung (um 78 S) 
an die Cistercienser von Schönthal geführt. Auch die Chorherren 
scheinen anfangs wenig für die Bibliothek getan zu haben. Erst die 
gelehrten Dekane Eitel Treutwein (1535 — 1536) und Gernand 
von Schwalbach (1537 — 1550) begannen mit Liebe und Sach- 
kenntnis zu sammeln. 

Als der eigentliche Begründer der „Bibliotheca Comburgensis" 
hat jedoch Erasmus Neustetter von Schönfeld zu gelten, und 
dank ihm hat sie für einige Jahrzehnte eine, wenn auch bescheidene, 
Rolle in einem geschlossenen Kreise von Gelehrten und Literatur- 
freunden gespielt. 



^) Keinesfalls ist sie mit der aus der Kölner Minoritenbibliothek stammenden 
Handschrift in Erfurt Fol. 5 identisch, die .Vegetius de re militari* entiiält Wie 
ich schon oben bemerkt habe, befindet dieser Codex schon seit etwa 1400 in Er- 
furt. Möglicherweise ist er aber seinerzeit aus dem Codex Modii abgeschrieben. 

*) Ausgabe Antwerpen 1585. Die Kollation fällt zeitiich zwischen den Be- 
ginn des Hittorpschen Decanates 1583 und seinen Tod 1584. 

«) Uipzig 1885, p. XLVI. 

«) Vgl. R Mttller, Geschichte des Ritterstifts Komburg, in den Württemb. Jahrb. 
f. Statistik und Landeskunde, Jahrg. 1901 S. 11—39. 

») Vgl. F. D. Qräter, Ober die Merkwürdigkeiten der Bibliotiiek des ehemaligen 
Ritierstifts Komburg am Kocher, Hall 1805—1809, und die Erweiterung dieses Auf- 
satzes in Qräters Bragur, ein literarisches Magazin der deutschen und der nordischen 
Vorzeit VII, Breslau 1812, S. 224—375. — Ch. F. Stalin, Zur Geschichte und Beschr. 
alter u. neuer Bttchersammlungen im Königreiche Württemberg, Stuttgart und Tü- 
bingen 1838, S. 88 f. — W. von Heyd, Die historischen Handschriften der öffentiichen 
Bibliotiiek zu Stuttgart, Stuttgart 1889 f., p. VII und schliefilich den angeführten 
Aufsatz von H. Müller. 



104 ^» Lehmann, 

Neustetter,!) der Sproß eines alten fränkischen Adelsgeschlechtes, 
war von 1551—1583 Dekan, von 1583—1594 Propst des Stiftes Kom- 
burg. Obwohl er noch zahlreiche Nebenämter hatte — er war z. B. 
Domkapitular in Bamberg und Würzburg, Landrichter des fränkischen 
Herzogtumes, von 1589 bis 1591 Rektor der Universität Würzburg — 
hielt er sich doch am liebsten und häufigsten in Komburg auf, 
namentlich nach der ihm mißliebigen Wahl Julius Echters von Mespel- 
bronn zum Bischöfe von Würzburg. 

Nunmehr begann eine liebe- und verständnisvolle Pflege und 
Vermehrung der Komburger Bibliothek. Die vorhandenen Bücher 
wurden einmal um die gelegentiich von Neustetter, namentlich 
auf den Reisen durch Italien, Frankreich, die Niederlande u. s. w. 
gesammelten Handschriften und Drucke vermehrt, besonders aber 
dann durch die Bibliothek Oswalds von Eck (t 1573), der 
sich, 1564 in Gant geraten, noch zu seinen Lebzeiten genötigt 
sah, sämtiiche Bücher an Neustetter zu verkaufen. Der eigentliche 
Sammler war nicht Oswald selbst, sondern sein Vater der berühmte 
bayerische Kanzler Leonhard von Eck (t 1550) und dessen mütter- 
licher Verwandter Rudolf Halder gewesen. Jenem ist der Erwerb 
der geschichtlichen, vornehmlich der hochwichtigen Aventinhand- 
schriften,*) diesem die Erhaltung der Sammlung Dietrichs von 
Plieningen*) zu danken, die uns in den Bereich des Heidelberger 
Frühhumanismus und im besonderen zu Rudolf Agricola*) führt. 
Neustetter enthielt die so gesammelten Schätze der Welt durchaus 
nicht vor. Nicht wenige Bemerkungen von Zeitgenossen bezeugen 
die Bereitwilligkeit, mit der er seine Bibliothek zur Verfügung stellte. 
Ich führe nur einiges zur näheren Beleuchtung an: am 1. November 
1576 bittet Johannes Paedianus den Rektor von Hall Johannes 
Weidnerus, Pindamm si ex bibliotheca Combergensi impet rares 
gratum mihi esset und am 8. Januar 1577 bestätigt er dankend den 



^) Vgl. die für die Bibliotheksgeschichte und die oben S. 15 angeführte 
Literatur. 

") Vgl. Aventins sämtiiche Werke, herausg. durch die hist Kommission der 
Münchener Akad. d. Wiss. V, München 1886, p. IV— VI. 

*) t 1520, bekannt als Obersetzer klassischer Autoren und als Angehöriger 
des Heidelberger Humanistenkreises. Seit 1501 stand er in bayerischen Diensten 
und tat sich hier besonders im Jahre 1514 als Wortführer der Stände hervor. Vgl. 
S. Riezler, Geschichte Bayerns IV 14 ff.; V 24 f. und die dort genannte Literatur. 

*) t 1485; vgl. die Literaturangaben bei K. Momeweg, Johann von Dalberg, 
Heidelberg 1887. 



Modius als Handschriftenforscher. 105 

Empfang;^) 1580 gibt Nicolaus Cisnerus zu Frankfurt a. M. 
des Aventinus bayerische Chronik nach den beiden jetzt in Stutt- 
gart liegenden Handschriften heraus, die ihm Neustetter aus Kom- 
burg übersandt hat. In demselben Jahre veröffentlicht Johannes 
Posthius seine Elegie In Bibliothecam Erasmi Netistetteri^) Kurz 
darauf feiert Franciscus Modius den feinsinnigen Sammler und 
seine hervorragende Sammlung in tiberschwänglichen Versen und 1584 
gibt er in seinen „Novantiquae Lectiones" zahlreiche Proben aus 
mehreren Codices Comburgenses. 

Man kann Modius geradezu als den Bibliothekar von Komburg 
während der Jahre 1581 — 1584 ansehen. Ihm lag es ob, die Bücher 
anzukaufen, wie z. B. die unten zu erwähnende Tacitushandschrift, 
und binden zu lassen. Ehe er Neustetter veriieß, mußte er Rechen- 
schaft fiber den Bestand der Sammlung ablegen, und er sorgte daher 
für rechtzeitige Rückgabe der veriiehenen Bücher. Aus den deshalb 
gewechselten Briefen erfahren wir, daß damals bereits ein Verzeichnis 
der Bibliothek vorhanden war, das Modius einem gewissen Johannes 
Mosellanus geliehen hatte. ») 

Die Aventinushandschriften trugen den Namen der Komburger 
Sammlung auch nach Bayern. Als Herzog Maximilian I. in groß- 
artiger Weise die Quellen zur Geschichte seines Landes zu sammeln 
begann, suchte er sich auch Neustetters Schätze nutzbar zu machen 
und wandte sich um deswillen am 12. Juli 1595 an den Bamberger 
Domherrn von Werdenstein mit der Bitte, nach Neustetters Büchern 
zu forschen und ihre Benutzung zu vermitteln.-*) In der Tat schickte 
man am 7. April 1600 Annalium Ducum Bavariae authore Joanne 
Aventino lib. 1. 2. 3, 4, 5. 6. et 7. Aventini chronicum germanice in 
^or voluminibus: tomi duos in foL Et Catalogum Archiepiscoporum 
Salzburgensium ad annum 1560 germanice in 4^^.^) Um dieselbe 
Zeit benutzte der Mainzer Jesuit Nicolaus Serarius«) Hraban- 
handschriften aus Komburg. 



») Stuttgart, Hist. Fol. 60369 und 71. — Über Cisnerus vgl. ADB. IV (1876) 
S. 267 f. 

") Wiederabgedruckt in seinen »Parerga poetica* I, Heidelberg 1595, S. 211. 

>) Stuttgart, Hist. Fol. 603 ist f. 

*) Vgl. L. Rockinger, Die Pflege der Geschichte durch die Witteisbacher, 
München 1880, S. 45 und Beilage IX 13. 

») Vgl. Rockinger a. a. O. 43 und Beilage 1X8 a u. b. 

^ Rerum Moguntiacarum libri V, Mainz 1604, S. 603. 



IQQ P. Lehmann, 

Nach Neustetters Tode (1595) erlebte die Bibliothek noch einmal 
eine Blütezeit unter dem Dekanate des Konrad Ludwig Zobel 
von Giebelstadt (1614 — 1619), der einen neuen Bücherraum her- 
richtete, aus eigenen Mitteln zahlreiche Drucke und auch Hand- 
schriften beschaffte und es durchsetzte, daß das Stift jähriich 100 fl. 
für Bücheranschaffungen herzugeben beschloß. Es sollen damals 
3197 Bände vorhanden gewesen sein. 

Als im Jahre 1631 die Schweden und ihre Verbündeten nach 
Komburg kamen, eriitt auch die Bibliothek ansehnliche Verluste. Die 
Rechnungsbeamten schlugen den Wert der damals veriorenen Bücher 
auf 3000 Taler an.^) Wohin der Raub geschafft wurde, vermag ich 
nicht anzugeben, vielleicht gibt die Tatsache einen Hinweis, daß die 
Dombibliothek von Strengnäs ein Exemplar von »Adolphi Occonis 
imperatorum Romanorum numismata*", Antwerpen 1579, besitzt, das 
die Original Widmung des Verfassers für Erasmus Neustetter enthält*) 

Sieht man von der Plünderung durch die Schweden ab, so kann 
man sagen, daß der Sammlung schwere und umfangreiche Verluste er- 
spart geblieben sind. Andererseits ist aber vom 17. Jahrh. an nur 
recht wenig für ihre Vergrößerung und Nutzbarmachung getan. 

Als das Stift, dem Reichsdeputationshauptschluß von 1803 ge- 
mäß, säkularisiert wurde, waren etwa 3500 Bände vorhanden; von 
diesen kamen die 150 Handschriften und einige Inkunabeln im Jahre 
1805, die anderen gedruckten Bücher einige Jahre später nach Stutt- 
gart in die königliche öffentliche Bibliothek. 

Ein Fragment einer Komburger Cicerohandschrift wurde von 
Reuß in Würzburg aufgefunden.») 

Modius machte Mitteilungen aus folgenden Handschriften: 

1. Fulgentius Plane, mythologiae. 62 kleinere und größere 
Stellen dieses Werkes emendierte Modius im 9., 61., 100., 112. und 
126. Briefe der Nov. Lect. auf Grund von membranae Neustetterianae, 
denen er gelegentlich die Prädikate optimae und veteres beilegte. 

Die Handschrift ist als Stuttgart, Theol. et philos. 4° 159 er- 
halten, sie entstammt dem 13. Jahrh. und lag einst in der Bibliothek 
der Genter Dominikaner,*) aus der sie auf mir nicht bekannte Weise 

») Vgl. MüUer a. a. O. 29. 

«) Vgl. Serapeum XXVI (1865) S. 300. 

«) Vgl. Serapeum Vm (1847) S. 14 u. 122—142. 

*) Auf der Rückseite des Deckblattes steht von alter Hand über fratrum 
praedicatorum in gandavo, darunter der jüngere Vermerk Nunc ex Bibliotheca 
KomburgensL 



Modius als Handschriftenforscher. 107 

in die Sammlung Neustetters gelangte. Der Miscellancodex enthält 
die »Mythologiae* als ersten Text, Im ganzen und großen erweist 
sich Modius' Benutzung als zuverlässig. ^ 

Mit scharfem Blicke wählte er Stellen aus, an denen der Text 
des Comburgensis in der Tat besser war als der bis dahin gedruckte. 
Und nicht selten sind es nicht Lesarten von diesem relativen Werte, 
sondern solche, die wir nach Kenntnisnahme der anderen Hand- 
schriften auch heute noch als richtig ansehen müssen. Aber im all- 
gemeinen überschätzte er seine Handschrift doch. Sie ist vielfach 
verderbt und steht an innerer Güte den älteren von R. Helm, Leipzig 
1898, benutzten Handschriften weit nach.«) Anderseits ist ihr Text 
reiner als der derHelmschen „Deteriores*. Ja, ab und an bietet der 
G)mburgensis höchst bemerkenswerte Lesarten, in denen er von allen 
bekannten Handschriften abweicht, so ed. Helm 142i, 32i6, 48ii, 
538, 55t, 6928, 73i9. Helm hat diese Besonderheiten wohl durch 
die aus Modius schöpfende Ausgabe von Ph. Munker und A. van 
Staveren, Leiden 1742, kennen gelernt und in seinen Apparat auf- 
genommen. Dem vetus codex Modii, von dem er S. 32i6 spricht, 
nachzuspüren, hat er nicht für nötig gehalten. 

2. und 3. Plinius See. epistulae. Nov. Lect. ep. XII, LI, 
XCII, CVII uud CXXII suchen 40 Pliniusstellen auf Grund von Hand- 
schriften Neustetters zu verbessern, die schon Nicolaus Cisnerus ge- 
kannt hatte, s) 

Angeblich waren sie von R. Agricola mit eigener Hand ge- 
schrieben. Vgl. die Bemerkung Nov. Lect. 469: Notulas qtiasdam meas 
et observatiunculas in C. Plinium Nepotem, cuius scripta duo olim 
Rodolphi Agricolae Frisii {viri sua aetate citra controversiam eru- 
ditissimi) manu exemplaria, quae tu, ampUssime Patrone, inter alia 
innumera in insigni Uta tua Combergensi bibliotheca heroice plane 
dedUasti, ruiper ad accuratissimam H, Stephani editionem novam*) 
contendi sedulo et comparavi . . 

Anderen Orts werden sie von Modius auch kurz membranae 
Comburgenses oder Neustetterianae genannt, obwohl es sich um 
Papierhandschriften handelt (s. oben S. 58). 

*) Die Handschrift, die von den Fulgentiusforschern noch nicht berücksichtigt 
ist, wurde mir bereitwillig in die Hof- und Staatsbibliothek München übersandt. 

*) Eine Einordnung in Helms Handschriftenklassen ist kaum möglich. Einen 
Begriff der Textgeschichte gibt diese Gruppierung ja auch noch nicht. 

•) Vgl. seinen Brief an Neustetter von 1579, N. Cisneri opuscula, ed. Q. 
Reuter, Frankfurt 1658, S. 1005. 

*) Paris 1581. 



103 P- Lehmann, 

Einer der beiden Codices ist bestimmt erhalten: Stuttgart, 
Cod. poet philol. 4° 30 saec. XV. Am Schluß der Briefe i) findet 
sich von der Hand des Schreibers der Vermerk: finit C. Plirüi Secundi 
novicomensis viri consularis et oratoris clarissimi epistolanim Über: 
diligenter per rhodolphum agricolam frisum recognitus. exscriptus 
pro theodorico plinio germano scolastico tunc ferrariae anno 1478. 
26. FebruariL herciäe dace estense imperante foeliciter. 

Verschiedene Namenseinträge, Wappen und dergl. zeigen, daß 
die Handschrift von Dietrich von Plieningen (Theodericus Plinius) 
an Rudolf Halder, von diesen an seinen Neffen Leonhard von Eck 
und schließlich aus der Sammlung seines Sohnes Oswald durch 
Neustetter nach Komburg gelangt ist. Die zweite der von Modius 
verglichenen Handschriften befindet sich nicht in Stuttgart. Vielleicht 
ist sie in Leiden, Voss. lat. 4® 80 erhalten, wo sich auf Fol. 136' die 
Notiz findet: Rodolphus Agricola phrisius Ferrariae ab$olvU Anno 
Christi MCCC^ LXXVIII^, kl, decembr Lector perpetimm vale. 

Da sich nach Ausweis des Kataloges von 1605*) in Modius' 
Bibliothek Epistolae Plinii manuscriptae vorfanden, kann man ver- 
muten, daß Modius den einen Neustetterianus zum Geschenk bekom- 
men habe und daß dieser Codex im 17. Jahrh. nach Leiden ver- 
schlagen sei. Bei dem Fehlen jeglicher Provenienznotiz im Leidensis 
läßt sich diese Annahme schwer beweisen. Um so schwerer, als wir 
noch von zwei anderen Pliniushandschriften Rudolf Agricolas Kunde 
haben: Johannes Sichardus ») veranstaltete seine Ausgabe, Basel 1530, 
mit Hilfe zweier von Agricolas Hand geschriebener Bücher, die er 
zu Ladenburg (bei Worms) in der Bibliothek Johanns von Dalberg 
gefunden hatte.*) Daß die Ladenburgenses mit den Comburgenses 
identisch wären, erscheint mir recht unwahrscheinlich. Von einem 
bibliotheksgeschichtiichen Zusammenhange zwischen Ladenburg und 
Komburg fehlt jede Spur. Der Stuttgarter Comburgensis kann nicht 
aus Ladenburg an Plieningen gekommen sein, da dieser bereits 1520 
gestorben, Sichardts Benutzung jedoch frühestens ins Jahr 1526 zu 

') Fol. 126 V. 

«) A. Roersch, La Bibloth^que de Fran^ois Modius etc., Saint-Omer 1900, 
S. 20 und vgl. unten S. 129. 

«) Ober ihn und seine Tätigkeit als Erforscher mittelalterlicher Büchersamm- 
lungen gedenke ich in nicht allzu ferner Zeit eine Abhandlung zu veröffentlichen. 

^) Eingehende Untersuchungen über die Bibliotheken Dalbergs und Agricolas 
werde ich in der Arbeit über Sichardt vorlegen. Bis dahin benutze man das reich- 
haltige schon genannte Buch von K. Momeweg. 



Modius als Handschriftenforscher. 109 

setzen ist. Der umgekehrte Weg von Plieningen nach Ladenburg und 
dann nach Komburg ist deshalb nicht annehmbar, weil die Einträge 
Rudolf Halders u. s. w. eine lückenlose Besitzerfolge geben. 

Wir werden anzunehmen haben, daß Agricola zwei Handschriften 
für sicfai) und zwei andere für seinen Freund und Studiengenossen 
Dietrich von Plieningen angefertigt hat. Aus diesem Verhältnis heraus 
ericlärt sich der teilweise frappante Zusammenfall der Sichardtschen 
und modianischen Lesarten, ohne daß man daraus auf Identität der 
benutzten Handschriften zu schließen gezwungen wäre. 

Der Pliniustext war von Agricola offenbar aus jungen Hand- 
schriften, Drucken und durch Konjektur hergestellt worden und besitzt 
somit keinen überlieferungsgeschichtlichen Wert.*) 

4. Tacitus de origine et situ Germanorum. Im 115. Briefe 
der Nov. Lect. berichtet Modius einem Bamberger Freunde, wie er viso 
catalogo libromm manu exaratorum, qui venales apud vos nuntiabantur 
nach Bamberg gefahren sei und dort für die Bibliothek seines Patrones 
eine Handschrift mit Tacitus' Germania gekauft habe. Allerdings sei er 
in seinen Erwartungen sehr getäuscht worden, da es nur eine junge 
Papierhandschrift gewesen sei. In den Nov. Lect. findet sich nur eine 
Lesart dieser Handschrift angegeben (im 15. Briefe), dagegen hat 
Modius eine vollständige Kollation an Justus Lipsius gesandt, wie 
dieser in dem Vorworte zu seiner Tacitusausgabe, Leiden 1585, mit 
Dank bezeugt. Eine Überschätzung des Codex lag ihm völlig fern. 
Schon am 24. September 1582 schrieb er an Lipsius: ») Tacitus Barn- 
bergensis indignus plane erat labore et sumtu, quod eius causa ex- 
haust Bambergam excurrendo, übt vidi recentem omnino esse scrip- 
turam qui titulum Cornelianae historiae mentiebatur, cum nihil in 
iUo Taciti praeter pagellas aliquas ex libello de moribus Germa- 
norum contineretur quas tamen ad tuam editionem etiam comparavL 
.Die Handschrift scheint nicht erhalten zu sein, jedenfalls ist es 
auf Grund der von Lipsius mitgeteilten Varianten kaum möglich, sie 
mit dem. Comburgensis in Stuttgart, Hist. 4° 152*) zu identifizieren, 
wie man geneigt sein könnte. 



*) Die Briefe gehörten zu seinen Lieblingsautoren, die er stets bei sich zu 
tragen pflegte. Vgl. Jo. Fichardus, Virorum, qui superiore nostroque seculo erudi- 
tione et dodrina illustres atque memorabiles fuerunt, Vitae, Frankfurt 1536, fol. 85v. 

«) Vgl. Keils Ausgabe, Leipzig 1870, p. XV. 

«) Bunnann, Syll. epp. I 107. 

*) Ober diese vgl. K. MüUenhof, Deutsche Altertumskunde IV 74—78. 



110 P.Lehmann, 

Die Lesarten, die Modius im 15. und 99. Briefe der Nov. Lect 
zu 23 und 4 Stellen der Annalen und Historien mitteilte, waren 
nicht einer Handschrift, sondern kritischen Bemerkungen entnommen, 
die Agricola an den Rand einer Inkunabel (Hain 15218) geschrieben 
hatte. Das Exemplar ist noch in Stuttgart vorhanden. 

Während er in den Nov. Lect. nur einige Proben hiervon mit- 
teilte, übersandte er das gesamte Material Lipsius, der darüber in der 
»praefatio ad lectorem* der Ausgabe von 1585 berichtet Lipsius 
sowohl wie Modius ^) standen den Lesarten skeptisch gegenüber, da 
sie nicht selten bloße Konjekturen Agricolas zu erkennen vermeinten. 
Ihre Ansicht erwies sich als richtig, als nach 100 Jahren der von 
Agricola benutzte Codex auftauchte,*) um dann bald wieder zu ver- 
schwinden. 

(M A I NZ.) 

Von der Benutzung Mainzer Bibliotheken durch Modius ist nichts 
bekannt. Die Mainzer Handschrift der 4. Liviusdekade hat er nicht 
eingesehen, wie man aus dem Titel der Ausgabe von 1588 und den 
häufigen (330 mal) Anführungen des »Moguntiacus" in den Noten 
schließen könnte. In Wahrheit verdankte er seine Kenntnis den 
älteren Drucken (Angst, Carbach, Gelenius).») 

SAINT- BERTIN. 
Benediktinerkloster. 

Als erster nachweisbarer philologischer Benutzer der Bibliothek 
scheint der rührige Herausgeber der Konzilsakten Petrus Crabbe*) 
gelten zu müssen. Er berichtet: Ex monasterio quoque divi Benedicti 
in eodem comitatu [sc. Flandriae] existente oppido sanctl Audomarl 
singulare quoddam ac ramm opusculum divi Liberatt .... accepi 
et hoc ipsum non obscure appeUatum est: Breviarium causae Nesta- 
rianorum et Eufychianorum. 

Da es innerhalb oder in nächster Nähe von Saint-Omer kein 
anderes Benediktinerkloster als Saint-Bertin gegeben hat, trage ich 

») Vgl. Burmann a. a. 0. 1 109. 

*) Vgl. die Darstellung und das UrteU in der Ausgabe von Emesti, Leipzig 
1801, p. XX sq. 

*) Vgl. Drakenborch in der »Praefatio ad Lectorem', im Stuttgarter Nach- 
drucke der Liviusausgabe vol. XV p. LXXVIII. — Vgl. auch L. Traube, PalÄographischc 
Forschungen IV (= Abh. der III. Kl. d. k. b. Ak. d. Wiss. XXIV Bd. 1) S. 22. 

^) Vgl. unter Gembloux, Köln und Siegburg. 



Modius als Handschriftenforscher. m 

kein Bedenken, die Crabbesche Handschrift mit dem aus dem 6. Jahrh. 
stammenden Werke ^) gerade nach Saint-Bertin zu verweisen. Einige 
Jahre darauf, etwa 1545, besuchten Petrus Gallandius«) und 
Hadriantfs Turnebus«) die Sammlung. Gallandius sagt darüber 
in seiner Ausgabe der Feldmesser, Paris 1554: 

Cum ante annos decem, pace inter Carolum Caesarem et 
Franciscum regem sancita, ego et Adrianus Turnebas Belgicae oc- 
cidentalis aliquot oppida perlustraremus, et in singuUs monasteriis 
libros veteres, veluti canes sagaces in lustris feras, diligenter con- 
quireremus, in divi Bertini apud Audomari Phanum bibliotheca, inter 
muUa venerandae vetustatis volumen unum quod varios libros eos- 
qua maiore ex parte non ante visos continebat, invenlmus. Be- 
sonders beachtenswert ist, was er einige Zeilen darauf bemerkt: 
Qul [sc. libri\ quidem cum . ... ad linguae latinae locupletationem 
necessaria plurima complecti nobis viderentur, ut per maius otium 
et diligentius evolvi possent hoc [sc. Parisios] transferendos esse 
monachis permittentibus, duximus. Diese Gromatikerhandschrift ist 
schwerlich jemals wieder nach Saint-Bertin zurückgekehrt. Wir finden 
sie am Anfange des 17. Jahrh. im Besitze des bekannten Philologen 
Petrus Scriverius. Aus dessen Sammlung kam sie durch Marquardus 
Gudius 1689 nach Wolfenbüttel: Gud. 105 saec. IX.*) 

Sehr ähnlich ist die Sachlage bei dem berühmten „Codex qua- 
dratus" des Lucretius in Leiden, Voss. lat. 4° 94 saec. IX. Auch er 
lag im Mittelalter in Saint-Bertin und war um 1550 in Tumebus' 
Händen.^) Dies und dafi er durch Gerardus Johannes Vossius^) nach 
Leiden gelangt ist, hat man schon seit langem gewußt, sich aber 
anscheinend nie gefragt, wie Vossius zu ihm gekommen war. Ich 
glaube nun wahrscheinlich machen zu können, dafi Modius' Oheim 
Franciscus Nansius der Vorbesitzer gewesen ist. Schon Hubertus 
Giphanius wufite davon, wie aus einem in Prag 19./29. März') datierten 



>) Vgl. PRE. XI (1902) S. 449. 

«) 1510—1559; vgl. Nouv. Biogr. univ. XDC 287 f. 

») 1512—1565; vgl. Nouv. Biogr. univ. XLV 732 ff. 

^) Vgl. die Schriften der römischen Feldmesser, her. u. erl. von F. Bluhme, 
K. ülchmann und A. Rudorf II, Berlin 1852, S. 42 f. 

*) Die von T. angefertigte Kollation verwendete Dionysius Lambinus für 
seine Ausgabe, Paris 1570. 

•) 1577—1649; ADB. XL! (1896) S. 367—370. 

Da sich Giphanius von 1599—1604 in Prag aufgehalten hat, ist der Brief 
in diese Zeit zu setzen. 



112 P. Lehmann, 

Briefe!) an Franciscus Junius hervorgeht: omiseram fere de Lucretio, 
cuius antiquissimum codicem ex bibliotheca monasterü Bertiniani 
in Flandria Leidae habuit Nansius. codex an et tibi sit scdvus 
magnopere scire uelim. 

Zwischen Nansius und J. G. Vossius ist kein Besitzer mehr be- 
kannt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ebenso die erwähnte Gro- 
matikerhandschrift einst Nansius gehört hat, wissen wir doch, daß 
er mehrere Handschriften mit Werken über Feldmeßkunst besessen 
und daß Scriverius eine Anzahl Bücher aus seinem Nachlasse er- 
worben hat.*) Noch weniger klar ist der Weg von Tumebus zu 
Nansius. Möglicherweise hatte Modius die Hand dabei im Spiele.») 

Jedenfalls werden wir in Modius einen eifrigen Erforscher der 
Sammlung von Saint-Bertin kennen lernen. Nach ihm arbeitete unter 
anderen im Jahre 1601 Johannes Macarius (L'Heureux) dort und 
vermißte die von Modius benutzten Handschriften.*) Im 17. und 
18. Jahrh. waren namentlich die Mauriner und Bollandisten die 
Benutzer der Codices Bertiniani. 

Bis zur französischen Revolution blieb die Bibliothek als Ganzes 
zusammen; nachdem sie von 1794 — 97 mit 771 Handschriften den 
Grundstock des in Saint-Omer errichteten Depots gebildet hatte, 
wurden 88 Handschriften der Zentralbibliothek in Boulogne-sur-mer 
überwiesen und dieser Teil ist auch fernerhin dort geblieben und 
gehört jetzt der Stadtbibliothek von Boulogne. Der größere Rest 
ist in Saint-Omer geblieben und bildet jetzt mit 549 Bänden den 
hauptsächlichen Handschriftenbestand der dortigen Stadtbibliothek.*) 



*) Die angeführte Stelle steht in einem Leidener Autogramm und ist mir durch 
Vermittlung des Direktors der Bibliothek de Vries von Herrn Dr. Molhuysen mit- 
geteilt worden. 

*) Vgl. Schriften der römischen Feldmesser II 57 ff. — Außer durch Vossius 
und Scriverius sind durch Scaliger und Bonaventura Vulcanius Bücher aus Nansius' 
nach 1595 versteigerter Bibliothek nach Leiden gekommen; ein Codex Nansianus, 
der ebenfalls Scriverius gehört hat, befindet sich in der Bibliothek von Holkham 
Hall. vgl. Philologus XLII (1884) S. 166, ein anderer in Rom, Reg. lat. 1987. 

•) Vgl. unten. 

^ 1540—1604; Biographie nationale de Belgique XII 88. Er war, wie Modius, 
Kanonikus in Aire. Erst nach seinem Tode wurden einige seiner Arbeiten veröffent- 
licht. Ober die Benutzung der Bibliothek vgl. A. Roersch, La biblioth^que de Fran^ois 
Modius etc., Saint-Omer, S. 7. 

*) Zur Geschichte der Bibliothek vgl. H. Piers, Noticc historique sur la biblio- 
th^ue publique de la ville de Saint-Omer, Lille 1840, und die Vorreden zum 3. und 
4. Bande der Departementskataloge. 



Modius als Handschriftenforscher. 113 

Verschiedene Handschriften waren schon früher, z. T. durch Tume- 
bus (s, o.), z. T. durch die BoUandisten, z. T. auf mir unbekannte Weise 
ihrer Heimstätte entfremdet worden. Außer Boulogne und Saint-Omer 
besitzen nachstehende Bibliotheken Codices S. Bertini: 

Brüssel, K. B. 8224—26, 8380, 8654—72, 15835, Phill. 324 
und 327. 

Cambridge, C. C. C. 223.i) 

Haag, K. B. 69, 165,«) 284.») 

Leiden, U. B. Voss. lat. 4° 94 und Perizon. 2° 14. 

London, Br. M. Reg. 8E. XV*) und 13 A. XXVII.^) 

Paris, B.N. lat 6113,«) Nouv. acq. lat. 1825.') 

Wolfenbüttel, H. B. Gud. 105. 



Modius' Vergleich zwischen den Sammlungen des Kölner Domes 
und des Klosters S. Bertin wurde bereits oben S. 93 angeführt. Wir 
dürfen annehmen, daß er die Bibliothek in einem dieser Hochschätzung 
entsprechenden Umfange benutzt hat, zumal sich in seinen letzten 
Lebensjahren durch den Aufenthalt im benachbarten Aire gute Ge- 
legenheit bot, die in der Jugend begonnenen Studien an den Codices 
Bertiniani fortzusetzen. Aber nur wenige von diesen Arbeiten sind 
bekannt geworden, z. T. wissen wir von ihnen nur durch Einträge, 
die Modius in die Handschriften gemacht hat. So ist es bei dem 
an erster Stelle zu nennenden Werke der Fall. 

1. Ambrosius de figuris mysticis. In der Handschrift 27 
von Saint-Omer, saec. IX, findet man die Notiz. ») 

Usus sum hoc libro et repperi satis bonae notae, Ariae, mense 
septembri anni M. D. XCIV. Fr. Modius canonicus Ariensis. 

Hiervon abgesehen haben wir keine Nachricht über Modius' 
philologische Beschäftigung mit Ambrosius. 

2. Apuleius Madaur. metamorphoses. Im Jahre 1597 teilte 
C. Sdoppius in seinen „Suspectarum lectionum libri V" Lesarten eines 



») Vgl. MG. Poetae medii aeui III 526. 

«) Vgl. L. Delisle, M^Ianges de pal^ographie, Paris 1880, S. 195 f. und 
207—216. 

») Vgl. Archiv für ältere deutsche Geschichtskunde VIII 568. 

^) Die Herkunft aus S. Bertin wird allerdings nur vermutet. Vgl. Catalogue 
of andent rass. in the British Museum (Latin Serie), London 1884, S. 87. 

») Vgl. MG. SS. rer. Ungob. p. 33. 

•) Vgl. L. Delisle, Le cabinet des manuscrits etc. II 404. 

') Vgl. Biblioth^que de l'^cole des chartes LXIV 25. 

•) CSEL. XXXII, Wien 1897, p. LH. 
QocUcn 0. Untersuch, z. lat. PhUologie des MA. m, 1. 8 



114 P. Lehmann, 

codex Bertinianus mit, die er aus Modius' Handexemplare kannte. 
Weitere Varianten dieses Ms. veröffentlichte er dann in den „Symbola 
critica in L. Apuleii .... opera*, Augsburg 1605, S. 35 — 109. 

Das von ihm benutzte Buch des Modius, Leiden 1588 in 8^, 
befand sich im Besitze des Augsburger Patriziers Marcus Welserus 
und wurde von diesem 1603 Hellas Putschius geschenkt; aus dessen 
Händen gelangte es auf unbekannten Umwegen an den Greifswalder 
Professor Saalbach, wurde dann von Jo. Chr. Wolf in Hambuig ge- 
kauft und geriet mit dessen Bflchersammlung in die Stadtbibliothek 

Hamburg.^ 

Modius hatte nur für die 11 Bücher Metamorphosen Vari- 
anten eingetragen und zur Erklärung folgende Worte in seine Aus- 
gabe geschrieben: Libros hos omnes XI de Asino aureo contuÜ cum 
ÄtS. Stl. Bertini, optima illo quidem, sed in Charta, satis recenä 
characterls genere; ex eo igitur sunt omnes variantes, quibus aut 
nihil aut M litera adiuncta est. Arlae Postr. Kai. Octob. a. CD.D. 
LXXXIX F. Modius. 

Aber nicht nur die Kollation, sondern auch die kollationierte 
Handschrift selbst ist erhalten, als Saint-Omer 653. Modius' An- 
gaben über das Äußere stimmen: es ist eine Papierhandschrift des 
15. Jahrhunderts. Dagegen täuschte er sich in der Beurteilung ihres 
textkritischen Wertes. Hildebrand, der die Varianten sorgsam aus 
der Hamburger Kollation herausnotierte, betonte, daß der Bertinianus 
für die Textesherstellung nur in allerietzter Linie in Betracht käme. 
Seit Keils Forschungen wissen wir, daß selbst diese Bestimmung zu 
günstig ist. 

3. Genealogia Flandrensium comitum. In der Hand- 
schrift Saint-Omer 746 steht auf fol. 64' der Vermerk:«) mense Sep- 
tembri anni MDXCIV. Fr. Modius Ariensis Canonicus. 

In welcher Absicht sich Modius mit diesem Bande, dessen In- 
halt sehr mannigfaltig ist,») beschäftigt hat, kann ich nur vermuten. 
Wahrscheinlich hatten ihn die fol. 64^ — 68^ stehenden genealogischen 
Aufzeichnungen angezogen. Sein Tagebuch*) und die einstmals ihm 

») Die Provenienznotizen, aus denen diese Geschichfe hervorgeht, werden 
mitgeteilt in der Apuleiusausgabe von G. F. Hildebrand I, Leipzig 1842, p. LXVI sq. 
U.LXXIV. 

*) Steinmeyer, Althochdeutsche Glossen IV 588. 

') Vgl. die Beschreibung bei Steinmeyer a. a. O. 587 f. und im Katalog von 
Saint-Omer S. 333 f. 

*) Serapeum XIV 114, 124 und 134. 



Modius als Handschriftenforscher. 115 

selbst angehörige Handschrift Saint-Omer 730 zeigen sein lebhaftes 
Interesse für die Genealogie der belgischen Adelsfamilien. 

4. Isidorus Hisp. Etymologiae. Wie aus dem oben^ mit- 
geteilten Briefe erhellt, beabsichtigte Modius eine Ausgabe der Ety- 
mologiae. Zu diesem Zwecke kollationierte er z. B. eine Fuldaer und 
auch eine S. Bertiner Handschrift. Denn der beim Einbinden und Be- 
schneiden beschädigte Vermerk«) in der Handschrift Saint-Omer 642 

saec. XII: Usus sum hoc exemplari et repperi medlocri rührt 

doch wohl von Modius her. Man vgl. die Einträge in die Ambrosius- 
und in die Symmachushandschrift. 

5. Panegyrici latini. In seinen letzten Lebensjahren verglich 
Modius in Saint-Bertin eine Panegyrikerhandschrift und beabsichtigte 
mit Hilfe des so gewonnenen Materiales bei Moretus») in Antwerpen 
eine Neuausgabe zu veranstalten. Am 1. August 1596 schrieb er 
darüber an Lipsius:*) Meditabar sie quoque tarnen extrudere hac 
aestate Panegyricas meas lectiones, tibi multae, uti spero, non con- 
temnendae delectaöunt te emendationes et castigationes bonae ex 
Ubro scripto Bertinlensi non ninUs bona illo qtUdem, sed tarnen tali, 
ut mihi ad eas faculam praeluxerit, nisi Moretus . . . Ubrum hoc 
quidem tempore formis excudere gravaretur. Das Anerbieten, seine 
Arbeit zu drucken, das ihm Henricus Stephanus gemacht hätte, er- 
schiene ihm zu unsicher, er wollte lieber warten, bis Moretus bereit 
wäre.*) Leider starb er, ehe er den Plan ausführen konnte. Doch 
ging seine Arbeit der Wissenschaft nicht ganz verioren. Eine Kolla- 
tion des Bertiniensis, die Modius an Welser nach Augsburg geschenkt 
hatte, gelangte in den Besitz von Johannes Livineius und dieser ver- 
wertete sie für^seine Ausgabe, die 1599 in Antwerpen erschien.«) 
Hier wurden mit Sorgfalt und Geschick die Lesarten, die Modius aus 
der Handschrift notiert hatte, am Rande angegeben. 

Die Handschrift selbst ist niemals wieder aufgetaucht 
Während Baehrens^ sie dem gleichfalls veriorenen Moguntinus 
als gleichwertig an die Seite stellte, hat neuerdings Noväk«) behauptet, 

>) I Beilage 3. 

*) Vgl. Catalogue g^n^rale ... des biblioth^ques des d^partements UI 642. 

>) Nachfolger des Chr. Plantin. 

*) Burmann a. a. O. I ep. CV. 

») Vgl. auch Seibt a. a. O. 47. 

*) Vgl. sein Widmungsschreiben an Marcus Welserus. 

T Panegyrici Latini, Leipzig 1874, p. XVIII sq. 

*) ktsU Museum filologick^ VII (1900) S. 163 f. 

8* 



116 P.Lehmann, 

dafi wie alle sonst bekannten Handschriften auch der Bertinianus aus 
dem Mainzer Exemplar geflossen und zwar wahrscheinlich nicht 
direkt, sondern durch Vermittlung des Upsaliensis. Diese Auffassung 
ist nicht ganz unbedenklich. Da die jetzt in Upsala liegende Hand- 
schrift, wie man bestimmt weiß, im Jahre 1458 in Mainz geschrieben 
ist, könnte der Bertinianus erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. an- 
gefertigt und müßte dann nach Artois verschlagen sein. Vielleicht trifft 
man das Richtige, wenn man nicht eine Abhängigkeit von der Mainzer 
Handschrift behauptet, sondern ihre Übereinstimmungen mit der Annahme 
erklärt, daß beide, der Moguntinus und der Bertinianus, aus einer Vorlage 
geflossen sind. Derartige Fälle sind in der Überlieferungsgeschichte 
durchaus nicht selten und gerade die Handschriften von Saint-Bertin 
und Mainz geben dafür ein Beispiel: der „Quadratus** des Lucretius 
(Leiden, Voss. 4° 94) stammt aus Saint-Bertin, der „Oblongus" (Leiden, 
Voss. 2° 30) aus St. Martin in Mainz. 

Nebenbei sei bemerkt, daß die Lesarten zu den Panegyrid, die 
Modius in den Briefen 25 und 79 der Nov. Lect mitgeteilt hatte, 
nicht aus einer Handschrift genommen, sondern, wie er S. 118 f. aus- 
drücklich sagte, durch Konjektur gewonnen waren. 

6. Sallustius de hello Jugurthino und de coniuratione 
Catilinae. Modius vermittelte dem Janus Palmerius Mellerus die 
Kenntnis eines Sallustiuscodex, dessen Lesarten dieser in seinem 
»Spicilegiorum commentarius primus", Mainz 1580, oft anführte. Er- 
weist sich die Handschrift danach auch nicht als besonders rein, so 
glaube ich dennoch nicht, daß sie mit der in Saint-Omer als Ms. 757 
befindlichen S. Bertiner Handschrift identisch ist, die erst im 16. Jahrh. 
angefertigt wurde. 

7. Symmachus epistulae. C. Scioppius veröffentlichte in 
seinen „Suspectae Lectiones" auch für diesen Schriftsteller einige 
Varianten eines Codex Bertinianus, dessen von Modius angefertigte 
Kollation ihm wiederum Marx Welser verschafft hatte. Ausführlichere 
Mitteilungen machte er in seiner Ausgabe von 1608. 

In neuerer Zeit war die Handschrift verschollen, bis sie R. Förster i) 
in Saint-Omer 608 wiederfand, in einem Ms., das der Departements- 
katalog«) fälschlich als „Libanius** verzeichnet hatte. Derselbe Ge- 
lehrte konnte auf einen Eintrag») hinweisen, der die Benutzung ge- 

>) Vgl. Rhein. Museum XXX (1875) S. 466 ff. 
«) III 300. 

•) Auf Grund der Notiz in den .Additions et corrections au catalogue des 
mss. de la bibliotheque publ. de S.-Omer, publikes par la soci^t^ des antiquaires 



Modius als Handschriftenforscher. 117 

rade dieser Handschrift durch Modius erweist: Usus sunt et reperi 
non pessimae esse notae anno MDXCIII. Fr. M. BrA) Ariensis 
canonicus. 

Die Handschrift entstammt dem 12. Jahrh. und entspricht viel- 
leicht Becker 77204. Sie enttäuscht insofern, als sie nur eine der 
weitverbreiteten Florilegienhandschriften ist, die keinen bedeutenden 
Wert für die Textesherstellung haben.«) 

S I E G B U R G. 

Benediktinerkloster.*) 

In die Bibliothek der Stiftung Annos von Köln treten wir zu- 
sammen mit Eucharius Cervicornus, dem mehrfach genannten 
sehr verdienten Kölner Drucker. Aus seiner Offizin ging im Jahre 
1532 die Erstausgabe von dem Kommentare des Paschasius Radbertus 
zu Jeremias hervor, deren textliche Grundlage eine Siegburger Hand- 
schrift bildete. Aus den Worten des Widmungsbriefes muß man 
schließen, daß bereits einige Jahre vorher der Abt Codices seiner 
Klosterbibliothek zur Veröffentlichung hergegeben hatte. Leider konnte 
ich näheres darüber bisher nicht ermitteln. Wohl aber vermochte ich 
festzustellen, daß derselbe Verieger etwas später, im Jahre 1536, für 
seinen Druck der Apokalypsenerklärung des Ambrosius Autbertus 
neben anderen ein — damals schon des Einbandes beraubtes und 
angefressenes — Siegburger Exemplar heranziehen durfte. 

In der Reihe der gelehrten Benutzer der Siegburger Sammlung 
folgt dann wiederum Petrus Crabbe.*) Er entnahm aus einer ihrer 
Handschriften den Text des bis dahin noch nicht gedruckten „Liber 
pontificalis", von dem er einzelne Abschnitte seinen Konzilsakten, 
Köln 1538—1551, vorausschickte. «) Er führte im Register der Hand- 
schriften den Codex mit folgenden Worten an: Ex monasterio fama- 

de la Morinie', S.-Omer 1873, S. 62. Ich habe diese Nachträge vergeblich in den 
deutschen Bibliotheken gesucht. Auch das Auskunftsbureau der d. Bibliotheken hat, 
laut Mitteilung vom 13. August 1906, kein Exemplar nachweisen können. 

*) = Franciscus Modius Brugensis. 

«) Vgl. O. Seeck in den MG. Auctt. antt VI 1 p. XXVIII und XXXVI. 

') Am gleichen Orte bestand auch ein Minoritenkloster; dessen Bibliotheks- 
reste — 373 Bflnde gedruckter Werke — im Anfange des 19. Jahrh. in die Landes- 
bibliothek Düsseldorf gekommen sind. Es existiert dort ein handschriftliches Ver- 
zeichnis der bei der Säkularisation vorhandenen Bücher, das mir gütigst zur Ver- 
^gung gestellt worden ist. 

*) Vgl oben S. 82 und 86. 

») Vgl. Mommsen, MG. Gesta pont. Rom. I, Berlin 1898, p. CVII. 



118 P. Lehmann, 

tissimo et antiquo Sigebergen. ordinis divi Benedicti non longe a 
Bonna civitate Ubellus vitas summomm pontificum continens est 
datus, quo etiam felicissime sunt usus. Die Handschrift ist jetzt 
verschollen und war anscheinend auch schon 1554 nicht mehr in 
Siegburg, als Caspar von Nidbruck^) nach ihr suchte. Quod de 
libro, scilicet de vitis pontificum, quifuitprope Bonnam, scribis, fui 
quidem in monasterio et omnes perlustravi, sed in eum librum non 
incidi, nam monachus Ute compilator concUiorum non omnes libros 
restituit, quod scio, schrieb er am 1. November 1554 an Matthias 
Flacius Ulyricus.*) Sonstige Nachrichten über Nidbrucks Besuch in 
Siegburg fehlen. Wohl aber weiß man, daß in derselben Zeit, viel- 
leicht mit Nidbruck zusammen, Cornelius Gualtherus und Geor- 
gius Cassander in Siegburg waren und für die Magdeburger Cen- 
turien aus einer jetzt verschollenen Handschrift Briefe des Ivo von 
Chartres und verschiedene Aktenstücke zur Staufergeschichte ab- 
schrieben.») Die Originalabschrift ist in Wolfenbüttel, Aug. 27. 9. fol. 
erhalten.*) Um 1560 kollationierte Franciscus Fabricius einen 
Codex Sigebergensis des Q. Curtius Rufus, den nach zwei Jahrzehnten 
auch Modius benutzen konnte. In derselben Zeit wie Modius oder 
vielleicht noch früher stand Suffridus Petrus mit dem Kloster und 
seiner Büchersammlung in Verbindung. Er zog für seine 1580 zu Köln 
erschienene Ausgabe der »De illustribus ecclesiae scriptoribus authores 
praecipul** als sechste Handschrift einen liber manuscriptus heran 
ex Bibliotheca venerabilis Monasterii Sigebergensis, in quo erant 
satis castigate descripti Hieronymus, Gennadius et Isidorus, Am 
Ende des 16. Jahrh. durchsuchte der schon^) genannte Cornelius 



*) t 1557; kaiserlicher Rat, bekannt als Förderer des Centurienwerkes, vgl. 
darüber Schaumkell, Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Magdeburger Cen- 
turien, Ludwigslust 1898, S. 20 ff. 

') Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Oster- 
reich XVIII (1897) S. 230. 

») Vgl. Nürnberger im Neuen Archiv d. G. f. Ä. d. Geschichtskunde XI 25—30 
und 32. 

«) Nürnberger spricht sich über folgende Tatsache, die mir sehr aufgefallen ist, 
nicht aus: nach H. Sudendorf, Registrum oder merkwürdige Urkunden für die 
deutsche Geschichte II (Berlin 1851) p. VIII befinden sich in Hannover zwei Blätter, 
auf denen sich eine Abschrift der Briefe des kaiserlichen Notars Burchard befindet, 
die gleichfalls von Cassander oder Gualtherus zu stammen scheint In der Wolfen- 
bütteischen wie in der Hannoverschen Kopie ist vermerkt: Ex libro epistolarum 
Ivonis ex monasterio SibergensL 

») S. 90. 



Modius als Handschriftenforscher. ng 

Schulung die Sammlung nach alten Breviarien und ähnlichen 
Werken. In seiner Bibliotheca ecclesiastica, Köln 1599, IV 78, sagt 
er: In antiqmssimis Bibliothecis Abbatlarum Benedictini Ordinis tU 
S. Pantaleonis, Sigebergae et alibi passim inveniuntur MS, Missalia, 
CoUectarü, Epistolares, Evangelistaria, Antiphonaria, Responsorialia, 
Gradualia pulcherrime scripta, quorum quaedam mitte annos et 
ampUüs excedunt, initia quorundam aureis literis depictae sunt, a 
vetustate testanttir arrosae et detritae pergameni chartae .... Im 
2. Teile S. 31 macht er Mitteilungen Ex homiliario vetusto Biblio- 
thecae Siegeberg., tibi initio rtibeis literis sie habetur: ... S. 41 er- 
wähnt er das Leben des heiligen Anno, das bekanntlich von einem 
Si^burger Mönche verfaßt ist. Im 3. Teile S. 238 bemerkt er nebenbei: 
CoUectas seu Orationes antiquas una cum precibus ad B. Mariam 
Virginem ad singulos ex ordine psalmos adiunctis ex vetusto MS. 
Codice Siebergensis [!] Bibliothecae ..... praetermisi et brevitatis 
studio expunxL Und schließlich macht er im 4. Teile S. 194 auf eine 
Handschrift der Gedichte des Venantius Fortunatus aufmerksam: 
Magnum volumen carminum Fortunati MS, necdum editum extat 
in Bibliotheca Abbatiae Siegebergensis . . ., qui Codex MS. dignis- 
simus est, qui in lucem proferatur aliquando. Wohl auf diese An- 
regung hin verwertete der Jesuit Christophorus Browerus^) die 
Handschrift für seine Ausgabe des Venantius Fortunatus, Mainz 1603. 

Dann verhallt die genauere Kunde von Siegburgs Bücherschätzen. 
Aber noch im 18. Jahrh. stand die Bibliothek in gutem Rufe, ohne 
daß sie damals intakt gewesen sein müßte. Der Literarhistoriker des 
Benediktinerordens Ziegelbauer erkundigte sich bei Oliverius Legi- 
pontius, einem vorzügHchen Bibliothekenkenner, und erhielt 1740 
die wenig tröstliche Antwort:«) DE SIGEBERGENSI Bibliotheca 
olim locupletissima nihil impraesentiarum habeo, quod referam, nisi 
quod iaceat plane neglecta , . . 

Die Reste der Sammlung kamen im Anfange des 19. Jahrh. 
in die Landesbibliothek nach Düsseldorf. Nach dem damals auf- 
genommenen Verzeichnisse*) fand man nur 874 Bände, meist theo- 
logische Druckwerke des 16. bis 18. Jahrh. vor. An Handschriften 
konnte nur ein vollständiges Adreßbuch und eine Vita S. Annonis 
Archiepiscopi Colon, verzeichnet werden. Letztere ist die aus dem 



^) t 1617, vgl. ADB. m (1876) S. 368 ff. 

«) Historia rei litter. O.S.B. I, Augsburg und Würzburg 1754, S. 511. 
») Es wurde mir im Herbst 1906 von der Düsseldorfer Landesbibliothek be- 
reitwilligst zur Benutzung ins Stadtarchiv Braunschweig übersandt. 



120 P« Lehmann, 

12. Jahrh. stammende numnehrige Düsseldorfer Handschrift nr. 65.^ 
Man geht gewiß nicht fehl, wenn man in ihr die schon 1599 von 
Schulung erwähnte Handschrift erblickt. 

Losgelöst von diesem Restbestande hat sich noch eine Sieg- 
burger Handschrift in der königlichen Bibliothek zu Brüssel als 
Manuskript no. 5354 — 61 saec. X erhalten. Er ist der von Schul- 
ung und Browerus benutzte Codex mit den Gedichten des Venantius 
Fortunatus.«) Er war vormals im Besitze der BoUandisten; wie er 
in ihre Hände kam, ist unbekannt. Äufierdem befindet sich in Wien 
als Pal. 1879 ein Psalterium .... in usum monasterii Slegebergensis, 
saec. XII.») 

Dafi die Bibliothek einst auch Klassiker besafi, bezeugen Modius' 
Mitteilungen. In den Nov. Lect nennt er Siegburg unter den 1578/79 
besuchten Stätten. Die von ihm gelegentlich erwähnten Handschriften, 
von denen sich keine einzige erhalten hat, sind: 

1. Q. Curtius Rufus historiae de Alexandro Magno. 
Vgl. Modius* Worte in der Vorrede zu den Curtiusnoten, Köln 1579: 
unum [sc, scriptum manu exemplar] Sigebergensis abbatiae misit ad 
me C. V. Carolus Utenhovius,^) Nieulandiae dominus, quo Fran- 
ciscum Fabricium olim usum esse aiebat. verum ab hoc uti adiutum 
me aliquot locis non nego, ita Colonienses membranas bonUate, quae 
tota fere in antiquitate est, longe Uli praestitisse non invitus pro- 
fiteor. utinam tamen quemadmodum hunc Sigebergensem codicem, 
ita et alios, quibus in Curtio emendando idem Fabricius usus fertur, 
bona aliqua fortuna ad me domum detulisset. fuissent fortasse in 
eis^ quorum nos minime paeniteret. 

Die erwähnten Arbeiten des Franciscus Fabricius Marcoduranus 
über Curtius haben sich leider nicht erhalten. Auch andere Gelehrte 
waren auf sie aufmerksam geworden, wie man aus folgender Stelle 
eines Briefes entnehmen kann, den am 16. Januar 1576 Gerhard Falken- 



1) Vgl. Archiv für ältere deutsche Geschichtskunde XI (1858) S. 752 und MG. 
SS. XI 514—518. 

«) Sic ist von dem letzten Herausgeber F. Leo MG. Auctt. antt. IV 1 (1881) 
nicht verwertet Im Brüsseler Katalog von van den Gheyn II 293 steht als Pro- 
venienznotiz Conventus Sigebert, Meine Vermutung, daß es sich nur um einen 
Lese- oder Druckfehler für Conventus Sigeberg handelt, sehe ich durch Bethmanns 
Angaben im Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde VIII 495 
bestätigt. 

») Vgl. den Katalog der Miniaturcnausstellung, Wien 1901, S. 12. 

<) Vgl. oben S. 40 und 63. 



Modius als Handschriftenforscher. 121 

bürg an Bonaventura Vulcanius geschrieben hat:*) De Curtio Fabri- 
ciano nihil tibi possum promittere. Non enim id in potestate est 
Utenhovii nostri, sed vidaae, quae de lucro ex maritis faciendo 
cogitat. Eundem fnistra petiit H. Stephanus noster. Sed, quid agas 
cum imperitis nuäierculis et quidem viduis? 

Modius macht in den Noten ziemlich häufig Mitteilungen aus 
der Handschrift, die er seinerzeit wohl gesehen, aber nicht kollationiert 
hat, sie scheint zu der Gruppe von Handschriften zu gehören, als 
deren ältester Vertreter der Codex Coloniensis angesehen wird.«) 

2. Fulgentius Plane, mythologiae. Modius berichtet in 
den Nov. Lect. 275, daß er eine Fulgentiushandschrift aus Siegburg 
habe benutzen können, — tribus aliis aeque antiquitatis codicibus, 
quibus olim Lovanii a Gemblacensibus et nuper Coloniae a metro- 
politanae ecclesiae bibliothecae praefectis et abbate Sigebergensi 
usus sunt, — gibt aber nirgends eine Lesart daraus an. 

3. Sallustius de hello Jugurthino und de coniuratione 
Catilinae. Janus Palmerius Mellerus schreibt in seinem „Spid- 
legiorum commentarius primus", Mainz 1580, fol. 17": De librisanä- 
quis [sc. SaUustii\ ne ignores nulium inspexi; tres in totidem Ab- 
batiis repertos et accuratissime a se collatos Franciscus Modius 
Brugensis, adolescens doctus quem de edito Curtio nosse potes, 
mecum communicavit: unum Sigebergensem mea causa diligenter 
legit amicus meus loannes Guilhelmus Lubecensis, reliqui domi 
C. Hieronymi Berchemii fuerunt. Im folgenden werden dann häufig 
Stellen aus einem liber Thosanus, Bertinianus, Sigebergensis und 
zwei Colonienses angeführt. Ob Modius auf den Sigebergensis auf- 
merksam gemacht und Mellerus zu der nochmaligen Kollation durch 
Gulielmus veranlaßt hat, ist mir nicht ganz klar geworden. Außer 
S. Bertin und Ter Doest wird nur noch die eine Abtei Siegburg als 
Lagerungsstätte der benutzten Handschriften genannt. Mellerus redet 
aber von dreien, die Modius Sallusttexte geliefert hätten. 

TER DOEST. 

eist ercienserk lost er. 

Aus dem 16. Jahrh. kommen nur späriiche Nachrichten über die 
Benutzung von „libri Thosani". Cornelius Gualtherus verweist 
in den Noten seiner Hegesippusausgabe, Köln 1559, für die „Ana- 

^) lUustrium et daronim virorum epistolae selectiores superiore saeculo scriptae 
vel a Belgis vel ad Beigas, Leiden 1617, S. 680 f. 
«) Vgl. oben S. 95. 



122 P- Lehmann, 

cephaleosis" häufig auf eine Handschrift, die er p. 670 näher be- 
zeichnet als: Codex manuscripttis, quem nobis suppeditavU mona- 
sterium ordinis Cisterciensis prope Bnigas in Flandria, vtägo Ehest 
nuncupatum. 

Jacobus Pamelius zitiert in seiner Cyprianusausgabe von 
1568 einmal einen Wiegendruck mit dem Bemerken vidi in biblio- 
theca Thosana. L. Carrio benutzt in den Noten seiner Sallustius- 
ausgabe, Antwerpen 1579, einen Priscianus aus Ter Doest, während, 
wie wir sehen werden, F. Modius dort einen Curtius und Sallustius 
vergleicht. 

In größerem Maßstäbe führten im 17. und 18. Jahrh. die Bol- 
landistenO und Mauriner*) „libri Thosani" an, und deVisch ver- 
weist mehrfach auf solche in seiner Bibliotheca Cisterciensis, Köln 1649. 

Schon als Modius die Bibliothek*) besuchte, war sie sehr ver- 
armt; in den Religionswirren des Jahres 1571 wurde die Abtei fast 
völlig zerstört und damit wohl auch die Hauptmasse der Bücher. Die 
Mönche flüchteten sich nach ihren Niederiassungen in der Stadt 
Brügge. 1624 wurde ihr Brügger »refugium Thosanum* den gleich- 
falls (1578) vertriebenen Cisterciensem von Ter Duyn überwiesen 
und nun ein neues „monasterium Dunense* innerhalb Brügges 
erbaut. 

Bei der Vereinigung der beiden Klöster wiu-den auch die Biblio- 
theksreste verschmolzen und auf diese Weise eine statüiche Samm- 
lung hergestellt, von deren Handschriften ein 1638 angefertigtes Ver- 
zeichnis voriiegt.*) Seit der napoleonischen Zeit befmdet sich die 
Bibliothek zum größten Teil in der Stadtbibliothek von Brügge (etwa 
470 Handschriften), ö) einzelne (etwa 50 Handschriften) sind im 



») Vgl. z. B. Acta SS. Aug. III 229. 

«) Vgl. z. B. Voyage litt^raire de deux religieux b^n^dictins etc II, Paris 1744, 
S. 192. 

*) Vgl. für das Folgende: A. Voisin, Documents pour servir k V histoire des 
biblioth^ques en Belgique, Gent 1840, S. 108—118. — Annales de la sod^t^ 
d'^mulation de la Flandre occidentale II, Bruges 1840, S. 147—168. — Analecta Bol- 
landiana X (1891) S. 453—466. 

*) Sanderi Bibliotheca Belgica raanuscripta. Lille 1641, S. 150—207. Es sind 
nicht, wie Voisin u. a. behaupten, 1025 Bände verzeichnet, sondern nur soviele Schriften, 
von denen mehrere unzweifelhaft oft in einem Codex vereinigt gewesen sind. 

^) Vgl. Laude, Catalogue des mss. de la bibliotheque publique de Bruges, 
Bruges 1859. — Die Ter Doester und Ter Duyner Provenienz ist nicht immer unter- 
schiedlich angegeben. Anscheinend ist die Zahl der aus Ter Doest erhaltenen Hand- 
schriften geringer. 



Modius als Handschriftenforscher. 123 

bischöflichen Seminar zurückgeblieben, ^) das 1833 in den Räumen 
der ehemaligen Abtei gegründet wurde. 

Zur Zeit der Bibliotheksbenutzung durch Carrio und Modius 
wird sich die Sammlung wohl noch in Ter Doest selbst befunden 
haben. Die von Modius namhaft gemachten Handschriften sind: 

1. Q. Curtius Rufus historiae deAlexandro Magno. Vgl. 
die Vorrede zu den Noten der Curtiusausgabe: Nam etsi non indi- 
Ügenter eum scriptorem olim cum manu exarato codice, quem ab- 
batiae thosanae aliquando fuisse Uquei, contuleram. . . . Leider wird 
der Codex in den Noten sellbst nicht ein einziges Mal besonders 
angeführt. Jedenfalls befinden sich unter den durch allgemeine Aus- 
drücke wie membranae, libri veteres etc. eingeführten Lesarten auch 
manche aus dem Thosanus stammende. Vielleicht ist der Codex mit 
dem mehrfach z. B. S. 144 als ms. meus zitierten identisch. Will 
Modius mit dem aliquando fuisse tiquet auf die Obersiedlung der 
Bibliothek nach Brügge oder auf die Entfremdung des Codex 
deuten? 

2. Sallustius de hello Jugurthino und de coniuratione 
Catilinae. Modius selbst hat die Kollation nicht verwertet, wohl 
aber Janus Palmerius Mellerus, der den „Codex Thosanus" an etwa 
25 Stellen seines „Spicilegiorum commentarius primus" zitiert. 

Beide Handschriften smd heute verschollen, bereits das Sandersche 
Verzeichnis von 1638 (s. oben) registriert weder einen Curtius- noch 
emen Sallustiuscodex. 

WUERZBURG. 

Die wissenschaftliche Ausbeutung der reichen Würzburger Biblio- 
theken begann eigentlich erst mit J. G. von Eckhardts,*) des 
Leibnizschülers, hochbedeutenden „Commentarii de rebus Franciae 
Orientalis*, Würzburg 1729. Von früheren Benutzungen hört man 
nur wenig: um 1555 besuchte der emsige Gehilfe der Centuriatoren 
Marcus Wagner«) die Büchereien von St. Jacob und St. Stephan; 
1581 — 1584 forschte Modius in Würzburg nach Handschriften. Er 



1) Liste der dortigen Handschriften in den angeführten Annalen S. 157—168. 
Aufierdem befinden sich einzehie Handschriften von Ter Duyn in Bedin, Brüssel, 
Cambridge (Univ.) und Leiden. 

•) Vgl oben S. 91. 

*) 1 1597. Wagner hat zahlreiche Bibliothelcsreisen gemacht, die ihn bis nach 
Schottiand führten. Vgl. über ihn J. W. Schulte, Beiträge zur Entstehungsgeschichte 
der Magdeburger Centurien, Neisse 1877, S. 94—148. 



124 P- Lehmann, 

mag auch andere derartige Sammlungen gekannt haben, erwähnt 
aber nur die von St Stephan und vom Dominikanerkloster. 

Beider Bibliotheken Geschichte ist weder in älterer noch in 
neuerer Zeit untersucht. Ihr Handschriftenbestand, der im 18. Jahrb. 
als bedeutend gerühmt wird,') ist 1803 an die Universitätsbibliothek 
Würzburg gekommen, einiges aber vorher verstreut, wie die be- 
rühmte Handschrift von Hrabanus Maurus de sancta cruce, die aus 
dem Stephanskloster nach Wien (Pal. 652) gekommen ist,«) wie der 
IWer S. Stepharü in Rom (Pal. lat 217) und der nach Erfurt ver- 
schlagene gleich zu erwähnende Senecacodex der Dominikaner. 

a) Dominikanerkloster, 

1. und 2. Seneca de dementia und epistolae ad Lu- 
cilium. Im 21. und 49. Briefe der Nov. Lect wurden von Modius 
15 Stellen des «über de dementia* ex libro membranaceo scripta 
Domimcanorum Wärzeburgensium «) emendiert. Dieselbe Handschrift 
konnte zwischen 1584 und 1588, dank der Vermittlung von Joachimus 
Camerarius (f 1598), der französische Arzt und Philologe Dalechampius*) 
benutzen. In dessen lange nach seinem Tode (1588) veröffentlichter 
Senecaausgabe, Genf 1628, findet sich in der Liste der benutzten 
Handschriften und Drucke folgende interessante Notiz: 

Codex Germanicus excusus Tamisii anno 

1568. 
Codex manascriptus Abbatiae Sancti Ste- 
phani Herpibolensis [!] quo usum fuisse 
perspicacis ingenii virum Fr. Medicum [!] 
ostendant ipsius Novantiquae Lectiones. 
Codex M.S. Dominicanonim Herbipolensiam. 
Bisher haben die Forscher die von Modius und Dalechampius 
benutzte Dominikanerhandschrift^) für verioren gehalten. Es ist sehr 

*) Vgl. Qercken, Reisen durch Schwaben, Bayern u. s. w. II, Stendal 1784, 
S. 347 ff., und Hirsching, Versuch einer Beschreibung sehenswürdiger BiblioUieken 
Teutschlands I, Erlangen 1786, S. 279—287 und 293—296. 

•) Die Wtirzburger Provenienz der Handschrift ist mir nur bekannt aus dem 
Katalog der Miniaturenausstellung, Wien 1901. S. 10. 

•) A. a. O. 99, ebenda 223 heißt es: in libro scripto, quo hie Merbipolensi a 
Dominicani Ordinis religiosis usus sunt. 

*) 1513—1588; Nouv. biogr. univ. XII (1855) Sp. 804 ff. 

•) In der Genfer Ausgabe der Schrift .de dementia* sind die Varianten der 
Handschrift am Rande ftiit den Ktirzungen : Dom., Domi., Domin. und Domini. be- 
zeichnet. 



Hos tres Codices Jo- 
cuhimvLs Norimber- 
gensis Medicus No- 
bilis nobis procu- 
ravit 



Modius als Handschriftenforscher. 125 

fraglich, ob mit Recht. Denn wie aus Schums*) und Hosius'«) Be- 
schreibung erhellt, trägt die Erfurter Handschrift 4° 3, saec.XII, (A)auf 
fol. 1' den Vermerk: Sunt Dominicanorum Herbipolensium und enthält 
auf fol. 95^ — 110 „Seneca de dementia*. Auch die Obereinstimmung 
in den Lesarten macht es wahrscheinlich, dafi dies das von Modius 
und Dalechampius benutzte Exemplar ist. Durch Ausfall der letzten 
beiden Blätter fehlt jetzt der Schluß des Traktates, der um 1585 noch 
vorhanden gewesen sein muß. Wie die Handschrift nach Erfurt ge- 
kommen ist, steht nicht fest, jedenfalls nicht mit der Sammlung des 
Amplonius Ratinck. 

Der Erfurtensis enthält außer diesem Werke Senecas fol. 11 — 95' 
seine Briefe an Lucilius, und da Modius z. B. S. 102 den Text der 
Briefe ex membranis Dominicanorum verbessert, so liegt die Ver- 
mutung nahe, daß wir in der Erfurter Handschrift auch die Quelle 
der modianischen Lesarten dieses Textes vor uns haben. In der Tat 
scheint das aus den Varianten sich zu ergeben.^) Man darf jedoch 
nicht übersehen, daß die Würzburger Dominikanerhandschrift in Erfurt 
nur ep. 1 — 52 bietet und nie mehr enthalten hat, daß andererseits 
Modius aus seiner Würzburger Dominikanerhandschrift Stellen des 
66. (S. 575) und 68. Briefes (S. 102) anführt. Die hierdurch entstehende 
Schwierigkeit ist vielleicht durch die Annahme lösbar, daß Modius 
zwei Codices der Dominikanerbibliothek benutzt hat, von denen nur 
der eine vorzugsweise für die Schrift „de dementia* benutzte auf 
uns gekommen ist 

Aus einer anderen Stelle der Nov. Lect.*) wissen wir ja auch, daß 
Modius für die Senecabriefe drei Würzburger Handschriften heran- 
gezogen hatte. Remitto tibi, schreibt er am 29. Juli 1582 an Posthius, 
anücissime Posthii, tres illos membranaceos manu exaratos episto- 
lamm Senecae . . . Codices, quorum mihi tua intercessione usus nuper 
concessus fuit, ut tu apud eorum dominos communem fidem nostram 
Uberes ! . . 

Von diesen würden also, wenn unsere Vermutung stimmt, zwei 
aus dem Dominikanerkloster beschafft sein. 



^) Beschreibung der Amplonianischen Handschriftensammlung in Erhirt, Berlin 
1887. S. 287 f. 

') In seiner Ausgabe I 2, Leipzig 1900, p. XIII. 

') Die Obereinstimmung modianischer Lesarten mit entsprechenden in A hat 
z.B. Roßbach, De Senecae phil. librorum recensione et emendatione, Breslauer 
philol. Abhandl. II 3 (1888) S. 60 Anm. 53, beobachtet, ohne jedoch die Würzburger 
Provenienz von A zu kennen. 

*) S. 5. 



126 P- Lehmann, 

b) St Stephanskloster, 

1. Seneca epistolae ad Lucilium. Neben den membranae 
Dominlcanomm werden häufig auch solche aus St Stephan zitiert, 
die ebenfalls die Briefe enthalten haben sollen. Z. B. S. 262 (zu 
Senecae ep. 65) quod erat in S. Stephani Ubro veteri, S. 263 (zu Sen. 
ep. 69) S. Stephani membranae, S. 537 (zu Sen. ep. 50) ita, inquam, 
codex S. Stephani, quo tamen hoc parte deteriorem non esse exi- 
stimo Dominlcanomm alium libram. u. a. — Desgleichen finden sich 
am Rande der aus Dalechamps Nachlafi veranstalteten Ausgabe (s. o.) 
viele Lesarten aus dem Codex 5. Ste., oder S. Steph., oder S. St. 
Während Fickert und Janus behaupteten, alle von Modius kollatio- 
nierten Senecahandschriften wären verloren, wies Roßbach auf Würz- 
burg theol. q. 16. saec. XII als auf eine der modianischen hin. 

Die einzelnen Lesarten stimmen im grofien und ganzen überein. 
Dennoch zweifle ich an der Identität, weil der Würzeburgensis theol. 
9. 16, wie der nahe verwandte Erlangensis nur die Briefe 1 — 66 wieder- 
gibt, Modius aber auch für ep. 69 S. Stephani membranae zitiert 
(S. 263), ebenso Dalechampius für ep. 68. 

Man wird nicht umhin können, Modius' Codex S. Stephani als 
verloren zu betrachten. Man darf sich nicht durch die weitgehende 
Übereinstimmung in einzelnen Lesarten irre machen lassen, da es ja 
nichts Auffälliges an sich hat, wenn zwei Codices desselben Klosters 
nahe textiiche Verwandtschaft aufweisen. Der eine ist eben die kh- 
Schrift des anderen, oder beide stammen aus gemeinsamer Vorlage. 

Die Dominikaner- und Stephanhandschriften werden von Modius 
nur an einzelnen Stellen äufieriich voneinander geschieden. Im ganzen 
emendiert er im 3., 21., 36., 58., 70., 111., 120., 123, 127., 130., 132. 
Briefe der Nov. Lect. 137 Stellen der Briefe 1—83. Sämtiiche Hand- 
schriften gehörten also aller Wahrscheinlichkeit nach dem Überiieferungs- 
zweige an, der nur die Briefe 1 — 89 bietet. 

2. Seneca de beneficiis. An 20 Stellen der Nov. Lect. Br. 29 
und 85 werden von Modius die ersten 4 Bücher des Tractates ,de 
beneficiis" emendiert. Die Handschrift nennt er z. B. S. 136: 

Non allter In m. s. membranaceo codlce, quo ab abbate S. Ste- 
phani Wilrzeburgl usus sum, reperiri , . . 

Auch Dalechampius führt häufig — öfter als Modius — Les- 
arten mit dem Abzeichen St Ste. u. dergl. an, aber auch nur zu 



*) A. a. O. 60. 



Moditts als Handschriftenforscher. 127 

Buch 1 — 4. Da er in seiner Handschriftenliste nur 1 Codex S. Ste- 
phani verzeichnet, der demnach, wie nicht selten, die Briefe und die 
Schrift ,,de beneficiis* enthalten haben mufi, so spricht auch dies 
dafflr, daß die Würzbuiger Handschrift theol. q/ 16, die von Senecas 
Werken nur die Briefe enthält, nicht die von Modius und Dalecham- 
pius herangezogene Handschrift ist. 

B. Handschriften einzelner Personen. 

FRANCISCUS MODIUS. 

Auch Modius' eigene Bibliothek muß in den Kreis unserer Be- 
trachtung gezogen werden. Wir kennen ihren Umfang und Inhalt 
aus zwei Verzeichnissen. Das eine stammt etwa aus dem Jahre 1588 
und befindet sich in dem Enchiridion des Gelehrten im Münchener 
G>dex gall. 399.^) Demnach war Modius damals im Besitze von 
ungefähr 300 Bänden. In der Hauptsache waren es Ausgaben römi- 
scher Schriftsteller, die, nach Ausweis des Kataloges, häufig mit Kol- 
lationen versehen waren, femer gelehrte Eriäuterungsschriften und andere 
philologische Werke; außerdem historische und juristische Schriften 
und schliefilich neuere schöne Literatur in verschiedenen Sprachen. 
Als Handschriften sind im Kataloge gekennzeichnet: 1. Cassiodori 
variae, foL 2. Ennodii epistolae, 4^. 3. Idvii contiones, 4^. 4. Ovidii 
metamorphoses, 4^. 5. Qmntilianl declamationes , 4^. 6. Sal- 
vianus, 4^. 

Als Modius am 23. Dezember 1587 in Bonn gefangen genommen 
wurde, fiel auch em Teil seiner Bibliothek den Räubern in die Hände. 
Er mufite dafür und für die erbeuteten Kleidungsstücke 19 Taler Löse- 
geld zahlen. >) Zu seinem Glücke hatte er die Hauptmasse in Frank- 
furt zurückgelassen, wo sie noch 1590 war.») Vermutlich ist dieser 
größere Teil der Sammlung erst 1593 nach Aire geschafft worden. 
Einzelnes ist allerdings auch dann noch in Frankfurt zurückgeblieben, 
sei es aus Zufall, sei es auf Grund einer besonderen Bestimmung. 
Zu den damals zurückgelassenen Büchern gehören die unten ^) zu 
besprechende verlorene Martialishandschrift und die Martialiskollationen 



1) Abgedruckt im Serapeum XIV 100—108, vgl. auch Seibt a. a. O. 49 f. 

') München, gall. 399 fol. 75 v: Vicissim domino Decano reliqui actionem 
19 thalerorum pro redemptione Ubrorum et vestium quae habebam pignori Bonnen- 
sibus redimenda, 

») Vgl. Stuttgart, Hist FoL öOSeoo. 

^ S. 135 f. 



128 P* Lehmann, 

in Leiden und London, vielleicht auch die Vegetiusausgabe in 
München.!) Anderes scheint Modius seinem Augsburger Freunde 
Welser geschenkt zu haben.«) 

Die in Aire befindliche Bibliothek gelangte nach Modius' Tode 
(1597) an Richard de Pan, der eine Zeitlang mit Modius zusammen 
Kanonikus in Aire gewesen war und 1598 nach dem benachbarten 
Saint-Omer übersiedelte. Hier in Saint-Omer yurde 1605 von un- 
bekannter Hand ein neues Verzeichnis aufgenommen, das vor einigen 
Jahren von A. Roersch aufgefunden und herausgegeben ist>) Es trägt 
den Titel: 

Ubri qiü fuerunt Francisci Modii et sunt 1605 in manu 

D. Richardi de Pan archediaconl Audomarensis prius canonici 

Arcensis. 
Bald nach dem Tode dieses Besitzers im Jahre 1614 wurde 
die Sammlung, wie es scheint in alle Winde verstreut. Bisher haben 
sich nur ganz wenige Bücher aus ihr in Saint-Omer,*) Brüssel*) und 
Gießen«) wiedergefunden. Ich halte es jedoch für höchst wahrschein- 
lich, daß noch sehr viele Modiana verboigen liegen, die dereinst vielleicht 
ein glücklicher Zufall ans Tageslicht fördern wird. Man muß den Ver- 
lust aufs tiefste bedauern und mit Spannung der VTiederentdeckung 
und Wiederherstellung der Bibliothek harren, wenn man an die vielen 
mit Kollationen versehenen Ausgaben denkt, die in den beiden Kata- 
logen verzeichnet sind. 

Auch das Verschwinden der Handschriften ist bedauerlich. Außer 
mehreren KoUektaneenbänden, die uns, wenn sie erhalten wären, 
interessante Einblicke in Modius* Arbeitsweise geben würden, findet 
man in dem jüngeren Verzeichnisse folgende Handschriften.^) 



») Vgl. oben S. 61. 

«) Vgl. oben S. 69, 77, 79 f., 114, 115 und 116. 

*) La biblioth^que de Fran^ois Modius et de Richard de Pan, Saint-Omer 
1900, S. 15-25. 

*) Außer dem Ms. 730 ein Exemplar der .Batavia' des Hadrianus Junius. 
Vgl. Roersch a. a. O. 5 f. — Auf meine Anfrage hin hat mir die Bibliotheksverwal- 
tung von Saint-Omer mitgeteilt, daß ihr, von diesen abgesehen, keine Bücher des 
Modius in ihrer Sammlung bekannt wären. 

») Vgl. unten S. 132 ff. 

«) Vgl. unten S. 132. 

Ich kann aus dem Kataloge natürlich nur die Bücher anführen, die aus- 
drücklich als Handschriften bezeichnet werden. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, 
daß sich auch unter den anderen Büchern noch Handschriftliches befand. 



Modius als Handschriftenforscher. 129 

1. Antonii Astlefani civ. estensls^) III. Aurel. ducis Karoli secre- 
tarii de origine et vario statu Mediotani Msc. 

2. Antonii Verratelli epistolae et alii de republic. germanic. msc. 

3. Über manuscriptus varior. Tullii, Sallustü . . ., Petrarchae etc. 

4. Ovidii heroides manuscript pergamen. 

5. Herold, epistolae manuscript. 

6. Epistolae PlinU maniiscriptae. 

7. Über manuscriptus de herbis. 

8. Über orationum manuscript. 

9. über 4 scriptus a Modio in quo ad Isidor. correctiones. 

10. Pars Valerii Maximi manuscript. 

11. Epistolae beati Hieronymi manuscriptae. 

12. Metamorphoses Ovidii manuscripti obl. 

13. Copia verbor. Erasmi et alia 4^ M.S. 

14. Timothei ad Ecclesiam libri IUI et Peregrini contra haereticos 
et epistola Theophili de Pascha M. S. 

15. Metamorphoses Ovidii M. S. 

16. Epistolae heroid. M. S. non bona lit. 

17. De tristibus M.S. 

18. Fasti M.S. 

19. Heroid. Ovidii M.S. 

20. Silius Italicus de 2^ hello punico f actus a Modio M. S 

21. Quaedam Cypriani et Petri Blosensis^) 4^ M.S. 

22. über . ... de 4 virtutibus M. S. 

23. Fabius QuintUUmus recentiore manu scriptus. 

24. Seneca manuscript. 

25. Aurelius Cassiodorus M.S, recent 

26. Metamorphoses Ovidii fol. M.S. 

27. Ennodius manuscript. 

28. Ovid. de arte amandi M. S. 

29. SaUustius pergam. M. S. 

30. Quintilianus M.S. 4^. 

31. Fasti M.S. 

32. Fasti M.S. 

Eine eingehende Besprechung widme ich nur den wenigen (3) 
dieser Handschriften, die von Modius selbst oder zu seinen Leb- 
zeiten für die Wissenschaft benutzt sind. Aufierdem habe ich aber 



*) Vermutlich von Roersch verlesen für Antonii Astesani civis astensis. 
•) Wohl versehentlich für Blesensis. 
QueUeo n. Untersuch, z. lat. PhUologie des MA. m, 1. 9 



130 P- Lehmann, 

noch einige andere in Betracht zu ziehen, die sich in dieser Liste 
nicht finden, aber nachweislich wenigstens zeitweise in Modius' Be- 
sitze gewesen sind. 

1. Arnobius adversus gentes. Die Schicksale der Amobius- 
handschrift, die einige Jahre Modius gehört hat, sind sehr mannig- 
faltig:^) in der Mitte des 16. Jahrh. erwarb sie Matthias Flacius lUyricus 
aus dem Kloster St Michael in Lünebuig,') von ihm erbte sie seine 
Witwe, die sich 1577 mit Henricus Petreus wieder vermählte. Petreus * 
lieh sie Modius, den er wohl um 1580 in Frankfurt kennen gelernt 
hatte.«) Auf Grund der von Modius angefertigten Kollation machte 
G. Stewechius in seiner schon 1586 abgeschlossenen, aber erst lange 
nach seinem Tode (1586) in Druck erschienenen Ausgabe, Antwerpen 
1604,*) die ersten öffentlichen Mitteilungen aus der Handschrift 
Später scheint Modius das ihm anfangs leihweise flberlassene Buch 
geschenkt bekommen zu haben. Er behandelte es wenigstens ganz 
wie sein Eigentum. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dafi er 
es widerrechtlich zurückbehalten hat Denn vielleicht ist die Mit- 
teilung, die Rochus Veldius am 11. September 1590 Johann Weidner 
machte:*^) Scripsit ad me etiam humaniss, D. Petreus Scholae 
nostrae quondam Rector, qui etiam conqueritur se D. Modio aÜquot 
libros matuo dedisse quos nullibi invenio, mit auf den Arnobius zu 
beziehen. 

Auch Modius konnte sich des rechtmäßigen oder unrechtmäßigen 
Besitzes nicht lange erfreuen. Sein ehemaliger Freund Carrio wußte sich 
in des Eigentümers Abwesenheit die Handschrift zu verschaffen und 
verzögerte die energisch verlangte Rückgabe bis zu seinem Tode am 
17. August 1595. Und auch jetzt kam sie nicht an Modius zurück, 
da sie der Testamentsvollstrecker, dem letzten Willen Carrios gemäß, 
nach Antwerpen zu Laevinus Livineius schickte. Modius bat Lipsius 



») Vgl. die Ausgabe von F. Oehler, Leipzig 1846, p. XXII und auch Seibt 
a. a. O. 44—47. 

«) Flacius' Bibliothek ist jetzt in Wolfenbüttel; mit ihr ist eine andere Hand- 
schrift aus St. Michael dorthin gekommen: Heimst 141. Die meisten Handschriften 
des Lüneburger Klosters sind jedoch in Göttingen und Hannover. Vergleiche das 
Verzeichnis der Handschriften im preußischen Staate: Göttingen III 491. 

») Petreus war 1577—1581 Rektor des Barfüßer Gymnasiums zu Fr. Vgl. 
ADB. XXIV (1887) S. 519 f. 

*) Vgl. C. T. G. Schönemann, Bibliotheca hist-liter. patrum latinorum I, Leipzig 
1792, S. 164 ff. 

») Stuttgart, Hist Fol. 603eoa. 



Modius als Handschriftenforscher. 131 

um Unterstützung, wurde aber von diesem im Stiche gelassen; Modius' 
Tod machte dem widerlichen Streite ein Ende. Der Codex kam 1599 
an das Jesuitenkolleg in Antwerpen, gelangte dann über Paris in die 
Burgundische Bibliothek und gehört nunmehr als Ms. no. 10846/47 
der königl. Bibliothek zu Brüssel. 

Modius hatte seinen Amobius als membranaceum exem- 

plar plane rarae et antiqtiae notae bezeichnet») Wie stimmt diese 
Angabe zu der Reifferscheids:*) BruxelL, qui sextum decimum sae- 
culum superare non videtur? In diesem Falle hat der moderne Ge- 
lehrte Unrecht. Wie schon früher Oehler^) und neuerdings J. van 
den Gheyn*) angegeben haben, stammt die Handschrift aus dem 
12. Jahrh. Bei Reifferscheid liegt offenbar ein Versehen vor. Da- 
gegen erklärt dieser mit Recht, daß der Bruxellensis für die Text- 
kritik entbehriich ist, da er unmittelbar aus dem Parisinus reg. 1661 
saec. IX geflossen zu sein scheint. Für die bibliotheks- und über- 
lieferungsgeschichtliche Forschung ist jedoch das Vorhandensein dieser 
Abschrift nicht ohne Belang. Wir müssen uns fragen, wie St. Michael 
in Lüneburg zu dem im Mittelalter so außerordentlich seltenen Amo- 
bius und wie gerade zu einer Kopie der jetzt in Paris liegenden 
Handschrift kam? Diese interessante Frage ist mit der ebenfalls un- 
gelösten nach der Herkunft eben dieses Parisinus verknüpft. Der 
Präfekt der vatikanischen Bibliothek Faustus Sabaeus entriß ihn in 
der Mitte des 16. Jahrh. der „Barbarei". Reifferscheid*) vermutete: 
aus einer Schweizer oder deutschen Bibliothek. Der Zusammenhang 
mit der Lüneburger Handschrift spricht für Deutschland. 

2. Cassiodorus Variae. Von der in den beiden Katalogen ver- 
zeichneten modianischen Cassiodorhandschrift wissen wir Genaueres 
aus einer 1595 in Lyon bei Jac. Chouet erschienenen Sammelausgabe 
von Schriftstellern zur Gotengeschichte. Neu «) waren in dem Bande 
nur die Noten des Rechtsgelehrten P. Brosseus und einige von Modius 
herrührende Beiträge. Diese bestanden einmal, wie im Titel ange- 



^) Burmann a. a. 0. 1 111. 

•) CSELIV(1875) p.Vm. 

») L c p. XX. 

*) Catalogue des Mss. de la bibl. royale de Belgique IT 20. Auf meinen 
Wunsch hat der genannte Gelehrte die Handschrift nochmals untersucht und ist 
dabei zu demselben Resultate wie zuvor gelcommen. 

») A. a. O. p. VII. 

*) Das übrige lag in der von G. Fomerius veranstalteten und Paris 1583 
herausgegebenen Rezension vor. 

9* 



132 P- Lehmann, 

deutet ist, in kurzen, den einzelnen Stücken der Variae voraus- 
geschickten Summarien und in Lesarten, die an den Rand der Variae 
und des ennodianischen Panegyricus (s. o.) gesetzt waren. Vße der 
ungenannte Herausgeber zu Modius' Mitarbeit gekommen war, ist 
zweifelhaft. Die Ausgabe selbst sagt darüber nichts. Auf der 
15. ungez. Seite steht in einer Epistola ad candidum lectorem nichts 
weiter als: Hohes {amice Lector) M. A, Cassiodorum multis locis 
partim ingenio partim vetenim collatione, partim beneficio codicis 
Francisci Modii doctissimi viri communicati restitutum . . Ich glaube 
nicht an einen unmittelbaren Anteil des Modius. Vielleicht steht Jac. 
Bongarsius in irgend einer Verbindung mit der Ausgabe, denn er hat 
nachweislich an den Rand seines Exemplares der Pariser Ausgabe 
von 1583 die ihm durch Sylburg vermittelten modianischen Varianten 
des Panegyricus und der Variae eingetragen.*) 

Die durch ein Kreuz ausgezeichneten Lesarten des Codex Modii 
in der Editio Lugdunensis (1595) ermöglichten Th. Mommsen*) den 
Schluß, daß die Handschrift der Universitätsbibliothek Gießen no. 83 
mit dem Codex Modii identisch wäre, besonders deshalb, weil nicht 
nur die einzelnen Lesarten zusammenfallen, sondern auch die Rand- 
lesarten des Lyoner Druckes nur bis lib. VII, 1 reichen, wo der Text 
der Gießener Handschrift abbricht. Zu Mommsens Annahme stimmt 
auch, daß nach dem Kataloge der Codex Modii dasselbe Format 
(fol.) hatte und ziemlich jung war, wie der Gießener Codex. Ich 
sehe die Identifikation als berechtigt an, wenn mir auch der Weg 
unklar ist, auf dem die Handschrift aus Modius' und Richard de 
Pans Besitze mit der Senckenbergschen Sammlung in die Universitäts- 
bibliothek Gießen kam. Nach gütiger Mitteilung von selten der Ver- 
waltung dieser Bibliothek enthält die Handschrift keineriei Merkmale, 
die auf Modius hinwiesen. Für die Herstellung des Varientextes be- 
sitzt die Handschrift keinen selbstständigen Wert. Sie ist im 15. Jahrh. 
geschrieben und wird von Mommsen in seine 6. Handschriftengruppe 
verwiesen. 

3.Ennodius epistolae, carminaetc. Unter den geplanten Aus- 
gaben, von denen Modius am 22. Juli 1585 an Camerarius schrieb, be- 
fanden sich auch Ennodii epistolae.^) VTir werden kaum mit der Ver- 
mutung fehl gehen, daß ihn dazu die Handschrift angeregt hatte, die er 

^) Vgl. Hagen, Catalogus codicum mss. Bemensium, Bern 1875, S. 521 
und 529. 

«) MG. Auctt antt. XU p. XCIII sq. 

») Vgl. Teil I Beilage 3 und Ruland, Scrapeum XIV 122. 



Modius als Handschriftenforscher. 133 

1586 für seine »Pandectae triumphales* benutzte und dann auch in dem 
Kataloge von 1588 verzeichnete. Wohl noch während seines Frankfurter 
Aufenthaltes liefi er durch Sylburg, den Mitkorrektor, eine Kollation 
des „Panegyricus in Theodericum* an Jac. Bongarsius gehen, der in 
der Folge die Kenntnis der modianischen Handschrift für die oben 
erwähnte Lyoner Ausgabe nutzbar gemacht zu haben scheint. 1605 
finden wir den Codex in der Bibliothek Richards de Fan in Saint- 
Omer; erst nach dessen 1614 erfolgten Tode ging er in den Besitz 
der Jesuiten von Saint-Omer über. Vogel hat aus der Tatsache, daß 
im Jahre 1607 der Jesuit Andreas Schottus eine Kollation anfertigte, 
darauf geschlossen, daß die Handschrift schon damals an die Jesuiten 
gelangt war. Der Schluß ist an sich unnötig und erweist sich auch 
direkt als falsch durch eine von Roersch mitgeteilte Bemerkung. 
Wann Heribert Rosweyde seine Kollation der „vita Epiphanii" gemacht 
hat,«) ist nicht klar. Von Saint-Omer kam der Codex an die Jesuiten 
nach Antwerpen und von da über Paris in die Burgundische Biblio- 
thek. Heute trägt sie in der Königl. Bibliothek Brüssel die Num- 
mern 9845—9848.») 

In diesem Manuskript hat uns Modius einen Ennodiustext über- 
liefert, der für die Textgestaltung von einzigartiger Bedeutung ist. 
Die Schrift des Bruxellanus ist kontinentale Minuskel des 9. Jahrh. 
Seine eigentliche Herkunft ist nicht bekannt. Vielleicht stammt er 
aus einer Kölner Bibliothek. Für diese Lokalisierung sprechen die 
Notizen auf fol. 206^, die sich auf den — in Köln heimischen — 
Kultus der 1 1 000 Jungfrauen beziehen, dafür auch Modius Aufenthalt 
in Köln. Dagegen scheint die Benutzung der Handschrift durch den 
Baseler Theologen Joh. Jac. Grynaeus, Basel 1569, zu sprechen. 
Vogel traut ihm nicht zu, ,ut Codices ex remotis bibliothecis acqui- 
sirit*. Ich halte es für recht gut möglich, daß ihm irgend ein in 
Köln weilender Freund die Abschrift verschafft hatte. Vielleicht würde 



1) La Biblioth^que de Fran^ois Modius etc. S. 8. In dem den Katalog ent- 
haltenden Ms. befinden sich vier Blätter mit Abschriften aus der Handschrift, zu 
denen bemerkt ist: in EnnodU manuscripto quodam haec continentur, qui fuit 
Francisci Modii, nunc 1607 est D, Richardi de Pan Archediaconi Audomariensis 
et officialis. Stammt die Kopie von Heribert Rosweyde? 

«) Acta SS. Jan. ü, Antwerpen 1643, S. 364—377. 

•) Vgl. für das Vorhergehende und Folgende Vogel in der Vorrede zu seiner 
vorzüglichen Ausgabe MG. Auctt antt. VII (1885) p. XXXII— XXXVII. Seine Be- 
merkungen über die Geschichte der Handschrift sind nicht ganz vollständig und 
nicht frei von Versehen, die ich nicht im einzelnen hervorhebe. 



134 P. Lehmann, 

sich Genaueres aus dem umfangreichen Briefwechsel des Giynaeus 
feststellen lassen, der in Basel aufbewahrt wird. 

4. Lucanus Pharsalia. Nov. LecL 521 heifit es bei einer 
Lucanstelle: Hie primum ex consilio membranarum non tuamm 
magis, Weidnere, quam earum, quas meas oUm nunc donum habet 
eruditissimas mlhique amicissimus Janas Gulielmus. 

Meines Wissens hat Gulielmus keinen öffentlichen Gebrauch 
von dieser Handschrift gemacht. Wir entbehren jeglicher fernerer 
Nachricht. 

5. Lucretius de rerum natura. Modius' Landsmann Janus 
Mellerus führt in seinem „Spicilegiorum commentarius primus", 
Mainz 1580, mehrmals Stellen aus Lukrez an. Darunter befinden 
sich mindestens zwei, die aus einer Handschrift verbessert werden; 
nämlich auf fol. 2'"-^ die Verse IV 600 f. und VI 349 f. Hierzu wird 
bemerkt: sie in V.ißtere^ C.(pdieey doeti adoleseentis mihique amiei 
Franeisei Modii. Genaueres wissen wir von diesem Codex Modii 
aus Notizen, die N. Heinsius an den Rand einer zeitweilig im Besitze 
des englischen Forschers Munro^ (gest. 1885) befindlich gewesenen 
Ausgabe von 1575 geschrieben hat. Heinsius hatte seinerseits ein 
jetzt verlorenes Exemplar der Pariser Ausgabe von 1565 benutzen 
können, worin Modius Varianten angegeben und bemerkt hatte: Cot- 
latus eum ms. meo 26. Junii 1579 Coloniae. Nach Munro war das 
Buch von Modius an Nansius, von diesen an Gruterus, dann an 
Lyraeus gekommen, der es Heinsius lieh. Die von Heinsius notierten 
modianischen Lesarten stehen zu einem großen Teile auch in dem 
Quadratus (B) Leiden, Voss. 4° 94, so daß Munro die Vermutung hat 
aussprechen können, Modius' Codex und der Leidensis seien identisch. 
Allerdings fehlen die Abweichungen nicht ganz, so daß man, will man 
die Gleichheit der Handschriften aufrechterhalten, Modius (beziehent- 
lich Heinsius) Ungenauigkeiten vorwerfen muß. Auch die von Pal- 
merius angeführten Verse stimmen nicht ganz mit dem Texte von B 
überein, so hat Palmerius IV 601 transviat für travolat. 

Gewiß aber ist die Annahme der Identität nicht ohne weiteres 
abzuweisen, wenn man mit den von Munro konstatierten Tatsachen 
einige ihm unbekannte kombiniert, vor allem die, daß der Quadratus 
einige Zeit Franciscus Nansius gehört hat.*) Da dieser Modius* Oheim 



>) Vgl. den Textband von dessen Ausgabe, Cambridge 1886, S. 24. 
«) Vgl. oben S. 111 f. 



Modius als Handschriftenforscher. 135 

und Vormund gewesen ist,i) kann man es sich sehr gut vorstellen, 
daß der Codex von Modius an Nansius gekommen ist. Es ist zwar 
nicht geradezu ausgeschlossen, daß Modius ihn von seinen Oheim 
nur entliehen hatte, aber es ist doch unwahrscheinlich, da Modius 
ausdrücklich von seiner Handschrift spricht und die Kollation in Köln, 
also weit entfernt von Nansius' Bibliothek, vorgenommen hat. Ver- 
mutlich hat er erst diese Kollation und dann die Handschrift seinem 
Oheime überiassen und zwar vor 1588, da sich in den modianischen 
Bibliothekskatalogen keine Lucretiushandschriften verzeichnet finden. 

Die ftir die Überiieferungsgeschichte nicht wertlose Feststellung, 
ob Modius eine verlorene Handschrift oder den Quadratus benutzt 
hat, könnte vielleicht mittels einer Vergleichung der modianischen 
Kollation mit der des Nansius in dem aus der Bibliothek des Isaak 
Vossius stammenden Bande der Leidener Bibliothek, Hist 434, ge- 
macht werden. 

6. Martialis epigrammata. Dono dedit mihi his diebus Jo. 
Weidnems noster manu exaratum Martialis codlcem, non quidem 
vetustum omnino illum; quippe qui Romae anno demum CD. CCCC. 
LXVIII. scriptas fuerit, sed haud dubie ex bonae plane notae exem- 
plari expressum, schrieb Modius im Mai 1583') und auf Grund dieses 
Codex verbesserte er dann in den Nov. Lect., im 23., 33. und 
109. Briefe, 26 Martialstellen, wobei ihm die Editio Plantiniana von 
1579 voriag. 

Als er Frankfurt verließ, blieb die Handschrift versehentlich oder 
absichtlich zurück und kam wohl mit der Wechelschen Druckerei an 
Zacharias Palthenius (f 1614).») Von ihm erwarb sie Janus Gruterus. 
Die Belege hierfür sind 1. eine Stelle aus einem Briefe des Gruterus 
an Goldast ^) vom 19. Juni 1601: Martialis adhuc apud me est non- 
dum datus typographo, promissus tarnen: ablegassem eo, quo desti- 
navi, nlsl, nactus essem exemplar M.S., quo usus aliquando Modius; 
iä prius excusum velim. 2. Gruterus' Vermerk und Kollation in 
seinem Handexemplar.*^) 3. Die Benutzung in den Noten, die Gru- 

») Vgl. oben S. 6 f. 

«) Nov. Lcct. S. 153. 

») Vgl. Pallmann im Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst N. F. VII 
(1881) S.91, 116, 248, 257. 

^) Epistolae virorum clarorum ad Melchiorem Goldastum, Frankfurt und Speyer 
1688, S. 73. 

•) Paris 1544, jetzt in Leiden. Inscripsit L Gruterus se anno 1601 contuUsse 
cum MS., quod Modius Francofurti reliquisset sagt Schneidewin in seiner Aus- 
gabe I, Grimma 1842, p. LXXIX. 



136 P- Lehmann, 

terus im Anschluß an die Ausgabe von Petrus Scriverius, Leiden 1619, 
veröffentlicht hat*) Nicolaus Heinsius schöpfte*) aus eigenhändigen (?) 
modianischen Exzerpten, die damals (1669) J. G. Graevius gehörten*) 
und sich jetzt in London Hart. 5364 zu befinden scheinen. 

Eine dritte Quelle für die Kenntnis des Weidnerianus haben 
wir in Modius' Handexemplar, einer Ausgabe, die nach Leiden ver- 
schlagen sein soll>) 

7. Sallustius de hello Jugurthino und de coniuratione 
Catilinae. Janus Palmerius Mellerus teilt in seinem schon so oft 
angeführten Kommentare dreimal Lesarten ex scripta Modil libro 
mit: fol.29^, 34 \ 38'. \rielleicht ist die benutzte Handschrift mit 
einer der in dem Kataloge von 1605 registrierten Sallusthandschriften 
identisch. In dem Verzeichnis von 1588 findet sich allerdings noch 
kein Sallust, was gegen die Gleichstellung sprechen könnte. 

8. Statins Achilleis und Thebais. Im 52. Briefe der Nov. 
Lect. werden 13 Stellen der Thebais und 6 der Achilleis verbessert 
S. 236 sagt Modius: contuli quldem et contendi oUm hunc poetam 
ad quatuor vetustos manu exaratos Codices. Einer davon hat sich 
in seinem Besitze befunden, wie er S. 141 schreibt: . • in donato 
mihi olim Duaci membranaceo codice. In beiden Bücherverzeich- 
nissen fehlt diese Handschrift. 

9. Tacitus historiae. Auch über den einmal von Janus 
Palmerius Mellerus (a. a. O. fol.27') angeführten scriptus Modii Über 
der Historien habe ich nichts ermitteln können. 

JOHANNES POSTHIUS. 

Der Verkehr zwischen Modius und dem anfangs inwürzburgischen 
später in kurpfälzischen Diensten stehenden Arzte Johannes Posthius 
(1537 — 1597)^) hat seinen Niederschlag namentlich in beiderseitigen 
Gedichten gefunden. So enthält allein die Sammlung von Posthius' 
»Parerga poetica*, Heidelberg 1595, nicht weniger als 14 Gedichte 
an Modius und 10 an Posthius. Der Briefwechsel ist bis auf die in 
den Nov. Lect. (ep. 2, 20, 33, 42, 65, 89, 97 und 132) enthaltenen 
Stücke nicht auf uns gekommen. 

^) Vgl. dort S. 104: Quarto videbatur usus Franciscus Modius \ certe ab ipso 
pervenerat in manus Zachariae Palthenü, ab eo ad me, 

') Vgl. Roii animadversiones criticae in Martialis epigr. libb. XIV, Harderwyk 
1797, p. XI sq. 

•) Vgl. Burmann, Sylloges epistolanim IV 70. 

*) Vgl. Schneidewin a. a. O. p. LXXXVII. 

») Vgl. oben S. 14. 



Modius als Handschriftenforscher. 137 

Trotz der Dürftigkeit des Materiales läßt sich erkennen, daß 
Posthius mehrfach Modius' Handscbriftenstudien gefördert hat, einmal 
dadurch, daß er ihm den Zutritt zu den Büchereien der Klöster und 
Stifter Würzburgs verschaffte und zweitens dadurch, daß er ihm aus 
seiner eigenen als Ganzes nicht erhaltenen Bibliothek eine wertvolle 
Handschrift zur Verfügung stellte, nämlich: 

Propertius carmina. Modius war wohl schon durch Mit- 
teilungen des Janus Palmerius in seinen „Spicilegia* auf eine Posthius 
gehörige Properzhandschrift aufmerksam geworden. Mit Freude er- 
griff er daher die günstige Gelegenheit, die sich ihm durch seinen 
Unlgang mit Posthius in Franken bot, und erbat sich und erhielt die 
Handschrift zur genaueren Einsicht. 

Infolge dessen konnte er im 18. Br. der Nov. Lect. an 14 Stellen 
Lesarten des Codex publizieren. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir, 
daß Posthius die Handschrift von dem kaiseriichen Rate Johannes 
Sambucus, einem als Gelehrten und Sammler bekannten Manne, ^) 
zum Geschenk erhalten hatte. In selbsüoser Weise nutzte Modius 
sie nicht voll für sich selbst aus, sondern schickte die variantes 
lectiones ex codice manu exarato Posthii, quem ille Sambuci donum 
habet, durch Lipsius an Janus Dousa den Älteren. >) Dessen gleich- 
namiger Sohn verwertete das Material für die Anmerkungen, die er 
seiner Ausgabe des Catull, Tibull und Properz, Leiden 1592, beifügte. 
Hierauf ging auch die Kenntnis zurück, die Janus Lemutius (t 1619) 
und Johannes Livineius (f 1599) von der Handschrift hatten. Im 
Jahre 1669 taucht sie selbst im Kataloge der Bibliothek von Groningen 
auf. Anscheinend war sie dorthin aus der Sammlung des 1629 zu 
Antwerpen verstorbenen Andreas Schottus gekommen, dessen Name 
auf dem ersten Blatte eingetragen ist. Woher Schottus sie bekommen 
hatte, ist zweifelhaft.») Der Codex Posthii spielte namentlich zu 
Lachmanns Zeiten eine hervorragende Rolle in der Properzkritik. 



') 1531—1584; ADB. XXX (1890) S. 307 f. Er gehörte auch zu Modius' Kor- 
respondenten, vgl. Nov. Lect ep. 18. Der Hauptteil der Bücher des Sambucus, von 
denen die Handschriften zumeist aus Italien stammen, befindet sich jetzt in der 
Wiener Hofbibliothek. 

*) Vgl. Modius' Brief an Lipsius vom 23. März 1582 bei Burmann a. a. O. 
1 108 und den von Lipsius an Dousa vom 11. Mai 1582 in Justi Lipsi epistolarum 
quae in centuriis non extant decades XIIX, Harderwyk 1621, no. XVIIl. 

*) Vgl. über die Geschichte des Codex H. Brugmans, Catalogus codicum manu- 
scriptonim univ. Groninganae bibl., Groningen 1898 S. 73 f. Er ist ein Pergament- 
codex, im 15. Jahrh. in Italien geschrieben. 



138 P* Lehmann, 

Neuerdings ist man von Lachmanns Wertung des Groninganus als 
bester Textesquelle abgekommen. 

JACOBUS SUSIUS. 

Nach genauen Angaben über den Holländer Jacobus Susios 
(Suys) wird man vergeblich suchen. Foppens«) weiß von ihm nicht 
mehr zu berichten, als dafi er ein vornehmer und gelehrter Mann ge- 
wesen sei, der 1590 einen Band lateinischer Gedichte herausg^eben 
habe. Und van der Aa») muß gestehen: »Van dezen Latynschen 
dichter is ons niets anders bekend dan dat hij bevriend was met 
Justus Lipsius^) en Damas van Blijenburgh.* Wir können hinzufügen, 
daß er es war, der zum ersten Male den Gemblacensis für die Text- 
kritik des Manilius heranzog,^) und daß er mehreren Gelehrten vor- 
zügliche Handschriften aus seiner eigenen Bibliothek zur Verfügung 
stellte, so dem Stephanus Pighius einen Valerius Maximus für 
seine Antwerpen 1567 erschienene Ausgabe, so dem Carolus Lang- 
hius<^) einen Cicerocodex, der die philosophischen Schriften in einz^- 
artiger Reinheit überlieferte,') so dem Godescalcus Stewechius 
vier Exemplare des Vegetius Renatus für seine Ausgabe von 1585; 
auch ein Hyginmanuskript scheint Susius gehört zu haben. ^) 

Der Verbleib dieser Handschriften ist mir unbekannt, eine andere 
ist auf uns gekommen: die berühmte Handschrift mit Germanicus 
Aratea in Leiden, Voss. lat. 4°79, saec. IX. Ein Eintrag belehrt 
uns, daß sie 1573 in Gent von Susius gekauft wurde; bald darauf, 
etwa 1578, wurde sie von Giphanius erwähnt.») Ungefähr um die- 
selbe Zeit sah sie Modius bei einem Aufenthalte in Mecheln. Er 
schrieb in den Nov. Lect. 273: . . . quem Germanicum et in his ipsis 



>) Vgl. die Literatur bei Schanz, Geschichte der röm. Uteratur H (1898) 
S. 183 f. 

*) Bibliotheca Belgica I, Brüssel 1739, S. 539. 

») A. a. O. XVII 1085. 

^) Justus Lipsius drückt am 8. Dezember 1592 Daniel Susius gegenüber sein 
Bedauern über den Tod des Vaters aus, Cent. Mise. III ep. 6. 

*) Vgl. oben S. 82 und M. Bechert, De M. Manilii emendandi ratione, Leipzig 
1878, S. 6. 

') Annotationes in Ciceronem, Antwerpen 1563. 

Clarlc, Collations of the Harleian Ms. p. XIV 7 identifiziert den Über Susü 
ganz unberechtigt mit einem von Mommsen im Rhein. Mus. XVIII 594 ff. besprochenen 
Codex Didotianus, der jetzt als cod. lat. 4 o 404 in der 1^1. Bibliothek Berlin liegt. 

«) Vgl. Kauffmann in den Breslauer philol. Abhandi. UI 4 (1880) S. 22. 

«) Burmann, Syll. epp. II 306. 



Modius als Handschriftenforscher. 13g 

et passim corruptissimum utinam nobis aliquando locupletiore com- 
mentario illüstratum daret ex eo, quem vidi aliquando Machliniae 
apud eum, antiquissimo codice membranaceo nobilissimus et erudi- 
tissimus Jacobus Susius . . . Lesarten der Handschrift machte er nicht 
bekannt, die Verwendung für die Wissenschaft begann erst mit „Grotii 
Syntagma Arateorum* von 1600. Ober Dousa, Grotius und Isaac 
Vossius gelangte der Codex schließlich nach Leiden.^) 

JOHANNES WEIDNERUS. 

Der Rektor der Lateinschule von Schwäbisch Hall, Johann 
Weidner (tl606),«) ist zwar nicht selbst mit wissenschaftlichen Ar- 
beiten an die Öffentlichkeit getreten, hat sich aber in der Stille seiner 
\Mrkungsstätte vielfach mit gelehrten Fragen beschäftigt und mit Rat 
und Tat manchen Forscher unterstützt. Dafür zeugt sein ausgedehnter 
Briefwechsel, der in einem Bande der königl. öffentlichen Bibliothek 
zu Stuttgart vorliegt.») Von bekannten Männern gehörten Martinus 
Crusius, David und Nathan Chytraeus,Melissus, Posthius, Reusnerus und 
nicht zuletzt Franciscus Modius zu seinem Freundeskreise. Weidner 
und Modius lernten sich im Jahre 1580 kennen, als Modius mit Ried- 
esel in Franken weilte, und standen von da an 10 Jahre in enger 
persönlicher und brieflicher^) Verbindung. Ich habe bereits oben zu 
beleuchten versucht, in welcher Weise Weidner — von pekuniären 
Unterstützungen abgesehen — Modius bei seinen Arbeiten half, und 
ergänze diese Angaben nun noch durch den Hinweis darauf, dafi 
er unserem Gelehrten Drucke und Handschriften seiner eigenen 
Bibliothek schenkte oder lieh. Ganz unbedeutend scheint die Samm- 
lung nicht gewesen zu sein, aber leider ist sie nicht auf uns gekom- 
men. Einige Handschriften werden sonst, wie ich gleich berichten 
werde, auch von Martinus Crusius erwähnt. Die von Modius ge- 
nannten sind die folgenden zwei: 

1. Lucanus Pharsalia. Modius macht in den Briefen 24, 65, 



^) Eine sorgfältige Besprechung findet man bei G. Thiele, Antike Himmels- 
bOder, Berlin 1898, S. 77 ff. und A. Breysig in der Ausgabe, Leipzig 1899, p. XIV sq. 
Vgl dazu auch P. v. Winterfeld in der Festschrift für J. Vahlen S. 401. — Herr S. 
Q. de Vries teilte mir mit, dafi auch vereinzelte Drucke aus Susius' Bibliothek in 
Leiden sind. 

«) Vgl. W. von Heyd, Die hist Handschriften der k. ö. Bibl. zu Stuttgart, S. 256 f. 
und oben S. 5 und 52 f. 

») Hist Fol. 603 s. 0. 

*) Außer den oben genannten Originalbriefen sind drei durch die Nov. Lect 
(ep. 31, 75, 119) erhalten. 



140 P- Lehmann, 

80, 95, 103 und 119 der Nov. Lect an 50 Stellen Mitteilung aus einer 
Lukanhandschrift, die er S. 297 wie folgt beschreibt: 

Usus sunt his diebus a Weidnero nostro Lucani manu exarato 
codice, non illo antiquissimo quidem et optimae omnino notae, sei 
tarnen nee plane etiam recentis scripturae out nullius bonitatis, et 
aetatem quidem suam, quod raro solent membranacei Ubri, diserte ipse 
loquebatur, qua parte sub finem narrabat extremam sibi manum 
impositam anno CDCCXVII . . . 

Daß Weidner die Handschrift schon einige Jahre zuvor an den 
Tübinger Gräzisten Martinus Crusius verliehen hatte, geht aus einem 
Eintrage in dessen Tagebuches hervor, der in bemerkenswerter Aus- 
führlichkeit das Äußere des Codex angibt: 

UBRI MANUSCRIPTI commodato nostri dati. 

Die 14. Jan, 79 accepi ./. Lucanum Poetam, nüttente D.Joanne 
Weidnero Halae Suevorum Ludimagistro Latino, in .4^. forma 
Regali, membranis descriptum, additis in marginibus SchoUis, in 
assercuUs ligatum, rubro corio obductis, et .2. clausuris more Lati- 
norum. Elegans, licet vetustus. Über est Idem etiam IL Aug. 79 
manuscriptam HistoHolam membranaceam misit per D. Christoph. 
Graeterum, Halae Diaconum. Remisi^) 26. Septeb. ambo: quando mihi 
Heptaplum Mirandulani misit. Am Rande steht außerdem noch: 
Lucanus hie scribendo absolutus fuit. I. Septeb. 1217. 

In einem Nov. Lect. 507 abgedruckten Briefe versprach Modius 
dem sächsischen Gelehrten Gregor Bersman,») ihm eine Kollation des 
Codex Weidneri zu schicken. Offenbar genügte diesem das aber nicht 
und er machte sich hinter Posthius, um die Handschrift selbst zu be- 
kommen und es gelang ihm. Weidnerus gestattete Modius,^ sie durch 



>) Tübingen ÜB. Mh. 466, Bd. 2 S. 74. Ich habe bereits in der Zeitschrift 
für Kirchengeschichte XXVII 335 ff. auf die mit Unrecht vernachlässigten Aufzeich- 
nungen hingewiesen. 

') Der die Rücksendung begleitende Dankbrief ist erhalten in Stuttgart Hist 
Fol. 603 115. Von der historiola sagt Crusius hier: vixit Autor, cuius nomen deest, 
ante et post ConciUum Constantiense. Auch die Lukanhandschrift wird kurz be- 
sprochen. Neues findet sich darin nicht. 

*) Vgl. C. Bursian, Geschichte der klassischen Philologie in Deutschland, 
München und Leipzig 1883, S. 245 f. 

«) Modius bedankt sich am 25. März 1586 bei Weidner für die Obersendung 
der Handschrift und verspricht sie Posthius zur Weiterbeförderung an Bersman zu 
geben (Stuttgart, Hist Fol. 603iii). — Am 16. Juni 1587 schreibt Posthius an Weidner: 
Remitto tibi Lucanum tuum manuscriptum, quem a Fran. Modio nostro ante bien- 



Modius als Handschriftenforscher. 141 

Posthius an Bersman zu schicken. So konnte dieser Weidners Lukan- 
codex für seine Ausgabe, Leipzig 1589, benutzen. Da er außerdem noch 
3 andere Handschriften verglichen und sein kritischer Apparat die 
Lesarten dieser 4 nur selten geschieden hat, ist das aus dem Weid- 
nerianus genommene Gut nicht festzustellen. So viel erhellt aber 
doch daraus und namentlich aus Modius' Angaben, daß das Ms. zu 
den Mss. der Paulinischen Rezension gehört hat. Modius' maßvolles 
Urteil kann man getrost unterschreiben. 

Heute ist die Handschrift verschollen. Vielleicht läßt sie sich 
aber noch gelegentlich mit Hilfe der Beschreibung, die Crusius und 
Modius gegeben haben, aus der Masse der Lukanhandschriften 
herausfinden. 

2. Martialis epigrammata vgl. die Besprechung der modia- 
nischen Bibliothek. 



C. Handschriften unbekannter Herkunft. 

1. Calpurnius, Gratius, Nemesianus carmina. Modius' 
erste philologische Arbeit, von der wir Kunde besitzen, bezog sich auf 
diese Bukoliker.*) Lange Zeit trug er sich mit dem Plane, sie heraus- 
zugeben, aber stets kam eine neue Schwierigkeit, so daß er allmäh- 
lich selbst an der Ausführung des Planes zweifelte. Accipe potias 
emendatiunctUas, schreibt er im 105. Briefe der Nov. Lect., aliquam 
multas ex eo poeta enotatas quem Nemesiano et Oratio ut iam de- 
cenrüum totum more elephantis parturio, ita an aliqiiando paritunis 
sim, quae sunt tempora, in incerto est. Sein Pessimismus behielt 
recht Nur aus den Nov. Lect. kennen wir etwas von seiner Arbeit. 
Im 17., 43., 68., 93., 105. und 124. Br. machte er 38 Verbesserungs- 
vorschläge für Calpurnius, im 93. und 108. 37 für Nemesianus, alle 
auf Grund ein und derselben Handschrift, die nur als vetus codex 
oder membranae bezeichnet wurde. 

Textkritisch gehört sie zu den „Codices interpolati*. Modius 
half nicht selten durch — z. T. glänzende — Konjekturen nach. In 



nium accomodato acceptum Gregorio Bersmano viro doctissimo et poetae ceie- 
berrimo transmiseram, qui auctorem illum annotationibus suis illustratum pro- 
pediem inprimi curabit et tiu quoque mentionem procul dubio faciet honorificam 
(Stuttgart a. a. O. 413). 
») Vgl. oben S. 10. 



142 P- Lehmann, 

neuerer Zeit haben Glaeser*) und Keene«) seine Emendationen ver- 
wertet, H. Schenkl ») ansclieinend nicht 

2. Curtius Rufus historiae de Alexandro Magno. Hier 
möge die Besprechung einer Handschrift Platz finden, die man, 
wie ich glaube, fälschlich mit Modius in Verbindung gebracht hat 
Im Jahre 1874 hat nämlich O. Schüssler ^) die Behauptung aufgestellt 
und zu beweisen gesucht, Modius habe für seine Ausgabe still- 
schweigend, aber in großem Mafistabe eine Handschrift benutzt, die 
sich jetzt als Cod.Can. lat 136 in der Bodleiana zu Oxford (A) befindet 
Ein Teil der Gelehrten hat diese Annahme unbedenklich als erwiesen 
betrachtet So redete Hug*) von dem überzeugend geführten Nach- 
weise, dafi Modius unseren Codex für seine Ausgabe, in ziemlich 
schlauer Weise seine Quelle verdeckend, benutzt habe. Auch Schanz^ 
hat Schüssler beigestimmt Dagegen drückten schon C F. Kinch^) 
und neuerdings G. Dostler ^) ihre starken Zweifel an der Richtigkeit 
der Identifikation aus. 

Meiner Meinung nach waren diese Zweifel sehr berechtigt Ich 
halte Schüsslers Behauptung allein schon vom bibliotheksgeschicht- 
lichen Standpunkt aus betrachtet für falsch: die Handschrift stammt, was 
Schüssler ebenso wie das Alter (saec. XV) verschweigt, ») aus dem Be- 
sitze der Florentiner Familie de Forteguerra ^^) und ist in die Bodleiana 
mit anderen Büchern derselben Herkunft gelangt, als im Jahre 1817 
die bedeutende Sammlung des Jesuiten Matteo Luigi Canonici (f 1805) 
von Italien nach England geschafft wurde. ^0 Canonids Bücher 
stammten fast ausschliefilich aus Oberitalien. Da es höchst unwahr- 
scheinlich ist, dafi die Handschrift in früherer Zeit Italien verlassen 
hätte und dann wieder zurückgekehrt wäre, andererseits Modius nie- 

>) Göttingen 1842. Modius' Angaben sind sämüich in den Apparat über- 
nommen. 

«) London 1887. 

^ Leipzig und Prag 1885. 

*) De Q. Curtii Ruft codice Oxoniensi, Nordhausen 1874. 

^) In Bursians Jahresbericht über die Fortschritte der klass. Altertumswissen- 
schaft, Jahrgang 1873 S. 505. 

•) Geschichte der röm. Literahir II 2 (1901) S. 210. 

^) Quaestiones Curtianae criticae, Kopenhagen 1883, S. 16. 

») Curtiana, München 1904, S. 36. 

•) Nach einer Beschreibung des Codex wird man bei ihm überhaupt vergeb- 
lich suchen. 

>o) VgL Catalogus codicum mss. bibl. Bodl. in, Oxford 1854, S. 68. 
") Vgl. Annais of the Bodleian library 1890 S. 290—302 und F. Madan, A 
summary catalogue of the westem mss. etc. IV, Oxford 1897, S. 313 ff. 



Modius als Handschriftenforscher. 143 

mals im Sflden gewesen ist, könnte man sich allerhöchstens denken/ 
daß ein in Italien weilender Freund dem Modius eine Kollation ver- 
schafft hätte. Aber dann wäre es sehr seltsam und widerspräche 
gänzlich Modius' Art und Weise, wenn er dieser Hilfe mit keinem 
Worte gedacht hätte. 

Die Identifikation mit einer der von ihm ausdrücklich nach ihrer 
Lagerungsstätte benannten Handschriften ist natürlich nicht angängig 
und auch nicht von Schüssler versucht. Die Unrichtigkeit der obigen Be- 
hauptung wird vollends klar, wenn man die von Schüssler zum Beweise 
angeführten Übereinstimmungen in den Lesarten genau betrachtet 
Schüssler hat sich nicht gescheut, Lesarten bald aus Modius' Texte, 
bald aus seinen Noten mit denen des Oxoniensis zu vergleichen, 
sogar ohne davon solche auszuschließen, die Modius als durch Kon- 
jektur gewonnen bezeichnet, oder solche, deren Provenienz er genau 
angibt Um ganz sicher zu gehen, habe ich sämtliche von Schüssler 
konstatierten Übereinstimmungen auf ihre Beweiskraft geprüft und 
habe gefunden, daß der Zusammenfall vieler Lesarten schon deshalb 
nichts beweist, weil sie sich schon in einer oder mehreren vor- 
modianischen Ausgaben finden lassen. Da es sich gerade um solche 
Lesarten handelt, die nicht in Modius' Noten, sondern in seinem 
Texte stehen, so wird es jedem Kenner alter Editoren unzweifelhaft 
sein, daß Modius hier einfach das Gut der betreffenden früheren Aus- 
gaben übernommen hat, zumal er deren mehrfach gedenkt. 

Emzelne der zitierten Lesarten des Textes und die Notenlesarten 
erweisen sich allerdings als nicht aus den Ausgaben entnommen, 
meistens sind es aber solche, die auch durch mehrere andere Hand- 
schriften als A überliefert sind, also nicht aus diesem genommen 
sein müssen. 

Von Schüsslers 140 Lesarten finden sich nur 12 scheinbar allein 
bei Modius und in A. Ich glaube, daß auch dieses Dutzend ver- 
schwände, wenn man genauere Nachrichten von den zahlreichen noch 
nicht kollationierten jungen Handschriften hätte. 

Die teilweise Übereinstimmung des modianischen Textes mit 
dem Oxoniensis beweist nur eins, nämlich, daß Modius Handschriften 
zur Verfügung standen, die zu derselben Gruppe gehören wie A. In 
der Tat haben es die Untersuchungen von Foss und Dostler *) wahr- 
scheinlich gemacht, daß Modius' Haupthandschrift der Coloniensis an 
der Spitze einer Reihe von Handschriften steht, zu denen neben 



») Vgl. oben S. 95. 



144 P« Lehmann, 

mehreren anderen aus Florenz stammenden interpolierten Codices 
auch der Oxoniensis gehört 

3. — 5. Justinus epitome historiarum Philippicarum Pom- 
peii Trogi. Nach einer Bemerkung in den Justinusnoten zu XIII 10 
benutzte Modius im ganzen mindestens 5 Handschriften; aufier den 
vortrefflichen Fuldenses nennt er sonst keine. Schon 1579^) konnte 
er scripta duo Justini exemplaria erwähnen. Besonderen textkritischen 
Wert scheinen sie nicht besessen zu haben. Dieselben Handschriften 
dürften für die Ausgabe von 1582 benutzt sein. 

6. — 9. Lucanus Pharsalia. Außer dem Codex Weidneri und 
dem J. Gulielmus geschenkten Ms. werden in den Nov. Lect an- 
scheinend noch 4 Codices verwertet, deren Provenienz nicht an- 
gegeben wird. So heißt es S. 222: interpolo ex fide sex manu 
exaratorum librorum. Vielleicht befanden sich die die tres Lucani 
darunter, die Modius in der Dombibliothek von Tongern«) gesehen 
hatte. Über den Verbleib der Tongrenses ist mir nichts bekannt 

10. Macrobius in somnium Scipionis commentarii. In 
den Worten Nov. LecL 385: verum lectionem repono ex libro scripta 
Franciscanorum apud vos dürfte auf die Macrobiushandschrift eines 
süddeutschen Franziskanerkonventes angespielt sein, da der Empfänger 
des Briefes, ein gewisser Hieronymus Hagius in Neustetters Be- 
gleitung erscheint. >) Bestimmtes hat sich nicht ermitteln lassen. 

11. Priscianus institutiones grammaticae. Unklar ist 
gleichfalls die Nachricht des Janus Palmerius Mellerus in seinem 
„Spicilegiorum commentarius primus" fol. 101^: in vetere codice 
Prisciani invenio, ut manu Modii ad oram libri notatum est etc. 

12. Mapheus Vegius Astyanax und vellus aureum. Ober 
die handschriftliche Grundlage seiner Ausgabe der Gedichte des 
italienischen Humanisten (1407 — 1458)*) sagt Modius nichts weiter 
als: Inciderunt anno in manus mea poemata quaedam MAPHEI 
UEGII. 

Ein Irrtum ist es, wenn er auf dem Titel von beiden Epen als 
nunc primum edita spricht. Das Gedicht über den Tod des Astyanax 

>) Noten zu Curtius S. 68 und auch S. 73. 

«) Vgl. oben S. 50. 

») Vgl. Ruland im Archiv 20: 30. JulU {sc, 1584] profectus est Dominus cum 
Hieronymo Hayo. Für Hayo ist jedoch nach dem Enchiridion, dem die Stelle ent- 
stammt, Hagio zu setzen. 

^) Vgl. über ihn Voigt, Wiederbelebung des klassischen Altertums II (1893) 
S. 39 ff. und Minoja im Archivio storico di Lodi 1895 S. 105—160, 169—184; 
1896 S. 10-44, 57—71. 



Modius als Handschriftenforscher. 145 

war schon 1475, 1497, 1505 und 1519 veröffentlicht, dagegen konnte 
er mit Fug und Recht sich als den Erstherausgeber des »goldenen 
Vließes* betrachten. 

Der Text beider Stücke, der von A. Schottus in der Kölner 
.Magna bibliotheca patrum* XV (1622) und 1677 in der Lyoner 
»Maxima bibliotheca patrum" XXVI 764 — 773 gegeben wurde, war 
der modianische. Übrigens hielt auch Schottus Modius für den ersten 
Editor des „Astyanax". Vgl. a. a. O. 632: Lusit et Veglus de morte 
Asfyanactis librum unum, quem nuper Coloniae in UbUs Franc. 
Moduls evulgavit Der Herausgeber beider Gedichte in den »Car- 
mina illustrium poetarum Italorum" X (Florenz 1724) S. 262 — 296 
hatte sich auf eine andere Oberiieferung wie Modius stützen können. 
Doch fehlten in ihr die letzten 60 Verse des „Vellus aureum", so 
daß wir für das vollständige Werk immer noch auf den modianischen 
Text angewiesen sind. 



QacUcn u. Untenuch. z. Ut Phflologie des MA 10, 1. 10 



\ 





1. 


R 

HandS( 


e g i s t e r. 








chriftenverzelchnls. 




Antwerpen (Museum 


Plantin-Mo- 




Brfissel 8380 




11$ 


retus) 






84 


— 8654—8672 




11$ 


Bamberg 






60 


-9845-9848 




133 


— M.V11 






60 


- 10012 




82; 138 


Basel 






65 


— 10846/47 




131 


— F. III 15 






70 f. 


- 15835 




113 


— F. III 15b 






65 


— PhiU. 324 




113 


- G. 1 18 




c 


i;26 


327 




113 


~ G. I 22 


c 


>; 26; 34—36 


Cambridge (Universitttsbibl.) 


123 


— A. N. IV8 






71 


— (Bibl. des Coipus 


Christi 


Col- 


— A.R. 111 






71 


lege) 223 




113 


Berlin 




53; 92; 


123 


Cassel und Cöln v0. 


Kassel 


und 


— lat. 40 404 






138 


KOln 






— Santen 95 






82 


Dannstadt 1948 




92 


Bern 51 [Druck mit handschrift- 




Dorpat Briefcodex 
Dflsseldotf 




5 


lichen Eintragen] 






77 


50; 


51; 84; 92 


Bonn 384 






99 


— 65 




120 


— 739 






84 








Boulogne s. m. 






112 


Einsiedeln 185 




73 


Braunau 






53 


Effurt 




92 


Braunschweig Briefe an 


Schönemann 


78 


- 20 5 




99; 103 


Bremen C48 






80 


— 40 3 




124; 125 f. 


Breslau (Stadtbibl.) gr. 


21 




13 


Erlangen CoU. Trew. VI 


66 


Brügge (Stadtbibl.) 
— (Seminarbibl.) 






122 
123 


Frankfurt a. M. 
Fulda 




65 
65 


Brüssel 50; 51; 53 


;83 


;84;92: 


123 




— 638—642 






99 


Genf lat 21 




73 


- 1052/53 






88 


Gent 




53 


-5354-5361 






120 


Giefien 83 




132 


— 6828-6869 






61 


Gottingen 




65; 130 


-8224-8226 






113 


Gotha 




59 



Register. 



147 



Gotha mbr. I 101 70 

Groningen 159 137 

Haag 69 113 

— 165 113 

— 284 113 
Hamburg 51 

— SupeU. Ep. Uffenb. et Wolf. XLVI 5 



Hannover 
— 897 
Heidelberg 
Holkham HaU 



65; 130 

118 

53 

112 



Kassel 65 

— Poet2o6 78 

— Theol. 2o 49 78 
Koblenz (OymnasJalbibl.) 53 
Köln (Erzb. Museum) Graduale Jo- 

hannis de Falkenburg 99 

— (Domkapitel) 92 

XXX 99 

XCV 99 

CLXVI 85; 89; 93 

CLXXDC 99 



Leiden 

- Voss.lat2o30 

40 32 

4079 

40 80 

4094 

- Periz. 20 14 
20 17 

- Pap. 2 



65; 112; 123 

116 

74 

1381. 

108 

111; 113; 116; 134 f. 

113!. 

61 f. 

112 



Hist.434 [Druck mithandschrift- 
lidien Eintragen] 135 

Leipzig 92 

London 50; 51; 53; 91; 92 

- Reg. 8 E XV 113 
13A.XXVU 113 

- Harl. 2682 94 f. 

2685 96 

5364 136 



JWailand 


65 


vcr^ciu 


— L 85 sup. 


68 


Wien 


Merseburg 


65 


— Pal. lat 449 


Modena 


65 


652 


München (Hof- und Staatsbibl) 


53 


751 


lat 4460 


60 


1014 


14046 


73 


1879 



Mündien (Hof- und Staatsbibl.) lat 
18 187 73 

gall. 399 3; 49 f.; 66 f.; 127 

Coli. Cam. XDC 4; 11; 16; 17; 

18; 19; 24; 26; 

29-34; 52; 66 

XX 77 

— (UniversitätsbibL) Polit 302 80 
[Druck mit handschriftlichen Ein- 
trägen] 61 f. 

Oxford Uud. Mise 126 65 

— Can. lat dass. 136 142 ff. 



Paris 

— lat 1661 

4950 

6113 

— Nouv. acq. lat 1825 

Rom 

— Pal. lat 217 

— Reg. lat 1987 
Saint-Omer 

— 27 

— 608 

— 642 

— 653 

— 730 

— 746 

— 757 
Strengnäs 
Stuttgart 



53; 65 

131 

74 

113 

113 

51; 53; 65 

124 

112 

49; 112 

113 

116 f. 

115 

114 

115; 128 

114 

116 

106 

106 



— Hist 20 603 4 t; 14; 17; 23; 24; 

27; 29; 52; 67; 127; 
130; 139; 140 1 
40 152 109 

— Poet et phUol. 4o 30 108 

— TheoL et philos. 4o 159 106 1 

Trier 53 

Tübingen Mh. 466 140 

Tunbridge WeUs 53 

65 

51; 53; 65; 84 

87; 92 

124 

87; 92 

92 

120 

10* 



148 



Register. 



Wien Autograph des Modius 47 

Wolfenbüttel 51 

— Heimst. 141 130 

— Aug. 27. 9. 2o 118 

— Qud95 88; 99 
105 111; 113 



WOrzburg 124 

— TheoLq. 16 126 t 

— Cicerofragment aus Komburg 106 

Zürich (Kantonsbibl.) Rheinau Cb 73 



2. Schriftstellerverzeichnis. 



Aelianus 

Agrimensores 

Albertus Magnus 

Albinus 

Amalarius 

Ambrosius 

Ammianus Marcellinus 

Annales Colon, brev. 

Antonius Astesanus 

Antonius Verratellus 

Apollinaris Sidonius 

Apuleius 

Amobius 

Aventinus 

Augustinus 

Ausonius 

Autbertus 



41 f. 

Ulf. 

99 

88 

88 

113 

68 

91 

129 

129 

19; 33 

113 f. 

33; 130 f. 

105 

32; 67; 82 

62 

86; 117 



Bonifatius 87 

Broymardus, Job. 99 

Burchardus, notarius imp. Frederici 1 18 

Caesar 84 f. 

Calpumius, Gratius, Nemesianus 10; 43 ; 

141 f. 
Cassiodonis 88; 99; 127; 129; 131 f. 
Censorinus 43; 56; 58; 89; 93 

Charisius 89 

Cicero 43; 82; 88 f.; 91; 93 ff.; 

101; 106; 129; 138 
Codex Carolinus 87 

Columella 32; 67; 68 f. 

Condliorum acta 82; 86 f.; 91 

Curtius 14; 27; 40 f; 63 f.; 95 f.; 97; 
118; 120 f.; 122 f.; 142 ff. 
Cyprianus 81; 88; 122; 129 

Diomedes fio 



Ennodius 19; 33; 127; 129; 132«. 

Eutropius 69 f. 

Fortunatianus 85 

Frontinus 27; 41 f. 

Fulgentius 43; 82; 83; 96; 106 f.; 121 

Oenealogia Flandrensium comitum 114 f. 



Gennadius 
Germanicus 
Gradualia 
Gregorius Magnus 
Guibertus Tomacensis 

Haimo 

Hegesippus 

Hieronymus 

Hilarius 

Honorius Augustodunensis 

Horatius 

Hrabanus Maurus 



118 

71; 138 f. 

99; 119 

99 

98 f. 



Hyginus 

Isidorus Hispalensis 

Ivo Camotensis 
Justinus 



83 f. 

121 f. 

118; 129 

87 

87 

50 

69; 72—74; 81; 

88; 105; 124 

43; 101 f.; 138 

19;32f.;67;70f.; 

88; 115; 118; 129 
19; 33; 118 
42; 44 f.; 56; 58 f.; 
71-75; 76; 144 



Liberatus HO f. 

Liber pontificalis 117 f. 

Uvius 46 f.; 66; 75 f.; 97; 

102; 110; 127 
Lucanus 43; 50; 134; 139 ff.; 144 

Lucretius 111; 116; 134 f. 

Ludovicus a Turre 99 

Lupus Ferrariensis 74 



Register. 



149 



Macrobius 43; 144 

Manilius 82; 138 

Marsilius Mirandulanus 140 

Martialis 43; 89; 127; 135!.; 141 
Martianas Capella 19 ; 32 f . ; 67 ; 70 ; 76 

Minucius Felix 33 

Missalia 119 

Modestus 41 f. 

Octavius Horatianus 86 

Orosius 86; 88 

Ovidius 43; 100 f.; 127; 129 



Salvianus 127; 129 

Seneca 43; 98; 124—127; 129 

Sergius 89 

Sermo super regulam 99 

Sermones parvi dominicales et de 

sanctis 99 

Servius 19; 32!.; 67; 76—78 

Sigebertus Gemblacensis 82 

Silius Italicus 43; 56; 89; 96 ü.; 129 
Statius 43; 136 

Symmachus 19; 33; 78 ü.; 116 ü. 







Tacitus 


109!.; 136 


Palladius 


32; 67; 76 


Terentius 


89 


Panegyrid latini 


27; 115!. 


Tertullianus 32; 66 !. 


;77; 80!.; 99!. 


Paschasius Radbertus 


117 


Theophilus 


129 


Peregrinus 


129 


Timotheus vgl. Salvianus 


^ 


Petrarca 


129 






Petronius 


85 


Ulülas 


87 


Petrus Blesensis 


129 


Usuardus 


82 


Pindanis 


104 


Valerius Maximus 


43; 60; 89; 


Plinius See. 


29!. 




129: 138 


Jun. 29; 43; 


58; 107—109; 129 


Vegelius 11; 14; 41!.; 60 ü.; 86; 


Priscianus 


82; 89; 122; 144 


89; 102! 


.; 128; 138 


Propertius 


43; 137!. 


Vegius, Maplieus 


13 f.; 39 f.; 48; 


Prosper 


87 




54; 144 f. 


Psalterium Sigebergense 120 


Venantius Fortunatus 


119; 120 


Quintilianus 


89; 127; 129 


Vita S. Annonis 


119 






Vita S. Francisci 


99 


Rupertus Tuitiensis 


86 


Vitae Sanctorum 


87 


Sallustius 


82; 89; 116; 121; 


Widukindus Corbeiensis 


86 




122 !.; 129; 136 


Wissing, Antonius 


99 




3. Personen 


Verzeichnis. 




Agricola, R. 


104; 107—110 


Bolsvinge, G. 


86 


Amerbach, B. 


vm 


Bongarsius, J. 45; 71; 77; 132; 133 


Amman» J. 


19 ü.; 23 


Borgninus, C. 


21 


Aurispa, J. 


85 


Brederodius, P. C. 


22 






Brismannus, J. L 


43 


Barzius, A. 


6 


Brissonius, B. 


23 


Beck, B. von der 


99 


Brosseus, P. 


131 


Berchemius, H. 


13; 23; 40; 121 


Browerus, Chr. 


119; 120 


BerUpsius, E. V. 


17 


Busserius, H. 


7 


Bersmanus, Gr. 


43; 140!. 






Birckmann, A. 


43; 101 


Camerarius, J. 4; 


6; 15 ff.; 24 ff; 


Bollandisten 


VIII; 61; 82; 91; 


29-34; 44;52; 66!.; 




99; 112!.; 122 


70; 


76 f.; 124; 132 



150 



Register. 



Camerarius, L 






4 


-, Ph. 






16; 34 


Campius, J. 


13; 


23; 


25; 61; 127 


Canonici, M. L. 






142 


Carrio, L. 


8— 12; 49!.; 82; 89; 




93; 


961 


.; 122; 130 


Cassander, G. 






87 f.; 118 


Ccrvicoraus, E. 






83; 86; 117 


Ctiolinus, M. 






40 ff. 


Chytraeus, D. 






139 


- N. 






139 


Cisncras, N. 






105; 107 


Cochlaeus, J. 






86 



Colster, A. van den 9 

Crabbe, P. 82; 86; 110!.; 117 f. 

Cresperus, V. 5 

Crusius, M. 16; 139 ff. 

Cues, N. von 85 



Dalechamphius, J. 


124 ff. 


Damhoudcrius, J. 


6; 21 


Daniel, P. 


77 


Dousa, J. 


12; 137; 139 



Eck, L. von 104; 108 

— , O. von 104; 108 

Ecktiardt, J. G. von 91; 123 
Egmont, C. von 13 f; 24 f.; 40; 46; 53 

Enoch von Ascoli 48 

Epo, B. 7 

Erasmus, D. von Rotterdam 64; 81 ; 129 

Ernst, Bischof von Bamberg 21 ; 27; 33 



Fabricius, Fr. 


88; 118; 120 f. 


Faesch, R. 


70 f. 


Falkenburg, G. 


120 f. 


Feyerabend, S. 


18-25; 33; 46; 52 


Fischer, P. 


18; 21-23 


Flacius, M. 


88; 118; 130 


Forteguerra, de 


142 


Friedrich, Pfalzgraf 


bei Rhein 45 


Fugger 


27; 35 


Oallandius, P. 


111 


Gelenius, Ae. 


90 


- J. 


90 


- s. 


VIII; 18; 48 


Gesner, C. 


30 



Giebelstadt, K. L. Zobel von 106 

Giphanius, H. 5; 24; 26; 111; 138 



Giselinus, V. 8 f.; 29 

Godofredus, D. 23 

Goldast, M. 80; 135 

Graeter, Chr. 140 

Graevius, J. a 90 ff.; 96; 100 i; 136 
Grotius, H. 139 

Gruterus, J. 69; 98; 134; 135 f. 

Grynaeus, J. J. 133 L 

— , S. VÜI; 48 

Gualtherus, C. 87 f.; 118; 121 f. 

Guarinus Veronensis 85; 92 

Gudius, M. 111 

Guliehnus, J. 13; 40; 43; 45; 54; 89; 

94 f.; 121; 134; 144 
Hagius, H. 144 

Halder R. 104; 108; 109 

Hartzheim, J. 91 

Hautenus, J. 12 

Heinsius, N. 90 f.; 97; 98; 100!.; 

134; 136 
Hittorpius, M. 13; 88; 93; 95; 

100; 102 f. 
Hoius, A. 7 

Horst, P. 41 

Hotomannus, Fr. 23 

Hütten, G. L von 22 

Isabella von Frankreich 21 

Julius, Bischof von Würzburg 14 ; 16 ; 26 f.; 

34; 40; 104 
Junius, Fr. 80; 112 

Kellner, H. 21 

Lambinus, D. 94; 111 

Langhius, C. 101; 138 

Lautius, L. 41 

Legipontius, 0. 119 

Uius, C. 16; 43 

Leoninus, E. 7 

Lemutius, J. 8 f.; 11; 29 

Lipsius, J. 4; 8—11; 13; 23; 25; 

29; 97; 109; 110; 115; 

130; 137 f. 
— , M. 81 

Livineius, J. Laev. 115; 130; 137 

Lyraeus, J. 134 

Mabillon, J. 59 

Macarius, J. 112 

Marivorda, Ad. 6 



Register. 



151 



Marivorda, Ae. 
Masius, J. 

-,J. 

Maugerard, J.-B. 
Mauriner 



6 
7 

62 

59 

VUI; 82; 112; 122 



Maximilian I. von Bayern 105 

— , Erzherzog 23 

Melissus, P. 16; 43; 139 

MeUerus, J. Palmerias 40; 89; 116; 

121; 123; 134; 

136; 137; 144 
Mentz, Ph. 66 

Metellus. J. 13; 89 

Molanus, J. 82; 83 

Moretus, J. H5 

Mosellanus, J. 105 

Nannius, P. 30 

Nansius, Fr. &-9; 12; 111 f.; 134 f. 
Neuenahr, H. von 86 

Neustetter, E. 15 ff.; 19; 33 ff.; 52; 

66 ff.; 103—110; 152 
-, J. Chr. 20 

Nidbruck, C von 87; 92; 118 

Nideggen, M. Schenk von 25 

Occo, A. 27; 106 

Paedianus, J. 104 

Palthenius. Z. 135 f. 

Pamelius, J. 88; 100; 122 
Pan, R. de 25; 98; 128; 132; 133 

Papinius, A. 81 

Peckius, P. 7 

Petreus, H. 43; 130 
Petrus, S. 13; 30; 82; 93 ff.; 101 ; 118 

Peussius, H. 7 

Pighius, St 89; 138 

Pindanus, F. 30 

Plantinus, Chr. 30; 44; 97 

Plieningen, D. von 104; 108 f. 

Poelmann, Th. 62; 84 

Poggius, J. Fr. 49; 68; 85 

Politianus, A. 62 

Pontacus 62 

Possevinus, A. 98 
Posthius, J. 10; 14 ff.; 18; 26; 34; 43; 

66; 105; 125; 136-138; 

139; 140 

Putschius, E. 69 



Ramus, J. 
Ratinck, A. 
Reusnerus, N. 
Rhenanus, B. 
Riedesel, A. H. von 
— , K. von 
Rittershusius, C. 
Rolandius, G. 
Rosenberg, W. U. von 
Rosweyde, H. 



7 

92; 125 

16; 43; 139 

VUI; 18; 48 

14 f. 

20 

5; 80 

42 f. 

21 

133 



Sabaeus, F. 131 

Sambucus, J. 137 

Scaliger, J. C. 62; 112 

Scheiffartus, A. a Merade 41 f. 

Schottus, A. 133; 137; 145 

Schulung, C. 61; 90; 118 ff. 

Schwalbach, G. von 103 

Schweickher, M. 22; 24 

Sdoppius, C. 69; 77; 79; 80; 

113 f.; 116 

Scriverius, P. 42; 111 f.; 136 

Serarius, N. 105 

Sichardus, J. 18; 21; 48; 108 

Sonbecus, L. 82 

Spies 66 

Stephanus, H. 107; 115; 121 

Stewechius, G. 11; 89; 130; 138 

Surius, L. 87 

Susius, J. 82; 138 f. 

-, D. 138 

Sylburgius, Fr. 43 f. ; 69 f. ; 132 f. 



Thack, H. 
Thüngen, N. von 
Torrcntius, L. 
Treutwein, E. 
Trithemius, J. 
Tumebus, H. 

Utenhovius, C. 

Valerius, C. 
Veldius, R. 
Vendivilius, J. 
Videnveltius 
Vigaitdus, B. 
VUmmcrius, J. 
Vollbracht, G. J. 
Vossius, G. J. 



18; 21 ff. 

22; 35 

50; 101 

103 

85 

111 ff. 

40; 63; 120 

7 

5; 25; 130 

7 

5; 27 

69 

83 

22 

Ulf. 



152 


Berichtigungen 


und Nachtrige. 


Vossius, J. 
Vulcanius, B. 




139 
113; 121 


Weidner, J. 


Wagner, M. 
Wamesius, J. 
Wechel, J. 


18; 
33; 


123 
7 
21 ff.; 30; 
43 ff.; 52 


Welser, M 

Werdenstein, 
Wolf, C 



5; 14-17; 24 f.; 43 L; 

52; 67; 104; 130; 134; 

135; 139—141; 144 

5; 26 f.; 34-36; 69; 

77; 114; 115; 116 

>mherr von 105 

30 



Berichtigungen und Nachträge. 



S. 84 Anm. 4 lies Antwerpen statt Amsterdam. 

S. 92 lies Einzelnes statt Einzels. 

Zu S. 103 ff. ist nactizutragen, dafi Dr. Schottenloher in seinem auf der achten 
Bibliothekarversammlung gehaltenen, im letzten August-Septemberhefte des Zentralbl. 
f. Bibliothekswesen gedruckten Vortrage über .Bamberger Privatbibliotheken aus 
aher und neuer Zeit' auch der Sammlung des Erasmus Neustetter Erwähnung ge- 
tan hat. Besonders interessant ist die a. a. O. S. 437 zitierte Stelle aus Neustetters 
Testament von 1590, wonach er seine Bücher, deren Wert er auf mehr als 3000 fl. 
schätzte, unter der Bedingung dem Stifte Komburg vermachte, daß dieses 2000 fl. 
für ein Pfründnerhaus hergäbe. 



Quellen und Untersuchungen 



zur 



lateinischen Philologie des 
Mittelalters 



herausgegeben von 

Ludwig Traube 



Dritter Band, zweites Heft 

Textgeschichte Liudprands von Cremona 



von 



Dn phil. Josef Becker 




MÜNCHEN 1908 

C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 
OSKAR BECK 



l 



TEXTGESCHICHTE 
LlUDPRANDS VON CrEMONA 



VON 



DR. PHIL. JOSEF BECKER 



MIT ZWEI TAFELN 




MÜNCHEN 1908 

C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 
OSKAR BECK 



THE NEW YORK 

PUBLIC LIBRARY 



AtTOfI, LCNOX ANB 

TILDEN F- 'NOATlONe. 

R *9U L 



C. H. Beck'sche Bucbdruckerei In Nördliogen 



Vorwoft 



Die vorliegende Untersuchung, die auf Veranlassung meines 
unvergeßlichen Lehrers Ludwig Traube entstanden ist, hat die Ober- 
lieferungsgeschichte Liudprands von Cremona zum Gegenstand. Sie 
will zur Erfüllung einer allgemein als notwendig anerkannten For- 
derung beitragen und für eine etwaige Neuausgabe des Autors eine 
neue kritische Grundlage schaffen. Zu diesem Zweck wird zum 
erstenmal das gesamte handschriftliche Material in umfassender Weise 
herangezogen und verwertet. Aufier den Florentiner und Mailänder 
Kodizes und den Trierer Exzerpten, bei denen ich auf schriftliche 
Mitteilungen und Photographien angewiesen war, habe ich sämtliche 
Handschriften selbst einsehen und benutzen können dank dem Ent-- 
gegenkommen der Bibliotheksverwaltungen von Berlin, Brüssel, Kloster- 
neuburg, London, Metz, München, Paris, Trier, Wien und ZwetÜ. 
Ihnen allen, besonders den Bibliotheksdirektionen von Beriin, Brüssel, 
Paris und Wien, die mir die Handschriften nach München und Straß- 
burg i. E. übersandten, sei auch an dieser Stelle herzlichst gedankt. 

Rogasen in Posen bezw. Lörzweiier in Hessen, im Mai 1908. 

Josef Becken 



Handschriftenverzeichnis. 



Berlin, lat fol. 358 13, 44 

Brüssel 9904 (S) 11 f., 22 !!., 43 

— 9884—89 15 f., 26 

— 14923 (L) 13, 25 f., 41, 44 

Florenz, Laur. Asburnham 15 11, 21 f., 43 

Klostemeuburg 741 (C) 17 f., 28, 45 

London, Harl. 2688 (H) 19, 28 

— Harl. 3685 12. 24 

— Harl. 3713 (G) 12, 25 f., 41, 44 

Mailand, Ambros. P 107 14, 26 

Metz 145 12, 24 ff., 41 

München, lat. 6388 (F) 1 ff., 5 ff., 21, 39 ff., 43 

Paris, bibl. nat lat. 5922 14 f., 26, 44 

Trier, Stadtbibliothek 388 16, 27, 44 

Wien, lat. 400 (früher hist. prof. 178) (J) . . . 18 f., 29, 45 

— lat. 427 (früher hist. prof. 338) (V) ... 16 f.. 28, 45 

Zwettl 299 (Z) 18, 29, 45 



Inhaltsverzeichnis. 



Vorwort V 

Handschriftenverzeichnis VI 

Einleitung 1 

A. Die handschriftliche Oberlieferung 5 

B. Die Genealogie der Handschriften 20 

Anhang: Die indirekte Oberlieferung 37 

C. Textgeschichte 39 

1. Paläographische Vorbemerkung 39 

a) Der Ursprung von München lat 6388 39 

b) Die Herkunft von Harl. 3713 und Brilssel 14923 41 

2. Textgeschichte 42 

Tafel 1: Metz 145 fol. 204. 
Tafel 2: 1. München lat 6388 Teil von fol. 53v; 
2. München lat. 6388 Teil von fol. 7. 



Einleitung. 



Seit Fr. Köhlers i) gründlicher kritischer Untersuchung über das 
angebliche Autograph Liudprands von Cremona ist die Dringlichkeit 
der Revision unserer Ausgaben von keiner Seite verkannt worden. 
Schon Dümmler«) gab in einem unmittelbaren Nachwort zu Köhlers 
»Beiträgen" zu, dafi Köhler durch scharfen Nachweis der Mängel der 
Oberlieferung die Notwendigkeit einer gründlicheren Neugestaltung 
des Textes dargetan habe. Es hat dann Wattenbach in den Ge- 
schichtsquellen ^) und noch nachdrücklicher in der neuesten Auflage 
Traube«) eine neue Ausgabe als ein dringendes Bedürfnis erklärt. 
Auch sie, desgleichen SickeM), bezeichnen Köhlers Nachweis, dafi die von 
Pertz^) begründete und allgemein angenommene Ansicht einer eigenen 
Mitwirkung Liudprands an der Handschrift München lat. 6388 unhaltbar 
sei, als vollkommen schlagend und überzeugend. In der Tat hiefie 
es Eulen nach Athen tragen, wollte man Köhlers eingehender Be- 
gründung noch neue Stützen, deren sie nicht bedarf, verieihen. 
Dennoch sei, um auch das letzte Bedenken zu beseitigen, noch ein 
Moment hervorgehoben, das bei Köhler nicht scharf genug betont 
erscheint. 

Wie bekannt, findet sich in der Münchener, ehemaligen Freisinger 
Handschrift, die Pertz seiner Ausgabe zu Grunde legt, die Hand eines 
zweiten Schreibers, eines Korrektors, der die vielen Lücken der ersten 



^) Fr. Köhler, Beiträge zur Textkritik Liudprands von Cremona. Neues Archiv 
Vra (1883), S. 47^-88. 
«) a. a. O. S. 89. 
») Geschichtsquellen' I, S. 480. 

*) Sickel, Das Privileg Otto I. für die römische Kirche S. 14 Anm. 
») Archiv der Ges. f. ä. d. Gesch. VU (1839), S. 391—404. 
Quellen u. Uatenuch. z. Itt PhUologie des MA. m, 2. 1 



2 Josef Becker, 

Hand, besonders die griechischen Stellen, ergänzte, zahlreiche Konek- 
turen und Glossen machte und endlich das ganze VI. Buch der 
Antapodosis selbst schrieb. Dieser Korrektor, so folgerte Pertz, ist 
Liudprand selbst, der hier die endgültige Redaktion seiner Antapo- 
dosis und Historia Ottonis^) vornahm. Dieser allgemein angenommenen 
Meinung entzog Köhler den Boden, indem er aufier dem Hinweis 
auf eine bessere Überiieferung in den Metzer Exzerpten auf die 
zahlreichen Fehler und Unrichtigkeiten des Frisingensis aufmerksam 
machte, freilich ohne dabei genügend zu scheiden, ob sie von der 
ersten oder zweiten Hand herrührten. Nun wäre es aber — auf diese 
letzte Ausflucht könnte ein Verteidiger der Pertzschen Hypothese 
kommen — am Ende doch denkbar, dafi Liudprand nur flüchtig und 
eilig einige Verbesserungen gemacht und die Lücken ergänzt, nur 
provisorisch diese erste Reinschrift seines Konzeptes durchgesehen 
habe, seine Werke harrten ja noch des Abschlusses durch ihn selbst, 
und dann konnte ja noch eine endgültige, gesamte Redaktion vorge- 
nommen werden. So könnte man, nicht ganz mit Unrecht, Pertzens 
Meinung zu retten suchen. Aber auch diese letzte Ausflucht wird 
sofort hinfällig, wenn wir uns einiges von dem vergegenwärtigen, was 
der Korrektor mit eigner Hand niedergeschrieben hat. Zwar hat 
dieses Moment bereits Köhler für die H. O. und Buch VI der A.») 
beachtet, die von Liudprand vollständig geschrieben sein sollten, indes 
die H. O. rührt von einer dritten Hand her, und gerade die für das 
VI. Buch gemachten kritischen Ausstellungen sind nicht schlagend 
genug. Es seien daher noch einige kurze Bemerkungen gestattet, 
welche die Pertzsche Hypothese definitiv beseitigen werden. 

Pertz notiert im Apparat zum Kapitelverzeichnis von lib. I, das 
nicht bloß teilweise, sondern, wie unten gezeigt werden wird, ganz 
von der Hand des Korrektors geschrieben ist, neun Schreibfehler. 
Die Schrift selbst ist sorgfältig, die Schreibfehler sind offenbar durch 
ungenaues Lesen der Vortage entstanden. Ist es denkbar, daß der 
Verfasser selbst diese Versehen begangen hätte, darunter Basillü, 



*) Auch die Historia Ottonis wies man seitlier mit Pertz diesem Korrektor 
zu. Es wird indessen gezeigt werden, daß sie von einer, auch zeitlich betrachtet, 
dritten Hand herrührt. Schon dadurch wird die Pertzsche Ansicht von der voll- 
endenden und abschließenden Arbeit des Autors am Frisingensis sehr zweifelhaft 

•) Von der Relatio de legatione Constantinopolitana besitzen wir keine Hand- 
schrift, sondern stützen uns nur auf den ersten Druck, sie kann daher für unsere 
Untersuchung zunächst nicht in Betracht kommen. 

*) Mit diesen Siglen sei künftig Antapodosis und Historia Ottonis abgekürzt. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 3 

flagellantes flagellantes, iruit, Marico (für Marinco)? Dies die Probe 
für ein vom Korrektor geschriebenes größeres Stück. Und seine 
Korrekturen? A. II, 3 liest der Frisingensis Sanguine rieque statt 
Sangttinemque, welche Lesart der Harl. 2688 noch erhalten hat, 
während die dem Frisingensis näherstehende, aber von ihm unabhängige 
Handschriftengruppe, von Pertz als V. Klasse bezeichnet, ebenfalls auf 
die Lesart des Frisingensis hinweist, sie hat allerdings daraus Sanqtunem 
neque gemacht. Sanguine neque beruht offenbar auf einer Ditto- 
graphie in der den beiden Klassen gemeinsamen Vortage. Jedenfalls ist 
die Lesart vollkommen sinnwidrig, und doch ist es der Korrektor, 
dem die Schreibung des /w-Striches und von neque, somit dieser 
Unsinn verdankt wird. A. III, 41 liest der Frisingensis serrari; dafi es 
serari heißen muß, hat Köhler ^) bereits bemerkt. Ein Blick in den 
Kodex lehrt uns, daß der Korrektor das Zweite r zugefügt, somit die 
Verderbnis verschuldet hat. Die vom Frisingensis unabhängigen Hand- 
schriftengruppen haben die richtige Schreibung. Auf die Stelle A. 
III, 29 hat schon Köhler«) aufmerksam gemacht, er hat sie aber nicht 
genügend ausgebeutet. Die Lesart des Frisingensis fere, woraus der 
Korrektor foere machte, paßt nicht recht zum Sinn, ganz und gar 
nicht in die Konstruktion des Satzes. Es ist statt dessen, wie Köhler 
mit Recht feststellt, ferunt zu lesen, und alles ist in Ordnung. In der 
Tat schreiben so denn auch die vom Frisingensis unabhängigen Hand- 
schriften. Nun das Merkwürdigel Der Korrektor hat auf dem letzten 
Drittel von fol. 50' die von der ersten Hand gelassene Lücke ausge- 
füllt (III, 28 — III, 29 silogismos) und unten rechts in der Ecke ein 
einsames ferunt ohne jedes Zeichen dabei niedergeschrieben. In 
)X^rklichkeit hätte es auf die Versoseite gehört eben an Stelle jenes 
fere, aus dem er beim Weiterlesen nach seiner Manier ein foere dann 
machte. Es ist wichtig, festzustellen, daß dieses verschlagene ferunt 
von der Hand des Korrektors herrührt, nicht wie Köhler anzunehmen 
scheint, von der des ersten Schreibers. Offenbar hat in der Vorlage, 
wie Köhler schon bemerkt, ein ferunt am Rande sich vorgefunden, 
dieses hat der Korrektor im Frisingensis kopiert, ohne zu wissen oder 
zu beachten, wohin es gehörte, was es bedeutete. ») Diesen Korrektor 
— sein Korrigieren ist meist nur ein verständnisloses Nachtragen und 
Ergänzen — mit Liudprand selbst identifizieren zu wollen, wäre eine 

*) a. a. O. S. 63. 
«) a. a. O. S. 62. 

•) Das vom ersten Schreiber herrührende fere mag durch Verlesen oder Miß- 
verstehen der Abkürzung fef entstanden sein. 

1* 



4 Josef Becker, Textgeschichte Liudprands von Cremona. 

Absurdität; die Autorität des Frisingensis ist in alle Wege nicht mehr zu 
erhalten. Somit ist die Grundlage des Pertzschen Textes erschüttert 
und eine neue Fundamentierung erfprderiich. Den zerstörten Bau 
neu zu b^ründen, wird nunmehr Angabe der positiven Kritik. Dieses 
Ziel hat sich vorUegende Untersuchung gesteckt Ihr Verlauf ergibt 
sich von selbst Es wird sich darum handeln: a) das handschriftliche 
Material möglichst vollständig zu sammeln und zu beschreiben; b) es 
dann zu ordnen, zu werten und zu klassifizieren; c) beide Teile 
innerlich zu verbinden und historisch auszulegen in einer Text- 
geschichte. 

^) Uebrigens bedürfte auch der kritische Apparat unserer Ausgabe, selbst 
wenn der Frisingensis Autograph wäre, dringend der Berichtigung in dem, was über 
andere Handschriften notiert ist Fast unglaubliche Verwirrung ist hier geschehen. 
Ganz unmethodisch ist die Art der Variantenangabe aus Klasse V. Z. B. wird 
A. V, 24 bemerkt, dafi Kodex 1 libuit hinzufügt, aber auch die 5. Handschriften- 
gruppe weist diese Interpolation auf. Sehr oft notiert der Herausgeber die Lesarten, 
besonders die Konjekturen von 5 a. Dieser Kodex ist nach Pertz minder wertvoU 
als 5, wahrscheinlich sogar aus diesem geflossen. Wenn daher eine Variante einfach 
als 5 a angehörend bezeichnet wird, muß man annehmen, dafi sie sich in der besseren 
Handschrift 5 nicht findet, und doch ist das fast stets der Fall. Dafi dies tatsächlich 
zu Mißverständnissen geführt hat, davon später ein Beispiel. — A. HI, 45 fährt der 
Kodex 5 eine Zeile vorher mit sciUcet aqua/n fort A. IV, 23 ist eine größere Lücke 
bezeichnet, die den Handschriften 2 und 3 gemeinsam seien, woraus Köhler irrige 
Schlüsse für die Stellung der beiden Handschriften zog, in Wirklichkeit aber findet 
sich die Lücke nur in 2. Zu Beginn der H. O. bemerkt Pertz, die Ueberschrift 
Incipit über septimus de Rebus Ottonis stände in 5 und 5 a, tatsächlich steht sie 
nur in 5. — Ebenso ist es unrichtig, daß in Kodex 2 die H. O. mit Auslassung 
eines größeren Stückes beginne, daß im Parisinus die H. O. erst mit Kapitel 15 
anfange, während sie vollständig überliefert ist. Falsch ist endlich in H. O. C. 14 
die Note C. Die hier angemerkte Lücke findet sich in 5 a überhaupt nicht, in 5 a* 
nur zum Teil, indem der* Schluß der bekannten Bibelstelle durch ein etc. ausgedrückt 
ist Dies eine Zusammenstellung der gröbsten Irrtümer. — Auch Potthast (Biblio- 
theca I, 743) ist ein Fehler unterlaufen; die Handschriften Hart 2688 im britischen 
Museum (nicht zu Oxford), Wien 338 und Klostemeuburg 741 enthalten nicht die H. O. 



A. Die handschriftliche Überlieferung/) 

München, lat. 6388 = Frising. 188 = Cim. IL 2 d. (F). 

Die Inschrift über sancte Marie sanctique Corblh Frising. auf der 
ersten Seite gibt uns Auskunft über die Provenienz des Kodex. Er 
besteht in VTirklichkeit aus 2 wohl im 15. Jahrhundert zusammen- 
gebundenen Handschriften, der des Liudprand (fol. 1 — 85) und der 
des Regino (fol. 86 — 198). Der Einband besteht aus zwei Holzdeckeln 
mit Lederrücken. Auf fol. 121 der Reginohandschrift findet sich die 
Federprobe Abram episcopopus (sicl), sie gehört also wohl in die 
Zeit des Bischofs Abraham von Freising (957 — 993). Da die Regino- 
handschrift*) für unsere Zwecke hier nicht in Betracht kommt, be- 
schränken wir uns auf die Beschreibung der ersten Hälfte, der Liudprand- 
handschrift. ») Das Pergament ist, um den einfachen, wenn auch 
unrichtigen Ausdruck zu gebrauchen, sogenanntes italienisches, im 
Format von 18x25. Die Tinte des Hauptschreibers ist schwarzgrau, 
diejenige der zweiten und dritten Hand blaßrot. Die Seite hat ge- 
wöhnlich 27 Zeilen. Lagenordnung: fol. 1 — 7 bilden eine Lage in der 

Gestalt |LJ| |l .-[ , sie ist nachträglich dem Ganzen vorgeheftet. Der 

Text war auf 7 Blätter berechnet, jedoch erkannte der Schreiber gegen 
Ende immer mehr, daß der Raum zu knapp bemessen war. Obwohl 
er immer enger schrieb und die Zeilenzahl auf einer Seite vermehrte. 



^) Die Handschriften werden nur insoweit beschrieben, als die bisher gegebenen 
Beschreibungen einer Ergänzung oder Berichtigung bedürfen. Nur der Frisingensis, der 
immerhin noch die wichtigste Handschrift bleibt, verdient vor allem auch der 
Schwierigkeiten wegen, die er bietet, nochmals eine detaillierte Behandlung. Die 
Reihenfolge der Kodizes richtet sich hier schon nach der unten zu begründenden 
Klassifikation. 

«) Vgl. darüber zuletzt Kurze, N. A. XV, S. 296 f. 

») Beschrieben von Pertz, Archiv VII, S. 391 ff. 



6 Josef Becker, 

kam er nicht aus, es blieben noch lOV« Zeilen zu schreiben übrig. . 
Dazu benutzte er die freigelassene Rektoseite des ersten Blattes des 
Kodex, so daß nun die ganze Schicht von 7 Blättern hier vorgeheftet 
werden mußte. Fol. 8' ist zu 2/3 frei; fol. 8^ 9^ und 6 Zeilen von 
9^ enthalten den Titel der A. und das Kapitelverzeichnis von Buch I, 
der Text beginnt mit fol. 10. Fol. 8 — 17 ist ein Quinio, m der 
Mitte des unteren Randes der letzten Seite durch Q./. bezeichnet 
Es folgen nun regelrecht 8 Quatemionen von fol. 18 — 81. Der zweite 
trägt keine Signatur, alle anderen sind in der Mitte des unteren 
Randes durch römische Zahlen bezeichnet. Irrtümlich trägt Lage VII 
durch Korrektur die Signatur VIII und die Lage VIII die Signatur VII. 
Fol. 82—85 ist ein Binio. Fol. 82^ enthält den kurzen Kapitelindex 
von Hb. VI, im übrigen ist diese Seite und fol. 83' leer, auf fol. 83^ be- 
ginnt der Text von Buch VI. Die Hauptarbeit an unserer Handschrift 
fiel einem ungebildeten Schreiber zu, der seine Vorlage ohne Ver- 
ständnis kopierte, zahlreiche große und kleine Lücken, vor allem für 
sämtliche griechische Stellen freien Raum ließ. Seine Hand geht bis 
A. V, 32 (nach Pertz V, 33). Ziemlich gleichzeitig anscheinend setzte 
ein zweiter Schreiber da ein, wo der erste versagte, anfangs mit der 
gleichen, von fol. 13 ab mit rötlicher Tinte. Er hat zahlreiche 
Korrekturen und Glossen angebracht, die Lücken ausgefüllt, vor allem 
die griechischen Worte mit Umschrift und Obersetzung nachgeholt 
An zusammenhängenderen Stücken hat dieser Korrektor geschrieben: 
A. I, 1 execrabilis paganorum — Scipionis Africani; A. I, 26 den 
Vers Cannabe etc.; A. II im Kapitelindex Kapitel 6; A. III im Kapitel- 
index die Zahlen 9—45 und 47—51; A. III, 28—29 silogismos; A. III, 
Zevg xal ^'Hga bis divinando dicere; A. V, Kapitelindex 7 — 33 und 
A. lib. VI. Pertz führt noch die Stelle A. II, 6 an, solcher kleinerer 
Ergänzungen wären aber noch viele zu nennen. Soweit stimmen wir 
mit Pertz überein, im übrigen wird hier eine Modifikation nötig sein. 
Sogleich der Anfang der A. verfangt eine andere Erklärung. Wie 
verteilen sich die beiden Hände in bezug auf den Titel und das 
Kapitelverzeichnis von Buch I. Nach Pertz und Köhler, der ihm 
folgt, hätte der erste Schreiber, von Pertz Kanzellist genannt, den 
Titel und vom Inhaltsverzeichnis des ersten Buches die ersten 7 Kapitel 
(die Zahl des 7. Kapitels nicht) und dann wieder Kapitel 41 — 43 
(im Kodex irrig als 51 — 53 gezählt) geschrieben und zwar in schwarzer 
Tinte, die fehlenden Kapitel der Korrektor in rötlicher Tinte. Die 
Ansicht gründet sich auf den Unterschied der Tinten, ohne zu be- 
achten, daß unmittelbar darauf der Korrektor sich derselben Tinte wie 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 



der Kanzellist bedient, also in der Tinte wechselt, was er auch hier 
getan haben kann. Dafi das wirklich der Fall ist, beweist eine nähere 
Vergleichung der Schrift. Sofort der mit schwarzer Tinte geschriebene 
Titel der A. rührt von der Hand des Korrektors her. Man vergleiche 
nur die kapitale Form des L an zahlreichen Stellen, wo die Frage, 
ob es sich um Hand I oder II handelt, nie strittig war, und man wird 
finden, dafi der Korrektor stets eine einfache aus zwei Strichen be- 
stehende Form gebraucht, der Kanzellist aber stets einen wagerechten 
Querbalken oben zufügt. Im Titel finden wir die einfache Form, er 
ist also vom Korrektor geschrieben. Damit ist eigenüich die ganze 
Frage erledigt. Denn es wäre höchst merkwürdig, wenn nun der 
Kanzellist einige Zeilen geschrieben hätte, dann wieder der Korrektor, 
endlich wieder der Kanzellist. Geht man in der Schriftvergleichung 
weiter, so zeigt sich, dafi hier tatsächlich nur eine Hand voriiegt, dafi 
der Kanzellist sonst sich ganz anderer Züge bedient Die Formen 
' der Zahlzeichen für 1 und 10 pflegen in beiden Händen verschieden 
zu sein, ebenso das zurückverweisende Zeichen, das beim Korrektor 
durchgehends eine rechtwinklige Hakenform hat, beim Kanzellisten 
viel einfacher aussieht. Man findet sogar oft, dafi der Korrektor beim 
Korrigieren des Textes des Kanzellisten dessen Zeichen in das seinige 
verändert.. Kurzum, wir haben im Titel und Inhaltsverzeichnis nur 
einen Schreiber und zwar den Korrektor. Der erste Schreiber begann 
unmittelbar mit dem Text. Davor stehen Titel und Inhaltsverzeichnis 
auf zwei Blättern, wobei die letzte Seite fast ganz frei blieb. Die 
erste Lage ist ein Quinio. Combiniert man dies, so drängt sich 
folgende Vermutung auf: Der erste Schreiber begann sofort mit dem 
Text, der die Arbeit überwachende Korrektor sah das Versäumnis; 
noch war es Zeit, das Versäumte nachzuholen und zugleich durch 
Änderung der Lage die Struktur des Ganzen zu erhalten, i) Trefflich 
pafit zu dieser Erklärung Köhlers^) Annahme, dafi das Kapitelver- 



561234 



432165 



No. 1, 2, 3, 4 bezeichnen die ur- 
sprüngliche Lage. Hiervon wurde 
die innerste Schicht No. 4 weg- 
genommen und No. 5 und 6 
außen zugefügt, so dafi ein Quinio 
entstand. 



«) a. a. O. S. 85 !. 



Quellen und Untersuchungen 



zur 



lateinischen Philologie des 
Mittelalters 



herausgegeben von 

Ludwig Traube 



Dritter Band, zweites Heft 

Textgeschichte Liudprands von Cremona 



von 



Dn phil. Josef Becker 




MÜNCHEN 1908 

C H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 
OSKAR BECK 



TEXTGESCHICHTE 
LlUDPRANDS VON CrEMONA 



VON 



DR. PHIL. JOSEF BECKER 



MIT ZWEI TAFELN 




MÜNCHEN 1908 

C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 
OSKAR BECK 



10 Josef Becker, 

als wenn Pertz zum Beweis der Gleichheit der Züge eine Vergleichung 
von restituti in der H. O. und stituta beim Korrektor empfiehlt Er 
wählt hierbei Worte, in deren Buchstabenformen die Schreiber über- 
haupt wenig oder gar nicht zu variieren pflegen. Es dürfte somit 
geboten sein, für die H. O. einen dritten Schreiber anzunehmen. 

Den letzten, aber vielleicht den wichtigsten Teil der Be- 
schreibung der Handschrift macht die Betrachtung der orthographischen 
Eigentümlichkeiten aus. 

Pertz 1) hat einige hierhin gehörige Bemerkungen gemacht, die 
jedoch der tatsächlichen Unteriage entbehren. Er bemerkt, der Kor- 
rektor schreibe regelmäßig Sarracenl und palcritudo, der Kanzeliist 
Saraceni und pulchritudo. Beides ist unrichtig. Um nur eines heraus- 
zuheben, man schlage fol. 58^ auf, und man wird dort vom Korrektor, 
an dessen Urheberschaft hier kein Zweifel ist, Saracenus finden, 
fol. 52 schrieb die erste Hand perpalcre, die zweite fügte ein h 
hinzu. In Wirklichkeit ist hierin die Schreibweise nicht konsequent 
Im Grunde sind das gleichgültige Feststellungen, wichtiger ist ein 
anderes, das merkwürdigerweise noch nicht hervorgehoben ist Pertz*) 
erwähnt zwar, daß Liudprand die Orthographie vernachlässigt, fehler- 
hafte Wortformen und eine nicht ganz richtige Syntax angewandt 
habe, nur zu einer Form bemerkt er, daß sich in ihr der Italiener 
Liudprand verrate. Vergegenwärtigen wir uns die hauptsächlichsten 
Eigentümlichkeiten : 
Ä fehlt: oc, ostibus; in zahlreichen Fällen hat der Korrektor ein 

Aspirationszeichen zugefügt. 
Ä steht überflüssig: exhimit, hoccidua, horta. 
Einfacher Konsonant für doppelten: sucensa, afinitatis, intelexit^ 

debelaturum, incalide, samos, quipe, ocurit, ingresus, posidet, 

sanctisimus. Hato, qaatuor etc. 

Doppelter Konsonant für einfachen: Basillü, summere, appeniU, 
pisscis, Tussciae. 

c fehlt vor ä, p, t und sonst: Mihahel, brahio, sique (für sicque), 

defuntus, execare, suseptus, exitati, silicet, siscitatus. 
c steht überflüssig: adgressci, exarscit, posscit 
c steht statt g\ necabant. 
s steht statt c: exersitio, ulcissL 



^) Archiv VII, S. 293. 

') Praef. der Ausgabe SS. III, 268. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. H 

tt fehlt: coscenderet, costantia, costitiiit 

Wechsel von e und /: diligires, io, miritricis, timporlbus. 

Wechsel von o und n: copio, Hogo, mohisse, nuntios (für nuntitis), 

commutus, cupularat^ infurtunia, inimicus (für inimicos). 
Wechsel von b und p, d und t: blebem, occubabat, adveniad^ 

pordenderet, sei. 

Noch können erwähnt werden Formen wie ablati für ablatis, 
persecatore (für -m), visione (für -m), orbem (für orbe), occidere 
(für -Q, percüssera (für -/) u. a. Auch der Korrektor ist von diesen 
Formen nicht frei. Im VI. Buch findet sich octubris, depununtur (für 
depon), mito. Bei der dritten Hand, in der H. O., sei auf die Form 
da deam omnipotentem verwiesen. Es mag von dem Mitgeteilten 
manches nur der Nachlässigkeit des Schreibers zuzuschreiben sein, 
jedoch wird niemand den Einfluß des Romanischen, Vulgären ver- 
kennen können. 

Florenz, Laurent. Ashburnham 15, saec. X. ex.i) (A). 

Ober die Provenienz der Handschrift ist uns nichts bekannt. 
Bei einer Vergleichung mit anderen Librihandschriften des 10. Jahr- 
hunderts fand ich viel Ähnlichkeit mit Laurent. Ashbumh. Libri 23;*) 
möglicherweise also stammt die Handschrift aus Frankreich. 

Brüssel, bibliothfeque royale 9904, saec. XL in.») (S). 

Pergamentkodex im Format von 18 x 25 mit modernem Ein- 
band. Eine Hand des XV. Jahrhunderts verrät uns durch den Ein- 
trag Codex sancti Martini in Spanhey m einiges über die Provenienz 
der Handschrift. Trithemius hat sie benutzt, offenbar hat er sie auch 
für Sponheim erworben.*) A.V,32 dedit ad mulieres bis Ende des 
Buches und das Kapitelverzeichnis von Buch VI fehlen. Es hängt 
das wahrscheinlich mit dem quatemionenmäßig verteilten Abschreiben 
zusammen. Pertz meinte, das Ausgefallene habe auf einem vor der 
nächsten Lage stehenden Blatt gestanden, dem scheint aber die Ge- 
stalt dieser Lage zu widersprechen. Die Handschrift ist von mehreren 
Schreibern geschrieben, die genau abzugrenzen kaum möglich ist 
An der Spitze von fol. 1 unmittelbar vor der H. O. hat der Spon- 



') Beschrieben von Holder-Egger, N. A. XI, S. 260, 264 und von PaoU, I codid 
Asbumhamiani, S. 28. 

*) Paoli-Vitelli, CoUezione Florentina II, tav. 32. . 

») Beschr. von Pertz, Archiv VII, S. 396 ff. 

*) Vgl. Schneegans, W., Abt Joh. Trithemius und Kloster Spanheim (1882), 
S. 80 ff. 



12 Josef Becker, 

heimer Abt Nicolaus Cerbetius notiert, daß er das erste Blatt, dessen 
Schrift unleserlich geworden war, wieder hergestellt und auch sonst 
Korrekturen vorgenommen habe nach der Baseler Ausgabe von 1532. 
Die ursprüngliche Schrift des ersten Blattes hat er nachgefahren, aber 
sie ist noch tiberall sichtbar; es ist mir deshalb unverständlich, wie 
Pertz bemerken kann, der Kodex beginne erst gegen die Hälfte des 
ersten Kapitels der H. O. zu mit WcUdpertus sanctae. 

British Museum, Harleianus 3685, saec. XVL 

Voriiegende Peutingerhandschrift ist ein Papierkodex, dagegen 
ist im handschriftlichen Verzeichnis des Notars Schwarz in der 
Münchener Hof- und Staatsbibliothek unter Nr. 35 ein Peutingerischer 
Pergamentkodex Liudprands verzeichnet Wenn hier kein Versehen 
vorliegt, hätte Peutinger zwei Liudprandhandschriften besessen. Em 
Teil von Peutingers Handschriften kam in das Jesuitenkolleg nach 
Augsburg, im Verzeichnis derselben ist auch ein Luitprandus ohne 
weitere Angabe erwähnt. Dieser Kodex wird mit unserem Harleianus 
identisch sein, da ein Teil der Jesuitenbibliothek tatsächlich nach 
England kam. Über die Handschrift vgl. Pertz, Archiv VII, S. 400. 

Exzerpte in Metz 145, saec. X. (M). 

Vgl. Catalogue g6n6ral des manuscrits des bibliothfeques publi- 
ques des d^partements V, 63; über die Exzerpte insbesondere Köhler 
a. a. O. S. 78 f. 

British Museum, Harleianus 3713, saec. XL ex. (G). 

92 Pergamentblätter + je 3 papierene Vor- und Nachsatzblätter 
im Format von 17 x 24 in modernem Einband, der die Aufschrift 
saec. X trägt. Der Kodex besteht aus 12 meist regelmäßigen Quater- 
nionen, nur die Lagen fol. 41 — 46 und fol. 87 — 92 sind Trinionen. 
Am Ende von fol. 46 steht die Bezeichnung VI, die übrigen Signa- 
turen fehlen teils, teils sind die unteren Ränder weggeschnitten. Es 
ist daher auf Grund äußerer Indizien der Vertust einer Lage nicht zu 
beweisen, doch mögen die fehlenden Kapitel A. 111,25 — 45 scUicet 
aquam funderet etwa eine Lage eingenommen haben. Jede Seite 
zählt 28 Zeilen. An den Kapitelanfängen stehen einfache Initialen. 
Der Kodex ist wohl von einer Hand geschrieben, bei den Kapitel- 
indizes und teilweise auch bei den übergeschriebenen Varianten wurde 
eine feinere Feder benützt. Bei der großen Mehrzahl der Varianten 
ist es nicht zweifelhaft, daß sie vom Schreiber der Handschrift her- 
rühren. Über Herkunft und Datierung dieser und der folgenden 
Handschrift wird eigens zu handeln sein. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 13 

Brüssel, bibl. royale 14923, saec. XII. in. (L). 

96 Pergamentblätter im Format von 15,5 x 25,5 in 12 regel- 
mäßigen Quatemionen ohne Signatur mit modernem Einband. Nur 
in der 11. Lage ist das 5. Blatt weggeschnitten, dafür aber ein 
anderes eingesetzt. Jede Seite zählt 30 Zeilen. Die Oberschriften, 
Anfänge und Zahlen der Kapitel sind mit roter Tihte geschrieben, 
die Kapitelanfänge haben einfache rote Initialen. Die Kapitelverzeich- 
nisse außer im ersten Buch sind in kleinerer Schrift von dem 
Schreiber der Handschrift geschrieben. Nachträglich hat er einige 
Stellen mit anderer Tinte korrigiert. Das vaticinium sibillae und die 
beiden Briefe sind am Ende des XII. Jahrhunderts eingetragen. Der- 
selbe Schreiber notierte auf fol. 95^ und 96^ die Worte: Über sancti 
Petri Laubiensis ecclesiae, auf fol. 95^ mit dem Zusatz: Servanti 
benedictio, tollenti maledictio. fiat. fiat. Auf fol. 1 endlich hat 
nochmals eine neuere Hand die Worte Sancti Petri Lobiensis ein- 
getragen. Pertz hat den Kodex als Gemblacensis bezeichnet, offen- 
bar, weil er glaubte, Sigebert von Gembloux habe ihn benutzt. Selbst 
wenn diese Annahme richtig wäre, gäbe sie uns kein Recht, entgegen 
der beinahe gleichzeitigen Bezeichnung als Lobbiensis den Kodex 
Gembloux zuzuschreiben, er gehörte vielmehr dem Kloster Laubach 
(Lobbes) an. Inhalt: fol. 1' vaticinium Sibillae, fol. 1^ — 85' Anta- 
podosis, fol. 85^ — 86' epistala Dom. Bernardi abbatis ad Eugenium 
papam (Migne, Patrol. lat. Bd. 182, No. 238), fol. 86^—96' Historia 
Ottönis, fol. 96' — 96^ Brief Bernhards von Clairvaux an die Bischöfe 
von Ostia, Tusculum und Praeneste (Migne, Patrol. lat. Bd. 182, 
No. 231). Anfangs versucht der Schreiber die griechischen Buch- 
staben nachzumachen unter starker Latinisierung; später gibt er ein- 
fach nur die lateinische Umschrift und die Obersetzung. 

Berlin, ms. lat. fol. 358, saec. XIL ex. 

166 Pergamentblätter im Format von 23 x 33,5. Das erste 
Blatt vom ersten Quaternio ist weggeschnitten, sonst sind die Lagen 
regelmäßig. Der Kodex ist in Pappband mit Lederrücken in neuerer 
Zeit eingebunden worden. Die Bleistiftliniierung ist sehr fein und 
sorgfältig. Zu Anfang der Bücher finden sich hübsche, bunte, groß- 
zügige und langgestreckte Initialen, bei den Kapitelanfängen einfachere 
Initialen mit wechselnder Farbe. Die Buchstaben am Rand zeigen, 
daß sämtliche Initialen erst nach Vollendung des Kodex gemalt sind. 
Kapitelzahlen, Anfang und Schluß der Bücher sind in roter Schrift 
geschrieben. Am Satzbeginn stehen große Buchstaben mit einem 
Punkt in der Mitte. Der Text ist in zwei Kolumnen geschrieben. 



14 Jose! Becker, 

Einige Korrekturen mit anderer Tinte, aber von derselben Hand, 
zeigen, daß der Schreiber das Ganze noch einmal durchgesehen hat 
Dieser ganzen äußeren Sorgfalt und Feinheit entspricht die Güte der 
Abschrift und das Vorständnis für den Inhalt. Der Kodex enthält: 
fol. 1—68 Guiberti dei Gesta per Francos, fol. 69—119 Fulcherii 
Camothensis Gesta Francorum Ihenisalem peregrinantium, fol. 119 
bis 122 Quomodo Tyrus ab Alexandra rege capta sit excerptum ex 
decem libris hystoriae eiusdem (des Curtius Rufus), fol. 122^ Item 
ex eisdem libris hystoriae magni Alexandri quomodo Gaza ab eodem 
capta Sit rege, fol. 124—166 A. und H. O. Dazu die interessanten 
Anweisungen für den Leser: Auf fol. 110^: O prudens lector si te 
scire delectat quomodo Tyrus et Gaza ab Alexandro rege captae 
sint require inferius et invenies sab hoc Signum. Auf fol. 124: 
prudens lector si vis cognoscere ex qua progenie iste papa Johannes 
descenderit et qualiter papa effectus fuerit lege inferius librum 
secundum hystoriae Liudprandi et repperies ad hoc Signum; auf 
fol. 142: O diligens lector si vis cognoscere qualis vitae iste papa 
Johannes fuerit require superius et invenies ad hoc Signum. Ein 
Faksimile aus der Handschrift gibt Amdt-Tangl», Tafel 24. Der 
Kodex gehörte nach einer eingetragenen Notiz aus dem Jahr 1627 
der Abtei Hautmont in der Diözese Cambrai. 

Mailand, Ambros P 107, saec. XVI. 

Vgl. Pertz, Archiv V, S. 471. Ein Eintrag des ersten Präfekten 
der Ambrosiana Olgiati aus dem Jahr 1603 zeigt, daß die Hand- 
schriften zum ältesten Bestand der Ambrosiana gehört. Woher sie 
stammt, ist nicht festzustellen. 

Paris, bibl. nat. lat. 5922, saec. XII., Excerpte. (P). 

303 Pergamentblätter + je drei leere Vor- und Nachsatzblätter im 
Format von 18,5 x 26,5 in 39 Lagen mit neuerem Einband. Fol. 1 — 72 
bilden neun regelmäßige Quatemionen. Es folgt ein Binio, mit IX 
bezeichnet; von der Ziffer ist unten ein Teil weggeschnitten. Blatt 4 
des Binio ist ganz, das dritte bis auf einen schmalen horizontalen 
Streifen weggeschnitten. Von fol. 76 — 123 folgen wieder regelmäßige 
Quatemionen; fol. 124—127 (Lage XVI) = ein Binio, fol. 128—247 
in regelmäßigen Quatemionen, fol. 248—253 = Trinio (= Lage XXXII), 
ebenso (Lage XXXIII) von fol. 254—259, die Lagen XXXIV, XXXV und 
XXXVI sind regelmäßig und nehmen fol. 260—283 ein, Lage XXXVII 
= fol. 284—289, Lage XXXVIII = fol. 290—297, Lage 39 = fol. 298 
bis 303, die zwei lezten Blätter der Lage sind weggeschnitten. Der 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 15 

Text war an mehrere Schreiber verteilt, denn es sind am Ende der 
ersten Hand Vis Blatt weggeschnitten, und am Ende der zweiten 
Hand ist das lezte Blatt der Lage nur mit fünf Zeilen beschrieben. 
Der erste und, wenn ich nicht irre, der dritte Schreiber hat die Linien 
mit einem harten Blei, der zweite Schreiber mit einem Bleistift ge- 
zogen. Alle drei Schreiber haben stets 19 Zeilen auf der Seite, nur 
der dritte Schreiber hat von fol. 298—303 zwischen 19 und 22 Zeilen, 
um gegen Ende mit dem Raum auszukommen. Die erste Hand schrieb, 
fol. 1 — 75, sie ist deutlich erkennbar durch die eigene Form desg, die 
zweite Hand geht von fol. 76—127, die dritte von fol. 128—303. Die 
Hände 1 und 3 haben große wuchtige Buchstaben, die zweite Hand 
ist zierlicher und feiner. Die drei Hände sind auch durch verschiedene 
Tinte abgegrenzt Inhalt: fol. 1 — 204 Gregors von Tour Histor. Franc, 
lib. I — IV, 16 parturientis et non effugient. Es folgt unmittel- 
bar mit Incipit praefatio operis sequentis ohne Angabe von Titel und 
Autor fol. 204—282 Regino mit Tulliensi urbe endend (SS. I, 612), 
fol. 282 — 303 Auszüge aus Liudprand A. I, 5 — 11, VI, 5 bis arbores 
subvehuntur, VI, 8, 9 und die ganze H. O. bis kurz vor Schluß ob 
elemosinam endend, nicht wie Pertz merkwürdigerweise schreibt, erst 
von Kapitel 15 ab beginnend. Die wenigen fehlenden Worte mögen, 
wie Pertz meint, auf einem der nächsten weggeschnittenen Blätter ge- 
standen haben. Die Inschrift Über Sanctae Marie Virginis in Otter- 
bürg Maguntinae Diocesis gibt uns Nachricht über die Herkunft der 
Handschrift. 

Brüssel, bibl. royale 9884—89, saec. XVI. 

162 gezählte Blätter + je 4 Vor- und Nachsatzblätter, darunter 
je ein Pergamentblatt aus dem 14. Jahrhundert mit Fragmenten eines 
scholastischen Trinitätstraktates. Auf dem dritten Vorsatzblatt liest 
man, wie de Reiffenberg festgestellt hat, des Antonius Cautus Namen, 
eines vielgereisten französischen Humanisten des XVI. Jahrhunderts, 
nicht, wie Pertz las, Caucus und die Bezeichnung M S 9, auf der 
Versoseite von jüngerer Hand Liudprandi Ticinensis diaconi non 
Chronicon quod ei affingitur, sed gesta imperatorum et regum sui 
praeciptie temporis quod vere est eius opus. Die Blätter sind ganz- 
seitig beschrieben, durch vier vertikale mit hartem Blei gezogene 
Linien eingeteilt und haben zwischen 29 und 32 Zeilen. Zu Beginn 
der Bücher ist für Initialen größerer Raum gelassen, sie sind aber 
dann nicht ausgeführt worden. Die lateinische Umschrift der griechischen 
Stellen fehlt gänzlich; der Schreiber schreibt eine geläufige griechische 
Minuskel, wenn auch mit lateinischen Formen vermengt. Wo die 



16 Josef Becker, 

Vorlage an den griechischen Stellen versagte, hat er mehr oder minder 
umfangreiche Konjekturen vorgenommen. Die Handschrift wird wohl 
von Antonius Cautus gegen Ende des XVI. Jahrhtmderts selbst ge- 
schrieben sein. Beschrieben hat sie der Baron von Reiffenberg im 
Bulletin de TAcademie Royale des Sciences et Belles-Lettres de 
Bruxelles, tome X, part. I (1843), S. 375 ff. 

Inhalt: fol. 1 — 7 Kapitelverzeichnisse sämtlicher Bücher, zusammen 
dem Text vorangestellt Fol. 8, 9, 10 sind leer. Fol. 11—98 A. und 
H. O., fol. 99 — 103 Theolog. Disputation zwischen Germinius und 
Heraclianus, Firmianus und Heraclianus. Fol. 104 — 105 Urkunde 
Friedrichs I. (Stumpf, Reichskanzler No. 4529), fol. 106' frei. Fol. 106^ 

Sequuntur S. Julianl Prognosticorum libri tres praemissis 

epistola ad Idatium episcopum Barcinonensem et oratione ad deum, 
Fol. 107—109 Epistola Juliani ad Idatium (Migne, Patrol. lat. X 
C VI, col. 453 — 457), fol. 110—155' Oratio ad deum und Prognosticon 
(Migne a. a. O. col. 460—524), fol. 155^ frei, fol. 156—157 Brief 
des Idatius an Julianus (Migne a. a. O. col. 457 — 459), fol. 158 
bis 159 frei. 

Nun folgen von jüngerer Hand, nach de Reiffenberg der des 
Andreas Schott, auf fol. 161 — 162 Notizen aus dem Codex Batavus 
des Cornelius Nepos, dann eine Notiz über den Brief der Cornelia, 
Mutter der Gracchen, aus Cornelius Nepos. 

Trier, Stadtbibl. 388 Passionale, saec. XI. ex. (T). 

Diese Handschrift enthält Auszüge aus Liudprand, die im An- 
fang des XII. Jahrhunderts eingetragen wurden und zwar A. I, 25 tum 
a Romanis ingrediendi urbem bis A. I, 36 a Deo, wo der Schreiber 
et reliqua hinzufügt. Über den Kodex vgl. Keuffer, Katalog der 
Trierer Stadtbibliothek, Heft IV, Liturg. Hss. Trier 1897. 

Wien, lat. 427 (hist. prof. 338), saec. XII. (V). 

148 Pergamentblätter im Format von 22x29, darunter von 
fol. 46 — 71 eine spätere Papiereinlage, die Cuspinian einschob, als 
die Handschrift neu gebunden wurde. Der ganze Kodex außer der 
descriptio temporum (fol. 72^ — 74) und der Aufzählung der regna des 
Isidor (fol. 120^ — 124) ist in einer Kolumne geschrieben. Lagen- 
ordnung: fol. 1 — 6 = Trinio, fol. 7 — 15 = Quinio, dessen letztes Blatt 
fehlt, fol. 16 — 39 drei Quatemionen, fol. 40 — 45 ein Quatemio, dessen 
zwei letzten Blätter fehlen, fol. 46—71 eine Papierschicht, fol. 72—74 
ein Binio mit weggeschnittenem ersten Blatt. Fol. 74' ist zu drei- 
viertel, fol. 74^ und 75' ganz leer. Von den vorausgehenden Lagen 



Teztgeschichte Liudprands von Cremona. 17 

trägt nur die zweite eine Signatur. Mit fol. 75 beginnt eine neue 
Lagenreihe mit eigener von vorn beginnender Zählung in acht 
Quatemionen. Von der neunten Lage fehlt das erste Blatt, dafür ist 
an das vorletzte Blatt ein neues angeklebt. Trotz der doppelten 
Lagenordnung bildet der Kodex eine Einheit. Der Text des Isidor 
beginnt noch innerhalb der ersten Lagenreihe mit fol. 72. Die Haupt- 
störung ist durch den Einschub Cuspinians hervorgerufen. Außer 
diesem haben die Handschrift drei Schreiber geschrieben. Fol. 42 in 
der Mitte beginnt eine zweite Hand bis fol. 45, fol. 46 — 71 sind von 
Cuspinian beschrieben, fol. 72 fährt die zweite Hand fort bis Einhard 
auf fol. 125, von fol. 125 — 148 beschließt ein dritter Schreiber das 
Ganze. Inhalt: fol. 1 De expeditione christianorum contra Saracenos 
et de captis Hlerosolimis (= Kurzer Bericht des Erzbischofs Daimbert 
von Pisa über den ersten Kreuzzug), fol. 2 — 41 Rudberti historia 
expeditionis Hierosolymitane, fol. 43 — 71 Jahrestafel bis zum Jahr 
1160, vom Jahr 167 ab von Cuspinian geschrieben. Fol. 72 — 125 
Chronica Ysidori Yspaniensis, fol. 125 — 132 Einhards Gesta Caroli. 
Fol. 132 — 148 Liudprandi historia. Es fehlen die Kapitelverzeichnisse 
vom ersten und dritten Buch. Wie ein Eintrag besagt, ist die Hand- 
schrift im Jahr 1540 von dem Wiener Bischof Johannes Faber ange- 
kauft und dem Kolleg St. Nikolaus geschenkt worden zum Gebrauch 
der .darin wohnenden Studierenden". 

Klosterneuburg 741, saec. XII. (C). 

202 Pergamentblätter einschließlich eines Vorsatzblattes + ein Nach- 
satzblatt im Format von 21 x 29 in einem wohl aus dem XV. Jahr- 
hundert stammenden Einband, der aus einem Holzdeckel mit Leder- 
Tücken, Metallbeschlägen und -schließen besteht. Es gehören zu- 
nächst 13 Lagen zusammen, die auf dem ersten Blatt signiert sind 
und bis fol. 106 reichen. Der untere Blattrand ist mit der Signatur 
meist weggeschnitten. Eine jüngere Hand hat dann sämtliche Lagen 
des Kodex auf dem letzten Blatt neu mit arabischen Ziffern bezeichnet. 
Da auf fol. 123' und 179' die Lagenbezeichnung III bezw. X steht 
und zwischen fol. 107 und 108 ein Blatt weggeschnitten und nach 
fol. 121 gleich 123 gezählt ist, beginnt mit fol. 107 eine zweite 
Quatemionenreihe von 12 Quatemionen, dis bis fol. 202 reichen. 
Jede Seite hat 30 Zeilen. Buch- und Kapitelanfänge sind mit teil- 
weise hübschen Initialen geschmückt. Der Kodex scheint von einem 
Schreiber geschrieben zu sein. Eine Hand des XV. Jahrhunderts hat 
mehrmals die Worte über Sanctae Mariae virginis in Newnburga 
claustrali eingetragen. Inhalt: Auf fol. 1 stehen einige 1656 ein- 

QueUen u. Untersuch, z. Ut. Philologie des MA. III, 2. 2 



18 Josef Becker, 

getragene chronologisch-sachliche Inhaltsnotizen. Fol. 2 — 41 Eutrops 
Historia Roraana fol. 42—71' Paulus Diaconus fol. 71'— 82^ Einhards 
Gesta Caroli. Fol. 82^—107 Liudprands A. I— III, 37. Fol. 108 bis 
202 Reginos Chronik. Das früher einmal auf einen Deckel aufgeklebt 
gewesene Nachsatzblatt enthält nomina paparum a tempore Caroli 
regis usque huc bis Alexander III. (1159--81). 

Zwettl 299, saec. XII. (Z). 

283 Pergamentblätter im Format von 17,5 x 26 im Jahr 1783 
neu gebunden. Der Kodex besteht aus zwei ursprünglich getrennten 
Teilen, die zwischen 1620 und 1640 schon zusammen gebunden 
waren. (Vgl. Arthur Goldmann, Zur Geschichte der Bibliothek des 
Zisterzienserstiftes Zwettl in Mitteilungen des österreichischen Vereins 
für Bibliothekswesen VII, 15.) Es bilden zunächst fol. 2—72 (ein 
Blatt ist doppelt gezählt) 9 regelmäßige Quatemionen mit Signaturen 
auf dem letzten Blatt, dann fol. 73 — 83 einen Senio, dessen zweites 
Blatt weggeschnitten ist, fol. 84 — 123 wieder 5 regelmäßige Quater- 
nionen. Nun folgt von fol. 124 — 129 eine Lage, die ursprünglich 
ein Binio mit weggeschnittenem vierten Blatt war, dann wurde ein 
Doppelblatt eingefügt und das weggeschnittene Blatt wieder angeklebt. 
Mit fol. 130 beginnt die neue Lagenzählung der zweiten Hälfte des 
Kodex, an der mehrere Schreiber geschrieben haben. Fol. 130 — 231 
bilden 13 regelmäßige Lagen (zwei Blätter sind doppelt gezählt), 
fol. 232—234 einen binio ohne letztes Blatt, fol. 235—274 fünf regel- 
mäßige Quatemionen, fol. 275 — 277 ein Doppelblatt mit angeklebtem 
dritten Blatt, es schließt mit fol. 278—283 ein Trinio. Den Inhalt 
des Kodex sieh in Xenia Bernardina II. Teil, Band I, S. 401. Der 
in Zwettl 32 saec. XII. ex. überlieferte Handschriftenkatalog enthält 
die Nummern 1 — 11 der Xenia, No. 13 ist in dem zwischen 1200 
und 1246 geschriebenen Handschriftenverzeichnis, das in Zwettl 
24 steht, enthalten, No. 12 ist in keinem der beiden verzeichnet, dgl. 
nicht No. 14, 15, 16, 17, es sei denn, daß diese unter der Bezeichnung 
Affricani historia des Katalogs Zwettl 24 miteinbegriffen sind.i) 

Wien, lat. 400 (hist. prof. 178, olim hist. lat. 47), saec. XIII. 

72 Pergamentblätter + 1 ungezähltes Vorsatzblatt im Format von 
22,2 X 31,2 in modernem Einband. Es sind neun regelmäßige Lagen, 
Quat. I ohne Signatur, Quat. II — VII auf dem unteren Rand des letzten 
Blattes bezeichnet, die Quat. VIII — IX tragen die Signatur auf dem 



^) Ich verdanke diese eingehenden Angaben der gütigen Mitteilung des 
Herrn Stiftsbibliothekars P. Hammerl. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 19 

ersten Blatt der Lage. Dem.Quat. I ist ein ungezähltes, aber zur 
Handschrift gehörendes Blatt vorgeheftet. Der ganze Kodex scheint 
von einer Hand geschrieben zu sein. Der Kapitelindex von über I 
und III fehlt, bei dem von II fehlen die Zahlen. Der Text ist fort- 
laufend geschrieben ohne Kapitelscheidung. Auf dem ersten un- 
gezählten Blatt stehen auf der Rektoseite versus cuiusdam de nummo, 
auf der Versoseite von neuerer Hand das Inhaltsverzeichnis der Hand- 
schrift: fol. 1 — 8 S. Methodio adscripta prophetia, fol. 9 — 40^ B. 
Victoris Uticensis de persecutione Vandalorum libri tres, fol. 40^ bis 
51 Eginarti vita Caroli magni, fol. 51 — 72 Liudprandi Ticinencis 
historia. Auch diese Handschrift wurde von Johannes Faber gekauft 
und dem Nicolauskolleg geschenkt. 

British Museum, Harleianus 2688, saec. XIII (H). Vgl. 
Pertz, Archiv VII, 398 und Catalogue of the Hart, manuscr. II, 708. 

Damit ist das Handschriftenmaterial, soweit es uns heute be- 
kannt ist, erschöpft. Es muß ein Irrtum voriiegen, wenn Pertz in 
der Vorrede zur Einhardausgabe*) in den Vindobonenses bist. prof. 
1068 und Katalog Seh wandner 1080 die Antapodosis enthalten sein 
läßt Der )^^ener Handschriftenkatalog berichtet das von den Hand- 
schriften nicht, und eigene Einsicht in die beiden Kodizes bestätigt 
die Pertzsche Angabe gleichfalls nicht. Ebenso ist mir die Notiz bei 
Muratori*) unerkläriich, in der er von drei )^^ener Liudprandhand- 
schriften redet, darunter zwei sehr alten. Er druckt dann die Ver- 
gleichung der früheren Ausgaben mit bist. prof. 178 (jetzt No. 400), 
ab, welcher Kodex noch mit einem ungenannten (cum altero simili 
collatus) verglichen worden wäre, und die Vergleichung der Ausgaben 
mit bist prof. 338 (jetzt No. 427). In Wien gibt es heute nur zwei 
Liudprandhandschriften. — Ob mit dem ungenannten alter similis 
irgend eine der anderen österreichischen Handschriften gemeint ist? 
Aus den knappen Varianten ist es nicht zu ersehen. 



>) Mon. Germ. SS. II, pag. 439. 

*) Script, rer. Ital. tom. II. 2, pag. 1080. 



B. Die Genealogie der Handscliriften. 

Seit Köhlers gründlichem Nachweis, daß der Münchener Kodex 
nicht das Äutograph darstellt, bedarf die gesamte handschriftliche 
Überlieferung Liudprands von Cremona einer vollständigen Neu- 
ordnung. Zunächst ist es notwendig, die von Pertz gegebene Klassi- 
fikation durch eine den veränderten Verhältnissen entsprechende neue 
zu ersetzen. Schon ein flüchtiger Blick auf unsere Überlieferung 
zeigt uns evident drei Handschriftenfamilien. Die erste Familie, 
am besten vertreten durch die Münchener ehemals Freisinger Hand- 
schrift, gibt uns den vollständigsten und lückenlosesten Text, ihre 
gute Erhaltung entspricht dem Alter einzelner ihrer Glieder. Zu ihr 
gehören außer München lat. 6388 Ashbumham 15, Brüssel 9904, 
Harieianus 3685. 

Dieser Handschriftengruppe steht am nächsten eine zweite Familie, 
sie tiberiiefert A. und H. O. und zwar die H. O. überall hinter der A. 
Ihre Verwandtschaft erhellt aus den allen gemeinsamen Lücken A. I, 10; 
I, 12; II, 4; IV, 30; V, 19; V, 31; V, 32; VI, 5; VI, 9; H. O. Kap. 14. 
Zu dieser Klasse gehören Hart. 3713, Brüssel 14923, Beriin ms. lat 
fol. 358, Brüssel 9984—89, Ambros. P. 107, die Exzerpte in Paris 
lat. 5922 und Trier 388, deren Lesarten deutlich auf diese Klasse 
weisen. 

Jünger und in ihrer Erhaltung schwer geschädigt sind die Glieder 
einer dritten Familie, zu der Hart. 2688, Wien, lat. 427 und 400, 
Zwettl 299 und Klostemeuburg 741 gehören. Ihre Zusammenge- 
hörigkeit geht hervor aus den großen Veriusten, die ihnen gemeinsam 
sind. Der Hart, endet A. V, 18, die übrigen bereits in der zweiten 
Hälfte des III. Buches, die H. O. enthalten sie alle nicht, sie alle 
haben A. I, 42 einen ihnen allein eigenen Text, der eine zusammen- 



Josef Becker, Teztgeschichte Liudprands von Cremona. 21 

ziehende schwerfällige Überarbeitung des ursprünglichen Textes darstellt, 
und einige Lücken gemeinsam wie A. I, 42; II, 6; II, 45, 66. Diese 
Gruppe endlich ist frei von den Glossen und der Umschrift der 
griechischen Buchstaben. 

Es seien hier die Metzer Auszüge angereiht, die zwar nicht zu 
dieser Klasse gehören, wegen ihres sehr geringen Umfanges, aber 
auch nicht als eine eigene Klasse zu bezeichnen sind. 

Die dreifache Scheidung unserer Handschriften ergibt sich auch 
bei der Betrachtung der einzelnen Lesarten. Jede Gruppe ist reich 
an Varianten, in jeder aber finden sich zahlreiche Fehler und Inter- 
polationen, die ihre Heilung in einer, meist in den beiden anderen 
Gruppen finden. 

Es kann keinem Zweifel unteriiegen, daß unsere Handschriften 
in drei Klassen zerfallen. Diese Tatsache involviert sofort zwei weitere 
Fragen: 1. Wie gestaltet sich das genealogische Verhältnis innerhalb 
derselben Klasse; 2. Welche Stellung nehmen die einzelnen Klassen 
zueinander ein. 

Schreiten wir zur Lösung der ersten Frage, so erhalten wir für 
die Klasse I das wichtige Ergebnis, daß der Frisingensis ihr Archetyp 
ist, ihr bester und vollständigster Vertreter, der auch ftirderhin die 
Grundlage jeder Textrezension bleiben wird. Als Köhler die Autorität 
des Frisingensis als eines Autographs erschüttert hatte, setzte man 
große Hoffnung auf den ebenfalls alten Ashbumhamkodex.i) Indes 
die gehegte Erwartung erfüllt sich nicht. Man muß vielmehr Holder- 
Egger*) beistimmen, der bereits Belege dafür erbrachte, daß der jetzige 
Laurentianus nur eine Abschrift des Frisingensis darstellt. Fast alle 
Versehen und Fehler des letzteren sind übernommen, außer einigen 
wenigen, die durch einfachste Konjektur zu beseitigen waren. Andere 
Versehen des Frisingensis sucht der Kopist gelegentlich auch zu heilen, 
z. B. hatte der Frisingensis im Kapitelverzeichnis von Buch I No. 1 1 
durch Dittographie quod Imperator se non flagellantes flagellantes 
non flagellaverit, ein flagellantes also zu viel. Der Kopist schrieb 
zunächst beides ab, änderte aber dann se non flagellante flagellantes, 
indem er ein s nachträglich ausradierte. Im übrigen ist die Abschrift 
eine schlechte zu nennen, die zahlreichen Fehler des Frisingensis 
sind um viele vermehrt. Man hat den Eindruck, als habe der Schreiber 



») Dümmler im Nachwort zu Köhlers Beiträgen N. A. VIII, S. 89 und zuletzt 
Traube in Wattenbachs Geschichtsquellen ^ S. 480. 
») N. A. XI, S. 264. 



22 Josef Becker, 

zusammenhanglos Silbe für Silbe abgeschrieben, die zahlreichen 
Dittographien und Silbenauslassungen scheinen darauf hinzuweisen; 
oft sind ganz frappant sämtliche Abkürzungen des Frisingensis über- 
nommen. Außerdem lehrt eine Nebeneinanderstellung beider Hand- 
schriften, wie aus den Zügen der einen die falschen Lesarten der 
anderen entstehen konnten. Gleich der Titel konnte veriesen werden. 
Der Laurent, schreibt ANTCDnOAOTeCDC, weil im Frisingensis 
die Formen von a und co sich sehr ähnlich sind. Die Form des N 
in Uudprando führte zur Lesung Uudpralido, die des tj in hxri zur 
Schreibung Arv; man vgl. auch die Formen von Ixf^aXooUi in beiden 
Handschriften. Aus editus, dessen kapitales T im Frisingensis etwas 
verwischt ist und wegen des schmalen Querbalkens einem / gleicht 
wurde edius. A. I, 23 ist in ense das n übergeschrieben und zwar 
in einer einem a sehr ähnlichen Form. Der Kopist las denn auch 
ea se. Wollte man trotz dieser Erscheinungen den Asbumham immer 
noch für einen Gemellus des Frisingensis halten, dann müßte man 
annehmen, daß die Fehler des Frisingensis schon in seiner Vorlage 
gestanden hätten, daß der Frisingensis seine Vorlage abgezeichnet 
(vgl. Titel), daß er auch die verweisenden Zeichen (und a.) genau wie 
in der Vortage übernommen, daß er seine Vortage so gut kopiert 
habe, daß sein Gemellus uns wirklich keine besseren originalen Les- 
arten mehr bieten kann. Unter dieser Annahme wäre es möglich 
die These aufrecht zu halten, allein wer möchte dieser Annahme 
zustimmen? 

Von gleicher Herkunft ist femer der ehemalige Spanheimensis. 
Pertz hatte dieses Abhängigkeitsverhältnis bereits erkannt, allein Köhler*) 
machte starke Bedenken dagegen geltend: A. I, 26 fehlt im Span- 
heimensis der Vers Cannabe etc., im Frisingensis ist er von zweiter 
Hand am Rand nachgetragen. Köhler erklärt das daraus, daß der 
Vers im Archetyp beider nachgetragen gewesen sei, so daß der erste 
Schreiber des Frisingensis und der des Spanheimensis ihn tibersahen. 
Ich glaube, daß auch die andere Erklärung eben so gut möglich ist: 
der Schreiber des Frisingensis hatte aus irgend einem Grunde den 
Vers ausgelassen, der Korrektor trug ihn am Rande nach, und diese 
Randbemerkung übersah der Schreiber des Spanheimensis. Ähnlich 
steht es mit anderen Bedenken Köhlers. Wichtiger erscheint die auf- 
fallende Übereinstimmung des Spanheimensis in derselben Lücke 
einmal mit der dritten (A. IV, 23) und einmal mit der fünften Klasse 



>) a. a. O. S. 87 f. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 23 

(A. VI, 5). Dagegen ist zu bemerken, daß die erste Lücke sich nur 
in S findet, nicht auch wie Pertz falsch notiert, in H. Mit der zweiten 
Obereinstimmung in derselben Lücke hat es seine Richtigkeit, jedoch 
ist auch die Erklärung sehr einfach, indem in beiden Fällen die 
Schreiber, irre geleitet durch das gleichlautende bant, von custodiebant 
etwa um eine Zeile weiter zu emittebant abirrten. So können Köhlers 
Einwände anderweitig erklärt werden und vermögen die po3itiven 
Beweisgründe nicht zu erschüttern. Den Ausführungen von Pertz *) 
sei noch einiges hinzugefügt. Zahlreiche Versehen von S lassen sich 
bei Einsicht in F leicht erklären. SS. III, 284, 29 hat S den /n-Strich 
in Verona durch das in F übergeschriebene dirigunt und das dabei- 
stehende Einfügungszeichen übersehen. SS. III, 303, 20 hat in F die 
Trennung am Zeilenende die Dittographie immensisitatem hervor- 
gerufen, die von S kopiert wird. SS. III, 306, 8 schreibt F sed et 
zusammen und zwar et in einer es sehr ähnlich sehenden Abkürzungs- 
form, so daß S sedes liest. SS. III, 307, 45 schreibt F die Glosse 
wie gewöhnlich über das zu erläuternde Wort. Dabei ist id est durch 
ein undeutliches / über dem o von dtio bezeichnet. S weiß damit 
nichts anzufangen und macht über duo einen Haken und schreibt 
duo propter iuxta assisterent SS. III, 310, 20 steht in F potentieet, 
S machte daraus potentie et. SS. 111,311, 5 sind in F die Worte 
hec erat zusammengeschrieben, dann aber ist an c unten ein Trennungs- 
zeichen angebracht. S kopiert zunächst das Trennungszeichen an c, 
läßt aber dann einen Zwischenraum vor erat, SS. III, 311, 27 hat F 
ursprünglich cruarent geschrieben, dann ci über u eingefügt und als 
Einfügungszeichen einen Punkt unmittelbar auf den zweiten n-Strich 
gesetzt, so daß dieser dadurch einem c ähnlich ist. Daher findet sich 
in S cricicarent. SS. III, 344, 42 fehlen in S die Worte postquam 
vero bis occidere voluit. Der Schreiber hat also statt hinter valuit 
hinter voluit weiter gelesen, was sich daraus erklärt, daß in F voluit 
in der nächsten Zeile unmittelbar unter valuit steht. 

Man vergleiche auch die griechischen Stellen, z. B. die umfang- 
reiche in A. III, 41, und man wird finden, wie S Strich für Strich F 
kopiert. Auch hier wäre es merkwürdig, wenn alle diese Zufällig- 
keiten der Übereinstimmung von F und S — es ließe sich die Zahl 
dieser Erscheinungen reichlich mehren — schon im gemeinsamen 
Archetyp gestanden und so die Irrtümer in beiden Abschriften hervor- 
gerufen hätten. Auch ganz äußeriich stimmen beide Handschriften 



») Archiv VII, S. 396. 



24 



Josef Becker, 



vielfach überein. Beide haben das Format 18 x 25; auch in den 
Lagenverhältnissen sucht sich S nach F zu richten. Auf fol. 45 oben 
erzielt es ein Schreiber sogar, mit denselben Worten die Seite zu 
beginnen und zu enden wie der Frisingensis. Dies gelingt bis fol. 50 
des Frisingensis. Hier beginnen in beiden Handschriften aufs neue 
die Lagen mit denselben Worten. Aus dem quatemionenweisen Ab- 
schreiben ist auch die von S begangene Vertauschung der beiden 
Lagen VII und VIII des Frisingensis (fälschlich VIII und VII bezeichnet) 
zu erklären. Da S für die H. O. den ersten Quatemio verbraucht, 
während F dafür eine nicht gezählte, weil nachträglich vorgeheftete 
Lage verwendet, war F mit der Lagenzählung stets um eine Lage 
voraus. Als er daher seine VIII. Lage begann, mußte er die VII. Lage 
des Frisingensis suchen, aber die dort mit VII bezeichnete Lage war 
in Wirklichkeit Lage VIII. Folgendes Schema zeigt deutlich, wie die 
Unordnung in S aus der falschen Bezeichnung der Lagen in F ent- 
standen ist. 



Frisingensis 



Spanheimensis 



Inhalt 


Wirkliche 
(falsche) Signatur 


Korrespondierende 
Lagenordnung 


Inhalt 


III, 26-IV, ind. 

IV, ind.— IV, 24 
IV, 24— V, 9 

V. 9- 


VI 

VIII 

VII 

DC 


VI 
VII 
VIII 
IX 


VII 
VIII 

IX 

X 


III, 2e-IV. ind. 
IV, 24— V, 9 

IV, ind.-IV, 24 

V, 9- 



So erklärt sich die Vertauschung in S ohne Schwierigkeit und 
ein Zurückgehen auf einen gemeinsamen Archetyp») ist nicht nötig. 
Dies alles zeigt aufs deutlichste, daß S eine Abschrift von F ist. Da 
auch der Peutingerianus Hart. 3685 eine Kopie von F darstellt, be- 
sitzen wir in der Tat in der Münchener Handschrift den Puchetyp 
der ganzen ersten Klasse. 

Dem Frisingensis an Alter ebenbürtig sind die Metzer Auszüge. 
Auf die Güte der hier voriiegenden Überiieferung hat zuerst Köhler») 
hingewiesen, wenn auch sein Urteil sehr einzuschränken ist. Das 
von ihm als richtige Lesart behandelte aeque A. I, 11 weist keine 
andere Handschrift auf. Außerdem liest auch der Frisingensis 
A. I, 11 €ig t6 (nicht el t6), ox stehen in einer Ligatur, welche die 



») Köhler a. a. O. S. 86. 
«) a. a. O. S. 78f. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 25 

Herausgeber übersehen haben. Auf Köhlers falsche Auffassung der 
Punkte in A. I, 11 {articulos in condilum) hat schon Wattenbach 
aufmerksam gemacht Der Hauptwert der Exzerpte liegt — das hat 
vor allem Traube*) betont — in der Tatsache, daß die griechischen 
Worte nicht wie gewöhnlich in lateinischen Handschriften in Unciale, 
sondern in Minuskel geschrieben sind. Dies zeigt, daB sie dem 
Original sehr nahe stehen. DaB in diesem Liudprand als Kenner des 
Griechischen sich der Minuskel bedient hat, wäre an sich schon 
wahrscheinlich, wenn es auch handschriftlich nicht bestätigt wäre; 
nicht nur in den Metzer Auszügen, sondern auch in F finden sich 
bei den Graeca noch einige Minuskelelemente, freilich selten im Ver- 
^eich zu den Auszügen, und in letzteren stehen sie oft da, wo F 
die übliche griechische Unciale verwendet. Damit kommen zu den 
von Traube») aufgezählten Fällen griechischer Minuskel in lateinischen 
Handschriften des IX. Jahrhunderts zwei aus dem X. Jahrhundert 
hinzu. Infolge des geringen Umfanges der Exzerpte ist ihre Stellung 
zu den verschiedenen Handschriftengruppen nicht festzustellen; jeden- 
falls sind die Exzerpte nicht dem Frisingensis entnommen. Der Um- 
stand, daB sie keine Umschrift der griechischen Worte haben, weist 
vielleicht darauf hin, daß sie mit der III. Handschriftengruppe näher 
zusammen gehören. Dahin deutet vielleicht auch das Folgende: 
A. I, 11 (SS. III, 278,1) lesen die Exzerpte wie der Frisingensis 

Mars trigonus te premit Am Rande folgen dann die Worte 

Axovoov mit darüber stehendem audio, die der Frisingensis und 
Gruppe II nicht überiiefern, wohl aber lesen wir in den Handschriften 
der III. Gruppe Axovoov inquam Mars trigonus etc. Die übrigen 
Lesarten der Exzerpte lassen keinerlei Entscheidung über ihre Stellung 
zu den anderen Handschriften zu. 

In der zweiten Handschriftenklasse sind die erhaltenen ältesten 
Vertreter der Hart. 3713 und der Bruxellensis 14923, jener, wie unten 
dargelegt wird, aus Gembloux (G), dieser aus Laubach (L) stammend. 
Pertz ließ es dahingestellt, ob L von G oder von einer anderen Hand- 
schrift derselben Klasse abzuleiten sei. Ich glaube, daß beide zu 
coordinieren sind und Gemelli darstellen. DaB L von G unabhängig 
ist, zeigt z. B. A. V, 29. G liest hier dei tyrannicosus mens, während 

") In einer Note zu Köhler a. a. O. S. 53. Zu bemerken ist noch, daß das 
Exzerpt oben rechts am Rande axovoov audio lautet, nicht wie Köhler druckt ^Lxoviov 
audiens. 

«) Wattenbach, Geschichtsquellen' S. 476, Note 2. 

») Poetae Carol. III, 822 f. 



26 Josef Becker, 

L mit dei tironicosus mente dem Original näher steht. G utid L 
sind zur Rekonstruktion dieser Klasse in erster Linie heranzuziehen. 
Die übrigen Handschriften sind entweder Abschriften von ihnen oder 
nur Fragmente von geringem Umfange. Der Berolinensis ist sicher 
eine Kopie von L. Er hat dessen Konjekturen und Interpolationen 
getreu übernommen. Im XVI. Jahrhundert hat Ant. Cautus G kopiert 
Aus der editio princeps vom Jahr 1514 ist der heutige Ambrosianus 
geflossen, er weist dieselbe Kapiteleinteilung und die gleichen Kon- 
jekturen wie jene auf. Nicht dagegen sind aus den uns erhaltenen 
Handschriften abgeleitet die Erstausgabe selbst und die in Hand- 
schriften überlieferten Bruchstücke. Pertz hat recht, wenn er den 
ersten Druck aus einer Handschrift der zweiten Klasse herleitet, nicht 
genau genug hat er dagegen zugesehen, wenn er ihn aus L oder vielleicht 
einer Kopie von L geflossen sein läBt. Die eine Tatsache, daB L Lücken 
aufweist, die sich im Drucke nicht finden und deren richtige Ergänzung 
nur aus einer anderen Handschrift stammen kann, widerlegt das. 

L. Editio princeps. 

A. III, 26 Zorf, Zoi fehlen Zoizone 

A. V, 26 ambitionem et vanam ambitionem et kenodoxiam id 
gloriam cognoscens est vanam ghriam cognoscens 

A. VI, 5 pronus fehlt. prontis adorans. 

Außerdem steht von den eigenen Konjekturen, die L machte, 
in dem Drucke nichts. Der Drucker hatte eine andere Vortage. Also 
etwa den Gemellus von L, G? Aus denselben Gründen nicht. So 
schreibt die Editio princeps an der kurz vorher angeführten Stelle 
fyroni vehemens; auf G geht diese Konjektur kaum zurück. Wenn 
wir überdies sehen, daß die Editio princeps Lesarten der einen wie 
der anderen Handschrift aufweist, daß sie aber nicht unter Benutzung 
beider entstanden sein kann, weil es sonst unerklärlich wäre, daß der 
Editor zum Teil den Lesarten von L gefolgt sei, dessen oft ganz 
sinngemäße Konjekturen aber nie beachtet habe, so kommen wir zu 
dem notwendigen Schluß, daß die Vortage von G und L die Quelle 
für den Editor gewesen sein muß. Wo lag die Handschrift, aus der 
G und L geflossen sind? G ist Ende des XI. Jahrhunderts in Gem- 
bloux, L Anfang des XII. Jahrhunderts in Lobbes geschrieben. Nun enthält 
der Bibliothekskatalog von Lobbes aus dem Jahr 1049 ^) einen Luit- 
prandus. Ich glaube, wir gehen nicht fehl in der Annahme, daß dieser alte 



>) Herausgegeben von H. Omont, Rev. des bibl. 1 (1891), S. 13. Facsimiles 
in Pal. Soc. I, 61 und Reusens, Elements de pal. S, 190. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 27 

Lobbiensis Quelle für G und L und später für den Editor geworden ist. 
Was ist aus diesem alten Lobbiensis geworden? Ist er aus der Druckerei 
nach Lobbes zurückgebracht worden und vielleicht dort dem großen 
Brand von 1546 zum Opfer gefallen, oder ist er, was wahrscheinlicher 
ist, wie so viele andere Handschriften in der Druckerei verschollen? 
Noch eine Stufe weiter führen uns die Trierer Exzerpte, die in 
einigen Punkten einen besseren Text bewahrt haben. Um ein Beispiel 
anzuführen, die übrige Überlieferung dieser Klasse schreibt A. I, 27 
vitam aviditate contempnunt, nur unsere Exzerpte überliefern das 
von Klasse I und III bezeugte vitam laudis aviditate contempnunt 
Ob die Handschrift, aus der die Exzerpte geflossen sind, auch die 
Quelle für den alten Lobbiensis gewesen ist oder nur ein Gemellus 
von ihm, vermag man nicht zu entscheiden, im einen oder anderen 
Falle wird das Handschriften-Stemma verschieden sich gestalten. 
Auf den älteren Lobbiensis oder was textgeschichtlich vielleicht wahr- 
scheinlicher ist, eben diesen Trierer Kodex, aus dem die Exzerpte 
geflossen sind, gehen wohl auch die Ottersberger Auszüge im Parisinus 
zurück. Daß sie auf einer älteren Vortage beruhen, sieht man auch an 
den griechischen Stellen, wo der Schreiber nicht die Versuche von G oder 
L vor sich hatte, sondern eine originalere Gestalt, mit der er seiner- 
seits sich abmühte. Der Stammbaum der II. Klasse könnte also sein: 



X (Trier) 

Paris 5922^ ^Trierer Exzerpte 

y (Lobbes) 



Marl. 3713'^ 



Brüssel 
14923 



^Ed. princeps 

Ambros. P. 107 



'^ Berlin 358 

oder I 



>< 



z 



(Trier) j/ ^y (Lobbes) 

etc. ... Im ersten Fall stellte der Trevirensis, der verioren ist, den 
Archetyp der III. Klasse dar. Im zweiten Fall müßte noch ein dritter 
zu Grunde gegangener Kodex als Archetyp angenommen werden. 



28 Josef Becker, 

Vermutlich gehören in die II. Klasse auch die nicht mehr erhaltenen, 
ehemals in Egmond (saec. XI) und Stablo (a. 1105) liegenden Hand- 
schriften. ^) In der letzteren Ifindet sich auch der den Handschriften 
dieser Klasse eigene Titel Gesta regam et principum partis Europae. 
Welche Stellung den beiden Handschriften innerhalb des obigen 
Stemmas zukommt, läfit sich nicht feststellen. 

Innerhalb der dritten Handschriftenfamilie ist das gegenseitige 
Verhältnis leicht festzustellen. Es stehen sich der Hart. 2688, der die 
A. bis V, 18 überliefert, und die heutigen österreichischen Hand- 
schriften gegenüber, die schon innerhalb des III. Buches enden. Daß 
sie dem Hart, zu koordinieren sind, zeigen einige Lücken desselben, 
die sich in ihnen nicht finden, z. B. A. II, 26 — 40. Beide Teile sind aber 
nicht unmittelbar aus demselben Archetyp geflossen, vielmehr sind 
die österreichischen Handschriften durch ein Mittelglied hindurch- 
gegangen. Das beweisen die groBen, ihnen gemeinsamen Lücken, 
z. B. das Fehlen der Kapitelverzeichnisse im ersten und dritten Buch. 
Sie weisen viele gleiche Verderbnisse im einzelnen auf, z. B. im 
Kapitelverzeichnis von Buch II, No. 57 lesen sie alle Berto statt 
Lamberto etc. Unter ihnen sind Wien 427 und Klostemeuburg 741 
Gemelli. Ihre gegenseitige Unabhängigkeit zeigt eine Menge Lesarten, 
deren Richtigkeit aus der Übereinstimmung mit den übrigen Hand- 
schriften derselben und der anderen Klassen hervorgeht. Man vgl. 
die folgenden Beispiele, die sich reichlich vermehren ließen. 

I, 3 villule] V, ville C 

I, 13 nominari\ V, vocari C 

I, 17 tarn] V, in C 

I, 23 ante porte ianuam] V, ante portam C 

I, 32 ipsiüs] V, fehlt C 

II, 25 munera] V, munerent C 

II, 31 properare] V, propinquare C 

II, 31 adeo] V, fehlt C 

II, 34 bonis omnibus] V, modis omnibus C 

II, 39 tactus] V, ductus C 

I, 4 unus] C, unusquisque V 

I, 27 dicunf\ C, vocant V 

I, 32 etiam atque etiam] C, atque etiam fehlen V 

') Ich wurde darauf aufmerksam durch die dankenswerte Zusammenstellung 
»Geschichtliches aus mittelalterlichen Bibliothekskatalogen' von M. Manitius im N. A. 
XXXII (1907), S. 689. Daselbst ist nunmehr die Bemerkung über Brüssel 9904 und 
den alten Lobbiensis zu berichtigen. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 29 

I, 35 exUi\ C, exigit V 

II, 44 Gareliano] C, Gargliano V 
II, 73 conibentes] C, contubentes V 

III, 2 dilatatur] C, fehlt V 

III, 4 Reliquiae {qui C) ^Ofl^] C, Reliqui qui V 

III, 9 Fluvionm rex] C, r^;c fehlt V. 

C seinerseits ist Vorlage von Z geworden. Die hier aus C 
notierten Varianten finden sich sämtlich auch in Z. Z weist alle 
Fehler und Interpolationen von C auf, ohne selbständige Lesarten 
zu bieten. Seine Abhängigkeit von C zeigt aufs klarste folgendes: 
A. I, 3 schreibt C incideritit, das zweite it ganz fein durchstrichen 
und etwas verwischt. Z macht daraus inciderit in mucronis. II, 34 
schreibt C statt adquireret irrig occurreret, indem das Auge des 
Schreibers auf das etwa um zwei Zeilen höher stehende occurreret ab- 
irrte. Z kopiert den Irrtum, der von da aus überging in J. Z ist 
also, was schon Pertz erkannte, wiederum Quelle geworden für J. 
Demnach gestaltet sich der Stammbaum der III. Handschriftenklasse 
folgendermaßen: 



Marl. 2688 -^ \(y 
Klosterneuburg 741 ^ + ^ic" 427 



Zwettl 299 ^ 

Wien 400 ^^ 

Während die seitherigen Betrachtungen zum Teil mehr eine 
Grundlage für die Textgeschichte als für eine wirkliche Edition 
schaffen konnten, ist die nun folgende Untersuchung des Verhältnisses 
der drei Klassen zueinander von entscheidender Bedeutung für die 
Textkonstitution. Wenn wir die verschiedenen Möglichkeiten, die 
hier obwalten können, erwägen, so ist zunächst zweifellos, daß die 
erste Klasse, vertreten im Frisingensis, den beiden anderen gegenüber 
eine selbständige Stellung einnimmt und in keinerlei Abhängigkeits- 
verhältnis zu ihnen steht. Dies bedarf keiner Begründung. Wohl 



30 Josef Becker, 

aber muß das umgekehrte Verhältnis, das ja bisher als richtig galt, 
untersucht werden. Es bedarf der Prüfung, ob Klasse II und III in 
einem Abhängigkeitsverhältnis zu Klasse I stehen. Das Abhängig- 
keitsverhältnis könnte entstanden sein dadurch, daß entweder die eine 
Klasse durch Vermittelung der anderen oder beide Klassen unabhängig 
voneinander aus der ersten Klasse geflossen sind. Besteht dagegen 
keine Abhängigkeit, dann führen alle drei Klassen selbständig auf 
den Archetyp zurück. Die drei Möglichkeiten stellen sich schematiscb 
also dar: 
la) I. Kl. Ib) I. Kl. 2) I. Kl. 3) 




/ 
n. Kl. III. Kl. IL ta. III. Kl. I.IÜ. n.Kl. I1I.K1. 



itl. Kl. II. Kl. 

Gelingt es uns, die Unmöglichkeit von Fall 1 und 2 darzutun, 
dann besteht Fall 3 zu Recht, d. h. jede Klasse ist der anderen gegen- 
über unabhängig. Beginnen wir mit dem Fall 1 a und 1 b, so ist zu- 
nächst ersichtlich, daß die beiden Klassen II und III in der Gestalt, 
wie sie uns heute in ihren ältesten und besten Vertretern voriiegen, 
von einander unabhängig sein müssen. Große Lücken der zweiten 
Klasse finden ihre Ergänzung in der dritten und umgekehrt. Daran 
vermag auch nichts die Annahme zu ändern, daß einst der Archetyp 
einer Klasse von diesen Lücken frei gewesen sei, so daß die andere 
Klasse aus ihm abgeleitet sein könnte. Zunächst liegt zu dieser An- 
nahme kein Grund vor; aber selbst wenn dem so wäre, so beweisen 
die besseren Lesarten bald der einen, bald der anderen Klasse, die 
Übereinstimmung bald der einen, bald der anderen mit dem Frisingensis, 
daß Klasse II und III voneinander unabhängig sind, daß somit der 
erste Fall unmöglich ist. 

Wichtiger ist die Erörterung über die zweite Möglichkeit. Wohl 
ist die erste Klasse am vollständigsten und äußerlich am besten er- 
halten, dagegen, wie bekannt, im einzelnen sehr fehlerhaft. In den 
meisten Fällen sind in den beiden anderen Gruppen diese Fehler 
behoben, was vielfach durch einfache Korrektur geschehen sein könnte, 
in vielen anderen Fällen aber nur durch eine methodische Kritik zu 
erzielen gewesen wäre. Wenn man also an der Abhängigkeit der 
zweiten und dritten Klasse festhalten wollte, müßte man — für beide 
Klassen — einen Korrektor und Kritiker annehmen, der alles das 
bereits geleistet hätte, was neuere Kritiker für die Emendation getan 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 31 

haben. Aus der großen Ftille besserer Lesarten der zweiten und 
dritten Klasse vergleiche man die folgende Auswahl. Sie wird uns 
die Güte und Selbständigkeit der Oberlieferung in den beiden anderen 
Klassen dartun und zeigen, wie notwendig ihre Verwertung für die 
Textkonstitution ist. 

A. II, 51 Landolfum quid super re huiuscemodi, ^quam 

Africani agunt, Johannes consulit papa. In dem indirekten Frage- 
satze fehlt das Verbum. Köhler*) schlug vor sentiat oder in Analogie 
zu A. II, 6 faciendum esset Das letztere wird handschriftlich bestätigt 
durch Kl. II, der Kontrolle durch Kl. III müssen wir hier entbehren. 

A. III, 3 Extinguntur matres, pueri, innuptaeque puellae Sancta 
catervatim moritur catecumina ples tunc etc. F macht zu dem 
ersten Vers die Glosse ypermetrus versus. Kl. II und III lesen extin- 
gunt Liudprand hat sonst das Versmaß genau eingehalten, sicherlich 
auch hier, wo die überzählige Silbe leicht zu vermeiden war (z. B. 
stinguntur, caeduntur etc.). Zweifellos hat im Original eine Verbal- 
form von extingo gestanden, aus der dann extinguntur interpoliert 
wurde. Es ist das die Lesart der Kl. II und III extingunt, die alle 
Schwierigkeiten beseitigt, wenn wir also schreiben: 

Extingunt matres, (;) pueri innupteque puellae, 
Sancta catervatim moritur catechumena plebs tunc. 
Es wird getrennt zwischen den Müttern und den Katechumenen, 
den Knaben und Mädchen. Offenbar haben die Nominative im 
Verse das Passiv extinguntur nach sich gezogen. 

A. III, 29 Baianum autem adeofoere magicam didicisse. Außer dem 
historischen Infinitiv Praesentis verwendet Liudprand nie einen absoluten 
Infinitiv, suscepisse ist vielmehr von einem Verbum abhängig, das sich 
hinter dem an dieser Stelle ganz unpassenden foere verbirgt und 
ferunt (fertur) lautet, wie es der Frisingensis in einem am Rande 
verschlagenen ferunt und Kl. II und III an der richtigen Stelle über- 
liefern. Vorher geht aiebant und ut aiunt Ferunt scheint ganz sicher 
zu sein und konnte kaum durch Konjektur gefunden werden. 

A. III, 32 hunc praeter forma ceteros ist wie Köhler*) aus dem 
Duplikat der Stelle A. I, 8 erkannte in Übereinstimmung mit der II. 
und III. Kl. in hunc forma praeter ceteros zu ändern. 

A. III, 34 in honorem summi et celestis militiae principis et 
archangeli Michaelis. Auf die Notwendigkeit der Streichung des et 

») a. a. O. S. 55. 
>) a. a. O. S. 53 



32 Josef Becker, 

vor archangeli hat Köhler^) verwiesen, Kl. II und III bestätigen seine 
Kritik. 

A. III, 38 die Vermutung von Pertz, es sei zu lesen Argos für 
agros und 

A. III, 49 Gisleberto für Gilleberto und 

A. III, 41 Köhlers Emendation serari und 

A. IV, 12 das von Pertz hergestellte mstUoribm für institor 
toribüs werden von Kl. II bestätigt 

A. IV, 28 Quia facies merUis est speculum cordis, verecundiam 
vultas rubore nudavit Unter den verschiedenen Emendationsvor- 
schlägen hat Waitz*) das Richtige getroffen, der das Komma vor cordis 
setzt. Während die III. Kl., die an dieser Stelle durch H allein ver- 
treten ist, keineriei Interpunktion aufweist, haben alle Handschriften 
der II. Kl. vor cordis interpungiert. 

A. V, 33 In omni enim utrius sexus homo tamque ablactatus 
quam lactens pro se nummum dedit Die Stelle ist verstümmelt 
Der Verfasser will sagen, daB die Menschen beiderlei Geschlechts zu 
zahlen hatten, außerdem sowohl der Säugling als der der Milch 
entwöhnte, d. h. die Menschen jeder Altersstufe. Demnach ist mit 
Kl. II richtig zu schreiben: In omni enim aetate utrüisque sexus 
homo etc. _ 

A. VI, 3 das von Köhler») in utinam aufgelöste Ht steht in Ein- 
klang mit dem utinam der II. Kl. 

A. VI, 6 Hispanorum nuntii et nominatus Liutefredus regis 

Ottonis nuntius magna ex eorum dominis parte munera detulerant. 
Ego vero Berengarii ex parte nihil detuleram. Es werden entgegen- 
gesetzt die übrigen Gesandten demjenigen Berengars, jene mit großen 
Geschenken, dieser ohne jegliche Gabe. Magna gehört, wie Köhler*) 
schon erkannt hat, zu munera. Statt dominis ist natüriich dominorum 
zu lesen, und mit Kl. II lautet die Stelle: magna ex eorum parte 
dominorum munera. 

H. O. 4 Cumque eodem nuntii pervenissent, huiusmodi non a 
quibuslibet sed ab omnibus aut paucis (sie F) Romanis civibus 
responsa suscipiunt. Pertz schrieb . . . non a quibuslibet aut paucis 

sed ab omnibus ; die richtige Lösung gibt uns Kl. II: 

non a quibuslibet, sed ab omnibus haud paucis Romanis 

») a. a. O. S. 55. 

«) a. a. O. S. 57 Anm. 

») a. a. O. S. 65. 

*) a.a.O. 8.66 f. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 33 

Nehmen wir an, dafi in der Vorlage von F haut stand, so erklärt 
sich durch die von ihm beliebte Unterlassung der Aspiration die 
ganze Korruptel auf einfache Weise. 

H. O. 6 Manc^avit etiam dolose quaedam Leonem sus- 

cepisset et quid quod sandus Imperator Das quod ist, wie 

Köhler richtig feststellt, an verkehrte Stelle geraten; solcher Ver- 
schlagungen finden sich in F ja manche, es sei nur an das oben 
Seite 31 behandelte ferunt erinnert. Es ist mit Kl. II zu schreiben: 
Mandavit etiam dolose quod quendam Leonem .... stiscepisset et 
quia sanctus Imperator. 

H. O. 16 pectora et armis intrepidi. Watterichs Konjektur 
pectore ist sinngemäß und wird grammatisch erfordert. Sie findet ihre 
handschriftliche Bestätigung in Kl. II. 

So weit einige Proben besserer Lesarten der II. und III. Kl. 
Es sind nun handschriftlich Emendationen belegt, unter denen einige 
wenigstens nur aus eindringendstem Studium der Schriften Liudprands 
sich ergeben konnten; daB diese Arbeit von Kopisten beider Klassen 
selbst geleistet worden wäre, wird niemand behaupten wollen. Es 
ist eine notwendige Folgerung, daß sowohl Kl. II als Kl. III nicht 
aus Kl. I geflossen, sondern von ihr unabhängig sind. Nunmehr 
sind wir imstande, dem Autograph um ein beträchtliches näher 
zu kommen und zu versuchen, bis zu der Quelle vorzudringen, 
von der aus der ganze Strom der Überlieferung sich ergossen hat. 
Allerdings führen die drei Klassen nicht auf völlig getrennten Wegen 
zum Original hin, vielmehr weisen die I. und II. Gruppe eine engere 
Zusammengehörigkeit auf. Bevor wir dies positiv zu beweisen ver- 
suchen, sei zunächst negativ erledigt, was für die engere Verwandt- 
schaft der I. und III. Gruppe zu sprechen scheint. A. I, 1 schreibt 
die erste Hand des Frisingensis Liuprandus, verbessert es aber dann 
in LiudpranduSy A. I, 3 schreibt sie oppido, das sie aber dann in 
mox ändert. Nun finden sich die beiden zuerst niedergeschriebenen 
Lesarten in der III. Kl. {Liuprandus übrigens nur in H). Es liegt 
nahe, zu vermuten, daß die ursprünglichen Lesarten in der Vorlage 
standen, aber korrigiert waren, daß zunächst beide Abschreiber die 
Korrekturen übersahen, der Schreiber im Frisingensis sein Versehen 
aber nachträglich berichtigte. Das war schon Pertz aufgefallen; er 
glaubte H sei aus F geflossen, bevor F in allen Teilen korrigiert 
gewesen sei. Von ähnlichen Erscheinungen ließe sich hier anführen 



a. a. O. S. 58. 
Quellen u. Untersuch, z. Ut. Philologie des MA. DI, 2. 



34 Josef Becker, 

und aus der gemeinsamen Vorlage erklären das Fehlen von Laures- 
heim dictam (A. IV, 28) in H, der hier der einzige Vertreter der 
III. Kl. ist, während im Frisingensis diese Worte am Rande stehen. 
Ebenso findet sich Ä. II, 5 in beiden Klassen das von der IL Kl. 
überlieferte voti nicht. Wird es möglich sein, diese auffallenden Er- 
scheinungen zu erklären trotz der näheren Zusammengehörigkeit von 
Kl. I und II und des Handschriftenstemmas, das aus dem Nachweis 
dieser näheren Verwandtschaft folgt? Dieser unten zu gebende Nach- 
weis hat zur Konsequenz die folgende Gestaltung des Handschriften- 
Stammbaums: 

^ Autograph 

jx Archetyp 
Archetyp der UI. Klz. ^ \^y 




*) Metzer Auszüge ^'^ ^^ 

Archetyp der I. Kl. u Archetyp der II. Ki. 

= F 

Versuchen wir auf Grund dieses Stemmas die oben angeführten 
Erscheinungen zu erklären, so ist einmal anzunehmen, daß in X oppido 
(und Liuprandus) gestanden, daß Y dies abgeschrieben, dann aber 
mox daraus gemacht habe. Der Schreiber des Frisingensis übersah 
zunächst die Korrektur, trug sie aber dann nach; der Archet)^) der 
Kl. II übernahm ebenfalls die veränderte Lesart. Ähnlich wird es 
sich vielleicht mit den Worten Lauresheim dictam verhalten, und das 
nur in Kl. II bezeugte voti ist wahrscheinlich nur eine der vielen 
Konjekturen dieser Klasse. Wenn demnach auch die Erklärung nicht 
ganz ohne Rest aufgeht — weshalb sollte nicht einmal eine zufällige 
Übereinstimmung möglich sein — so wird das doch die positiven 
Beweismomente für die nähere Zusammengehörigkeit der Kl. I und II 
nicht beeinträchtigen können. 

A. II, 3 hat Pertz die richtige Lesart Sanquinemque hergestellt, 
wie sie auch von dem besten Vertreter der III. KL, dem Hart., über- 
liefert wird, die übrigen Handschriften dieser Klasse haben que aus- 
gelassen. Kl. I dagegen liest Sangtiinem nemx}ue und Kl. II mit einer 



*) Die Metzer Auszüge können nach der Art ihrer Überlieferung ebensogut 
aus X stammen, es ist das nicht zu entscheiden. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 35 

kleinen vorgenommenen Korrektur Sangainem neque. Offenbar be- 
ruhen beide Irrtümer auf einer Dittographie der gemeinsamen Vorlage. 

A. II, 4. Die Worte alios vero .... exitarunt sind in der 
Münchener Handschrift ausgelassen und dann am unteren Rand nach- 
getragen. Kl. II hat sie an unrichtiger Stelle eingeschoben. Die 
Schreibung der Worte in der gemeinsamen Vorlage wird beide Ver- 
sehen verursacht haben. In Kl. III stehen die Worte an richtiger Stelle. 

A. III, 26 hat Pertz ebenfalls richtig hergestellt Zori Zoi während 
Kl. I und II irrig Zoi Zoe haben. Hätte Kl. III aus derselben Voriage 
geschöpft, dann hätte sie, da sie stets nur die in der Zeile stehenden 
griechischen Worte abschrieb, Zoi schreiben müssen, sie überliefert 
aber richtig Zoiy. 

A. V, 10 schreibt die III. Kl. (H) richtig tempore, die I. Klasse 
tnü'e und die II. itinere. Anscheinend fanden diese beiden in ihrer 
Voriage tnüe (Abkürzung für tempore), was F einfach kopierte, während 
Kl. II itinere daraus machte. 

Bei den seitherigen Beobachtungen waren wir in der glücklichen 
Lage, die Kontrolle für den Beweis der näheren Verwandtschaft der 
Kl. I und II in Kl. III zu haben. Für andere Fälle müssen wir ihrer 
entbehren infolge der vielen Veriuste der III. Kl., immerhin zeigen 
sie, wie Kl. I und Kl. II aus derselben Voriage stammen. 

A. V, 31: Der Schreiber des Frisingensis schrieb impudissimae, 
verbesserte aber dann daraus impurissimae. Die II. Kl. liest impu- 
dentissimae. Anscheinend stand in der Vorlage impudissimae, woraus 
dann jeder Kopist sich seine Lesart zurechtmachte. Ebenso weisen 
II, 61 viriliter statt inviriliter, II, 65 properas (der Frisingensis liest 
auch properas, das scheinbare n ist ein Pergamentflecken), V, 24 das 
überflüssige libuit und H. O. 20 die falsche Stellung contra eum, 
Erscheinungen, die in beiden Klassen sich finden, auf die gleiche 
Voriage. Wichtig ist außerdem, daß es in Kl. III griechische Stellen 
gibt, die weder in Kl. I noch in Kl. II überiiefert sind, z. B. A. IV, 
7, 8 und A. V, 14. Noch ist der auffallendste Punkt zu erwähnen. 
Kl. I und II haben das Griechische mit lateinischer Umschrift und 
Obersetzung, außerdem zahlreiche Glossen. Kl. III hat keineriei 
lateinische Umschrift, keinerlei Glossen und in wenigen Fällen die 
lateinische Übersetzung des Griechischen. Alle diese Momente zu- 
sammengenommen dürften zur Genüge dartun, daß von den drei 
Handschriftengruppen die erste und zweite enger zusammengehören, 
und daß in der Tat das oben gegebene Stemma zu Recht besteht. 
Nur in einem Punkt bedarf es noch der Begründung, in der Ansetzung 

3* 



36 Josef Becker, 

eines Archetyps X. Wer die Lesarten der drei Handschriftengruppen 
vergleicht, findet, daß sie wohl gegenseitig zur Sanierung des Textes 
sehr viel beitragen, daß sie aber immerhin in einigen Fehlem und 
Versehen übereinstimmen. Solche der gemeinsamen Vorlage ange- 
hOrige Irrtümer liegen auch dann vor, wenn Kl. II scheinbar das 
Richtige überliefert, denn aus dem Stemma folgen für die Rezension 
ohne weiteres die grundsätzlichen Formeln: 

Kl. III = Kl. I + Kl. II und Kl. III + Kl. I > Kl. II, und die 
scheinbar richtigen Lesarten der IL Kl. haben als Konjekturen zu 
gelten. Gemeinsame Fehler haben wir u. a.: 
A. II. 4 Vulcano] vulno I, III, om. IL 

A. IL 5 compotes sui effecti I, III. compotes voti sui effecti II coniec. 
A. II, 7 colonis] coniec. II, colonobus I, colonibus III. 
A. II, 31 proludium] coniec. II, ludium I, III. 
A. II, 34 quiref\ nequiret I, III, posset II coniec. 
A. III, 1 Constantinopoli\ II coniec; Constantinopolim I, III. 
A. III, 5 exuviae] excubiae I, II, III. 

Man sieht deutlich, daß in unserem Stemma Y und Z nicht un- 
mittelbar aus dem Autograph sich herieiten, sondern durch eine Phase 
hindurchgegangen sind, in der die gemeinsamen Fehler entstanden. 

Im Anschluß hieran ist es geboten, die Frage betreffend die 
Glossen und die griechischen Stellen nochmals zu erörtern. Köhler 
hat zuerst den Gedanken ausgesprochen, daß die Glossen nicht von 
Liudprand selbst herrühren. Man kann ihm nur lebhaft zustimmen, 
wenn er die meisten von ihnen für so trivial hält, daß nicht abzusehen 
ist, was Liudprand bewogen haben könnte, sie beizufügen. Von 
einigen Glossen hat Köhler sogar gezeigt, daß sie unmöglich von 
dem Verfasser selbst herrühren können. In gleicher Weise hat Köhler*) 
die Urheberschaft Liudprands an der lateinischen Umschrift in Zweifel 
gezogen und auch hier einige Beispiele gegeben, die sicherlich nicht 
von Liudprand selbst stammen. Köhlers Ausführungen kommt nun 
ein neues bedeutsames, sozusagen diplomatisches Moment zu Hilfe: 
Die Glossen und die Transskription finden sich in den indirekt aus 
dem Original geflossenen Handschriftengruppen, der direkt abgeleitete 
Zweig (Kl. III und Metzer Exzerpte) weist keine Spur von beiden 
auf. Wir schließen: Wenn es unwahrscheinlich, ja zum Teil unmöglich 
ist, daß die Glossen und die Transscription von Liudprand selbst 

») a. a. O. S. 81 ff. 
«) a. a. O. S.85f. 



Teztgeschichte Liudprands von Cremona. 37 

herrühren, wenn femer ein direkter Zweig der Überlieferung von 
ihnen nichts aufweist, dann dürfen wir annehmen, daß Glossen und 
Umschrift in der Tat nicht auf das Original selbst zurückgehen, 
sondern dem Strome der Überlieferung während seines Laufes (in 
unserem Stemma in y) zugeflossen sind. Man hatte gegen Köhler 
geltend gemacht,») daß die Berliner Handschrift ebenfalls die Um- 
schrift habe; nunmehr nach Einsicht der gesamten Überlieferung wird 
dieses Bedenken durch das völlig veränderte Handschriftenstemma 
aufgehoben. Köhlers treffliche Untersuchungen erhalten auch in 
diesem Punkt handschriftiiche Bestätigung. 

Die indirekte Oberlieferung. 

Die indirekte Überlieferung ist für die Konstitution des Textes 
in unserem Fall ohne Bedeutung, da wir überall ihren Ursprung 
nachweisen können, sie uns nirgends weiterführt. Wohl aber ist sie 
interessant für die Textgeschichte, für die Benutzung Liudprands durch 
mittelalterliche Autoren. Ra gewin wird den Frisingensis benutzt haben. 
An den beiden Stellen, wo Liudprand Quelle ist, gibt Ragewin den 
Inhalt mit geringer wörtiicher Anlehnung wieder, eine Vergleichung 
mit den einzelnen Handschriften bleibt daher ergebnislos. Eine Hand- 
schrift derselben Klasse, der Spanheimensis, bildete das Exemplar des 
Trithemius. Einen Kodex aus der dritten österreichischen Klasse hatte 
Magnus v. Reichersberg vor sich. Am meisten wurden die Hand- 
schriften der IL Kl. benutzt. Zuerst von dem Biographen Gerhards 
von Brogne, der nach Heinemann*) kurz nach 1038 schrieb und somit 
keine der uns erhaltenen Handschriften ausgeschrieben haben kann. 
In der Tat finden sich denn auch einige bessere Lesarten z. B. A. IV, 
25 übereinstimmend mit dem Frisingensis und der auf dem alten 
Lobbiensis beruhenden Editio princeps ediceret, nicht einfach diceret 
Der Biograph wird vielleicht den alten Lobbiensis vor sich gehabt 
haben. Sigebert schrieb G aus, der aus Gembloux stammt, nicht 
wie Pertz annahm, seinen Gemellus L, der erst im Anfang des 
XII. Jahrhunderts geschrieben worden ist. Denselben Kodex wohl 
benutzte Frutolf und der Chronist von Farfa. Dieser hat nicht, wie 
Pertz annimmt, eine Handschrift der III., sondern der IL Kl. benutzt, 
wie das Exzerpt aus A. I, 30 zeigt. 



») Wattenbach, Geschichtsquellen ^ I, S. 480. 
«) N. A. XV, S. 596. 



38 



Josef Becker, Textgeschichte Uudprands von Cremona. 



Klasse I und III 



Klasse II 



Chron. Farf.^) 



Forosum e sepulcro 
extrahere atque 
in sedem Romani 
pontificatus 
sacerdotalibus 
vestimentis indutum 
collocare praecepit 



Formosum e sepulao Formosum e sepulCTO 



extrahi et 

in sede Romani 

pontificatus 

sacerdotalibus 

vestibus indutum 

decollari praecepit 



extrahi atque 

in sedem Romani 

pontificatus 

sacerdotalibus 

vestimentis indutum 

decollari praecepit 
Alberich soll nach Scheffer — Boichorst*) den Lobbiensis (L) 
zur Vorlage gehabt haben, weil er an der aus H. O. 3 entnommenen 
Stelle statt Papiam patriam liest, was Pertz rni Apparat als Lesart 
des Lobbiensis verzeichnet. Scheffer mußte zu diesem SchluB 
kommen, da er die oben bemerkte unmethodische Art der Varianten- 
notierung nicht kannte. Es hat nämlich auch G die Lesart patriam, 
und er ist in Wirklichkeit die Vortage gewesen; z. B. A. VI, 5 ent- 
nimmt Alberich pronas adorans, der Lobbiensis schreibt einfach 
adorans. Dietrich v. Niem hat Liudprand benutzt, aber sehr frei 
und mit geringem wörtlichem Anklang. Welche Handschrift ihm 
Vortag, vermochte ich nicht festzustellen. Zu streichen aus der Reihe 
der Benutzer aber ist Heinrich v. Herford. Er hat Pseudo-Liud- 
prand ausgeschrieben, d. i. die dem Liudprand fälschlich zugeschriebene 
Schrift De vitis Romanorum pontificum seu liber pontificalis.*) Außer- 
dem wird Liudprand lobend erwähnt von Nicolaus v. Cues*) in 
seiner Concordantia catholica III, 3. 



^) Muratori, Script rer. Ital. II, 1, pag. 416. 

«) SS. XXUI, S. 659. 

») Vgl. die Ausgabe von Potthast (1859), S. XII. 

^) ed. Sim. Schard, De iurisdictione (Basel 1566), S. 614, A. 



C. Textgeschichte. 

^ 1. Paläographische Vorbemerkung. 

a) Die ersten Erforscher der Münchener, ehemals Freisinger 
Handschrift glaubten, sie sei in Italien geschrieben, Docen und Delling, 
weil sie langobardische Elemente in der Schrift zu finden meinten, 
Pertz, weil er sie für das Autograph hielt. Köhler war es, der auch 
hier einer neuen Ansicht Ausdruck gab und die Handschrift mit Metz 
in Verbindung brachte. Ihm folgte zuletzt Traube unter besonderer 
Berufung auf die innigen literarischen Beziehungen zwischen Metz 
und Freising am Ende des X. Jahrhunderts, ein Moment, das in der 
Tat Köhlers Ansicht nur unterstützen konnte. Und doch schon eine 
nähere Betrachtung der oben zusammengestellten orthographischen 
Eigentümlichkeiten der Handschrift läßt entschieden Zweifel an dem 
deutschen Ursprung entstehen, so konnte wohl nur ein Italiener ge- 
schrieben haben. Wie steht dazu die Schrift des Codex? In die 
Schrift der in Lothringen für Freising gefertigten Handschriften läßt 
sie sich nicht einreihen. Besonders fallen an ihr die zierlosen und 
plumpen, so sehr verdickten Oberschäfte der ersten Hand auf, die 
bei der zweiten Hand sich weniger und bei der dritten gar nicht 
finden. Dicke Oberschäfte kommen in Deutschland um die Wende 
des X. Jahrhunderts noch vielfach vor,*) aber meist mit schrägen Ab- 
strichen. Es wird jedoch sehr unsicher sein, aus rein paläographischen 
Gründen einer nachkarolingischen Minuskel des X. Jahrhunderts 
italische Provenienz zuzusprechen, solange wir so wenig Proben 
dieser Schrift von sicherer italienischer Herkunft haben. Eine Fest- 



Wattenbach, Geschichtsquellen I, S. 480. 
«) Vgl. Chroust, Mon. pal., Lief. VIII, Taf. I. 



40 Josef Becker, 

Stellung nach dieser Richtung wird eine der Hauptaufgaben einer 
Untersuchung der Ottonischen Paläographie bilden, die noch zu 
schreiben ist. Man wird im allgemeinen nur sagen können, dafi die 
Schrift unseres Kodex im ganzen die Merkmale aufweist, die SickelO 
als charakteristisch für die nachkarolingische Minuskel des X. Jahr- 
hunderts festgestellt hat, über dessen Ausführungen wir bis jetzt noch 
nicht hinausgekommen sind. Es läßt sich zeigen, daß sie in die Reihe 
der wenigen uns bekannten italienischen Schriftproben eingereiht 
werden kann. Dazu gehören die Urkunde Ottos I. für die römische 
Kirche vom Jahr 962, wovon uns Sickel ein Faksimile gibt und die 
gleichfalls in Bücherschrift geschriebene Urkunde Ottos IL für Theo- 
phano von 972.*) Beide Urkunden sind, was zu berücksichtigen ist, 
paläographische Prachtstücke. Es kommen hinzu Monumenta pal. 
Sacra, tav. XVIII, XXII und XXV. Es gehören zeitlich hierin auch die 
Proben der Tafeln XXIII und XXIV, die aber wegen des gekünstelten 
Charakters etwas abseits stehen. Am meisten Ähnlichkeit hat die 
Schrift unseres Kodex mit der Schriftprobe aus Novara vom Ende des 
X. Jahrhunderts auf Tafel XX, die in der Tat der Schrift des Frisingensis 
nahe steht. Daraus ergibt sich also, daß der Schriftcharakter des 
Frisingensis sehr wohl italienisch sein kann. Dazu paßte sehr gut die 
Meinung einiger Paläographen, wonach in dieser Zeit m mit Quer- 
strich am Ende als Abkürzung für mos spezifisch italienisch sei. In 
dieser Weise kürzt sowohl die erste als auch die zweite Hand die 
Endsilben mus und nus. Wenn obige Beobachtung zutreffend wäre, 
dann hätten wir hier ein sicheres italienisches Merkmal, aber sie be- 
darf noch durchaus der Prüfung. Im IX. Jahrhundert wenigstens finden 
sich nach Traubes Feststellungen diese Abkürzungen auch in Deutsch- 
land. Wie dem auch sei, es ist die Menge der italienischen ortho- 
graphischen Eigentümlichkeiten, was uns bestimmt, Italien für die 
Heimat des Kodex zu halten. Es würde dann die alte Meinung wohl 
recht behalten, nach der Bischof Abraham von Freising die Hand- 
schrift aus Italien mitbrachte. 

Traube allerdings war sehr im Zweifel, ob er die Orthographie 
für italienisch oder spanisch halten solle. Aber die von mir vorge- 
nommene Untersuchung des Kodex ergab nur eine Erscheinung, die 
man als „Spanisches Symptom" betrachten kann. A. II, 63 schreibt 

') Das Privileg Otto I. für die röm. Kirche 1883, S. 10 ff., indes die hier 
gegebene Charakterisierung gilt nicht durchgängig, vielmehr gibt es auch im X. Jahrh. 
wenigstens in Deutschland Schreibstätten mit zierlicher feiner Schrift. 

«) Kaiserurkunden in Abbild. IX, 2. 



Textgeschichte Uudprands von Cremona. 4} 

der Frisingensis promisit statt permisit Nun ist die spanische Ab- 
kOrzung für per gleich der sonst üblichen Abkürzung für pro. Es 
konnte also in der spanischen Vorlage ein durch die spanische 
Abkürzungsform bezeichnetes per leicht als pro gelesen werden. 
Wenn der Frisingensis wirklich spanischen Ursprungs sein sollte, 
so wäre das mit der Tatsache in Zusammenhang zu bringen, daß 
Liudprand sein Werk dem spanischen Bischof Recemund von Elvira 
gewidmet hat. 

b) Pertz hat die Handschriften Hart. 3713 und Brüssel 14923 
kurzweg ins XL Jahrhundert gesetzt. Diese chronologische Fixierung 
ist zu allgemein und bedarf näherer Umgrenzung. Was den Hart, 
angeht, so ist er aus allgemeinen paläographischen Gründen in die 
zweite Hälfte des XI. Jahrhunderts zu setzen. Zur Gewinnung eines 
terminus post quem vergleiche man die Faksimiles bei Amdt-Tangl, 
Taf. 55 und 19, Steffens, Schrifttafeln No. 59, Chroust, Mon. pal. III, 
8, und man wird finden, daß unser Kodex einen jüngeren Eindruck 
macht, vor allem wegen der spadelförmigen Gestaltung der Ober- 
schäfte. Näher kommen die Proben bei Chroust a. a. O. III, 9 oder 
Bresslau, N. A. XXI, No. 1 und 2. Eine genauere Datierung ist 
jedoch nur auf lokaler Grundlage möglich, da die örtliche Entwicklung 
im einzelnen sehr differiert. Wie Chroust ^) bemerkt, ist in dieser Periode 
Süddeutschland, gerade was die Gabelung der Oberschäfte und die 
allmähliche Brechung betrifft, weit zurück, und Tangl«) gibt zu, daß 
in den französischen Klöstern die Schriftentwicklung im XII. Jahr- 
hundert sehr vorgeschritten war. Wir haben oben festgestellt, daß 
Sigebert von Gembloux bei der Abfassung seiner Chronik (zwischen 
1090 und 1100) den jetzigen Hart, benutzt hat. Gehörte dieser Kodex 
vielleicht dem Kloster selbst? Keineriei Notiz darin beweist es, aber 
das reiche literarische Treiben im damaligen Gembloux legt uns diese 
Vermutung nahe, und eine paläographische Vergleichung scheint sie 
mir zu bestätigen. Es sind mir aus der zweiten Hälfte des XI. Jahr- 
hunderts nur zwei Proben von Handschriften bekannt, die in Gembloux 
geschrieben sind. Arndt-Tangl, Taf. 56 zeigt uns das Autograph von 
Sigeberts Annalen und Sigeberts Schriftzüge vor 1071; Reusens, 
Elements de pal. pl. XXIV gibt uns ein Faksimile von Sigeberts 
Chronik aus den Jahren 1101 und 1106. Vergleichen wir mit beiden 
Proben unsere Handschrift, so finden wir, daß sie etwa die Mitte der 



») Mon. pal. VIII, 8. 
«) Schrifttaf. 56. 



42 Josef Becker, 

Entwicklung zwischen beiden einnimmt Sie ist vorgeschrittener als 
diejenige von 1071, hat aber noch nicht die zweite Stufe erreicht 
Eine Vergleichung des Hart insonderheit mit der Probe bei Reusens 
zeigt, daß der Kodex allem Anschein nach aus der Schreibschule von 
Gembloux stammt Wir dürfen annehmen, daß er etwa im letzten 
Viertel des XI. Jahrhunderts geschrieben ist. Und sein Gemellus aus 
Laubach? Die Schrift, die uns hier begegnet, ist jünger als die des 
Gemblacensis und die in der Chronik Sigeberts. Die Gabelung der 
Oberschäfte und die Neigung zur einfachen Brechung sind weiter 
vorgeschritten. Wir setzen die Handschrift nicht zu spät an, wenn 
wir sie in den Anfang des XII. Jahrhunderts verlegen. Man vergleiche 
die Tafel 3 bei Bresslau im N. A. XXI, Steffens, Tafel 65, Mon. 
Germ. SS. VI, pag. 284, Chroust IV, 5 und VIII, 8. Es ist dabei 
Chrousts Bemerkung zu beachten, daß die Entwickelung in Süddeutsch- 
land zurück ist. Dieser Zeit angehörige faksimilierte Proben aus Lobbes 
oder dieser Schreibprovinz — um eine solche handelt es sich offenbar 
— sind mir nicht bekannt Eine kombinierte paläographische und 
literarhistorische Betrachtung dieser Zeit und Gegend wird jedenfalls 
einmal versucht werden müssen. ^) 

2. Textgeschichte. 

Liudprand hat, das ist längst erkannt, nicht die letzte Hand an 
seine Werke gelegt, das zeigt auch schon ihre äußere Oberlieferung. 
Sie sind offenbar noch im X. Jahrhundert in mehreren Exemplaren 
abgeschrieben worden. Bald hat man in Italien wohl (oder Spanien?) 
den griechischen Worten die lateinische Umschrift hinzugefügt und 
den Text an vielen Stellen glossiert. Irgendwie Bestimmtes wissen 
wir darüber nicht, wie denn überhaupt die Anfänge der Überiieferung 
im Dunkeln liegen. Nur das ist sicher und zunächst bemerkenswert, 
daß bald an Stelle des Südens der Norden die Erhaltung und Fort- 
pflanzung des Textes übernimmt. Soweit wir feststellen können, ist 
Liudprand in Italien im Mittelalter nur vom Chronisten von Farfa 
benutzt worden, dieser hatte indes nachweislich eine nicht-italienische 
Vortage; erst im Ambrosianus des XVI. Jahrhunderts scheint wieder 
eine Liudprandhandschrift nach Italien gekommen zu sein. Die mittel- 
europäischen Länder werden also fürderhin die Träger der Überiieferung. 
Es kommt dazu ein zweites Moment: Die Fortpflanzung und Ver- 



*) Auch Wattenbach, GeschichtsqueUen II, 141 hält eine (literarische) Dar- 
stellung der Lütticher Schulen für sehr ersprießlich. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 43 

breitung der Werke wird nicht bloß Zufällen und rein äußeren Um- 
ständen verdankt, sondern läßt sich ganz erkennbar mit literarischen 
Bildungszentren verknüpfen, mit deren Tätigkeit und Bestrebungen 
die Überlieferungsgeschichte eng zusammenhängt. 

Eine sehr alte Handschrift wird in Metz gelegen haben. Man 
hat dort aus ihr im X. Jahrhundert Exzerpte gemacht, die einen Rück- 
schluß auf die Vorlage gestatten. Es waren in ihr die griechischen 
Worte in Minuskel geschrieben, und die Transskription fehlte noch. 
Vielleicht gehört dieser Kodex näher zusammen mit dem Archetyp 
unserer dritten Handschriftengruppe. Jedenfalls stand er dem Original 
sehr nahe. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir den Namen Dietrichs 
von Metz mit ihm in Verbindung bringen. Er, ein Kenner des 
Griechischen, war in Italien und hat sich nachweislich dort Hand- 
schriften verschafft, unter denen ein alter Liudprandkodex sich befunden 
haben mag. 

Von Metz führte um die Wende des X. Jahrhunderts eine belebte 
literarische Verkehrsstraße nach Freising, wo damals die Bischöfe 
Abraham und Gottschalk sich um die Vermehrung der Dombibliothek 
bemühten. Was wäre wahrscheinlicher, als daß auch der Liudprand 
von Metz herüber gekommen sei. Es hat sich das aber nicht be- 
wahrheitet, vielmehr wird Abraham die Handschrift in Italien erworben 
haben. Der Schreiber des Kodex war jedenfalls ein Romane, wie die 
oben zusammengestellten orthographischen Eigentümlichkeiten zeigen. 
Daß Liudprand selbst so nicht geschrieben hat, wird man wohl an- 
nehmen können, um so mehr, da keine aller übrigen Handschriften 
irgendwie dergleichen Spuren aufweisen. Der ungebildete Schreiber 
des Frisingensis hatte eine gut erhaltene Vortage, in der die Graeca 
noch manche Minuskelelemente aufwiesen. Wegen seiner Vollständigkeit 
und einer gewissen Ursprünglichkeit, dem Hauptschreiber wenigstens 
lagen Konjekturen ziemlich fem, ist der Text des Frisingensis sehr 
wertvoll, er bleibt die Grundlage auch für eine neue Ausgabe. 

Zu Beginn des XI. Jahrhunderts ist der Frisingensis vervielfältigt 
worden. Wenn der Asbumhamkodex wirklich in Lothringen ge- 
schrieben ist, so entspricht das den bekannten literarischen Beziehungen 
zwischen Freising einerseits und Metz und Toul anderseits. Der spätere 
Spanheimensis wird wohl auch einem bayerischen Kloster angehört 
haben. Außer Ragewin ist uns kein mittelalteriicher Benutzer des 
Frisingensis bekannt. 

Bedeutend jünger als dieser sind die uns erhaltenen Handschriften 
der II. Klasse. Um zu der durch sie gegebenen Stufe zu gelangen, 



44 Josef Becker, 

hat der Text manche Wandlung durchmachen müssen. Auch hier 
finden sich die lateinische Umschrift der Graeca und die Glossen, 
von denen viele freilich als überflüssig aufgegeben sind. Im all- 
gemeinen herrscht ein gewisses Streben nach Glättung des Textes; die 
Konjekturen und Interpolationen sind zahlreich und meist ganz will- 
küriiche Änderungen des Textes. Der Archetyp dieser Klasse mag 
vielleicht in Trier gelegen haben, wo man im XII. Jahrhundert Aus- 
züge aus Liudprand machte. Erwägen wir die relative Güte des in 
den Trierer Auszügen voriiegenden Textes und bedenken, daß in 
einem gleichfalls veriorenen Trierer Kodex die relatio de legatione 
Constantinopolitana stand, so führt uns das auf einen alten vortrefflichen 
Zweig der Überlieferung. Es kann hier' darauf hingewiesen werden, 
daß sich in Trier am Ende des X. Jahrhunderts wieder eine rege 
selbstbewußte Tätigkeit entwickelte, daß besonders Egbert von Trier 
(977—993) sehr nachhaltig gewirkt hat.^ Aus jenem Trierer Kodex 
ist vielleicht der Liudprand geflossen, den der Bibliothekskatalog von 
Lobbes aus dem Jahr 1049 unter den Bücherschätzen aufzählt, der 
seinerseits wieder der Stammvater der jüngeren Handschriftengruppe 
geworden ist. Was oben allgemein gesagt wurde, daß der Norden 
der Träger der Überlieferung geworden sei, daß die Fortpflanzung 
an literarische Zentren anknüpfe, das gilt besonders hier. Denn die 
belgischen Klöster sind es, denen wir die Handschriften unserer 
II. Klasse verdanken, sie sind das Zentrum, von dem aus Kenntnis 
und Studium Liudprands weiter vorgedrungen sind. Am Ende des 
XI. Jahrhunderts hat Sigebert sich für Gembloux eine Abschrift besorgt 
und für seine Chronik verwertet. Im Anfang des XII. Jahrhunderts 
hat man in Lobbes selbst noch ein Exemplar abschreiben lassen. 
In den gleichen Kreis gehört der ehemals in Stablo liegende Liudprand 
aus dem Jahr 1105 und wohl auch der Egmonder Kodex des XI. Jahr- 
hunderts. Es hat aus dem älteren Lobbiensis der Biograph Gerhards 
geschöpft, aus einer Quelle derselben Provenienz auch der Chronist 
von Farfa. Hier oder vielleicht auch in Trier mögen dem Otters- 
berger Mönch bei der Lektüre Liudprands die hübschen Anekdoten 
und Episoden vom griechischen Kaiserhof so gut gefallen haben, daß 
er sie sich notierte. Von historischem Bemühen und Verständnis für 
den Inhalt zeugt die Abschrift, die aus dem Lobbiensis (L) für die 
Abtei Hautmont in der Diözese Cambrai gefertigt wurde. So haben 
von diesem Zentrum aus Liudprands Werke ihren weitgehendsten 



») Wattenbach, Geschichtsquellen» I, 408. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 45 

Einfluß ausgeübt. Es wird das begreiflich, wenn wir uns vergegen- 
wärtigen, daß nirgends sich das Klosterleben so reich entfaltet hatte 
wie in Belgien und ganz vorzüglich im Lütticher Sprengel. Die 
Tatsache, daß die Lütticher Schule unter den Saliern ihren Höhepunkt 
erreichte, daß sie der Leben ausströmende Mittelpunkt war nicht für 
Lothringen allein, sondern für ganz Deutschland«), der Umstand, daß 
in Gembloux der weltberühmte Chronist wirkte, lehren es verstehen, 
daß selbst der Bamberger Frutolf und der Chronist von Farfa hier 
historisches Material sammelten. Umgekehrt erhält das hier blühende 
literarische Treiben aus der Überlieferungsgeschichte Liudprands eine 
interessante Illustration, einige neue Einzelzüge: hier wird die Text- 
geschichte lebendige Literar^eschichte. Gegen Ende des XII. Jahr- 
hunderts sinkt das literarische Treiben im Lütticher Sprengel, und 
damit erlischt auch Liudprands Einfluß von diesem Punkte aus. 

In weit größerem Maße als die II. hat die III. Handschriften- 
klasse äußere Verluste eriitten, aber weniger eine willküriiche Inter- 
polation erfahren. Sie ist vollständig frei von der lateinischen Um- 
schrift der Graeca und den Glossen. Auch die Übersetzung der 
Graeca gibt sie nur in ganz wenigen Fällen. Man möchte fast an- 
nehmen, daß auch die Übersetzung der Graeca nicht von Liudprand 
selbst herrührte, wenn sie nicht eben an einzelnen Stellen doch vor- 
handen wäre, während Glossen und lateinische Umschrift sich nicht 
ein einziges Mal finden. Die uns erhaltenen Handschriften dieser 
Klasse scheinen alle aus Österreich zu stammen, wo Liudprand erst 
im XII. Jahrhundert allgemeiner bekannt wurde. Es ist die Zeit, in 
der hier eine reiche und vielgestaltige annalistische Tätigkeit ein- 
setzte, u. a. auch in Zwettl und Klostemeuburg. Eine Benutzung 
Liudprands ist hier nur bei Magnus von Reichersberg nachgewiesen. 
Im XIII. Jahrhundert werden noch einmal zwei Kopien angefertigt, 
nun scheint auch hier wie überall Liudprands Name in Vergessenheit 
zu geraten. 

Noch einmal dient er im Anfang des XV. Jahrhunderts Dietrich 
von Niem als Quelle, und Nicolaus von Cues weiß ihn zu schätzen. 
Erst gegen Ende des Jahrhunderts macht ihn Trithemius unter dem 
Namen des Eutrandus wieder bekannt, und Humanisten des XVI. Jahr- 
hunderts lassen Abschriften fertigen. Schon aber waren die ersten 
Drucke erschienen: 1514 und 1532; im Jahr 1600 endlich entriß 



») Wattenbach a. a. O. II, 154. 
«) Wattenbach a. a. O. II, 141. 



46 Josef Becker, Teztgeschichte Liudprands von Cremona. 

Canisius auch die Legatio der Verborgenheit. Schon setzten auch 
die Fabeleien und Phantasien über Liudprands Leben ein, die dreisten 
Fälschungen und Erfindungen, die an Liudprands Namen sich knüpfen. 
Während hierüber schon im XVIIL Jahrhundert durch Nicolaus Antonius 
Klarheit geschaffen wurde, schenkten uns erst die Monumenta Germaniae 
durch Pertz die erste vollständige Ausgabe, die nun ihrerseits wieder 
der Revision bedarf. 




4 i o >' feil fe TIS I 5 



THE NEW YORK] 

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J. Becker, Textgeschiclite Liudprands von Cremona Tafel II 







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Qudkn II. rmor.iivh. / lat Pliil.«!... u- vlv^ M.\. III. 



THV'^ Ni:V/ VCivK 






Quellen und Untersuchungen 



zur 



lateinischen Philologie des 
Mittelalters 



herausgegeben von 

Ludwig Traube 



Dritter Band, drittes Heft 

Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino 



von 



E. A. Loew 




MÜNCHEN 1908 

C H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 

OSKAR BECK 



Die ältesten Kalendarien 
AUS Monte Cassino 



Herausgegeben und untersucht 



von 



E. A. LOEW 



DR. PHIL.; CARNEGIE FELLOW OF THE AMERICAN SCHOOL 
OF CLASSICAL STUDIES IN ROME 



MIT DREI TAFELN 




MÜNCHEN 1908 

C H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 

OSKAR BECK 




C. H. Beck'sclie Buchdruckerei in Nördlingen. 



DEM ANDENKEN 
LUDWIG TRAUBES 

IN DANKBARKEIT GEWIDMET 



Vorbemerkung. 



Außer meinem unvergeßlichen Lehrer, dessen Angedenken ich 
diese Schrift widme, fühle ich mich für die mühevolle Durchsicht des 
Manuskripts und der Konekturbogen den Henen Prof. Vollmer und 
cand. Ed. v. Welz zu besonderem Dank verpflichtet. Den bekannten 
Gelehrten H. M. Bannister, Clemens Blume und Carl Weyman bin ich 
für manche freundliche Belehrung auf dem Gebiete der Liturgie ver- 
bunden. Auch den Kollegen Dr. C. H. Beeson, Dr. P. Lehmann und 
H. T. Porter, die mir auf verschiedene Weise behilflich waren, möchte 
ich hier meinen Dank aussprechen. Und schließlich bitte ich meinen 
lieben Lehrer L. L. Forman und meinen verehrten Freund James 
Loeb Esq., die mir beide seit Jahren mit Rat und Tat zur Seite ge- 
standen sind, meinen innigen Dank entgegenzunehmen. 

Rom, 20. Februar 1908 

E. A. Loew. 



Einleitung. 

Als ich vor drei Jahren in Rom die dort liegenden bene- 
ventanischen Handschriften für paläographische Studien untersuchte, i) 
stiefi ich auf eine Handschrift (641) in der Biblioteca Casanatense, 
die bei mir aus verschiedenen Gründen großes Interesse erregte. 
Erstens stellte sich bald heraus, daß diese Handschrift ein Gemellus 
wenn nicht die Vorlage der bekannten Monte Cassino Handschrift 
Nr. 3 ist, die lange Zeit für eine der ältesten Handschriften in bene- 
ventanischer Schrift galt und noch jetzt von den Cassinesem und den 
Verfassern paläographischer Lehrbücher in das Jahr 811 gesetzt wird, 
was sicherlich nicht zutreffen kann.») Zweitens — was hier für uns 
von Bedeutung ist — fiel mir die Handschrift durch ihren zwar sehr 
verstümmelten aber immerhin sehr reichhaltigen und durch viele Jahr- 
hunderte benützten Kalender (f. 76 — 81^) auf. Leider sind viele Ein- 
träge fast oder ganz unleseriich geworden, und man sieht, daß im 
11. Jahrhundert die Handschrift sehr gelitten hat, da man schon zu 
jener Zeit sich gezwungen sah, ein neues Stück Pergament hinein- 
zunähen. ») Um genauere Vergleichungen mit anderen Kalendarien 
in beneventanischer Schrift vornehmen zu können, photographierte 
ich diesen Kalender ganz.*) 

*) Die Ergebnisse dieser Studien werden als Einleitung zu dem von mir ge- 
planten Tafelwerk der Scriptura Beneventana in nächster Zeit veröffentlicht. 

') Siehe Bibliotheca Casinensis, Tom. I, p. 85, und Thompsons Handbook of 
Greek and Latin Palaeography ed. 1903, p. 220; auch Reusens ^l^ments de Pal^o- 
graphie, p. 63. Vgl. unten p. 8 — 9. 

>) Die jetzige Naht wird wohl aus modemer Zeit herrühren, aber daß dies 
neue Stück schon im Mittelalter eingefügt worden ist, wird klar, sobald man be- 
achtet, daß die Schrift darauf schon aus dem 11. Jahrhundert stammt; vergl. Tafel III. 

*) Einige Abbildungen sind im Archivio Paleografico Italiano, Vol. III, fasc. 22, 
Taw. 68, 69, 70 zu finden. Meine Photographien verdanke ich der Güte des Präfekten 
der Biblioteca Casanatense, I. Giorgi. Hier möchte ich auch M. Omont, dem Vor- 
steher der Bibliothöque Nationale, und Don Leone, dem Archivista der Abtei zu 
Cava, für gütige Erlaubnis zu photographieren, meinen Dank aussprechen. 



X E. A. Loew. 

Schon vorher hatte ich in La Cava einen noch älteren Kalender 
kennen gelernt. Dieser befindet sich in der Isidor-Handschrift, die 
dort die Signatur 23 trägt, und wurde von Gaetani im Appendix 
zum zweiten Tomus des Codex Diplomaticus Cavensis veröffentlicht 
(p. 32 — 37). Eine Vergleichung dieser beiden Handschriften über- 
zeugte mich sofort, dafi sie aus derselben Gegend stammen und 
zeitlich nicht mehr als ein Menschenalter auseinander liegen. 

In demselben Jahre führten mich meine Forschungen nach Paris.* 
Als ich dort die sehr wertvolle beneventanische Handschrift lat. 7530 
studierte, kam ich auf den dritten hier in Betracht kommenden Kalender 
(f. 277^—280). Mit Hilfe meiner Photographien und Abschriften konnte 
ich an Ort und Stelle die drei Kaiendarien einem vergleichenden 
Studium unterziehen, und kam zu folgenden Resultaten: 

1. Die drei Kaiendarien sind die ältesten in beneventanischer Schrift, 
und gehören zeitlich und örtlich zusammen. 

2. Sie sind sämtlich dadurch gekennzeichnet, daß sie sowohl die 
Dedicationes einer Anzahl Cassineser Kirchweihen, wie die De- 
positiones (Gedächtnisfeiern der Todestage) einer bestimmten 
Reihe von Äbten aus Monte Cassino enthalten; Tatsachen, aus 
welchen folgendes hervorgeht: 

a) daß sie Benedictiner-Kalendarien sind und aus Monte Cassino 
stammen; 

b) daß die Kaiendarien als solche zeitlich genau zu bestimmen sind; 

c) daß der eine Kalender, K, etwa 30 Jahre jünger ist als die 
beiden anderen, wodurch wir bei Vergleichung der drei unter- 
einander eine klare Anschauung über die Entwickelung des 
Cassineser Ritus innerhalb dieses Zeitraums gewinnen. 

Wie ich zu diesen Resultaten kam, wird im Veriauf dieser Schrift 
klar werden. 

War es die Paläographie der Handschriften, die den Ausgangs- 
punkt meiner Untersuchung bildete, so konnte ich doch die Liturgie 
dieser Kalender nicht unbeachtet lassen. Nicht allein, weil die 

* Reifferscheid in einem Brief an Gaetani, der den Cavensis veröffentlicht 
hat (Codex Diplomaticus Cavensis Tom. II, Appendix p. 14), scheint nicht erkannt 
zu haben, daß die Kirchweihen und Depositiones mit Monte Cassino zu verbinden 
sind. Er sagt: in quo (Codice Cav. 23) depositiones Abbatum nescio cuius monas- 
terii et dedicationes quarundam ecclesiarum adnotantur. Merkwürdig ist, daß 
Gaetani, der doch selbst Benediktiner war, die Geschichte des Mutterklosters so 
wenig kannte, daß er den Kodex aus Nonantola stammen lassen wollte (Gaetani 
1. c, p. 13). 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. XI 

liturgische Seite eines Kalenders sozusagen sein Fleisch und Blut 
ausmacht, bin ich darauf eingegangen, sondern auch weil paläo- 
graphische Momente es erforderten. Allein auf diesem Gebiete bin 
ich vollkommen Laie. Ich kann nur hoffen, dafi ich meine Quellen 
zum Vorteil dieser Untersuchung benützt habe und daß der Liturgiker 
meine Angaben verbessern und ergänzen möchte. 

Eine Zusammenstellung dieser drei Kaiendarien bedarf wohl 
keiner Rechtfertigung, da sie uns auf doppelte Weise von Nutzen 
sein kann. Einerseits wird für die Paläographie der ältesten bene- 
ventanischen Handschriften manches gewonnen dadurch, daß gewisse 
in den Kaiendarien eingetragene Tatsachen es uns ermöglichen, die 
Handschriften selbst genauer zu datieren und zu lokalisieren, was bei 
so wichtigen Handschriften, wie diese drei es sind, von keinem ge- 
ringen Wert ist. Andererseits gewinnen wir durch ein vergleichendes 
Studium der drei Kaiendarien ein zeitlich und örtlich bestimmtes 
liturgisches Bild und sind ferner imstande eine rasche Entwicklung 
des Ritus bei den Benediktinern in Monte Cassino während des 
Waltens der Äbte Theodemar (778—797) und Gisulf (797—817) genau 
und sicher zu verfolgen. 

Daß drei so alte Benediktiner-Kalendarien für die Geschichte 
der Liturgie von Wichtigkeit sind, wird jeder zugeben müssen, der 
sich dessen bewußt ist, daß die Regel des heiligen Benedikt und 
überhaupt der Benediktinerorden für die ganze Entwickelung des 
Gottesdienstes im Abendlande von hervorragender Bedeutung waren. 
Darüber scheinen alle großen Liturgiker einig zu sein.^) 

Da unsere Kaiendarien klösteriiche Kaiendarien sind, interessiert 
es uns hier zu erfahren, daß der Kultus der Märtyrer und Heiligen 
nicht von jeher in den Klöstern gefeiert wurde. Die Mönche in den 
Institutiones des Cassian kennen ihn noch nicht. Erst durch die 
Regel des heiligen Benedikt traten die NatcUitixi Sanctoram in die 
Liturgie der Klöster ein.*) So wird wiederum das Interesse an unseren 
Kaiendarien gesteigert, die zweifellos aus jenem Kloster stammen, wo 
auch die Regula geschrieben wurde. 

In frühchristlicher Zeit feierte man die Todestage der Märtyrer 
und seit dem IV. Jahrhundert jene der Bekenner nur dort, wo sie 
begraben lagen oder wo ihre Reliquien sich befanden. Es gab noch 

*) Bäumer, Histoire du br^viaire I, 242 (Paris 1905, franz. Übersetzung und 
Erweiterung von Biron). Duchesne, Origines du culte chr^tien, p. 452, Edit. 3. 
*) Vergl. Batiffol, Histoire du br^viaire romain p. 33. 



XII E. A. Loew, 

keinen Kultus der Heiligen und Märtyrer, der für die ganze Christenheit 
galt, sondern abgesehen von den großen Festen des Herrn und der 
heiligen Jungfrau waren alle übrigen Gedächtnistage Feste eines 
einzelnen Ortes oder einer Provinz, waren Lokalfeste, Feste der Lokal- 
heiligen. Nur den Aposteln Petrus, Paulus, Johannes und Jakobus 
und dem Protomartyr Stephanus wurde sehr früh eine allgemeine 
Feier zuteil. Demgemäß muß z. B. ein irisches Martyrologium oder 
Kalendarium aus jener Zeit ganz andere Namen enthalten als ein 
Martyrologium oder Kalendarium aus Italien. Und gerade durch den 
Umstand, daß in verschiedenen Ländern verschiedene Märtyrer- und 
Heiligenfeste angeordnet wurden, ist für Geschichte und Paläographie 
manches zu gewinnen. Es wird uns nämlich ein Mittel geboten, 
wodurch wir kirchengeschichtliche und somit kulturgeschichtliche Be- 
wegungen verfolgen können: es ist uns ermöglicht, Beziehungen zu 
ersehen, die wir oft auf keinem anderen Wege zu ergründen im- 
stande wären. 

Im Jahre 787 besuchte Kari der Große das Kloster von Monte 
Cassino; damals sah er bekanntlich das Originalexemplar der Regula, 
von der man für ihn, nach seinem Wunsch, eine buchstäblich treue 
Abschrift anfertigen mußte. ^ Bei jener Gelegenheit hatte er vielleicht 
auch die zwei älteren unserer Kaiendarien (oder deren Vortagen) ge- 
sehen. Wie dieser Besuch den Kaiser veranlaßte, die Klöster in 
seinem Reiche nach dem Muster von Monte Cassino einzurichten 
oder umzugestalten, so wird er wohl auch für den ganzen Ritus in 
Gallien nicht ohne Bedeutung geblieben sein. Daß Kari der Große 
sich tatsächlich für die Liturgie seines Reiches interessierte, beweisen 
schon die Capitula ecclesiastica vom Jahre 810 — 813 *) (?) und die 
Statuten des Mainzer Konzils vom Jahre 813. Auch sein Nachfolger 
sorgte dafür, daß in den Klöstern Galliens eine gewisse Überein- 
stimmung im Gottesdienst herrschte, wie man aus seinem Capitulare 
Monasticum des Jahres 817 ersehen kann. So schien es mir lehrreich, 
die Festverzeichnisse, die man in den karolingischen Capitularien findet, 
abzudrucken und hier zum Vergleich heranzuziehen. 

Unsere drei Kaiendarien sind nebeneinander in drei Columnen 
zusammengestellt. Ich bezeichne den Cavensis mit C, den Parisinus 
mit P und den Casanatensis mit K. Die vierte Kolumne enthält 

*) Vergl. Traube, Textgeschichte der Regula S. Benedicti, p. 31. 
*) Vergl. die Zusammenstellung, p. 66 f. 



Die Ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. XIII 

Zutaten in /C, die von späteren Händen herrühren. ^) Die Abkürzungen 
sind meistens aufgelöst. Lesarten, die von besonderem Interesse sind, 
werden im Kommentar notiert. Im allgemeinen ist die Orthographie 
der Handschriften treu wiedergegeben.«) Da K das reichhaltigste der 
drei Kaiendarien ist, sind die Verzeichnisse nach ihm angeführt und 
zwar nur die Einträge erster Hand. Auch der Kommentar bietet, 
wo nicht anderes bemerkt ist, die Angaben nach K. Hier und da 
schien es ratsam, auch drei jüngere Cassineser Kaiendarien, GMD,^) 
zum Vergleich heranzuziehen, damit wir nämlich deutlich sehen, 
was in K wirklich dauernde Entwickelung und was nur eine vorüber- 
gehende Phase bedeutet. 

, Solche Urkunden, wie Kaiendarien und Ostertafeln" um mit 
den Worten Pipers zu schließen „mögen der oberflächlichen Be- 
trachtung geringfügig erscheinen; ihre Bedeutung reicht aber weiter, 
als es den Anschein hat, und sie haben Teil an der großen historischen 
Aufgabe.«*) 

^) Damit aber die Zusammenstellung an Obersicht nicht verliere, zog ich es 
vor, einige Zutaten in C und K, die von keiner besonderen Bedeutung sind, nach 
den Kaiendarien als Supplement zu geben. 

*) Die vielen Rasuren in K gebe ich nicht einzeln an. Nur die wichtigeren 
sind erwähnt. Auch einige Icaum mehr leserliche Stellen habe ich ausgeschrieben, 
wo über den Wortiaut des Textes nicht zu zweifeln war. 

*) Lejay in Revue de philologie, XVIII (1894), 42—52 hat diese drei mit P 
verglichen. 

<) Piper, Karls des Großen Kalendarium und Ostertafel. Berlin 1858, p. IV. 



Inhaltsverzeichnis 



Seite 

Einleitung X 

Die Handschriften 1 

Abdruck der drei Kaiendarien 11 

Abbatum Cassinensium depositiones 39 

Ecdesiarum dedicationes 42 

Annalistische Einträge 53 

Das Kirchenjahr. 

a) Feste des Herrn 57 

b) Feste Maria 57 

c) Heilige aus dem neuen Testament 58 

d) Alphabetisches Verzeichnis der Heiligen 58 

e) Geographisches und biographisches Verzeichnis der Heiligen .... 60 
Das Naturjahr. 

a) Jahreszeiten 64 

b) Stemerscheinungen 64 

c) Astronomische Einträge mit Bezug auf Ostern 65 

d) Ägyptische Monate 66 

Drei Festverzeichnisse aus karolingischen Kapitularien. 

a) capitula ecdesiastica (ad presb.) des Jahres 810—813 . 66 

b) concilium Moguntinense des Jahres 813 66 

c) capitulare Monasticum des Jahres 817 67 

d) Tafel dieser Verzeichnisse 67 

Kommentar zu den drei Kalendarien 69 

Verzeichnis beneventanischer Handschriften, die Kalendarien enthalten ... 83 

Verzeichnis der besprochenen Handschriften 84 



Die Handschriften. 

1. Cavensis (C). 

Der Kalender C befindet sich in der für die Etymologien des 
Isidor wichtigen Handschrift Cava 23, die auch verschiedene Computi 
und Ostertafeln vom Jahre 779 bis 873 enthält. Anfang und Ende 
der Etymologien fehlen. Die Handschrift wurde von Reifferscheid, 
der sie in einem Briefe an Gaetani insignis nannte, durchforscht, ^ und 
von Gaetani beschrieben in Codex Diplomaticus Cavensis, Tom. II, 
Appendix, Manoscritti Membranacei, p. 13 ff., wo auch Abbildungen 
aus ihr zu finden sind. Die Jahreszeiten in dem Kalender sind auf- 
fallenderweise nach Beda (secundum Graecos) und nicht nach Isidor 
(secandum Latinos) angegeben. Diese Tatsache sowie die einge- 
tragenen Ostertafeln deuten darauf hin, daß zur Herstellung dieser 
Handschrift — die ein Nachschlagebuch sein sollte — auch Beda 
herangezogen wurde. Die Handschrift ist ca. 20 x 28 cm groß, von 
zwei Händen in Langzeilen geschrieben und bietet alle Kennzeichen 
der beneventanischen Handschriften des VIII./IX. Jahrhunderts. 

Was die Herkunft dieser Handschrift betrifft, so ist Folgendes 
zu bemerken: erstens ist sie natüriich nicht in Cava entstanden, da 
sie ins VIII./IX. Jahrhundert gehört, und Cava erst 966 gegründet 
wurde. Zweitens stammt sie auch nicht aus Nonantola, wie Gaetani 
meinte. •) Da molti indizii, sagt er, che mi offre questo interessante 
codice, ho ragione di crederlo scritto nella celebre Badia di Nonan- 
tola.^) Aber was dies für Zeichen sind, die ihn auf den Gedanken 
brachten, der Kodex sei in Nonantola geschrieben, erwähnt Gaetani 
nicht. Ich selbst fand keine. 



») Bibl. Patr. lat Ital. II, 30&-308. 

«) Vergl. Traube, Textgeschichte der Regula St. Benedicti, p. 112. 
>) 1. c. p. 13. 
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. m, 2. 1 



2 E. A. Loew, 

Eine Kirchweih der Hofkapelle zu Benevent (vergl. Kirchweihen 
p. 49), die man im Kalender am 16. September eingetragen findet, 
scheint sehr dafür zu sprechen, daß Benevent die Heimat unseres 
Kodex ist. Da aber die anderen im Kalender erwähnten Kirchweihen 
sich lediglich auf Monte Cassino beziehen und die Depositiones 
Abbatum ohne jeden Zweifel Depositiones von Cassineser Äbten sind, 
so werden wir wohl verschiedene Möglichkeiten ins Auge fassen 
müssen. 

1. Die Handschrift kann in Monte Cassino für den Hof in 
Benevent verfertigt worden sein. 

2. Sie kann auch in Benevent von einer Cassineser Vorlage 
abgeschrieben worden sein, vielleicht im Kloster von St. Sophia, das 
unter Cassineser Kontrolle und in enger Beziehung zum Hofe stand, 
— Umstände, die es einigermaßen erklären, wie eine Kirchweih der 
Hofkapelle zu Benevent unter Cassineser Kirchweihen von erster 
Hand eingetragen werden konnte. 

Unsere Handschrift stammt also aus Monte Cassino oder aus 
Benevent. 1) 

Um diese Handschrift zu datieren, wollte der von Gaetani 
zitierte de Rozan von den oben erwähnten Ostertafeln Gebrauch 
machen, von denen er Folgendes sagt: Elles sont ccLlcalies poar les 
annies ä commencer de 783jusqu'ä 873. Ce qui place natarellement 
ce manuscrit dans V Intervalle de ces deux ipoques usw.«) Die 
Ostertafeln beginnen wie erwähnt mit dem Jahre 779 (nicht 783) und 
reichen bis 873. De Rozan nahm das letzte Jahr, 873, und zählte 
90 Jahre zurück, als wenn sich der Schreiber um vier Jahre geirrt 
hätte, und kam so auf das Jahr 783, — daher sein willküriicher 
terminus ante quem non. Gaetani») ließ sich, bei seinem Versuch 
die Handschrift zu datieren, offenbar durch de Rozan irre führen. 

Seine Worte lauten: la sua venerabile antichitä (von dieser 

Handschrift) di ben 1000 anni, dimostrata non tanta dalla barbara 
maniera ond' ä scritto, e dalla contorta e corrotta forma de* stioi 
caratteriy ma piü ancora dalla data delV anno 873 ultimo degli 
anni di C (100)*) segnati nel Calendario (d. h. Ostertafeln) ch'i 
cosa tutta speciale, eforse neanco priva di novitä, del nostro codice. 



Obwohl die Handschrift aus Benevent stammen kann, bleibt die Heimat 
des Kalenders noch immer Monte Cassino. 

«) Codex Diplom. Cavensis Tom. II, Appendix p. 13. 

») 1. c. p. 19. 

*) Von 783 bis 873 sind eigentlich nur 90 Jahre. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 3 

Bekanntlich sind diese Ostertafeln in Zyklen von je 19 Jahren ab- 
geteilt, ein System, das von Dionysius Exiguus in den Ocddent ein- 
geführt und von Beda verbreitet wurde. Da sie praktischen Zwecken 
dienen sollten, d. h. zur richtigen Bestimmung des Ostertages, so 
schrieb man in der Regel nur die Zyklen ab, die für die Zukunft in 
Betracht kommen konnten; man fing aber gewöhnlich nicht etwa mit 
dem Jahre an, in dem man die Abschrift vornahm (was indessen 
auch vorkommt: z. B. Rom, Casanat 641, fol. 5, und Paris lat 609) 
sondern mit dem ersten Jahre jenes 19jährigen Zyklus, m den das 
Jahr des Abschreibers fiel.^) Es handelt sich also hier nicht tmi eine 
runde Summe von 100 Jahren, wie de Rozan vielleicht meinte und 
Gaetani glaubte — was freilich eine cosa speciale gewesen wäre. 
Das Jahr 779 ist der Anfang eines 19 jährigen Zyklus und 873 ist 
das Ende eines solchen Zyklus. 

Nun ist die Verwendung dieser 19jährigen Zyklen für das 
Datieren der Handschriften immer eine gefährliche Sache. Man darf 
sie nur zur Bestätigung und Ergänzung der auf Grund der Schrift 
gewonnenen Meinung über das Alter einer Handschrift verwenden; 
für sich allein gewähren die Zyklen keinen sicheren Anhalt.») 

Da in dem Kalender Potos Sterbetag erwähnt wird, so wissen 
wir, daß die Handschrift sicher nicht älter ist als 778; und da die 
Depositio Theodemars (Potos Nachfolgers, der 797 starb) noch nicht 
eingetragen ist, so ist sie nicht jünger als 797. Die Ostertafeln be- 
stätigen diese Meinung. Sie fangen mit dem Jahre 779 an; wir 
dürfen also sagen, daß der Kodex innerhalb des ersten Zyklus von 
19 Jahren, genauer zwischen 778 und 797 verfertigt wurde, — was 
auch dem Eindrucke entspricht, den das Alter der Schrift macht«) 

Wann diese Handschrift nach Cava kam, ist schwer zu sagen. 
Sie mag mit anderen Cassineser Handschriften (wenn sie überhaupt 
von Monte Cassino herrührt), im Jahre 1263 von der Kirche Casale 
Ruptum nach Cava gekommen sein (vergl. Bethmann in Pertz' Archiv 

Steffens Behauptung, daß „man solche Tafeln mit dem laufenden Jahre 
zu beginnen pflegte'* entspricht eher der Ausnahme als der Regel (vergl. Latein. 
Paläog. Supplement zur 1. Aufl. Taf. 15). 

*) In unserem Kalender K beginnen die Zyklen mit dem Jahre 532; — die 
Handschrift aber gehört ins IX. Jahrhundert Der Beginn mit 532 geht auf Beda 
zurück, der wiederum an Dionysius Exiguus anknüpft. Schon verflossene Zyklen 
wurden deswegen abgeschrieben, weil sie Gelegenheit boten, annalistisch-historische 
Einträge zu machen. 

*) Jedoch kann ich nicht verschweigen, daß eine der beiden Hände auf mich 
einen etwas jüngeren Eindruck macht. 

1* 



4 E. A. Loew, 

X, 396). Wenn das der Fall war, so ist es merkwürdig, daß Mabillon, 
der die meisten und wichtigsten Handschriften des von ihm im Jahre 
1685 besuchten Klosters aufzählt, diese unerwähnt gelassen hat^ 
Leider sind Anfang und Ende des Kodex, wo wahrscheinlich, wie so 
oft, das Eigentumszeichen stand, abhanden gekommen. Wie der 
Codex Parisinus (P) und der Codex Casanatensis (/Q, die mit Monte 
Cassino ebenso hi Zusammenhang zu bringen sind wie dieser Kodex (C), 
auf der ersten Seite das Eigentumszeichen der Hauptkirche von Bene- 
vent noch jetzt tragen, so mag auch das verlorene erste Blatt dieser 
Handschrift jenes Zeichen gehabt haben. 



2. Paiisinus (P). 

Der Kalender P befindet sich in jener berühmten Handschrift, 
die jetzt in der Biblioth^que Nationale unter der Signatur lat 7530 
aufbewahrt wird. Sie enthält hauptsächlich grammatische Schriften 
und Exzerpte*) und ist für die Oberlieferung von manchen dieser 
Schriften und Exzerpte eine der wichtigsten Quellen: für die Ober- 
lieferung von De Metris Horatianis und der Didaskalie des Thyestes 
sogar die einzige.«) Unter den übrigen Werken*) dieser reichhaltigen 
Handschrift befinden sich ecclesiastische Computi, unser Kalender 
und Ostertafeln vom Jahre 779 (wie in Q bis 835. 'Welfach wird 
die Handschrift schon von den Verfassern des Nouveau Traitö») an- 
geführt, und eine Reihe von Gelehrten haben sich mit ihr beschäftigt.«) 
Sie ist ca. 175 x 255 mm groß, in Langzeilen von zwei oder 

Mabillon, Museum Italicum Tom. I, Pars 1, pag. 118 (Paris 1687). 

■) Commentarius ad artem Donati und de metris Horatianis von Servius; 
de partibus orationum nach Isidor; Exzerpte aus Charisius, Diomedes, Mallius 
Theodorus, Pompeius und Priscian (wo ein Zitat von Varro vorkommt), Ars rhetorica 
des Fortunatianus; de orthographia Bedas (vergl. Keil, grammatici latini IV, 
pp. XLI— XLII und II, p. Xlff.). 

*) Vergl. Kell 1. c. IV, pp. XLV, XLVII, LI, und Schneidewin Rhein. Mus. I 
(1842) p. 106: Der Thyestes des L Varius Rufus. Auch Qulcherat, Biblloth^que 
de r^cole des chartes I, p. 51 ff. 

*) 2. B. Carmen de Figuris (ed. Quicherat 1. c. p. 64) Pnidentil Hymnus in 
Eulaliam; ein Gedicht des Paulus Diaconus (ed. Dümmler, Poet, aevi Carol. I, 625). 

») Nouveau Tralt6 UI, pp. 76, 186, 187, 249, 293, 356, 357, 438. 

•) Mommsen, Zeltschrift für Alterhimswissenschaft (1845) p. 81 ff.; Quicherat 
1. c; Keil in Ecksteins Anecdota Parisina rhetorica, Halle 1852; Hertz in Keils Gramm. 
Ut. II, p. XI ff.; Keil, Gramm. Ut. IV, p. XLI ff.; Usener, Rhein. Mus. XXUI (1868) 
503; Schneidewin I.e.; Chatelain, Pal^ographie des dassiques latins, pl. 13; Lejay, 
Revue de phUologic XVIII (1894) p. 42 ff. 



Die Ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 5 

mehreren Händen geschrieben und gehört der Schrift nach zu den 
ältesten beneventanischen Handschriften. Der erste Quatemio fehlt, 
und der obere Rand ist vielfach durch Feuchtigkeit beschädigt.») 
Die Handschrift lag im XV. Jahrhundert in der Bibliothek der 
Hauptkirche von Benevent. Auf dem ersten Blatte des Kodex kann 
man noch mit Mühe unter dem Text das mit jetzt grünlich erscheinender 
Tinte im XV. Jahrhundert eingetragene Eigentumszeichen lesen. Es 

lautet: Üb ecle ben. Diesen Eintrag finden wir merkwürdigerweise 
auch im Codex Casanätensis 641, der sicherlich zu unserem Kodex 
in enger Beziehung steht, wie aus den Betrachtungen über Depositiones 
imd Kirchweihen klar hervorgeht (vergl. p. 39 ff.). Unter den ältesten 
beneventanischen Handschriften gibt es noch andere, die dieses oder 
ein ähnliches Eigentumszeichen haben.*) Sind wir nun überzeugt, 
daß dieser Kodex aus Monte Cassino stammt, so werden wir wohl 
gezwungen sein, auch die bis jetzt angenommene Herkunft der übrigen 
mit diesem Zeichen versehenen Handschriften in Zweifel zu ziehen, 
wenigstens dürfen wir nicht ohne weitere Begründung behaupten, 
diese Handschriften seien in Benevent entstanden. 

Die ursprüngliche Heimat unserer Handschrift war Monte Cassino. 
Dafür sprechen deutlich die in den Kalender eingetragenen Cassineser 
Äbte und Cassineser Kirchweihen (vergl. p. 39). 

') Abbildungen: in Nouveau Trait^ Tom. III. pl. 45, IV, 2, p. 186; pl. 48, 
IV, III, p. 236; pl. 50, V, I, p. 287; pl. 54, VI, I, p. 350; pl. 59, IV, II, p. 436; 
Chatelain, Pal^ographie des classiques latins, I, pl. 13; Delisle, Le cabinet des 
manuscrits, pL XXHI, 4; Steffens, Lateinische Paläographie, Supplement zur 1. Aufl., 
Taf. 15. 

«) Paris. 7530 (saec. VUI ex.) fol. 1 Hb ecle be^}^ 
Casanat 641 (saec. IX) fol. 1 Hb maioris ecc ben, 
Casanat 1086 (saec. IX) fol. 26v Über maioris ecc ben. 
Regin. 1823 (saec. IX) fol. 1 Hb maioris ecc ben, 

fol. 118 üb ecc ben. 
Vatic. 3313 (saec IX) fol. 1 m> psciani ecc ben. 



fol. 281 V ecclie maioris ben, 
Regin. 1267 (saec. IX/X) fol. 150v üb ecc maioris ben. 
Etwas anders lautet der Eintrag im Kodex: 

Vatic. 5007 (saec VIU und X) fol. 1 iste üb ben 

und am Schlußblatt: 

iste üb e d Barthei yd est de ben!* 



6 E. A. Loew, 

Was nun die Zeit der Anfertigung dieser Handschrift betrifft, 
so sind hier genau dieselben Tatsachen in Erwägung zu ziehen, die 
wir vorher bei der Bestimmung des Alters von C erwähnt haben. 
Demnach wurde die Handschrift zwischen 778 und 797 geschrieben. 
Die Verfasser des Nouveau Trait6 gaben der Handschrift das Datum 
816, weil, wie sie glaubten, vom Jahre 816 an eine neue Hand tätig 
war. Daß dies aber nicht der Fall ist, davon überzeugte mich meine 
eigene Untersuchung. *) Quicherat wollte die Zeit der Handschrift 
durch das im Kalender eingetragene Osterdatum bestimmen, — ein 
Versuch, der auf falscher Voraussetzung beruht (vergl. Kommentar, 
27. April).*) Auch^Lejay scheint zu weit zu gehen, wenn er meint, 
die Handschrift sei vor Ostern des Jahres 779 entstanden. Unhaltbar 
scheint mir femer seine Vermutung, daß, wenn die Handschrift einige 
Jahre nach 779 entstanden wäre, der Schreiber deswegen mit 779 
angefangen hätte, weil er mit einer neuen Serie von Indictiones be- 
ginnen wollte. Die Tafeln fangen vielmehr deswegen mit 779 an, 
weil eben der erste Zyklus, in den das Jahr des Schreibers fiel, mit 
779 begann. 8) 



3. Casanatensis (K). 

Der dritte und wichtigste der drei Kalender ist im Codex Rom. 
Casanatensis 641*) (früher B IV 18) eingetragen. Diese Handschrift 
besteht aus einem älteren und einem jüngeren Teil. Uns interessiert 
nur der ältere (fol. 1—81^). Der Kodex enthält Alcuins De Trinitate, 
Bedas Sex Aetates, ecclesiastische Computi, unseren Kalender und 
Ostertafeln vom Jahre 532 bis 1063. Die Handschrift, die durch 
Feuchtigkeit viel gelitten hat, ist ca. 255 x 205 mm groß, in Lang- 



Lejay (Rev. de phil. XVIII (1894) p. 42 ff.) hat schon vor mir diesen Irrtum 
erkannt und erklärt. 

*) Ihm folgte Chatelain (Pal^ographie des classiques latins p. 4) in seiner Be- 
schreibung dieser Handschrift, änderte aber seine Meinung in einem Nachtrag zu 
demselben Band, p. 34 (Premiere partie). 

') Das Datum, das Steffens (1. c.) für diese Handschrift angibt, ist desw^en 
zu verwerfen, weil es auf der falschen Meinung basiert, daß man solche Tafeln 
mit dem laufenden Jahre zu beginnen pflegte, — 

*) Benützt hat diese Handschrift Reifferscheid (Bibl. Patr. lat. Ital. I, 173 ff.) und 
der von ihm (1- c.) angeführte Schelestrate, der die Sex Aetates nach dieser Handschrift 
herausgab. Bethmann spricht von ihr in Pertz' Archiv XII, p. 404. Sie ist eingehender 
beschrieben von Federici in Archivio Paleografico Italiano vol. III, fasc 22. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 7 

Zeilen von einer Hand geschrieben. Sie gehört der Schrift nach in 
den Anfang des IX. Jahrhunderts. ^ 

Nach Rom, wo sie jetzt liegt, wurde die Handschrift, wie ich 
vermute, von Kardinal Casanate gebracht, der bei einer Reise in 
Kalabrien, wie uns Mabillon berichtet, *) viele wertvolle Handschriften 
gesammelt hat. Obwohl Mabillon diese Handschrift unter den in 
Kalabrien erworbenen nicht ausdrücklich erwähnt, erzählt er doch von 
den prachtvollen Rotuli des Bischofs Landolfus, die gleichfalls in 
beneventanischer Schrift geschrieben sind und vermutlich aus Benevent 
stammen. 8) Außer diesen Rotuli hat die Biblioteca Casanatense nur 
noch zwei andere alte beneventanische Handschriften, nämlich den 
Kodex 1086 und den Kodex 641, der eben unseren Kalender enthält. 
Beide Codices haben das oben besprochene Eigentumszeichen der 
ecclesia maior Beneventana; sie kamen also nach Rom offenbar aus 
Benevent, wo sie sich noch im XV. Jahrhundert befanden, und es ist 
sehr wahrscheinlich, daß sie um dieselbe Zeit wie die Rotuli Bene- 
vent veriießen. 

Daß unsere Handschrift Cassineser Ursprungs ist, beweisen, wie 
bei den anderen zwei Handschriften, die Depositiones der Äbte und 
die Kirchweihen (vergl. p. 39). Auch der Umstand, daß alle von 
erster Hand eingetragenen Kirchweihen sich auf Monte Cassino, alle 
von späteren Händen eingetragenen jedoch sich auf Benevent be- 
ziehen, deutet darauf hin, daß der Kodex zuerst in Monte Cassino 
lag und erst später nach Benevent kam (vergl. p. 51 f.). Auch die 
beneventanischen Heiligen findet man in dem Kalender erst von 
zweiter Hand eingetragen, — eine weitere Bestätigung für die An- 
nahme, daß der Kodex nicht in Benevent entstanden ist (vergl. 



Diese Beschreibung gilt nur für den älteren Teil fol. 1— 81v). 

') Mabillon, Museum Italicum Tom. I, Pars 1, p. 70. 

*) Die strittige Frage, ob hier Landolfus aus Capua oder der aus Benevent 
gemeint ist, wird an anderer Stelle erörtert. In dem Rotulus .Benedictio Fontis' 
steht LANDOLFI EPI SUM. In dem Rotulus .Pontificale- ist ein Gedicht an 
Landolfus von wenig späterer Hand eingetragen. Da heißt es unter anderem: 
Egregius presul Landolfus sanctior alter 
Tempore sab ciuus dicata est virginis aula. 
Hier ist wohl die Rede von Landolfus U., Erzbischof von Benevent, der im Jahre 
1119 das von ihm gestiftete Monte Vergine {virginis aula) einweihte (Qams, Series 
Episcoporum p. 672). Hier stimme ich überein mit Bannister gegen Mabillon (1. c)» 
S^roux d'Agincourt (Histoire de Tart par les monuments Tom. VI, p. 45, edit. 1823) 
und Langlois (M^langes d'arch^ologie et d'histoire VI, 466). 



8 £. A. Loew, 

Kommentar zum 19. Februar, 17. Juni, 14. Juli, 17. Juli, 19. Sep- 
tember, 23. Oktober, 20. November). Aus dem Eintrag über die 
Weihe des beneventanischen Bischofs Aio, der, wie feststeht, bereits 
im Jahre 875 Bischof war, dürfen wir schließen, daß die Handschrift 
schon vor 875 in Benevent lag. 

Die Handschrift Monte Cassino 3 bildet, wie ich in der Vorrede 
andeutete, einen Qemellus zu dieser Handschrift. Bis auf die schlimmsten 
grammatischen Fehler stimmen die beiden Handschriften überein. *) 
Nun hat auch die Handschrift Monte Cassino 3 Ostertafeln, die zwar 
bis zum Jahre 1063 reichen (wie die im Casanatensis), aber erst mit 
dem Jahre 874 (Anfang eines Zyklus) beginnen. Die Schrift dieses 
Kodex, die zwei Kolumnen, die Bildung der m-Ligatur (3), die Schreibart 
que für qiif (quae), und der Gesamteindruck weisen darauf hin, daß 
die Handschrift gegen Ende des IX. Jahrhunderts entstanden ist, 
vielleicht innerhalb der Zeit des ersten eingetragenen 19 jährigen 
Zyklus, d. h. zwischen 874 und 892. Dies stimmt vortrefflich zu der 
Ansicht, der Codex Casanatensis 641 sei um das Jahr 875 nach 
Benevent gekommen. Nachdem man nämlich eine Abschrift genommen 
hatte, verschenkte man den älteren Kodex d. h. den Casanatensis. 
Daß der Codex Casanatensis tatsächlich einmal verschenkt wurde, beweist 
das auf fol. 4^ eingetragene Widmungsgedicht (vergl. Kommentar zum 
22. Juli). 

Wenn der Eintrag der Beisetzung Theodemars*) (vergl. Depo- 
sitiones p. 39 f.), wie ich vermute, nicht bloß aus der Vorlage abge- 
schrieben ist, sondern tatsächlich während Gisulfs Lebenszeit erfolgte, 
so läßt sich daraus die Zeit der Entstehung der Handschrift mit 
Sicherheit bestimmen. Theodemar starb 797. Damit haben wir den 
terminiis ante quem non gewonnen. Da Gisulfs (der 817 starb) 
Depositio noch nicht erwähnt wird, so haben wir auch den terminus 
post quem non. Die Handschrift muß demnach zwischen 797 und 
817 entstanden sein. Da wir aber in der Handschrift (fol. 1) das 
Jahr 811 als das laufende Jahr bezeichnet finden, so wissen wir, daß 
sie erst nach dem Jahre 811 geschrieben worden sein kann. Auf 
fol. 5 finden wir Ostertafeln, die auffallenderweise mit 812 anfangen, 
einem Jahre, das nicht den Anfang eines 19 jährigen Zyklus bildet. 



*) z. B. für dices haben beide dicebis; für de Aetatibus, de Etes; für sumas, 
summas; für abrupt i simus, abruptissimus; für dejecti simus, dejectissimus usw. 

*) Hier hat der Kalender sep (d. i. sepultura), nicht dep (d. i. depositio) wie 
bei den übrigen Abten. 



' Die fitesten Kaiendarien aus Monte Cassino. g 

Diese Tafeln sind nur auf einer Seite eingetragen (sie reichen bis 840) 
und sprechen dafQr, daB die Handschrift in der Tat nach Ostern des 
Jahres 811 verfertigt wurde. Die Ostertafeln, die gegen den SchluS 
des Kodex eingetragen sind, beginnen mit 532, und dienten haupt- 
sachlich zur Aufzeichnung historischer Ereignisse, die man am Rande 
eingetragen findet^) Der Schreiber der Handschrift Monte Cassino 3 
schrieb die Ostertafeln 812 — 840 gedankenlos ab, obwohl sie für ihn 
keinen Wert hatten. Den großen Osterzyklus 532—1063 seiner Vor- 
lage schrieb er jedoch nicht ganz ab. Er begann mit dem ersten 
19 jährigen Zyklus, der sein Jahr enthielt, wie wir sahen mit 874, 
und schrieb seine Vortage bis 1063 ab. Die Handschrift Monte 
Cassino 3 ist demnach zwischen 874 und 893 entstanden und nicht 
etwa schon im Jahre 811 (vergl. p. V). 

Noch einige Beweise dafür, daß die Handschrift aus Monte 
Cassino stammt, möchte ich hier kurz erwähnen. Zu dem Jahre 718 
(fol. 57) der Ostertafeln findet man am Rande Folgendes eingetragen: 
hinc inci\piant an(nl) *) | domni Pe\tronacis 

zum Jahre 797») (fol. 61): 

hUic I inclpiunt \ ann{i) inslg{rüs) \ Gisulfi abb{atis)^) 

zum Jahre 818 (fol. 63): 

an{nt) C a tem\p(p)r{e) do{m)ni \ Pe\tronacis. 

Diese Einträge dürften außerdem auch für die Daten dieser Cassineser 
Äbte von Wert sein*). 



Von Annalen in beneventanischen Handschriften, von Ostertafeln und 
anderen Kaiendarien wird noch an anderer Stelle die Rede sein. 

*) Die eingeklammerten Buchstaben sind ergfinzt 

*) Der Schreiber hat DCCXV/l; d. h. er hat das C nach X aus Versehen weg- 
gelassen. 

*) Die Tinte ist so verblafit, daß man die Eintrage kaum mehr entziffern kann. 

*) Traube (Textgeschichte der Regula St Benedicti, p. 99 (697)) macht auf 
Folgendes aufmerksam: Paulus Diaconus (VI, 40) sowie die Chronik von Monte 
Cassino vom Jahre 867 (SS. Rer. Langob. p. 468) lassen Petronax im Jahre 710 nach 
Monte Cassino kommen. Nach Leo Ostiensis (I, 4 = MQ. SS. VII, 581) kommt er 
erst 720, was, wie Traube vermutet, rund für 717 gesetzt wird. Das Jahr 717 als 
Anfangsjahr seiner Abtzeit finden wir in der eben erwähnten Chronik vom Jahre 
867 (SS. Rer. Langob. p. 480) und in der Handschrift Rom Vatic lat 4958 (SS. Rer. 
Langob. p. 489), zu der jetzt die Angaben in unserem Kalender hinzukommen, die, 
wie es scheint, die ältesten handschriftlichen Zeugen für die Daten des 
Petronax sind. VergL auch Chapman, Revue b^n^dictine XXI (1904) p. 74—80. 



10 E. A. Loew, Die Ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 

Ich fasse das Ganze kurz zusammen. Die Handschrift Casana- 
tensis 641 wurde in Monte Cassino geschrieben, wie ich glaube, nach 
Ostern des Jahres 811 und vor Ostern des Jahres 812. Nachdem 
man dort von ihr um 875 eine Abschrift (Monte Cassino 3) genommen 
hatte, wurde sie nach Benevent verschenkt. Von da ist sie nach Rom 
gebracht worden, vermutlich von Kardinal Casanate. 

Für die Schreibart Petronaces vergL Savio, Analeda Bollandiana XV (1896), p. 388, 
Anm. 1. 



Abdruck der drei Kaiendarien. 

1. Die Daten mit arabischen Ziffern der ersten Spalte sind von 
mir der Obersicht halber angegeben. 

2. In der zweiten Spalte vereinige ich der Einfachheit halber die 
römischen Daten der drei Kaiendarien und verzichte auf die 
Wiedergabe von unwesentlichen Abweichungen. 

* Mit dem Stern sind die Eintrage versehen, die im Kommentar 

besprochen werden. 
Das in Klammem eingeschlossene ist ergänzt. 
K' = Zutat im Kalender K, die noch ins IX. Jahrhundert gehört 



12 



E. A. Loew, 

Januar 







Cavensis 23 


Parisiniis 7590 


1 


KaL Jan. 


Circumdsio Domini 


Dies XXXI Circumdsio Domini nostri 
lesu 


2 


minon. 


Deposltio Optati 




3 


III 






4 


II 




Depositio Optati abbatis* 


5 


Nonas 






6 


Vm Idus 




Epyphaniac • 


7 


VII 






8 


VI 






9 


V 






10 


IUI 






11 


m 






12 


II 






13 


Idus 




Odaba Theophaniae et Natalis HUarü 
confessoris* 


14 


XVmi KaL Feb. 






15 


XVIU 






16 


XVII 






17 


XVI 




Sei in Signum Aquarii 


18 


XV 






19 


xnu 






20 


XIII 




Natalis S. Sebastian! 


21 


XII 




Natalis S. Agnes 


22 


XI 




Natalis S. Vincenti 


23 


X 






24 


vim 






25 


vm 




Depositio Thomichis abbatis* 


26 


Vll 






27 


VI 






28 


V 






29 


IUI 






30 


lU 






31 


u 




nox hör. XVI dies vm 
Luna XXX 



1) Das kldn Gedruckte ist Zutat spaterer Hand. 



Die ältesten Kaiendarten ans Monte Casslno. 

Januar 



13 





Casanatensis 641 


Casanatensis Additiones 




Mensis Januarius dies XXXI 




1 


Circumdsio Domini* et S. Alamachi* 




2 
3 
4 


Dedicatio Dei genetricis Mariae* 


Dedicatio ante Conspectnm* 


Caesari Delfinus matutino exoritur 




5 


Caesari Fidicula matut. exoritur ex Egipt Sagitta 
vesper. occidit 




6 
7 
8 
9 
10 


Aepiphania 




Delfinus vespertinus occasus 


K' Natalis S. Severini 






11 


S. Leudi confessoris et episcopi 




12 


S. Hilarii Pidaviensis episcopi 




13 


Odava Epiphaniae* et S. Potiti martyris 


et S. FeUds im Pindi 


14 


S. FelidS confessoris atque sacerdotts*) 




15 






16 




Predicatio Lectiones UL S.Leoiiit episcopi 


17 


Depositio S. Antonii* Sol in Aquarium 




18 




Natalis S. Priscae 


19 






20 


S. Sauastiani* martyris et sodorom eiui 




21 


S.Agnae 




22 


S. Vincenti diaconi* et S. Anastasii ad Aqua Salvia 




23 






24 






25 


Stella Regia appdlata tuberone in pedore Leonis 
occidit matutina 


et uocatio & PauU apostoll de caelo 


26 




Sextus Esyptus mensls Mechir 


27 






28 


S. Perpetuae et Agn (etis)* 




29 






30 






31 







14 



E. A. Loew, 

Febraar 







Cavensls 23 


Parisinns 7530 


1 


KaLFeb. 




Dies XXVm 


2 


minon. 


Dies S. Mariae 


S. Symeonis 


3 


m 






4 


n 






5 


Nonas 


S. Agathae 


Natalis S. Agattie martyris 


6 


vm 






7 


Vü 




Intrat ver ik habet dies XQ 


8 


VI 






9 


V 






10 


IUI 




Natalis S. ScolasUcae 


11 


m 






12 


u 






13 


Idus 






14 


XVI Kai. Mar. 






15 


XV 


S. Faustini et lubini') 


Natalis S. Faustini et lobitae*. Diabolui 
retrorsum recessit a Domino 


16 


XIIII 






17 


XOI 






18 


XII 






19 


XI 






20 


X 






21 


vuu 






22 


VIII 






23 


VII 






24 


VI 






25 


V 






26 


IUI 






27 


III 






28 


II 




nox hör. XUII dies X 
Luna XXVUII 



') Sic. 



") iteratum. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 

Februar 



15 





Casanatensis 641 


Casanatensis Additiones 




Mensis Februarius dies XXVIII 


Lunatlo XXVmL Heb. Seoat Aegyp. 
Mechlr. Gr. Peritios 


1 


Brigidae virginis* 


Puriflcatto erit S. Dei gene- 

trids et virginis Mariie et 

ütrasura ! Dominus nosterlesusChristus 






2 


DiesS....* 






1 in templo est praesentatus et 






1 a S. Symeone susceptus 


3 




K' Capta est Baris 


4 


Fidicula vespere occidit 




5 
6 
7 


S. Agathae 




Veris initium -% habet dies XCI 




8 




LectionesV 


9 


S. Sabin! 


K' Eodem die dedicatio erit oratorUbeatl 
SebastUni 


10 


S. Scolasticae 




11 






12 






13 






14 


Diabolus retrorsum recessit a Domino 




15 


Sol in Pisces«) 




16 




Natalii S. JuIIanes virginis et martyrls 


17 






18' 




19! 


Natalis erit beati Barbati* confeasoris et 


1 


episcopi 


20j 




21 






22 






23 






24 


Exhorti * Arcturo vespertin. 


Natalis S. Matliian 


25 


Sept. Aeg. mensis Famenot 




26 






27 






28 







16 



E. A. Loew, 

Man 







Cavensis 23 


Parisintis 7580 


1 


Kai. Mar. 




Dies XXXI 


2 


VI non. 






3 


V 






4 


im 






5 


m 






6 


II 






7 


Nonas 






8 


VUI Idus 


Prima incesslo lune paschalis 


Prima Incessio lunae pasdialls 


9 


VII 






10 


VI 






11 


V 






12 


im 


Gregorii pape 


S. Gregorii papae 


13 


m 






14 


II 






15 


Idus 






16 


XVII Kai. Apr. 






17 


XVI 






18 


XV 




Sol intrat Arietem 


19 


xnii 






20 


XIU 






21 


XU 


S. Benedict! . Equinodium 


S. Benedidi et Aequinodlum 


22 


XI 


Primum pascha 


Primum pasdia et sedes epadaram 


23 


X 






24 


villi 




Sedes concurrentium 


25 


VIII 


Cradfixus et conceptus est 


Dominus noster crudfixus est et Ad- 
nuntiatio S. Mariae 


26 


VII 






27 


vi 


Resurredio Domini 


Resurredio Domini nostri lesu Christt 


28 


V 






29 


IUI 






30 


III 






31 


II 




nox hör. XII dies XU 
Luna XXX 



^) sup. ras. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino 

März 



17 





Casanatensis 641 


Casanatensis Additiones 


1 


Mensis Martins dies XXXI 


LtmatioXXX 


2 
3 


4 


S. Armelaisi 


4 






5 






6 






7 


In Charthagine Natalis Perpetuae et Felicitatis 




8 


Prima incensio lunae paschalis 




9 


Natalis Sanctorum XL coronatomm* 




10 






11 






12 


S. Gregorii papae 




13 


In Italia Milvus apparet 


Depositio Richtrdl 


14 




Sce^) . dl. 1 ApptridoMUvi 


15 






16 






17 






18 


Sol in Arietem 


. 


19 






20 






21 


Natalis S. Benedicti . Equinus occidit* matutin. 
Prima Xmi luna 




22 


Primum pascha et sedes aepactarum 




23 






24 


Sedes concurrentium 




25 


Dominus crucifixus et conceptus* 


AnnuntUtto S. MarUe 


26 






27 


Resurrectio Domini lesu Christi* . Oct Egy. mensis 
Farmuthi 




28 




Ptiriflcatio .... 


29 






30 






31 







QueUen u. Untenach. z. lat. Philologie des MA. m, 2. 



18 



E. A. Loew, 

April 







Cavensis 23 


Parislnns 7530 


1 


Kai. Apr. 




Dies XXX 


2 


IUI non. 






3 


III 






4 


II 


Ultima incessio lune paschalis 




5 


Nonas 




Ultima incessio lunae paschalis 


6 


VIII 






7 


VII 






8 


VI 






9 


V 






10 


rni 






11 


in 






12 


u 






13 


Idus 






14 


XVm KaL Mai. 






15 


XVII 






16 


XVI 






17 


XV 




Sol in Taurum 


18 


XIIII 






19 


XIII 






20 


XII 






21 


XI 






22 


X 






23 


villi 






24 


VIII 




S. Georgii martyris 


25 


VII 


S. Martini 1) cvangelistae 


Natalis S. Marci evangelistae et ulti- 
mum pascha 


26 


VI 






27 


V 






28 


im 






29 


III 






30 


11 




nox hor. X dies XIIII 
Luna XXVIIII 



Sic. 



Die ältesten Kalendarlen aus Monte Cassino. 



19 



April 





Casanatensis 641 


Casanatensis Addltiones 


1 


Mensis ApriUs dies XXX 


Luna XXVmi 


2 
3 


In Attica Vergiliae vespere occultantur 




4 




K' Ambrotias Mediolanensls obUt 


5 


Ultima incensio lunae paschalis 




6 


Eadem in Boeti a Caesario et Chadeis Orion et 




7 

8 

9 

10 


gladius eins incipiunt abscondi 








11 


Natalis Leonis papae* 




12 






13 






14 






15 






16 


Aegypto Sucule occidunt vespere vulgo appellatum 
sidus Parilicum idem Caesari 




17 


Sol in Taurum 




18 




K* Umma liuia XIUI . patcbae Hebreonun 


19 






20 






21 


Urbis Romae Natalis aiisüni* - Valeriani ' Maximi 
Tiburtii 




22 






23 




Lectiones m 


24 


Natalis S. Georgii 


Lectiones V. Tres pueri in BabylonU de 
fornaci liberati sunt 


25 S. Mard evangelistae et Letaniae maioris* Canis 


K' Ulttmum pascha Chilstianorum 


vespere occultatus 




26 Non. Aeg. mensis Pachon 




-; 


K' 


hoc die in anno incarnationis Do- 
mini DCCCLXXn . . .victoriam de 
Saracenis per . . . anno prindpatns 
dus xxvmi V 


28; 




29l 




30 









2* 



20 



E. A. Loew. 

Mai 







Cavensis 23 


Pftfislniis 7630 


1 


KaLMal 




Dies XXXI . Natalis S. PhUippi ipos 


2 


VInon. 






3 


V 


Inventio Cnids 


Inventio sanctae Cnids 


4 


nn 






5 


m 






6 


n 


Depositio Petronads 


Depositio Petronad(s) abbatit 


7 


Noius 




4 


8 


Vm Mos 


S. Vldoris 


Natalis S. Victoris martyris 


9 


vn 


Aestatis initium 


Aestatis initium habet dies XC 


10 


VI 






11 


V 


S. Panaatii 




12 


nn 




Natalis S. Pancratii martyris 


13 


ni 






14 


u 






15 


Idus 


Pentecosten primum 




16 


XVn Kai. Jun. 






17 


XVI 






18 


XV 




Sol in Gemini 


19 


xnn 






20 


xin 






21 


xn 






22 


XI 






23 


X 






24 


viin 






25 


VÜI 






26 


VU 






27 


VI 






28 


V 






29 


nn 






30 


m 






31 


u 




nox hor. VIII dies XVI 
LunaXXX 



>) Sic 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 

Mai 



21 





Casanatensis 641 


Casanatensis Additiones 




Mensis Malus dies XXXI 


Lttoa XXX 


1 


Natalis S. Phiüppi apostoli 


et Ucobl et IniUttm praedictUonis Domlni 
nostri lesu Christi 


2 
3 

4 


Inventio sanctae Crucit*.Unibra absumiturinMeroe 




5 
6 


Deprecatio Petronaci(s) abbatis* 


K' « Depositto PaschaUt« « 


7 


S. \^ctoris* 




8 


S. Angeli* . Ortus Vergiliarum « Aeg. Canis vespert 
occultatur 




9 


Aestatis initium habet dies -)^- XC 


S. Victoris JEL martyris 


10 






11 


Primum Pentecosten 




12 


Natalis S. Pancratii* 




13 


Fidiculae exhortus') Arcturi exortus matutin . Arcturi 
occasus 




14 






15 






16 






17 






18 


So! in Geminos 




19 




Lectiones in 


20 




S. EusUsU 


21 






22 






23 






24 






25 




K* S. Secundini 


26 


Dec Aeg. mensis Pauni 


S. Theodor! martyris 


27 






28 






29 






30 






31 







22 



E A. Loew, 

Juni 







Cavensis 23 


Parisinus 7530 


•1 


KaLJtin. 




Dies XXX 


2 


minon. 






3 


m 


Dedicatio S. Benedict! 


Dedicatio S. lohannis S. Benedict! d 
S. Faustin! 


4 


n 






5 


Nonas 






6 


VlUIdus 






7 


vn 






8 


VI 


Dedicatio S. Stephan! 


Dedicatio S. Stephan! 


9 


V 






10 


mi 






11 


m 




Natalis S. Bartholomae! 


12 


u 






13 


Idus 






14 


XVUI Kai. Jul. 






15 


XVU 






16 


XVI 


Natalis S. Nicandri et martyris 




17 


XV 




S. Nicandri in Benafro et Sol intnl 
cancnim 


18 


XIIII 






19 


XUI 


S. Gerbasii et Protasii 


SS. Gervasi et Protasii ^) et Dedicatio 
S. Scolasticae* 


20 


XII 






21 


XI 






22 


X 


lacobi Alphei 


Natalis S. lacobi apostoli 


23 


VIIU 






24 


vm 


Natalis S. lohannis baptistae et 
Solstitium 


S. lohannis baptistae et Solstitium 


25 


vu 






26 


VI 


lohannis et Pauli 


Natalis S. lohannis et Pauli 


27 


V 


DedicaüoS.Petri 


Dedicatio S. Petri 


28 


IUI 


Leonis pape 


Natalis Leonis pape 


29 


m 


S. Petri et Pauli 


Natalis apostolorum Petri et Pauli et 
Depositio Potonis abbatis 


30 


II 


Depositio Potoni(s) abbatis 





^) Lejay (L c) hat fälschlich Protei statt Prot(zs\i)et gelesen. *) v. Supplementum. *) sie 



Die ältesten Kalendarien aus Monte Cassino. 

Juni 



23 





Casanatensis 641 


Casanatensis Additiones 




Mensis lunius dies XXX 


Luna XXVmi 


1 

2 
3 




S. Erasml episcopi et martyris 


DedicatioS. Faustini* 




4 


Initium Diesii mensis secundum Graecos 


Predlcatlo Lectiones DC 


5 


Sepultura Theomar») abbatis* 


Dedicatio erlt S. Bartholomei apostoU») 


6 
7 
8 
9 
10 




S. Vincentii episcopi in Mebania 


Dedicatio oratorii S. Stephani* 






Lectiones IX 


11 


S. Bamabae apostoli* 


Depositio Raccausi 


12 






13 




K' In Persida S. Bartholomei apostoli 
depositio 


14 




S. Mardani episcopi et confessoris 


15 


S.\^ti* 


Modesti et Crescentlae 


16 




lim SS. martyrum Nlcandri* et MarcUnl 


17 


So! intrat in Cancrum 


IUI Natalis beati Bartholomei* apostoU 


18 






19 


SS. Gervasii et Protasii 




20 


Solstitium 




21 






22 


////// Natalis Paulini Nolensis* episcopi 




23 






24 


Natalis S. lohannis* bapüstae 




25 


(XI) Aeg. mensis Epifi* 




26 


Natalis SS. lohannis et Pauli 




27 


Dedicatio S.Petri* 


vlTKinum Plstis . Elpls . Agapls et 

Sophlae matris eanim 


28 


S. Leonis papae 




29 


Apostolorum Petri et Pauli 




30 


Depositio Potoni(s) abbatis* 





24 



E A. Loew, 

JuU 







Cavensis 23 


Pftrisinns 7630 


1 


Kal.JuL 




Dies XXXI 


2 


VI non. 






3 


V 






4 


rni 






5 


UI 


Dedicatio S. Martini 


Dedicatio S. Martini 


6 


II 




Odaba Petri et Pauli 


7 


Noius 






8 


Vnildus 






9 


vn 






10 


VI 






11 


V 






12 


im 




Natalis Naboris et Felids 


13 


m 






14 


n 




Dies Caliculares») 


15 


Idus 






16 


XVII Kai. Aug. 






17 


XVI 






18 


XV 


Depositio Ermeris abbatis 


Depositio Ermeris abbatis 


19 


xmi 






20 


XIII 


S. Severi 


Natalis S. Severi episcopi in Casino 


21 


XII 






22 


XI 






23 


X 


S. ApoUenaris 


Natalis S. ApoUenaris in Rave(nnate) 


24 


viin 






25 


VIII 


S. lacobi Zebedei 


Natalis lacobi fratris lohannis 


26 


VII 






27 


VI 






28 


V 


Nazarii et Celsi 


Natalis SS. Nazarii et Celsi L 
Med(iolano) 


29 


IUI 






30 


III 






31 


II 




nox hör. VIII dies XVI 
LunaXXX 



1) Sic 



») oratorii superscr. 



Die Ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 

Juli 



25 





Casanatensls 641 


Casanatensls Additlones 


1 

2 
3 


Mensis lulius dies XXXI 


K' Luna XXX 




SS. mtrürum Processi et J^iarttnitni 


4 
5 


Dedlcaäo oratorii»)* S. Martini* 




6 


Octaba apostolorum 




7 


llllll 




8 

9 

10 




S. ApoUonU 




NaUüU S. FeUdUtis et fllionim eltis 


11 




SS. martyram lasonis et Mauri. Lectiones 

m 


12 


Naboris et Felids sanctonim 


Lectiones in 


13 


Margarite Sanctae* 


Dedicatio erit oratorii beati Victoria 
martyris . Lectiones m. 


14 


Dies Canicularii iuxta Ypograten ■) 


et 4edicatio oratorii S. Barbati* in Bene- 
vento 


15 


lüllll 


S. Virginls. Eodem die S. Cyrid mar- 
tyris . Lectiones m 


16 




K' S. Vitaliani . LMtiones m 


17 




K' Consecratio Alonls* episcopi 


18 


Depositio Ermerissi* abbatfs . So! in Leonem 




19 






20 


S. Severi episcopi 


K' et S. Praxedis 


21 






22 


S. Mariae Magdalene* 


Lectiones. IX 


23 


S. Apollenaris 




24 


Aquile occasus 




25 


S. Christinae* et S. lacobi Zebedaei apostoU apottou 
tnbU beati lobannli apottoU «t evangellttae 


Xn Aesyp. mensis 


26 






27 






28 


SS. Nazarii et Celsi 




29 




S. Lnpl . . . confessoris et episcopi 


30 


Umbra sumitur in Meroae . Abdon et Sennae 




31 




(Dedi)catio S. Potiti martyris 

* 



26 



E. A. Loew, 

August 







Cavensis 23 


Parisinns 7590 


1 


KaL Aug. 


Machabeorum 


Dies XXXI . SS. Machabeorum 


2 


lUInon. 






3 


m 






4 


II 






5 


Nonas 






6 


Vm Idu8 


Xysti episcopi 


Natalis S. Xysti martyris et episcopi 


7 


VII 


Autumni ^) initium 


Natalis S. Donati . Autumni X dies . 


8 


VI 






9 


V 






10 


mi 


S. Laurent! 


Natalis S. Laurenti martyris 


11 


m 






12 


II 






13 


Idus 






14 


XVIIIIKal.Sep. 






15 


XVIII 


Adsumptio S. Marie 


Transitus S. Mariae virginis 


16 


XVU 






17 


XVI 






18 


XV 






19 


xim 






20 


XIII 






21 


XII 






22 


XI 


Depositio Gratiani abbatis 


Depositio Gratiani abbatis "^ 


23 


X 






24 


villi 






25 


VIII 


Bartholomei apostoli 


S. Bartholomei apostoli 


26 


VII 






27 


VI 






28 


V 


S. Augustini Ypponiensis 


Natalis S. Augustini episcopi 


29 


Uli 


S. lohannis baptistae decollatio 


Decollatio S. lohannis baptistae 


30 


III 






31 


II 




nox hör. X dies XIIII 
Luna XXVIII 



>) Autunni in cod. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 



27 



August 





Casanatensts 641 


Casanatensis Additlones 




Mensis Augustus dies XXXI 


K" Lunt xxvnii 


1 


Machabaeorum* VU fratrcs cum matre 


Befttisstmoram martyrum Machibeoruin 

Vniritrum qui püsl suot »ubAntiocho 
fege cum matre 


2 




Nitttb S. Stepfaanl episcopj M martyiis 


3 




Uct[oiie> UI 


4 
5 




X[iti eplseopi FetlclMiml et Aeipttt 
ntAriyris LecUoa« V 


6 


ßoinae Xysti Felicissimi et Agapltl* K* martyrum 


el tftnsflguffttfo DomtQl In monte 


7 


S, Donau episcopi , AuluTuni lnitiuin # habet dies 


'IUI Lectlanes in Ded[utj(o) S. Sosü 




XCII 


dijconl 


8 




|] j i S. Clrtad Lacvltae martyrli et s<KJorum 
dus 


9 




Uctloan X 


10 


S. Laurentli {|| | levlt« ic muiyds , 




11 






12 




Caisfanl coafcssoris et episcopl . Lectiooei 
itl et S. EupLI mortyil» 


13 


S-YppolitietS^Cassiani* 


LectioDM tu 


14 






15 


Assumptfo S. Madae* 




16 






17 






18 


Sol In Virginem 




19 






20 






21 






22 






23 




Natttii S. TlmotHci m&rtyrk . LectfoneslX 


24 


S. Baftholomaei apostoJi'*' 


Tnmlatio de ladla Jn Lypidm 


25 




Natalis S. Mercudl martyrü . iulumao 


26 




MaUUi S. SamiC?) ..... conrcisoHs et 
tfiicopi 


27 






28 


5, Au^stini Ipponl Reglensts 




29 


DecoUatio S. lohannis bapüstae . Primus Aeg. m. 


Fdmus Aegyp. ment Is 


30 






31 







28 



E. A. Loew, 

September 







Cavensis 23 


Parisinns 7530 


1 


KaL Sep. 


ConstantU et Fel(icis?) 


Dies XXX . Natalis Constantii c 
FeUciani 


2 


ininon. 






3 


m 






4 


n 






5 


Nonas 






6 


VUI Idus 






7 


VII 






8 


VI 


NatalisS. Marie 


Natalis S. Mariae sectindtuii camem 


9 


V 






10 


IUI 






11 


m 






12 


II 






13 


Idus 






14 


XVra Kai. Oct. 


G>raelii et Cyprianis 


NataUs CoraeU et Cipriani 


15 


xvn 






16 


XVI 


in palatio Bencventano* 




17 


XV 


dedicatio ecdesiae S. Salba- 
toris 


Sol intrat Libram 


18 


XIIII 






19 


XIII 






20 


XU 






21 


XI 


Matthei apostoli 


S. Mathe! evangeüstae in Persida 


22 


X 






23 


VIUI 






24 


VUI 






25 


vn 






26 


VI 






27 


V 


Cosme et Damiani 


Natalis SS. Cosme et Damiani 


28 


IUI 






29 


lU 






30 


u 


S. Hieronimi 


Depositio Hieronimi presbyteri qi 
vixit annos XCI 

nox hör. XII dies XU 
LunaXXX 



^) corr. canicularmm. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 



29 



September 





Catanatensis 641 


Casanatensis Additiones 




Mensis September dies XXX 


K' Luna XXX 


1 


SS.ConstantiietFeliani* 


Lectiones IX . et duodedm fratram id 
est Donat . et fratmin eonini 


2 
3 

4 




NataUs S. PrUd epUcopi et martyris 


5 
6 
7 




Lectiones IX 


8 

9 

10 


NativitasS-Mariae* 








11 


Finis Caniculanim ^) dierum 




12 




Depositio Rodelgardl 


13 




Lectiones IX 


14 


SS. Coraelii et Cypriani et 


Ezaltationis* -f 


15 






16 


S. Euphemiae 




17 


So! in Libram 




18 




Uctiones IX 


19 




SS. lanuarU epUcopi* Festt et DetiderU 
et sodorum eorum 


20 


Aequinoctium 


IUI S.Celestes Lectiones III 


21 


Mathd apostoll et evangelistae 




22 


PassioS.Mauricii* 


Ucttones V 


23 






24 






25 






26 




Lectiones IX 


27 


Cosmae et Damiani martyrum 




28 


See. Aegy. mensis 




29 


Dedicatio ba8Uic*(ae Michaelis ArchangeU) 




30 


In Betleem Iud*(aeae S. Hieronymi) 





30 



E. A. Loew, 

Oktober 







Cavensis 23 


Parisinns 7530 


1 


Kai. Oct. 




Dies XXXI 


2 VInon. 






3 


V 






4 HU 






5|III 






6 U 






7 


Nonas 




Natalis S. MarceUi 


8 


VIII Idus 






9 VII 


S. Dionisi 




10 


VI 






11 


V 






12 


IUI 






13 


m 






14 


II 






15 


Idus 






16 ! XVII Kai. Nov. 






17 i XVI 






18! XV 


Lucae evangelistae 


Natalis S. Lucae evangelistae 


19 1 XIIII 






20 1 XIII 






21 , XII 






22|XI 






23, X 






24 '■ Villi 






25 VIII 






26 


VII 






27 


VI 






28 


V 


Simonis et Thadei 


Natalis apostolorum Simonis et ludae 


29 


IUI 






30 


III 


Germani episcopi 


Depositio S. Germani episcopi Ca- 
p(uensis) 


31 


II 




nox hor. XIIII dies X 
Luna XXVIIII 



') superscriptum. 



•) super ras. 



•) eras. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 

Oktober 



31 





Casanatensis 641 


Casanatensis Additiones 


1 

2 
3 
4 
5 
6 


Mensis Octuber dies XXXI 


Luna XXVIffl 


Dedicatio basilicae beati Benedicti in Castro Casino* 






Predicatio . Lectiones m 


7 
8 
9 




K' SS. martyrum Marcelli et Apolel 


Dionisii Rustici et Eleutherii 


Deposltio GuandelperU ]Ci(astaldi flU . . 






Gari Potonis 


10 






11 






12 






13 




* Visi sunt igniculi in modum stellarum 
per totum caelum crebrius dlscurrere | 
cum magnis radiis a media fere . . 
nocte . . usque ad daram diei lucem . 1 
Hoc etlam die Abraham rex Ismaheli 
tanim mortuus est Calabrle, | aui 
cum magna multitudine ab Afric« 
exiens | Italiam intraverat anno Domini 
DCCCCn . Ind. VI •,• 


14 






15 




S. Tamari . confessoris et episcopi 


16 






17 






18 


S. Lucae evangelistae . So! in Scorpium 




19 






20 






21 






22 






23 




DedicaUo erit^) oratorii beati lanuarii* | 
episcopi*) et^) martyris*) (Intus Bene- 
venti)») 


24 






25 




1 1 1 j Translatlo erlt beati Bartholomei apos- 
toli de Liparim in Benebentum.*) in 
marg. Indic III . factus est terrae 
jnotus magnus 


26 






27 


. . . is pre ann. LVangelo revelat | VIII K. lulias 




28 


(Nat SS. apostolorum Symonis et lüde* . III Aeg. m. 
Athir) 


Natalis SS. Apostolorum Symonis et lüde 


29 






30 


(S. Germani . episcopi)* 


Natalis S. Germani confessoris et episcopi 


31 







32 



E. A. Loew, 

November 







Cavensis 23 


Paiitinns 7680 


1 


Kai. Nov. 




Dies XXX 


2 


nn non. 






3 


m 






4 


u 






5 


Nonas 






6 


VIU Idus 






7 


VU 


Hiemis initium 


Hiemis initium X habet dies 


8 


VI 






9 


V 






10 


UU 






11 


m 


S. Martini 


Natalis S. Martini episcopi et ex» 
fessoris 


12 


u 






13 


Idus 






14 


XVniKaLDec 






15 


xvn 






16 


XVI 






17 


XV 






18 


xim 






19 


XIII 






20 


XII 






21 


XI 






22 


X 


S. Cedliae 


Natalis S. Ceciliae virginis 


23 


vim 


S. ClemenUs 


Natalis S. Clementis 


24 


VIU 




Intrat hiemps pennan(ens) dies XC 


25 


VII 






26 


VI 






27 


V 






28 


im 






29 


III 






30 


II 


S. Andrea« 


Natalis S. Andreae apostoU 
noxlior. XVI dies Vm 
LunaXXX 



') superscriptum. 



*) Sic 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 

November 



33 





Casanatensis 641 


Casanatensis AdditJones 




Mensis November dies XXX 


K- LuM XXX 


1 




K' Feitivitas onmlum sanctonmi* | 


2 






3 






4 






5 




S. Ttofima virgiuls 


6 






7 


Hiemis initium « habet dies XCII 




8 


Occasus Vergiliarum 




9 




K' Tlicodoiis minyita 


10 




K- S. Mcnaatii 


11 


S. Martini* 




12 






13 






14 






15 






16 






17 


Tcde virginis* ti martyris . Sol in Sagltlariuni 




18 






19 






20 




Didlallo alt') oraloiU S. Mirdanl* 
venia 


21 






22 


S. Ceciliae martyri. 




23 


S. Clemenlis eplicopl et martyris 




24 




S. Gtho^oaP) el lodoinm 

conini nuKlyruin 


25 






26 




S. PUrl Alcuadilai vdricpltcopi 


27 


Quartus Aeg. mensis Choeac 




28 






29 






30 


S. Andceae apostoli 


• 



Qnelltn u. Untenach. x. Ut Philologie dei MA. III, 3. 



34 



E. A. Loew, 

Dezember 







Cavensis 28 


Parislnns 7530 


1 


Kal.Dec 




Dies XXXI 


2 


minon. 






3 


m 






4 


n 






5 


Nonas 






6 


Vm Idus 


S. Ambrosii 




7 


VU 




Natalis S. Ambrosii* episcopi 


8 


VI 






9 


V 






10 


im 






11 


m 






12 


u 






13 


Idus 






14 


XVmi Kai. Jan. 






15 


xvra 






16 


xvu 






17 


XVI 






18 


XV 




Sol in Capricomu 


19 


xim 






20 


xm 






21 


xn 


Thome apostoli 


Natalis S. Thomeae apostoli In bidon 


22 


XI 






23 


X 






24 


vmi 






25 


VIII 


Nativitas Domini lesu Christi 


Nativitas Domini nostri lesu Christi 


26 


VII 


S. Stephani 


Natalis S. Stephani 


27 


VI 


S. lohannis evangeliste 


Natalis S. lohannis evangelistae 


28 


V 


Innocentonim ') 


Innocentonim ') 


29 


mi 






30 


III 






31 


II 

• 


S. Silvestri 


Natalis S. Silvestri papae 



Sic. 



Die ältesten Kalendaiien aus Monte Cassino. 

Dezember 



35 





Casanatensls 641 


Casanatensls Addltiones 


1 

2 


Mensis December dies XXXI 


Lunt XXTX 






3 






4 






5 




Delflni ezortus . Delf . Predicaüo . Ltctlo- 

nes vnn 


6 




Beati Nicolai epUcopi 


7 




confessoris | Consecrttlo episcopttus 


8 






9 






10 






11 






12 






13 


S. Ludae 


et S. Eustrati martyris 


14 


S. Zenonis* 


Dedicatto S. Nicandri et S. Tamtri et 
S. Sinoü 


15 






16 






17 




Natalis S.Adiutoris confessoria etepiscopl 


18 


Sol in Capricomu 


Dedicatio* erit huius sanctae ecdesiae 


19 






20 






21 


Thomae apostoli . Solistitium ») 




22 




Sol obscuratumi) est Indictio Xu 


23 






24 






25 


Naüvitatis Domini nostri Jesu Christi 




26 


Natalis S. Stephani mtrtyris 




27 


Natalis S. lohannis euangelistae 


Quintus Aegyp. mensis 


28 


Natalis Innocentium 




29 






30 






31 


S. Silvestri papae et S. Columbae virginis* 





3* 



36 £- A. Loew, 

Supplementum. 

1. Cavensis additiones: 

in marg. inf. sab mens. Feb. man. s. XlXI addidit: 
Aprelis numerum dant norme et Julius I, 
Octuber binos deducit margine mensis. 
Magius et ille Janus conportant vertice temos. 
Quadtuor Augustus solus de limite sumit, 
Martius ipse gerit quinos, quinosque Nobember. 
Junius et Sabath hoc monstrant ordine senos, 
September septem* portant sie ille December, 
Isti et concurrentes aptant hoc ordine senos. 

In marg. inf. sab mens. Mar. man. s. XlXI addidit: 
Ortum sacre quisque cupis nosse quadragesime, 
Ebreorum seu^ pasche invenire ferias. 
Sic per annos X et Villi reguläres computa*, 
Undecimus ac secundus nee non quintus decimus. 
Unum anni reguläre nempe sumunt pariter. 
Binos annos quartus tantum, sie septimus decimus. 
Temos portant sextus annus decimus pariter. 

In marg. inf. sab mens. Mai et Juni man. s. XlXI addidit: 
Nonus decimus concordat horum namque ordini, 
Quattuor octabus annus atque duo decimus. 
Sextus decimus simul gestaut quattuor. 
Primus annus quinque habet ac quintus similiter. 
Quartus decimus hoc sequens octabusque* decimus. 
Tertius sex annus sumit cum socio septimo. 
Septem quoque nonus annus tertiusque decimus. 
Isti quoque et concurrens juncti monstrant ferias 
Ebreorum tam paschales quamque quadragesime. 

2. Casanatensls additiones: 

Mens. Jan. in marg. super, man. s. XI: 
Hebrei Tebeth, Egyptii Tiby, Greci Audeos 

*) In Codice Diplomatico Cavensi Tom. III, Append. p. 32 falso scripsit 
Qaetani septe pro Septem ; p. 33 conputa pro computa ; p. 34 qui pro que. 

*) Ich verzichte hier und weiterhin darauf diese Texte, die für mich neben- 
sächlich sind, zu verbessern. 



Die Ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 37 

Principium Jani sancit tropicus Capricomusi) 
Men. Jan. in calendis nox habet horas XVIII, dies habet horas VI. dies 
triginta una | in eo est luna tricesima. Hora prima et undecima peef XXVII 
hora secunda et X | peef decemet VII. Hora tertia et nona petf XVIII | 
hora quarta et octaba pef XI, hora quinta et | septima pef VIII 
hora I sexta pefVII. 

Mens. Febr. in marg. super, man. s. X.: 

Mense Nume in medio solidi stat sidus Aquarii^) 
man, s, XI: 
et cum bissextus fuerit habet dies XXVIII et luna XXX 
man, s, X: 
Adar mensis duodecimus apud Hebreos. Peritios. Mechir 

Mens, Mar. in marg. super, man. s. X.: 

Procedunt duplices in Martia tempora Pisces^) 
Nisan qui est mensis primus in scripturis secundum Hebreos: 
Apud Egyptios Famenoth. Gr. Dystros 

Mens. Apr. in marg. super, man. s. X.: 

Respicis Apriles Aries Frixee Kalendas^) 
Thar .... Xanthicus Farmuthi 

Mens. Mai in marg, super, man. s. X.: 

Maius Agenorei miratur comua Tauri^) 
Siban Pachon Artemiseos 

Mens. Jun. in marg. super, man. s. X.: 

Junius aequatos caelo videt ire Ladonas^) 
Thammus Pasm Deseos 

Ad non. Jun post Dedicatio erit S. Bartholomei apostoli man. 

recentior addidit: 
Si autem hec dedicatio venerit intra ebdomadam 
de hoctaba Pentecostes, non praedicetur nee legatur de . . . 
tantummodo tres lectiones per noctes quomodo in albis. 

Mens. Jul, in marg. super, man. s. X.: 

Solstitio ardentis Cancri fert Julius destram^) 
Ab Epyphi Panemor 

Mens. Aug. in marg. super, man. s. X.: 

Augustum mensem Leo fervidus igne perurit^) 
Elul Loos Mesore 



>) cf, Beda, De temporum ratione, Cap. XVI = Migne RL XC, 358, 



38 E. A. Loew, Die Ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 

Mens. Sept. in marg. super, man. s. X.: 

Sidere ^^^go tuo Bacchum September opimat^) 
Tisri Toth Gorpyeos 

Mens. Oct. in marg. super, man. s. X.: 

Aequat et Octimber sementis tempore Libram^ 
Maresuan Yperbereos Paosy 

Mens. Nov. in marg. super, man. s. X.: 

Scorpius hibemum praeceps iubet ire Novembrem^) 
Chasleu Athyr Dyos 

Mens. Dec. in marg. super, man. s. X.: 

Terminal arcitenens medio sua Signa Decembri^) 
Thebeth Choeach Apileos 



») cf. Beda, De tempomm ratione, Cap. XVI = Migne, P±. XC, 



358. 



Abbatutn Cassinensiutn Depositiones 



Dcpos. 


P. 


C. 


K. 


Leo Ostiensis 


6. Mai 

4. Jan. 

18. Jul. 
22. Aug. 
25. Jan. 
29. Jun. 

5. Jun. 


Petronax (718—750) 
Optatus (750—760) 

Ermeris (760—760) 
Gratianus (760—764) 
Thomichis (764—771) 
Foto (771—778) 


Petronax 

Optatus 
(2. Jan.) 

Ermeris 

Gratianus 


Petronax 
Ermerissi 


6. Mai 

4. Jan. 

18. Jul. 
22. Aug. 
25. Jan. 
29. Jun. 

5. Jun. 


Poto 
(30. Jun.) 


Poto 

(30. Jun.) 

Theodemar^) 
(778-797) 



Aus dieser Zusammenstellung wird uns folgendes klar: 

1. Daß man die Todestage dieser Äbte mit der Zeit zu feiern 
aufhörte. Während in P die ganze Reihe der Äbte aufgezeichnet«) 
ist, vermissen wir Thomichis in C, und bei K fehlt schon die Hälfte. 
In einem anderen Kalender, der in der Handschrift Monte Cassino 
230 steht, die jetzt zu Monte Cassino liegt und sicher dort um das 
Jahr 969 geschrieben wurde, kommt kein einziger von diesen 7 Äbten 
vor, geschweige denn in den späteren Cassineser Kalendarien. 

2. Daß die Kalendarien P und C nicht älter sind als 778, da 
sie schon Potos Sterbetag kennen. Sie dürften wohl zwischen 778 
und 797 entstanden sein, d. h. während des Abttums Theodemars, 
dessen Todestag sie noch nicht erwähnen. 



>) Der Kalender hat Theomar, 

') Selbstverständlich ist hier die Rede von Einträgen erster Hand. 



40 E. A. Loew, 

3. Daß /C jünger ist als 797, da er Theodemars Todestag bringt, 
aber älter als 817, da die Depositio des Gisulfus (Theodemars Nach- 
folger, der 817 starb) noch nicht eingetragen ist Aus anderen, 
inneren Indizien (von denen oben die Rede war, vgl. p. 8 f.) geht 
hervor, dafi die Handschrift, in der K steht, nicht vor dem Jahre 811 
entstanden sein kann; also ist K als Kalender zwischen 811 wid 817 
verfertigt worden, genauer gesagt, zwischen Ostern 81 1 und Ostern 812. 

4. Daß die sämtlichen Depositiones in P genau mit den Daten 
in der Chronik des Leo Ostiensis übereinstimmen. Als Chronist ist 
Leo gewissenhaft und zuveriässig; wo er also zusammen mit P ein 
anderes Datum angibt als C und /C, dürfen wir wohl annehmen, dafi 
die richtigere Oberiieferung bei P und Leo zu finden ist^ Nur in 
zwei Fällen gehen die Kaiendarien auseinander: 

1. Optatus' Todestag in C =2. Jan. 

„ „ bei Leo und in P = 4. Jan. 

2. Potos Todestag in C und /f = 30. Jun. 

„ . bei Leo und in P = 29. Jun.«) 

Die Daten 4. Jan. für Optatus und 29. Juni für Poto werden wohl 
die richtigen sein. 

Schließlich möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß der Verfasser 
des Kalenders K die Beisetzung Theodemars nicht mit dem gewöhn- 
lichen Ausdruck dep {depositio) bezeichnet, sondern mit sep {sepul- 
iura oder sepultiis\ so daß die Vermutung nahe liegt, dieser un- 
mittelbarere, anschaulichere Ausdruck möchte vielleicht daraus zu 
erklären sein, daß der Schreiber den Tod Theodemars selbst erlebte. 



Danach sind auch, wie ich glaube, die Daten in Tostis Liste der Abte zu 
verbessern und zu ergänzen (Storia della Badia di Monte Cassino, Anhang zu 
Tom. UI). Lejay in seinem Kommentar (Rev. de Philo!. XVIII, pp. 44 und 47) machte 
darauf aufmerksam, daß Tosti in zwei Fällen von der Oberlieferung in P abweicht 
Jedoch gibt Lejay die Daten nach Tosti. Tostis Liste gibt kein Datum für den 
Todestag des Petronax (daher fehlt es auch bei Lejay), obwohl das Datum im ersten 
Bande von Tostis Werk zu finden ist Der Sterbetag des Optatus ist bei Tosti der 
4. Juni; dies beruht offenbar auf Verwechselung. Statt Jan. las Tosti Jun. Potos 
Todestag setzt Tosti auf den 22. August an. Das wird wohl nicht das Richtige sein. 
Bessere oder ältere Quellen als unsere zwei Kaiendarien aus dem Ende des 
VIII. Jahrhunderts (P und Q, oder aus dem Anfang des IX. (/Q, — um von Leo ab- 
zusehen — wird er kaum benützt haben. Für Theodemars Todestag schließlich bringt 
er gar kein Datum, — während Leo ausdrücklich sagt defunctus est nonis Juniis 
(Chron. Casin. I, 16, ed. Wattenbach = MG. SS. VII, 591). Genau dasselbe hat auch /f. 

*) Auch rein paläographische Erwägungen sprechen dafür, daß die richtige 
Lesart der 29. Juni ist Da in der Vorlage von C und K auf der Zeile, wo der Eintrag 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 41 

Von keiner Bedeutung ist in K der abweichende Ausdruck 
Deprecatio Petronacis — was^ier keinen Sinn hat. Der Schreiber 
hat offenbar die Abkürzung dep (wo vielleicht der Abkürzungsstrich 
über dem p stand) gedankenlos aufgelöst. Er schrieb depre, und 
fügte das ihm geläufige Ende des Wortes, catiOy zu. 



naiaUs apostolorum Petri et Pauli stand, für depositio Potonis abbatis der Raum fehlte, 
schrieb man diese Notiz auf die folgende Zeile. Daher kommt es, daß C und 
K irrtümlich die Deposiüo einen Tag später (30. Juni) erwähnen (vgl. Tafel II, 
Piarisinus, Juni). 



Ecclesiarum Dedicationes 





P 


C 


K 


Jan. 2 






Dd Genetrids Mariae 
ante coHspectum^) 


Fcb.9 






eodem die ertt oratorti beaU Se^ 
sUani 


Jun. 3 


S.Johannis,S.Bene- 
dicti et S. Faustini 


S. Benedicti 


S. Faustini 


Jun. 5 






ertt S. BartMomei apostoU 


Jun. 8 


S. Stephani 


S. Stephani 


oratorii S. Stephani 


Jun. 19 


S. Scolasticae 






Jun. 27 


S.Petri 


S.Petri 


S. Petri 


Jul.5 


S. Martini 


S. Martini 


oratorü S. Martini 


Jul. 13 






ertt oratorti beati Victorts martyris 


Jul. 14 






oratorti S. Barbaä in Benevento 


Aug. 7 






S, Sosii Diaconi 


Sept. 16 




in palatio Beneven- 
tano ecdesiae S. 
Salbatoris 




Od. 4 






basilicae beati Benedidi in 
Castro Casino 


Oct.23 






ertt oratorii beati Janaarti | epL et 
mar. \ intus Benevenä \ 


Nov. 20 






ertt oratorti S, Marcianiiconf, et ep.) 
in Benevento 


Dec. 14 






S, Nicandrt et S. Tamari et S, Sinott 


Dec. 18 






ertt huius S, Ecclesiae 



1) Das klein Gedruclcte ist Zutat späterer Hand. 



E. A. Loew, Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 43 

Werfen wir einen Blick auf die Zusammenstellung der in die 
drei Kalendarien von erster Hand eingetragenen Kirchweihen, so fällt 
uns eines sofort auf: die drei Kirch weihen Stephani, Petri und Martini 
werden in jedem der drei Kalendarien am selben Tage gefeiert 
Offenbar handelt es sich hier um dieselben Kirchen, d. h. die Kalen- 
darien stammen aus derselben Gegend. Da wir es bei den Depositiones 
der Äbte mit Cassineser Äbten zu tun hatten, werden wir schon von 
vornherein geneigt sein, die Frage aufzuwerfen: sind vielleicht auch 
die Kirchweihen cassinesisch? Trotzdem hat man diese Kirchweihen 
noch nie mit Monte Cassino in Verbindung gebracht, wohl aber mit 
Nonantola und Benevent. *) Die Meinung, daß die Handschrift, in 
der sich K befindet, aus Benevent stamme, hat Federici damit be- 
gründet, daß sich im Kalender zwei Kirchweihen zweifellos auf Bene- 
vent beziehen. Wäre aber Federicis Annahme richtig, so würde es 
doch eine merkwürdige Tatsache sein, daß die Kirchweihen, die auf 
Benevent hinweisen, sämtlich erst von späteren Händen eingetragen 
sind, während die sechs Kirchweihen, die von erster Hand stammen, 
gar nichts mit Benevent zu tun haben. 

Wollen wir die Herkunft unserer Kalendarien und damit unserer 
Handschriften bestimmen, so müssen wir zunächst nur die Einträge 
von erster Hand betrachten. Die Einträge von späteren Händen 
können uns hier nur von den späteren Eriebnissen der Handschriften 
erzählen. Waren diese Kirchweihen nicht ohne weiteres mit Benevent 
zu verbinden, so noch weniger mit Nonantola. Gaetanis Meinung 
bleibt eine unbegründete Behauptung. 

Wie wir sahen, stimmen P, C und K in drei Kirchweihen voll- 
kommen überein. Auch am 3. Juni haben nun die drei Kalendarien 
Kirchweihen, scheinen jedoch verschiedene Kirchen zu nennen. Daß 
es wiederum nicht bloß Zufall ist, wenn an demselben Tage die drei 
Kalendarien Kirchweihen notieren, wird jedem einleuchten, und die 
Vermutung liegt nahe, es handle sich auch hier, wie in den vorigen 
Fällen, um eine und dieselbe Kirche, und nicht etwa um drei ver- 



^) Reifferscheid sprach von dedicationes quarundam ecciesiarum, gab aber 
keine weitere Bestimmung. Gaetani wollte, wie wir sahen, die Kirchweihen mit 
der Badia von Nonantola in Verbindung bringen (vgl. die Handschriften p. 2), 
Federici dagegen mit Benevent (vgl. Annalistische Einträge, pp. 53 u. 54). Obwohl 
diese Meinungen nur mit Bezug auf eine dieser drei Handschriften ausgesprochen 
sind, gelten sie doch auch für alle drei, da die Handschriften offenbar örtlich 
zusammengehören. 



44 £- A. Loew, 

schiedene. Diese Vermutung läfit sich, wie ich glaube, geschicbüicli 
begründen. Wir brauchen nur die Geschichte der Cassineser lOrchen 
etwas genauer zu betrachten. 

Die drei Schreiber tragen die Kirchweihen ganz verschieden ein. 
P nennt die Kirche 5. Johannis, S. Benedicti et S. FausUni,^) C be- 
zeichnet sie blofi mit S. Benedicti, und K mit S. FaastlnL Wie so 
oft, werden wir vielleicht auch hier gerade durch die Spaltungen in 
der Oberlieferung das richtige Bild erhalten. >) Die Geschichte Monte 
Cassinos weiß von folgenden Kirchen zu erzählen: 

I. Die ersten Altäre Monte Cassinos waren dem heiligen Martin 
und Johannes dem Täufer geweiht 

Johannes (Martin) 

Illuc itaque vir Dei perveniens, contrivU idolum, subvertit 
aram, succidit lucos, atque in ipso templo Apollinis, oraculum 
beati Martini, tibi vero ara eiusdem Apollinis fuit, oraculum 
Sancti constnixit Joannis. 

Greg. Dial. 11, 8 = Migne. Patr. lat LXVI, 152. 

II. Als der heilige Benedikt starb, wurde er neben S. Scolastica 
in dem Oratorium S. Johannis begraben.») 

Benedict (Scolastica) 

Sepultüs vero est (Benedictus) in oratorio beati Joannis 
Baptistae, quod destructa ara Apollinis ipse constnixit. 

Greg. Dial. II, 37 = Migne, Patr. lat. LXVI, 202. 

III. Als Petronax mit den Mönchen von Rom nach Monte Cassino 
zurückkehrte, vergrößerte er die Kirche S. Martini, und weihte in ihr 
den Heimatsheiligen Faustinus und lovita einen Altar. 

Faustlnus (Martin) 

Hie in aecclesia beati Martini, quam parvulam repperit, 
sedecim ferme cubitos auxit; et sanctonim mcuiyrum 

') Also eine Kirche, die drei Patronen geweiht ist, was bei den Benediktincni 
häufig vorkommt. 

*) Ich mache diese Vermutung in aller Bescheidenheit, da ich mir dessen 
bewußt bin, daß ich hier auf fremden Boden trete. Leider ist die Cassineser 
Tradition über diese Kirchen recht sparsam und verwirrt. Sobald einmal von be- 
rufener Seite die Topographie von Monte Cassino behandelt wird — was sehr 
wünschenswert wäre — , werden wir auch über diese Kirchen besser ins Klare 
kommen.* 

') Che era la chiesa della Badia, Tosti, Storia di Monte Cassino, 1, 19. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 45 

Faustini et lovitae in ea altarium statuit in quo etiam 

et bracchium unius^) illorum, quod secum de Brexia aspor- 
taverat decenter recondidit.*) 

Leo Ost. Chron. Casin. I, 4 = MG. SS. VII, 582. 

Aus den angeführten Stellen geht folgendes hervor: Die älteste 
Kirche des Klosters hatte zu Patronen S. Johannes und S. Martin. 
Der heilige Benedikt wurde in ihr begraben. Es ist demnach selbst- 
verständlich, daß man über dem Grabe des Heiligen ein Oratorium 
baute, das nach ihm genannt wurde. Dann weihte de!Sr Abt Petronax 
seinen Heimatsheiligen Faustinus und lovita einen Altar, und zwar in 
der Kirche, in der sich das Grab des heiligen Benedikt befand. Da 
er den Arm eines dieser Heiligen mit sich brachte und im Altar auf- 
bewahren ließ, benannte man auch den Altar nach diesem Heiligen; 
daher S. Faustinus in P und /C Nun hat der Kalender P diese Patrone 
alle drei genannt, C führt nur den Hauptheiligen der Kirche an, was 
nichts Ungewöhnliches ist, K dagegen nennt weder den Hauptheiligen 
noch die ersten zwei Patrone. Hier finden wir nur den letzten Patron 
der Kirche erwähnt. Dieser Umstand erschüttert jedoch unsere Ver- 
mutung nicht. Wir sehen, daß in K die Kirchweih der Basilica des 
heiligen Benedikt — d. h. der Hauptkirche des Klosters — an einem 
anderen Tage gefeiert wird. Abt Gisulf, zu dessen Zeit unser Kalender 
entstand, hat die Kirche vergrößern und verschönem lassen,») und bei 
diesem Umbau kann es geschehen sein, daß man die Kirchweih vom 
Juni auf den Oktober versetzte. An jenem Tage dagegen feierte man 
noch die Weihe des Altares des heiligen Faustinus. Oktober blieb 
auch der Monat für die Kirchweih S. Benedicts, wie wir aus den 



Ist meine Vermutung, daß in den drei Kalendern diese Kirche gemeint ist, 
richtig, so werden die Reliquien wohl die des heiligen Faustinus sein. 

>) Meine Veraiutung mußte mich auf den Gedanken führen, daß die Martins- 
kirche mit der ersten Klosterkirche zu identifizieren sei. Diese Meinung scheint 
auch der Cassineser Tradition zu entsprechen, wie aus den Worten Caravitas hervor- 
geht, der gelegentlich der Beschreibung dieser Kirche zufügt: in cui era il sacro 
deposito dei corpi dei santi Benedeite e Scolastica, Caravita, I codici e le arti a 
Monte Cassino, I, p. 22. 

*) Ecclesiam quoque, in qua beati Benedicti corpus erat reconditum, quoniam 
parva erat, ex toto ampliorem efficiens, ac tectum illius Universum cipressinis 
contignatum lignis, plumbo operiens diversis iUam omamentis tarn aureis quam 
argenteis decoravit: super aitare siquidem beati Benedicti argentium ciburium 
statuit; illudque auro simui ac smaltis partim exornans, caetera eiusdem Ecclesiae 
aUaria tabulis argenteis induit 

Leo Ost., Chron. Casin. I, 18 = MG. SS. VII, 593. 



46 £- A. Loew, 

Spateren Cassineser Kaiendarien des X., XI., XII. und XIII. Jahrhunderts 
erfahren. Aber in diesen wird nicht der 4., sondern der 1. Oktober 
genannt, der noch heute der Tag der Weihe ist 

Auch die übrigen den drei Kaiendarien gemeinsamen Kirch- 
weihen lassen sich mit ziemlicher Sicherheit auf Monte Cassino be- 
ziehen. Wir betrachten sie der Reihe nach. 

I. S. Stephani. 

Ecclesiam porro S. Stephani, quae luxta portam monasterü 
de foris sita fuerat iam fere nientem renovavU et ampUavit 
(Abt Atenulfus) etc. 

Leo Ost Chron. Casin. II, 32 = MG. SS. VII, 648. 

Also gab es eine sehr alte Kirche S. Stephani am Anfang des XI. Jahr- 
hunderts; das berechtigt zu der Vermutung, daß diese Kirche auch 
schon am Anfang des IX. Jahrhunderts existierte. 

II. S. Petri. 

Templum Idolorum quod antiquitus in Casino Castro con- 
stnictunt fuerat, in beati Petri apostoli honorem convertens etc 
(sc. Scauniperga, uxor Gisulfi) 

Leo Ost. Chron. Casin. I, 5 = MG. SS. VII, 583.0 

Zu dieser Stelle bemerkt Wattenbach, der Herausgeber dieser 
Chronik in den Monumenta: unde ipsum Casinam postea vocatum 
est Sanctus Petrus in monasterü). — Wenn die Kirche in unseren 
Kalendarien mit dieser identisch ist, so ist von ihr noch anderswo 
die Rede. — Nämlich in einem Ordo Officii in Domo S. Benediäi 
ante Pascha, den Mabillon nach einer Handschrift*) des VIII. Jahr- 
hunderts, die er im Kloster von S. Ulrich in Augsburg gesehen hat, 
publizierte (vergl. Vetera Analecta IV, 454 = p. 151 in edit nova 1723) 
ist diese Peterskirche mehrmals erwähnt. 

1. Item in Dominica quae est in olivae benedictionem, cantant 
Tertiam in S. Petro residentes. 

2. Sabbato vero .... exeuntes . . cum letania procedunt ad 
S. Petrum. Finita letania . . . procedunt inde ad S. Bene- 
dictum cum alia letania. 



') Vergl. auch Leo Ost Chron. Casin. II, 25 = MG. SS. VII, 643. 

') Die Handschrift enthält auch einen Kalender, der vermutlich den unseren 
nahe steht. Die Handschrift soll jetzt in München liegen, aber bis jetzt ist es mir 
nicht gelungen, sie zu identifizieren. 



Die Ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 47 

3. Secunda feria eunt cum Cruce et patrocinia et aqua sancta 
per singulos labores: redeuntes agrnit missam in S. Petra. 

4. Tertia vero feria procedens (sie) Juso, jungentes se invicem, 
et salutantes se mutuo ad S. Petrum in civitate etc. 

Im 32. Kapitel der Chronik beschreibt Leo Ostiensis genau den- 
selben altertümlichen Gebrauch seines Klosters, den wir in der letzten 
angeführten Stelle aus dem Ordo ersehen haben. 

Tertia feria post pascha summa mane universi fratres tam 

de monasterio quod deorsum erat, quam et de eo quod sursum, 

. vestibus sacris induti, assumentes cruces aureus ad procedendum 

et his descendentibus atque ascendentibus Ulis, con- 

jangebant se pariter ad civitatem S. Petri, prope ipsam ec- 
clesiam. (MG. SS. VII, 602.) 

Vielleicht aber handelt es sich in unsem Kaiendarien um eine 
Peterskirche in Monte Cassino. Dafi eine solche Kirche sich auch 
oben am Berge befand, scheint nachweisbar zu sein, es fragt sich 
nur, als wie glaubwürdig wir die Oberlieferung zu betrachten haben. In 
der Vita Athanasii Episcopi NeapoUtani, der 872 starb, lesen wir 
folgendes: 

Inda portatus est (Äthanasius) usque ad Montem Casinum 

quem suscipiens omnis sancta congregatio illius mona- 

sterii, digne ac decenter sanctissimum corpus condierunt in 
ecclesia beati principis apostolorum, quae a Rechiso rege con- 
structa est et Jungitur Basilicae S. Benedicti, ubi exuberant 

multa mirabilia per eum 

Cap. 8 = MG. Scr. Rer. Lang. p. 448. 

Auch in den Qesta Episcoporum Neapolitanorum des Johannes, 
wo von demselben Äthanasius die Rede ist, wird diese Peterskirche 
erwähnt. 

Äthanasius autem iterans cum eis vi febrium laborare 
coepit, quinto decimo die expleto omnibus flentibus migravit ad 
Dominum, cuius corpusculum ad monasterium S. Benedicti situm 
in Montecassino deportantes, in ecclesia S. Petri apostoli ibidem 
constituta sepelierunt. 

Cap. 65 = MG. Scr. Rer. Lang. p. 435. 

Femer wird uns in der Translatio dieses Heiligen ausdrücklich gesagt, 
daß sein Grab sich oben in Monte Cassino befand. 



48 E. A. Locw, 

Tunc ascenderunt una cum venerabUi illo comitata monor 
chorum verticem montis Casini et intraverunt basiUcam, in qua 
venerabile corpus hamatum fuerat etc. 

Cap. 1 = MG. Scr. Rer. Lang. p. 450. 

Scbliefilich ist zu erwähnen, daß eine Peterskirche in Monte 
Cassino von Abt Desiderius um das Jahr 1066 gebaut wurde, ein 
Zeichen, daß die Peterskirche aus dem VIII. und IX. Jahrhundert 
damals nicht mehr existierte. Aber vielleicht war noch die Tradition 
dieser Kirche vorhanden, die später ganz verloren ging. 

Anno itaque ordinationis suae (sc. Desiderii) nono 

constructa prias tuxta infirmanttum domum non saus magna 
beati Petri basilica, in qua videlicet ad divina Interim officia 

convenirent, supradictam beati Benedicti ecclesiam 

evertere a fundamentis aggressus est. 

Leo Ost. Chron. Casm. III, 26 = MG. SS. pp. 716—7. 

Soviel, um zu beweisen, daß die Peterskirche in unsem Kaiendarien 
sich gut auf eine Cassineser Kirche beziehen läßt. 

III. S. Martini 

a) atque in ipso templo Apollinis oraculum beati Martini . . . 
construxit (sc. S. Benedictus). 

Greg. Dial. II, 8 = Migne, Patr. lat. LXVI, 152. 

b) Hie (sc. Petronax) in aecclesia beati Martini, quam parvulam 
repperit etc. 

Leo Ost. Chron. Casin. 1, 4 = MG. SS. VII, 582. 

c) et seputtus (sc. Petronax) in porticu iuxta ecclesiam S. Mar- 
tini. 1) 

Leo Ost. Chron. Casin. 1, 8 = MG. SS. VII, 585. 

d) et seputtus est (sc. ApoUinaris) prope ecclesiam S. Benedicti, 
iuxta gradus porticus quae tunc temporis pergebatur ad 
ecclesiam S, Martini. 

Leo Ost. Chron. Casin. 1, 21 = MG. SS. VII, 596. 

e) Hinc ad ecclesiam beati Martini, quae sola fere iam intra 
monasterii ambitum de veteribus aedificiis remanserat reno- 

Auch die Abte Optatus, Gratianus und Theodemar wurden dort begraben; 
vergl. Leo Ost. Chron. Casin. I, 8, 9, 16. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 4g 

vandam, totum cor Desiderius vertit Diruta namque priori 
eiusdem beati Martini basilica, coepit eiusdem ecclesiae fa- 
bricam .... Absidam vero musico decenter vestivit; in qua 
etiam aareis litteris hos versus describi praecepit: 

Cultibus extiterat quondam locus iste dicatus 
Demonicis, inque hoc templo veneratus Apollo. 
Quod pater huc properans Benedictus in omnipotentis 
Vertit honore Dei Martini et nomine sancti. 
Hoc Desiderius post centum lustra vetustum 
Parvumque evertit, renovavit, compsit et auxit 

Leo Ost. Chron. Casin. III, 33 = MG. SS. VII, 725. 

Aus den angeführten Stellen geht deutlich hervor, daß in Monte 
Cassino dem heiligen Martin eine Kirche von Anfang an geweiht war 
und daß die Cassineser Tradition diese Kirche mit den später oben 
erbauten Martinkirchen identifizierte. 

Jetzt müssen wir noch diejenigen Kirchen betrachten, die nur 
in einem oder dem anderen der drei Kaiendarien vorkommen. 

1. P hat am 19. Juni die Feier der Weihe S. Scolasticae. Wie wir 
sahen, liegt diese Heilige in der Hauptkirche von Monte Cassino be- 
graben, wo sie wahrscheinlich ihren Altar hatte. P allein trägt diese 
Dedicatio ein; dies kommt vielleicht daher, daß P auf die älteste Vor- 
lage zurückgeht, was ich aus verschiedenen Gründen erschließe (vergl. 
Kommentar, 13. Januar, 25. Januar, 2. Februar, 25. März, 19. Juni, 
15. August, 8. September). 

2. Für den 16. September finden wir in C den merkwürdigen Ein- 
trag von der Weihe einer Kapelle im beneventanischen Hof: in palati 
berm^) dedic sei Salbatoris. Hier kann man zwei Möglichkeiten an- 
nehmen: der Kalender war in Monte Cassino für den beneventanischen 
Hof verfertigt,*) oder er war in Benevent von einer Cassineser Vorlage 



>) Benü ist ohne Zweifel eine Abkürzung für Beneventi oder Beneventani 
(vergl. Traube, Textgeschichte der Regula S. Benedicti, p. 112). Daß die Residenz der 
beneventanischen Prinzen mit dem stolzen Worte Palatium bezeichnet wurde, wird 
uns ausdrücklich von Leo Ostiensis (Chron. Casin. I, 8 = MG. SS. VII, 586) mit- 
geteilt. Arichis, princeps Beneventanus, soll, nach Leo, verlangt haben, daß man 
auf seinen Urkunden scriptum in sacratissimo nostro palatio hinzuschreibe. Der 
Verfasser von C mag wohl ein beneventanischer Scriba gewesen sein, dem der 
Ausdruck palati benü geläufig war. 

') Zwischen Monte Cassino und dem beneventanischen Hof existierten zu 
jener Zeit die engsten Beziehungen. 

QueUen u. Untersuch, z. lat. PhUologie des MA. m, 3. 4 



50 E. A. Locw, 

abgeschrieben. War er aber für Monte Cassino bestimmt, so ist es 
immerhin sehr merkwürdig, daß man in einen solchen Kalender eine 
Kirchweih der beneventanischen Hofkapelle eingetragen hat 

3. Drittens haben wir in K die Weihe der Kirche Dei Genetricis 
Mariae zu betrachten. Auch diese Kirche, die am Fuße des Berges 
stand, läßt sich, wie ich glaube, durch die Geschichte von Monte 
Cassino bestätigen. Sie kommt wahrscheinlich nur deswegen in K 
allein vor, weil P und C ihre Feier noch nicht erlebt hatten.^) 

Hie (Theodemar) iaxta praedictam ecclesiam S. Benedicti, 
quam praedecessor Sims fecerat, constnixit piüchro opere templum 
in honore S. Dei Genetricis et virginis Mariae. 

Leo Ost Chron. Casin. 1, 11 = MG. SS. VII, 588. 

4. Schließlich bleibt uns noch übrig, die Weihe der BasUica S. Bene- 
dicti in Castro Casino zu besprechen. Dieser Eintrag kommt nur in K 
vor. Daß hier von der Hauptkirche des Klosters die Rede ist, kann 
keinem Zweifel unteriiegen. Die Gründe, die uns zu dieser Meinung 
zwingen, haben wir schon oben bei der Besprechung der Kirchweihen 
vom 3. Juni angeführt. — Bekanntiich gab es auch am Fuße des 
Berges eine Kirche des heiligen Benedikt, die von Abt Poto gebaut 
wurde. — In unserem Kalender K handelt es sich aber schweriich 
um diese Kirche. — Wenn das Kloster oder die Kirche mit den Worten 
S, Benedictus in Castro Casino beschrieben wird, so haben wir un- 
bedingt an das Kloster und die Kirche zu denken, wo der heilige 
Benedikt begraben wurde, d. h. an das Kloster und die Kirche in 
Monte Cassino. — Dies geht aus den Urkunden am deutiichsten her- 
vor. Ich zitiere nur einige davon: 

1. Ex monasterio S, Confessoris Christi Benedicti, quod est con- 
structum in loco, qui dicitur Casinunt Castrum, ubi sacra- 
tissimum corpus eius humatum est etc. 

Aus dem Praeceptum Desiderii regis Longobardorum 
Theodemario Abbati in dem Registrum Petri Diaconi Nr. 101 
fol. 42 a tergo, vergl. Tosti, Storia della Bodia di Monte 
Cassino (Napoli 1842) I, p. 89. 

*) Eine Hand des X. Jahrhunderts hatte den Eintrag dieser Kirchweih durch- 
gestrichen und schrieb daneben : dedicatio ante conspectum, was sich wahrscheinlich 
auf die Weihe eines Altares bezieht. Bannister machte mich darauf aufmerksam, 
daß der Ausdruck ante conspectum sich im selben Sinne in dem Codex Vaticanus 
latinus 10673 fol. 29 (s. X/XI in beneventanischer Schrift) befindet. Weitere Er- 
klärung des Ausdrucks wird man in seiner Schrift in den bald erscheinenden 
'Miscellanea Ceriani' (Hoepli, Milano 1909) finden. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 51 

2. Theodemar abbas S. Benedkti de Castro Caslno, tibi ipse 
corporis sepulturae locum veneratione dicavit 

Aus dem Praeceptum Karoli Imperatoris, Reg. Petr. Diac. 
Nr. 102 p. 44. Tosti, 1. c. p. 94. 

3. Theuthmaro abatl ex monasterio S. Confessoris Christi Bene- 
dicti, quod est constructum in loco, qui dicitur Castnim 
Casinum, ubi etc. 

Aus dem Praeceptum Karoli de aqua et ripis S. Bene- 
dict!, Reg. Petr. Diac. Nr. 109 fol. 48 a tergo. Tosti, 1. c. p. 98. 

Das Zeugnis dieser drei Urkunden ist für uns deswegen von be- 
sonderem Wert, weil sie aus ungefähr derselben Zeit stammen, wie die 
Kaiendarien. Damit man aber mir nicht den Einwurf mache, daß ich 
auf Urkunden verweise, die nur durch Abschriften des bekanntlich un- 
zuveriässigen Petrus Diaconus auf uns gekommen sind, möchte ich 
einige Stellen aus Originalurkunden anführen: 

4. Monasterii beati Benedicti confessoris Christi siti in monte, 
qui vocatur Castro Casino, 

Aus dem Privilegium Papae S. Leonis IX ad Abb. Ri- 
cherium. Tosti, 1. c. p. 257. 

5. Monasterio S. Benedicti sito in monte Castro Casino .... 

Monasterio S. Benedicti sito in Castro Casino 

Monasterio S. Benedicti de Monte Casino (also drei ver- 
schiedene Ausdrücke für dasselbe Kloster). 

Aus dem Memoratorio fatto da Azzone preposito del 
monasterio di S. Benedetto di Tiano. Tosti, 1. c. p. 258 — 59. 

6. cenobii S, Benedicti, Situs (sie) in Monte Castro Casino .... 
Monasterium S. Benedicti quod erat constmcto (sie) in loco, 

qui dicitur Casinu Castru (sie). 

Aus dem Placitum seu judicatum Castri Argenti habi- 
tum etc. aus dem Jahre 1014. Publiziert in Codex Diplom. 
Cajetanus I, p. 245, 249. Das Original liegt im Archiv von 
Monte Cassino. Caps. 66, Nr. 7. 

Sind wir nun überzeugt, daß die in K aus erster Hand stam- 
menden Kirchweihen mit Monte Cassino zu verbinden sind, so . ist 
es andererseits recht auffallend, daß die von späteren Händen ein- 
getragenen Kirchweihen sich nicht auf Monte Cassino beziehen. Man 
braucht nur die Namen dieser Kirchen zu betrachten, um sofort auf 

4* 



52 £• A. Loew, Die Altesten Kaiendarien ans Monte Cassino. 

den Gedanken zu kommen, es handle sich hier um Benevent Bar- 
tholomaeus, Januarius, Sosius, Barbatus, Mardanus sind Heilige, die 
in Benevent eine ganz besondere Stätte der Verehrung besaßen. Ja, 
bei einigen Kirchen fügte der Schreiber sogar in Benevento hinzu 
(z. B. bei Barbatiy Marciani), so daß es in diesen Fällen gar keinem 
Zweifel unterliegen kann, daß die Kirchweihen in Benevent stattfanden. 
Und wenn wir am 18. Dezember von einer dedicatio huius ecclesiae 
lesen, werden wir an die ecclesia beneventana zu denken haben. Man 
könnte vielleicht den Einwand erheben, daß man die Kirchen, die ich 
mit Monte Cassino in Verbindung bringe, auch zu vielen anderen 
Benediktinerklöstem in Beziehung setzen könnte. Allein ich glaube 
kaum, daß sich eine solche Obereinstimmung ein zweites Mal finden 
läßt. Wir sahen doch, wie auffallend sich die Physiognomie des 
Kalenders K änderte, sobald er Monte Cassino veriieß. 

Der Kalender K ist also ein Cassineser Kalender. Ist das richtig, 
so sind auch P und C Cassineser Kalender. So sehen wir, daß nicht 
nur die Depositiones der Äbte, sondern auch die Kirchweihen auf 
Monte Cassino als Heimat der drei Handschriften hindeuten. 



Annalistische Einträge. 

3. Februar. Capta est Baris. 

27. April. Hoc die in anno incarnationis Domini DCCCLXXII 

.... victoriam de Saracenis per .... anno principatus 

eius XXVIIII \' 

11. Juni. Depositio Raccausi. 

17. Juli. Consecratio Aionis episcopi. 

12. September. Depositio Rodelgardi. 

9. Oktober. Depositio Guandelperti G(astaldi) fili . . . Qari 
Potonis. 

13. Oktober. Visi sunt igniculi in modum stellarum per totum 

caetum crebrius discurrere \ cum magnis radiis a media 
fere . . nocte . . usque ad claram diei lucem. \ Hoc etiam 
die Abraham rex Ismahelitarum mortuus est Calabrie, \ 
qui cum magna multitudine ab Africa exiens \ Italiam 
intraverat anno Domini DCCCCII. Ind. VI •,• 
25. Oktober. Indic. III /actus est terrae motus magnus. 
22. Dezember. Sol obscuratum^) est indictio. XII. 
Zunächst ist zu bemerken, daß diese Einträge sämtlich aus ver- 
schiedenen Jahrhunderten und von späteren Händen herrühren und 
sich nur in K befinden. 

Den Wert dieser Einträge für die Bestimmung des Alters der 
Handschrift hat schon V. Federici erkannt (vgl. Archivio Paleografico 
Italiano, vol. III, fascicolo 22, wo mehrere Seiten aus dieser Hand- 
schrift reproduziert sind, Taf. 66 — 70). In seiner Beschreibung der 
Handschrift sagt Federici: „A determinare la datazione della parte 
piüi antica del manoscritto" (damit ist unser Kalender gemeint) „valgono 
tre note aggiunte nel Calendario giä ricordato: la prima, segnata sotto 
11 /// nonas februarii si riferisce alla caduta di Bari {capta est Baris) 
che Erchemperto (MG. Hist Rer. lang, et ital, p. 247) dice awenuta 
nel febbraio del' 871, e Giovanni nel suo Chronicon Venetum (MG. 

*) sie. 



54 E- A. Loew, 

Hist. Script. VII, p. 19, e nota 5) il 2 febbraio 871, il nostro amanuense 
la segna avvenuta il 3 febbraio; la seconda ricorda la consecrazione 
di Aione, vescovo di Benevento, posta il XVI Kai, augusti: Conse- 
cracio ^ Aionis episcopi, che sappiamo giä vescovo Ta. 875 (Garns, 
Ser. Episc, p. 671); la terza segnata V VIII Kai. nov.: Translacio*) erU 
beati Bartholomei apostoli de Liparis^) in Beneventum^ che ricorda 
un awenimento intomo al quäle discordano i cronisti, ma che dagii 
Annales Beneventani (MG. Hist. Script. III, 504) 6 assegnato all'a. 838, 
ottobre 25: corpus S. Bartholomaei translatur de insula Upari in 
Salernum 5 Kai. magi; deinde in Beneventum 8 Kalendas novembris 
proprio, cio^, lo stesso giomo assegnato dal nostro annotatore. QoA 
negli anni 875, 87V, 838 abbiamo tre termini ante quos fu comindata 
a scrivere la miscellanea; la quäle proviene certamente da Benevento, 
perch^ nello stesso Calendario sono ricordate le solennitä della dedica 
del b. Gennaro e di s. Marciano, ambedue oratorj Beneventani." 

Nach Federici sind also die Jahre 875, 871 und 838 die drei 
termini ante quos für unsere Handschrift (auch für unseren Kalender). 
Der genannte Gelehrte hat Recht, die Jahre 875 und 871 als termini 
ante quos zu betrachten, aber ich glaube nicht, dafi man auch das 
Jahr 838 als einen terminus ante quem gebrauchen kann. Während 
es sich bei den Einträgen zum 3. Februar und 17. Juli, die sich auf 
gewisse Ereignisse der Jahre 871 und 875 beziehen, um zeitgenössische 
Einträge handelt, — d. h. paläographisch beurteilt gehören die Ein- 
träge ans Ende des IX. Jahrhunderts — ist der Eintrag Translatio 
erit beati Bartholomei usw. eine Zutat, die von einer Hand des 
XI. Jahrhunderts stammt. Sobald ein Eintrag nicht zeitgenössisch 
ist, d. h. wenn ein größerer Zeitraum zwischen dem Ereignis und dem 
Bericht darüber verstrichen ist, hört das Datum des Ereignisses auf, 
ein terminus ante quem zu sein. Ein Beispiel wird uns diese Tat- 
sache klarer machen. In dieser selben Handschrift findet sich eine 
Reihe von Ostertafeln. Zum Jahre 718 steht am Rande folgendes 
eingetragen: hinc incipiunt an(ni) domni Petronacis. Haben wir 
damit einen neuen terminus ante quem gewonnen? Offenbar nicht 

Ferner teilt uns der Eintrag zum 25. Oktober gar kein fixes 
Ereignis mit. Er lautet: Translatio erit beati Bartholomei, und will 
nur sagen, das Fest der Translatio sei am 25. Oktober zu feiern. 
Man beachte, daß der Schreiber dieser Notiz das Futurum gebraucht, 
er sagt: translatio erit. Das Futurum kam auch, wie wir sahen. 



*) HS. hat consecratio. *) HS., translatio. ^) HS., liparim. *) HS., benebentum. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 55 

häufig bei den Notizen über die beneventanischen Kirchweihen vor 
(Notizen, die erst von späteren Händen herrührten). Da hieß es 
dedicatio erit. Vermutlich soll das Futurum klar machen, daß man 
nicht ein Ereignis, das einmal geschehen und vorüber ist, meint, 
sondern eine Feier, die jedes Jahr wiederkehrt. Im Kalender kann 
man sogar sehen, daß das Wort erit bei den Dedicationes mehrere 
Male eingeschaltet wurde, als ob der einfache Eintrag dedicatio 
ecclesiae als eine geschichtliche Tatsache statt eines Kirchenfestes 
aufgefaßt werden könnte, — was durch Einschaltung des erit ver- 
mieden werden sollte. Der Ausdruck dedicatio erit oder translatio 
erit ist nicht der gewöhnliche. 

Wir sehen also, daß zunächst nur zwei annalistische Notizen im 
Kalender (die zum 3. Februar und 17. Juli) für uns von Wert sind. 
Wir gewinnen damit zwei termini ante quos für unsere Handschrift. 
Wir sehen femer, daß der Eintrag der Translatio beati Bartholomei 
vom Jahre 838 unbrauchbar ist, da er erstens nicht zeitgenössisch 
ist und zweitens kein einmaliges Ereignis mitteilt, sondern nur den 
Tag des Festes für den künftigen Gebrauch festgestellt. 

Der Eintrag Consecratio Äionis episcopi (17. Juli) bietet uns 
mehr als einen terminus ante quem. Hier haben wir eine zeit- 
genössische Mitteilung über die Weihe eines beneventanischen Bischofs. 
Wie die Kirchweihen, die von späteren Händen stammen, auf Benevent 
hinwiesen, so bezeugt auch die Mitteilung über die Consecratio 
Aionis, daß sich der Kalender schon damals in Benevent befand. 
Während wir aber nicht sagen konnten, wann die verschiedenen 
Kirchweihen stattfanden, wissen wir wenigstens ungefähr, wann sich 
die Weihe des Bischofs ereignete. Wir lesen über Aio in Zigarellis 
»Storia die Benevento", p. 139, folgendes: „Fratello del principe 
Adelchi, vescovo beneventano e XII. sipontino neir anno 875 essendo 
papa Giovanni VIII romano (daher ante a. 875 bei Gams Ser. Episcop., 
p. 671) il quäle immensamente T^logiö per lo zelo spiegato verso la 
cattedrale Apostolica nel soccoreria e neir espellere i Saraceni. Si 
ignora Tepoca della morte di questo vescovo." Aio episcopus starb 
im Jahre 886, wie wir in den Annales Beneventani für dieses Jahr 
lesen (MG. SS. III, 174): obiit Aio episcopus. Wichtig für uns ist 
also, daß sich der Kalender schon im Jahre 875 in Benevent befand. 

Der Eintrag zum 27. April bezieht sich auf die bekannte Schlacht 
zwischen den Sarazenen und Kaiser Ludwig, dessen 29. Regierungsjahr 
eben auf das Jahr 872 fällt (vgl. MG. SS. III, 205). Der Satz schließt 
mit der Interpunktion, die für die beneventanische Schrift typisch 



56 £• A. Loew, Die Ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 

wird, d. h. mit den zwei nebeneinander über einem Komma stehenden 
Punkten (',•)• Ist der Eintrag zeitgenössisch — was bei der Un- 
deutlichkeit der Schrift schwer zu entscheiden ist — so haben wir 
das erste datierte Beispiel dieser Interpunktion ins Jahr 872 zu setzen. 

Auch der Eintrag zum 13. Oktober schliefit mit dem eben er- 
wähnten Interpunktionszeichen, allein für seine Geschichte ist er von 
keinem Wert, da er nicht zeitgenössisch ist, wie ich aus dem Duktus 
der Buchstaben mit ziemlicher Sicherheit schließen darf. Dagegen 
ist der Inhalt dieses Eintrags von Interesse. Vielleicht haben wir hier 
eine der ältesten Zeugen für die in ihm erwähnten Tatsachen. — Zum 
Jahre 902 lesen wir in den Annales Barenses (MG. SS. V, 52): Hoc 
anno descendit Habraham rex Saracenonim in Calabriam et mortuas 
est in Cosentia in ecclesia S. Pacratii, Bei Lupus Protospatarius 
finden wir folgendes zum Jahre 901 eingetragen (MG. SS. V, 53): 
Descendit Abrami rex Sarracenonim in Calabriam et ivit Cosentiam 
civitatem et percussus est ictu fulgoris. Die meteorische Erscheinung 
unseres Eintrags wird im 7. Kapitel der Translatio S. Severini von 
Johannes also beschrieben (MG. Scr. Rer. Lang. 457): et ecce, visu 
formidabile et dictu mirabile prodigium .... Astra namque toto 
passim caelo confixa jugem volarunt per noctem et milttum ad instar 
in procinctu confligentium ultro citroque altemo sibimet obviabant 
illapsu. Hierzu gibt Waitz (MG. Scr. Rer. Lang. p. 457) folgende 
interessante Parallelstelle, die unserem Eintrage am nächsten steht 
und vielleicht sogar auf ihm basiert: hoc loco repetere juvat quae 
ex codice Bambergensi E. III 14, s. XI, SS. III p. 548 n. edita sunt: 
.... Anno igitur ab incarnatione Domini nongentesimo secundo, 
indic, 5, 3 Idus Octobris .... factum est per totum mundum terribile 
miraculum in celo: a primo galli caniu usque ad solis ortum vise 
sunt quasi stelle densissime in modum aste longissime per aera 
discurrere, contra omnes pene cardines celi etc, . . . Hoc etenim 
tempestate rex Africe cum innumerabili exercitu adveniens, totam 
Italiam invadere cupiebat. . . . Eadem nocte qua predictum Signum 
Stellarum Visum est, celesti gladio percussus repentina morte interiit. 
— Waitz nota 2 = In nocte 27/28 Octobris haec facta esse, Amari 
II, p. 92 n. teste rerum Arabicarum scriptore Baiano statuit. 

Das Erdbeben, das wir zum 25. Oktober eingetragen finden, ist 
dasselbe, das sich in der Handschrift Rom Vatic. lat. 4928 befindet Dort 
heißt es: DCCCCXC (ind) 111, Vlll Kai, Nov. (= 25, Okt.) f actus est 
terre motus magnus in Benevento pro quo ceciderunt multa edificia 
et plures homines mortui sunt vergl. MG. SS. III, 173. 



Das Kirchenjahn 



Feste des Herrn 


Jan. 1. 


Cirmmcisio Domini 


Jan. 6. 


Epiphania 


Jan. 13. 


Octava Epiphaniae 


Mar. 25. 


Dominus crucifixus est et conceptus 


Mar. 27. 


Resurrectio Domini Jesu Christi 


Mai 11. 


Primum Pentecosten^) 


Dec. 25. 


Nativitas Domini nostri Jesu Christi 



Feste der heiligen Maria 



Feb. 2. Dies S. (Mariae) 

Mar. 25. Annuntiatio S. Mariae 

Aug. 15. Assumptio S. Mariae 

Sept. 8. Nativitas S, Mariae 



*) Der Schreiber hat sich um einen Tag geirrt. Da Primum Pascha auf den 
22. März fällt, muß Primum Pentecosten am 10. Mai sein. C hat Pfingsten am 
15. Mai, — das stimmt zu Ostern am 27. März (vergl. Kommentar, 27. März). 



58 E- A. Loew, 

Verzeichnis der Helligen aus dem Neuen Testament 

Andreas, ap., Nov. 30 
Barnabas, ap., Jun. 11 
Bartholomaeus, ap.. Äug. 25 
Jacobus maior, ap., Jul. 25 
Jacob US minor, ap., Jun. 22 ») 
Johannes Baptista, Jun. 24, Äug. 29 
Johannes, euan., Dec. 27 
Judas, ap., Oct. 28 
Lucas, euan., Oct. 18 
Marcus, euan., Äpr. 25 
Maria Magdalena, Jul. 22 
Mattheus, euan., Sept. 21 
Paulus, ap., Jun. 29, Jul. 6 
Petrus, ap., Jun. 29, Jul. 6 
Philippus, ap., Mai. 1 
Simon, ap., Oct. 28 
Stephanus, protomar., Dec. 26 
Thomas, ap., Dec. 21. 



Alphabetisches Verzeichnis der Heiligen. 

Abdo (30. Jul.)-)* Augustinus (28. Aug.) 

Agapitus (6. Aug.)* Benedictus (21. März) 

Agatha (5. Feb.) Brigida (1. Feb.)* 

Agnes (21. Jan.) Caecilia (22. Nov.) 

Älmachius (I.Jan.)* Cassianus (13. Aug.)* 

Ambrosius (6. Dec.)^) Celsus (28. Jul.) 

Anastasius (22. Jan.)* Christina (25. Jul.)*)* 

Antonius (17. Jan.)* Clemens I (23. Nov.) 

Äpollinaris (23. Jul.) Columba (31. Dec.)* 



Zu bemerken ist» daß das Fest Jacobi Minoris in unseren Kaiendarien am 
22. Juni, in der Bibl. Hag. Lat. dagegen am 25. März und 1. Mai gefeiert wird. 
*) Mit dem Stern sind die Heiligen versehen, die nur in K vorkommen. 
8) C; Bibl. Hag. Lat. und P haben 7. 
*) K\ Bibl. Hag. Lat. hat 26. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 



59 



Constantius (1. Sept.) 
Cornelius (14. Sept.) 
Cosmas (27. Sept.) 
Cyprianus (14. Sept.) 
Damianus (27. Sept.) 
Dionysius (9. Okt.) 
Donatus (7. Aug.) 
Eleutherius (9. Oct.)* 
Euphemia (16. Sept.)* 
Faustinus (15. Feb.) 
Felicianus (1. Sept.) (?) 
Felicissimus (6. Aug.)* 
Felicitas (7. März)* 
Felix (14. Jan.)* 
Felix (12. Jul.) 
Felix (1. Sept.) 
Georgius (24. Apr.) ^) 
Germanus (30. Okt.) 
Gervasius (19. Jun.) 
Gregorius (12. März) 
Hieronymus (30. Sept.) 
Hilarius (13. Jan.) 
Hippolytus (13. Aug.)* 
Innocentes (28. Dec.) 
Johannes (26. Jun.) 
lovita (15. Feb.) 
Laurentius (10. Aug.) 
Leo I (11. Apr.)* 
Leo II (28. Jun.) 
Leucius (11. Jan.)* 
Lucia (13. Dec.)* 
Machabaei (1. Aug.) 
Marcellus (7. Oct.) P 



Margarita (13. Jul.)«)* 
Maria Magdalena (22. Jul.)* 
Martinus (11. Nov.) 
Mauritius (22. Sept.)* 
Maximus (21. Apr.)»)* 
Michaelis = angeli (8. Mai)* 
Nabor (12. Jul.) 
Nazarius (28. Jul.) 
Nicander (16. Jun.)*) 
Pancratius (12. Mai) 
Paulinus (22. Jun.)* 
Paulus (26. Jun.) 
Perpetua (7. März)* 
Perpetua (28. Jan.)* 
Potitus (13. Jan.)* 
Protasius (19. Jun.) 
Rusticus (9. Oct.)* 
Sabinus (9. Feb.)* 
Scholastica (10. Feb.) 
Sebastianus (20. Jan.) 
Sennen (30. Jul.)* 
Severus (20. Jul.) 
Silvester (31. Dec.) 
Symeon (2. Feb.) P 
Thecla (17. Nov.)* 
Tiburtius (21. Apr.)«)* 
Valerianus (21. Apr.)»)* 
Victoj (8. Mai) 
Vincentius (22. Jan.) 
Vitus (15. Jun.)* 
Xystus (6. Aug.) 
Zeno (14. Dec.) ß)* 



») P und K\ Bibl. Hag. Lat. hat 23. 

«) K\ Bibl. Hag. Ut. hat 20. 

») K\ Bibl. Hag. Ut. hat 14. 

<) C; Bibl. Hag. Ut und P haben 17. 

*) K\ Bibl. Hag. Ut. hat 12. Apr. 



60 E- A. Locw, 

Geographisches und biographisches Verzeichnis. 

Italien. 

Rom: 
Almachius, beatus f cca. 394 Romae^) 
Sebastianus, tn. Romae sub Diocletiano 
Agnes, V. m. Romae saec. III 

Perpetua, v. Romae 

Gregorius Magnus, papa t 604 

Leo I, papa f 461 

Valerianus, sponsus S. Caeciliae, m. Romae 

Tiburtius, m. Romae 

Maximus, m. Romae 

Pancratius, m. Romae sub Diocletiano 

Vit US, m. Romae sub Diocletiano 
f Johannes, m. sub Juliano f 362 
l Paulus, m. sub Juliano t 362 

Leo II, papa f 683 
r Abdo, m. Romae sub Decio 
iSennen, m. Romae sub Decio 

Xystus (Sistus II, papa m. f 258 
rFelicissimus, m. Romae sub Decio 
lAgapitus, diac. m. Romae sub Decio 

Laurentius, diac. m. Romae t 258 

Hippolytus, Romanus presb. (ep.) f cca. 236 

Cornelius, papa m. f 253 

Marcellus, m. Romae saec. I/IV 

Caecilia, v. m. Romae . 

Clemens I, papa saec. I 

Sylvester, papa f 335 

Mailand: 

Victor (Maurus), m. Mediolani sub Maximiniano 
rGervasius, m. Mediolani sub Nerone (?) 
iProtasius, m. Mediolani sub Nerone 
fNabor, m. Mediolani sub Diocletiano 
1 Felix, m. Mediolani sub Diocletiano 
fNazarius, m. Mediolani sub Nerone 
ICelsus, m. Mediolani sub Nerone 

Ambrosius, ep. Mediolanensis f 397 
*) Die Angaben folgen Bibl. Hag. Lat. 



Jan. 


1. 


Jan. 


20. 


Jan. 


21. 


Jan. 


28. 


Jan. 


28. 


Mar. 


12. 


Apr. 


11. 


Apr. 


21. 


Apr. 


21. 


Apr. 


21. 


Mai 


12. 


Jun. 


15. 


Jun. 


26. 


Jun. 


26. 


Jun. 


28. 


Jul. 


30. 


Jul. 


30. 


Aug 


. 6. 


Aug 


. 6. 


Aug 


. 6. 


Aug. 


10. 


Aug. 


13. 


Sept 


14. 


Ort. 


7. 


Nov. 


22. 


Nov. 


23. 


Dec. 


31. 


Mai 


8. 


Jun. 


19. 


Jun. 


19. 


Jul. 


12. 


Jul. 


12. 


Jul. 


28. 


Jul. 


28. 


Dec 


. 6. 



Die Ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. gl 

Aquino: 
Constantius, ep. Aquinensis saec. VI Sept 1. 

Arezzo: 

Donatus, ep. m. Aretii sub Juliane Äug. 7. 

Benevent: 
Felix, m. Beneventi Sept. 1. 

Brescia: 
rFaustinus, m. Brixiae sub Hadriano Feb. 15. 

l Jovita, m. Brixiae sub Hadriano Feb. 15. 

Brindisi: 
Leucius, ep. Brundusinus Jan. 11. 

Canosa: 
Sabinus, ep. Canusinus saec. VI med. Feb. 9. 

Capua: 
Germanus, ep. Capuanus f 540/541 Oct. 30. 

Cassino: 
Severus, ep. Casinensis saec. V (?) Jul. 20. 

Imola: 
Cassianus, m. ludi magister apud Forum Comelii Äug. 13. 

Monte Cassino: 
Scholastica, v. in Monte Cassino f 543 (?) Feb. 10. 

Benedictus, ab. Casinensis f 543 (?) Mar. 21. 

Nola: 
Felix, presb. et conf. Nolensis t 256 Jan. 14. 

Paul in US, ep. Nolensis Jun. 22. 

Ravenna: 
Apollinaris, ep. Ravennas saec. I Jul. 23. 

Venafro: 
Nicander, et soc. mm. Ätinae et Venafro Jun. 17. 

Verona: 
Zeno, ep. Veronensis saec. IV Dec. 14. 

Sidlien. 

Catana: 

Agatha, v. m. Catanae sub Decio Feb. 5. 

Syracus: 
Lucia, V. m. Syracusis sub Diocletiano Dec. 13. 



62 E- A. Locw, 






Sardinien. 






Potitus, m. sub Antonino 


Jan. 


13. 


Frankreich. 






Paris: 






Dionysius, ep. et m. Parisiensis saec. I/III 


Oct 


9. 


Eleutherius, m. Parisiensis saec. I/III 


Oct 


9. 


Rusticus, m. Parisiensis saec. I/III 


Oct. 


9. 


Poitiers: 






Hilarius, ep. Pictavensis f 366 


Jan. 


13. 


Sens: 






Columba, v. m. apud Senones sub Aureliano 


Dec. 


31, 


Tours: 






Martinus, ep. Turonensis f 397 vel 401 


Nov. 


11, 


Belgien. 






Teneramonde: 






Christina, v. culta Teneramondae saec. VIII 


Jul. 


25. 


Irland. 






Kildaria: 






Brigida, v. Kildariae in Hibemia f 523 


Feb. 


1, 


Oesterreich. 






Trieste: 






Thecla, v. m. Tergesti sub Valeriano 


Nov. 


17, 



Schweiz. 

St. Maurice-en-Valais: 
Mauritius, Agaunensis et soc. mm. Thebai sub 

Diocletiano Sept. 22. 

Spanien. 

Saragossa: 
Vincentius, diac. Caesaraugustanus, m. Valentiae 

sub Diocletiano Jan. 22. 

Asien. 

Antiochien: 
Margarita seu Marina, v. m. Antiochiae Jul. 13. 

Assyrien: 
Anastasius, Persa et soc. mm. in Assyria t 628 Jan. 22. 

Bethlehem: 
Hieronymus, presb. t 420 Sept. 30. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 63 

Calchedon: 
Euphemia, v. m. Calchedone sub Diocletiano Sept 16. 

Cappadocien: 
Georgius, m. Cappadociae Apr. 24. 

Cilicien: 

Cosmas, cum soc. mm. Aegis in Cilicia sub Diocletiano Sept. 27. 
D am i an US, cum soc. mm. Aegis in Cilicia sub Dio- 
cletiano Sept. 27. 
Afrika. 

Carthago: 

r Perpetua, et soc. mm. in Africa t 203 Mar. 7. 

IFelicitas, m. in Africa Man 7. 

Cyprianus, ep. Carthaginiensis m. f 258 Sept. 14. 

Egypten: 
Antonius, mon. t 356 Jan. 17. 

Hippo: 
Augustinus, ep. Hipponensis, t 430 Aug. 28. 

Was uns bei der Betrachtung der Heiligen am meisten auffällt, 
ist die außerordentiiche Zunahme an römischen Heiligen. Während 
der Cassineser Ritus am Ende des VIII. Jahrhunderts nur 14 römische 
Heilige feiert, hat sich ihre Zahl innerhalb eines Menschenalters bei- 
nahe verdoppelt. Der Kalender K hat 25 römische Heilige, d. h. 12 
mehr als P und C. Nach Rom kommt Mailand mit 8 Heiligen. Süd- 
Italien und Sizilien haben 11. 

Nach Ländern und Kontinenten verteilt hatr^) 

Italien 54 

Asien 7 

Afrika 5 

Frankreich : 6 

Belgien, Irland, Oesterreich Schweiz und Spanien je 1 — 5. 



^) Auffallend ist, daß Deutschland gar nicht vertreten ist. Obwohl Abt Sturm 
von Fulda im VIII. Jahrhundert in Monte Cassino weilte, sind doch die Beziehungen 
zwischen Monte Cassino und Deutschland wie es scheint sehr gering geblieben. 
Sonst würden wir den Heiligen Bonifatius in unseren Kaiendarien finden. 



Das Naturjahn 

Jahreszelten. 

Die Angaben in unseren Kaiendarien folgen Beda. Doch haben 
wir in C und P Abweichungen zu notieren. Der Winteranfang wird 
in P nach Isidor auf den 24. November (statt auf den 7. November 
wie bei Beda) gesetzt, und die Sonnenwende wird in C und P nach 
Isidor auf den 24. Juni>) (statt auf den 20. Juni, wie bei Beda) gesetzt 
Nur in K sind alle Jahreszeiten eingetragen. Sie lauten 
folgendermafien: 

7. Feb. Verls inittum * habet dies XCI 
9. Mai Aestatis initiam habet dies * XC 
7. Aug. Autumni initiam * hab. dies XCII 
7. Nov. Hiemis initiam * habet dies XCII 
24. Nov. Intrat hiemps perman, dies XC (nur in P) 

20. Jun. Solstitiam 

24. Jun. Solstitiam (in C und P) 

21. Dec. Solistitiam^) 

21. März Eqalnas occldlt matatln.^) (aeqainoctium) 
20. Sept. Aeqalnoctiam 

Sternerscheinungen. 

Jan. 4. Caesari Delfinas matatlno exorltar 
Jan. 5. Caesari Fidicala matat. exorltar ex Egipl, 
Jan. 5. Sagitta vesper, occldlt 
Jan. 8. Delfinas vespertlnas occasas 
Jan. 17. Sol In Aqaarlam 

Jan. 25. Stella Regia appellata taberonl In pectore Leonls occidit 
maiatlna 



*) Secundum Graecos oder Orientem heißt es in anderen Kalendarien. 

^) Wo eine Angabe secundum Latinos gemacht wird, dient Isidor als QueUe. 

») Sic. 

*) Hier liegt offenbar verfehlte Auflösung einer Abkürzung vor. In der Vor- 
lage dürfte equinoc gestanden haben, das von dem Abschreiber durch eguinus occidit 
aufgelöst wurde. 



E, A. Loew, Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 65 

Feb. 4. FicUcula vespere occidlt 

Feb. 15. Sol in Pisces 

Feb. 24. Exhorti^) Arcturo vespertin. 

März 13. In Italia Milvus apparet 

März 18. Sol in Arietem 

Apr. 3. In Attica Vergiliae vesperi occultantur 

Apr. 6. Eadem in Boeti a Caesario et Chadeis Orion et gladius 

eius incipiunt abscondi 

Apr. 16. Aegypto Sucule occidunt vespere vulgo appellatum sidus 

Parilicum idem Caesari 

Apr. 17. Sol in Tauram 

Apr. 25. Canis vespere occultatus 

Mai 3. Umbra absumitur in Meroe. 

Mai 8. Ortus Vergiliarum * Aeg. Canis vesperi occuUatur 

Mai 13. Fidiculae exhortus^) Arcturi exortus mattUin, Arcturi 
occasus 

Mai 18. Sol in Genunos 

Jun. 17. Sol intrat in Cancrum 

Jul. 14. Dies Canicularii iuxta Ypograten^) 

Jul. 18. Sol in Leonem 

Jul. 24. Aquilae occasus 

Jul. 30. Umbra sumitur in Meroae 

Aug. 18. Sol in Virginem 

Sept. 11. Finis Canicularum^) dierum 

Sept. 17. Sol in Ubram 

Oct. 18. Sol in Scorpium 

Nov. 8. Occasus Vergiliarum 

Nov. 17. Sol in Sagittarium 

Dec. 18. Sol in Capricornu 



Astronomische Einträge mit Bezug auf Ostern. 

Mar. 8. Prima incensio lunae paschalis 

Mar. 21. Prima XIIII luna 

Mar. 22. Primum pascha et sedes aepactarum 

Mar. 24. Sedes concurrentium 

Apr. 5. Ultimo incensio lunae paschalis (C hat 4. Apr.) 

Mai. 11. Primum pentecosten (C hat 15. Mai., GMD 10. Mai). 

») Sic. 

Quellen u. Untersuch z. lat. Philologie des MA. III, 3. 5 



66 ^ A. Loew, 

Aegyptische Monate. 

Jan. 26. VI. Aeg. men, [Mechir]^) 

Feb. 25. VIL Aeg. men. Famenot 

Mar. 27. VIII. Aeg. men. Farmuthl 

Apr. 26. IX. Aeg. men. Pachon 

Mai. 26. X. Aeg. men. fPaunlJ 

Jun. 25. XI. A^. men. Epifi 

Jul. 25. (XII. Aeg. men. Mesore) 

Aug. 29. /. Aeg. men. [Thoth] 

Sept. 28. //. Aeg. men. [Paopht] 

Ort. 28. ///. Aeg. men. [Athir] 

Nov. 27. ////. Aeg. men. Choeac 

Dec. 27. (V. Aeg. men. Tybi). 

Drei Festverzeichnisse aus Carollnglschen Capitularlen. 

I. Capitula ecclesiastica (ad presbyteros) 810 — 813.«) 

Hae sunt festivitates in anno quae per omnia venerari debent: 
natalis Domini, S. Stephani, S. Johannis euangeüstae, innocentum, 
octabas Domini, epiphania, octabas epiphaniae, purificatio S. Mariae, 
pascha dies octo, ütania maior, ascensa Domini, pentecosten, S. Jo- 
hannis baptistae, sancii Petri et Pauli, S. Martini, S. Andreae. De 
adsumptione S. Mariae interrogandum reliquimus. 

II. Concilium Moguntinense 813. Jun. 9.«) 

De laetania maiore. XXXIII. Placutt nobis, ut laetania maior 
observanda sit a cunctis Christianis diebus tribus 

De festivitatibus anni. XXXVI. Festos dies in anno celebrare 
sancimus, hoc est diem dominicum Paschae cum omni honore et 
sobrietate venerari, simili modo totam ebdomadam illam observare 
decrevimus, diem ascensionis Domini pleniter celebrare, in Pente- 
costen similiter ut in Pascha, in natali apostolorum Petri et PaaU 
diem unum, nativitatem sancti Johannis Baptistae, adsumptionem 
sanctae Mariae, dedicationem sancti Michaelis, natalem sancti 
Remigii, sancti Martini, sancti Andreae, in natali Domini dies 
quattuor, octavas Domini, Epiphaniam Domini, purificationem 
sanctae Mariae, et illas festivitates, martyrum vel confessorum ob- 
servare decrevimus, quorum in unaquaque parrochia sancta corpora 
requiescunt, similiter etiam dedicationem templi. 

^) Die beiden in runde Klammern eingeschlossenen Angaben stammen von 
späterer Hand. Die in eckige Klammem gesetzten Namen fehlen im Kalender. 
«) MG. Legg. Sect. II, Tom. I, p. 179. Capit. Reg. Franc ed. Boretius. 
») MG. Legg. Sect. III, Concilia Tom. II, Pars I, p. 269 ed. Werminghoff. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 



67 



III. Capitulare Monasticum an. 817. Jul. 10.0 
Ut in precipuis soUempnitatibus, id est in natale et in octavis 
Domini, in epiphania, in pascha quoque et ascensione Domini et in 
pentecosten et in sanctorum festivitatibus, id est sancti Stephani et 
in beati Jo/iannis evangelistae et in natale infantium, in purificatione 
et assumptione sanctae Mariae, similiter et in beatorum apostolorum 
festis et in sancti Johannis Baptistae nativitate, in sancti quoque 
Laurentii atque Martini et in sancti Benedicti, seu in naiaütiis 
cuiuslibet sancti cuius honor in qualicumque parrochia specialtter 
celebratur, plenarium officium agatur et bis reficiatur. 





ad presb* 


Conctt. Mogunt. 


Capit. Monast. 




810—813 


813 


817 


25.Dec«) 


Natalis Domini 


Natalis Domini dies IV 


in natale Domini 


26. Dec 


S, Stephani 




S. Stephani 


27. Dec. 


«S. Johannis ev. 




Beati Johannis ev. 


28. Dec 


Innocentum 




in natale infantium 


I.Jan. 


Octabas Domini 


Octavas Domini 


in octavis Domini 


6. Jan. 


Epiphania 


Epiphaniam Domini 


in epiphania 


13. Jan. 


Octabas Epiph. 






2. Feb. 


Purif. S. Mariae 


Purif, S, Mariae 


in purif. S. Mariae 


21. Mar. 






S. BenedicU 




Pascha dies VIII 


Diem dominicum Paschae 


in pascha 




Letania maior*) 


Laetania maior(diebusIII) 






Ascensa Domini 


Ascensionis Domini 


in ascensione Domini 




Pentecosten 


Pentecosten 


in pentecosten 


24. Jun. 


S, Johannis bap. 


S. Johannis bap. 


S. Johannis bap. 


29. Jun. 


SS. Petri et PauU 


SS. Petri et Pauü 




10. Aug. 






S. Laurentii 


15. Aug. 


{de adsumptione Ma- 


Adsumptionem S. Mariae 


in assumptione S. Ma- 




riae interrogandum) 




riae 


29.Sept 




Dedic. S. Michaelis 




1. Oct 




Natalis S. Remigii 




11. Nov. 


S. Mariini 


S. Mariini 


S. Mariini 


30. Nov. 


S, Andreae 


S. Andreae 





*) MG. Legg. Sect. II, Tom. I, p. 346. Capit. Reg. Franc ed. Boretius. 

') Die Daten habe ich hier nur der Obersicht halber vorangestellt In den 
Kapitularien sind sie nicht angegeben. 

') Für Litania Maior gebe ich kein Datum, weil diese nicht mit der Utania 
Maior der römischen Kirche, die am 25. April gefeiert wird, verwechselt werden 
darf. Piper hat die Litania Maior unter den Festen des Mainzer Konzils und unter 
denen vom Jahre 810 — 813 unerwähnt gelassen (loc cit, p. 71), ob aus Versehen 
oder mit Absicht, weiß ich nicht Es handelt sich hier, wie es scheint, um die 
litanlae minores, die vor dem Himmelfahrtsfest gefeiert worden. 

5* 



Kommentar. 

Die folgenden Werke werden im Kommentar öfters zitiert und zwar nnr miter 

dem Namen des Verfassers oder der hier angegebenen Abkürzung. 

Acta SS. = Acta Sanctorum, Antverpiae, 1643 ff. fol. Nov. mens. tom. n, 1, BmxeL 
1894. Propyl. Nov. 1902. 

BHL = Bibliotheca Hagiographica Latina antiquae et mediae aetatis, Bruxellis 
1898—1901. 

Batiffol = Histoire du br^viaire romain, Paris 1895. 

Bäumer ^ Histoire du br^viaire, Paris 1905 (französische Obersetzung und Er- 
weiterung von Biron). 

Duchesne = Origines du culte chr^tien (3. Edition), Paris 1902. Englisdie Ober- 
setzung von Mc. Clure, London 1903. 
{GO = Kalender des X. Jahrhunderts im Cod. Monte Cassino 230. 
M = Kalender des Xl./XII. Jahrhunderts im Cod. Paris Mazarin. 364. 
D = Kalender des XIII. Jahrhunderts im Cod. Monte Cassino 127. 

Kraus = Realenzyklopfldie der christlichen Altertümer, Freiburg i. Br. 1882—1886. 

Lejay = Revue de philologie XVIII (1894), 42—52. 

PL = Patrologia Latina, ed. Migne. 

Piper = Karls des Großen Kalendarium und Ostertafel, Berlin 1858. 

Ranke = Das kirchliche Perikopensystem aus den ältesten Urkunden der römischen 
Liturgie dargelegt und erläutert, Berlin 1847. 



>) Abgedruckt ist G in Bibl. Casin. IV, Florileg. pp. 365—371 ; abgedruckt ist 
D in Bibl. Casin. III, Florileg. pp. 131—137; GMD sind von Lejay (siehe oben) mit P 
verglichen worden. Die Lesarten sind von ihm nach P gegeben. 



E. A. Loew, Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 69 

Kommentar. 

I.Jan, circumcisio dni.^) Unter den ältesten Kirchenfesten kommt 
diese Feier, die ursprünglich eine Feier der Octava Nativitatis 
war, nicht vor (Bäumer I, 272). Weder im Laterculus des 
Polemius Silvius vom Jahre 448 (Acta SS. Jun. VII, 178—184) 
noch in der Festordnung des Perpetuus, Bischofs von Tours 
(Greg. Tur. Hist. Franc. X, 31 = MG SS Rer. Mer. 1, 445), findet 
man dieses Fest. Auch der römische Ritus jener Zeit kennt 
es nicht (Batiffol p. 125). Es ist ein griechisches und galli- 
canisches Fest (Duchesne p. 273 — 74). In einem Kalender 
vom Jahre 817, der im Codex lat. Monac. 14456 eingetragen 
ist (aus dem Kloster S. Emmeram in Regensburg), finden 
wir von allen Festen des Jahres nur dieses eingetragen. 

1. Jan. sei. alamachi d. h. Almachius. In Martyrologium Bedas (PL 

XCIV, 799) lesen wir: Romae natale S. Almachü marfyris. 
In der BHL steht er nicht, aber in den Acta SS, 1. Januar 
p. 31, ist er vorhanden, und aus der Oberschrift des Kapitels 
geht hervor, daß er auch Telemachius genannt wurde. Der 
zunehmende Einfluß Roms ist in K sogleich zu erkennen. 
C und P feiern diesen römischen Heiligen noch nicht (vgl. 
die bei Chevalier, Repertoire des sources historiques, bio- 
bibliographie unter T616maque angeführte Literatur). 

2. Jan. depositio optati (C). So hat C. In P, wie auch in den 

Chronica des Leo Ostiensis, wird als Todestag der 4. Januar 
genannt, was wohl richtig sein dürfte. In K ist diese De- 
positio nicht erwähnt. Die Erörterung dieser ganzen Frage 
findet sich p. 39. 

2. Jan. dedicatio di. genitricis mariae. Die Kirchweihen in den drei 
Kalendarien sind zusammengestellt und erörtert p. 42. Wahr- 
scheinlich ist hier die Kirche gemeint, die Abt Theodemar 
bauen ließ. 

13. Jan. octav. epiphaniae. P hat Octaba Theophaniae^ obwohl er 
für den 6. Januar Epiphania bringt. Beide Ausdrücke werden 
in den alten Kalendarien gebraucht. Lejay macht darauf auf- 
merksam, daß auch Paulus Diaconus in der Hist. Langobar- 

>) Ich gebe die Lesarten der Handschriften unaufgelöst wieder und der Ab- 
cürzungsstrich wird durch einen Punkt ersetzt Wenn nichts anders bemerkt wird, 
und die Lesarten nach K gegeben. Alle in Klammem eingeschlossenen Angaben 
stammen von späterer Hand; die klein gedruckten sind ergänzt. 



70 E. A. Loew, 

dica VI, 9 (= MG SS Rer. Lang. p. 168) für dieses Fest die 
Bezeichnung Theophatüa hat. Auch im sogenannten .Comes 
Alcuins" (comes ab Albino) heifit das FesXTheophania (Ranke, 
Appendix Monumentorum p. V). 

13. Jan. not. hilarU conf. {P). Die Feier dieses Heiligen aus Poitiers 
ist beinahe so alt wie das christliche Kalendarium. Im Later- 
culus des Polemius Silvius vom Jahre 448 (Acta SS. Jun. VII 
p. 178; Mommsen, Chron. min. I, 518—523), dem ältesten 
christlichen Kalendarium ist er allerdings noch nicht erwähnt 
Aber nicht viel später schon kommt, wie wir aus der Fest- 
ordnung des Perpetuus, Bischofs von Tours (461 — 491), sehen 
können, seine Feier vor, obgleich der Tag (13. Januar) nicht 
angegeben ist (Greg. Tur. Hist. Franc. X, 31, ed. Arndt = MG 
SS Mer. I, 445). Das Datum (12. Januar) im C^asanatensis 
beruht wohl auf einem Schreibfehler. 

17. Jan. dep. sei. antoniL Hier ist Antonius aus iCgypten, der Vater 
des Mönchtums gemeint, der 356 starb. QMD haben nämlich 
Antonii Heremttae, so daß zweifellos nicht Antonius aus Rom 
gemeint ist, der im VI. Jahrhundert lebte und dessen Festtag 
ebenfalls der 17. Januar ist. 

20. Jan. scL saaastiani mar. Die Lesart Sauastiani in K soll Sebor 
stiani sein. Hier ist zu bemerken, daß in P fast immer das 
Wort natalis vor dem Namen des betreffenden Heiligen zu 
finden ist. Viel seltener ist dies der Fall in K oder C. Ich 
glaube, daß uns P die ältere Überiieferung wiedergibt. Der 
Sterbetag wird als Geburtstag angesehen, denn mit dem Tode 
fängt das ewige Leben erst an. Natalis als wirklicher Ge- 
burtstag kommt nur bei drei Heiligen vor: bei der heiligen 
Jungfrau, bei Agnes und Johannes dem Täufer (vgl. Lechner, 
Mittelalteriiche Kirchenfeste und Kalendarien in Bayern p. 45). 

22. Jan. sei. vincenti diac. Diesen spanischen Heiligen finden wir 
schon im Laterculus des Polemius Silvius, wo überhaupt nur 
vier Heilige erwähnt sind — ein Zeichen der großen Ver- 
ehrung, die dem heiligen Vincentius früh zuteil wurde. 

25. Jan. depo, thomichis abbi. (P). Nur in P (siehe p. 39 f.), der, wie 
es scheint, die ältere und bessere Oberlieferung vertritt 

28. Jan. scae. perpetuae et agn .... Das Folgende ist verloren. Die 
Pergamentblätter dieses Kodex (JK) sind an den oberen und un- 
teren Rändern schlecht erhalten. In den Acta SS. ist nichts 



Die Ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 71 

über Perpetua zu finden, ebensowenig in BHL. In Bedas 
Martyrologium dagegen ist die Heilige vorhanden (PL XCIV, 
826, ed. Holland.): NatcUe S. Agnetis virginis de nativitate. 
Smiths Nota zu dieser Stelle lautet so: „haec (Perpetua) una 
cum Dativo, Juliano, Publiano, Quintillo, Festo pridie etiam 
colitur.* S. Agnes ist dieselbe, deren Fest am 21. Januar 
gefeiert wurde (Beda Martyr. Smith Notae PL XCIV, 818). 

1. Feb. brigidae virginis. Diese Heilige aus Irland (f 523), Stifterin 

des Klosters Kildaria, kommt nur in K vor. GMD kennen 
sie nicht, die älteren P und C auch nicht. Die Handschrift, 
in der sich K befindet, enthält auch Alcuin und Beda; die 
Vorlage war wahrscheinlich fi'änkisch, ursprünglich insular. 
Ist es nun möglich, daß ein irisch-anglo-sächsischer Kalender 
dem unseren zugrunde liegt? Beachtenswert ist, dafi Beda 
diese Heilige hat; aber weder das Kalendarium Karls des 
Großen (siehe Piper p. 21) noch das von Batiffol (p. 125) 
rekonstruierte römische Kalendarium feiert ihren Tag. Daß 
die heilige Brigida von Kildaria, extremis definibus abtissa^ 
in einem Cassineser Kalender gefeiert wird, ist gewiß nicht 
bloßem Zufall zuzuschreiben. 

2. Feb. dies scae. (mariae). In K stand wahrscheinlich, wie in C, dies 

sanctae Mariae. Hier hat eine spätere Hand Mariae aus- 
radiert und folgendes hinzugefügt: purificatio erit S. Dei 
Genetricis et virg. Mariae et Dominas noster Jesus Christus 
in tempto est praesentatus, et a S. Simeone susceptus. Dieser 
Eintrag zweiter Hand läßt durchblicken, daß das Fest eine 
gewisse Entwicklung durchzumachen hatte. Purificatio S. 
Mariae ist neben Annuntiatio und Assumptio eines der 
ältesten Marienfeste (Kraus I, 496); dafür spricht schon die 
Form, in der das Fest in C angemerkt wird. Bei den übrigen 
Festen Maria haben wir spezielle Bezeichnungen, wie Nati- 
vitaSy Assumptio oder Annuntiatio. Hier dagegen heißt es 
einfach dies S. Mariae. Im Mozarabischen ist dies S. Mariae 
das Fest Annuntiatio (vgl. Anal. Hymn. XXVII, p. 47). Wir 
finden das Fest schon in der Reisebeschreibung der so- 
genannten Silvia erwähnt, die dieser Feier zu Jerusalem um 380 
beiwohnte (P. Geyer, Itinera Hierosolymitana saec. IV— VIII, 
Wiener Corpus eccl. vol. 39 p. 37—101, und Gamurrini, 
S. Silviae Aquitanae peregrinatio ad loca sancta, ed. altera 
Romae 1888, p. 53 und nota 1). Zu beachten ist, daß in P 



72 E- A. Loew, 

das Fest S. Symeonis heifit, da an diesem Tage Christus mit 
dem Greise Simeon im Tempel die Beg^^ung (pTtajuxnrj, 
occursus) hatte, woher die Bezeichnung iogtii ttjq ijianan^ 
= festum occursus oder festum Simeorüs (Kraus I, p. 496). 
Diese Bezeichnung ist sehr alt und spricht fflr hohes Alter 
der Vortage, die P zur Verfügung stand. In einer Notiz im 
Leben des Papstes Sergius (687—701) heißt es: Consütuit 
autem ut diebus Adnuntiaüonis Domini, Domütionis et Nor 
tivitatis sanctae Dei genetrlcis semperque virgüüs Mariae 
ac sancti Symeonis, quod Vpapanü Qreci appellant etc 
(Liber Pontificalis ed. Duchesne. Tom. I, p. 376). Aus dieser 
Notiz geht noch eines hervor, daß nämlich die Griechen die 
Feier als Fest des Herrn betrachteten. Es scheint, daß an 
diesem Tage auch die Depositio S. Simeonis gefeiert wurde; 
in der Vatikanischen Handschrift, die Smith in PL XCIV, 832 
für die Additiones herangezogen hat, heifit es: depositio B. 
Simeonis prophetae: qui a Spirito sancto responsum accepU, 
non visurum se mortem, nisiprius videret Christum Domini 
(Luk. 2, 26). Aus dem Erwähnten ist die Entstehung des 
Gedächtnistages Simeons leicht erkläriich. 

15. Feb. not. sci.faustini et iobit. diab. retror. reces. a dno. {P). In P 
haben wir das Fest der zwei Märtyrer aus Brescia und das 
Fest der Versuchung des Herrn. Die Versuchung steht in K 
am 14. Februar und wahrscheinlich waren auch die Heiligen 
aus Brescia dort eingetragen. Die Rasur, die man jetzt sieht, 
ist wohl in Benevent vorgenommen worden. Die Feier der 
Heiligen Faustinus und lovita wurde in Monte Cassino höchst 
wahrscheinlich von Abt Petronax eingeführt. Wir wissen näm- 
lich, daß Petronax diesen Heiligen eine Kirche weihte, in der 
ein bracchium unius illorum aufbewahrt wurde (Leo, Chron. 
Casin. I, 4 = MG. SS. VII, 582: vgl. p. 44 f.). 

19. Feb. {nat. erit beati barbati confess, et epi) Dieser Eintrag steht auf 
Rasur und weist auf Benevent hin, stammt jedoch von zweiter 
Hand. 

9. Mar. natal. scorum. 40 coronatonim. In den Acta SS. Mar. II, p. 2 
ist diese Feier unter Praetermissi et in alios dies rejecti zu 
finden, wo es heißt: MO martyres Sebasteni suum hoc die 
cultum habuere usquedum Innocentii X Pontificis jussu eum 
cessere. Agimus ergo de iis X Martiis.' C und P feiern 



Die Ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 73 

dieses Fest nicht, die späteren Cassineser Kalendarien kennen 
das Fest. Beneventanische Kalendarien sowie die jüngeren 
Cassineser tragen das Fest mit roter Tinte ein. 

25. Mar. das, crucifixus et conceptus. Ebenso ist das Fest in C ver- 
zeichnet. P dagegen hat statt conceptus die Worte adnan- 
tiatio S. Mariae. Während in Rom das Fest der Verkündigung 
von hohem Aher ist, wird es in Gallien noch am Anfang des 
IX. Jahrhunderts nicht öffentlich anerkannt (vgl. Capit. Eccl. 
ad Presbyteros, Concil. Mogunt., und Capit. Monac. p. 66 f. 
dieser Schrift). Das Kalendarium Karis des Großen (Piper 
p. 22) vom Jahre 781 hat es auch nicht. Wenn dieser Ka- 
lender, wie Piper meint, in Rom verfaßt worden wäre, so 
wäre es sehr merkwürdig, daß die Feier der Verkündigung 
weggelassen ist. Die Vortage dieses Kalenders wird also 
keine römische gewesen sein. 

27. Mar. resitrrectio dni. ihu. xpL Da Ostern für uns ein bewegliches 
Fest ist, könnte man meinen, das Datum 27. März in den 
Kalendarien gäbe uns ein Mittel an die Hand, diese zeitlich 
genau zu bestimmen. Allein dies ist nicht der Fall. Das 
Datum der Resurrectio in unseren Kalendarien gibt nicht den 
Ostersonntag an, sondern bezeichnet einfach die Resurrectio 
Domini Nostriy welche man seit dem III. Jahrhundert nament- 
lich in Gallien auf den 27. März kalendarisch fixiert hatte, 
gerade wie die Ascensio Domini Nostri auf den 5. Mai. 
Viele Handschriften, in denen Kalendarien eingetragen sind, 
hat man mit Hilfe des Osterdatums zu datieren versucht, was 
immer zu Irrtümern geführt hat. Der römische Kalender kennt 
keine festen Tage für den Tod und die Auferstehung Christi 
(Batiffol p. 125). Der Brauch ist vielmehr gallicanisch (Du- 
chesne p. 262 ff.). 

1 1. Apr. natalis leonis papae. Nur in K\ man merkt den zunehmenden 
Einfluß Roms. 

21. Apr. urb. romae natal. calistini • valeriani • maximi • tiburtii. Der 
Verfasser des Kalenders hat offenbar seine Vortage falsch 
verstanden. Es gibt keinen Heiligen Calistinus. Hier liegt 
eine Verwechselung mit dem Coemeterium Calixti vor. In 
Bedas Martyrologium (PL XCIV, 884 ed. BoUand.) finde ich 
für den 21. April folgendes eingetragen: Romae in coemeterio 
Calixti via Appia Valeriani, Tiburtii et Maximi, d. h. genau 



74 E. A. Locw, 

unsere Heiligen mit Ausnahme des Calistinus, dessen Nennung 
in unserem Kalender, wie erwähnt, auf einem Irrtum beruht 
25. Apr. letan. med. Einen Beweis für die Entwicklung des Ritus in 
Monte Cassino zwischen dem Ende des VIII. und dem Anfang 
des IX. Jahrhunderts bietet das Vorhandensein dieses Festes 
in K, während es in P und C fehlt. Es ist femer ein schla- 
gender Beweis dafür, dafi die Entwicklung eine römische 
Richtung verfolgte. Hier haben wir das erste Beispiel dieses 
Festes in einem Cassineser Kalender. Die späteren Cassineser 
Kaiendarien haben das Fest ebenfalls; es handelt sich also 
um eine wirkliche dauernde Vermehrung der Feste in /C, 
nicht etwa um eine vorübergehende oder zufällige Feier. 
Bitt- und Fasttage gab es in Gallien schon im VI. Jahr- 
hundert, wie wir durch Gregor von Tours erfahren (Hist 
Franc. II, 34 = MG SS Rer. Mer. I, I, p. 98). Nach ihm soll 
Mamertus, Bischof von Vienne, die Rogationen {dies roga- 
tionum oder litarUa minor) eingeführt haben. Daß die laetania 
maior in Rom schon vor Gregor dem Großen bestanden hat, 
geht aus seiner praeceptio von Sept 591 hervor, die lautet: 
SoHemnitas annuae devotionis, filii dilectissimi, nos ammonet 
ut laetaniam, quae mxdor ab omnibus appellatur, soUicitis ac 
devotis debeamus auxiliante Domino mentibus celebrare, etc. 
(MG. Epp. Tom. I, Pars. I, p. 102 ed. P. Ewald = epist II, 2). 
Ranke zitiert (p. 42) eine Stelle aus dem Leben Leos III. 
(795 — 816): ipse vero a Deo protectus et praeclanis Ponti- 
fex constitüit ut ante tres dies Ascenslonis dominicae leta- 
nias celebrarentur (Liber Pontificalis. Ed. Duchesne Tom. II, 
p. 12), — daher die jetzigen Litaniae minores oder dies ro- 
gationum. Dieses Zitat bestätigt auch, daß die Rogationen 
der gallicanischen Kirche einen anderen Charakter besaßen 
als die litania maior der römischen Kirche, in der die lita- 
niae minores erst unter Leo III. (795 — 816) eingeführt wurden. 
Aus meiner Zusammenstellung der Festverzeichnisse in karo- 
lingischen Statuten (p. 66 — 67) ersieht man, daß die Litania 
maior in Gallien zu dreitägiger Feier empfohlen wurde. In 
jenen Statuten sind keine Daten angegeben, aber sicherlich 
sind dort die dies rogationum zu verstehen. In unseren 
Kaiendarien kommen keine solchen Feste vor. K hat nur 
das eintägige Fest der Litania maior, das schon seit Jahr- 
hunderten in Rom am 25. April gefeiert wurde. Auch Bedas 



Die Sltesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 75 

Martyrologium (PL XCIV, 887) erwähnt das Fest: Romae lUa- 
nia maior ad S. Petrum. Für die Kritik liturgischer Urkunden 
ist also dieses Fest von Wert. Ich zitiere Ranke (p. 43): „Hat 
ein Kodex nur die Litania maior des 25. April, so ist er ohne 
Zweifel römischer Abstammung; hat er nur die Rogationen, 
so ist er gallikanisch. Hat ein römischer Kodex die Roga- 
tionen, so ist er jünger, hat er sie nicht, so ist er älter als 
Leos Regierung" (795—816). 

3. Mai. inventio scae. cmcis. Während wir diese Feier in Gallien am 
Anfang des IX. Jahrhunderts noch nicht finden (vgl. p. 66 — 67), 
kennt sie der Cassineser Ritus schon am Ende des VIII. Jahr- 
hunderts, da P und C das Fest haben. Ranke (p. 52) weist 
darauf hin, daß, was die Kritik von Urkunden betrifft, dieses 
Fest von keinem Nutzen ist, »daß es vielmehr die Bestim- 
mung seines Alters von ihnen, soweit sie anderweitig be- 
festigt sind, erwarten muß". Der römische Kalender des 
IX. Jahrhunderts kennt das Fest (Batiffol p. 126). Der Cassineser 
Ritus steht, wie es scheint, dem römischen in vieler Beziehung 
näher als dem gallikanischen. 

6. Mai. deprecatio petronaci ab. Vgl. p. 39 f. 

6. Mai. {depositio paschalis). Wahrscheinlich Papst Paschalis I. (817 

bis 824), dessen Festtag in BHL. am 14. Mai verzeichnet ist. 

7. Mai. sei. victoris. P und C haben das Fest am 8. Mai, was richtig 

ist. Hier liegt wohl ein Schreibfehler vor. In /C ist es von 
einer späteren Hand durchgestrichen und am 8. Mai ein- 
getragen. 

8. Mai. sei. angelL Gemeint ist offenbar der Erzengel Michael, dessen 

Apparitio in Monte Gargano Ende des V Jahrhunderts am 
8. Mai gefeiert wurde. Obwohl man aus Leo Ostiensis (Chron. 
Casin. I, 13) und Erchempert (Hist. Cap. 27) den Eindruck er- 
hält, daß die Feste des Erzengels in jener Gegend von sehr 
hohem Alter sind, findet man dieses Fest nur in K erwähnt, 
nicht in den älteren P und C. Auch das Fest der Dedicatio 
am 29. September kommt nur in K vor. Die späteren Cassi- 
neser Kaiendarien haben beide Feste. 

12. Mai. natal. sei. paneratii. Das Datum in C (11. Mai) beruht wohl 
auf einer Verschreibung. C ist überhaupt nicht sorgfältig ab- 
geschrieben. 



76 E- A. Locw, 

3. Jun. dedicatio sei. faustlni. Ober Kirchweihen vgl. p, 43 — 45. 
5. Jun. sep. theomar abb. d. h. Theodemar, Abt von Monte Cassino 

(778—797). Ober die Depositiones der Äbte von Monte 

Cassino vgl. p. 39. 
8. Jun. dedicatio oratorii sei. stephani. Siehe oben Anmerkung zum 

3. Juni. 
11. Jun. sei. barnabae apostoli. P hat hier S. Bartholomaei^ was 

wahrscheinlich auf einer Verschreibung beruht, oder auf 

falscher Auflösung der abgekürzten Form seiner Vortage. 

15. Jun. sei. viti. Dieser römische Heilige ist nur in K eingetragen. 

16. Jun. Hier steht auf Rasur seor. mar. nicandri et mareiani. et 

mareiani ist wohl eine Zutat. Die erste Hand hat sei. mar. 
nieandri eingetragen, wie wir in C lesen und auch in P (am 
17. Juni). Die zweite Hand, die in Benevent tätig war, fügte 
später mareiani hinzu, und machte aus sei. seor. BHL. hat 
Marcianus und Nicander am 17. Juni, wie P. 

17. Jun. Auf Rasur, von zweiter Hand geschrieben, steht hier not. 

beati bertholomei apli. Auch in G findet man das Fest des 
Apostels an diesem Tage (vgl. Lejays Anm. p. 47 n. 108). Zu 
beachten ist, daß der Eintrag von zweiter Hand ist 

19. Jun. ded. seae. seol. (P). Diese Kirchweih steht nur in P. Wie die 
anderen in P eingetragenen Dedicationes sich auf Monte 
Cassino bezogen, so haben wir auch hier an eine Cassineser 
Kirchweih zu denken. 

22. Jun. nat paulini nolensis epi. Nach diesem Eintrage stand, da, 
wo man jetzt nur eine radierte Stelle sieht, höchst wahr- 
scheinlich Jaeobi Alphaeiy wie in P und C. 

24. Jun. nat. sei. johannis (baptiste). Vgl. Anmerkung zum 20. Januar 

über den Ausdruck natalis. 

25. Jun. aeg. m. epifi = decimus aegipt. mensis. Der Kodex Monac. 

lat. 14456 (saec. IX) enthält einen Kalender, der nur die Jahres- 
zeiten und die griechischen, ägyptischen und hebräischen 
Namen der Monate verzeichnet, aber fast keine Feste (cireum- 
cisio Domini ist das einzige Fest in diesem Kalender). Der 
X. ägyptische Monat heißt dort epiphi. In PL XC, 770 heißt 
der Monat episi, was offenbar einer Verwechselung zwischen 
si und // zuzuschreiben ist. In der Textgeschichte der Regula 
S. Benedicti p. 130 hat Traube darauf aufmerksam gemacht, 
daß die Verbindung si nur in insularen Handschriften vorkommt. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 77 

27. Jun. dedk. sei. petri. Vgl. p. 46—48. 
30. Jun. depositio potoni abb. Vgl. p. 39. 
5. Jul. dedicatio (oratorii) sei. martini. Oratorii stammt von zweiter 
Hand; vgl. p. 48—49. 

13. Jul. margartte scae. Heilige dieses Namens gibt es viele, sogar 

mehrere, die an diesem Tage gefeiert werden. Hier ist 
wahrscheinlich Margarita aus Antiochien gemeint Zu be- 
merken ist, daß auch GMD das Gedächtnis der Margarita 
am 13. Juli feiern, während es BHL am 20. Juli angibt. 

14. Jul. {et dedicatio oratorii sei. barbati in beneven.) Wichtig ist 

die Tatsache, daß der Eintrag nicht von erster Hand stammt. 
Vgl. p. 52. 

17. Jul. {conseeratio aionis epi.) Vgl. Gams (Ser. Episcop. p. 671): 

„a. 875 iam ep." und Annalistische Einträge, p. 55. Der 
Eintrag ist auffallenderweise nicht von erster Hand. 

18. Jul. depositio ermerissi abb. C und P haben ErmeriSy K hat 

Ermerissi. Leo Ostiensis (Chron. Casin. ed. Wattenbach 
= MG. SS. VII, 585) hat Hermeris. Auch Hermerisias 
kommt vor (SS. Rer. Lang. 489). 
22. Jul. seae. mariae magdalene. Nicht in C und P. Es ist über- 
haupt auffallend, daß in einem Zeitraum von etwa 30 Jahren 
die Zunahme an weiblichen Heiligen in Monte Cassino so 
groß war, wie wir aus K ersehen können. Wir finden in K 
neun solcher Heiligen, die in P und C nicht vorhanden sind. 
Da man sieben von diesen schon in einem Kalender des 
X. Jahrhunderts nicht mehr findet, sieht man, daß dies nur 
eine vorübergehende Phase im Cassineser Ritus war. Ich 
zähle hier die Heiligen auf, die nur in K vorkommen: 
1. Perpetua, 2. Brigida, 3. Perpetua et Felicitas, 4. Margarita, 
5. Maria Magdalena, 6. Christina, 7. Euphemia, 8. Thecla, 
9. Lucia, 10. Columba. Von diesen Heiligen hat G aus 
erster Hand nur Euphemia und Lucia, von späterer Hand 
Margarita und Magdalena. M (1099—1105 geschrieben) hat 
von diesen allen nur Magdalena, Euphemia, Lucia und 
Christina. Diese merkwürdige Tatsache brachte mich auf 
den Gedanken, ob nicht etwa der voriiegende Kalender für 
die Nonnen des Klosters von S. Sophia in Benevent bestimmt 
gewesen sei. Damit würden sich die Depositiones von Cas- 
sineser Äbten und die Dedicationes von Cassineser Kirchen 



78 E- A. Locw, 

recht wohl in Einklang bringen lassen, da dieses Kloster 
bekanntlich den Cassinesem gehörte. Noch im IX. Jahr- 
hundert wurde das Monasterium von S. Sophia ein Mflnner- 
kloster. Bei dieser Gelegenheit mag wohl der Kodex in die 
Bibliothek der Hauptkirche gekommen sein» deren Eigentums- 
signatur er noch heute trägt. Daß der Kodex verschenkt 
wurde, geht aus dem Widmungsgedicht hervor, dafi sich auf 
Fol. 4^ befindet; daß dies in der zweiten Hälfte des IX. Jahr- 
hunderts geschah, dafür sprechen Schrift und Interpunktion 
des Gedichtes. Es lautet folgendermaßen: 

Munus hoc exigimm praeclaro nempe magistro 
Offero devote ductus amore meo'/ 

Fecit hoc et mulier verbis laudata tonantis 
lila euangello vidua mente pia-/ 



25. Jul. scae. xpinae. In BHL am 26. Juli vgl. Anmerkung zum 
22. Juli. 

1. Aug. machabaeonim. Dieses Fest, welches allmählich durch „Petri 
Kettenfeier* verdrängt wurde, ist schon im Laterculus des 
Polemius Silvius zu finden. Unter den Festen, deren Feier 
in Gallien am Anfang des IX. Jahrhunderts öffentlich emp- 
fohlen wurde (vgl. p. 66 f), wird es nicht erwähnt Der römische 
Kalender jener Zeit kennt es gleichfalls nicht (Battifol p. 127). 
Es ist also beachtenswert, daß von unseren drei Cassineser 
Kaiendarien nicht nur /T, sondern auch C und P es erwähnen, 
ein Zeichen, daß in Monte Cassino das Fest schon am Ende 
des VIII. Jahrhunderts gefeiert wurde. Vgl. Rampolla, Del 
luogo del martirio e del Sepolcro dei Maccabei. Siena 1897; 
dasselbe in Bessarione (1897) 10—13. 

6. Aug. rom. xysti epL felicissimi et agapiti. In P und C ist nur der 
erste dieser drei römischen Heiligen erwähnt. Die späteren 
Cassineser Kaiendarien (GMD) erwähnen alle drei, — wieder 
ein Beweis für die von Rom beeinflußte Entwicklung. 

13. Aug. scLyppoliti et sei. cassiani. Nur in K, aber auch in GMD, 
Man sieht abermals, wie der Kalender an Festen zugenommen 
hat. Der Einfluß Roms ist deutlich zu erkennen. Nach 
Bedas Martyrologium gehören beide Heilige dem römischen 
Ritus an (PL XCIV, 1004—5). 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 79 

15. Aug. assamptio scae. mariae. Von unseren drei Kaiendarien scheint 
P die älteste Vortage gehabt zu haben. Statt assumptio hat 
P transitus. Diese Bezeichnung für das Fest ist beachtens- 
wert. Ich habe dafür keinen anderen Beleg gefunden. 
Transitus für den Tod kommt nicht selten vor, aber die 
Bezeichnung dieses Festes durch Transitus ist ungewöhnlich. 
Die älteren Kaiendarien gebrauchen nicht das Wort As^amp/to, 
sondern Pausatio oder Dormitio (PL XCIV, 1006, ed. Bolland.), 
wozu Transitus als eine andere ältere Bezeichnung hinzutritt. 
Während wir in P Transitus lesen, hat K Assumptio^ und 
dieser Unterschied mag wohl auf eine Entwicklung im 
Cassineser Ritus hindeuten, der sich um jene Zeit mehr und 
mehr dem römischen anschloß. Hier ist bemerkenswert, 
daß in den Capitularien (ad. Presb.) vom Jahre 810 — 813 
(vgl. p. 66 f.) das Fest der Himmelfahrt Mariae zwar erwähnt 
wird, aber in Worten, die eine Entwicklung im gallischen 
Ritus erblicken lassen; es heißt dort: de adsumptioneS. Mariae 
interrogandum reliquimus. Indessen beweisen die Capitularien 
aus den Jahren 813 und 817, daß man sich in Gallien bereits 
für dieses Fest entschlossen hatte (vgl. p. 66 — 67). 

22. Aug. depo, gratiani abb. (P). Dieser Eintrag fehlt in K\ C und P 
haben ihn (vgl. p. 39). 

24. Aug. sei. bartholomaei apostoli. P und C, sowie der spätere G 
haben das Fest am 25. August Erst nach der Wende des 
XI./XII. Jahrhunderts haben die Cassineser Kaiendarien eine 
Vigilia S. Bartholomaei am 24. August. K aber stimmt mit 
Beda überein und feiert das Fest am 24. August (PL XCIV, 
1015). Diese Obereinstimmung ist vielleicht keine zufällige. 
Man muß bedenken, daß die Handschrift, in der K einge- 
tragen steht, Ostertafeln, Computi und eine Chronik enthält, 
alles Stücke, die wahrscheinlich Beda zuzuschreiben sind. 
Es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß die Voriage auch 
einen Kalender enthielt. Der 24. August ist übrigens auch 
im Kalendarium Karis des Großen (Piper p. 27) das Datum 
für Bartholomaeus. 

1. Sept. scor. constantii et feliani. Diese Heiligen kommen in Bedas 
Martyrologium nicht vor (PL XCIV, 1027—28). Constantius 
(VI. Jahrhundert) stammt aus Aquino, also aus Monte Cassinos 
nächster Umgebung. Wer der andere Heilige ist, läßt sich 



80 E- A. Locw, 

nicht leicht erkennen. P hat Felicianas^ C bloß Fei. und 
K hat Felianus. In BHL gibt es keinen Felidanus, dessen 
Gedächtnis auf den 1. September fällt; Felicianus aus Umbrien, 
dessen Tag am 24. Januar gefeiert wird, ist kaum der unserige. 
Ich glaube, man wird hier an einen lokalen Heiligen zu 
denken haben, dessen Fest schon mit dem IX. Jahrhundert 
aufhört. Spätere Cassineser Kaiendarien haben es nicht 
mehr. Da die drei Kaiendarien den Heiligen verschieden 
benennen, und C bloß Fei. hat, könnte man an Felix d'^can, 
Märtyrer in Benevent denken, dessen Feier gerade auf diesen 
Tag fällt Die Vortagen unserer Kaiendarien gebrauchten, 
wie aus vielen Stellen hervorgeht, häufig Abkürzungen. 
Die Abkürzung Fei. der Vorlage wurde von Abschreibern 
in verschiedener Weise aufgelöst. Deswegen habe ich Felix 
in die Liste der Heiligen aufgenommen. 
8. Sept. nativ. scae mariae. Für Rom kann man mit Sicherheit sagen, 
daß dieses Fest schon im VII. Jahrhundert gefeiert wurde 
(vgl. Ranke pp. 49 — 50). Die Bezeichnung NativUas 
S. Mariae secundum carnem in P deutet vielleicht auf eine 
ältere Vortage hin. 

14. Sept. (exaltatio s. . t) Dies stammt in K von zweiter Hand. 
Vorher aber hat man crucis, das vielleicht von erster Hand 
eingetragen war, ausradiert und f dafür eingesetzt Dieses 
Fest ist eines der höchsten in der griechischen Kirche. Die 
römische Kirche feierte es schon vor dem VII. Jahrhundert, 
wie aus einer Notiz aus dem Leben des Papstes Sergius 
hervorgeht, wo es heißt: Qui etiam ex die illo pro salute 
humani generis ab omni populo Christiano, die Exaltationis 
sanctae Crucis, in basilicam Salvatoris qiiae appellatur 
Constantiniana osculatur ac adoratur. (Über Pontificalis 
Tom I, p. 374 ed. Duchesne.) Der Kalender Karls des Großen 
hat dieses Fest nicht, weshalb mir die Vermutung Pipers, 
daß der Kalender eine römische Vortage gehabt habe, kaum 
richtig erscheint. Unser Kalender K zeigt wiederum, daß 
der Cassineser Ritus um jene Zeit von dem römischen 
mehrere Feste übernahm. 

16. Sept. in palati. benu. dedic. ecclae. sei. salbatoris (C). Dies hat 
nur C (vgl. Kirchweihen, p. 49). 

19. Sept. (scorum. ianuarii epLfesti et desiderii et socior. eor.). Dieses 
Fest steht in /Cvon zweiter Hand (X. Jahrhundert) eingetragen. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 81 

eine Tatsache, die sehr für die Vermutung spricht, daß der 
Kalender zuerst in Monte Cassino und später in Benevent 
verwendet wurde. Wäre der Kalender in Benevent entstanden, 
wie Federici meint, so hätte er den heiligen Januarius schon 
von erster Hand eingetragen. Lejay (p. 49) hat lamarii, was 
wohl ein Druckfehler sein wird. 

22. Sept. pas. sei. maarkiL Nur in /C, auch in Bedas Martyrologium 

(PL XCIV 1051). 

29. Sept. dedicatio basilic{ae). Was folgt, stand auf einem Stück 

Pergament, das jetzt fehlt. Zu ergänzen ist, wie ich vermute, 
S. Michaelis ArchangelL Im Mainzer Konzil 813 (vgl. 
p. 66 — 67) wird dieses sehr alte Fest erwähnt, auch im 
Kalender Karls des Großen (Piper p. 28). Dieses Fest, wie 
das vom 8. Mai (vgl. Anm. p. 75), findet man nur in K ein- 
getragen. Die späteren Cassineser Kaiendarien haben es 
ebenfalls. 

30. Sept. in betleem iud{aeae). Hier ist zweifellos In Betleem Judaeae 

S. Hieronymi zu ergänzen (vgl. Anm. zum 29. Sept.). 
4. Oct. dedic. basilL beati benedicti in Castro casino. Vgl. Kirch- 
weihen, p. 50—51. V. und IV. Nonas (oder 3. und 4. Oktober) 
fehlen in C. Auf andere Nachlässigkeiten habe ich bereits 
aufmerksam gemacht. 
13. Oct. (visi st igniculi etc.) Vgl. Annalistische Einträge, p. 53—56. 

23. Oct. (dedicatio erit oratorii beati iantiarii epi. et mar.). Be- 

merkenswert ist, daß der Eintrag von zweiter Hand stammt, 
wie auch alle anderen beneventanischen Kirchweihen. Von 
hier ab ist ein Stück des Kalenders (die untere linke Ecke 
des Blattes) schon im XI. Jahrhundert angesetzt worden, was 
man an der Schrift der Zahlen, die ins XI. Jahrhundert gehört, 
deutlich sehen kann. Auf diesem später angehefteten Stück 
Pergament steht, mit Ausnahme der zwei ersten Buchstaben, 
der Eintrag Translatio erit beati Bartholomei Apostoli de 
Liparim in Benebentum. Der Schrift nach gehört der Eintrag 
ins XI. Jahrhundert. Über den Wert dieses Eintrags für die 
Datierung vgl. Annalistische Einträge, p. 54. 

28. Oct. {nat. scor. aplor. Simonis et iud.) 

30. Oct. {nat. sei. germani cfr. et epi.) 

Diese Heiligen, die auf dem neuen Stück Pergament einge- 
tragen sind, standen auch zweifellos auf dem alten. 

QueUen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 3. 6 



82 E. A. Loew, 

1. Nov. {festivitas omnium sconim). Der Eintrag stammt von zweiter 
Hand (saec. IX). Also wissen wir, daß das Allerheiligenfest 
am Anfang des IX. Jahrhunderts dem Cassineser Ritus nicht 
eigen war. Beda erwähnt es, aber in Gallien wird das Fest 
erst nach dem Jahre 835 allgemein gefeiert, wie aus einem 
Bericht des Siegebertus hervorgeht. Für das Jahr 835 schreibt 
er: Monente Gregorio Papa (IV) et omnibus episcopis 
assentientibus Ludouicus Imperator statuit, ut in Gallia ä 
Germania festiuitas omnium Sanctorum in Kalendis Nch 
uembris celebraretur, quam Romani ex instituto Bonefacü 
papae celebrabant (MG. SS. VI, p. 338—39), vgl. Ranke p. 47 
und Kraus I, 501. 

11. Nov. sei. martini. Dieser Heilige von Tours wurde wie Hilarius 
von Poitiers schon sehr früh allgemein gefeiert Auch wurde 
ihm die erste Kirche geweiht, die Benedict baute (Greg. 
Mag. Dialog. II, 8); vergl. p. 44, 

17. Nov. tecle virginis. Nur in K ist diese Heilige vorhanden. Beda 
hat sie ebenfalls (vgl. Anm. zum 22. Juli). Vgl. Gebhardt, 
Passio S. Theclae Virginis, Leipzig 1902 und Holzhey, Die 
Thekla-Akten, München 1905. 

20. Nov. {dedicatio erit oratorii sei. marciani confessoris et epi. in 
benevento). Zu bemerken ist, daß diese beneventanische 
Kirchweih von späterer Hand herrührt, so daß man aus 
diesem Eintrag nicht schließen darf, wie es Federici tut, der 
Kodex sei in Benevent geschrieben (vgl. Kirchweihen p. 51 f.). 
7. Dec. {Nat. sei. ambrosii epi. [P]). Sehr auffallend ist, daß der 
heilige Ambrosius nur in P und C von erster Hand ein- 
getragen ist. Der Eintrag in K über seine Bischofsweihe 
stammt erst von zweiter Hand. 

14. Dec. sei. zenonis. Diese Feier hat K allein. Bei Beda finde ich 
sie nicht. Das Fest eines heiligen Zeno findet man in G 
am 26. dieses Monats. In einem bayerischen Kalender aus 
dem X. Jahrhundert (Cod. lat. Monac. 6421) wird der be- 
rühmte Zeno von Verona, der in BHL am 12. April ver- 
zeichnet ist, am 8. Dezember gefeiert: Sti. Zenonis eonfes. 
et epi. in Verona civitate. Auch im Martyrologium Romanura 
ist für den 8. Dezember verzeichnet: Veronae ordinatio 
S. Zenonis confessoris. Höchst wahrscheinlich bezieht sich 
unser Eintrag auf ihn. Vgl. A. Bigelmair, Zeno von Verona, 
p. 42 f. 



Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino. 



83 



18. Dec. {dedicatio erit hulus scae. eccle). Dieser Eintrag von zweiter 
Hand weist wahrscheinlich auf die ecciesia beneventana hin. 
31. Dec. scae. columbae virginis. Vgl. Anm. zum 22. Juli. 



Beneventanische Handschriften, die Kaiendarien enthalten. 



Signatur 


Datum 


Herkunft 


der Handschrift 


des Kalenders 


des Kalenders 


Cava 23 


77&-797 


Monte Cassino 


London Thompsonianus 8*) 


XI./XII. Jahrhundert 


S. Bartholom. dl Carpineto 


Monte Cassino 47 


XII. Jahrhundert 


Monte Cassino 


Monte Cassino 127 


XIII. Jahrhundert 


Monte Cassino 


Monte Cassino 230 


%9-987 


Monte Cassino 


Monte Cassino 444») 


1075-1090 


Monte Cassino 


Nap. VI B 12*) 


817-835 





Nap. VI E 43 


1097 


Benevent 


Nap. Vni C 4 


1094—1105 


Monte Cassino 


Paris 7530 


77&-797 


Monte Cassino 


Paris Mazarine 364 


1099-1105 


Monte Cassino 


Rom Casanat. 641 


811-812 


Monte Cassino 


Rom Vallicell. B 32 


XI. Jahrhundert 


Veroli 


Rom Vatic. 4928 


XII. Jahrhundert ang. 


Benevent 


Rom Vatic. 5419 


XII. Jahrhundert 


Benevent 


Rom Vatic. 5949 


XII. Jahrhundert 


Benevent 


Rom Vatic. 6082 


XII. Jahrhundert 


Monte Cassino 


Rom Vatic. Barber. 421 


X./X1. Jahrhundert 


Benevent 


RomVatic. Borgian. 211Ö) 


1094—1105 


Monte Cassino 


Rom Vatic. Urb. 585 


1099-1105 


Monte Cassino 



1) Diese Liste erhebt Iceinen Anspruch auf Vollständiglceit. 

') Diese Signatur gebe ich der beneventanischen Handschrift, die sich jetzt 
im Besitze des Herrn Henry Yatcs Thompson in London befindet. 

*) Auch die Handschriften Monte Cassino 199 und540 sollen Kaiendarien enthalten. 

*) Von diesem Kalender des IX. Jahrhunderts sind jetzt nur die Monate Juli 
und August noch zu lesen. Die letzten vier Monate fehlen ganz, und die ersten 
sechs sind schon im XI. Jahrhundert ausradiert und überschrieben worden. Der 
Kalender scheint Icein klösterlicher zu sein. Im Jahre 1117 wurde er von Bischof 
Wilhelm an die Ecciesia Trojana verschenkt, wie aus einer zeitgenössischen Notiz 
auf fol. 260 V dieser Handschrift hervorgeht. 

') Auf diesen sehr interessanten Kalender, der dem Leo Ostiensis gehörte, 
sowie auf andere jüngere Cassineser Kaiendarien hoffe ich bei anderer Gelegenheit 
zurückzukommen. 

6* 



Besprochene Handschriften. 



Augsburg S. Ulrich (?) 46 u. Anm. 2 
Bamberg E III 14 56 

Cava 23 VI, VIII, 1 ff., 83 et passim 

London Thompsonianus 8 83 

Monte Cassino 3 V, 8, 9 

47 83 

127 IX, 68 u. Anm., 83 

199 83 Anm. 2 

230 IX, 39, 68, 77, 83 

444 83 

540 83 Anm. 2 

Monte Cassino Urkunden 50, 51 

München lat. 6421 82 

14456 69, 76 

Neapel VI B 12 83 

— VI E 43 83 

— VIII C 4 83 
Paris lat. 609 3 
7530 VI, VllI, 4 ff., 83 et passim 

— Mazarin. 364 IX, 68 u. Anm. 77, 83 



Rom Casanat. 641 V, VID, 3, 5, 6 ff., 




83 et passim 


724 (Rotuli) 


7 u. Anm. 3 


1086 


5 Anm. 2, 7 


- Vatic lat. 3313 


5 Anm. 2 


4928 


56,83 


4958 


9 Anm. 5 


5007 


5 Anm. 2 


5419 


83 


5949 


83 


6082 


83 


10673 


50 AmxL 


— Vatic. Barber. 421 


83 


— Vatic. Borgian. 211 


83 


— Vatic. Regln. 1267 


5 Anm. 2 


— — Regln. 1823 


5 Anm. 2 


— Vatic. Urb. 585 


83 


— Vallicell. B 32 


83 



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l^ucllrri ij. Unlcrsuch. /. lul. Pliiluloj^ie des .MA. 111, 



PARIS. LAT. 7530 



E. A. Locw, Kalendarien Taf. III 



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Quellen u. Uiiu-rsuch. i. lat. Philulouk- des .MA. III, J. 

ROM. CASANATExNSIS G41 



Quellen und Untersuchungen 



zur 



lateinischen Philologie des 
Mittelalters 



herausgegeben von 

Ludwig Traube 



Dritter Band, viertes Heft 

Kritische und erklärende Ausgabe der Gedichte 
des Paulus Diaconus 

von 

Dr. Karl Neff 

Professor am Wilhelmsgymnasium zu München 




MÜNCHEN 1908 

C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 

OSKAR BECK 



DIE GEDICHTE DES 

PAULUS DI ACONUS 

KRITISCHE UND ERKLÄRENDE AUSGABE 



VON 

Dr. KARL NEFF 

PROFESSOR AM WILHELMSGYMNASIUM ZU MÜNCHEN 



MIT EINER TAFEL 




MÜNCHEN 1908 

C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 

OSKAR BECK 



rüj'i-iw J-i*^i\ARY 



ASTOft, LENOX ANO 

TILDEN r - •ATtmm, 
R 1912 L 



C. H. Beck'sche Buchdruckerei in Nördlingen. 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Vorwort VII 

Einleitung: Geschichte der Forschung XI 

Die handschriftliche OberUeferung XUI 

1. Obersicht über die Abkürzungen XIII 

2. Inhalt der wichtigsten Handschriften XIII 

I. Loblied auf den Comersee 1 

n. Paulus an Adelperga 7 

III. Brief an Adelperga 11 

IV. Inschriften auf die Bauten des Arichis 14 

V. Andere Inschriften 20 

VI. Loblied auf den heUigen Benedikt 23 

Vn. Zweites LobUed auf den heiligen Benedikt 35 

VIII. An einen Freund 38 

IX. Auf das Grab der Königin Ansa 41 

X. Auf das Grab der Enkelin Sophia 49 

XI. Bittschrift an Karl 52 

XII. Petrus von Pisa an Paulus Diaconus 56 

XIII. Antwort des Paulus 63 

XIV. Brief an Theudemar 69 

XV. Grammatische Rhythmen 74 

XVI. Rätsel 82 

XVn. Petrus an Paulus 84 

XVffl. Paulus an den König 88 

XDC Antwort des Paulus 91 

XX. Paulus an Petrus 96 

XXI. Petrus an Paulus 98 

XXII. Antwort des Paulus 101 

XXin. Karl an Paulus 106 

XXIV. Auf das Grab der Rotheid, Tochter Pippins 109 

XXV. Auf das Grab der Adelheid, Tochter Pippins 112 

XXVI. Auf das Grab der Königin Hildegard 113 

XXVII. Auf das Grab der Adelheid, Tochter Karls 117 

XXVm. Auf das Grab der kleinen HUdegard 119 

XXDC Auf das Grab des Dichters Fortunat 121 

XXX. Paulus an Karl (Widmung seines Auszugs aus Festus) 123 



VI Inhaltsverzeichnis. 

Sdte 

XXXI. Brief an Adalhard 126 

XXXn. Paulus an Kart 131 

XXXUL Karl an Paulus 135 

XXXIV. Karl an Petrus und Paulus 139 

XXXV. Auf das Grab des Arichis 143 

XXXVI. Auf das Grab des Paulus Diaconus 150 

XXXVn. Wdmungsgedicht des Petrus von Pisa 157 

XXXVm. Zum Lob des Königs 159 

XXXDC. AngUbert an Petrus 163 

XL Karl an Petrus 165 

XU. Kart an Petrus 168 

Anhang. 

I. Auf das Grab Lothars 170 

II. Grabschnft für Eggihard 176 

in. Auf das Grab des Dombercht 178 

IV. Fiduda an Angilram 181 

V. Verse über die Metzer Bischöfe 186 

VI. Fabeln 191 

VII. Coniurationes convivarum pro potu 199 

VIII. Hausimus altifluo 202 

IX. Perge libelle meus 205 

X. Filius Ule dei 207 

XI. Hausimus altifluam 209 

Indices. 

I. Initia carminum et epistularum 213 

II. Index nominum 215 

III. Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus Diaconus 219 

Tafel: Abdruck von Oxford Bodl. Add. C 144 saec. XI f. 58 v. 



Vorwort. 



Die vorliegende Ausgabe der Gedichte ist das Ei^ebnis einer 
neuen Untersuchung des für die Überlieferung des Paulus wichtigen 
handschriftlichen Materials, das mir teils im Original teils in photo- 
graphischen Wiedei^aben vorlag. Durch diese nochmalige Ver- 
gleichung, die eine reiche Nachlese ergab, wurde ein zuverlässiger 
kritischer Apparat geschaffen, der, ausführlicher und leichter ver- 
ständlich angelegt als die früheren, einen Einblick in die bis jetzt 
bekannte Überlieferung gewährt. Lesefehler und Versehen der Dümm- 
lerschen Ausgabe wurden dabei nicht angeführt. Der Text der Ge- 
dichte hat durch die kritische Revision und die genaue Beobachtung 
des paulinischen Sprachgebrauches hoffentlich abermals gewonnen. 

Besondere Beachtung schenkte ich der Lösung der Autorfrage. 
In diesem Punkt gingen schon die Meinungen Bethmanns und 
Dahns sehr weit auseinander und auch Dümmler traf hier nicht 
immer die richtige Entscheidung. Die Hauptschwierigkeit besteht 
darin, daß die sonst übliche Methode, nämlich die Autorschaft dadurch 
festzustellen, daß man zweifellos echte Werke in stilistischer Hinsicht 
mit bezweifelten vergleicht und aus den Anklängen die Schlußfolgerung 
zieht, bei karolingischen Dichtern nicht immer zum Ziele führt, da 
diese, ein und derselben Schule angehörig und in der nämlichen 
Weise von ihren Klassikern beeinflußt, sich meist der gleichen Aus- 
drucksformen bedienen. Um dies deutlich vor Augen treten zu 
lassen führte ich bei den Edäuterungen zu den einzelnen Gedichten 
möglichst viele Parallelstellen aus der von Dümmler, Traube und 
P. V. Winterfeld herausgegebenen Sammlung der Poetae aevi Carolini 
(Poet. I — III) an, während ich mich bei der Angabe antiker Ent- 
lehnungen, die Manitius in ausführlichster Weise angibt (Poet. II 
688), möglichst beschränkte. Bei der Feststellung der Urheberschaft 



VIII Vorwort 

nahm ich das stilistische Moment nur dann als Beweis an, wenn 
es sich um besonders zahlreiche und charakteristische Eigentflmlich- 
keiten handelte. Von größerer Bedeutung war für mich der Inhalt 
der Gedichte selbst, von der größten die handschriftliche Dberiiefe- 
rung, die manchmal ganz allein das entscheidende Wort sprach. 
Die Grundsätze, die für die Anordnung der einzelnen Gedichte maß- 
gebend waren, entwickehe ich bei Besprechung des Inhalts. 

Meine Ausgabe will aber nicht bloß kritisch, sondern auch er- 
klärend sein. Deshalb wurden zum Verständnis der oft schwierigen 
Gedichte außer kurzen Inhaltsangaben auch die für die Lebens- 
verhältnisse gewonnenen Resultate vorausgeschickt und unter dem 
kritischen Apparat Erklärungen einzelner Stellen beigegeben. 

Um ein vollständiges Bild vom Leben des Paulus Diaconus und 
seiner Umgebung zu entwerfen hielt ich es für notwendig einige 
seiner Briefe, dann, wie es schon die Vorgänger getan, die Gedichte 
des Petrus von Pisa und auch die an Paulus und Petrus ge- 
richteten anzureihen. Der Anhang enthält einzelne Gedichte, die 
bis jetzt unter denen des Paulus ihren Platz hatten, und besonders 
solche, deren Verfasser man nicht kennt, bei deren Untersuchung 
aber sich für uns wichtige Beziehungen nachweisen ließen. Den Ab- 
schluß bildet die Herausgabe von drei noch nicht veröffentiichten 
Gedichten. Den Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus 
Diaconus gestaltete ich ausführiicher um einen genauen Einblick in 
die Formen seiner Darstellung zu eröffnen. 

Schließlich möchte ich noch allen denen danken, die mir die 
Benützung des handschriftlichen Materials ermöglichten oder mich durch 
Rat und Tat unterstützten, vor allem der k. b. Akademie der Wissen- 
schaften, dann den Vorständen der Bibliotheken zu Berlin, St. Gallen, 
Leipzig, London, Madrid, München, Oxford, Paris, Rom, 
femer den Herren Arturo Farinelli, Emil Jacobs, Paul Kehr, 
Pater Leo Kolmer O. S. B., Wilhelm Meyer, Ferdinand Rueß, 
Karl Schellhaß, Anton Schillinger, Schnorr von Carolsfeld, 
besonders Wilhelm Engelhardt, Karl Reinwald und Friedrich 
Vollmer. 

Den unvergeßlichen Freund Traube nannte ich nicht. Er wollte 
keinen öffentiichen Dank und ich könnte auch nicht in Worten die 
Dankesgefühle zum Ausdruck bringen, die ich für ihn hege. Er erst 
lehrte mich die Eigenart der exakten wissenschaftiichen Forschung. 
Durch ihn erst wurde mir klar, daß ihren Wert nicht das Gebiet be- 
stimmt, dem sie sich zuwendet, sondern der Geist, in dem sie durch- 



Vorwort IX 

geführt wird. Unter seiner Leitung erkannte ich, daß jene Pfade, 
wenn sie auch oft weit weg von der klassischen Höhe in einsam 
gelegene Täler führen, doch als Vermittler der Antike große Bedeutung 
haben. Auf seinen Wunsch übernahm ich diese Arbeit. Noch in 
den letzten schweren Wochen vor seinem Tode unterzog er sie einer 
eingehenden Durchsicht. Das Manuskript mit den Bemerkungen von 
seiner Hand ist mir eine wertvolle Reliquie, der Ausdruck seiner 
Zufriedenheit ein beglückendes Vermächtnis. 

Nentschau, den 16. August 1908. 

Karl Neff. 



Einleitung. 



Geschichte der Forschung. 

Die umfangreiche Literatur zu Paulus Diaconus findet sich bei 
Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, 7. Aufl. I, 
177 — 186 und bei CipoUa, Note bibliografiche circa l'odiema condizione 
degli studi critici sul testo delle opere di Paolo Diacono, Venezia 1901, 
verzeichnet. Hier sollen nur die Haupterscheinungen mit wenigen 
Worten gewürdigt werden, damit man einen Einblick in den Ent- 
wicklungsgang der Forschung bekommt und das Verhältnis dieser 
neuen Ausgabe der Gedichte zu den früheren Arbeiten richtig be- 
urteilen kann. 

Der große Benediktiner J. B. Mabillon machte sich besonders 
dadurch verdient, daß er die Berichte des Chronisten von Salemo 
(SS. III 467 ff.) und der übrigen süditalienischen Quellen auf ihren 
Wert prüfte und eine sichere historische Grundlage schuf. (Analecta 
vetera, 1. Ausg. Paris 1675 — 1685, 2. Ausg. 1703; Annales ordinis 
S. Benedict!, vol. II 1703.) 

Mabillons Untersuchungen wurden erweitert und bestätigt durch 
den Abbö Jean Lebeuf (Dissertations sur Thistoire eccl&iastique 
et civile de Paris, vol. I, Paris 1739), der zum erstenmal die meisten 
Gedichte und Briefe aus dem Parisinus lat. 528 veröffentlichte und 
dadurch über die Lebensverhältnisse des Paulus mehr Klarheit ver- 
breitete. 

Wenn auch nachher die Forschung nicht stillstand, so wurden 
doch erst durch Ludwig Bethmann neue wichtige Resultate zutage 
gefördert. Im Jahre 1851 erschien seine Abhandlung: Paulus Diaconus' 
Leben und Schriften (Archiv der Gesellschaft f. alt. deutsche Geschichtsk. 



XII Einleitung. 

X 247 — 334). Hier ist mit staunenswerter Grtindlichkeit und Sach- 
kenntnis das handschriftliche Material verwertet und eine Arbeit ge- 
schaffen worden, die heute noch in vielen Punkten als grundlegend 
zu bezeichnen ist. 

Durch Bethmann angeregt, veröffentlichte Felix Dahn seine 
Schrift: Paulus Diaconus (Leipzig 1876). Er gelangte, wie er selbst 
in seiner Vorrede sagt, in sehr vielen Einzelheiten der Lebensverhält- 
nisse zu anderen Ergebnissen, häufig zur blofien Negation der An-, 
nahmen Bethmanns. Allein viele seiner Gründe sind nicht überzeugend. 
Dies bewies G. W^itz, der die Verteidigung Bethmanns übernahm 
(Göttinger gel. Anzeigen 1876 S. 1513 ff.) und^ wegen seiner Ver- 
trautheit mit diesem Gebiet (vgl. seine Vorrede zur Historia Lango- 
bardorum des Paulus) am meisten dazu berufen schien. Auch meine 
Untersuchung zeigt, daß Dahn die handschrifüiche Oberlieferung zu 
wenig beachtete und deshalb bei der Herstellung des Textes und der 
Entscheidung der Autorfrage nicht*' immer das Richtige traf. Dabei 
darf aber nicht verkannt werden, daß seine Schrift reich ist an wert- 
vollen, die Lebensverhältnisse des Paulus klärenden Bemerkungen. 

Auf allen diesen Vorarbeiten baute Ernst Dümmler im Jahre 
1881 seine Ausgabe der Carmina Pauli et Petri Diaconorum auf 
(Mon. Germ. Poet. lat. aevi CaroL I 27—86 und 625—628). Nach 
Prüfung des ganzen damals bekannten handschrifüichen Materie (Neues 
Archiv der Gesellschaft f. alt. deutsche Geschichtsk. IV 102—112) stellte 
er einen möglichst korrekten Text her und gab die Gedichte in der 
Reihenfolge heraus, in der sie nach seiner Anschauung entstanden 
waren. Dadurch erieichterte und beförderte er zugleich die weiteren 
Untersuchungen. 

Darunter sind besonders zu erwähnen: Die wichtigen Beob- 
achtungen über das Leben des Paulus von A. Hauck (Kirchen- 
geschichte Deutschlands, 2. Aufl. Leipzig 1900, besonders S. 158 ff.), 
die größtenteils mit meinen eigenen, unabhängig gemachten überein- 
stimmen; die Aufschlüsse Wilhelm Meyers aus Speyer über die 
rhythmischen Gedichte des Paulus (jetzt in den Gesammelten Ab- 
handlungen zur mittellateinischen Rhythmik, 2 Bände, Berlin 1905); 
die kritischen und historischen Beiträge von L.Traube (Neues Archiv 
XVI 199, XVII 397, XX 256 und Textgeschichte der Regula S. Benedicti 
in den Abhandlungen der bayr. Akademie III. Kl. XXI. Bd. III. Abt, 
München 1898). 



Die handschriftliche OberUeferung. XIII 



Die handschriftliche Überlieferung. 

1. 
Übersicht fiber die Ablcfirzungen. 

Die gesperrt gedruckten Handschriften enthalten eine größere 
Anzahl von Gedichten. Da ich die von mir verwendeten photo- 
graphischen Wiedergaben Friedrich Vollmer zu weiterer Verwertung 
flberließ, so kann jeder, der hier neue Studien machen will, mühe- 
und kostenlos sich einen genauen Einblick in die paulinische Über- 
lieferung verschaffen. Die mit einem Stern bezeichneten Handschriften 
enthalten Gedichte, die nicht Paulus Diaconus zum Verfasser haben. 

A = Madrid A. 16. fol. mai saec. XII. 

B = Oxford Bodl. Add. C 144 saec. XI. 

C = Rom Vat. lat 5001 saec. Xill.— XIV. 

D = Beriin Diez. B 66 saec. VIII. ex. 

E = Paris lat. 4841 saec. IX.* 

F = Paris lat. 2832 saec. IX. med. 

G = St. Gallen 899 saec. X. und dazu gehörend Rom feeg. 421. 

H = London Harl. 3685 saec. XV. 

I = St. Gallen 573 saec. X. 

L = Leipzig Rep. I 74 saec. IX. 

M= Montecassino 175 saec. XL ex.* 

N = Paris lat. 9428 saec. IX. in.* 

P = Paris lat. 528 saec. IX. ex. 

Q = Paris lat. 7530 saec. VIII. ex. 

R =Rom Palat. lat. 1753 saec. X.* 

S = Paris lat. 5294 saec. XI. 

U = Rom Urb. lat. 533 saec. XIV. 

V = St. Gallen 184 saec. XI.* 

2. 
Inhalt der wichtigsten Handschriften. 

Die zu Paulus Diaconus in Beziehung stehenden und hier be- 
handelten Stücke sind gesperrt gedruckt. Die in Klammem gesetzte 
römische Zahl bezieht sich auf meine Ausgabe. 

Berlin Diez. B. 66 (= D), aus dem Ende des S.Jahrhunderts, 
beschrieben von Bethmann (Archiv VIII 854), Keil (Gramm. Lat. IV 



XIV Einleitung. 

p. XXXII) und Dtimmler (Zeitschr. f. deutsch. Altert XVII 144, Neues 
Archiv IV 108). 

Den Hauptinhalt bilden grammatische Schriften, p. 124 Con- 
lectiones uocum inconditanim quibus exprimitur animi affectus, p. 125 
bis 126 Gedichte, herausgegeben von Riese, Anthol. tat. 186—188 
(vgl. L Müller, Rhein. Mus. XXV 455); p. 126 Nemo diu gaudet 
quod iniquo iudice unincit und Cum sacra donatus celebrans diuina 
sacerdos; p. 127 — 128 Omnes gentes quas fecisti (Poet. 1 116); 
p. 217 Albanische Königstafel: Picus regnauit primus in Italia; p. 218 
bis 219 ein Bücherkatalog: Werke von Lukan, Statius, Terentius, 
Juvenal, Tibull, Horaz, Martial, Cicero, Sallust( Haupt, Hermes 3, 221); 
p.220CarminamittoPetro^AX\yA>; p.220— 221 Alius versus: 
Rex Carulus Petro (XL); p. 221 lam puto nervosis (XX); 
p. 221 — 222 Versus Fiduciae ad Angelramnum praesulem: 
Carmina ferte mea (Anh. IVi); p. 222 Alius versus: Credere 
s. vellis (Anh. IVii); p. 223 Incipit centimetrum Servii; p. 277—278 
Columbanus fidolio fratri; p. 279 Heia uiri nostrum reboans (ed.Peiper, 
Rhein. Mus. N. F. XXXII p. 523). 

St. Gallen 573 (= /), aus dem 10. Jahrhundert, beschrieben 
von G. Scherrer (Verzeichnis der Handschriften der Stiftsbibliothek 
p. 185—187). 

p. 2 — 166 Inc. opus Paulini Petricordiae de vita s. Martini ep. 
versibus; p. 166 — 172 Prologus cum versibus Paulini de visitatione 
nepotuli — et eiusdem de orantibus; p. 173 — 276 Venantii Fortunati 
Vita S. Martini metrica libri IV (MG. Auct. IV ed. Leo); p. 276—293 
Ven. Fortunati Carmen; p. 294 — 319 Visio Wettini (Prosaerzählung 
des Haito); p. 320 — 367 Visio Wettini metrice (cum prologo pro- 
saico ad Grimoltum capellanum) auct. Walafrido; p. 367 — 370 Visio 
mulieris pauperculae de rege Ludovico; p. 370 — 398 Visio Barontis, 
monachi Longoret. apud Bituric. deinde eremitae Pistoriens.; p. 398 
bis 405 Inter florigeras fecundi cespitis herbas etc. Am Ende von 
anderer Hand: Expliciunt versus Bedae b. de die iudicii ; p. 406 — 407 
Acrostichon in Lotharium imp.; p. 408 — 466 Vita s. Leodegarii 
metrica libri II; p. 466 Item in basilica sanctae Mariae: O una 
ante omnes felix pulcherrima virgo (Vll); p. 466 — 467 Item 
versus super crucem (Viii); p. 467 — 469 Item alfabetum de bonis 
sacerdotibus prosa conpositum: Ad perennis vite fontem (Poet. 179); 
p. 470 — 474 Item alfabetum de malis sacerdotibus: Aquarum meis 
quis det (Poet. 181); p. 474—475 Disticon in foribus: Duicis amice 
veni pacem (Poet. 1 65); p. 475 Coniurationes convivarum pro 



Die handschriftliche Oberlieferung. XV 

potu: Dulcis amice bibe gratanter (Anh. VII); p. 476 Ante 
fores basilicae: Haec domus est domini (IViii). 

St Gallen 899 (= O), aus dem 9. oder 10. Jahrhundert; be- 
schrieben von Dümmler in den Mitteilungen der antiquarischen Ge- 
sellschaft in Zürich XII p. V, vgl. Sitzungsber. der phil.hist. Klasse der 
Wiener Akad. XLIII67, Neues Archiv IV 107, 276. Die fehlenden Stücke 
stehen in Rom Reg. 421 f. 16—20, 27—28 (vgl. Bethmann Archiv 
XII 279 und Zeitschr. f. deutsch. Altert. XX 213). Der Sammelband der 
Bibliothek zu Fulda C 11 fol. Chart, s. XV. (Zeitschr. f. deutsch. Altert. 
XIV 496; XV 452) ist nur eine Abschrift der St. Galler, als sie sich 
noch in unverstümmeltem Zustand befand. 

Der Inhalt der von mir noch einmal untersuchten Handschrift 
weist auf nahe Verwandtschaft mit L e i p z i g R e p. 1, 74 hin. Die Haupt- 
stücke sind: p. 2 Incipit epistola Symmachi ad Ausonium (Symmachi 
epist I 14 ed. Parei); p. 3 Incipit de Pythagoricis diffinitionibus; 
p. 4 Incipit de aetatibus animantibus hesidion; p. 5—6 Incipiunt 
versus in laude Larii laci: Ordiar unde tuas (I); p. 6 — 7 
Fabulae vitulo et ciconia: Quaerebat merens matrem 
(Anh.VIii); Fabula podagrae et pulicis: Temporibus priscis 
(Anh. Villi); p. 7 Quid fatis liceat (De Rossi, inscr. urb. Rom. II p. 112; 
285); p. 7 — 8 Pauli (Diaconi von späterer Hand) contra Petrum 
(Diaconum von späterer Hand): lam puto neruosi religata 
(XX); p. 8 Petri (Diaconi von späterer Hand): Paule sub um- 
broso (XXI)y nur bis V. 15; p. II folgt mit Carcens aut seuo der 
Schluß (v. 16—25); p. 9--10 Cumque ante ora ducum v. 40—68 
= Schluß der Fabel Aegrum fama fuit (Anh.VIi), deren Anfang, 
V. 1—40, in Rom Reg. 421 f. 28—28'' steht; p. 1 1 De iuvene qui 
aprum occidit et ipse a serpente percussus est: Anguis aper iuvenis 
(Riese, Anth. 160) ; De Narcisso : Dum putat esse parem (Riese, Anth, 39) ; 
Item versus Martialis Damma (Mart. ed. Schneidewin XIII 9); Ne 
vinum inmoderate bibatur: Qui cupis esse bonus von Eugenius Tole- 
tanus (ed. Vollmer, MG. Auct. ant XIV 236); p. 12 Ad ebrium: 
Die mihi die ebrie; De vino: Magnus tu bacche; Epitafion Bailiste 
Latronii: Monte sub hoc; De culice: Parva culbc (Donatus § 29); De 
calicae fracto: Abietine calbc; p. 12 — 13 Item versus in tribunali: 
Multicolor quali specie (Vi); p. 13 — 15 Versus Pauli Diaconi: Sic 
ego suscepi (XXII); p. 15 — 17 Petri (Diaconi von späterer Hand): 
Lumine purpureo (XVII); p. 17 Rustice lustrivage capripes (Riese, 
Anth. 682); Si memini fuerant . . am /?fl/Mf Martial (1 19); p. 17 — 18 
Cinthius occiduas rapidis . . Pauli Diaconi a. R. (XVIII); p. 18 



XVI Einleitung. 

beginnt das Epitaphium Hlotharii: Hocsaltus in viridi M/iÄ. /) 
V. 1—4, das übrige in der Vatikanischen Handschrift f. 27—27'; 
p. 19 — 21 enthalten Verse von Prospers Poema coniugis ad uxorem 
(v. 65 — 122); p. 45 Ovidii Nasonis versus: Ut belli sonuere, Sus 
iuvenis serpens (Riese, Anth. 160); Monastica de aerumnis Hercuiis; 
p. 57 Epita^^ion Geroldi comitis (Poet 1 114); p. 57 — 58 Epilation 
Constantii (Poet. 178); p. 59 Erklärung lateinischer und griechischer 
Wörter; p. 86 Karolus gratia dei rex (Brief Alkvins MG. Epp. IV 228); 
p. 117 Versus de cuculo bis v. 38 (Ale. Poet. 1269); p. 120 Versus 
Theotolfi episcopi: Gloria laus et honor tibi sit, rex Christe, redemptor 
bis V. 12 (Poet. 1558); p. 120 bis 123 Versus eiusdem (Poet. 1577); 
p. 123 Albinus precibus postulet (Poet. 1579); Rumpitur invidia (Mart. 
1X97); p. 124 lonae episcopi: En adest Caesar (Theodalf Poet. 1 529); 
p. 126 Ad Hludovicum regem: Rex pie (Poet. II 410); p. 127—129 In 
adventu Karoli filii Augustorum: Ecce votis (Poet. II 406); In adventu 
Hlotharii imperatoris: Innovatur nostra laetos (Poet. II 405); p. 144 
Postquam primo homini (Wal. Strabi carm. Poet. II 392). 

Leipzig Rep. I, 74 (=L), ein Miszellanband der Stadtbibliothek, 
von Naumann (Catalogus libr. manuscr. bibl. Ups. p. 16) und aus- 
führiicher von M. Haupt (Berichte der kgl. sächsischen Gesellsch. 
d.w. phil. hist. Klasse 1850 p. 1 — 14 und in seinen Opuscula I p. 286 
bis 300) beschrieben, wurde mit Unrecht von Naumann dem 12. und 
Dtimmler dem 10. Jahrhundert zugewiesen. Die Handschrift stammt 
aus dem 9. Jahrhundert. 

f. 13^ Terra marique victor honorande zur Begrüßung Ludwigs 
des Frommen und seiner Gemahlin Emengard (Poet 1 578 Appendix 
zu Theodulf); f. 14 — 15 versus in laude solis (Riese, Anth. 389); 
f. 15^ — 24 Questiones enigmatum rethoricae aprtis (= artis): Wil- 
helm Meyer, Gesammelte Abhandlungen zur mittellateinischen 
Rhythmikllp. 161 ff,; f. 24 Item de uino: Pulchrior me nullus 
(XVI); Incipiunt versus Sybillae: ludicio tellus sudabit; f. 25 De 
iuvene qui aprum occidit et ipse a serpente pe<r>cussus est: Anguis 
aper iuvenis (Riese, Anth. 160); De Narcisso: Dum putat esst 
parem (Riese, Anth. 39); f. 25—27^ folgen 15 Gedichte Martials: 
f. 25 Item versus Martialis damma; De quadam vetula; f. 25^ De 
Galla puella; Ad Levinum; De eo cuius domus arsit; Ad Pollionem; 
De Candido qui uxorem adulteram habebat; f. 26 De Andragora ad 
Faustinum; De Fannio; Ad Cottam; Ad Claudiam puellam longam; 
Ad Crispum; f. 26^ Ad Gallam; Ad Flaccum; Ad eum cum quo cenabat; 
f. 27 Ne vinum immoderate bibatur: Qui cupis esse bonus von Eugen. 



Die handschriftliche Oberlieferung. XVII 

Tolet (MG. Aiict XIV 236}\ Epitafion Ballistae latronis: Monte sub 
hoc; De culice: Parva culix (Donatus § 29) ; De calice fracto: Abietine 
calix; f. 27^ — 28^ Item ex libro Ovidii Nasonis de somno, quod viderat: 
Nox erat et somnus (Ovid. Am. 3, 5); f. 28^ — 31^ Idem eiusdem ex 
libro metamorphoseon. Actaeon in cervum: lam stabant Thebae (Ovid. 
Met. 3, 131—252); f. 31 ^—35^ Gedichte von Eugen. Tolet. und Prosper 
Aquitanus] f. 35^ — 36 Hos versus Paulus Diaconus conposuit 
in laude Larii laci: Ordiarunde iviOs(I)\ f. 36 — 36^ Epitafion 
Sophie neptis: Roseida de lacrimis (X)\ f. 36^—37 Super 
sepulcrum domne Anse: Lactea splendifico (IX)\ f. 37 — 37^ 
Item versus in tribunali (am Rand tironische Noten, die nach 
AngcLbe von Rueß nur die Überschrift wiederholen): Multicolor 
quali specie (Vi)\ f. 37^ Item in basilica sanctae Mariae: 
O una ante omnes (Vii)\ Item versus super crucem (Viii)\ f. 37^ 
—38 Christe deus mundi (Poet. I 78) \ f. 38^—62 Incipit psycho- 
machia des Prudentius; f. 62^ — 63^ folgen Gedichte von Alcvin; 
f. 62^ Dulcis amice vale (Poet 1251); f. 63 Ductus amore tuo (1334); 
Munera muneribus; Nee tu quippe (1 252); f. 63^ Nix mit e caelo; 
Tu mihi dulcis amor, davon nur v, 1—3 (1 253). 

London, Britisches Museum Harleianus 3685 (= H), im 
fünfzehnten Jahrhundert von einem ungebildeten Schreiber, dem eine 
schlecht lesbare, angelsächsische Handschrift voriag (Traube, Karo- 
lingische Dichtungen), fehlerhaft geschrieben. Den Inhalt gab Dümmler 
an in der Zeitschrift für deutsches Altertum XXI, 84 A. 1 und Neues 
Archiv IV 108—109. 

Hauptstücke: f. 1 Anguste vite fugiunt consorcia musae 
(VIII); f. 1 — 1^ Aemula romuleis consurgunt menia templisfA^^ 
f. 1^ Ad abbatem: Sit tibi sancta phalanx (Poet 183); f. 1^—2 Ad 
Moulinum de Dagulfo: Aspicis eximia rutilantem luce muolume 
(Poet 192); f.2— 2^ De peste: Ausimus altifluam Petri Pauli- 
que salutem (Anh. XI); f. 2^ Sanctorum meritis claro semperque 
beato (Eugen. Tolet MG. Auct XIV 268); f. 2^—3^ Hoc satus in 
viridi servatur flosculus aruo (Anh. I); f. 3^ — 5^ folgen Epi- 
gramme und Epitaphien (vgl. De Rossi, Inscript urb. Rom. II, 1 
p. 121); t 5^ — 6 Epitaphion: Roseida de lacrimis miserorum 
terra parentum (X); f. 6 Verba tui famuli, rex summe, attende 
serenus (XI); f. 6^ De sex operibus dei: Primus in orbe dies (Eugen. 
Tolet MG. Auct XIV 67); f. 7—1 1^ Incipit praefatio tocius libri Smaragdi 
grammatici: Hunc operis nostri modicum percurre libellum (Poet 1607); 
f. 11 V Dum primus pulchro fuerat {Ale. Poet 1 288); f. 26^—29^ Hoc, 

II 



XVIII Bnlcitung. 

Modoine, tibi Teudulfus dirigit exul (Poet 1 563 ff.) \ f. 30^ Eiusdem 
ad Luduicum valedictio: Qui regit arva, polum (Poet 1 531); Cannen 
Nigellii Ermoldi exulis in laudem gloriosissimi Pippini regis: Perge, 
Thalia, placet (Poet II 79); f. 33 Ad eundera Pippinum: Sunt mihi 
praeterea (Poet II 85); f. 66 Liber de iudicibus exametris veisibus 
compositus incipit: ludicii callem censores (Theod. Poet 1 493); f. 47^ 
Postquam primus homo paradisi liquerat hortos (Ak. Poet 1 229); 
L 50^ — 51 ^ Carior in cunctis raihimet qui constat alumnis (Theod. 
carm. appendix Poet 1 579); f. 53^ — 54^ Lege tonantis eri retegit qua 
crimina lator (Theod. Poet I 517); f. 55—92 Elegia Hermoldi: In 
honorem Hludowici (Poet. II 5). 

Madrid A. 16 fol. mai. (=i4), im 12. Jahrhundert geschrieben, 
stammt aus Montecassino. Der Inhalt ist ausführlich angegeben Archiv 
VIII 769. 

Nach Werken Bedas folgen Gedichte chronologischen Inhalts: 
Item de anno solari: Annus solis continetur quattuor temporibus; 
Versus de sexta aetate huius seculi: Prima sexcentum annis; f. 52^ 
Item versus Pauli Diaconi de annis a principio: A principio 
saeculorum (II); Item versus de annis a principio: Deus a 
quo facta fuit (Zeitschr. f. deutsch. Altert. XXII 426); f. 55 Arati 
liber de astronomia; f. 75 Ordo computus; f. 87 Galieni expositio 
pro infirmis; de humanae vitae cautela; Spera Pitagore quam Apuleius 
descripsit; de quattuor ventis, angulis celi et temporibus; f. 89 De 
natura corporis humani; Ypocratis ep. de flebotomia; Ypocratis dicta 
de anni circulo; f. 93 ex libro Solini; f. 99 Scarpsum ex cronica 
Origenis; f. 101 De gentibus ex Ysidoro; f. 102 De lapidibus ex libro 
eiusdem; Beda de naturis rerum; f. 160 Epistola Karoli ad Albinum 
de septuag. sexag. quinquag. et quadrag.: Karolus gratia dei (MG. 
Epp. IV 228); f. 163^ Gedicht über Superbia et humilitas: Non 
mihi Sit ductrix; de pace et concordia: Pax veneranda mecum; de 
castitate et libidine; f. 165 Sententiae Septem sapientum; f. 166 
Epitaphium Alchuini: Huc rogo (Poet I 350); f. 171 Ex libro XI 
Plinii: Miror quidem Aristotelem; aus Paulus Diaconus: In Italia 
sicut d. a. circa diem natalis domini in humbra — meridiem 
videntur; (Hist Lang. I cap. 5); f. 189 Scarpsum ex libro Josephi: 
Boves mugiunt — vas in aqua bilbit; f. 190 Item de provinciis 
Italic aus Paulus Diaconus (SS, rer. Langob.p. 188); f. 190 Con- 
stantins Schenkung; f. 193 Africanus ad Aristidem de genealogia 
Christi: Ut autem clarius fiat; f. 195 Incipit liber Junioris philosophi, 
in quo continetur totius mundi descriptio: Post omnes ammonitiones. 



Die handschriftliche OberUeferung. XIX 

Daran schließen sich noch Schriften geographischen, ethnographischen 
und naturwissenschaftlichen Inhalts. 

Oxford, Bodleian Library 28188 = Add. C 144 (= B) 
aus dem 11. Jahrhundert, beschrieben von Madan, Summary Catalogue 
of Western Manuscripts in the Bodleian Library at Oxford, Vol. V 
p. 419; H. Schenkl, Bibliotheca patrum latinorum Britannica II, Sitzungs- 
berichte der Wiener Akademie phil.hist. Kl. CXXIII Jahrg. 1890. 

f. 1 De pronomine . pronomen est pars orationis (Donati gramm.; 
Keil IV 379, 22) \ f. 33 De barbarismo . barbarismus est una pars 
orationis (Keil 392, 5) \ f. 34 De soloecismo . soloecismus est Vitium 
(Keil 393, 6); f. 35^ De syllabis apud grammaticos . Syllaba grece 
latine conceptio siue complexio dicitur. nam syllaba dicta (Keil 
423, II); De syllabis tractatus Bedae. Syllaba est comprehensio 
litterarum uel unius uocalis (Keil VII, 229, II); f. 37^ De tropis Bedae. 
Tropus est dictio translata (Keil 611, 19); f. 39^ Incipit de meta- 
plasmis. Metaplasmus est transformatio quaedam (Keil IV 395, 28); 
f. 40 Mauri Serui grammatici de centum metris (Keil IV 456); f. 46^ 
Ein kurzes Glossar; f. 47 Incipit de littera. diximus enim, quod bene 
fecit donatus (Pompei commentum artis Donati Keil V 98, 6); f. 55 
de pedibus. Pedes omnes uiginti et quattuor (Keil V 120, 21); f. 58 
Item versus Pauli Diaconi: Candidum lumbifido proscissum 
vomere campum {XIX); f. 58^ versus Paulini: Hausimus alti- 
fluo; Perge, libelle (Anh. VIII, IX, vgl. auch die beigegebene 
Tafel); Sinonima Ciceronis: orator, actor; f. 63^ Incipit de officiis 
grammaticae artis: Nam in loco; f. 66 ^ Quis primus phylosophy 
nomine nuncupatus est?; f. 68 ^ ludicii Signum (vgl. Aug. de civ. Dei 
41, 579; auch Beda 90, 1182); f. 89 Sententiae quorundam philo- 
sophorum: Amicuitanis cferas (!) facias necesse tua (cfr. Meyer, Publilii 
Syri sententiae p. 12); f. 70 Versus Siluii; Spes ratio uia uita (Riese 
Anthol. lat. 689a). Den Schluß bilden Glossen und grammatika- 
lische Stücke. 

Paris lat. 528 (= P), aus dem 9. Jahrhundert. Die Haupt- 
stticke des Inhalts, den der Abb^ Lebeuf zuerst veröffentlichte, führen 
Bethmann (Archiv X 247) und Dtimmler (Neues Archiv IV 104) an. 
Diese Handschrift hat für die Überiieferung der Gedichte des Paulus 
Diaconus die größte Bedeutung. 

Nach theologischen und rhetorischen Werken und Hymnen 
beginnt f. 121 ein neuer Quaternio von feinerem Pergament und 
von derselben, wenn auch etwas kleineren Schrift, f. 120 — 12 1^ 
Exhortatio Eugenii Toletanae sedis episcopi: Rex deus (MG. Auct. XIV 

II* 



XX Einleitung. 

232)] f. 121V Briefformel (Neues Archiv IV 104); f. 122— 122^ Zwei 
Epitaphien, die am Hofe Karls bei Abfassung anderer zum Vorbild 
dienten: Epitaphium Constantis: Hie decus Italiae (Poet. 178) 
und Epitaphium Toctronis: Clauditur hoc i\xm\x\o (Paali Hist 
Lang. III c. 19); f. 123— 12 3^ Item versus Petri grammatici: 
Nos dicamus Christo (XII); f. 123^—124 Versus Pauli: Sensi 
cuius (XIII); f. 124 — 125 Item versus Petri ad Paulum: Lu- 
mine purpureo (XVII); f. 125— 125^ Versus Pauli ad Petrum: 
Candido lumbifido (XIX); f. 125^—126 Item versus Pauli 
missi ad regem: Cynthius occiduas (^W/W; f. 126— 126^ Item 
versus Pauli ad regem precando: Verba tui famuli (XI); 
f. 126^—127 Epitaphium Sophiae neptis: Roseida de lacri- 
mis (X); f. 127— 128^ Incipit epistola: Amabillimo mit drei 
Hexametern am Schlüsse (Paulus Dlaconus an Theademar XIV); 
f. 128^ — 129 Versus de episcopis sive sacerdotibus: Ad peremiis 
(Poet. 179); f. 129—130 De malis sacerdotibus: Aquarum meis quis 
det (Poet. 181); f.l30— 131^ Versus in laude sancti Benedicti: 
Ordiar unde tuos (VI); f. 132—133 Cartula perge dto (Alcvln Poet. 
1220); t 133— 133^ Versus Petri in laude regis: Culmina si 
regum (XXXVIII); f. 134 — 135 Sententiae Septem philosophorum: 
Periander Corinthius; im Anschluß daran eine kleine griechische 
Grammatik (XII), dann grammatische Bemerkungen über die Kom- 
paration, Aufzählung von homonima: species acies aries; von S)mo- 
nima: terra humus; f. 135^ Epitaphium Chlodarii pueri regis: 
Hoc satus in viridi (Anh. I); f. 135^ — 136 Item versus metrici: 
Paule sub umbroso (XXI); f. 136 Epistola: Ille Christi fretus auxilio 
rex: Cum in adquirendis fidelium (MG. Epp. IV 532). Den Abschluß 
des Quaternio bildet Grammatisches. Dann folgt von einer anderen 
Hand geschrieben eine Vita Audoeni, ein Martyrologium und Theo- 
logisches. 



I. 
Loblied auf den Comersee. 

'Wie soll ich Dein Loblied beginnen, wie Deine reichen Gaben 
preisen (1 — 6)? Olivenwälder umsäumen Deine von ewigem Früh- 
ling beglückten Gestade und in üppigen Gärten leuchten aus dem 
Grün der Lorbeerbäume rote Granatäpfel hervor. Myrten, Pfirsiche 
und Zitronen erfüllen alles mit ihrem lieblichen Duft (7 — 16). 

Kein See kann sich mit Dir vergleichen, nur das Galiläische 
Meer, auf dem einst Jesus gewandelt (17 — 22). Bringst Du den 
Schiffern kein Verderben, dann bleibst Du der Liebling aller. Lob 
und Preis sei der Dreieinigkeit, die solche Wunder schafft. Du aber, 
Leser, empfiehl mich der Gnade des Eriösers und mißachte mein 
Gedicht nicht (23—30).' 



Eine so begeisterte Schilderung konnte nur ein Dichter ent- 
werfen, der die Reize jener Gegend selbst geschaut und gefühlt hatte. 
Dies ist zwar von Paulus nicht wörtlich überliefert, läßt sich aber 
mit Bestimmtheit aus seinem nicht anzuzweifelnden Aufenthalt im 
nahgelegenen Monza folgern (vgl. Hist Lang. IV 21, 22, 47; V6, 38). 
Traube kommt in seiner Textgeschichte der Regula S. Benedicti S. 44 
zu dem Resultat, daß Paulus in dem nach der Tradition von Desi- 
derius gegründeten Peterskloster bei Civate, nicht weit vom Comer- 
see, sich aufhielt. 

Dahn ^Paulus Diaconus" S. 66, der die Autorschaft des Paulus 
bestreitet, sieht darin, daß die Schilderung der Vegetation, der Natur- 
schönheit an diesen Ufern poesievoller ist als in irgend einer der 
unzweifelhaft echten Dichtungen, einen Beweis für die Unechtheit 
des Gedichtes. Allein die Stoffe, die Paulus später behandelte, 

Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 4. 1 



2 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

boten ihm keine Gelegenheit zu einer derartigen lebendigen Schil- 
derung und dann kann man doch auch aus deren Behandlung er- 
kennen (vgl. Hist Lang. II 4, wo er die Pest, und IV 37, wo er 
den Verfall seines Stammsitzes schildert), dafi er Phantasie und 
Gewandtheit in der Darstellung in hervorragendem Maße besafi. 
Außerdem fällt dieses Gedicht in eine Zeit, wo er noch jugend- 
licher fühlte, wo er in seiner angesehenen Stellung als Lehrer der 
Prinzessin am Hofe glückliche Tage verbrachte, von denen er in 
Gedicht VIII v. 1 — 4 andeutungsweise spricht (vgl. auch Anm. zu 
XXXVI V. 18). 

Auch der Hinweis darauf, daß Paulus unmöglich das Loblied 
auf einen See mit den gleichen Worten habe anfangen können, 
wie das auf den heiligen Benedikt, beweist nichts. Ich sehe darin 
nur eine Bestätigung der Anschauung, daß beide Gedichte Erstlings- 
werke sind, und glaube, daß er in der späteren Zeit, als er infolge 
der vielfachen Anregungen Karls des Großen in ausgedehnterem 
Maße dichterisch tätig war, solche VTiederholungen vermieden hätte. 
Man muß eben auch hier, was bei stilistischen Untersuchungen zur 
Bestimmung der Autorschaft eines Werkes von großer Wichtigkeit ist, 
in Betracht ziehen, daß sich eines Dichters Anschauungen und Dar- 
stellungsformen im Lauf der Zeit oft bedeutend ändern. Wer würde 
den Dichter des Faust im Götz wiedererkennen? Mir erscheint dieser 
gleiche Anfang im Gegensatz zu Dahn als Beweis für die Autor- 
schaft" des Paulus und ich verweise dabei auch auf die Anmerkung 
zu Gedicht VI v. 1. 

Das entscheidende Wort spricht hier nur die Überiieferung. In 
der Leipziger Handschrift, die wegen ihres Alters — sie ist in das 
neunte Jahrhundert zu veriegen — und ihres Inhalts für die Ober- 
lieferung paulinischer Gedichte von großer Bedeutung ist, trägt 
unser Gedicht die Überschrift, an deren Echtheit nicht zu zweifeln 
ist: Hos versus Paulus Diaconus conposuit in laude Larii loci. 
Betrachtet man ferner die Gedichte, die sich in dieser Leipziger 
Handschrift an das unsrige anschließen, so erkennt man, wie die 
späteren Untersuchungen zeigen werden, daß wir hier eine Samm- 
lung von Gedichten des Paulus vor uns haben, die besonders 
auf den langobardischen Hof mit Sicherheit hinweisen. In der 
St. Galler Handschrift 899 aus dem zehnten Jahrhundert ist zwar der 
Name des Dichters nicht mitüberliefert, das Gedicht befindet sich 
aber in einem Kreis von solchen, die zweifellos Paulus zum Verfasser 
haben. 



Loblied auf den Comersee. 3 

Sahen wir schon, daß die Umgebung, in der das Gedicht über- 
liefert ist, auf den langobardischen Hof hinweist, so ergibt sich das 
gleiche auch aus v. 6 Regificis mensis munera magna vehis. 
Wegen der Entfernung der Örtlichkeiten kann nicht die Tafel Karls, 
sondern nur die eines langobardischen Königs gemeint sein. Dem- 
nach ist die Abfassungszeit unseres Gedichtes vor den Untergang 
des Reiches, also vor 774, zu verlegen. Da Paulus sich jeden- 
falls 763 in Benevent befand (vgl. Vorbem. zu VI), so mag es 
schon vor dieser Zeit entstanden sein und zwar am Hofe des Desi- 
derius, eine Behauptung, die durch das Epitaph auf Änsa, die Ge- 
mahlin des Desiderius, gestützt wird, das in der Leipziger Hand- 
schrift sich anschließt. 

Die Darstellung des Paulus Diaconus steht, wie die Erklärung 
der Verse beweist, unter dem Einfluß Virgils und besonders auch 
Eugens von Toledo. Werke dieses Dichters, den jedenfalls, wie auch 
den Martial, der Spanier Theodulf an den Hof Karts brachte, sind 
wie in allen für die Oberiieferung paulinischer Gedichte wichtigen 
Handschriften, so auch in der Leipziger überiiefert. Aber schon 
früher hatten sich die großen Werke der spanischen Literatur (wie 
Taio, Eugenius, Isidorus) nach Italien verbreitet. 

Was die Form anlangt, so besteht sie aus epanalemptischen 
Disticha (auch versus reciproci, serpentini, echoici genannt, vgl. 
Traube Poet. III p. 392, 7 und Index p. 815). Diese finden sich 
schon vereinzelt zu bestimmten Zwecken bei Ovid^ dann zur Er- 
reichung einer besonderen VTirkung in einem längeren Gedicht bei 
Martial (IX n. 97 Rumpitur invidia; dieses Gedicht ist wie das 
unsrige in der St.* Galler Handschrift überiiefert neben anderen karo- 
lingischen), femer bei Pentadius in den drei Gedichten de fortuna, 
de adventu veris, auf Narcissus, bei Sedulius (V. Jahrh.) in einem 
dichterischen Vergleich des alten und neuen Testamentes und 
sonst öfters. In späterer Zeit scheint bei Dichtem wie Venantiiis 
Fortunatus (VI. Jahrh. Mon. Germ. Auct. IV ed. Leo), Eugen. Tolet 
(VII. Jahrh.) und Beda (VIII. Jahrh.) mehr das Streben nach Ab- 
wechslung oder auch die Bequemlichkeit maßgebend gewesen zu 
sein. Paulus verwendet sie nur in Gedichten, die der Zeit an- 
gehören, wo er noch nicht am Hofe Karis sich aufhielt, so in 
seinen beiden Lobliedem (auf den Comersee und zum Preis der 
Wunder des heiligen Benedikt) und in einer Inschrift auf einer 
Kirchentüre. 

1* 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



10 



Ordiar unde tuas laudes, o maxime Lari? 

Munificas dotes ordiar unde tuas? 
Comua panda tibi sunt instar vertice tauri; 

Dant quoque sie nomen comua panda tibi 
Munera magna vehis divinis, dives, asilis, 

Regiticis mensis munera magna vehis. 
Ver tibi semper inest, viridi dum cespite polles; 

Frigora dum superas, ver tibi semper inest 
Cinctus oliviferis utroque es margine silvis; 

Numquam fronde cares cinctus oliviferis. 
Punica mala rubent laetos hinc inde per hortos; 

Mixta simul lauris Punica mala rubent. 



HOS UERSUS PAULUS DIACONUS CONPOSUIT IN LAUDE LARU LAQ 
L /. 35v; INCIPIUNT UERSUS IN LAUDE LARU LACI G p. 5. 

1 unde] un auf Rasur L \\ b vehis] ue auf Rasur L \ diues atis diuis 
corr, L diuis Q \ asylis G || 7 inest fehlt G || 8 superas] semper eras G \ 
9 oliviferis aus soliuileris corr. L \\ 10 cinctus] i auf Rasur Z, || 11 laetos] et 
auf Rasur L, leteres G | hie G | hortos in ortos corr, L || 11 12 Punica] n 
beidemal auf Rasur G. 



1 o maxime Lari: Verg. Georg. II 
159 te, Lari maxime, (memorem). An 
dieser Stelle nennt Virgil ebenso wie 
Paulus V. 17 und 20 den Averner und 
Lukriner See; vgl. auch Hist. Lang. V 38 
ad insulam, quae intra lacum Lariam 
non longe a Como est. 

3—4 Ein die Gestalt des Sees an- 
schaulich wiedergebender Vergleich, den 
er auch in seiner Hist. Lang. II 21 von 
Italien gebraucht: in sinistro Italiae 
cornu. — dant quoque sie nomen 
cornua: ,Die gekrümmten Hörner geben 
Dir auch den iMamen'. Man könnte 
meinen, daß Paulus den Namen Larius 
mit den Laren in Verbindung brächte, 
die aus gekrümmten Füllhörnern (cor- 
nua) ihre Gaben spenden; denn er 
zählt im folgenden die Gaben des Sees 
auf (munificas dotes): allein schwerlich 
kannte er Stellen wie TibuU I 1, 19 
vos quoque, felicis quondam, nunc 
pauperis agri Custodes, fertis munera 



vestra, Lares; vielleicht war ihm das 
Attribut der Laren geläufig. 

5 divinis asilis t= far die Klöster 
und die damit verbundenen Kirchen; 
sonst gebraucht Paulus asyium in der 
Bedeutung von Kirche, vgl. IV u v. 5 
construxit asyium (Salomon), Hist Rom. 
I 2 condito templo, quod (Romulm) 
asyium appellavit; vgl. auch Theodalf 
Poet. I 478 V. 41 Salomon sapiens, sancti 
constructor asyli, 

7 ver tibi semper inest: vgl. XI v. 4 
semper inest luctus. — viridi dum ce- 
spite polles vgl. Grabschrift Lothars (An- 
hang I) V. 33 vernali cespite poUet und 
Verg. Aen. III 304 viridi quem caespite 
(sacraverat). 

11 Punica mala (= Granatäpfel) 
mixta simul lauris, vgl. die Schilderung, 
diePaulinus von Aquileja von den Gefilden 
des Jordans gibt (Poet. aev. Carol.1 128). 
Hier, v. 70, 71, sagt dieser auch Punica 
mixta simul foliis sed poma retentat. 



Loblied auf den Comersee. 

Mirtea virga suis redolet de more corimbis, 
Apta est et foliis mirtea virga suis. 
15 Vincit odore suo delatum Perside malum; 
Citreon has omnes vincit odore suo. 
Cedat et ipse tibi me iudice furvus Avernus, 

Epirique lacus cedat et ipse tibi. 
Cedat et ipse tibi vitrea cui Fucinus unda est, 
30 Lucrinusque potens cedat et ipse tibi. 



13 mirtea virga] myrtea mixta (mixta durdi Punkte getilgt) virga G \ co- 
rimbos Q \\ 14 myrtea G II 17 18 caedat G || 18 eripique L Epyrique G, 
Epirique //. 7. MüUen Euripique Haiq)t || 19 der Vers fehU L \ caedat G \ 
tibi aber der Zeile zugesetzt G \\ 20 der Vers fehlt L \ caedat G \ potens] 
patens conL //. 7. Mauer. 



14 apta est et foliis: in ihrem 
Blitlerschmuck steht sie da, foliis ist 
als Abi. zu lassen und aptus bedeutet 
omatus, von \^rgil in dieser Bedeutung 
verwendet, Aen.IV482, VI 797, XI 202; 
vgl. auch Thesaurus ling. Lat II p. 327. 

15—16 delatum Perside malum = 
der Pfirsich; der Dichter will sagen: Die 
Myrte duftet, noch mehr der Pfirsich, 
am meisten aber die Frucht des Zitronat- 
baomes. Die Stellung von has omnes 
verbietet citreon als erklärenden Zusatz 
zu delatum Perside malum zu fassen, 
vgl V. Hehn .Kulturpflanzen und Haus- 
tiere- 6. Aufl., 1894, p. 453 und Dios- 
COrides 1, 166: xa Se firjdtxä XsyöfMva 
^ suQüixa ij xedgöfitjla f §wfjuuaxi de 
Hitgia, 

17 — 20 cedat et ipse tibi me iudice: 
Vcrg. EcL IV 38 cedet et ipse muri Oc- 
doch in anderer Bedeutung), besonders 
aber Eugen. Tolet. (ed. VoUmer XXXIU 
11 p. 254) iudice me cygnus et gar- 
rula cedat hirundo, cedat et inlustri 
psittacus ore tibi, — Nachdem Paulus 
die Vegetation des Sees gerühmt hat, 
vergleicht er ihn mit anderen bekannten 
Seen, mit dem Avemer, Fuciner, Lukriner 
und mit einem See in Epirus. Die Er- 



wähnung des letzteren inmitten lauter 
italienischer Seen erscheint nach der Er- 
klärung von H. J. Maller (Symbolae ad 
emendandos scriptores Latinos, Progr. 
des Friedr. Werderschen Oymn. Berlin 
1876 p. 29) nicht mehr auffallend. Es 
gibt nämlich in Epirus, wie auch in Kam- 
panien, einen See Acherusia, der gerne 
in Verbindung mit dem Avemus genaimt 
wird, da auch dorthin die Sage den Ein- 
gang in die Unterwelt verlegt (vgl. Plin. 
n. h. III 5, 61; IV I, 4). Auch Vibius 
Sequester bringt in seiner Aufzählung 
einen Acheron nach dem Avemus. Pau- 
lus wählt diese Ausdrucksweise jeden- 
falls aus metrischen Gründen statt 
Acheron. — vitrea cui Fucinus unda 
est: Verg. Aen. VII 759 vitrea te Fuci- 
nus unda (flevit): vgl. auch in den 
Schlufiversen des Briefes an Theude- 
mar XIV Margine de vitreae Moseilae, 
Hist. Rom. XIV 10 fluvius vitreis 
labebatur fluentis, — Lucrinusque 
potens findet seine Erklärung durch 
Isidorus Orig. XIII 19, der bei der Auf- 
zählung von Seen vom Lukriner sagt: 
Lucrinus autem dictus, quia olim prop- 
ter copiam piscium vectigalia magna 
praestabat. 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



Vinceres omne fretum, si te calcasset lesus, 

Si Galilaeus eras» vinceres omne fretum. 
Fluctibus ergo cave tremulis submergere Untres; 

Ne perdas homines fluctibus ergo cave. 
25 Si scelus hoc fugias, semper laudabere cunctis; 

Semper amandus eris, si scelus hoc fugias. 
Sit tibi laus et honor, trinitas inmensa, per aevum; 

Quae tarn mira facis, sit tibi laus et honor. 
Qui legis ista, precor, 'Paulo' die *parce, redemptor', 
30 Spemere neve velis, qui legis ista, precor. 



21 calcassit G \ hiesus G \\ 22 gaUleus G \\ 23 lyntres G \\ 25 fugias 
aus fugius corr. L fugia G \\ 26 amandus] andu auf Rasur Z, || 28 quae tarn] 
qui aetam G || 30 der Vers von derselben Hand, aber mit kleineren Buchstaben 
zwischen die Zeilen geschrieben G \ neve velis] neuelis L 



21—23 vinceres: Die Verkürzung 
der letzten Silbe findet sich auch bei 
Fortunat (vgl. Leo p. 424). — fluctibus 
tremulis vgl. Paul. XVIU v. 15 Anm. 

27—30 trinitas mit verkürztem 
ersten / ist in ganz später Zeit nicht selten. 
— Bei V. 27—28 ist wiederum der Ein- 
fluß Eugens von Toledo (p. 254 v. 19—20) 
unverkennbar. Dieser schließt sein Ge- 
dicht mit einem Lobpreis Christi ab: 
Gloria summa tibi, laus et benedictio, 

Christe, 
Quipraestas famulis haec bona grata 
tuis 



(vgl. Paul. V. 28 quae tam mira fads). 
Jedenfalls hatte auch Paulus ursprflnglich 
für sein Gedicht diesen seiner Vorlage 
entsprechenden Abschlufi gewählt und 
fügte V. 29—30 erst später hinzu, als 
er sein Gedicht an den Hof Karis 
brachte und es dort vorlegte. Wenn 
das Gedicht VI (vgl. Vorbem.) mit den 
gleichen Versen (153 und 154) abschliefit, 
so lag dem Verfasser wohl die ur- 
sprüngliche Fassung unseres Gedichtes I 
vor; vgl. auch Theodulf Poet I 558 v.l 
Gloria, laus et honor tibi sit, rex 
Christe, redemptor. 



II. 

Paulus an Adelperga« 

*Von der Erschaffung der Welt bis zur Sintflut sind 2242 Jahre, 
von da bis Abraham 942, bis zur Gesetzgebung des Moses 505, zum 
salomonischen Tempelbau 480, zur babylonischen Gefangenschaft 512, 
zur Geburt Christi 518 und bis zur Gegenwart 763 (1 — 8). Un- 
getrübter Friede herrscht jetzt in Italien unter Desiderius und Adel- 
chis und auch in Benevent unter Arichis und Adelperga (8 — 10). 
Möchten doch diese beiden am jüngsten Tag der ewigen Seligkeit 
teilhaftig werden (11—12)/ 



Wie das Akrostichon (Adelperga pia) beweist, hat Paulus dieses 
Gedicht seiner Schülerin, der Tochter des Königs Desiderius, gewid- 
met zur Förderung ihrer geschichtlichen Studien (vgl. Vorbem. zu III). 
Es ist das einzige Gedicht, von dem uns die Entstehungszeit an- 
gegeben ist. Aus Strophe 8,3 geht hervor, daß es Paulus im Jahre 
763 verfaßte und zwar jedenfalls in Benevent selbst. 

Überiiefert ist es in einer Madrider Handschrift A 16 saec. XII, 
die einstens in Montecassino sich befand und deshalb für die Her- 
stellung des Textes eine sichere Grundlage bietet. Nicht mehr in 
beneventanischen Zügen geschrieben, stammt sie aus der Zeit und 
dem Kreise, vielleicht aus der Hand des Petrus Diaconus. Der von 
Dümmler in seiner Ausgabe der Gedichte des Paulus Diaconus (Poet. I 
p. 35) herangezogene Florentiner Codex Strozz. 46 saec. XIV ist eine 
Abschrift des Madrider und bedeutungslos. 

Paulus gibt hier eine Einteilung der Weltchronologie in Welt- 
alter, wie sie nach dem Vorgang von Eusebius (Hieronymus) und 
Augustin auch Isidor in seinem Chronicon anwendet. Da nun in 
der Madrider Handschrift auf unser Gedicht unmittelbar eines folgt, 



8 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

das den Titel trägt Item versus de annis a principio und den gleichen 
Stoff behandelt, so untersuchte ich das Verhältnis, in dem beide Ge- 
dichte zueinander stehen. 

Paulus ist in seiner Einteilung von der bei Isidor und den 
anderen üblichen etwas abgewichen: Die dritte Epoche umfaßt bei 
ihm die Zeit von Abraham bis Moses und die vierte von Moses 
bis zum salomonischen Tempelbau, während Isidor daraus nur 
eine Epoche macht und sie von Abraham bis David reichen 
läßt. Diese nämliche Art der Einteilung, wie sie Paulus hat, zeigt 
jenes zweite Gedicht, das aus Irland nach Benevent gekommen 
war. Es finden sich auch einige stilistische Anklänge, vgl. Paul. 6, 
1 und 2 quo salatem virgo mundi peperit, quem prophetae prae- 
dixerunt und v. 28 in dem anderen Madrider Gedicht: salus mundi 
praedicatur; Paul. 11, 2 dies sed out hora quando non patet mortor 
llbus und im andern v. 35 horam autem aique diem finis huius 
saeculi nee, ut puto, certum sciunt et caelorum angeli. Bedeutender 
als diese Anklänge erscheint mir aber, daß Paulus seinem Gedicht 
die gleiche Verszahl gab, nämlich 36, nur daß er, wie bei semem 
grammatischen Rhythmus (XV) diese Verse in zwölf Gruppen zu je 
drei Zeilen zusammenstellt, von denen zwei oder drei meist assonie- 
ren (in dem anderen Gedicht ist ein- und zweisilbige Assonanz kon- 
sequent durchgeführt). Mit dieser Gruppierung erreichte Paulus, daß 
seine chronologische Einteilung übersichtlicher erscheint und also 
seinem Zweck zu belehren mehr entspricht. 

Diese Vergleichung und auch der Umstand, daß beide Gedichte 
in einer Handschrift aus Montecassino und zwar beieinanderstehend 
überiiefert sind, scheint mir dafür zu sprechen, daß das zweite Ge- 
dicht für Paulus die Vorlage bildete. Wenn er nur den Inhalt der 
ersten sechzehn Zeilen seiner Vortage in seinem Gedicht verwendete 
und die anderen auf profane Geschichte bezüglichen Angaben aus- 
schied, so hat dies seinen Grund in dem Wunsch Adelpergas, daß 
mehr die heilige Geschichte betont werden möge (vgl. Vorbem. zu III). 

Dieses zweite Madrider Gedicht, das zuerst Dümmler in der 
Zeitschr. f. deutsch. Altert. XXII 426 herausgab, kannte auch Bethmann 
(Archiv X 294) und hielt es nicht für ausgeschlossen, daß es dasselbe 
Gedicht sei, das Leo von Ostia I 15 Necnon et universas fere an- 
nalis computi lectiuncutas rithmice composuit und Petrus de viris 
illustribus Casinensibus 8 zitiert: Universas etiam lectiuncutas a 
principio usque ad suam aetatem una cum annali computo rithmice 
composuit. 



Paulus an Adelperga. 9 

Beide meinen aber vielmehr den hier herausgegebenen Rhyth- 
mus. Ein anderes rhythmisches Gedicht mit komputistischem Inhalt, 
das in einer Handschrift aus La Cava steht, hat Traube zweifelnd 
mit Paulus in Verbindung gebracht, Textgeschichte der Regula 
S. Benedicti S. 113. 



1. A principio saeculorum usque ad diluvium 

duocenti quadraginta duo bina milia 
evoluta supputantur annorum curricula. 

2. Dehinc usque quo fidelis Abraham exortus est, 

novies centeni duo quadraginta pariter 
sibi successisse anni scribuntur ex ordine; 

3. Ex hoc tempore quousque Moysi in heremo 

praeceptorum instituta tradidit altissimus, 

annos quinque et quingentos praeterisse terminos. 

4. Legis datae a diebus et conscriptae caelitus 

usque quo templum dicavit rex sapientissimus, 
quadringenti octoginta orbes evoluti sunt. 

5. Percucurrit hinc annalis ordo sua spatia 

quingentenis et bissenis annis, Babylonica 
donec populum vastavit Israel captivitas. 

6. Exhinc usque quo salutem virgo mundi peperit, 

quem prophetae praedixerunt venturum Emmanuel, 
octodecem et quingenti peracti sunt circuli. 



Item versus pauIi diaconi de annis a principio A /. 52 v. 
2,3 scribuntur aus scribantur com A || 5,1 spacia A || 5,3 uastabit A 
6,3 octodeceni Bethmann, octodeni Huemer, 



1,2 duocenti ist entsprechend der 
handschriftlichen Oberlieferung beizu- 
behalten und damit zu erklären, dafi 
dem Dichter anni statt annorum curri- 
cula vorschwebte. 

3,1 Moysi in heremo vgl. Paulin. 
Poet. 1141 V. 4 Moyses in eremo, — prae- 
terisse: veranlaßt durch scribuntur. 



4,3 orbes vgl. hier die Abwechslung 
im Ausdruck: 1,3 evoluta annorum 
curricula (Hist. Langob. 1 cap. 4), 5,1 
percucurrit annalis ordo sua spatia, 
6,3 peracti sunt circuli: ähnlich Hist 
Rom. XIU 3 Septem mensibus evolutis, 
XV 2 annali emenso spatio, XV 7 annali 
circulo evoluto. 



10 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



7. Rex aetemus mundum venit restaurare perditum: 

quinque milia expletis annis a principio 

centum atque nonaginta nove^ <sunt> per calculum. 

8. Olorioso ab adventu redemptoris omnium 

ad hunc usque prima annum in quo est indictio, 
septingenti sexaginta tresque simul anni sunt 

9. Alta pace nunc exultat Ausonia regio 

Desiderio simulque Adelchis regnantibus 
florentissimis et piis, cum haec annotata sunt, 

10. Principatum Beneventi ductore fortissimo 

Arechis regnante freto supemi auxilio 
Adelperga cum tranquilla stirpe nata regia. 

11. Iudex veniet supemus velut fulgor caelitus, 

dies sed aut hora quando non patet mortalibus, 

felix erit, quem paratum invenerit dominus. 

» 

12. Ante tuum, iuste iudex, dum steterit solium 

Arechis benignus ductor cum praeclara coniuge, 
dona eis cum electis laetari perenniter. 



7,3 sunt fehlt A, hinc Bethmann, novenis Vollmer || 9,1 regio Ausonia 
Waitz, haec Ausonia Dahn, Ausoniana Eyssenhardt \\ 10,3 stirpentata regio A || 
11,3 dominus invenerit Bethmann, 



7 expletis annis a principio vgl. 
Hist. Rom. I 1 expletis a mundi princi- 
pio annis quattuor milibus. — sunt per 
calculum: .Nach Ablauf der Jahre vom 
Anfang an ergibt die Zusammenrechnung 
5199' ; zu sunt vgl. 4,3, 6,3, 8,3. 

9 Ausonia regio: Der Widerstreit 
des Wort- und Versakzentes veranlaßte 
mit Unrecht Waitz, Dahn und Eyssen- 
hardt zu Textveränderungen; vgl. auch 
Hist. Lang. II 24: Italia etiam Ausonia 
dicitur . . . Primitus tarnen Bene- 



ventana regio hoc nomine appellata est, 
postea vero tota sie coepit Italia voci- 
tari. — Adelchis, der Sohn des Desi- 
derius (757—774), war vom Jahre 759 
an Mitregent seines Vaters. 

10 Aridiis war Herzog von Bene- 
vent 758-787. 

11 felix erit, quem paratum in- 
venerit dominus, vgl. M. G. Epp. IV 
p. 81, 9 Beatus ille, quem, cum venerit 
dominus eius, invenerit vigilantem nach 
Luc. 12, 37. 



III. 
Brief an Adelperga. 

»Da Du nach dem Vorbild Deines Gatten wissenschaftliche 
Studien treibst und Dich auch mit weltlicher Geschichte und der des 
Reiches Gottes beschäftigst, so habe ich Dir den Eutrop als Lektüre 
überreicht (1 — 10). Das, was Dir beim Durchstudieren mißfiel, habe 
ich beseitigt, indem ich die Geschichte erweiterte und Zusätze aus 
der heiligen Schrift anfügte (11—21). 

Ich begann die geschichtliche Darstellung ein wenig fiüher und 
fügte zu der nur bis Valens reichenden Schilderung noch sechs Bücher 
bis zur Zeit Justinians. Wenn es Euer Wunsch ist und ich am Leben 
bleibe, will ich die Geschichte bis auf unsere Zeit fortsetzen (22 — 28)." 

Dieses Widmungsschreiben, das wegen seines für die Lebens- 
verhältnisse des Paulus sehr wichtigen Inhalts nach den Ausgaben 
Droysens (M. G. Auct. ant. vol. II, Berlin 1895, und Schulausgabe der 
M. G., Berlin 1879) hier abgedruckt wird, zeigt uns, wie am lango- 
bardischen Hof die Wissenschaften gepflegt wurden, und welche An- 
forderungen man damals in hochgebildeten Kreisen an die Geschicht- 
schreibung stellte. 

Wir entnehmen ihm zugleich, daß Paulus Lehrer der Prinzessin 
Adelperga war. Als diese sich mit Arichis, dem Herzog von Bene- 
vent, vermählte, wollte sie offenbar in ihren neuen Verhältnissen den 
Mann unter ihrem Gefolge nicht missen, der ihr am Hofe ihres 
Vaters geistlicher und wissenschaftlicher Berater gewesen war. Sehen 
wir ja auch, wie Kleriker die verlobte Tochter Karls, Rothrud, nach 
Byzanz begleiten sollten (XII 12). Zudem bestanden zwischen ihrem 
Gatten und Paulus insofern Beziehungen, als der Herzog, wie aus 
dem Anfang des Briefes hervorgeht, ein großer Freund wissenschaft- 
licher Studien war und sein Geschlecht der Heimat des Paulus, 
Friaul, entstammte. Endlich scheint mir auch die Art, wie Paulus 



12 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



die Bauten des Arichis schildert (vgl. IV' v. 24 — 25), auf einen Auf- 
enthalt des Paulus am beneventanischen Hof hinzuweisen. Ohne 
Zweifel besteht zwischen dem chronologischen Gedicht (II) und 
diesem Brief, der das Vorwort zu dem von Paulus nach den 
Wünschen Adelpergas geänderten Eutrop bildet, ein innerer Zu- 
sammenhang, der sie auch zeitlich einander naheliegend erscheinen 
läßt: Paulus hatte seiner Schülerin den Eutrop in seiner ursprüng- 
lichen Gestalt zum Studieren gegeben, sie hatte aber ihre Unzufrieden- 
heit mit dieser Art geschichtlicher Darstellung geäußert, die nur 
römische Geschichte, nicht aber auch die des Reiches Gottes be- 
handle. Daraufhin versprach Paulus ihr beides in enger Verbindung 
vorzuführen. Zuvor aber verfaßte er für sie 763 das Gedicht von 
den Weltaltem, um damit seiner Schülerin gleichsam eine kompendiöse 
chronologische Grundlage zu geben. Dann erst entstand seine 
Historia Romana. Droysen (p. VI) verlegt die Entstehung des Briefes 
vor das Jahr 764, allein schon die Erwähnung von drei Kindern Adel- 
pergas, von denen das älteste 763 geboren wurde, weist auf spätere 
Zeit und so nehme ich an, daß er zwischen 766 und 769 entstand 
(vgl. auch Dahn S. 15 und Vorbem. zu VI). 



DOMNAE ADELPERGAE EXIMIAE 
SVMMAEQVE DVCTRICI 

PAVLVS EXIGWS ET SVPPLEX. 

Cum ad imitationem excellentissimi comparis, qui nostra aetate 
solus paene principum sapientiae palmam tenet, ipsa quoque subtili 
ingenio et sagacissimo studio prudentium arcana rimeris, ita ut philo- 
sophorum aurata eloquia poetarumque gemmea dicta tibi in promptu 
sint, historiis etiam seu commentis tarn divinis inhaereas quam mun- 

a = Perugia H 75 saec. XIV; b = Wien 104 saec, XIV; c = Florenz Lawr. 
89, 41 saec. XIII. 

Historie romane a paulo diacone ordinis sancti benedicti monasterii montis 
Cassini edite ex historiis eutropii ad adelbergam ducis comparis coniugem prologus 
et Über primus incipit b, 

1 dominae b c \ adelbergae ^ || 3 et supplex fehlt b \\ 5 paene fehlt b 
I principium a \ suctili a || 6 et fehlt b c \ prudentum b \ archana a \\ 
7 gemea c \ tibi dicta c \\ 8 seu] et a. 



1 — 5 exiguus et supplex: an Theu- 
demar (XIV) schreibt er pusillus filius 
supplex, in XXXII an Karl famulus 
supplex, in XXXI an Adalhard bloß 



supplex. — nostra aetate solus paene 
principum sapientiae palmam tenet: 
Paulus preist auch sonst die Weisheit 
des Arichis vgl. IVi 15. XXXV 10—12. 



Brief an Adelperga. 



13 



danis, ipse, qui elegantiae tuae studiis semper fautor extiti, legendam 
tibi Eutropii historiam tripudians optuli. lo 

Quam cum avido, ut tibi moris est, animo perlustrasses, hoc 
tibi in eius textu praeter immodicam etiam brevitatem displicuit, quia 
utpote vir gentilis in nullo divinae historiae cultusque nostri fecerit 
mentionem. Placuit itaque tuae excellentiae, ut eandem historiam 
paulo latius congruis in locis extenderem eique aliquid ex sacrae textu 15 
scripturae, quo eius narrationis tempora evidentius clarerent, aptarem. 
At ego, qui semper tuis venerandis imperiis parere desidero, utinam 
tarn efficaciter imperata facturus quam libenter arripui. Ac primo paulo 
superius ab eiusdem textu historiae narrationem capiens eamque pro loci 
merito extendens quaedam etiam temporibus eius congruentia ex divina 20 
lege interserens eandem sacratissimae historiae consonam reddidi. 

Et quia Eutropius usque ad Valentis tantummodo Imperium 
narrationis suae in ea seriem deduxit, ego deinceps meo ex maiorum 
dictis stilo subsecutus sex in libellis superioribus, in quantum potui, 
haud dissimilibus usque ad lustiniani Augusti tempora perveni pro- 35 
mittens deo praesule, si tamen aut vestrae sederit voluntati aut mihi 
vita comite ad huiusmodi laborem maiorum dicta suffragium tulerint, 
ad nostram usque aetatem eandem historiam protelare. 

Vale divinis domina mater fulta praesidiis celso cum compare 
tribusque natis et utere felix. 30 

9 qui] quia a \ studiis fehU a \ factor b \\ 10 obtuli 6 II 11 tibi ut c \\ 
12 15 19 testu a \\ 14 mensionem a \\ 16 scripturae textu b \\ 20 excedens a \ 
etiam] et a l| 23 in eam b l| 24 subsequutus a || 25 tempora augusti c || 26 
praeside a \\ 27 huiuscemodi a \\ 28 uestram c \\ 29 suffulcta b \ celo b \\ 
30 tribus a \ comparentibusque c. 



6 — 10 philosophorum aurata elo- 
quia: auch von ihrem Gatten werden die 
philosophischen Studien besonders er- 
wähnt XXXV V. 11. Diese Stelle gibt 
einen Einblick in die Erziehung einer 
langobardischen Prinzessin. Adelperga 
studierte demnach Philosophie, Literatur 
und Geschichte. — qui elegantiae tuae 
studiis semper fautor extiti: Paulus war 
nicht erst in Benevent nach ihrer Ver- 
heiratung ihr Lehrer, sondern schon am 
Hofe ihres Vaters, was durch semper 
ausgedrückt ist. 

16 quo eius narrationis tempora 



evidentius clarerent: Paulus beabsich- 
tigte also, daß durch seine Ausgabe des 
Eutrop Adelperga mehr Klarheit über die 
chronologischen Verhältnisse bekomme. 
Sie soll bei Erwähnung eines Ereignisses 
aus der Weltgeschichte immer zugleich 
wissen, in welche Zeiten der Geschichte 
des Reiches Gottes dies fällt 

25--28 vita comite: eine in den 
Briefen des Paulus beliebte Wendung. — 
prominens ad nostram aetatem pro- 
telare: Paulus konnte infoige der po- 
litischen Verhältnisse sein Versprechen 
nicht halten. 



IV. 
Inschriften auf die Bauten des Arichis. 

I. 

'Die Mauern wetteifern an Höhe mit den Tempeln Roms, ver- 
danken aber nicht wie diese Stadt ihre Größe Raubzügen durch die 
ganze Welt und eitler Ruhmsucht (1 — 8). Nicht Heiden bauten sie, 
sondern der katholische Fürst Arichis, den alle Vorzüge des Körpers 
und Geistes zieren (9 — 19). 

Eingedenk des jüngsten Tages ließ er einen hohen und präch- 
tigen Tempel erstehen. Christus möge die frommen Gebete der Be- 
drängten erhören (20—32)/ 

Arichis, der seit 758 schon unter Desiderius fast unabhängig 
über den größten Teil Unteritaliens herrschte (Abel-Simson Jahrb. d. 
fränk. R. I 363), ließ nach dem Bericht des im Jahre 978 verfaßten 
Chronicon Salemitanum (cap. 17) Salemo befestigen und dort einen 
sehr großen und schönen Palast und eine Kirche des Petrus und 
Paulus errichten. An einer anderen Stelle (cap. 37) berichtet der 
Chronist, Paulus habe für jenen Palast Inschriften in Versen verfaßt: 
undique versibus illustravit 

Wenn man auch den Angaben des Salernitaners, bei denen 
wohl auch der Lokalpatriotismus mitspielt, im allgemeinen keine zu 
große Bedeutung beilegen darf, so ist hier an ihrer Richtigkeit nicht 
zu zweifeln. Denn was erscheint natüriicher, als daß der Herzog seine 
neu geschaffenen Bauten mit Versen seines Freundes geschmückt sehen 
wollte. Da aber die Tradition einer berühmten Persönlichkeit, von 
der man wußte, daß sie in einer Gegend wirkte, gerne im Laufe der 
Zeiten auch Werke zuschreibt, die andere schufen, so darf man auch 
hier nicht alle Inschriften für Bauten des Arichis ohne weiteres dem 
Paulus zuschreiben. 



Inschriften auf die Bauten des Arichis. 



15 



Eine sichere Entscheidung scheint mir nach den bis jetzt zur 
Verfügung stehenden Hilfsmitteln bei Titulus II und III unmöglich; 
denn hier weisen weder stilistische Eigentümlichkeiten noch die hand- 
schriftliche Überlieferung bestimmt auf Paulus hin. Da aber kein 
Grund zu finden ist, der gegen diese Autorschaft spricht, so schien 
es ungerechtfertigt diese beiden Gedichte auszuscheiden. 

Dagegen ist der Titulus I zweifellos paulinisch. Er zeigt die 
klare Anordnung der Gedanken, wie wir sie in den Gedichten des 
Paulus finden, und die Schilderung der Persönlichkeit des Arichis ent- 
hält inhaltlich und formell mehrfache Anklänge an zweifellos pau- 
linische Werke (vgl. III und XXXV). Dann spricht auch die hand- 
schriftliche Oberiieferung dafür. Das Gedicht steht im Harieianus 
3685, einer Handschrift, die zum Unterschied von den andern für 
die Oberiieferung der Gedichte des Paulus wichtigen nur solche von 
ihm enthält, die, wie wir sehen werden, alle der Zeit vor seinem 
Aufenthalt am Hofe Karts angehören. 

Da in diesem Gedicht der größte Teil der Verse dem Arichis 
selbst gewidmet ist, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß wir hier 
jene von Petrus Diaconus de viris illustribus Casinensib. cap. 8 er- 
wähnten versus Pauli ad Arichis vor uns haben. 



Aemula Romuleis consurgunt moenia templis 
Ampla procul fessis visenda per aequora nautis. 
lUa sed externis sumpsere augmenta rapinis 
Et toto exuviis miserorum ex orbe petitis. 
Dum male perduntur viduatae civibus urbes. 
Pro pudor, et fragilis captantur flamina laudis. 
Haec vero ex causis capiunt exordia iustis 
Inpensisque probis nuUo et cum crimine partis. 



Ohne Oberschrift H f.\. 

1 menia (und ebenso immer e für ae, außer Aemula 1, Aetemi 10, quaeque 
25) H \\ Z sumsere H \ aucmenta H \\ 7 At vero H corr. Dammler. 



1 Romuleis templis: eine bei 
Paulus beliebte Ausdrucksweise, vgl. 
Hist Lang. II 23; Gest. epp. Mett. 
SS. II p. 265; XXX; XXVI v. 18; XXXV 
v. 36. — moenia sc. Salemitana. 

5 — 10 viduatae civibus urbes vgl. 



Verg. Aen. VIII 571 viduasset civibus 
urbem. Fortunat IV8, 23 viduatam civibus 
urbem. — captantur flamina laudis: 
flamen = aura der sanfte, uns schmei- 
chelnde Hauch des Ruhmes. — extiterant 



16 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



Adde quod extiterant auctores luminis Ulis 
10 Aetemi expertes, Venen Phoeboque lovique 
Atque pharetrigerae ponentes tura Dianae, 
Quosque referre pudet Horum est nam structor herilis 
Catholicus princeps Arichis, tarn corpore pulcher 
Pectore quamque magis virtute insignis et armis, 
15 Omnia conponens quem sie sapientia compsit, 
Redderet ut variis satis artibus esse potentem, 
Quo merito Latiae dicatur gloria gentis, 
Bardorum et culmen, pietatis cultor et index, 
lustitiaeque tenax, summus servator honesti. 
20 Iste pater patriae, lux omne <decusque> suonim. 



10 phoebque // || 11 pharetrigera // || 12 scnitator H corr. DOmmler \ 
herilis aus herelis corr, // || 19 lustideque H \ sumus // || 20 decusque von 
Dümmler hinzugesetzt. 



auctores: Die Gründer Roms waren 
Heiden, Salemo aber verdankt seinen 
Ausbau einem katholischen Fürsten. 

12 quosque referre pudet: et eis 
deis tura ponentes, quos referre pudet, 
vgl. Sedul. carm. pasch. 1 276 plura referre 
pudet. — horum est nam: nam ist hier 
adversativ gebraucht, eine Eigentümlich- 
keit, die sich bei Fortunat (vgl. IV 26, 30; 
VI 10, 28) u. a. häufig, selten aber bei 
Paulus findet (vgl. XXXV 39). — struc- 
tor herilis vgl. XXXV 34 structorem, 
orba, tuum, clara Salerne, gemis; vgl. 
ductor herilis Poet. II 650 v. 1 1 ; 651 v. 53. 

13 — 15 catholicus princeps Arichis: 
Leo von Ostia Chron. mon. Casin. I, 8 
(SS. VII 568 N. 47, 48) Hie Aridiis pri- 
mus Beneventi princ ip em se appeliari 
iussit, cum usque ad istum, qui Bene- 
vento praefuerant, duces appellaren- 
tur. — tam . . quamque oft bei Paulus, 
vgl. Neff De Paulo D. Festi epitomatore 
p. 24. — virtute insignis et armis vgl. 
Verg. Aen. VI 403. — quem sie sapientia 
compsit vgl. Poet. I 60 v. 22 bene quem 
patientia compsit, 

16 variis satis artibus esse poten- 
tem: auch im Brief des Paulus an Adel- 



perga rühmt er seine Weisheit (vgl oben 
III). — qui nostra aetate soius paene 
prindpum sapientiae palmam tenet vgl. 
auch das im Gedicht XXXV entwodene 

Bild. 

17 Latiae dicatur gloria gentis: ein 
auch sonst beliebter Versschluß, vgl. 
Verg. Aen. VI 767, Ovid. Met XII 530, 
Alcvin. I 247 v. 4 u. s. w. 

18 Bardorum: Paulus braucht in 
seinen prosaischen Schriften nur Lango- 
bardi. Daraus ist aber kein Beweis gegen 
seine Autorschaft zu entnehmen (vgl. 
Dahn S.68); denn die längere Form laßt 
sich im Vers schwer verwenden (vgl. 
Gedicht des Petrus XXXVIII 10 Mic 
domuit Lango 'properans ad proelia 
-bardos); Bardi findet sich noch IX 11 
und in seiner Grabschrift XXXVI 9. — 
pietatis cultor et index vgl. XXXV 13 
divini cultor et index, 

19 lustitiaeque tenax, summus ser- 
vator honesti vgl. Luc. Phars. II 389 iusti- 
tiae custos, rigidi servator honesti, 

20 iste pater patriae vgl. Fortun. 
V 10, 1; VIII 15, 1; IX 10, 1 summe 
pater patriae; Alcvin. I 172 v. 118 Factus 
amor populi, patriae pater et decus 



Inschriften auf die Bauten des Arichis. 



17 



Mente satis vigili pensans et acumine magno 
Tempore supremo Ventura pericula saecio» 
Ut nostris cecinit labiis reparator et auctor, 
Omne quod hie spatiis effertur in ardua vastis 

25 Quaeque stupens lustras diti caperisque decore, 
Suscipiens promissa patris, cui fallere non est, 
Suppetias dedit esse suis portumque quietis. 
Christe potens, via, vita, salus, spes sola tuorum, 
Qua quisque innixus numquam est confusus ab aevo, 

30 Ne patiare umquam frustrari cordis anheli 



21 pensans Wattenbadi, pensaret et H \\ 22 suppremo H 
I spaciis H \\ 25 diti Traube, de te //, tadte Wattenbadi \\ 
30 haneli //. 



I 24 his Dümmler 
27 supetias H \\ 



aulae. — lux omne decusque suorum: 
das in der Handschrift fehlende decus 
einzusetzen veranlassen Ähnliche Ver- 
bindungen bei Paulus, vgl. XXXII v. 2 
unten luxque decusque: XXXV v. 10 
luxque decorque, Epp. IV 514 unten 
Vale, Salus patriae, lumenque decusque 
tuorum: auch bei gleichzeitigen Dichtem 
finden sich ähnliche Ausdrucksformen : 
Alcvin. I 226 v. 21 o decus omne tuis 
(Verg. Ecl. V 34 tu decus omne tuis), vitae 
lux maxima nostrae: Theod. Poet I 522 
V. 2 cleri luxque decusque vigens: Poet. 
n 661 V. 24 luxque decorque; an Stelle 
von lux tritt dann auch laus vgl. Alcvin. 
I 254 V. 22 o laus atque decus: Theod. I 
534 V. 74 lausque decusque: Alcvin. I 
257 V. 26, 258 V. 60 laus honor atque 
decus. 

22 Ventura pericula saecio, ut ce- 
cinit vgl. Ventura saecio praecinens VII 
4. — ut nostris cecinit labiis beweist, 
daß Paulus am Hofe des Arichis als 
Geistlicher tätig war. 

23 reparator et auctor vgl. Alcvin. 
I 285 V. 20 redemptor et auctor, 

24 — 27 omne quod: auch sonst, vgl. 
Theod I 507 v.530. — hie spatiis effer- 
tur in ardua vastis: Arichis dachte an 
die am jüngsten Tag der Weh bevor- 



stehenden Gefahren und schuf alles, 
was in diesen gewaltigen Räumen hoch 
emporragt und was du staunend be- 
trachtest, als Hort und Hafen der Ruhe 
für die Seinen, nämlich eine Kirche in 
Salemo. Aus v. 24 und 25 kann man 
entnehmen, daß der Dichter selbst sie 
geschaut hat. — suscipiens promissa 
patris: Arichis erfüllte damit ein Gelübde 
seines Vaters. — cui fallere non est: 
bezieht sich auf Arichis. — portumque 
quietis vgl. XXXV v. 27 tu requiesque 
tuis portusque salusque fuisti. 

28 via, vita, salus, spes sola tuo- 
rum: eine auch sonst in der karolingi- 
schen Dichtung beliebte Zusammenstel- 
lung alliterierender Wörter, vgl. Alcvin. I 
241 V. 37 Sit via, vita, salus, spes: 259 
V. 85 spes alma tuorum, Sit tibi vita, 
Salus Sit sine fine: 261 v.44; 321 v.22 
lux, via, vita, salus: Theod. I 530 v.3; 
554 V. 15 via, vita, salus; vgl. Joh. XIV 6. 

29 numquam est confusus ab aevo: 
Psalm. XXX 2; LXX 1 in te. Domine, 
speravi, non confundar in aetemum: 
Rom. IX 33 et omnis, qui credit in eum, 
non confundetur: Alcvin. I 279 v. 116 
in domino sperans nuUus confunditur 
umquam; vgl. Petr. 1 2, 6 und Jes.28, 16. 



QueUen u. Untersuch, z. lat. PhUologie des MA. m, 4. 



18 Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

Vota precesque pias, mage sed sustolle iacentem, 
Corde tibi ut relevato omni spes fida redundet 



31 mage Dammler, magne H \\ 32 Sic scripsi, corde tibi utre leuata bonis 
spes fidet redatet H, corda tibi ut relevata bonisque fideque redundent conL 
Dammler, corde tibi ut relevata boni spes rite redundet Traube. 



U. 
Diese nur lückenhaft erhaltene Inschrift wurde für die Kirche 
des Petrus und Paulus in Salemo verfaßt und ist uns nur von 
Ughelli (Italia sacra VII 358) überliefert, der sagt: Ecclesiam (S.Petri 
et Pauli Salemitanam) luculentissimis versibus exomavU Paulus 
Diaconus, quonim aliquos vetusta consumpsU antiquitas: qui super- 
fuerunt, hl sequuntur: 



Christe Salus, utriusque decus, spes unica mundi, 
Duc et educ Clemens, Arichis pia suscipe vota 
Perpetuumque tibi haec condas habitacula templi. 
Regnator tibi, summe decus, trinominis ille 
Hebreae gentis Solymis construxit asylum, 
Pondere quod factum sie circumsepsit obrizo; 
Duxit opus nimium variis sculptumque figuris 
Brac 



8 Brac<teolis> Traube. 



1 — 4 utriusque: Petrus und Paulus 
— spes unica mundi: Der gleiche Vers- 
schluß findet sich bei Paulin. Poet. 1 130 , gentis = Israelitae, Judaei, Hebraei. 
V. 142 und Sedul. carm. pasch. I 60 — 



educ (ö); vgl. Joh. 10, 3 (Gleichnis vom 
guten Hirten). — trinominis (i) Hebreae 



III. 
Wie beim vorausgehenden Titulus, so weist auch bei diesem 
nur die Erwähnung des Arichis auf Paulus hin und läßt es als mög- 
lich erscheinen, daß er der Verfasser ist. Gewichtige Beweispunkte 
dafür sind aber außerdem ebensowenig zu finden wie dagegen. Die 
Verse sind der St. Galler Handschrift 573 saec. IX — X entnommen (/) 
und stehen dort inmitten einer kleinen Sammlung von Inschriften, 



Inschriften auf die Bauten des Arichis. 



19 



von denen nur die zwei ersten (V, u und lll) wahrscheinlich paulinisch 
sind (vgl. Vorbem. zu V). 



10 



Haec domus est domini et sacri ianua regni, 

Huic properate viri: haec domus est domini. 
Hie deus ipse manet proprie, qui semper ubique est, 

Currite huic populi: hie deus ipse manet. 
Si qua piacla nocent, olim quae forte patrastis, 

En qui pellat adest, si qua piacla nocent. 
Amne rigate genas, sanentur ut ulcera cordis, 

Ut Salus adveniat, amne rigate genas. 
De bonitate dei cuncti confidite semper, 

Diffidat nullus de bonitate dei. 
Mitis enim pater est, se numquam spemit amantes, 

Qui bona dat gratis, mitis enim pater est. 
Pectora vestra sonent: »parce et miserere, precamur;" 

»Parce Arichis, Christe," pectora vestra sonent. 



ANTE FORES BASILICAE J p, 476. 

1 SACRA IANUA (der ganze Vers ist in Capitalis geschrieben) J \\ 2 und 
4 huc Traube || 5 parastis in patrastis com J, \\ 13 und 14 sonet 7 || 14 parce 
Arichis, Christe DOmmler, parce Ipe arichis J, parce, <o> Christe, Arichis Traube. 



2 huic properate: vgl. Eug. Toi. carm. 
XII 2; huc properate viri und Hildr. 
Grabschrift des P. D. XXXVI 28 huc pro- 
oerasti. 

3 proprie wird wohl besser zu manet 



gezogen: Gott, der Allgegenwärtige, weilt 
besonders gerne in der Kirche. 

7 amne rigate genas vgl. Ovid. ars 
am. 532 imbre rigante genas. 



Andere Inschriften. 

Wahrend die vorausgehenden Inschriften durch ihren Inhalt 
zweifellos auf den beneventanischen Hof hinweisen» so veranlafit 
mich die handschriftliche Oberlieferung zu der Annahme, dafi die 
folgenden drei den langobardischen betreffen. 

Sie sind nämlich in der oben erwähnten Leipziger Handschrift 
(vgl. Vorbem. zu I) überliefert und schließen die mit dem Loblied auf 
den Comersee beginnende Sammlung vorkarolingischer Gedichte des 
Paulus ab. Dieser Abschluß ist durch das am Ende der Kreuzes- 
inschrift stehende E^licU auch äußerlich angedeutet und ich schied 
deshalb und mit Rücksicht auf Form und Inhalt das sich anschließende 
Gebet: Christe, deus mundi (Dümmler Poet. aev. Carol. I 78) als nicht 
paulinisch aus. 

Da die I. Inschrift, die auch in der St. Galler Handschrift 899 
inmitten paulinischer Gedichte steht, sich unmittelbar an das Epitaph 
der Königin Ansa anschheßt, so liegt es nahe sie für einen Titulus der 
betreffenden Grabkirche zu halten. Die Inschriften II und III stehen 
ebenso vereint in der anderen St. Galler Handschrift 573. 



Multicolor quali specie per nubila fulget 
Iris, caerulei cum cingunt aethera nimbi. 



ITEM UERSUS IN TRIBUNALI (diese Worte in L am Rand, teilweise in 
tironisdien Noten, wiederholt) L /. 37, G p, 12. 
1 fulgit L G \\ 2 cerulei L 



1 fulgit, V.4 nitit: da sich bei Pau- 
lus selten die Vertauschung der Konjuga- 
tionen findet (vgl. XIII 3 und 11; XXII 
22), so wurde hier, ebenso wie IX 1, trotz 



der handschriftlichen Überlieferung die 
regelmäßige Form eingesetzt 

2—3 Iris multicolor vgl. SeduLPoet 
III 198 V. 6 Multicolor varians Iris 



Andere Inschriften. 



21 



Vel primum radios cum Titan spargit in orbem, 
Haud alio mirum nitet hoc fulgore tribunal, 
In quo terribilis vultus dominantis et una 
Sanctorum effigies pulchre sub enigmate vernant. 



4 haud] a mit darüber geschriebenem e G \ aiio fehlt in G \ nitit L G 
6 pulchre LG, pulchro DOmmler. 



honore micat. — caerulei cum cingunt 
aethera nimbi: von den dunklen Regen- 
wolken hebt sich um so strahlender der 
R^enbogen ab, vgl. zum Gedanken 
Verg. Aen. Vni 622: qualis cum caerula 
nubes Solis inardescit radiis longeque 
refulget 

4 — 5 tribunal: Es ist hier an ein 
Mosaikgemaide in der Apsis der Kirche 
zu denken, auf Goldgrund Christus in- 
mitten von Heiligen. Nach den Worten 
terribilis vultus dominantis ist anzu- 



nehmen, daß hier Christus als Richter 
beim Weltgericht abgebildet war. Chri- 
stus wurde im neunten Jahrhundert mit 
flammenden Augen dargestellt, vgl. J. 
V. Schlosser (Beiträge zur Kunstgeschichte 
aus den Schriftquellen des frühen Mittel- 
alters, Sitzungsberichte der Wiener Akad. 
philol. bist Kl. CXXm, 1890. S. 11 ff.). — 
pulchre sub enigmate vernant = in 
schöner Darstellung erglänzen die Bilder, 
vgl. Thes, ling. Lat p. 987, 3. sub v. 
aenigma. 



II. 



O una ante omnes felix pulcherrima virgo, 
Quae lapsum casto reparasti viscere mundum, 
Posce deum natumque, piis quem contines ulnis, 
Salvet ut hanc proprio quaesitam sanguine plebem. 



ITEM IN BASILICA SCAE MARIAE L f. 37v, J p, 466. 
2 reparasti] das erste r auf Rasur L 1| 3 contenis J 
salueat corr. L \ sanguine J, 



4 saluet ut aus 



1 vgl. Verg. Aen. UI 321 O felix 
una ante alias Priameia virgo. 

3 quem contines ulnis: In der Apsis 
der Marienkirche befand sich demnach 



eine Darstellung der Maria mit dem Jesus- 
kind auf dem Arm und darunter standen 
diese Verse (vgl. J. v. Schlosser a. a. O.). 
4 vgl. Act. Apost. 20, 28. 



22 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



m. 



Adam per lignum mortem deduxit in orbem, 
Per lignum pepulit Christus ab orbe necem. 

2. 

Crux tua, Christe potens, bis sit protectio saeptis, 
Ne lupus insidians possit adire gregem. 

3. 
Crux tua, rex regum Christe, hoc tueatur ovile, 
Ne leo crudelis carpere possit oves. 



Crux tua, lux lucis, has vallet fulgida caulas, 
Fundere ne serpens dira venena queat 



ITEM UERSUS SUPER CRUCEM L f. 37v, J p. 466. 

2 lignum aus dignum corr. J || Obersduift von 3, 4 (redtts nd^en 2) ITEM 
ALITER (ALIA L) JL \\ 3 septis J || Obersduift von 5, 6 (redUs neben 4) ITEM 
ALITER (At L)JL || 5 vor ouile ein Wort (etwa obile; radiert L \\ Obersduift 
von 7, 8 (redits neben 6; ITEM ALITER J L \\ nadi 8 EXPt L 



1 Adam per lignum mortem de- 
duxit: vgl. zum Gedanken Theod. I 451 
V. 295 Ligno mors subiit, redit et vita 
inclyta ligno und besonders Alcvin. I 337 



V. 5 — 8 : Mors mala per hominem para- 
disi ex arbore fluxit. Per tactum ligni 
paradisum clauserat Adam» Perquecru- 
eis lignum Christus reseravit Olimptwi. 



VI. 
Loblied auf den heiligen Benedikt. 

In diesem und dem folgenden Gedicht schildert Paulus das 
Leben und die Wunder des heiligen Benedikt, wobei er sich an das 
zweite Buch der 593 verfaßten Dialoge Gregors eng anschließt. Die 
Kenntnis dieses zweiten Buches (zuletzt herausgegeben von J. Cozza- 
Luzi, Historia S. Benedicti, Grottaferrata 1880, und Mittermüller, 
Gregorii dialogorum lib. II, Regensburg; Auszüge in SS. Langob.) 
ist zum Verständnis beider Gedichte notwendig. Einigermaßen 
brauchbar sind die Glossen von Händen des XI. und XII. Jahr- 
hunderts am Rand der vatikanischen Handschrift Reg. lat. 801 saec. X, 
in denen eine Vergleichung mit Gregor schon durchgeführt ist. Sie 
werden über dem kritischen Apparat nach den Angaben Dümmlers 
abgedruckt werden. 

Beide Gedichte führen uns in das Kloster Montecassino, das 
nach der Zerstörung durch die Langobarden im Jahre 581 und nach 
der 717 erfolgten Neubesiedlung in den Jahren 720 — 883 zu hoher 
Blüte gelangte und sich zu einem bedeutenden Kulturzentrum erhob 
(vgl. Traube, Textgesch. der Regula S.B. S. 29 und 97). 

Die Frage, wie und wann Paulus nach Montecassino kam, fand 
bis jetzt, wie man aus Abel (I 413 Anm. 5) ersehen kann, eine ver- 
schiedenartige Beantwortung. Gewöhnlich wird die Meinung vertreten, 
Paulus habe durch die traurigen politischen Verhältnisse veranlaßt die 
Stille des Klosters aufgesucht. Faßt man aber seine Beziehungen 
zum langobardischen Hof näher ins Auge, so wird es klar, daß er 
nicht dem Drange seines Herzens, sondern dem Zwange der Not- 
wendigkeit folgend, nach Montecassino ging, daß dieses Kloster also 
der Ort seiner Verbannung war. 



24 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

Die Berufung des Paulus zum Lehrer der Prinzessin Adelpeiga 
beweist, wie hoch ihn Desiderius schätzte. Ohne auf das Zeugnis des 
Salemitaners (praeclams atque caras ab ipso rege et ab omnibas 
erat, in tantum ut ipse rex in omnia archana verba consiliarium 
eum haberet) Wert zu legen kann man annehmen, daß Paulus auch 
in politischen Dingen zu den einflußreichsten Ratgebern des lango- 
bardischen Königs gehörte. 

Als im Jahre 763 in Italien tiefer Friede herrschte (vgl. 11 9 
alta pace nunc exultat Ausonia regio), da bedurfte der König seiner 
nicht und Paulus konnte dem Herzogspaar in Benevent seine Dienste 
widmen. Mit dem Jahre 769 aber beschäftigten hochpolitische Fragen 
den langobardischen Hof; galt es doch zwischen dem Papst und den 
Franken eine solche Stellung einzunehmen, daß unter Vermeidung 
ernstlicher Verwicklungen Desiderius sein Ziel, die Erweiterung der 
langobardischen Macht in Italien, stets im Auge behalten konnte (vgl. 
Abel I 65 ff.). Das Jahr 770 brachte die Vermählung Karls mit einer 
Tochter des Desiderius, die aber im nächsten Jahr aus politischen 
Gründen wieder gelöst wurde. In jenen für sein Land und seine 
Familie so schweren Zeiten hatte der König ohne Zweifel den 
Paulus unter seinen Räten, ihn, den Geburt, Bildung, SteUung 
und besonders freundschaftliche Beziehungen zur königlichen Familie 
mehr als andere dazu geeignet erscheinen ließen die Verhand- 
lungen zu leiten, die hauptsächlich mit dem heiligen Stuhl geführt 
werden mußten. 

Demnach ist es wahrscheinlich, daß Paulus im Jahre 769 Bene- 
vent wieder veriieß und sich in Pavia befand. Sicherlich gehörte er 
damals, als die Feindseligkeiten zwischen Karl und Desiderius schließ- 
lich zum Kampf führten, zu den rührigsten Gegnern des Franken- 
königs und stritt für seinen König und die langobardische Sache, 
wenn auch nicht mit dem Schwerte, so doch mit Waffen, mit denen 
der gebildete, von Patriotismus erfüllte und einflußreiche Mann dem 
Gegner ebenso empfindlichen Schaden zufügen konnte. 

So ist es erkläriich, daß nach dem Fall Pavias im Juli 774, der 
dem Herrn die, Verbannung brachte, auch den Berater und Mitstreiter 
das gleiche Los traf. Er mußte als Verbannter in Montecassino leben 
und wählte sich nicht, wie einige behaupten, aus Schmerz über den 
Fall seines Volkes oder aus Überdruß am weltlichen Leben dieses 
Kloster zum Aufenthaltsort. Sowohl das voriiegende Gedicht als 
auch VIII enthalten Andeutungen, die unsere Behauptung noch weiter 
stützen werden. 



Loblied au! den heiligen Benedikt 25 

Die Entstehung beider Loblieder auf den heiligen Benediktus 
(VI und VII) fällt wohl in die erste Zeit seines Aufenthaltes in Monte- 
cassino, also kurz nach 774. Noch hat er sich mit dem Wechsel 
seiner Lebensverhältnisse nicht befreundet, noch fühlt er sich als 
hilfloser Verbannter, noch hängt er mit ganzer Seele an seiner 
schönen Vergangenheit Weit ist er noch entfernt von besonderen 
Studien über die Geschichte des Klosters, wie er sie später anstellte. 
Außer Gregor kennt er nur das Gedicht des Marcus (vgl. Traube, 
Textgeschichte S. 100). Auch metrische Verstöße verraten deutlich 
den Anfänger. 

In der Historia Langobardorum schickt Paulus dem ersten Lob- 
lied folgende Einleitung voraus: 

Diebas lustiniani orthodoxi Imperatoris beatas Benedictus pater^ 
gut monadionim regulam instituit et prius in loco^ qui Sublacus 
dicUur, qui ab urbe Roma quadraginta milibüs abest, et postea in 
Castro Casino, quod Arx appellatur, et magnis vitae meritis et 
apostolicis virtutibus fulsit. Cuius vitam, sicut notum est, beatus 
papa Gregoriüs in suis dialogis suavi sermone composuit Ego 
quoque pro parvitate ingenii mei ad honorem tanti patris singula 
eius miracula per singula distica elegiaco metro contexui. 

Von dem Schluß des Gedichtes (von v. 127 an) liegt uns eine 
dreifache Fassung vor. Die ursprüngliche, d. h. diejenige, in welcher 
Paulus am Beginn seines ersten Aufenthahes in Montecassino das 
Loblied abfaßte, haben wir in P vor uns und in der Leidener Hand- 
schrift Voss. lat. Q. 15 saec. X (a). Dafür spricht nicht nur die große 
Bedeutung, die P für die Überiieferung der paulinischen Gedichte 
hat, von denen eine große Anzahl in fast fehlerfreiem Texte erhalten 
ist, sondern auch der Inhalt. Die Verse 127 — 130 gehören an die 
Stelle, wo sie in P stehen, was ein Vergleich des Gedichtes VII mit 
dem unsrigen, seiner Vortage, deutlich beweist, und die Verse 131 
bis 138 bilden einen zum Ganzen passenden Abschluß (vgl. Anm.). 

Die zweite Fassung, bei welcher die Verse 127—130 und 135 
bis 138 weggelassen sind, stammt auch von Paulus. Als er das 
Loblied in die Hist. Lang, aufnahm, ließ er das Gebet für die 
Klosterbrüder und für seine Persönlichkeit aus leicht erklärtichen 
Gründen weg. 

Weniger leicht läßt sich die Entstehung der dritten Fassung er- 
klären. Man möchte zuerst daran denken, daß Paulus, der jedenfalls 
alle seine Gedichte an den Hof Karts mitnahm, diese Zusätze und 



26 ^rl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

Änderungen vornahm, bevor er sie vorlegte. Dagegen sprechen 
stilistische Erwägungen. Auch kann man schwerlich annehmen, dafi 
er den gleichen Schluß, den er bei einem andern vorgelegten Gedicht 
(auf den Comersee I) verwendet und durch Hinzusetzung von zwei 
neuen Versen erweitert hatte, nun bei diesem wiederholte. 

Wahrscheinlicher ist, daß ein Mönch in Montecassino zur Ab- 
fassung eines größeren Gebetes an den heiligen Benedikt aus der 
ursprünglichen Fassung die Verse 127—130 und 135 — 138 heraus- 
nahm, die Verse 139 — 152 hinzudichtete und zum Abschluß des 
Ganzen die Schlußverse des Lobliedes auf den Comersee (vgl. Anm. 
zu I V. 27 — 30) verwendete, veranlaßt durch den gleichlautenden An- 
fang. Möglicherweise wollte er auch dadurch den Glauben hervor- 
rufen, als sei es ein selbständiges Gedicht des Paulus. Würden die 
Handschriften, in denen diese dritte Fassung überliefert ist, nicht dem 
IX. und XI. Jahrhundert angehören, so hätte man an Petrus diaconus 
Casinensis als Verfasser denken können. Allein auch sonst hat man 
in Montecassino an dem vorhandenen literarischen Besitzstande in 
ähnlicher Weise herumgearbeitet. Vgl. Traube Poet. III 393 über die 
Gedichte des Bertharius. 

Im Apparat wird die erste Fassung (P a) als I zusammen- 
gefaßt. Wenn oben vorausgesetzt wurde, daß P eine besonders 
gute und alte paulinische Tradition darstellt, so gilt dies vom Wort- 
laut im einzelnen doch gerade in diesem Gedicht nicht in gleichem 
Maße. Es fehlt nicht an Interpolationen. Manche Fehler erweisen, 
daß die Vorlage in nicht allgemein geläufigen Zügen geschrieben war, 
etwa spanisch oder insular. 

Die Überiieferung der Historia Langobardorum, für die ich 
mich auf Bethmann-Waitz (M. G. SS. Langob. et It. saec. VI — IX) und 
Dümmler (Poet. I 36) stütze, wird als II aufgeführt. Sind einzelne 
Handschriften oder Handschriftengruppen zu erwähnen, so geschieht 
es, ohne daß damit immer die gleichen bezeichnet werden, durch IIa, 
IIb u. s. w. 

Mit III ist die Übereinstimmung der Handschriften bezeichnet, 
aus denen die dritte Fassung sich zusammensetzt: Montecassino 453 
saec. XI (= n), Montecassino 55 saec. XI (= r), Casanat. B IV. 18 
saec. IX (= t). Es versteht sich, daß für II und III nur eine Aus- 
wahl der Lesarten zu geben war. 



Loblied auf den heiligen Benedikt 



27 



10 



Ordiar unde tuos, sacer o Benedicte, triumphos? 

Virtutum cumulos ordiar unde tuos? 
Euge beate pater, meritum qui nomine prodis! 

Fulgida lux saecli, euge beate pater! 
Nursia, plaude satis tanto sublimis alumno; 

Astra ferens mundo, Nursia, plaude satis. 
O puerile decus, transcendens moribus aevum, 

Exsuperansque senes, o puerile decus. 
FIos, paradise, tuus despexit florida mundi; 

Sprevit opes Romae flos, paradise, tuus. 
Vas pedagoga tulit diremptum pectore tristi; 

Laeta reformatum vas pedagoga tulit. 



Gregor. DiaL 
LIL 



c. 1 



Glossen in Reg.iat.SOl — 11 vas] capisterium — pedagoga] nutrix —tulit] 
attulit — diremptum] sdssum. 



UERSUS IN LAUDE SCI BENEDICTI P f. 130. 

2 cumulos // ///Ptitulos A || 5 6 gaude P || 7 aeuum I III, annos II (+ r). 



In der Einleitung (oben S. 25) wurde 
magnis vitae meritis eingesetzt mit Rück- 
sicht auf Gesta episcoporum Mettensium 
(SS. II 262) magnis in vita meritis (vgl. 
Ausg. der Hist Lang, von Waitz). 

1 Paulus beginnt das Loblied auf 
den Comersee mit den gleichen Worten 
wie das auf den heiligen Benedikt. Dahn 
geht zu weit, wenn er sagt (S. 66): 'Es 
wäre dem frommen Sinn unseres Paulus 
wie Blasphemie erschienen seinen heili- 
gen Vater und einen profanen See mit den 
nämlichen Worten anzusingen*. Unmöglich 
kann man diesen Punkt als entscheidenden 
Beweis anführen, daß Paulus nicht der 
Verfasser des Lobliedes auf den Comer- 
see ist. Der gleiche Anfang mag seine 
Begründung darin finden, daß es sich in 
beiden Gedichten um ein Loblied handelt 
und daß er dort die Wunder der Schöpfung 
(vgl. I 28 quae tarn mira facis), hier die 
des heiligen Benedikt zu preisen vorhat 
(vg. auch Bem. zu Gedicht I). 

3 — 10 meritum qui nomine prodis: 
Dein Name Benedictus sagt schon, daß 



Du große Verdienste hast, vgl. Sedul. carm. 
pasch. I 185 merito qui et nomine ful- 
gens; Anhang IV v. 3 nomine, non meritis 
Fiducia, — plaude satis vgl. Ven. Fort 
C. m, 7, 17 GalUa, plaude libens (dar- 
nach Ermold. Nig. Poet II 26 v.79 Francia 
plaude libens). — puerile decus Theod. I 
558 V.2, Stat. Silv. 3, 4, 31 ed. VoUmer. — 
transcendens moribus aevum: vgl. Greg. 
Dial. II Einl. aetatem moribus transiens. 
Der in v. 7 und 8 ausgesprochene Gedanke 
findet sich auch bei Paulus X v. 5 — 6 und 
Poet. II 659 V. 15—16 Canitie cordis iuve- 
niles vicerat annos, Transcendens sensu 
plurima iura senum ; vgl. auch Stat silv. 2, 1, 
40. — flos despexit florida mundi: solche 
Wortspiele liebt Paulus vgl. XXXV v. 16 
Anm., vgl. Greg. Dial. II Einl. despexit 
iam quasi aridum mundum cum flore. 
11 Mit diesem Vers beginnt die Auf- 
zählung der Wunder des heiligen Benedikt; 
die Hinweise auf die einzelnen Kapitel 
der Dialogi des Gregorius, denen sie 
entsprechen, habe ich wie Dümmler auf 
dem Rand gegeben. 



28 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



Urbe vocamen habens tironem cautibus abdit; 

Fert pietatis opem urbe vocamen habens. 
15 Laudibus antra sonant mortalibus abdita cuncds; 

Cognita, Christe, tibi laudibus antra sonant 
Frigora, flabra, nives perfers tribus alacer annis; 

Temnis amore dei frigora, flabra, nives. 
Fraus veneranda placet, pietatis furta probantur; 
20 Qua sacer altus erat, fraus veneranda placeL 

Signat adesse dapes agapes, sed lividus obstat; 

Nil minus alma fides signat adesse dapes. 
Orgia rite colit, Christo qui accommodat aurem; 

Abstemium pascens orgia rite colit 
25 Pabula grata ferunt avidi ad spelea subulci; 

Pectoribus laetis pabula grata ferunt 
Ignis ab igne perit, lacerant dum viscera sentes; 

Cameus aethereo ignis ab igne perit. 
Pestis iniqua latens procul est deprensa sagaci; 
30 Non tulit arma crucis pestis iniqua latens. 

Lenia flagra vagam sistunt moderamine mentem; 

Excludunt pestem lenia flagra vagam. 
Unda perennis aquae nativo e marmore manat; 

Arida corda rigat unda perennis aquae. 
35 Gurgitis ima, calibs capulo divulse, petisti; 

Deseris alta petens gurgitis ima, calibs. 
lussa patema gerens dilapsus vivit in aequor; 

Currit vectus aquis iussa paterna gerens. 



c2 



t3 



c4 



c5 



c6 



C.7 



13 Urbe v. h.] Romanus quasi nomen habens a Roma — cautibus] rupibus 

— 17 flabra] ventos — 19 probantur] Romani monachi — 20 altus] nutritus — 
23 orgia] festa pro pasca posuit — accomodat] sc. presbiter — 24 abstemium] absti- 
nentem — 25 subulci] pastores — 26 pabula] spiritalia — ferunt pro referunt — 
27 ignis] libidinis — igne] urticarum — sentes] Spinae — 31 flagra] flagella — 
mentem] monachi vagae mentis — 32 pestem] demonis — 33 marmore] petra — 
35 calibs] ferrum — capulo] manubrio — divulse] excusse — 37 gerens] Pladdus 

— dilapsus] tractus ab unda — 38 currit] Placidus. 

13 tyronem P \\ 17 alacer I (+ n D impiger II (-f t) II 18 tempnis II 
m (4- A) II 21 Signa in signat corr, P \ libidus II | opstat P \\ 22 nihU P \\ 
35 36 calips P \ diuulpse P \\ 37 currit in aequor r. 



14 fert pietatis opem vgl. Eug. Tolet. 
hex. 311 p. 47, Ven. Fort. VI, 3, 16. 

29 sagaci ist Dativ, vgl. v. 56 nee 



tibi cernitur. 

34 unda perennis aquae vgl. Sedul. 
carm. pasch. IV 224. 



Loblied auf den heiligen Benedikt 



29 



Praebuit unda viam prompte ad praecepta magistri; 
40 Cursori ignaro praebuit unda viam. 

Tu quoque, parve puer, raperis nee occidis undis; 

Testis ades verax, tu qüoque, parve puer. 
Perfida corda gemunt stimulis agitata malignis; 
Tartareis flammis perfida corda gemunt. 
45 Fert alimenta corax digitis oblata benignis; 
Dira procul iussus fert alimenta corax. 
Pectora sacra dolent inimicum labe peremptum; 

Discipuli excessum pectora sacra dolent. 
Lyris amoena petens ducibus comitaris opimis; 
50 Caelitus adtraheris Lyris amoena petens. 

Anguis inique, furis, luco spoliatus et aris; 

Amissis populis, anguis inique, furis. 
Improbe sessor, abi, sine dentur marmora muris; 
Cogeris imperio; improbe sessor, abi! 
55 Cemitur ignis edax falsis insurgere flammis; 

Nee tibi, gemma micans, cemitur ignis edax. 
Dum struitur paries, lacerantur viscera fratris; 

Sospes adest frater, dum struitur paries. 
Abdita facta patent, patulo produntur edaces; 
60 Muneris accepti abdita facta patent. 

Saeve tyranne, tuae frustrantur retia fraudis; 
Frena capis vitae, saeve tyranne, tuae. 



C.8 



c. 10 



c. 11 



c. 12. 13 



c. 14 



Glossen in Reg. lat. 801 — 39 prompto] oboedienti — 40 cursori] Maure 

— 43 corda] Florentii presbiteri — 45 corax] corvus — 46 fert] proicit — 47 ini- 
micum] Florentium — labe] casu solarii — 48 excessum] sc. sui Mauri, cum de 
inimici morte exultavit — 49 Lyris] nomen fluminis Cassiniensis — opimis] duobus 
angelis — 51 aris] altaribus — 52 populis] paganis — 53 marmora] saxa — muris] 
officinarum — 54 imperio] Benedicti — 56 tibi] a te — micans] pater Benedicte 

— 59 facta] eorum, qui cibum contra regulam sumpserunt — patulo] aperte — 
60 accepti] epularum et potuum — 61 tyranne] Totila — 62 frena] terminos, quia 
novem annis regnas, decimo morieris. 

39 40 prebuit (nidit selten e für at) P \ promto P || 43 corda fehlt 
P II 48 excessum // ///, excessu / || 51 luco I (+ n th lucos 11«, loco II (+ 
r) li 53 Inprobe P || 53 54 sersor P || 58 Sospis P \\ 62 seue aus seuae P. 



45 — 46 dira alimenta: heiligen 
Schauer erregend, vgl. Verg. Aen.VIIl 350 
dira religio loci. 

50 Lyris amoena petens: die Ver- 
wendung des Neutr. plur. an Stelle eines 



Substantivs ist in diesem Gedicht be- 
sonders häufig. 

55 ignis edax Verg. Aen. II 758. — 
gemma micans Paul. X v. 2. 



30 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

Moenia celsa Numae nullo subruentur ab hoste; eis 

Turbo, ait, evertet moenia celsa Nrnnae. 
65 Plecteris hoste gravi, ne lites munus ad aram; cie 

Munera fers aris; plecteris hoste gravi. 
Omnia saepta gregis praescitiim est tradita genti; ci? 

Gens eadem reparat omnia saepta gregis. 
Fraudis amice puer, suado captaris ab ydro; eis 

70 Ydro non caperis, fraudis amice puer. 

Mens tumefacta, sile tacita et ne carpe videntem; c2o 

Cuncta patent vati; mens tumefacta, sile. 
Pellitur atra fames delatis caelitus escis; c.21 

Nilominus mentis pellitur atra fames. 
75 Pectora cuncta stupent, quod eras sine corpore praesens; c22 
Quod per visa monens, pectora cuncta stupent 
Vocis ad Imperium tempnunt dare frena loquelis; c.23 

E bustis fugiunt vocis ad imperium. 
Vocis ad imperium sacris non adesse sinuntur; 
80 Intersunt sacris vocis ad imperium. 

Tellus hiulca sinu corpus propellit humatum; c24 

lussa tenet corpus tellus hiulca sinu. 



Glossen in Reg, lat 801—63 Numae] Romae, Roma a gentibus non cxtcr- 
minabitur — 64 turbo] tempestates — ait] sc. Benedictus — 65 aram] clerice, a 
demonio libera te — 66 gravi] postponens imperium viri dei — 67 genti] sc Lango- 
bardorum — 68 gens] sc. Langobardorum, ut in sequentibus invenitur per Petronacem 
civem Brexianum monachum apud Cassinum effectum — 69 puer] qui flascones a 
domino suo attulerat — suado] suadenti — ydro] serpente — 71 tumefacta] superbi 
pueri — ne carpe] pro 'ne carpas* — videntem] sc. abscondita tua — 73 escis] in- 
certum quibus deferentibus ducentos farinae modios — 74 mentis] fratrum, qui 
dubitaverant — 75 praesens] quando fabricam monasterii in visu fratribus apparens 
disposuit — 76 visa] i. e. per visum — 77 loquelis] sanctimoniales — 78 imperium] 
diaconi — 79 sacris] missarum sollempniis — 80 imperium] patris Benedicti — 
81 hiulca] patefacta — sinu] sc. suo. 

63 subruentur P II (+ r) euertentur A H ^ II 64 allidet // ///, euertet / 
(+ uertet IIa und auertet IIb) _ 67 68 septa P \\ 71 carpe /////, caspe / | silet 
acita in sile tacita corr. P \\ 73 delatis aus delatus corr, P \ aescis P |! 
75 praeses P \\ 77 loquiiis aus loquiilis corr, P \\ 79 80 gleidizeitig am Rand 
nachgetragen P \\ 79 non adesse P, non esse // ///, nee adesse A ; vgl. 87. 



63 Paulus sprach vielleicht ue in 
subruentur einsilbig. 

65 ne lites: i hier lang. 

74 nilominus: ist hier kurz gebraucht. 



79 Es sieht fast so aus, als habe 
hier und v. 87 Paulus ursprünglich /zd/i 
gemessen, vgl. handschriftl. Überl. 



Loblied auf den heiligen Benedikt 



31 



Perfidus ille draco mulcet properare fugacem; 
Sistit iter vetitum perfidus ille draco. 
85 Exitiale malum capitis decussit honorem; 
It procul imperiis exitiale malum. 
Fulva metalla pius, non habens promittit egenti; 

Caelitus excepit fulva metalla pius. 
Tu miserande, cutem variant cui fella colubrae, 
90 Incolumem recipis, tu miserande, cutem. 

Aspera saxa vitrum rapiunt nee frangere possunt; 

Inlaesum servant aspera saxa vitrum. 
Cur, promoconde, times stiUam praebere leciti? 
Dolia, ceme, fluunt; cur, promoconde, times? 
95 Unde medela tibi, spes est cui nulla salutis? 
Qui semper perimis, unde medela tibi? 
A lacrimande senex, hostili concidis ictu, 
Ictu sed resipis, a lacrimande senex. 
Barbara lora manus ignaras criminis arcent; 
100 Sponte sua fugiunt barbara lora manus. 

Ille superbus equo reboans clamore minaci, 
Stratus humi recubat ille superbus equo. 
CoUa paterna ferunt extincti viscera nati; 
Viventem natum coUa paterna ferunt. 
105 Omnia vincit amor: vicit soror imbre beatum; 
Somnus abest oculis: omnia vincit amor. 



C.25 



C.26 



C.27 



C.28 



C.29 



C.30 



C.31 



c32 



Glossen in Reg, lat 801 — 83 mulcet] suadet — fugacem] fratrem — 84 sistit] 
pro 'iubet* — 85 malum] leprosi — 86 imperiis] sc. patris — 87 fulva] duodecim 
solidos — 88 excepit] super arcam monasterii — 89 cui] ei, qui venenum accepisti 
— 91 vitrum] ampullae — 93 promoconde] cellarari — stillam] olei — lechiti] i. e. 
ex lechito — 95 In modum medici pergebat ad fratres potionem eis dare — 97 hostili] 
demonico — ictu] dum hauris aquam — 98 ictu] alapa — 99 barbara] Zallae — 
lora] ligamina — manus] rustici innocentis — 100 sponte sua] nemine solvente — 
manus] nomts (7) — 101 ille] Zalla — 103 paterna] rustici — ferunt] apportant — 
104 ferunt] reportant — 105 vinxit] retinendo — beatum] fratrem. 

84 Sistud P II 86 Id P II 87 non habens /, nee habet // ///; vgl, 79 || 
89 fella // ///, feile / (+ IIa) \ colobre / || 90 Incolomem P || 93 leciti /, 
lechiti // /// II 95 96 medella / || 96 perimis // ///, perimes /, retines IIa, metuis 
//^ times IIc II 98 miserande P || 105 uinxit soror P. 



83 perfidus ille draco Sedul. carm. 
pasch. II 8. 

93 promocondus Kellermeister. — 
ledUti mit kurzem e gebraucht, entstanden 
aus Xrixv^oq der Krug; der Vers wird von 



Micon schon im Jahre 825 zitiert (Poet 
III 287): Cur proconde times stillam 
praebere lechito, 

105 omnia vincit amorVtrg, Ed. X 69. 



32 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



Simplicitate placens instar petit alta columbae; 

Regna poli penetrat simplicitate placens. 
O nimis apte deo, mundus cui panditur omnis, 
110 Abdita qui lustras, o nimis apte deo. 

Flammeus orbis habet iustum super aethera nantem; 

Quem pius ussit amor, flammeus orbis habet 
Ter vocitatus adest testis novitatis habendus; 

Carus amore patris ter vocitatus adest. 
115 Dux bone, bella monens exemplis pectora firmas; 

Primus in arma ruis, dux bone, bella monens. 
Congrua Signa dedit vitae consortia linquens; 

Ad vitam properans congrua Signa dedit 
Psalmicen assiduus numquam dabat otia plectro; 
120 Sacra canens obiit psalmicen assiduus. 

Mens quibus una fuit, tumulo retinentur eodem; 

Gloria par retinet, mens quibus una fuit 
Splendida visa via est, facibus stipata corusds; 

Qua sacer ascendit, splendida visa via est. 
125 Rupea saepta petens nancta est errore salutem; 

Errorem evasit rupea saepta petens. 



c34 



c3S 



c36 



c37 



c38 



Glossen in Reg. lat, 801 — 107 placens] beata Scolastica — 109 apte] care 

— 110 lustras] sub uno solis radio — 111 orbis] sy<d>era ignea — nantem] euntem: 
metafora — 112 ussit] arsit — amor] dilectionis dei — 113 adest] Servandus dia- 
conus — 115 firmas] scribendo monachorum regulam — 116 ruis] exemplis facto- 
rum — 117 Signa] transitus sui — vitae] huius — 118 vitam] caelestem — 119 
psalmicen] psalmos canens — plectro] linguae — 120 canens] inter verba orationis 

— 124 sacer] Benedictus — 125 septa] speluncae illius — est] mulier — 126 er- 
rorem] demonis. 

Unterschiede der drei Fassungen in der Anordnung des Sdüasses von v.W 
an: I ordnet wie unser Text gibt, nur fehlen v. 13^—154 ^35 — 138 stehen am 
Sdiluß der Seite, aber fortlaufend und von gleicher Hand geschrieben in P): in 
II fehlen 127—130 und 135—154; /// ordnet: 131—134, 127—130, 13S— 154 (aber 
t gibt 133—138, 127—130. 139-154;. 

109 mundis P \\ 112 ussit // ///, iussit / II 113 est in adest com P || 
117 linquens aus linguens com P j| 125 126 septa P, 



111 super aethera nantem = vo- 
lantem vgl. Verg. Georg. IV 59. 

112 quem pius ussit amor vgl. Verg. 
Ed. II 68, Ov. Ep. IV52 me tamen urit amor. 

113 ter vocitatus vgl. Ver. Aen. VI 
506 ter voce vocavi. 



116 in arma ruis vgl. Verg. Aen. II 
353, XI 886. 

117 vitae consortia linquens vgl 
Poet. I 103 V. 27, Paul. VIII 1 angustae 
vitae consortia. 



Loblied auf den heiligen Benedikt 



33 



Nunc, venerande pater, cunctis celeberrime saeclis, 

Mitis adesto gregi nunc, venerande pater. 
Funde, benigne, preces validas, quo noxia vitet; 
130 Quo vitam capiat, funde, benigne, preces. 

Poemata parva dedi famulus pro munere supplex. 

Exsul, inops, tenuis poemata parva dedi« 
Sint, precor, apta tibi, caelestis tramitis index, 

O Benedicte pater, sint, precor, apta tibi. 
135 Vincula solve mei solita virtute piacli; 

Pectoris et plectri vincula solve mei. 



Glossen in Reg, lat 801 — 131 poemata] sc. ubi (? Vollmer com, asi = versi) 
— dedi] Benedicte — famulus] sc. tuus ego Paulus — 133 tramitis] regulae — 
index] monstrator. 

129 ualidas quo noxia uitet A caueat quo noxia uitae /// || 130 qui P || 
131 132 dedi /, dedit // ///. 



129 funde» benigne» preces vgl. 
XXXIX v. 9 funditOr guaeso, preces be- 
nignas. 

131 poemata nur hier dreisilbig. — 
dedi famulus supplex vgl. Paul. XXXII. 

132 exsul inops, tenuis: Paulus fühlt 
sich als heimatlos, verbannt, da er seine 
Heimat hatte verlassen müssen. Hätte 
er dies freiwillig getan, etwa aus An- 
hänglichkeit an den König Ratchis, der 
in Montecassino als Mönch seinen Wein- 
berg bebaute (Wattenbach I 181), so hätte 
er nicht diese Worte gebrauchen, nicht 
in dieser Weise ein selbstgewähltes Los 
beklagen können. Ahnlich äußert sich 
auch Theodulf Poet. I 563 v. 15, als er 
von seiner Verbannung spricht: exsul, 
inops, pauper; mit inops meint Paulus 
seine Hilf- und Mittellosigkeit; denn als 
Verbannter hatte er nicht bloß seine Habe 
verloren, sondern er mußte auch die 
Verbindung mit seinen Freunden ab- 
brechen, die ihm früher eine Stütze waren, 
wie mit dem Hof von Benevent; mit tenuis 
will er sagen, daß er, der einst am Hofe 
so großen Einfluß hatte, jetzt ohne jeg- 
liche Bedeutung sei. In den Worten 
exsul, inops, tenuis gibt Paulus den 
Grund an, warum seine Gedichte unbe- 

Qudlen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA, 



deutend sind, ebenso wie er VIII 4 sagt: 
Musae . . . pauperiem fugiunt. 

133 apta = accepta vgl. v. 109 o nimis 
apte deo, 

136—137 pectoris et plectri: Im An- 
schluß an XXXIV 7 et coräis plectro tu 
die möchte man hier stellen et solve 
vincula plectri pectoris mei, allein die 
Pentameter bringen fast durchgängig 
ohne Verbindung einen neuen Gedanken. 
Paulus bittet also, Benedikt möge die 
Bande seines Herzens und seiner Zunge 
lösen, die ihm in seiner traurigen Stim- 
mung wie zugeschnürt erscheinen und 
ihn keine guten Gedichte machen lassen; 
ein ähnliches Bild bei Petrus XXXVIII 
V. 28 nullaque maeroris servantur vin- 
cula coräis; plectrum = lingua ist sehr 
häufig, vgl. V. 119 und im Index zu Poet. 
III p. 810. — arce varias figuras: In 
dieser Bitte, Benedikt möge seinem Her- 
zen verlockende Bilder fernhalten, sehe 
ich nicht eine übliche Gebetformel, son- 
dern das stillschweigende Bekenntnis, 
daß sein Herz sich nach allem, was er 
vor nicht langer Zeit verlassen mußte, 
zurücksehnt. Bestätigt wird diese Auf- 
fassung durch den Anfang des Gedichtes 
VIII. 
m. 4. 3 



34 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



Ärce piis meritis varias a corde figuras; 

Desidiam et somnos arce piis meritis. 
Currere cede viam tua per vestigia sursum; 
140 Nil remorante fide currere cede viam. 

Guttura Claude lupi semper lacerare parati; 

Ne male me rapiat, guttura Claude lupi. 
Cor labiumque meum fac laudent cuncta creantem; 

Christum habeant semper cor labiumque meum. 
145 Pestifer ille draco mea ne procul intima turbet 

Nonque michi occurrat pestifer ille draco. 
Me tua sancta phalanx habeat post funera camis; 

Oro, ne excludat me tua sancta phalanx. 
Omnia nempe potes meriti pro lampade summi; 
150 Magnus amice dei, omnia nempe potes. 

Perfice cuncta, precor, per eum, quem semper amasti; 

Dulcis amande pater, perfice cuncta, precor. 
Sit tibi laus et honor, pietas immensa, per aevum, 

Qui tam mira facis, sit tibi laus et honor. 



140 fidem n || 145 146 draco n r, latro t II 146 occurrat] excludat i. 



138 desidiam et somnos: Seine un- 
glückliche Stimmung raubt ihm die Lust 
zu jeglicher Tätigkeit. Wir sehen also, 
daß die Verse 131—138 Inhaltlich zu- 
sammen gehören. 

145 pestifer ille draco vgl. v. 83 
perfidus ille draco. 



147 sancta phalanx Poet. I 83 v. 1, 
vgl. XXXV V. 38 peregrina falanx; da- 
für steht öfter auch cohors AlcvinI317 
V. 5 sancta cohors fratrum, vgl. auch 
Paul. XXVI 26. 



VII. 

Zweites Loblied auf den heiligen Benedikt 

Paulus behandelt hier den gleichen Stoff, aber in jambischen 
Dimetem. Er nahm die Umarbeitung vielleicht deshalb vor, damit 
man die Wundertaten des heiligen Benedikt dem Gedächtnis leichter 
einprägen könne. 

Die Entstehungszeit des Gedichtes liegt jedenfalls der des vor- 
ausgehenden sehr nahe. Paulus fügte es auch seiner Hist. Lang, ein, 
wo er (I 26) folgende Worte vorausschickt: Hymnum quoque singula 
eiüsdem patris miracula continentem metro lambico ardiiloico ita 
texuimus. Es ist nur durch die Hist. Lang, auf uns gekommen. Die 
Überlieferung ist sehr gut. Wir geben wie bei VI unter dem Text 
nur die Erklärungen des Reginensis. 

1. Fratres, alacri pectore 
Venite, concentu pari 
Fruamur huius inclitae 
Festivitatis gaudiis. 

2. Hac Benedictus aurea, 
Ostensor arti tramitis, 

Ad regna conscendit pater 
Captans laborum praemia. 

3. Effulsit ut sidus novum 
Mundana pellens nubila. 
Aetatis ipso limine 
Despexit aevi florida. 



2,2 ostensor arti tramitis vgl. VI 
133 caelestis tramitis index. 



2,3 aurea regna Poet I 92 v. 3, 
Paulin. Aquil. I 128 v. 54. 

3* 



36 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



4. Miraculorum praepotens, 
Afflatus Alti flamine, 
Resplenduit prodigiis 
Ventura saeclo praecinens. 

5. Laturus esum pluribus 
Panis reformat vasculum. 
Artum petens ergastulum 
Extinxit ignes ignibus. 

6. Fregit veneni baiulam 
Crucis per arma cymbiam. 
Coercuit mentem vagam 
Leni flagello corporis. 

7. Funduntur amnes rupibus. 
Redit calybs e gurgite. 
Currit per undas obsequens. 
Peplo puer vitat necem. 

8. Virus patescit abditum. 
Mandata praepes efficit. 
Hostem ruina content. 
Cedit fremens leo grave. 

9. Immota fit moles levis. 
Rogus migrat fantasticus. 
Fractum revisit sospitas. 
Excessus absentum patet. 

10. Rector vafer, deprenderis. 
Inique possessor, fugis. 
Futura, praenoscimini ; 
Arcana, cor, non contegis. 



Glossen in Reg. tat. 801 — 5,1 esum] animae — 5,2 vasculum] capisterium 

— 5,3 ergastulum] heremi — 5,4 ignes] luxuriae — ignibus] urticaram — 6,1 baiu- 
lam] latricem — 6,2 cymbiam] fialam — 6,3 vagam] monachi vagi — 7,2 calybs] 
ferrum falcastri — 7,4 peplo] melote— 8,1 virus] panis infecti — 8,1 abditum] Floren- 
tium — 8,2 mandata] iussa — praepes] corvus — 8,3 ruina] solarii — content] dat 
locum malignus spiritus — 8,4 grave] graviter — 9,1 immota] supersedente daemone 

— moles] saxi — 9,2 rogus] quoquinae — 9,3 fractum] conlisum — 9,4 absentum] 
fratrum, qui contra regulam cibum sumpserant — 10,1 rector] rex Totila — depren- 
deris] daemon crudelitatis eius anterioris — 10,3 futura] novem annis regnas. 



4,4 Ventura saeclo vgl. IV^ 22. 
9,2 rogus fantasticus nur in der 



Phantasie, nicht in Wirklichkeit bestehend, 
vgl. VI 55. 



Zweites Loblied auf den heiligen Benedikt. 



37 



11. Fundantur aedes somniis. 
Tellus vomit cadavera. 
Dracone frenatur fugax. 
Aether pluit nomismata. 

12. Vitrum resistit cautibus. 
Manant olivo dolia. 
Vinctum resolvit visio. 
Vitam receptant funera. 

13. Tanti potestas luminis 
Voto sororis vincitur — 

Quo plus amat quis, plus valet — , 
Enare quam cemit polum. 

14. Non ante saeclis cognitum 
Noctu iubar effulgurat, 
Quo totus orbis cemitur 
Flammisque subvehi pius. 

15. Haec inter instar nectaris 
Miranda plectro damit. 
Nam pinxit apte lineam 
Vitae sacrae sequacibus. 

16. lam dux alumnis at potens 
Adsis gregis suspiriis. 
Gliscat bonis ydrum cavens, 
Sit callis ut sequax tui. 



11,1 aedes] monasterii per uisum dispositi — 11,2 cadavera] resuscitatorum 

— 11,3 dracone] correctore — frenatur] castigatur — fugax] sc. monachus — 11,4 
nomismata] duodecim solidos — 12,1 vitrum] ampulla in saxis proiecta — 12,2 olivo] 
oleo -— 12,3 vinctum] rusticum — visio] orbati rustici — 13,2 sororis] Scolasticae 

— 13,3 quIs] aliquis — 13,4 Enare] evolare — 15,1 haec] doctrina — 15,3 lineam] 
iter — 16,3 ydrum] diabolum — 16,4 callis] itineris. 



13.3 quo plus amat quis, pius valet 
vgl. VI 105 omnia vincit amor, 

13.4 enare quam cemit polum vgl. 
VI 107—108. 

15,1 instar nectaris vgl. XIII 9, 2. — 
plectro vgl. VI 136 Anm. 



15,3 pinxit apte lineam, er bezeich- 
net die Regula S. Benedicti. 

16,1 iam dux adsis gregis suspiriis 
vgl. VI 128 nunc mitis adesto gregi, 

16,3 gliscat bonis ydrum cavens 
vgl. VI 129. 



VIII. 

An einen Freund. 

*Einem engbegrenzten Leben hinter Klostermauern kehren die 
Musen den Rücken. Sie lieben es nur auf Rosenauen ihr Spiel zu 
treiben. Daher meine schlechten Gedichte (1 — 7). Nimm sie trotz- 
dem gerne an und sei überzeugt, daß ich gerade so wie Du nach 
dem Himmelreich trachte und in unwandelbarer Liebe Dir zugetan 
bin (8—20).' 



Der Harleianus, der allein und ohne Angabe des Verfassers 
dieses Gedicht überliefert, enthält noch andere als paulinisch erkannte 
und zwar lauter solche, die der Zeit angehören, die vor Paulus* 
Aufenthalt am Hofe Karls liegt (vgl. oben S. 15). Noch mehr als 
die Überlieferung sprechen aber Inhalt und Form für die Autorschaft 
des Paulus Diaconus. 

*Einst und jetzt' könnte die Oberschrift dieses stimmungsvollen 
Gedichtes lauten. Einst konnte Paulus bei seiner Stellung als Hof- 
geistlicher an den Höfen von Pavia und Benevent ein behagliches 
Leben führen, konnte, nicht durch strenge Klosterregehi gebunden, 
seine Schritte lenken, wohin er wollte, durfte frei und froh die 
schönen Gegenden an den Ufern des Comersees durchwandern. 
Jetzt bannt ihn das Machtwort Karls hinter die Klostermauem von 
Montecassino. 

Dieser Kontrast seines gegenwärtigen Lebens, mit dem er 
sich noch nicht abgefunden, zu den vergangenen glücklichen Tagen 
liegt ihm schwer auf der Seele und erzeugt jene Stimmung, die 
er auch in dem Gedicht VI 132 und 135 — 138 zum Ausdruck 



An einen Freund. 



39 



bringt. Die ersten Verse unseres Gedichtes geben gleichsam die 
Eriäuterung dazu. Es entstand nicht lange nach 774 in Monte- 
cassino. 



10 



Angustae vitae fugiunt consortia Musae 

Claustrorum saeptis nee habitare volunt, 
Per rosulenta magis cupiunt sed ludere prata, 

Pauperiem fugiunt deliciasque colunt. 
Quapropter nobis aversae terga dederunt 

Et comitem spemunt me vocitare suum. 
Inde est, quod vobis inculta poemata mitto, 

Susdpe sed libens qualiacumque tarnen. 
Inmodico flagrat de vestro pectus amore, 

Crede, pater, nostrum, semper amande mihi. 
Et peream, si non tecum captqre per aevum 

Per domini munus regna beata volo. 
Hoc mihi est votum, hoc fido pectore spero, 

Hoc licet indignus nocte dieque precor. 



Ohne Übersdirift M f. L 

1 anguste (und so fast immer e für ae) H \ consorda H \\ 2 dubitare H, 
corr. Dümmler \\ 5 nobis aus vobis corr, // || 8 sed //. Sethe Traube \\ 14 hoc 
licet indignus Wattenbach, hodie et indignos //. 



1 — 5 angustae vitae consortia, 
claustrorum saeptis, pauperies: Damit 
meint er sein Leben in Montecassino« 
mit rosulenta prata und delicias die 
glücklichen Tage am Hofe, in der Nähe 
des Comersees. — per rosulenta prata 
vgl. Prudent. Peristeph. ni 199. — aversae 
terga dederunt vgl. Verg. Aen. IX 686 
versi terga dedere. 

8 Die überlieferte Lesart ist aus 
metrischen Gründen nicht annehmbar; 
es verbirgt sich ein Eigenname; Traube 
(Neues Archiv XVII 399) schlägt suscipe 
Sethe libens vor mit Hinweis auf ein 
Gedicht Columbans (M. G. Epp. m 183 
v.l). 



10—14 crede pater: Wen Paulus 
damit meint, läßt sich nicht sagen, man 
kann nur aus der Erwähnung des Rheins 
V. 17 schließen, daß der Angeredete 
sich in den Rheingegenden aufhält — 
per aevum ist nicht, wie Wattenbach tut, 
in perennis zu ändern; denn es ist ein 
beliebter Versschluß vgl. I 27, VI 153. — 
et peream: Er fürchtet durch seine ein- 
leitenden Worte (v. 1 — 4) den Glauben 
erweckt zu haben, als ob sein Herz an 
weltlichen Dingen hänge; deshalb diese 
nachdrucksvolle Beteuerung (v. 13 und 14); 
vgl. auch Paul. XIII 5, 1. — mihi est: 
In späteren Gedichten ist der Hiatus ver- 
mieden. 



40 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



15 Tu quoque, si felix vigeas de munere Christi, — 
Namque potes — misero redde, beate, vicem. 
Ante potest flavos Rhenus repedare Suavos 

Ad fontem et versis pergere Tibris aquis, 
Quam tuus e nostro labatur pectore vultus, 
20 Ore colende mihi tempus in omne pater. 



16 potis H II 17 hrenus H \\ 20 vieUeidit O recolende Traube. 



15—20 Diese Verse finden sich mit 
fast gleichen Worten wieder am Schlüsse 
des Briefes an Adalhard XXXI. — misero 
redde vicem vgl. XXIX 11 redde vicem 
misero, — quam tuus e nostro Verg. 



Ed. I 59—63 entnommen, vgl. auch XL 
9—12. — Die Erwähnung des Tiber deutet 
auf den Aufenthalt des Schreibenden, auf 
Italien (Montecassino). 



IX. 

Auf das Grab der Königin Ansa. 

'Die hier begrabene Königin wird weiterleben, solange die Welt 
steht; denn groß sind ihre Verdienste um Staat und Kirche. In den 
Zeiten der Not des Vaterlandes stand sie hilfreich ihrem Gatten zur 
Seite (1 — 8). Sie ist die Mutter des Adelchis, des Hortes der 
Langobarden, und durch die Vermählung ihrer Töchter knüpfte sie . 
Verbindungen mit mächtigen Herrschern und Staaten an (9 — 14). 
Berühmt ist sie auch durch Gründung von Kirchen und Hospizen. 
In ihr vereinigen sich die herrlichsten Tugenden (15 — 28).' 



Die Gemahlin des Desiderius wurde nach dem Berichte der 
Annalen im Jahre 774 mit ihrem Gatten und einer Tochter von Karl 
in die Verbannung geschickt. Desiderius soll nach Lüttich geführt 
und in Corbie an der Somme gestorben sein (Abel-Simson I 194 
Anm.). Das Todesjahr der Ansa ist nicht bekannt. 

Mit Haupt (Opuscula I 295) zweifle ich nicht an der Autorschaft 
des Paulus, trotzdem Dahn (Paul. Diac. S. 67 und Allgemeine Deutsche 
Biogr. V 73) sich entschieden dagegen ausspricht. Abgesehen von 
stilistischen Erwägungen sprechen dafür besonders die handschriftliche 
Überiieferung (vgl. meine Vorbem. zu I) und die nahen Beziehungen 
des Paulus zu der Tochter der Verstorbenen und zum Königshause 
überhaupt. 

Um die paulinischen Epitaphien richtig würdigen zu können 
muß man bedenken, daß sich diese poetische Gattung unter dem 
Einfluß griechischer Vorbilder entwickelte und daß allmählich be- 
stimmte Ausdrucksformen geprägt wurden, die ein Dichter vom 
andern übernahm (vgl. Lier, Topica carminum sepulcralium Latinorum, 
Philologus XVI [1903] S. 445, 563 und XVII [1904] S. 54). Eine 



42 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

Untersuchung der zahlreichen Epitaphien des I. Bd. der Poet aev. Carol. 
soll nun zeigen, welche Grundsätze bei der Anordnung der Gedanken 
für die Dichter maßgebend sind, welche Ausdrücke sich wiederholen, 
besonders aber, welche Stellung Paulus Diaconus dieser Tradition 
gegenüber einnimmt 

Gewöhnlich nennt am Anfang des Epitaphs der Dichter den 
Namen des Toten, der hier seine Ruhe gefunden, gibt dabei auch 
einige Andeutungen über das Äußere des Grabmals und erwähnt 
gerne, daß nur der Körper hier liegt, die Seele aber schon zu den 
Sternen emporgeeilt ist: 

Hac iacet egregius nivea sab mole sacerdos p. 20 v. 7; 

Hac tumulatur humo . . . Nomen avis tribait p. 103 v. 1— 2; 

Hie Sacra beati membra Cumiani solvuntur p. 107 II v. 1; 

Marmore Natalis tegitur venerabile corpus p. 107 III v. 1; 

Hoc humata iacent Joannis membra sepulchro p. 109 V v. 1; 

Pallida sab parvo clauduntur membra sepulcro, 

Ardua sed caeli Spiritus astra petit p. 109 VI v. 1 — 2; 

Mole sub hac magni servantur membra Geroldl p. 114 v. 1; 

Hie Gislebertus praesul requiescit humatus. 

Corpus terra tegU, Spiritus astra petit p. 305 v. 1 — 2; 

Mole sub heu: tegitur Chaidocus iure sacerdos p. 365 v. 1 ; 

Hoc iacet in tumulo Pippinus p. 405 v. 1 ; 

Aurea funereum eompleetit littera Carmen, 

Verba tonat fulvus et lacrimosa color p. 489 v. 1 — 2. 

Bei der Darstellungsform des Lebensganges selbst bedient sich 
der Dichter meist der dritten Person, springt aber oft in die zweite 
über und sagt dem Toten gleichsam seine Charakteristik vor: 
*Du warst . . ., Du tatest dies oder jenes . . .' Nur in wenigen 
Epitaphien (p. 101, 420, 444) erzählt der Tote selbst dem an seinem 
Grab Stehenden seine Lebensgeschichte. Er spricht wie aus dem 
Grab zu ihm heraus, so p. 432 v. 1: Te precor ex tumulo, f rater. 

Gewöhnlich aber redet der Dichter gleichsam im Auftrage des 
Toten den Fremdling an, der auf seiner Wanderschaft an das Grab 
kommt, und fordert ihn auf Gott zu bitten, daß er dem Toten gnädig 
sein möge. Auch diese Darstellungsform geht auf griechische Vor- 
bilder zurück (vgl. Lier S. 468): 

Tu quicumque legis die die 'peecata remitte' p. 102 v. 22; 

Tu quicumque eupis requies cognoseere fratrum. 

Et loca quo quisque spectat ab arce deum p. 344 v. 1 — 2; 



Auf das Grab der Königin Ansa. 43 

Et si forte cupis nomen merUumque sepulti 

Discere, tu poteris magna viator amans p. 19 v. 5 — 6; 

Stime tarnen laudes, quas Petri captus amore 

Extremo venlens hospes ab orbe legat p. 114 v. 41 — 42; 

Quisquis legas versus devoto pectore supplex 

Die 'Miserere deas' p. 113 v. 25 — 26; 

Quisquis ab occasu venls huc vel quisquis ab ortu p. 108 v. 1; 

Quam quis ab occasu properans vel quisquis ab ortu p. 490 v. 23; 

Quisquis es hunc cernens titulum, die pectore puro: 

Sit requies Uli, lector opime, precor p. 406 v. 1 — 2; 

Quisquis es, 'Hadriano', die^ 'sit amoena quies' p. 490 v. 26; 

Pro peregrino me, poseo, preeare tuo p. 404 v. 16. 

Meist erklärt der Dichter am Anfang oder Schluß, daß er un- 
fähig sei alle Vorzüge und Taten in würdiger Weise zu preisen: 
Cuius haud, lector, vitam tibi prodere sealptor 
Quit calibis stilo, artatus marmore parvo p. 103 v. 4 — 5; 
Jam quoniam digne non possumus omnia versu 
Promere, contieeat nostrae nunc fistula linguae p. 104 v. 26 — 27; 
Plura quid enumerem sanctis virtutibus istis, 
Dicere quas nequeo, scribere nee valeo p. 407 v. 27 — 28; 
Sensus et eloquiis formam describere laudls 
Cuius non possit pleniter ulla manus p. 430 v. 7 — 8. 

In einigen Epitaphien nennt auch der Dichter seinen Namen 
und bittet den Leser sich für dieses Gedicht erkenntlich zu zeigen, 
indem er für ihn bete: 

Post patrem lacrimans Carolus haec carmina scripsi p. 1 13 v. 17; 

Hoc lacrimans cecini David ego flebile Carmen p. 112 v. 27; 

Promere quae Carolum compellit amorque dolorque p. 489 v. 3; 

Nunc Angilberti carmine fulget, amen p. 366 v. 8; 

Tu mihi redde vicem, lector, rogo, carminis huius 

Et die: 'Da veniam, Christe, tuo famulo' p. 350 v. 17; 

Sed iam posco, vicem reddas mihi carminis huius, 

Atque 'Illius', die, 'miserere deus'! p. 420 v. 23 — 24. 
Bei der Durchführung des Lebensbildes selbst beginnen die 
Dichter naturgemäß mit der Herkunft des Toten, wobei sie mit Vor- 
liebe hinzufügen, daß seine Taten noch edler waren als sein Ge- 
schlecht: 

Scotia quem genuit p. 365 v. 2; 

Francia quem genuit p. 405 v. 3; 



44 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

Nobilis ex magna genitus iam genta parentam, 
Sed sacris longe nobilior meritis p. 113 v. 5 — 6; 
Transcendunt cuitis gesta set alta genas p, 430 v. 12. 

Dann folgt meist die Erwähnung seiner körperlichen Vorzüge, 
von denen es aber gewöhnlich heißt, daß sie von den Verdiensten 
des Toten übertroffen werden: 

In specie puldier, nobilior meritis p. 405 v. 12; 
Deque sua facie superabat lilia paldira p. 405 v. 9; 
Mirandus specie, set plus mirabilis actis p. 430 v. 15. 

Bei der Aufzählung der geistigen Vorzüge lieben es die Dichter 
oft zwei Verse mit lobenden Adjektiven auszufüllen, besonders heben 
sie Bildung und Mildtätigkeit hervor. 

Moribus et forma consilioque vigens p. 111 v. 8; 

Mente nitens formaque decens sensuque renidens p. 489 v. 7; 

Eloquio fulgens . . . Grammaticae studio, metrorum legibus 

aptus p. 20 V. 9—10; 
Eloquio dulcis, f actis probus, ore serenus p. 404 v. 13; 
Alloquio clarus, vita sed clarior alma p. 104 v. 22; 
Nobilis alloquio, moribus nobilior p. 102 v. 12; 
Grammatica pollens, mundana lege togatus, 
Divina instructus nee minus ille fuit p. 111 v. 9 — 10; 
Solamen egenis p. 107 v. 3; 

Pauperibus largus, nulli pietate secundus p. 113 v. 11; 
Rex bonus et placidus, nulli bonitate secundus p. 405 v. 15; 
Promptus ad omne bonum an vielen Stellen. 

Bedeutende Männer werden meist als Helden, als Leuchte, 
Ruhm, Zierde und Hoffnung ihres Vaterlandes gepriesen: 

Helmengaldus nobilis heros, Gloria qui patriae et decus omne 

fuit p. 532 V. 1—2; 
Lumen erat patriae p. 20 v. 17. Patriae decus p. 102 v. 3; 
Unica spes patriae, murus et arma suis p. 111 v. 4; 
Militibus periit murus et arma tuis p. 112 v. 4; 
Qui tibi tutor opum, murus et arma fuit p. 490 v. 28; 
Spes iam Samnitis certa salutis erat p. 430 v. 14; 
Jpse suae gentis spes requiesque fuit p. 430 v. 32. 

Schließlich spricht der Dichter auch von der Wirkung, die der 
Tod auf die Hinterbliebenen ausübte, und bittet das Grabmal nicht 
zu verietzen: 



Auf das Grab der Königin Ansa. 45 

Hone flevit civis, laxit peregrinus et exter p. 104 v. 15; 

Hunc deflet Italus contrito pectore Francus p. 110 v. 13; 

Itala, Romana . . . Morte tua, princeps, gens sine fine dolet 

p. 431 V. 35—36; 

Ut nuUus violet quod tenet ipse solum p. 20 v. 32; 

Obsecro nulla manas violet pia iura sepulcri p. 350 v. 19; 

Quem, peto, nulla manus violet p. 420 v. 27. 
Untersucht man die Epitaphien des Paulus Diaconus, 
so findet man, daß die für Ansa und Sophia verfaßten in Form und 
Anordnung der Gedanken von den üblichen Darstellungsformen ab- 
weichen, seine späteren aber, die am Hofe Karls entstanden, die 
erwähnten Eigentümlichkeiten zeigen. Diese beweisen, daß auch 
er sich der Vorbilder bediente, nach denen der literarische Kreis 
des Königs arbeitete. Zu diesen Vorbildern gehörte besonders das 
Epitaphium Constantii, das in der Pariser Handschrift 528 und in 
der St. Galler 899 neben Gedichten überiiefert ist, die am Hofe 
Karis entstanden (vgl. Mommsen Grabschrift des Kaisers Constantius 
Chlorus, Hermes, XXVIII, 1893, S. 33; Carmina epigraphica ed. Bücheier 
II 1335). 

Die Verschiedenheit der Grabschrift für die Königin Ansa von 
den untersuchten liegt besonders in der Anordnung der Gedanken. 
Der Dichter sagt nichts von ihrer Abstammung, wie es sonst am 
Anfang geschieht, und geht nach einer kurzen Bemerkung über ihre 
körperlichen Vorzüge (coniux puldierrima v. 3) sofort zur Darlegung 
ihrer Verdienste über, die er scharf in politische und kirchliche teilt. 
Erst am Schluß kommt er mit wenigen Worten auf ihre geistigen Eigen- 
schaften zu sprechen. 

Über die Abfassungszeit des Gedichtes bestehen verschiedene 
Anschauungen. Dahn (S. 68) und nach ihm Abel (II 506) glauben, 
daß es noch zu Lebzeiten der Königin abgefaßt worden sei, noch 
vor dem Untergang des langobardischen Reiches, und zwar zwischen 
770 und 771. Zu dieser Anschauung sahen sie sich besonders durch 
die Verse 12 — 14 veranlaßt, wo auf Kari als Schwiegersohn (770) 
angespieh ist, und Dahn meint: „Es muß doch überraschen, daß 
unter den starken Helden, den drei Eidamen, auf welche Ansa sich 
stützt, auch Kari genannt wird, der Ansa nach Zerstörung des 
Reiches mit ihrem Gemahl in die Gefangenschaft geführt hat," und 
an einer anderen Stelle: „Die Grabschrift nennt Karl, Ansas bittersten 
Feind, ihren Stützer neben denen, die es wirklich waren, Arichis und 
Thassilo". 



46 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

Dieser Sinn liegt nicht in den allerdings etwas allgemein ge- 
haltenen Worten: fortla natarum thalamls sibi pectora vinxit. 
Paulus will nur sagen, daß Ansa politisch wichtige eheliche Ver- 
bindungen gestiftet hat, und wenn er bei fortia pectora wohl auch 
in erster Linie an Arichis und Thassilo dachte, so konnte er doch 
auch den Feind seines Volkes dazu zählen. 

Auch die Verse 7 — 8 zwingen nicht zur Annahme, dafi das 
Gedicht vor dem Untergang des Reiches entstand. Wenn der Dichter 
sagt, Ansa habe an der Seite ihres Gemahls das von Krisen heim- 
gesuchte und dem Zusammensturze nahe Reich aufgerichtet, gefestigt 
und emporgebracht, so meint er damit die Verdienste, die sie sich 
beim Regierungsantritte ihres Gatten um das Reich erwarb, das unter 
den unglücklichen Kriegen, die sein Vorgänger Aistulf (749 — 757) mit 
Pipin, dem Vater Karis, ftihrte, viel zu leiden gehabt hatte. Diese 
Erklärung mag auch darin ihre Bestätigung finden, daß Paulus bei der 
Aufzählung ihrer Verdienste, dem eigentlichen Thema der Grabschrift, 
chronologisch vorgeht: Zuerst segensreiche Tätigkeit bei Beginn der 
Regierung ihres Gatten 757, dann Lob auf Adelchis, der 759 Mit- 
regent seines Vaters wurde, hierauf Vermählungen ihrer Töchter mit 
auswärtigen Ftirsten, der Adelperga mit Arichis (763 Geburt ihres 
ersten Kindes), Liutperga mit Thassilo (zwischen 764 und 769, vgl. 
Abel I 58) und Desiderata (?) mit Kart (770, vgl. Abel I 80). 

Es liegen demnach keine Gründe vor, die zur Annahme zwingen, 
daß das Epitaph, was ja an und für sich nichts Ungewöhnliches wäre, 
noch zu Lebzeiten der Königin entstand, und ich verlege die Ent- 
stehungszeit zwischen 774 und 782, in die Zeit, wo Paulus sich in 
Montecassino al« Verbannter aufhielt und noch keine Annäherung an 
Kart erfolgt war. Dazu veranlaßt mich außer der oben erwähnten 
Eigenart des Epitaphs selbst die Auffassung des Satzes Bardis spes 
maxima mansit (v. 1 1). So sehr man auch auf Grund obiger Zusammen- 
stellung geneigt ist ihn als einen der Gemeinplätze zu bezeichnen, 
die in den Epitaphien auftreten, so sprechen doch die historischen 
Verhältnisse dagegen. Adelchis war wirklich nach 774 der Mann, 
auf den die Patrioten hoffend ihre Blicke richteten und der auch 
während seines Aufenthalts beim griechischen Kaiser in Konstantinopel 
immer für die Sache seines Volkes tätig war. Auch in den An- 
nalen kommt dies zum Ausdruck (vgl. Anm. zum Gedicht). Diesen 
Gedanken kann aber Paulus nicht in einer Zeit ausgesprochen 
haben, wo er bereits Kari näher getreten war, d. h. also nicht 
nach 782. 



Auf das Grab der Königin Ansa. 



47 



Ob Ansa in der Verbannung im Frankenreich starb und ihre 
Leiche nach Italien geschafft wurde, oder ob sie von Karl später er- 
wirkte, daß sie den Rest ihres Lebens bei einer ihrer Töchter ver- 
bringen durfte, läßt sich nicht entscheiden. Ihr Grab befand sich, 
wie Haupt erkannte, in der von ihr und Desiderius gestifteten Abtei 
San Salvatore in Brescia (vgl. Urkunde vom Jahre 769 bei Muratori 
Antiq. Ital. I 525). 



10 



Lactea splendifico quae fulget tumba metallo 
Reddendum quandoque tenet laudabile corpus. 
Hie namque Ausonii coniux pulcherrima regis 
Ansa iacet totum semper victura per orbem 
Famosis meritis, dum stabunt templa tonantis> 
Dum flores terris, dum lumen ab aethere surget. 
Haec patriam bellis laceram iamiamque ruentem 
Compare cum magno relevans stabilivit et auxit. 
Protulit haec nobis, regni qui sceptra teneret, 
Adelgis magnum, formaque animoque potentem. 
In quo per Christum Bardis spes maxima mansit. 
Fortia natarum thalamis sibi pectora vinxit, 
Discissos nectens rapidus quos Aufidus ambit, 
Pacis amore ligans cingunt quos Rhenus et Hister. 



SUPER SEPULCRUM DOMNE ANSE REGINAE L /. 36v. 

1 fulgit L II 6 flores terris Dümmler, flores e terris vor e eine Rasur L \ 
ethere L \ surget Dümmler, surgit L \\ 10 adelgis aus adelchis corr. L \\ \2 vin- 
xit L, iunxit Haupt und Dämmler \\ 14 quos Rhenus Haupt, chorentis L 



3 — 6 Ausonii regis des Desiderius, 
vgl. Bern, zu II 9,1. — totum semper 
victura per orbem meritis vgl. Hist. Lang. 
in 19, Qrabsclirift des Drokton v. 2 nam 
meritis toto vivit in orbe suis. — dum 
stabunt etc, vgl. zum Gedanken Verg. 
Bei. V 76—78; surget ist statt surgit 
einzusetzen wegen des vorausgehenden 
stabunt (vgl. oben S. 20 Anm.). 

8 — 10 compare cum magno vgl. 
Brief des Paulus an Adelperga III 29 celso 
cum compare, — regni qui sceptra 
teneret vgl. XXVI 19—20 tenere regni 
aurea sceptra, — formaque animoque 



potentem vgl. Poet. I 60 v. 59 sensu 
formaque animoque decorus, Poet. 1 104 
V. 18 censuque animoque potenti; an 
dieser Stelle ist wohl auch sensuque zu 
verbessern. 

11 Bardis vgl. IVn8. — spes ma- 
xima mansit vgl. Einhard Vita Karoli 
cap. 6 Adalgisum, in quem spes om- 
nium inclinatae videbantur, Ann. Einh. 
in quo Langobardi multum spei habere 
videbantur, 

12—14 Die Flüsse Aufldus, Rhein 
und Donau deuten das Land des Arichis, 
Karls des Großen und Thassilos an. 



48 



Karl Neu, Gedichte des Paulus Diaconus. 



15 Quin etiam aeterno mansit sua portio regi, 
Virgineo splendore micans, his dedita templis. 
Cultibus altithroni quantas fundaverit aedes 
Quasque frequentat egens, pandit bene rumor ubique. 
Securus iam carpe viam, peregrinus ab oris 

20 Occiduis quisquis venerandi culmina Petri 
Garganiamque petis rupem venerabilis antri. 
Huius ab auxilio tutus non tela latronis, 
Frigora vel nynbos furva sub nocte timebis; 
Ampla simul nam tecta tibi pastumque paravit. 

25 Plura loqui invitam brevitas vetat inproba linguam. 
Concludam paucis. Quicquid pietate redundat, 
Quicquid mente micat gestorum aut luce coruscat, 
In te cuncta simul, fulgens regina, manebant. 



26 quicquid] das erste q auf Rasur L \\ 2S manebat L 



15 — 16 quin etiam aeterno mansit 
sua portio regi: Ansa vermählte ihre 
Töchter nicht bloß irdischen Königen, 
auch dem ewigen König blieb sein Teil 
dadurch, daß Ansilperga Äbtissin von 
San Salvatore in Brescia wurde. — his 
dedita templis: aus dieser Stelle schloß 
Haupt mit Recht, daß die Grabschrift im 
Salvatorkloster sich befand und hier 
Ansa begraben wurde. 

17 — 18 quantas fundaverit aedes 
quasque frequentat egens: quantas = 
quot: Paulus will sagen: quantas aedes 
cultibus altithroni fundaverit et quantas 
aedes, quas frequentat egens: 'Allge- 
mein bekannt ist, wieviele Gotteshäuser 
und Hospize sie gründete.' 

19 — 21 securus iam carpe viam: 
Der Dichter wendet sich hier an den 
zu dem Grab kommenden Pilger, der 
entweder nach Rom oder zum Heilig- 
tum des Erzengels Michael auf dem 
Monte Gargano wallfahren will. — 
venerandi culmina Petri vgl. Angil- 
bert Poet. I 420 v. 1 venerandi culmina 
templi. — venerabilis antri: Nach der 
Legende hatten Hirten auf der Suche 



nach einem entlaufenen Rind in einer 
Grotte des Monte Gargano die Er- 
scheinung des heiligen Michael und zwar 
am 8. Mai unter Papst Gelasius (S.Jahr- 
hundert). Zur Erinnerung daran wurde 
eine Kirche erbaut, die heute noch ein 
besuchter Wallfahrtsort ist. 

25 — 28 improba brevitas: 'Die leidige 
Kürze (der geringe Raum auf dem Grab- 
stein) verbietet der Zunge noch mehr zu 
sagen, so sehr sie sich auch sträubt' 
Es ist dies zugleich eine Wendung um zum 
Schluß zu kommen, wie sie ähnlich auf- 
tritt XXVI 15 sed quid plura feram?; 
Theodulf Poet.I 528 v.27 quid referam? 
virtute cluis, pietate redundas. — quic- 
quid pietate redundat: beliebter Schlufi, 
vgl. außer der eben angegebenen Stelle bei 
Theodulf auch Angilb. Poet. I 366 v. 22; 
Sedul. carm. pasch. II 260; Eug. Toi. 
carm. XVI 3. — luce coruscat: vgl. Angilb. 
Poet. I 366 V. 12. — manebant = erant: 
Zu manebat wurde der Schreiber jeden- 
falls durch den Schluß der beiden vor- 
ausgehenden Zeilen veranlaßt, vgl. auch 
XXXVI 35 in te . , . omne simulque bo- 
num semper, venerande, manebat. 



X. 

Auf das Grab der Enkelin Sophia. 

*Du warst die Schönste Deines Geschlechts und an Kenntnissen 
Deinen Jahren weit voraus. Dein Geist erfaßte alles im Fluge (1 — 8). 
Dein Tod war auch der Tod der Großmutter. Statt zu Deiner Hoch- 
zeit rüstet man sich zu Deiner Leichenfeier. Alles trauert um Deinen 
frühen Tod (9—18).' 



An der Autorschaft des Paulus Diaconus ist nicht zu zweifeln, 
da diese Grabschrift in drei für die paulinische Überiieferungs« 
geschichte wichtigen Handschriften (der Leipziger Rep.I74, vgl.Bem 
zu V; der Pariser lat. 528, vgl. Bern, zu VI; dem Harieianus, vgl.Bem 
zu VIII) enthalten ist und auch stilistische Beobachtungen auf ihn hin- 
weisen. Fraglich aber erscheint, wer mit Sophia neptis gemeint ist, 
Bis jetzt dachte man an eine Nichte des Dichters (vgl. Gedicht XIIj 
wo von seinem Bruder Arichis vier Kinder erwähnt werden), allein 
mir ist es wahrscheinlicher, daß hier an eine Enkelin der Königin 
Ansa zu denken ist. Dafür spricht vor allem die Überiieferung: 
das Epitaph geht in der Leipziger Handschrift unmittelbar dem der 
Ansa voraus. Dann auch der Inhalt: nur mit wenigen Worten gedenkt 
der Dichter der Eltern und hebt besonders die Wirkung des Todes 
der Jungfrau auf die Großmutter hervor. 

Das kleine Gedicht, das nicht ohne poetischen Reiz ist und 
noch nicht die in der karolingischen Zeit üblichen Gemeinplätze der 
epitaphistischen Literatur zeigt, entstand zwischen 774 und 782. 

Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 4. 4 



50 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



10 



Roseida de lacrimis miserorum terra parentum 

Haec te, gemma micans, cara Sophia, tenet 
Tu decus omne tuis, virgo speciosa, fuisti, 

Qua non bis terris gratior ulla manet 
Heu fueras teneris, dulcis, tarn docta sub atmis, 

Longaevi ut stuperent iam tua verba senes. 
Et quae longa dies aliis praestare pueilis 

Vix poterat, raptim cuncta fuere tibi. 
Te moriente avia iam vivere posse negavit 

Illius et mortis mors tua causa fuit 
Iam thaiamus sponsusque tibi parabantur et inde 

Spes quoque iam nobis grata nepotis erat 



Epitaphium sophiae neptls P /. 126v; EPITAHON SOPHIE NEPTIS L 
/.36; Epithaphion ///.5v. 

2 haec te gemma micans] die Budistaben vom ersten a bis g dank Nässe 
zerstört P, haec regem manicans H \ caro P | sofia H \ teoit // || 3 oon 
decus ist c und u nidii zu erkennen P \ tuis aus tui corr., dann dtuxhgesiridieä 
und verbessert an den Rand gesdui^^en // 1| 5 Heu eras dazwisdien eine durA 
Rasur entstandene UUke I II 6 longeui P L H \ cuperent //0 7 prestaie 
(und so fast immer e für zt) // II 9 avia] uia H \ uivere aus uiuire corr. L \ 
10 mortis] moestis // || 11 thaiamus aus talamus corr, L \ inde PH, ecce L 

doctior 



1 — 4 roscida de lacrimis: vgl. XXXV 
V. 1 lugentum lacrimis populorum rosci- 
da tellus. — gemma micans VI 56; vgl. 
auch XXIX 7. — tu decus omne tuis 
Verg. Ed. V34; vgl. IVi 20 omne decus- 
que suorum, XXXV v. 27 tu requiesque 
tuis . . . fuisti, — qua non his terris 
gratior ulla manet: vgl. XXVI 8 qua 
non occiduo puUhrior ulla foret. — Es 
mag auffallen, daß Paulus bei der Grab- 
schrift einer Prinzessin nicht mit ihrer 
edlen Abkunft beginnt, wie es nach an- 
tikem Vorbild die karolingischen Dichter 
gewöhnlich tun (vgl. S. 43), aber Paulus 
arbeitet noch nicht nach den Vorbildern, 
die ihm später bei seinem Aufenthah 
am Hofe Karls voriagen. 

5 — 8 Der Hinweis auf den hoch- 
entwickelten Geist der in so jungen 
Jahren Verstorbenen findet sich auch in 
Epitaphien älterer Zeiten, vgl. Vollmer 
zu Stat. silv. 2, 1, 38; Carmina latina 
epigraphica ed. Bücheier 1166 quod si 
longa tuae mansissent tempora vitae, 



in terris nuUa puelia foret: 
649, 7 ultra annos sapiens praeceps fata 
invida raptum. — longaevi senes (Ovid. 
Ep. V40). Vgl. zum Gedanken VI 8 ex- 
superansque senes, o puerile decus und 
Poet. II 659 V. 15, 16. — stuperent darf 
nicht mit // gegen P L in cuperent ge- 
ändert werden, da eine Vertauschung der 
Konjugationen oder die Verkürzung eines 
langen Vokals in längeren Formen bei 
Paulus und auch sonst (vgL Fortunat ed. 
Leo Index) nichts Ungewöhnliches ist, 
vgl. V. 1 1 parabantur: XIV v. 1 flu?bat. 

9 avia (mit langem Nominativ -a!) 
= Ansa, vgl. die Vorbemerkung. — 
vivere posse negavit: Es ist in alten 
Epitaphien häufig zu lesen, daß die Ober- 
lebenden so in Trauer versetzt sind, daß 
sie sich selbst den Tod wünschen, vgl. 
Lier. Philol. XVI (1903) S. 464. 

11 spes quoque iam nobis: Der 
Dichter stellt sich hier und v. 13 und 15 
an die Stelle der Eltern (vgl. auch 1X9; 
XXVIIl 9). 



Auf das Grab der Enkelin Sophia. 



51 



Hei mihi, pro thalamo dedimus tibi, virgo, sepulchrum, 

Pro taedis miseram funeris officium. 
16 Tundimus heu maesti pro plausu pectora pugnis 

Pro cithara et cantu planctus ubique sonat. 
Gemmantem vitem decoxit saeva pruina 

Purpureamque tulit dira procella rosam. 



13 Hei mihi PL,H mihi // || 14 thaedis P, thelis (am Rand uel tedis) L, 
caedis M || 15 heu aus eu corr. L \ moesti H \ plauso P \ pugnl am Rand s L || 
16 chithara L, cythara P \ canto P \\ 17 fehlt H \\ 18 purporeamque L \ tulit 
fehlt P I rosa P. Daran sdäießen sidi in P fönende, wie es sdieint, spater 
eingetragene Verse: 

Christe potens, sollers summi sapientia patris, 
Da sensum, da verba tue (corr. aus to^, deposco, fideli. 
Mierauf folgt der Brief des Paulus an Theudemar, 



14—18 funeris officium Poet 1 104 
V.28. — tundimus heu maesti pro plausu 
pectora pugnis: eine jedenfalls beabsich- 
tigte Alliteration; vgl. den gleichen Vers- 
schluß Verg. Aen. IV 673, XII 871 ; Ovid. 
Met. III 535. — planctus ubique sonat 
XXXV 31. — purpureamque tulit dira 
procella: ähnliches Bild XXVIII 2; vgl. 
Lier, Philol. XVI (1903) S. 583. — Die 
Verse Christe potens sind wahrschein- 
lich von Paulus selbst hinzugefügt und 



zwar, als er das Gedicht an den Hof 
Karls brachte (vgl. I). Meine Vermutung 
sehe ich dadurch gestützt, daß sich an 
diese Verse der Brief des Paulus an 
Theudemar anschließt Wenn man be- 
denkt, welche Anforderungen Karl an 
Paulus stellte, so begreift man wohl 
seine Bitte um sensus und sapientia: 
sollers ist nicht wie Dümmler will (M. 
G. Epp. IV 506, 10) zu Christe, sondern 
zu sapientia zu ziehen (vgl. Anhang XI 6 



XI. 
Bittschrift an Kari. 

'Es gibt auf der Welt keinen unglücklicheren Menschen als mich, 
seitdem nun noch ein neues trauriges Ereignis, die Gefangennahme 
meines Bruders, mich mit Schmerz erfüllt (1 — 8). Seine Frau und 
Kinder müssen, ihres väterlichen Besitzes beraubt, in der Heimat bettete 
gehn. Meine Schwester weint sich in ihrem Elend fast die Augen 
aus (9 — 16). Nur Du kannst helfen; hab' Erbarmen und gib ihnen 
Besitz und Stellung wieder. Dann will ich Christi Lob verkünden, 
der allein gebührenden Lohn spenden kann (17—28).' 



Die Gedichte VI und VIII gaben schon, wenn auch nur an- 
deutungsweise, einen Einblick in die traurige Stimmung, die den 
Dichter in der frühesten Zeit seiner Verbannung nach Montecassino 
erfüllte. Hier schildert er sich in den ersten vier Versen als den un- 
glücklichsten Menschen, den es gibt. Außer seiner eigenen Bestrafung 
bereitet ihm ein neuer Anlaß großen Kummer: die Wegführung seines 
Bruders Arichis in fränkische Gefangenschaft und das Elend der zurück- 
gebliebenen Familie. 

Abgesehen davon, daß uns Paulus in Hist. Lang. IV 37 den 
Namen seines Bruders nennt, und außer den Andeutungen im vor- 
liegenden Gedicht gibt es keine Überiieferung über dessen Schick- 
sale. Wir wissen aber, daß der Herzog Hrodgaud in Friaul 776 
gegen Karl sich empörte (Abel I 245 ff.), daß im April gleichen 
Jahres der Aufstand niedergeschlagen war und daß Kari über die 
Empörer strenge Strafen verhängte: Fortführung in fränkische Ge- 
fangenschaft, Konfiskation ihres Vermögens und ihrer Güter (Abel 1 252). 
Arichis, der Bruder des Paulus, wohnte in Friaul. Hier hatte Kari, 
ebenso wie am Hof des von Friaul stammenden Herzogs von Benevent, 



Bittschrift an Karl. 53 

die erbittertsten Gegner (vgl. Ann. Einh. 788 SS.1 173; Einh.Vita Car. 
cap. 11). Demnach ist es sehr wahrscheinlich, daß Ärichis ebenso 
wie sein Bruder auch infolge der früheren Beziehungen ihrer Familie 
zum Hof in Pavia zur Nationalpartei gehörte und sich an dem Auf- 
stand des Herzogs Hrodgaud beteiligte; denn es trafen ihn die gleichen 
Strafen wie die anderen Empörer. 

Die Autorschaft unseres Paulus wird nicht bloß durch den In- 
halt, sondern auch durch die Überlieferung gesttitzt: in der Pariser 
Handschrift lat. 528 (P) steht unser Gedicht unter zweifellos paulini- 
schen Gedichten, die auch zeitlich ihm nahestehen, außerdem im 
Harleianus (H) und im Urbinas (U). 

Die Abfassungszeit läßt sich aus v. 5 folgern: septimas annus 
adest, ex quo nova causa dolores generat: das siebente Jahr ist da, 
d. h. nimmt seinen Anfang, es sind gerade sechs Jahre vorüber, seitdem 
jenes neue Ereignis, die Bestrafung seines Bruders, eintrat (vgl. auch 
Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands 11 * 161 Anm. 1). Wenn nun 
Arichis im April 776, wo der Aufstand unterdrückt war, bestraft wurde, 
so war genau im April 782 das sechste Jahr vorbei und schon im 
Mai 782 konnte er sagen: adest septimus annus. Demnach verfaßte 
Paulus wahrscheinlich in dieser Zeit die Bittschrift, vgl. auch Hauck 
a. a. O. und Abel I 253 Anm. 3, und ließ sie durch Petrus von Pisa 
überreichen (vgl. Vorbem. zu XII). 

Das Gedicht gehört unstreitig zu den schönsten Erzeugnissen 
des karolingischen Kreises und hat jedenfalls auch auf Kart seine 
Wirkung nicht verfehlt, der gerade in jener Zeit Männer von dichteri- 
scher und wissenschaftlicher Befähigung an seinen Hof zu ziehen 
suchte. 

Verba tui famuli, rex summe, adtende serenus. 

Respice et ad fletum cum pietate meum. 
Sum miser, ut mereor, quantum vix ullus in orbe est. 

Semper inest luctus tristis et hora mihi. 



IT UERS PAULI AD REG PCANDO P /. 126, H /. 6, ohne Obersdirift 
Uf.Sh 

1 artende // ^ || 2 et affectum U \\ 3 illus //. 



2 ut mereor: Paulus will sagen: 
•Wenn ich auch einer der Unglück- 
lichsten bin, so verdiene ich doch meine 
Strafe der Verbannung, und ich birte des- 



Bruder. " Durch diese Selbstlosigkeit ver- 
leiht er der Birte für seinen Bruder mehr 
Nachdruck. 

3 — 6 semper inest luctus vgl. I 7 



halb nicht für mich, sondern für meinen j ver tibi semper inest. 



54 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



10 



15 



30 



Septimus annus adest, ex quo nova causa dolores 

Multiplices generat et mea corda quatit 
Captivus vestris extunc gennanus in oris 

Est meus afflicto pectore, nudus, egens. 
Illius in patria coniunx miseranda per omnes 

Mendicat plateas ore treraente cibos. 
Quattuor hac turpi natos sustentat ab arte, 

Quos vix pannuciis praevalet illa tegi. 
Est mihi, quae primis Christo sacrata sub amiis 

Excubat, egregia simplidtate soror. 
Haec sub sorte pari luctum sine fine retentans 

Privata est oculis iam prope flendo suis. 
Quantulacumque fuit, direpta est nostra supellex 

Nee est, heu, raiseris qui ferat ullus opem. 
Coniunx est fratris rebus exclusa patemis 

lamque sumus servis rusticitate pares. 
Nobilitas periit, miseris accessit egestas. 

Debuimus, fateor, asperiora pati. 



6 quattit H \\ 7 vestris] extris ^ | horisP// ll 8 afflidu // || 9coniuxP| 
10 plateas aus plates com U \ tremento U \\ 11 quatuor H U \ hac aus ac 
corr, P I turpi] uirpi P \ arce // || 12 praevalet illa tegi P H, quis ualet illa 
tegit U II 13 que (öfter e für ste) U \\ 14 simplicitatae H || 17 quantulacunque U I 
suppellex P H U \\ 20 sumus aus summus corr, P \\ 21 accessit aus accedit 
corr. P, successit U \ aegestas P //. 



12 quos vix pannuciis: Der Gedanke 
ist klar, nicht aber der Wortlaut. Nach 
U könnte man deuten: quos illa vix 
tegit, quis pannuciis valet: mit Müh und 
Not hüllt sie ihre Kinder in die wenigen 
ihr zu Gebote stehenden Lumpen (vgl. die 
ähnliche Ausdrucksweise in den Briefen : 
XIV tota qua solum valeo mente und XXXI 
oculis quibus solis valeo. Allein diese Les- 
art sieht sehr nach Interpolation aus; PH 
bieten die richtige Lesart: .Mit Mühe und 
Not bringt es die Mutter fertig, daß diese 
(= ihre Kinder) sich in Lumpen hüllen." 

13 est mihi soror: Daraus erfahren 
wir, daß Paulus außer seinem Bruder 
Arichis noch eine Schwester hatte, die 
ins Kloster gegangen war. 

18 nee vgl. Vollmer, Philol. Suppl. 
X 302, 89. 



19 — 21 rebus exclusa paternis: Da- 
mit ist jedenfalls der Besitz ihres Vateis 
gemeint. — servis rusticitate pares: 
rusticitas ist der Gegensatz zu nobilitas: 
infolge ihrer Armut können sie nicht 
mehr standesgemäß leben, sondern sind 
zu einer niedrigen Lebensführung, ähn- 
lich den Unfreien venuleilt, vgl. zum 
Gedanken Alcvin.Poetl 187 v. 798— 799 
nie tarnen metuit clara se stirpe fateri 
Progenitum dicens: pauper sum et 
rusticus unus; vgL auch Dahn S.5. — 
nobilitas periit: Hist. Lang. VI 24. 

22 debuimus asperiora pati: kann 
kaum bedeuten: .wir mußten wirklich zu 
Hartes erdulden*, sondern wegen fateor 
und sed (v. 23) nur: .wir hätten noch 
Härteres erdulden sollen'. Vgl. Bethm. 
S. 260, Dahn S. 29. 



Bittschrift an Karl. 



55 



Sed miserere, potens rector, raiserere, precamur 
Et tandem finem his, pie, pone malis. 
25 Captivura patriae redde et civilibus arvis, 

Cum modicis rebus culmina redde simul, 

Mens nostra ut Christo laudes in saecla frequentet, 
Reddere qui solus praemia digna potest. 



25 redde et] reddet H \ civilibus] genitalibus U 
I secula U \\ unter 28 xsXcoa U. 



26 sumul U II 27 laude 



26 cum modicis rebus culmina redde: 
Er bittet, Karl möge diesem Elend ein 
Ende machen, den Gefangenen wieder 
in die heimatlichen Gefilde ziehen lassen 
und ihm seinen Wohnsitz (culmina — 
tectum) nebst einem bescheidenen Teil 
seines Besitztums zurückgeben; es ist 
aber nicht ausgeschlossen, daß culmina 
auch die angesehene Stellung be- 
deutet, besonders wenn man zu 



den modicae res auch Haus und Hof 
rechnet 

27 Paulus erklart hier, daß er, wenn 
seine Bitte erfüllt und seine Trauer 
geschwunden sei, seine Tätigkeit nur 
Christus weihen wolle, der dann Karl 
seine Gnadef lohnen werde. Man kann 
die Zusage herauslesen, daß er von nun 
an der Politik ferne zu bleiben und als 
Mönch zu leben entschlossen sei. 



XII. 

Petrus von Pisa an Paulus Diaconus. 

'Gelobt sei Christus, der die Hölle überwunden und auch Dich 
Paulus, den hochgelehrten und sprachenkundigen Dichter, an unsem 
Hof sandte (1 — 4). Deine unermüdliche Tätigkeit als Lehrer des 
Lateinischen und Griechischen erweckt in mir die Hoffnung, daß Du 
uns nicht wieder verfassen wirst (5 — 9). Für die Förderung der 
Kenntnisse im Griechischen sage ich Dir ganz besonderen Dank; 
denn nunmehr können auch die Kleriker im Gefolge meiner Tochter 
mit dieser Sprache bekannt gemacht werden (10 — 12).' 



Der Verfasser dieses im Auftrage Karts an Paulus gerichteten 
Gedichtes ist Petrus von Pisa, der in den Handschriften die Beinamen 
diaconus, archidiaconus, grammaticus und magister hat. Alcvin er- 
zählt in einem Briefe aus dem Jahre 799 (M G. Epp. IV 285), daß 
er als junger Mann sich auf einer Reise nach Rom in Pavia auf- 
gehalten und hier eine Disputation mitangehört habe, die ein Jude 
Lullus mit diesem Petrus hatte, und fügt bei et scriptum esse 
eandem controversiam in eadem civitate audivi. Es scheint sich 
also um einen wichtigen wissenschaftlichen Streitpunkt gehandelt 
zu haben. 

Diese Bemerkungen Alcvins sind deshalb von großer Bedeutung, 
weil man daraus entnehmen kann, daß in der Residenz des Desiderius, 
während dessen Regierungszeit (757 — 774) Alcvin jedenfalls diese 
erste italienische Reise machte, wissenschaftlich hochstehende Männer 
lehrten. Da nun auch Paulus an diesem Hofe sich aufhielt, so ist es 
in Anbetracht seiner Stellung und seiner wissenschaftlichen Be- 
strebungen zweifellos, daß diese beiden gelehrten Männer sich nahe- 



Petrus von Pisa an Paulus Diaconus. 57 

traten und Freunde wurden; was man auch aus v. 8 im Gedicht XVIII 
antiqüo et caro quondam mittente sodale herauslesen kann. 

Als Karl im Jahre 780 nach Italien zog und sich längere Zeit 
auch in Pavia aufhielt, bekam er einen Einblick in das wissenschaft- 
liche Leben, das in italienischen Städten herrschte, und wollte, dafi 
auch sein Hof eine Pflegestätte feiner Bildung werde, was Angilbert 
(Poet. I 360 V. 19—22) mit deutlichen Worten ausspricht: 
David habere cupit sapientes mente magistros 
Ad decüs, ad Icuidem cuiuscumque artis in atüa, 
Ut veterum renovet studiosa mente sophiam. 
David antat vates, vatorum est gloria David. 

Da galt es nun geeignete Männer für seine Zwecke zu ge- 
winnen und so berief er um jene Zeit Petrus (vgl. Hauck, Kirchen- 
gesch. II 155 ff.) und im Jahre 782 Alcvin, den er in Parma kennen 
gelernt hatte, an seinen Hof (Abel I 390). 

Daß in demselben Jahre Paulus, wie klar gelegt wurde, seine 
Bittschrift verfaßte, scheint mir kein Zufall zu sein. Jedenfalls hatte 
ihm sein Freund Petrus geraten diesen Zeitpunkt zu wählen, als Karl 
Gelehrte für seine Akademie suchte. Damals mag wohl jener bei 
der Überreichung dieser Bittschrift seinen Freund als geeignetes Mit- 
glied jener zu gründenden gelehrten Gesellschaft empfohlen und da- 
durch Karl veranlaßt haben Paulus zu begnadigen und im Jahre 782 
an seinen Hof zu berufen. Wenn sein Erscheinen als göttliche Fügung 
hingestellt wird (Str. 4), so ist das ebenso zu verstehen, wie wenn in 
Str. 1 1 der fromme König ein Ereignis, das nur das Ergebnis diplo- 
matischer Berechnung war, auch als solche bezeichnen läßt. 

In dem literarischen Kreise bildete der damals schon hochbetagte 
Petrus von Pisa den Mittelpunkt. Er wurde in lateinischer Grammatik 
und Literatur zugleich Lehrer des Königs (vgl. Einh. Vita Caroli cap.25: 
In discenda grammatica Petrum Pisanum diaconem senem audivit) 
und auch Angilberts (vgl. Ged. XXXIX und M. G. Epp. IV 285, 6). Über 
seine weiteren Lebensverhältnisse und seine schriftstellerische Tätigkeit 
soll im Anschluß an spätere Gedichte gesprochen werden. 

Die Gedichte XII und XIII entstanden jedenfalls in der ersten 
Zeit des Aufenthaltes des Paulus am fränkischen Hof, etwa Anfang 
783; denn noch gibt dieser keine Andeutung, ob er länger bleiben 
wolle, und auch der König spricht nur die Hoffnung aus ihn viel- 
leicht doch dauernd gewinnen zu können. 

Gewählt ist der volkstümliche, sehr verbreitete trochaeische Fünf- 
zehnsilber, der auch dem Paulus geläufig war, vgl. oben Gedicht II 



58 Karl Neff, Gedichte des Paulas Diaconus. 

und VTilhelm Mayer, Gesammelte Abhandlungen zur mittellateinischen 
Rhythmik I 204. 

Das Qberschwengliche Lob, das Karl dem Paulus für seine Lehr- 
tätigkeit ausspricht, ist wohl schon deshalb nicht wörtlich zu nehmen, 
weil er durch besondere Anerkennung seiner Verdienste ihn zum 
Bleiben veranlassen will. Sicher aber hat Paulus als Lehrer der 
griechischen Sprache wirklich etwas geleistet, da der König an drd 
Stellen des Gedichtes davon spricht (Str. 7, 8, 10). An der letzten 
Stelle preist er diese seine Tätigkeit als etwas ganz Besonderes, das 
nie gehofften Ruhm einträgt. 

Daraus kann man zwar nicht folgern, dafi in karolingischer Zeit 
durch Paulus Oberhaupt zum erstenmal das Studium des Griechischen 
jenseits der Alpen Eingang fand, sondern daß er es neu belebte 
und viele unterrichtete (vgl. 9, 1 post Graecam, maltis quam 
ostendis, regulam). Ganz besonders war aber der König wohl 
deshalb darüber erfreut, weil er nun Gelegenheit hatte die Kleriker, 
die mit seiner Tochter Rothrud nach Byzanz ziehen sollten, durch 
einen Nichtgriechen unterrichten lassen zu können und es erfflUte 
ihn in seinem Bestreben alles zur Hebung der Bildung zu ton 
mit Befriedigung, dafi er auch diese infolge des regen Verkehrs 
mit Byzanz wichtigen Studien an seinem Hofe anger^ hatte. 
Vor Paulus' Ankunft am Hof im Jahre 781 nach der Verlobung 
der Prinzessin war der Eunuch und Notar Elissaeus (Abel I 385 
bis 386) beauftragt worden ihr griechische Sprache und Sitte zu 
lehren (vgl. Theophanes ed. de Boor I 455 xaxiXmev 'Ehoocuof 
. . . jtQÖg t6 didd^ai avrrjv rd re rcbv FgaiKcbv ygafAjüUzza xai ttjv 
yXcöaaav). Paulus kann zwar griechisch, wie aus Gest epp. Mett. 
SS. 11 264 hervorgeht; er hatte es in jungen Jahren am Hof in 
Pavia gelernt, aber seine Kenntnisse in dieser Sprache sind, wie 
er Xlll 11 und 12 sagt, sehr gering. Das Studium des Griechi- 
schen lag im achten Jahrhundert im Westen vollkommen darnieder 
und man begnügte sich mit dem Einlernen einzelner Formehi 
und Verse. 

Ein klareres Bild davon gibt uns ein kurzer grammatischer 
Traktat, der sich im Parisinus lat. 528 f. 134^—135 findet und zuerst 
von H. Ömont (Bibliothfeque de TEcole des chartes XLII 1881, 
126 — 127) veröffentlicht wurde. Da das Stück sich an eine größere 
Anzahl paulinischer Gedichte anschließt, und zwar solcher, die am 
Hofe Karts entstanden sind, so kann man annehmen, daß es auf 
Paulus und seine Lehrtätigkeit zurückgeht. Ich habe die Handschrift, 



Petrus von Pisa an Paulus Diaconus. 



59 



die auch den Rhythmus selbst enthält, noch einmal benützt und gebe 
hier einen Teil des Traktates mit allen Fehlem und Eigenheiten ge- 
treulich wieder. In genauem Anschluß an Donat (vgl. Keil, Gramm, 
lat. IV 355) wird das Wort doctus grammatikalisch behandelt; die 
Form ist, wie so oft, dialogisch, die Methode die des jüLegia/nög oder 
iTtijmeQiojuög (vgl. Baebler, Beiträge zu einer Geschichte der lateinischen 
Grammatik im Mittelalter S. 17). 



TI ECTIN DOCTUS. 

MEPOC Auru. 

TI MEPOC AUrU ECTIN. 

ONOMA ECTIN, 

nOCA HAPEnONTE TUTO 

ONOMATI 
EX. 

noiA. 

IIOIOTIQ CYNCPICIQ GENOC. 

APITHMOQ CKEMA, IITHOCIC. 

TINOC nOIOTITOC ECTIN. 

nPOCITOPIKIAC 

TIC BATMOC CINKPICEOC 

ECTIN. 
THETICOC 
CYNKPICEOC BATHMinOIO- 

CIN. 
TRIC. 
IIOIOI 
THETIKOC 
CINKPITIKOC 
YnEPTETIKOC 
TINOC PENOC ECTIN. 
APENIKU. 
THIAIKON. 
UDETEPU. 
KOINON. 
nANTOC. 
EniKOINON. 



Quid est doctus? 

Pars orationis. 

Quae pars orationis est? 

Nomen est. 

Quot accedunt huic nomini? 

Sex. 

Quae? 

Qualitas, comparatio, genus. 

Numerus, figura, casus. 

Cuius qualitatis est? 

Appellativae. 

Quis gradus conparationis est? 

Positivus. 

Conparationis gradus quot sunt? 

Tres. 

Qui? 

Positivus. 

Conparativus. 

Superlativus. 

Cuius generis est? 

Masculini. 

Feminini. 

Neutri. 

Communis. 

Omnis. 

Promiscui. 



Auch in der St. Galler Handschrift 899 p. 84, in der viele Stücke 
zum karolingischen Hof Beziehungen aufweisen, fand ich Notizen, 
die sich passend hier anschließen. 



60 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



NOYC UATPIKOC sensus patemus. 

AOrOC verbum sive ratio. 

ON quod est 

TOY ONTOC qui sit 

nROON pexistentia. 

TO MH ON quod non est. 

MH ONTA quae non sunt. 

AOrOI sermones. 

TQ NOI sensui. 

TOY ONTOC qui sit. 

HYAE materia vel corpus. 

MH ONTiiC non sit. 

YAHN corpus. 

TH YAH huic corpori. 



1. Nos dicamus Christo laudem genitoris unico, 
mundi legitur librorum qui Creator paginis, 
cuius fine Clemens venit liberare perditos. 

2. Ante saecula qui natus patema substantia, 

ut salvaret, quos creavit, camem nostram induit 
et innumeris ostendit virtutem miraculis. 

3. Rupit tartara calcato draconis imperio, 
cuius mors terrarum orbem vastabat invidia, 
vinctos diu paradysi perduxit ad gaudia. 

4. Qui te, Paule, poetarum vatumque doctissime, 
linguis variis ad nostram lampantem provinciam 
misit, ut inertes aptis fecundes seminibus. 



IT. UERS. petri grammatici Pf. 123— 123 v. 
4,1 doctissime] e auf Rasur P, ^ozWssxmum Dümmler 
4,3 aptis fecundes aus aptes fecundis corr, P. 



4,2 prouintiara P 



1,1 Christo genitoris unico dem 
eingebornen Sohne des Vaters; unicus — 
unigenitus. 

2,1 ante saecula qui natus patema 
substantia vgl. im Symbolum Athana- 
sianum: Deus ex substantia Patris ante 
saecula genitus. 

4,1 — 2 poetarum vatumque: vates 
ist der dichterisch begeisterte Sänger und 



poeta der schaffende Dichter. — lam- 
pantem linguis variis: Er verstand also 
Lateinisch, Griechisch und Hebräisch und 
war demnach trilinguis (vgl. Poet. IUI 67 
V. 27; 229 v. 1). Dies ist aber nur für die 
lateinische Sprache wörtlich zu nehmen; 
denn für diese Zeit waren Kenntnisse im 
Hebräischen eine Seltenheit. Was das 
Griechische betrifft, vgl. Vorbem. 



Petrus von Pisa an Paulus Diaconus. 



61 



5. Graeca cemeris Homerus, Latina Vergilius, 

in Hebraea quoque Philo, TertuUus in artibus, 
Flaccus crederis in metris, Tibullus eloquio. 

6. Tu nos gestu docuisti exemplorum credere, 
quod amoris agro nostri plantatus radicitus 
tenearis nee ad prisca cor ducas latibula. 

7. Cum grammaticae Latinis fecundare rivulis 
non cesses nocte dieque cupientis viscera 
partiumque satione Graecorum sub studio, 

8. Haec nos facit firmiores doctrina laudabilis 
vestra de permansione qua fuit dubietas, 

quod te restis nostrae cinxit nee dimittit anchorae. 



5,1 Greca (oft e für ae; P \\ 6,1 docuisti zweimal P \\ 6,2 radictus P 
7,1 latinis) das erste i corr, P \\ 7,3 ratione P, satione Traube, 



5,1 — 3 in Hebraea quoque Philo: 
Der Jude Philo war dem karolingischen 
Kreis aus lateinischen Obersetzungen be- 
kannt. Paulus nennt den in Alexandria 
geborenen Philosophen XIII 4 Memphiti- 
cus, — Tertullus in artibus: Wen Petrus 
damit meint, läßt sich nicht bestimmt 
sagen, möglicherweise den in der Apostel- 
geschichte (24, 1) genannten jüdischen 
Redner, der gegen den Apostel Paulus 
auftritt. Daß er ihn neben dem Juden 
Philo nennt, könnte dafür sprechen. — 
Homer galt (Poet. I 97 v. 54) als vatum 
summus, ohne daß er gelesen wurde, 
und Angilbert hatte als Mitglied des ge- 
lehrten Kreises Karls diesen Beinamen, 
Alcvin hieß mit seinem Dichternamen 
Flaccus. Horaz war aber jedenfalls auch 
nicht durch Lektüre bekannt, vgl. P. v. 
Winterfeld Rh. M. 60, 1905, 33. Welche 
Schriftsteller in der karolingischen Zeit 
besonders gelesen wurden, erfahren wir 
aus Poet. 1 203 v. 1535 ff. und 543 v. 1—18. 

6,1 gestu exemplorum = prae te 
gerens exempla — credere, quod: Die 
Konstruktion mit quod statt acc. c. inf., 
sonst eine häufige Erscheinung (vgl. in 



diesem Gedicht 8,3 u. 11,1), wird von Pau- 
lus selten gebraucht. Aus dieser und aus 
der 8. Strophe geht hervor, daß Paulus 
noch keine Zusage machte, ob er am Hofe 
Karls bleiben wolle. Er scheint also noch 
nicht lange dort geweilt zu haben. — 
prisca latibula weist auf Montecassino 
hin, wo seine wissenschaftliche Bedeu- 
tung nicht solche Würdigung fand wie 
in der gelehrten Gesellschaft Karls. 

7 — 8 Die von Traube (Neues Archiv 
XVII 399) vorgeschlagene Lesart pra- 
torumque satione bringt ein zu fecun- 
dare rivulis passendes Bild; vgl. auch 
4,3 fecundes seminibus; doch fordert 
der Gedanke nicht die Änderung des 
überlieferten partium: Petrus kann sagen, 
daß Paulus im Gegensatz zum Lateini- 
schen vom Griechischen nur die partes 
orationis lehre (vgl. 9). — vestra de 
permansione: sc. firmiores de vestra 
permansione, de qua fuit dubietas, quod 
.fester im Glauben betreffs eures Ver- 
weilens, daß". — Ein Vergleich dieses 
Gedichtes des Petrus von Pisa mit dem 
folgenden zeigt deutlich den Vorzug der 
Darstellungsweise des Paulus. 



62 



Karl Ndf, Gedichte des Paulus Diaconus. 



9. Credimus post Graecam, multis quam ostendis, regulam 
te iam doctis traditurum Hebraeorum studia, 
quibus ille Gamalihel doctor legis damit 

10. Magnas tibi nos agamus, venerande, gratias, 
qui cupis Graeco susceptos erudire tramite. 
Quam non ante sperabamus, nunc surrexit gloria. 

11. Haud te latet, quod iubente Christo nostra filia 
Michaele comitante sollers maris spatia 

ad tenenda sceptra regni transitura properat 

12. Hac pro causa Graecam doces clericos grammaticam 
nostros, <ut> in eius pergant manentes obsequio 

et Graiorum videantur eruditi r^julis. 



12,2 ut fügte Dammler ein. 



9 post Graecam regulam, vgl. 12,3 
Graiorum videantur eruditi regulis und 
10,2 Graeco susceptos erudire tramite: 
Aus dieser Ausdrucksweise entnehme 
ich, daß der Unterricht im Griechischen 
sich nur auf einzelne grammatikalische 
Erscheinungen bezog. — doctis tradi- 
turum = die in den Kenntnissen bereits 
Fortgeschrittenen , Gegensatz suscepti, 
d. h. die in die schola palatina Auf- 
genommenen. — Gamalihel doctor legis, 
zu dessen Füßen der Apostel Paulus saß 
(Act.Apost.5,34; 22,3). 

11 Während Karl im Jahre 781 sich 
in Rom aufhielt, warb die Kaiserin Irene 
für ihren zehnjährigen Sohn Konstantin 
um die Hand von Karls achtjähriger 
Tochter Rothrud (Abel I 386). Diese Ver- 
lobung wurde 787 wieder aufgelöst (Abel 
1569). — Michaele comitante: Michael 
war ein griechischer Gesandter, vgl. M. 
G. Epp. IV 547, 16; 556, 20). — soUers: 
Rothrud wird auch sonst wegen ihrer 



geistigen Vorzüge gerühmt, vgl Angfl- 
bert Poet I 361 v. 43 Rotthrad camm 
amat, mentis clarissima virgo, — ad 
tenenda sceptra regni vgL Petras X^I 18 
nunc regni sceptra tenentis. — /roo«- 
tura properat: Damit ist jedenfalls nnr 
gemeint, daß die Prinzessin zu dieser 
Vermählung Vorkehrungen trifft. Dahn 
(S. 47) liest aber in diesen Worten die 
Andeutung, daß dfese schon in aller- 
nächster Zeit stattfinde. Da nun die 
Prinzessin 781, im Jahre ihrer Verlobung, 
nicht älter als neun Jahre war, so wäre 
der früheste Zeitpunkt ihrer Vermählung 
das Jahr 785, wo sie ungefähr das Alter 
ihrer Mutter Hildegard, die zwölf Jahre 
alt sich mit Kari verheü-atete (vgl. XXVI 
21 Anm.), erreicht hätte. Nach der Dahn- 
schen Erklärung der Stelle wäre also 
unser Gedicht erst 784/785 entstanden, 
was aber der sonstige Inhalt (vgl. Vor- 
bcm.) nicht als annehmbar erscheinen läßt 



XIII. 
Antwort des Paulus. 

*Ich habe wohl gemerkt, von wem die mir überbrachten Zeilen 
stammen. Das mir gespendete Lob erscheint mir als Ironie und 
Spott. Nie nahm ich mir jene heidnischen Dichter, mit denen ich 
verglichen werde, zum Vorbild (1 — 5). Meine Kenntnisse im Grie- 
chischen und Hebräischen sind sehr gering, bilden aber meinen ein- 
zigen Reichtum und ich kann nichts anderes zum Geschenke machen 
als diese und meinen guten Willen. Was mich hier festhält, ist nicht 
Ruhmsucht, es ist der Anker eurer Liebe (6 — 9). 

Wenn die Kleriker im Gefolge Deiner Tochter nur so viel 
griechisch reden, als sie von mir gelernt haben, dann werden sie 
wie Statuen erscheinen und verlacht werden. Aber einen Beweis, 
daß ich nicht ganz unkundig in den Sprachen bin, will ich geben. 
Dies lernte ich als Knabe, das andere entschwand mit den Jahren 
(10 — 12).' — Daran schließt sich die auch sonst bekannte römische 
Übersetzung eines griechischen Epigramms ohne den zugehörigen, 
von Paulus vergessenen Schluß. 



Man hätte erwartet, daß Karl für die segensreiche Tätigkeit des 
Paulus nicht bloß anerkennende Worte haben, sondern ihm die Er- 
füllung seiner Bitte, wenn auch nicht sofort gewähren, aber doch 
wenigstens in Aussicht stellen würde. Daß auch Paulus dies er- 
wartete, beweist seine Antwort. Sie ist in sehr zurückhaltendem, manch- 
mal sogar kühlem Tone gehalten. In dem ganzen Gedicht, das an Karl 
gerichtet ist, bringt er keine andere Anrede in die Feder. als gegen 
den Schluß rector (10,2). Man vergleiche nur die anderen am Hofe 
Karls entstandenen Gedichte und man wird dann diesen Punkt nicht 
als belanglos ansehen. Während Petrus zwei volle Strophen (6 u. 8) 



64 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

dazu verwendet um Paulus zu versichern, wie man ihn schätze, und 
wie viel Karl daran liege ihn, der nunmehr frei über seinen Auf- 
enthaltsort verfügen könne, an seinem Hofe festzuhalten, bringt 
Paulus mit einfacher Verwendung des von Petrus (8,3) gebrauchten 
Bildes nichts anderes als die sehr geschraubten und gewundenen 
Worte: anchora me sola vestri hie amoris detinet, nectar omne quod 
praecellit quodque f lagrat optime. Wenn er anfügt, daß ihn nicht 
eitle Ruhmsucht festhält, so konnte Karl zwischen den Zeilen lesen, 
dafi dem Paulus als Ziel viel mehr die Befreiung seines Bruders vor- 
schwebte und daß diese ihm erwünschter war als das maßlos ge- 
spendete Lob. 

Von besonderer Bedeutung scheinen mir Str. 7 u. 8 zu sein. 
Mit der auffallenden durch zwei Strophen hindurchgehenden und 
durch nichts im Gedichte des Petrus veranlaßten Äußerung, daß er 
keine materiellen Güter besitze und nicht wie andere solche zum 
Geschenk machen könne, will er Karl in verblümter Weise nur sagen: 
könnte ich Dir Schätze bieten, wäre mir meine Bitte vielleicht schon 
erfüllt worden. Wahrscheinlich enthält auch die Stelle 7,3: vUam 
litteris ni emam in ihrer doppeldeutigen Ausdrucksweise, insofern 
als er nicht sagt, wessen Leben er gleichsam durch seine wissen- 
schaftliche Tätigkeit erkaufen möchte, eine stille Mahnung. 

Wenn man das ganze Gedicht überblickt, so erkennt man, wie 
fein Paulus dem König zu verstehen gibt, daß er sich mit Lob nicht 
abspeisen läßt und bis jetzt keinen Grund hat die Zusage seines 
Bleibens zu geben. 

1. Sensi, cuius verba cepi exarata paginis, 

nam a magno sunt directa, quae pusillus detulit. 
Portes me lacerti pulsant, non inbellis pueri. 



Versus Pauli Pf. 123v— 124. 
1,1 coepi P, 



1 verba exarata: Worte, die ent- j mer), carta miitinemcampuscandidoius 
standen, indem man die Wachstafel mit i (campi albentes), die Zeilen mit Furchen 
dem Griffel durchfurchte. Auch in der \ ^occa^^ verglichen (XIX 1 u. 2) ; vgl. Poet 
karolingischen Zeit wurde ein Gedicht | I 361 v. 45. — a magno sunt directa, 
zuerst auf einer Wachstafel niederge- i quae pusillus detulit: Karl ist der Ab- 
schrieben; für scribere wird daher mit 1 sender und ein Page der Überbringer 
Vorliebe arare, perarare, sulcare, chara- des Schreibens ; an einer anderen Stelle 
xare gebraucht; penna wird mit einer i (XVIII 6) ist es ein Adjutant des Königs 
zweigespaltenen Pflugschar (bifidus vo- \ (clarus miles). 



Antwort des Paulus. 



65 



Magnus dicor poetarum vatumque doctissimus 
omniumque praeminere gentium eloquio 
cordis et replere rura fecundis seminibus. 

Totum hoc in meam cemo prolatum miseriam, 
totum hoc in meum caput dictum per hyroniam. 
Heu, laudibus deridor et cacinnis obprimon 

Dicor similis Homero, Flacco et Vergilio, 
similor TertuUo seu Philoni Memphitico, 
tibi quoque, Veronensis o Tibulle, conferor. 

Peream, si quenquam horum imitari cupio, 
avia qui sunt sequuti pergentes per invium; 
potius sed istos ego conparabo canibus. 



2,1 doctissimos P \\ 2,2 preminere (einige Male tfür a^) P \\ 4,2 similor aus 
simulor corr. P \ philoni aus philom corr. P || 5,2 auia mit c Ober u P. 



2 entspricht der 4. Str. im voraus- 
gehenden Gedicht. 

3 Beachte die wirkungsvolle Ana- 
phora verbunden mit Reim. — in meam 
miseriam: .Das ganze Lob ist nur vor- 
gebracht worden um mir meine Arm- 
seligkeit, das, was mir fehlt, recht zum 
Bewußtsein zu bringen, und alles ist Ironie* ; 
in meum caput = in me, vgl. XXII 22 
deridetque meum caput, — heu: Die 
handschriftliche Oberiieferung ist beizu- 
behalten; heu ist zweisilbig gebraucht 
wie seu, ceu 4, 2 und XV' 9, 1, vgl. Traube, 
Karolingische Dichtungen S. 112 ff. und 
O Roma nobUis, Abb. d. I. Cl. d. Akad. d. 
Wiss.XIX Bd. II S.320. — deridor: Vtx- 
tauschung der Konjugation, vgl. XHIll 
deridentur, XXII 22 deridet (beides als 
Fut gebraucht); X 6 stupiSrent, 

4 bringt die Antwort auf XII 5. — 
Veronensis o Tibulle: Paulus verwechselt 
den aus Verona stammenden Catullus mit 
Tibullus. Von diesem sind alte Hand- 
schriften nicht überiiefert, er war aber 
den Karolingern nicht ganz unbekannt 

5 avia qui sunt sequuti pergentes 
per invium: Beachte das Wortspiel avia- 
invium, Paulus verwahrt sich gegen 
einen Vergleich mit den in Str. 4 ge- 

Quellen u. Untersuch, z. lat Philologe des MA, 



nannten Männern, die das vom rechten 
Weg Abliegende im Auge hätten und 
dabei durch Unwegsames gingen. Er 
will damit sagen, daß diese Schriftsteller 
als Heiden in der Irre gehen, da sie nicht 
den rechten Weg einschlagen, den allein 
das Christentum zeigt, und Dinge zu er- 
gründen suchen (pergentes per invium), 
wie der Philosoph Philo, die dem mensch- 
lichen Geist versagt sind (vgl. Verg. Aen. 
II 736 avia cursu dum sequor et nota 
excedo regione viarum), — potius sed 
istos ego conparabo canibus: Dieser 
Vergleich erscheint befremdend, da Pau- 
lus ein so gelehriger Schüler der Antike 
ist, aber er gebraucht ihn vielleicht in Er- 
innerung an Matth. XV 26, wo Jesus die 
Heiden auch mit Hunden vergleicht im 
Gegensatz zu den oves domus Israel. 
Möglich ist aber auch, daß Paulus sagen 
will: Jene Schriftsteller laufen, eben weil 
sie nicht den rechten Weg, nämlich den 
des Christentums gehen, wie die Hunde, 
bald hierhin bald dorthin. Im ähnlichen 
Sinne sagt Alcvin Poet 1 279 v. 121—123: 
Converti ad dominum ne tardes tra- 

mite recto: 
Doctrinis etiam variis non flexilis esto, 
Te via nam domini teneatfirmissima; 
ra.4. 5 



66 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



6. Graiam nescio loquellatn, ignoro Hebraicam. 
Tres aut quattuor in scolis quas didici syllabas, 
ex bis mihi est ferendus maniplus ad aream. 

7. Nulla mihi aut flaventis est metalli copia 
aut argenti sive opum, desunt et marsuppia. 
Vitam litteris ni emam, nihil est, quod tribuam. 

8. Pretiosa quaeque vobis dona ferant divites, 
alii conportent gemmas Indicosque lapides: 
meo pura tribuetur voluntas in munere. 

9. Anchora me sola vestri hie amoris detinet, 

nectar omne quod praecellit quodque flagrat optime. 
Non de litteris captamus vanae laudem gloriae. 



6,2 scolis aus scoli corr, P || 8,2 conportent aus conportant corr. ? P. 



Sedul. cami. pasch. I 300: 
Arrius infelix, qui curva peravia rectum 
Flectere nisus iter, foveam delapsus in 
atram; 

vgl. auch Poet. I 82, 22. 

6 in scolis didici: Darin liegt kein 
Widerspruch, wie Dahn S. 10 behauptet, 
mit den Angaben Hildrichs, des Ver- 
fassers der Grabschrift des Paulus (unten 
XXXVI 14) : divino instinctu regalis pro- 
tinus aula te sumpsit alendum. Paulus 
wurde in der schola palatina in Pavia 
unterrichtet, vgl. Bern, zu XXXVI 15. — 
ferendus maniplus ad aream: Er muß 
eine Handvoll der Öffentlichkeit über- 
geben. 

7—8 Ein Vergleich unseres Gedichtes 
mit dem vorausgehenden zeigt, daß Paulus 
in seiner ebenfalls zwölf Strophen um- 
fassenden Antwort auf jede Strophe des 
Petrus erwidert, nur 7 und 8, wo Paulus 
hervorhebt, daß er nicht im Besitze von 
Schätzen sei, sind durch keine Andeu- 
tung im vorhergehenden Gedicht ver- 
anlaßt; vgl. Vorbem. — nulla flaventis 
metalli copia vgl. Brief an Theudemar 
(XIV 35) nullae me, credite, divitiae, 
nulla praedia, nulla flaventis metalli 
copia a vestro poterunt separare col- 
legio: vgl. auch VI 132 und Brief an 
Adalhard (XXXI am Anfang). — con- 



portent ist in Rücksicht auf ferant ein- 
zusetzen. Die Reichen mögen kostbare 
Geschenke aller Art geben, er kann nur 
seinen guten Willen anbieten, d. h. seine 
Bereitwilligkeit das zu erfüllen, was Kari 
von ihm wünscht. — gemmas Indicosqui 
lapides: vgl. XXVI 6 Indica gemma; 
Anh. 112 et rutilat vario Indus honore 
lapis. Damit kann der Beryll gemeint sein 
(vgl. Isid. Etymol. XVI cap. 7 Beryllus in 
India gignitur, gentis suae lingua nomen 
Habens) oder auch die Perle, vgl. Plin. 
nat. bist. IX 106 culmen omnium rerum 
pretii margaritae tenent. Indicus maxime 
has mittit oceanus. 

9 nectar quod flagrat optime: Die 
Verwechslung von fragrare, f lagrare und 
auch fraglare findet sich in den Hand- 
schriften sehr häufig (vgl. Poet. I 3 v. 8; 
98 V. 14; 128 v. 67, 133 Str. 3 u. 5; Index 
zu Poet. III). Hier erwartet man frag- 
rare, vgl. Poet. I 261 v. 34 et totum 
redolet pectus amore dei; Poet 1 79 
V. 9 Romanis blando quantum frag- 
lavit (flagravit G) amore. Die Ver- 
wendung von flagrare, wenn von Liebe 
die Rede ist, lag näher; vgl. auch Grab- 
schrift Hildrichs XXXVI v. 33 nectareus 
et pacis amor. — non de litteris cap- 
tamus laudem: Paulus will sich nicht 
durch wissenschaftliche Tät^keit Be- 



Antwort des Paulus. 



67 



10. Nee me latet, sed exulto, quod pergat trans maria 
vestra, rector, et capessat sceptrum pulchra filia, 
ut per natam regni vires tendantur in Asiam. 
Si non amplius in illa regione clerici 
Graecae proferent loquellae, quam a me didicerint, 
vestri, mutis similati deridentur statuis. 
Sed omnino ne linguarum dicar esse nescius, 
pauca, mihi quae fuerunt tradita puerulo, 
dicam; cetera fugerunt iam gravante senio: 



11 



12. 



11,2 proferent Traube, proferunt P 
aus i corr, P \\ 12,1 dica P. 



rühmtheit verschaffen, sondern nur Gott 
dienen. Diese Worte bilden die Erwide- 
rung auf XII 10: nunc surrexit gloria, — 
laudem gloriae: Ahnliche Ausdrucks- 
weisen sind in der karolingischen Zeit 
häufig, vgl. Index zu Poet. UI unter 
abundantiae exempla. 

10 gibt die Antwort auf XII, 11. — 
ut per natam regni vires tendantur: 
Paulus schließt sich in dieser Strophe 
enge an die Worte Karls an, setzt aber 
statt iubente Christo, worauf Bezug zu 
nehmen ihm eigentlich näher lag, den 
wahren Grund und beweist dadurch, daß 
er die politischen Verhältnisse wohl im 
Auge behalten hat 

1 1 proferent wurde in Rücksicht auf 
didicerint und deridentur (vgl. Bem. zu 
Str. 3) eingesetzt. 

12 dicar esse nescius: Da die 
überlieferte Lesart dicam esse nescius 
nicht dem Sprachgebrauch des Paulus 
entspricht, so wurde die auch inhaltlich 
mehr entsprechende dicar gewählt Da- 
mit man nicht sage, er habe überhaupt 
keine Sprachenkenntnisse besessen, so 
fügt er die lateinische Obersetzung fol- 
genden griechischen Epigramms {^Xdxxov 
Anth.Pal.VlI542) bei: 

"Eßgcv x^^fi^gioig dzcdog xqv/äoToi dt&ivxog 
HOVQOi oXio^QoTg Tioöoivi&QavoBJtdyoVf 
xov TtOLQaovQo/iivoto nBQiQ^yeg avx^* 
ixoxpev 



loquillae P \ dedlcerint das erste e 



^yaXiov jiOjafwO Biaxovloio rgvipog, 
5 Kcu To fiev ^QJioü&ri divoug /ligog' rj de 
xsxovoa 

Xetq^ev vjte^e id^qt /4o€vcv i^xB 
xaga, 
MvQo/iivr] de tdXcuva 'xixog, xixog* ehu 
'z6 fUy acv 

TWQxoii^, t6 di aov jitxQov i&ayfev tfdtOQ.' 
Paulus kann damit nicht etwa den Be- 
weis liefern wollen, daß er imstande sei 
ein griechisches Original in poetischer 
Form zu übersetzen, sondern nur, daß er 
in seiner Jugend die bereits lange vorher 
übersetzten lateinischen Verse kennen 
gelernt habe. Die Worte pauca, mihi 
quae fuerunt tradita puerulo, dicam etc 
sagen, daß er das Gedicht aus der Er- 
innerung wiedergibt, das ihm einst sein 
Lehrer vorlegte, und daß ihm nicht 
alles mehr im Gedächtnis geblieben ist 
— iam gravante senio: Damit ist nur 
gesagt, daß er sich schon alt fühlt Da 
sein Geburtsjahr nicht überliefert ist, 
so kann man nur unbestimmte Angaben ' 
machen. Nehmen wir an, daß er als Gast 
an der königlichen Tafel (Hist. Lang. II 28) 
des Ratchis, der 744 zur Regierung kam, 
mindestens 18 Jahre alt war, dann fällt 
seine Geburt ungefähr ins Jahr 726 und 
er war demnach bei Abfassung dieses 
Gedichtes (783) bereits 57, im Jahre 786, 
wo er nach Montecassino zurückkehrte, 
60 Jahre. 

5* 



68 



Karl Ndf, Gedichte des Paulus Diaconus. 



DE PUERO QUI IN GLACIE EXTINCTUS EST. 
Trax puer adstricto glacie dum ludit in Hebro, 

Frigore concretas pondere rupit aquas. 
Dumque imae partes rapido traherentur ab amni, 

Praesecuit tenerum lubrica testa caput 
Orba quod inventum mater dum conderet uma, 

*Hoc peperi flammis, cetera,' dbdt, 'aquis'. 



Vgl die handschriftliche Oberlieferung bei Baehrens, Poet lat min. IV ICB 
und Riese, Anthol. lat' Nr. 709 S. 174. Demnach sind zwei Versionen zu unter- 
scheiden, die eine vertreten durch einen cod. Bellovacensis = IT, die andere, Ucr 
wiedergegebene durch P, 

1 dum ludit in Hebro] cum luderet Hebro W \\ 2 concretas] frenatas Wl 

3 dumque] cumque W \ rapido traherentur ab amni] fundo raperentur ab imo W\ 

4 praesecuit tenerum] abscidit a iugulo IT || 5 orba quod] quod mox W \ nni] 
igni IT II Bei IT finden sich noch die Verse: 

Me miseram! Plus amnis habet solumque reliquit. 
Quo nati mater nosceret interitum. 



Aus Strophe 12 geht hervor, daß 
wir keine selbständige Arbeit des Paulus 
vor uns haben, wie Riese a. a. O. und 
M. Rubensohn behaupten (Neue Jahr- 
bücher für Philol. und Pädagogik CXLVU, 
1893, S. 764: .Eine Übersetzung des 
Paulus Diaconus aus der griechischen 
Anthologie"). W überliefert wohl die 
ursprüngliche Übersetzung, wie sie Pau- 



lus in der Schule kennen lernte, P die 
von ihm aus dem Gedächtnis nieder- 
geschriebene. Daher die Vertausdrang 
des cum mit dem ihm geläufigeren ilni, 
daher die Änderung in v. 3, die beweist, 
daß ihm nur noch der Klang im Ohre 
geblieben war, daher das Fehlen des 
letzten Distichons. 



XIV. 
Brief an Theudetnan 

*Wenn ich auch räumlich getrennt bin, weilt mein Herz doch 
stets bei Euch und die Erinnerung an all das, was ich verlassen 
mußte, erfüllt mich mit Wehmut (1 — 15). Trotz der guten Aufnahme, 
die ich überall fand, erscheint mir der Palast wie ein Kerker und ich 
sehne mich nach dem Frieden Eures Klosters (16 — 26). Nichts soll 
mich abhalten zu Euch zurückzukehren, sobald der Herr des Himmels 
von mir die Nacht der Trauer und von den Meinen das Joch der 
Knechtschaft wegnimmt und mir die Gnade des Fürsten dazu die 
Eriaubnis gibt. Betet für mich zu Benedikt, daß Gott mich bald 
heimsende (27 — 43). 

Schreibt mir, wie es Euch und den Brüdern geht, welchen Zu- 
wachs ihr bekommen und wen ihr durch Tod verloren habt (44 — 58).' 



Der Brief entstand im Jahre 783, wo Kari in Diedenhofen sein 
Hoflager hatte (vgl. Abel I 414 Anm. 3) und zwar, wie aus der 
poetischen Nachschrift hervorgeht, am 10. Januar. Diesen inhaltlich 
und auch formell dem Gedicht XIII ganz nahe stehenden Brief reihe 
ich nach nochmaliger Vergleichung des Parisinus lat. 528 hier an, 
weil sich Paulus hier gegenüber dem vertrauten und verehrten Mann, 
an den er den Brief richtet — es ist Theudemar, der Abt von Monte- 
cassino (778 — 797) — , offener ausspricht als in seinem poetischen 
Antwortschreiben an den König und dadurch einen tieferen Einblick 
in die Stimmung tun läßt, die ihn in den ersten Zeiten seines Auf- 
enthaltes am königlichen Hof beherrscht. 



70 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

Einst war ihm die Zelle in Montecassino als Kerker und Ver- 
bannungsort erschienen (vgl. Bern, zu den Gedichten VI u. VIII), jetzt 
sehnt er sich nach ihr zurück. Dieser Umschwung der Stimmung 
ist nicht nur dadurch zu erklären, daß Paulus während seines un- 
gefähr achtjährigen Aufenthalts sich in die klösterlichen Verhältnisse 
eingelebt und sie liebgewonnen hatte (sehr anmutig ist die Art, wie 
er im Geiste an den einzelnen Obliegenheiten der Kommunität teil- 
nimmt [22 — 26]), sondern besonders durch den Kontrast seines 
gegenwärtigen Lebens mit dem damaligen. 

Da Karl mit rastlosem Geiste auf allen Gebieten des Staats- 
lebens, vor allem in kirchlichen und wissenschaftlichen Dingen durch- 
greifende Umgestaltungen und Verbesserungen vornahm, so stellte er 
auch an seine Umgebung die größten Anforderungen und es ist kein 
Zweifel, daß besonders Paulus wegen seiner vielseitigen Bildung ihm 
bei der Durchführung seiner Maßnahmen mit Rat und Tat behilflich 
sein mußte. Wie oft mag ihn wohl gerade in der ersten Zeit, wo 
der Grund zur Hebung des wissenschaftlichen Lebens gelegt werden 
sollte, Karl veranlaßt haben sich schriftlich oder mündlich über be- 
stimmte Punkte zu äußern oder zur Belehrung des Königs und zur 
Klärung strittiger Punkte mit einem anderen Gelehrten zu disputieren 
oder zur Unterhaltung Gelegenheitsgedichte zu machen und zwar in 
einer Zeit, wo Paulus nicht die entsprechende Stimmung hatte. Nimmt 
man dazu die anstrengende Lehrtätigkeit, die er, wie alles andere, 
mit um so größerer Gewissenhaftigkeit ausübte, als er dadurch eher 
für seinen Bruder die Gnade des Königs zu erringen hoffte, so be- 
greifen wir, wenn ihn eine unwiderstehliche Sehnsucht nach der be- 
schaulichen Stille und Ruhe des Klosters ergriff und er an seinen 
Abt die Worte schrieb: Ad conparationem vestri coenobii mihi pah- 
tium carcer est, ad conlationem tantae, quae apud vos est, quietis 
hie mihi degere tempestas est. 

Auch hier sagt er deutlich, daß er bei seinem Aufenthalt nur 
den Zweck verfolge die Befreiung seines Bruders zu erwirken und 
daß er, unbeeinflußt durch die glänzenden Aussichten, die ihm ein 
Bleiben am Hofe eröffnete, heimkehren wolle, sobald es möglich sei. 
Dabei aber verschweigt er nicht, daß Kari sich ihm gnädig zeigte. 



Brief an Theudemar. 



71 



AMABILLIMO ET TOTIS MIHI PRAECORDIIS DILECTO 

DOMINO MEO, PATRI ABBATI THEUDEMARI, PAULUS 

PUSILLUS FILIUS SUPPLEX. 

Quamvis prolixa terrarum spatia corpore tenus a vestro con- 
sortio dividant, iungit me tarnen utcumque vestro coetui tenax et 5 
quae dividi numquam potent Caritas, tantusque singulis paene mo- 
mentis me vester meorumque seniorum et fratrum amor excruciat, 
quantum nee epistolaris valet relatio nee pagellarum exponere bre- 
vitas. Cum enim menti subeunt occupata tantum in divinis operibus 
otia ac mei statio hospitioli gratissima, cum vester pius et religiosus lo 
affectus, cum sancta tantorum Christi militum divinis cultibus insudans 
caterva, cum singulorum fratrum in diversis virtutibus exempla ful- 
gentia, cum dulcia supemae patriae perfectionum coUoquia, haereo, 
stupeo, langueo nee inter imo pectore tracta suspiria retinere lacrimas 
possum. 15 

Inter catholicos et christianis cultibus deditos versor; bene me 
omnes accipiunt, benignitas mihi affatim amore nostri patris Benedicti 
et vestris meritis exhibetur; sed ad conparationem vestri coenobii 
mihi palatium carcer est, ad conlationem tantae, quae apud vos est, 
quietis hie mihi degere tempestas est. Solo ab hac patria debili w 
corpusculo teneor, tota, qua solum valeo, mente vobiscum sum. 
Videorque mihi nunc suavibus nimium vestris interesse concentibus, 
nunc consedere satiandis in caenaculo plus lectione quam cibo, nunc 



INCP EPISTOLA P /. 127. 

6 pene (häufig e statt ae; P \\ 9 diuinis] u auf Rasur P || 14 imo 
aber i stehen zwei Punkte und darüber ein Budistabe wie i P \ retenere P \\ 
16 deditos aus deditus corr, P || 17 benignitas Traube, benigniter P, 



3 — 10 pusillus filius supplex vgl. 
Anm. zum Anfang des Briefes an Adel- 
perga (HI). — quae dividi numquam 
poterit Caritas: Ahnlicher Gedanke bei 
Alcvin M. G. Epp. IV 53, 11. — occu- 
pata tantum in divinis operibus otia: 
In diesen Worten liegt, daß seine Tätig- 
keit am Hofe meist weltlichen Dingen 
gewidmet war. — cum vester: Die Ana- 
phora tritt in diesem Brief besonders 
häufig auf, vgl. 22, 27, 34. 



11—14 sancta Christi militum ca- 
terva vgl. 27 Sacra et venerabilis pha- 
lanx; VI v. 147 u. 148 sancta phalanx. — 
inter imo pectore tracta suspiria vgl. 
Ovid. Met. X 403 suspiria duxit ab imo 
pectore. 

21 — 26 tota, qua solum valeo, mente 
vgl. Brief an Adalhard XXXI inter- 
ioribus oculis, quibus solis valeo. — ad 
instar auch sonst von Paulus gebraucht 
Gest. epp. Mett. SS. U267; Hist Lang. 
114; IV 47. 



72 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



singulorum considerare in diversis officiis studia, nunc gravium iam 

35 senio seu languidorum, quomodo quisque valeat, perdiscere causas, 
nunc ad instar mihi paradisi dilecta sanctorum terere limina. 

Crede, pater et domine, crede sacra et venerabilis phalanx, solo 
me affectu misericordiae, solis pietatis predbus, solis animae hie 
profectibus ad tempus detineri; et, quod bis est amplius, tranquilli 

ao nostri regis et domini potestate. Ceterum quam primum valuero et 
mihi caeli dominus per pium principem noctem maeroris meisque 
captivis iuga miseriae demiserit, si tamen quomodocumque demen- 
tissimi prindpis iocundum quivero emereri permissum, mox ad vestra 
consortia nulla alia, vita comite, detentus occasione repedabo. NuUae 

35 me, credite, divitiae, nulla praedia, nulla flaventis metalli copia, nullos 
quorumlibet affectus a vestro poterunt separare collegio. 

Te itaque, pater dulcissime, vosque, o carissimi patres et fratres, 
inploro, pro me continue beatissimum communem patrem et prae- 
ceptorem poscere dignamini Benedictum, ut suis apud Christum ob- 

40 tineat meritis, ut me quantocius dignetur reddere vobis. Spero equi- 
dem in deo nostro, qui numquam in bonis patitur desideriis quem- 
quam fraudari, quod me secundum anhelantis mei cordis desiderium 
vobis citius restituat cum congruo fructu. 



26 terrere P \\ 27 phallanx P \\ 28 me] mea P \ precibus Waitz, patri- 
bus P, visceribus Lebeuf \\ 29 ' deteneri P \ tranquilli Dahn, tranquill a P \\ 
31 meis qua P \\ 34 decentus P || 35 me credite nicht lesbar P \ flaventis am 
labentis corr. P \\ 36 a vestro] auexo P \\ 39 obteneat P \\ 40 quantotius P. 



27 — 29 solo me affectu misericordiae: 
In diesen Worten gibt er deutlich an, 
was ihn noch festhält, nämlich das Ge- 
fühl des Mitleids für die Seinen, ihre 
Bitten und der Gewinn, den er durch 
ihre Befreiung für seine Seele erringt; 
damit kann er seine innere Ruhe meinen 
oder das angenehme Gefühl anderen 
Gutes getan zu haben. — tranquilli 
nostri regis et domini potestate: Daß 
Karl ihn nicht fortlassen will, ist deutlich 
auch in XII 6 u. 8 ausgedrückt; vgl. auch 
XIII 9 ancora me sola vestri hie amoris 
detinet; man beachte auch, daß er Karl 
immer den gnädigen Fürsten nennt (trän- 
quillus, pius, clementissimus) . 

31 — 35 mihi noctem maeroris meis- 
que captivis iuga miseriae: Mit der Be- 



freiung der Gefangenen schwindet auch 
seine Trauer, vgl. zum Gedanken XXI 
V. 12 taetro maerore relicto; v. 9 quod 
tepost tenebras fecit cognoscere lumen, — 
nulla flaventis metalli copia: Diese wört- 
lich in XIII 7 von Paulus gebrauchten 
Worte bestätigen die nahen Beziehungen 
zwischen diesem Gedicht und unserem 
Brief. 

40 — 52 ut me quantocius dignetur 
reddere vobis: In den prosaischen Schriften 
des Paulus finden sich nicht sehen Vers- 
schlüsse oder ganze Verse, vgl. Neff, 
De Paulo D. Festi epitomatore p. 8. — 
cum congruo fructu: Mit dem ent- 
sprechenden Erfolg meint er die Be- 
freiung der Gefangenen. — pro nostris 
dominis eorumque exercitu: Es ist nicht, 



Brief an Theudemar. 



73 



Superfluum vobis aestimo, ut effundatis preces pro nostris 
dominis eorumque exercitu, scribere, cum sciam vos in hoc ipso 45 
semper insistere; pro domno illo abbate, sicut et facitis, Christum 
deposcite, cuius hie singulari post principalem munificentiam nutrior 
largitate. Tanta mihi, carissimi, vestra illuc copia existit, ut, si velim 
vos singulariter nuncupare, tota haec vestris nominibus pagina non 
possit sufficere. Unde generaliter omnibus et opto et scribo salutem, 60 
obsecrans, ut non obliviscamini mei. Te vero, mi domine et vene- 
rabilis abba, seu quicumque es, nonne praeposite, peto, ut mihi scribi 
faciatis de vestra fratrumque salute, vel quales vobis fructus praesens 
annus adtulerit; utque eorum fratrum mihi dirigatis cum nominibus 
numerum, qui mundanis exuti vinculis migrarunt ad Christum. Nam 55 
plurimos obisse audio; sed nominatim nonnum illum, qui, si vere ita 
est, mei cordis partem non modicam abstulit secum. Vale, pater 
sandissime, et memor esse dignare filioli tui. 

lam fluebat decima de mense diecula lani, 

Margine de vitreae cum sum directa Mosellae. ^ 

Cum patre mellifluo, fratres, sine fine valete! 



48 ex istit P \ ut aus et corr. P \ uellim P || 56 nominatim] zwischen t 
und i eine Rasur P \\ 59 diecula] deicola? P || 60 mosellae fast ganz ver- 
wischt P. 



wie Dahn S. 31 will, an Karl und seine 
Söhne Pippin und Ludwig zu denken, 
da diese seinem Herzen noch ferne stehen 
und ihm noch als die Feinde seines 
Vaterlandes und seiner Familie erscheinen. 
Er bezeichnet damit Abte oder Kloster- 
vorstände mit ihren Mönchen, vgl. XIV 1 1 
sancta Christi militum caterva. — dom- 
no ilL: Möglicherweise stand an Stelle 
des ///. der Name Adalhards, des Abtes 
von Corbie an der Somme, der infolge 
seiner Bekanntschaft von Montecassino 
her sich jedenfalls des Paulus annahm, 
als er am Hofe Karls erschien (vgl. Vor- 
bem. zu XXXI). — seu quicumque es, 
nonne praeposite: Schon L^beuf erschie- 
nen diese Worte auffällig und er änderte 
deshalb quocumque es nomine. Bethmann 
nimmt an, daß dies ein Zusatz ist, der 



nachträglich gemacht wurde, als man den 
Brief für die Klosterschule als Muster ab- 
schrieb. Dem Schüler sollte gesagt werden, 
daß er, wie hier Paulus seinen Abt anredet, 
er die Anrede zu wählen habe, die seinem 
Adressaten zukommt. Man kann auch 
denken, daß Paulus, lange ohne Nach- 
richt von Montecassino geblieben, die 
Möglichkeit nicht ausschließen will, daß 
an Theudemars Stelle, der abwesend oder 
gestorben sein könnte, ein anderer älterer 
Bruder den Brief in Empfang nimmt. 

53 quales fructus: Paulus erkundigt 
sich, wie der Zusammenhang ergibt, nicht 
nach der Ernte, sondern nach dem Zu- 
gang neuer Mönche. 

59 fiuibat: vgl. die Anm. zu X 6. — 
Die Verse bilden gleichsam die Adresse 
zu dem Brief, vgl. XXXIX. 



XV. 
Grammatische Rhythmen. 

In diesen beiden rhythmischen Gedichten werden 40 Perfekt- 
formen der vier Konjugationen aufgezählt und zwar so, dafi das 
IL Gedicht einen Naclitrag zum I. liefert. 

Sie sind in der Pariser Handschrift lat. 7530 (Q) überliefert, 
wo f. 5^ eine prosaische Abhandlung de speciebus praeteriti perfecü 
beginnt. Daran schließt sich t?" der I. abecedarische Rhythmus. 
Ihm folgt f. 8 ein II. aus 10 Strophen bestehender, deren Anfänge 
die Worte Paulus feci bilden. 

Schon die ersten Herausgeber (Nouveau traite de diplomatique 
I 293), dann Dümmler (Poet. I 625) und Traube (Neues Archiv XV200) 
erkannten darin ein Werk des Paulus Diaconus, denn dieser be- 
schäftigte sich viel mit grammatikalischen Studien (vgl. die Ausgabe 
seines dialogisierten Donat von Amelli, Montecassino) und war am 
Hofe Karis auch als Lehrer der Grammatik tätig. Er ist femer der 
Verfasser andrer rhythmischer Gedichte und verwendete auch sonst die 
Form des Akrostichons (II und XVI). 

Das wichtigste Beweismittel bietet aber die handschriftliche Ober- 
lieferung. Die in beneventanischer Schrift geschriebene Pariser Hand- 
schrift stammt ohne Zweifel aus Montecassino und P. Lejay (Revue 
de Philologie XVIII 42 — 52) veriegt ihre Abfassungszeit ins Jahr 779. 

Traube bezweifelt aber, daß der Parisinus mit den Rhythmen 
des Paulus ^sous ses yeux ou du moins par ses ordres" entstanden 
sein könne, da er dafür zu fehlerhaft geschrieben sei; er hält es für 
möglich, daß er aus einer älteren Voriage vom Jahre 779 abgeschrieben 
wurde (Traube, Textgesch. S. 112). Zur Entscheidung dieser Frage 
ist zunächst festzustellen, daß die Darstellung in formeller und inhalt- 
licher Beziehung die Annahme zweier Verfasser fordert und der 
I. Rhythmus nicht von Paulus verfaßt sein kann. 



Grammatische Rhythmen. 



75 



Da er nichts anderes ist als eine rhythmische Bearbeitung der 
Grammatik des Diomedes, so halte ich es für sehr wahrscheinlich, 
daß er erst entstand, als Adam die Bibliothek Karls mit einer Ab- 
schrift der Grammatik des Diomedes bereicherte, wofür er mit der 
Abtei Wasmünster belohnt wurde (Poet. I 93 c. VI), also nicht vor 780. 
Weil nun Karl im nämlichen Jahre die wissenschaftlichen Studien an 
seinem Hofe neu belebte, so liegt der Gedanke nahe, daß der um die 
gleiche Zeit von ihm berufene Grammatiker Petrus von Pisa, sein 
Lehrer in der Grammatik, im Jahre 781 den Diomedes rhythmisch 
behandelte um ihn dadurch leichter zu Lehrzwecken verwenden zu 
können. Als aber Paulus Diaconus im Jahre 782 an den karolingischen 
Hof kam und seine Lehrtätigkeit begann (vgl. XII 7 cum grammaticae 
Latinis fecundare rivulis non cesses), verfaßte er den IL gramma- 
tischen Rhythmus, das Resultat eigener Studien, zur Ergänzung des I. 
Beide bildeten dann als ein Ganzes die Grundlage für die grammati- 
kalischen Unterweisungen am Hofe. Als Paulus wieder nach Monte- 
cassino zurückgekehrt war, also nach 786, wurde die Abschrift ge- 
macht, die wir im Parisinus vor uns haben. Verlegt man mit P. Lejay 
die Entstehung unserer Rhythmen in das Jahr 779, in dem Paulus 
Diaconus noch als Verbannter in Montecassino lebte, so könnten wir 
folgern, daß er schon hier als Lehrer der Grammatik tätig war. 
Die vielen Fehler, die sich in beiden Rhythmen und besonders im 
I. finden, lassen es aber als vollkommen ausgeschlossen erscheinen, 
daß wir im Parisinus eine erste Niederschrift oder etwa das Hand- 
exemplar des Paulus haben. 



1. Adsunt quattuor in prima iunctione species: 
'a' ex eis prima habet in perfecto tempore, 
una syllaba plus, ut est famulavi famulo. 

2. Bino loco constituta est secunda species, 
quae 'a' vitat et in solam 'i' vocalem desinit 
sine Ulla consonante, ut est sono sonui. 



1 vgl. Diomedis art. gramm. I (Gramm, 
lat. ed. Keil I 364, 15 (Coniugationis 
primae temporis perfecti formae sunt 
quattuor , . , prima est, in qua semper 
'a' inest et una abundat syllaba . . . 



famulo famulavi, 

2 Diom. p. 365, 25 Secunda forma 
est, quae ... 'a* libentius vitat et in 'V 
litteram purum desinit nulla duce con- 
sonante, ut est sono sonui. 



76 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



3. Continetur isto modo tertia iam species, 
alebh litteram non habet atque eius syllabae 
iteratio fit, sicut obsto obstas obstiti. 

4. Dicam <iam> de forma quarta, quae sie solet fieri: 
in *vi' syllaba finitur, sed transacto tempore 
prima brevis prolongatur, lavo lavi <sic>ut est 

5. Ecce quinque formis adest secunda coniunctio, 
cuius prima in 'i' cadit absque consonantibus, 
cuius tale est exemplum: splendui et splendeo. 

6. Forma sequitur secunda, quam si cupis discere, 
mox dicemus: est conepta instanti in tempore, 
sed producitur perfecto, sedeo ut sedi est 

7. Genus tertiae iam modo formulae dicendum est: 
terminatur 'i', sed prima geminata syllaba, 

ut est spondeo spopondi, quae perit conposita. 

8. Hinc iam quartae prosequamur ordinem speciei, 
cuius terminum 'si' tenet ultima conplexio, 
haereo ut est et haesi et arsi et ardeo. 

9. Inde quinta in 'xi' exit, ceu ruxi luxi est 
Vidi quoque sive prandi aut nullius formulae 
verba sunt aut sextam sibi vindicabunt speciem. 



3,2 atque eius] et eiusdem Dammler \\ 4,1 iam fügte Dämmler ein \\ 
4,3 brebis Q \ labo Q \ ui Q, sicut Dämmler || 5,1 coniugatio Q, corr. Dämmler \\ 
6,1 qua si Q || 7,3 spopondiq Q, corr. Dämmler \\ 8,3 et hes. Q \\ 9,1 exit] exi Q. 



3 atque eius syllabae: nämlich die- 
jenige Silbe, die 'a' nicht hat. Es ist 
nicht nötig mit Dümmler et eiusdem 
syllabae zu schreiben; vgl.Diom.p.366,7 
Tertia forma est, qua *a' littera eximitur 
et iteratio syllabae fit, ut , . . obsto 
obstiti. 

4 Diom. p. 366, 17 Quarta species 
in 'vi' quidem syllabam desinit, sie ta- 
men ut prior syllaba, quae in praesenti 
correpta fuerat, perfecto tempore pro- 
ducatur, ut lavo lavas lavi. 

5 Diom. p. 366, 21 Secundae con- 
iugatio nis formae sunt quinque: prima 
est, quae in *i litteram cadit nulla duce 
consonante, splendeo, splendui. 



6 Diom. p. 366, 31 Secunda forma 
est, qua prima syllaba ex correpta per- 
fecto producitur, sedeo sedi, 

7 Diom. p. 366, 33 Tertia forma 
est, quae desinit quidem in T litteram 
praepositis consonantibus variis, sed 
inceptiva verbi littera sive syllaba ge- 
minata, ut . . . spondeo spopondi . . .; 
adiecta vero praepositione geminatio 
cessat syllabae. 

8 Diom. p. 367, 5 Quarta forma est, 
quae desinit in *si' syllabam, ut . . , 
ardeo arsi, haereo haesi. 

9 ceu ist zweisilbig zu lesen, vgl 
oben S. 65 (Anm. zu XIII); es ist aber 
nicht ausgeschlossen, daß ruxi vel luxi 



Grammatische Rhythmen. 



77 



10. Koniugationis novem tertiae sunt species, 
coniugationis primae quarum prima quidem est: 
alfam habet in 'vi' cadens, pasco pavi quäle est. 

11. Lucide dicamus eia de secunda specie: 
multiformis haec M' tenet nulli iunctam grammati; 
colo colui, exemplura si requiras, istud est 

12. Modus tertiae iam formae a nobis dicendus est, 
cuius inceptiva semper syllaba gemella est, 

ut est pungo et pupugi, nam et punxi lectum est 

13. Namque quartae normae <modus> non praetereundus <est>, 
cuius clausulam supremam *es' et *iota' retinent: 

ludo lusi hoc utuntur exemplo grammatid. 

14. Optat si quis quintam scire, sensum huc accomodet: 
in 'xi' longa haec desistit, ut cinxi vel coxi est, 
sunt et alia, quae versus non valet recipere. 



10,1 Koniugationis] g auf Rasur Q \\ 10,3 habens in ui cadens Q, habens 
in 'vi' cadit Dammler \\ 11,2 multiformem Q \\ 12,1 est] dicendus eius Q, com 
Dammler \\ 12,2 syllaba] b auf Rasur Q \ gimella Q \\ 13,1 modus und est 
von Dämmler hinzugefügt || 13,2 clausula Q \ iotam Q \\ 13,3 lusi] lud! Q, 
corr. Dammler, 



est die richtige Lesart ist, vgl. 14, 2 in 
'xV longa haec desistit, ut cinxi vel 
coxi est; Diom. p. 367, 10 Quinta forma 
est, quae extrema syllaba in *xV litteras 
cadit ut , , . rugeo ruxi, lugeo luxi . . . 
Duo sane verba video etprandeo, quae 
nullius formae regulam servant, aut 
rede excipientur aut sextam sibi for- 
mam vindicabunt, ut video vidi, prandeo, 
prandes prandi. 

10 alfam habet in vi cadens: diese 
Lesart wurde besonders in Rücksicht auf 
3,2 und auf die Stelle bei Diom. p. 367, 18 
gewählt: Coniugationis tertiae , . . for- 
mae sunt novem, Prima est, quae desinit 
quidem in *vi' syllabam, sed ... 'a' 
habet . . . ut pasco pavi. 

11 multiformis haec sc, species: Wie 
vielgestaltig diese Art ist, ersieht man 
aus den bei Diom. p. 367, 21 angegebenen 
Beispielen: Secunda forma in 'i' purum 



litteram desinit, ut . . . colo colui , . , in- 
cumbo incubui, consulo consului, pecto 
pexui, pono posui, gigno genui. 

12,3 nam = sed (vgl. 13,1; 20,2). 
Diom. p. 367, 28 Tertia forma est, quae 
desinit in *V quidem litteram appositis 
variis consonantibus , sed inceptiva 
verbi littera sive syllaba geminata in 
hunc finiuntur modum . . . pungo pu- 
pugi , . , sed et punxi dicimus, 

13,2 Diese Lesart findet ihre Be- 
stätigung in 8,2 cuius terminum 'sV tenet 
ultima conplexio und in 22,2 eius sigma 
atque iota retinent finem; iota wird nicht 
dekliniert (22,2 u. 23,2); Diom. p. 369, 1 
Quarta forma est, quae desinit in 'si' 
syllabam, ut , , , ludo lusi, 

14 Diom. p. 369, 9 Quinta forma 
est, quae desinit in 'xi' syllabam, ut , 
coquo coxi, cingo cinxi. 



78 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



16, 



17 



15. Post haec suo sexta loco formula conexa est, 
quae *vi' syllaba finitur <in perfecto tempore, 
ut est cupio cupivi et sapivi sapio>. 

Quo na<m> ter<ininetur modo septima iam praedico). 
<Cui>us ter<minum 4' tenet), 'e' sedet in limine, 
et ex agili pigriscit, capio ut cepi est 

Rite sequitur octava, quam concludit littera 
consonantibus 'i' iuncta, uti verto verti est 
Oritur haec <in> instanti a persona media. 

18. Superest, ut nona harum scribatur posterior, 
cuius semper bis pulsatur ultima conplexio, 
ut est abdidi <et abdo) sie dictum accipimus. 

19. Transeamus hinc ad quartam quam nonnuUi nominant 
coniugationem: formis haec ex quinque prima est, 
quae ut garrio ganivi in <per>fecto duplex est. 

20. Venit iam secunda forma, textus tum vicesima, 
'ui' namque terminatis modus litteris sonet, 

ut est volo voluique, malo atque malui. 



15,2—3 und 16,1—2 diese Zeilen in Q fast gämlich zerstört \\ 16,2 in 
limine resedet (et?) Q || 16,3 coepi Q \\ 17,1 sequuntur Q \\ 17,2 consonantibus] 
b ist nur undeutlich zu erkennen Q \ consonanti iota Dämmler \\ 17,3 in- 
stanti (?, ab instanti Dämmler || 18,3 et abdo fügte Traube ein \\ 19,3 inlecto Q, 
corr. Dämmler || 20,1 venit] i zwisdien n und t daräbergesdirieben Q \ forma 



15 Diom. p. 369, 25 Sexta forma 
est, quae desinit in 'vi' syllabam, ut 
cupio cupivi, sapio sapivi et sapui. 

16 in limine = initio vgl. VII 3 
aetatis ipso limine. — ex agili pigriscit — 
4,3 brevis prolongatur; Diom. p. 370, 2 
Septima forma est, quae desinit in 'i' 
quidem litteram, ita tamen ut instantis 
syllaba prima correpta perfecto tempore 
producatur, ut , . , capio cepi, 

17 in instanti vgl. 6,2 instanti in 
tempore: Diom. p. 370, 10 Octava forma 
est, quae desinit in '/' quidem litteram, 
ita tamen ut a secunda persona in- 
stantis temporis venire videatur, ut , . , 
verto verti. 

18 Diom. p.370, 12 Nona forma est. 



quae desinit in 'di' syllabam, ita tamen 
ut iteratio mediae syllabae fiat .,. ab- 
do abdidi, 

19 Diom. p. 370, 24 Coniugationis 
tertiae productae, quam quidam quartam 
nominant, formae sunt quinque, Prima 
est , , . ut garrio garrivi garrii. — Dio- 
medes teilt wie Donat und Probus die 
3. Konjugation in die mit kurzem und 
langem 'is' in der 2. Pers. Sing., Priscian 
spricht nur von vier Koniugationen. Diese 
werden seit Diomedes an amo doceo 
lego audio gelernt (vgl. Baebler, Beiträge 
zu einer Geschichte der latein. Gram- 
matik im Mittelalter S. 60). 

20 '«/' namque terminatis litteris 
vgl. 7,2 terminatur '/'; II 2,1 *io' iermi- 



Grammatische Rhythmen. 79 

21. X. in tertia in *eo' vocalibus desinit, 

quae ut prima in *vi' exit nee tarnen bifida est: 
est exemplum eo ivi et queo similiter. 

22. Ymnum Christo decantantes quartae textus formulae 
scripti tenus, eius sigma atque iota retinent 
finem, farcio et farsi ut solemus dicere. 

23. Zeta tandem adtingentes, nunc supremae formulae, 
quae 'x' habet ante iota, depromendus ordo est, 
ut est sanxi: Diomedes sie de his locutus est. 



textus tum vicesima] formam tous tu uicesima Q, forma totius vicesima Dümmler, 
in textu vicesima Traube |l 20,2 nonaque terminaris litteris modus resonet Q, in 
'ui' qui terminatis litteris modus sonat Dämmler, in 'ui' qui terminatis modus sonat 
litteris Meyer, in 'ui'que terminalis litteris quo 'u' sonet Traube || 20,3 uoluiqu^ Q \ 
atquf Q II 21,1 desinit vocalibus Dämmler \\ 22,1 textu Q \\ 22,2 scriptotenus 
Dämmler \ sima Q \\ 22,3 farsio Q || 23,1 adtengentes Q. 



natas formas, 3,1 'm terminatur; Diom. 
p. 371, 3 Secunda forma est, quae de- 
sinit in 'i' litteram purum, ut volo volui, 
malo maluL 

21 vocalibus desinit: Trotz des Wi- 
derstreites zwischen Rhythmus und ge- 
wöhnlicher Betonung ist diese über- 
lieferte Stellung beizubehalten, vgl. 12,3 
pungo et pupugi; 21,2 bifida est. Diom. 
p. 371, 4 Tertia forma est, que desinit 
in *vi' quidem syllabam ad similitudinem 



primae formae ., ,ut queo quis quivi, . . 
eo ivi. 

22 decantantes: Der gleiche Ge- 
brauch des Part. Rel. wie 23,1 adtingentes, 
— eius sc. formulae. — Diom. p. 371, 13 
Quarta forma est, quae desinit in 'sf 
syllabam, ut farcio farsL 

23 Diom. p. 371,15 Quinta forma est, 
quae desinit in 'xf syllabam, ut sancio 
sanxi. 



1. Post has nectit subsequentes in secunda species 
septimam atque octavam sapientum Studium, 
ut est deleo delevi, gaudeo gavisus sum. 



1,1 species Q, specie Dümmler \\ 1,2 optavam Q. 

1 in secunda sc. iunctione vgl. 2,1 species nectit subsequentes. 
ad correptam tertiam; verbinde post has 



80 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



2. Addunt etiam <et> istas ad coneptam tertiam 
'io' terminatas quinque formas, nam est dedma 
supra nonam *o' 'vi' mutans, ut cupivi cupii. 

3. 'Ui' terminatur sequens, ut sapio sapui. 
Sigma litteram bis sena, ut percussi, geminat. 
In „xi"*, ut aspexi, exit tertia et decima. 

4. Leniter hinc bis septena, ut salio salii, 
geminatur. Sex sunt 'io' terminatae formulae 
tertiae correptae, binas bis producta retinet 

5. *Uo' terminata verba duas habent spedes: 
quinta decima fit ita: induo <et> indui. 
Instruo instruxi datur formae sextae dedmae. 

6. Septima, ut ago egi, 'a' 'e' mutat dedma, 

fitque longa, sed non cresdt subsequenti formula. 
mutat 'a', ut frango fregi, 'n' et perit consonans. 

7. Fit hoc species tenore nona atque dedma, 
*i' sine vocalem solam, perimitur consonans, 
scindo ut est atque scidi. Addamus vicesimam. 

8. Exit haec in „psi", ut carpsi. Prima et vicesima 
*s', ut messui, habetur geminata littera. 

Hinc, ut fisus sum, secunda ad passivum transmeat. 



2,1 et fügte Dümmler ein \\ 2,3 *i' *vi* Dämmler, *io' *vi' mutans Traube \ 
cupii Q, cupio Vollmer \\ 3,1 sapio sapii Q, sapui sapio Dämmler \\ 3,2 s. litte- 
ram Q II 3,3 in cxi Q \\ 4,1 salii] sisili Q \\ 5,2 et fügte Dämmler ein B 
7,2 *i' (aus n) sine uocali sola Q. 



2 decima supra nonam: Er fügt zu 
den im vorhergehenden Rhythmus auf- 
gezählten neun Arten noch eine zehnte; 
vgl. 9,2 sexta super illas quinque. — 
*o' 'vi' mutans: Das *o' von cupio wird 
in 'vi' verwanden. Es ist kein Grund 
die überlieferte Lesart zu ändern. 

4 salio salii vgl. Diom. p. 374, 5 
Salio: perfectum suavius enuntiare vide- 
mur salii, quasi munii; sed plerique 



veterum salui dixerunt — sex sunt 'i& 
terminatae formulae: Paulus zähh hier 
nur fünf auf: cupio sapio percutio aspicio 
salio, rechnet aber capio im vorher- 
gehenden Rhythmus dazu. — binas bis 
producta retinet: er meint garrio farcio 
sancio in 1 19, 22 u. 23 und aperio in II 9. 
7,2 Man möchte lieber stellen: sine 
*i' vocalem solam, consonans perimitur. 



Grammatische Rhythmen. 



81 



9. Coniugationi quartae una tantum iuncta est, 

hoc est sexta super illas quinque, ut praemissum est: 
'io' aperio, mutat quae 'ui' aperui. 

10. Istas si quis quadraginta <species didicerit), 
. . . quid . certe . . tur. . 
humiliter. 



9,3 quae mutat in ui Q || 10,1—3 in Q größtenteils durch Feiuhtigkeit zerstört. 
Nach Istas si quis quadraginta beginnt 8^. Den Schluß bildet: EXPUCIT DE 
SPECIEBUS PRETERITI PERFECTI. 



9 ut praemissum est im vorher- 
gehenden Gedicht. — 'io' aperio: die 
gleiche Betonung wie 3,1 sapio, 4,1 salio, 
— *ui' ist wie 3,1 zweisilbig zu lesen. — 
'io' mutat 'ui' vgl. 2,3; 6,1. 

10 quadraginta: 24 im I. und 16 im 
II. Rhythmus. — Eine Ergänzung der 



lückenhaften Strophe versuchte ich ohne 
Erfolg. Der Sinn scheint zu sein: Wer 
diese 40 Perfektformen kennt, der hat 
sichere Kenntnisse. Schließlich fordert 
der Dichter den Leser auf ftlr ihn zu 
beten, etwa mit den Worten: Pro me 
tamen posce, lector, dominum humiliter. 



Quellen u. Untersuch, z. lat. PhUologie des MA. m, 4. 



XVI. 

Rätsel. 

'Etwas Schöneres als ich bin, gibt es nie in' einem Pokale. 
Mir gebührt der Vorrang. Durch meine Kräfte kann ich viele täuschen. 
Gesetz und Recht verlieren ihre Wirkung. Wer reichlich mich g^ 
nießt, wird staunend meine Kraft spüren (1 — 6).' 

Die Anfangsbuchstaben dieses Rätselgedichtes geben den Namen 
Paulus. Daß der Verfasser unser Paulus ist, dafür sprechen mehrere 
triftige Gründe. Abgesehen davon, daß ihm die Form des Akro- 
stichons nicht fremd war (oben I und XV^ und wir ihn auch als 
Verfasser von Rätselgedichten kennen lernen werden, ist es besonders 
die Überlieferung und die Form des Gedichtes, die zweifellos auf 
Paulus Diaconus hinweisen. 

In der Leipziger Handschrift Rep. I 74 saec. IX (L) ist fol. 15^—24 
eine größere Sammlung von Rätseln unter dem Titel Qiiestiones enig- 
matum rhetoricae aprtis (= artis) überliefert. Sie wurde heraus- 
gegeben von P. Brandt im Tirocinium philologicum des Bonner 
Seminars S. 101 — 133 und von W. Meyer aus Speyer, Gesammelte 
Abhandlungen zur mittellateinischen Rhythmik II 161 ff. 

Für die Autorschaft sprechen folgende Gründe. Vor allem, daß 
unser Gedicht in einer Handschrift steht, die zweifellos paulinische 
Gedichte enthält. Dann auch seine Eigenart. Meyer hat durch ge- 
naue Untersuchung von Form und Inhalt nachgewiesen, daß jene 
Rätsel in der Lombardei entstanden und zwar im 7. oder 8. Jahr- 
hundert. Sie bestehen aus rhythmischen Hexametern, die Meyer 
(a. a. O. S. 16) auch langobardische nennt, weil er sie nur in lom- 
bardischen Inschriften fand und auch der Inhalt für diese Herkunft 
spricht. Unser Rätsel, ebenso sechszeilig wie die vorausgehenden, 
schließt nun die Reihe dieser langobardischen Rätselgedichte ab und 
weist schon dadurch zweifellos auf unseren Paulus hin. 

Wenn man nun erwägt, daß Karl der Große seinem gelehrten 
Kreise nicht bloß ernste Fragen voriegte, sondern eine besondere 
Freude daran hatte, wenn Rätsel aufgegeben und gelöst wurden, so 



Rätsel. 83 

erscheint es sehr wahrscheinlich, daß Paulus diese langobardische 
Rätselsammlung als Beitrag lieferte, damit man ähnlich wie bei den 
Epitaphiensammlungen Muster habe, wie derartige Dichtungen ge- 
macht werden könnten. Zugleich aber wollte er diese Sammlung 
nicht übeneichen ohne selbst eine Probe seines Könnens geliefert 
zu haben und dabei gleichsam sein Ktinstlersignat zu geben. 

Man darf aber nicht annehmen, daß die ganze Sammlung der 
langobardischen Rätsel, die in mehreren voneinander stark abweichen- 
den Handschriften vorkommt, Paulus zum Verfasser hat. Wahrscheinlich 
fand er sie bereits vor und stellte sie in etwas geglätteter Form an die 
Seite der zahlreichen ähnlichen hauptsächlich angelsächsischen Samm- 
lungen, die damals, vielleicht durch Alcvin verbreitet, am fränkischen 
Hof beliebt waren, wie denen des Aldhelm, Eusebius und Bonifatius. 
Gerne las man damals auch den sogen. Symphosius (Baehrens IV 364). 

Unser Rätselgedicht ist jedenfalls in der ersten Zeit seines Auf- 
enthalts am Hofe Karls entstanden, also zwischen 782 und 786. 

Die hier gebrauchten rhythmischen Hexameter sind Nach- 
bildungen des quantitierenden Hexameters, wobei aber der Wort- 
akzent maßgebend ist Jede Zeile schließt wie der gewöhnliche 
Hexameter, ohne daß auf die Quantität der Silben Rticksicht ge- 
nommen ist. Beim Lesen der Verse betone man, wie die Prosa es 
verlangt. Sonst verweise ich auf die oben angeführten eingehenden 
Untersuchungen W. Meyers (S. 13 — 16). Über ähnlich gebaute Verse, 
die im 6. Jahrhundert in Montecassino entstanden, vgl. Traube, Text- 
geschichte der Regula S. 91. 

Pülchrior me nullus | versätur in pöculis ümquam, 
Ast 6go primätum | in Omnibus töneo sölus. 
Viribus atque mäs | pössum decfpere mültos, 
Löges atque iura | per m€ virtütes amfttunt. 
5 Värio me sf quis | haurire volüerit üsu, 
Stupöbit ingönti | m6a percüssus virtüte. 



ITEM DE UINO L /. 24. 5 hauri L \ vor usu Rasur L 

de domo lapsus diffundor ubique, 

2 ast reiht einen neuen aus dem 
Vorausgehenden sich ergebenden Ge- 
danken an. — Dem Sinne nach gehören 
immer zwei Verse zusammen. 

3 vgl. Bonif. aenigm. Poet. 1 14 v. 376 
Viribus atque meis valeo depeUere 
sensus, 
6* 



1 pülchrior me nullus: Man er- 
wartet das Neutrum; aber aus den an- 
deren Gedichten geht hervor, daß das 
Masculinum gesetzt wurde, auch wenn 
die Lösung ein Wort im Neutrum ergab, 
vgl. Meyer a. a. O. S. 164 de ovo: Nati 
mater ego, natus ab utere mecum, prior 
illo non sum, und S. 167 de melle: Lucida 



XVIL 

Petrus an Paulus. 

'Im Mittag stand die Sonne, der Hirte ruhte im Schatten der 
Pappel, Schlummer umfing Menschen und Tiere, Stille lag über Ge- 
birg und Meer; da brachte mir ein Jflngling, ausgezeichnet durch 
Vorzüge des Körpers und Geistes, das Rätsel: »Der Erzeuger gibt 
dem Erzeugten, was er fühlt selbst nicht zu haben.* Mir fällt die 
Lösung zu schwer, darum versuche es Du, dem sie keine Schwierig- 
keit bereiten wird (1 — 28). Laß den Bruder in Ruhe und löse noch 
ein Rätsel: ein Daktylus kommt heraus. Gott erhalte König Karl 
(29—45).' 

• 

Petrus überschickt also seinem Freunde zwei Rätsel, von denen 

das erste jedenfalls von Karl, das zweite von ihm selbst gestellt wurde. 

Damit beginnt die Reihe der Gedichte, die uns zeigen, daß sich der 

gelehrte Kreis Karls auch mit Fragen weniger ernsten Inhalts befaßte. 



Lumine purpureo dum sol perfunderet arva, 
lam radiis medium caeli transcenderat axem, 
Populea et fessus pastor recubabat in umbra 
Cingebatque sopor homines fulvosque leones 



ITEM UERS. PETRI AD PAULUM P /. 124, PETRI G p. 15. 

1 aruam G \\ 3 populea aus pupulea com P \\ 4 cingebatque] dngebat hi P. 



1 — 4 lumine purpureo: vgl. In lau- 
dem solis, Riese, Anth. lat.^ 389 v.36 (ein 
auch in der Lcipz. Handschr. stehendes 
und damals bekanntes Gedicht) Sol qui 
purpureo diffundit lumine terras; vgl. 
auch Culex 42, 107 f. — populea et fessus 



pastor vgl. Verg. Georg. IV 511 populea 
sub umbra; Nemes. (ed. H. Schenkl) III 3 
fessus recubare sub ulmo: PoeL 1 389 
v. 65 non solitus pastor gelida recubare 
sub umbra. — fulvi leones Ov. Her. X 85; 
Verg. Aen. II 722. 



Petrus an Paulus. 



85 



5 Et lapidum solito sat iure silentia montes 
Stringebant pelagique gravis cessaverat ira: 
Extemplo iuvenem prospexi corpore pulchro, 
De cuius niveo florebat barbula mento, 
Respectu placitum, sensu, pietate, loquella, 

10 Ingenio cunctos superantem nomine summo. 
Hac me subridens voluit palpare sagitta: 
*Iam nova ventifero surgunt miracula mundo, 
Quae penitus priscis fuerant abscondita saeclis. 
E quibus est unum, quod te dicente, poeta, 

15 In nostris missum subito pandatur ocellis: 
Dat genitor genito, quod se non sentit habere 
Nee quaquam in genitore potes cognoscere, lector, 
Quod praebuit firmo nascenti pectore proli. 
Verborum sapiens, animo scrutare secretum, 

20 Ut possit dictis media resonare caterva. 



5 solitos at G \ silentio P || 6 pelagique aus pelagiquae corr. P, pelaque G \ 
graues P \ censauerat G || 7 exemplo P G \ respexi P \ pulchro] palam G \\ 
8 niueae florebant barbula guttae G || 9 pladdo G | sensi aus sensu corr, P \ 
loquilla P \\ 10 cunctos] cultus P \ superante G | summum G || 11 Ac P | 
me subridens zwischen beiden Wörtern Rasur G \\ 14 quod te Dämmler, quo te 
P G I dicente getagt, darüber dicenda G || 15 missum] misit (in P zwisdien 
misit und subito ein Zwisdienraum) P G, Visum Haupt || 17 quaquam Traube, 
quemquamPG | ingentoreG | potensG || ISpraebetG | nascenti Da/i/i, nascente PG. 



5 vgl. Calpum. H 17 altaque per 
totos fecere silentia montes. 

6 pelagique gravis cessaverat ira 
vgl. zum Gedanken: In laudem solis v.l7 
tunc placidum iacet omne mare. 

7 — 10 iuvenem prospexi (ich sah vor 
mir; respexi weniger gut wegen respectu 
V.9). — corpore pulchro: Es ist wohl an 
Karl selbst zu denken, wie die Schilde- 
rung zeigt, vgl. besonders v. 10 cunctos 
superantem: Paulus scheint auch an ihn 
zu denken (vgl. XIX v. 15—17). Die Be- 
zeichnung iuvenis spricht auch nicht da- 
gegen ; denn Karl war damals (783) 41 Jahre 
alt (Abel II 535). — sensus, ingenio vgl. 
XXIX v.l. 

11 hac me voluit palpare sagitta: 
Es ist wohl sagitta = die bohrende Spitze 



mit Bezug auf die schwierige Rätselfrage 
gebraucht. 

12 — 15 Die Erscheinung sagt zu 
Petrus: .Der stürmischen Welt erscheinen 
rätselhafte Dinge, die von jeher ganz 
verborgen waren. Davon ist eines, das 
sofort gelöst werden soll, wobei Du die 
metrische Antwort zu finden hast.* 

16—18 Das Rätsel lautet: .Der Er- 
zeuger gibt seinem Sprossen, was er ftlhlt 
selbst nicht zu haben, und Du kannst 
gar nicht am Erzeuger erkennen, was er 
seinem zur Welt kommenden Spröfiling 
mit starker Brust verlieh.* 

20 — 22 ut possit dictis media resonare 
caterva: Die Lösung soll dann in unserem 
gelehrten Kreise verkündet werden. — 
quod si conspicua fuerit nee luce re- 



86 



Karl Neff, Gedichte des Paulas Diaconus. 



Quod si conspicua fuerit nee luce repertum, 
Poplite curvato tunc disce docente magistro/ 

Mens mea mox torpens proprias restrinxit habenas 
Audituque pavens mansit stupefocta misella. 

25 Non potuere mei quod parvi forte lacerti. 
Tu poteris, magna fulgens in monte lucema. 
Sit tibi, libripotens, solvendi maxima cura, 
Fortia qui dudum potuisti solvere vinda. 
Dentibus egregium tu desine rodere fratrem, 

30 Iratus regis qui numquam cemitur aula. 

Summa salus homini est, si non percusserit ausu 
Conservum inlicito domini sub lege manentem. 
lam nivei dentes mentis serventur in horto 
Atque oculis vestris monstretur dactilus unus. 



22 poblite P \ tunc Traube, nunc P G | 23 restrixit P \\ 25 potueri P, 
putuere G || 26 aut poteris G || 27 zwisdien übri und potens Rasur G || 28 qui] 
queque G II 29 tu desine] studes me G || 30 aulas G || 32 manente PG | 
33 borto G II 34 daculus (K, d. h, require am Rand) G. 



pertum = et si id secretum conspicua 
luce repertum non fuerit, d. h. Karl will 
die Lösung schon am nächsten Tag, vgl. 
XVIII 14 crastina conspicua cum lux 
fulgebit Eoo. 

23 mens mea mox torpens: Petrus 
gab sich alle Mühe das Rätsel zu lösen. 

26 — 28 fulgens in monte lucerna, 
libripotens: Ist nicht als bloße Artigkeit 
aufzufassen; vgl. auch Joh. 5, 35 Ute 
erat lucerna ardens et lucens. — fortia 
qui dudum potuisti solvere vincla: Es 
ist hier nicht an die Befreiung des 
Bruders, sondern nur an früher schon 
gelöste Rätsel zu denken, vgl. zum Bilde 
XX 1 nervosis religata problemata vinclis, 

29 — 32 dentibus egregium tu desine 
rodere fratrem: Diese Anspielung ist 
nicht bestimmt zu erklären. Ebert, Allgem. 
Geschichte der Literatur des Mittelalters 
II 51, meint, daß Petrus bittet, Paulus möge 
ihn nicht deshalb verspotten, weil er das 
Rätsel nicht habe lösen können. Hauck 
S. 161 sagt: .Petrus bezeichnet sich selbst 
als den Bruder, den man am Hof niemals 



zornig sehen könne.* Es sdieint mir aber, 
daß Petrus hier seinem Freund w^en 
seines Benehmens g^en einen andern 
Vorwürfe macht, der in seinem Arger 
sich nie bei Hofe sehen läßt Für diese 
Erklärung spricht die Stellung des num- 
quam. Paulus nimmt diesen Vorwurf 
sehr ernst, wie er XVIII 9 und XX zu 
verstehen gibt Es sind in Karls Kreise 
die Geister oft hart aneinander geraten; 
denn sonst könnte Alcvin nicht Karl bitten 
ihn in Schutz zu nehmen, vgL Poet 1 222 
V. 40 ff. invida ne valeat me carpere 
lingua nocendo Paulini ... vel quicun- 
que velit mea rodere viscera morsu; an 
einer anderen Stelle (I 276 v. 30) sagt er: 
non tu, quaeso, iocis laedas nee carmine 
quemquam. Man wäre fast versucht in 
ihm den egregius frater zu vermuten. 
33 — 34 iam nivei dentes mentis ser- 
ventur in horto: wiederholt in anderer 
Form die in v. 29 ausgesprochene For- 
derung; zu mentis in horto vgl. XXXV 12. 
Mit V. 34 stellt er ihm ein neues I^tsel, 
dessen Lösung Paulus im Gedicht XX gibt 



Petrus an Paulus. 



87 



36 Tange superdlium, poteris cognoscere verbum, 
Caelonim regnum devoto pectore serva 
Et temis pinna virgis scribatur imago. 
Omnipotens Karolum felicia sceptra regentem, 
Qui caelum astriferum, terram pontumque creavit, 

40 Litora spumiferi pelagi qui terminat undis, 
Ängelicum casus quem laudat vocibus agmen, 
Äetema miseros qui flamma perdit in ignis 
Et meritis pietate fovet sine fine beatos, 
Intentis precibus sanctis conservet in aevum, 

45 Qui nostram dapibus nutrit reficitque senectam. 



35 uersum P i| 36 Signum P \ seruat G || 37 aeternis P \ pinna virgis P, 
uirgis pinna G, virgis pinnae Dümmler \\ 38 carolum P || 40 litoras pomiferi G \ 
pelagiquae G \ undos G || 44 Intentus praedbus G || 45 Unit und dd von 
gleichzeitiger Hand am Rand G, 



35—37 tange superciäum vgl. XX 7 : 
Petrus will nur sagen: .Lege die Hand 
an die Stirne und denke darüber nach.' 
Paulus deutet es anders. — temis virgis: 
virga (uirgula) ist der Zug, den die Hand 
beim Schreiben macht. 

39—41 astrifer: Petrus liebt diese 



Zusammensetzungen ganz besonders, vgl. 
V. 12 ventifer; v. 40 spumifer. — v. 41 
findet sich wenig verändert bei Petrus 
(unten XXXVUI 33) wieder. 

42 in ignis: statt igiubus des Me- 
trums wegen. 



XVIII. 

Paulus an den König. 

'Kurz vor Einbruch der Nacht erhielt ich die feurigen Pfeile, 
die mir bis ins Innerste drangen. Der darauf folgende Tag reichte 
mir nicht aus entsprechend zu erwidern und so wird denn erst der 
nächste die Antwort bringen (1 — 19). Ich wundere mich, daß mdn 
Rätsel nicht gelöst wurde (20—24).' 

Dieses schwer zu deutende Gedicht weist nicht, wie Ebert 11 51 
meint, auf andere poetische Wettkämpfe hin, sondern steht mit dem 
vorausgebenden in engster Beziehung. Paulus entschuldigt sich, dafi 
er bei der Kürze der Zeit noch nicht imstande sei gebührend zu 
antworten und schickt einstweilen dieses Gedicht voraus um dann 
in zwei Gedichten (XIX und XX) die Lösung der beiden in XVII 
gestellten Rätsel zu behandeln. Da diese poetische Korrespondenz 
viele Anspielungen enthält, die nur den Beteiligten bekannt waren, 
so ist die Erklärung der einzelnen Gedichte sehr schwierig. Bei 
Feststellung der Reihenfolge ging ich vom Inhalt aus und setzte die 
Gedichte, aus denen wir erkennen, daß Paulus der Erfüllung seines 
Wunsches, der Befreiung seines Bruders, noch nicht näher gekommen 
ist und immer noch zwischen Furcht und Hoffnung schwankt, als 
die früheren, diejenigen aber, die eine zufriedenere Stimmung und 
größere Annäherung an Kari verraten, als die späteren. Dabei aber 
zog ich auch die handschriftliche Überiieferung in Betracht und fand, 
daß die Gedichte besonders in der Pariser Handschrift lat. 528, die 
jene Gedichte wie zu einer Sammlung vereinigt enthält, fast die 
gleiche Anordnung zeigen. 

Diese Rätselgedichte XVI— XXII entstanden jedenfalls noch im 
Jahre 783. 



Paulus an den König. 



89 



10 



Cynthius occiduas rapidis declivus ad oras 
lam volitabat equis, iam nox se caerula pallam 
Rebus et humanis metas positura labori 
Stelligero varii cultus fulgore micantem 
Rorantemque simul citius vestire parabat: 
Cum subito vestra clarus mihi miles ab aula 
Detulit ignitas quasi puri muneris instar 
Äntiquo et caro quondam mittente sodale 
Intima iocineris penetrantes usque sagittas. 
Mane novo ad vestras quoniam properavimus aedes 
Et spatiis paene est iam lux revoluta diumis, 
Non sivit brevitas aut digne obponere peltam 



Item versus pauli missi ad regem Pf. 125v. PAULI DIACONI am Rand G p. 17. 

1 Cinthius G || 2 cerula und so öfter e statt ae P G || 3 fehlt in P \\ 
4 stilligero P \ vario et cultu G | micantum G \\ 6 subito vestra] et vestra G \ 
milis P II 8 quondam] corda P || 9 ioceneris P \ penetrante P || 11 poenae P, 
pene G \ est iam] eti& G || 12 siluit G \ opponere G \ peltam Dümmler, 
peltn P, peltum G. 



1—5 vgl. die schöne Schilderung 
der hereinbrechenden Nacht, Gegenstück 
zu der Schilderung der Mittagszeit im 
vorausgehenden Gedicht des Petrus nach 
dem Vorbild Vergils Aen. IV 522. — 
Cynthius occiduas decUvus ad oras vgl. 
Calpum. (ed. H. Schenkl) I 1 nondum 
SoUs equos decUnis (declivis andere 
Oberl.) müigat aestas, — pallam steUi- 
geram, fulgore varii cultus micantem : Die 
Nacht rüstete sich schnell ihren stemen- 
besetzten, im bunten Schmuck strahlen- 
den und taufeuchten Mantel sich um- 
zulegen; vgl. Riese, Anthol. lat. 583 Nox 
abit astrifero velamine cincta micantL — 
rebus humanis et labori metas positura 
= die Nacht beendet das mühevolle Tun 
und Treiben der Menschen vgl. Verg. 
Aen. I 278 hie ego nee metas rerum nee 
tempora pono. 

6 — 8 vestra clarus mihi miles ab 
aula: Bei einbrechender Nacht schickte 
ihm der König das Gedicht; vgl. Bem. zu 
XIII 1 pusillus detulit. — quasi puri 
muneris instar: als wäre es ein Geschenk 
ohne jegliche unangenehme Beigabe, aber 
es waren glühende Pfeile, die ihm ins 



Herz drangen; damit meint er das zweite 
Rätsel in XVII; daß diese Worte nicht 
ganz im Scherz gesprochen sind, beweist 
auch die Antwort im Gedicht XX. — 
antiquo et caro quondam sodale: Aus 
dieser Stelle kann man entnehmen, daß 
Petrus von jeher des Paulus Freund war, 
vgl. auch V. 19 qui carum ut hostem 
iaculis confixit acutis. 

10 — 1 1 mane novo ad vestras quo- 
niam properavimus aedes: Weil Paulus 
schon in der Frühe im Palast (jedenfalls 
in der schola palatina) erscheinen mußte 
und fast den ganzen Tag bei Hof zu tun 
hatte, so war es ihm nicht möglich das 
aufgegebene Rätsel in der gewünschten 
Zeit zu lösen. 

12—14 digne obponere peltam: Er 
hatte keine Zeit sich entsprechend gegen 
die im XVII. Gedicht gemachten Angriffe 
zu schützen und selbst wieder hinzu- 
schießen. — spatiose in speciose zu 
ändern ist nicht nötig (vgl. M. a Epp. 
IV 534, 6 spatiose tractandi). Patdus 
kündigt hiemit eine umfangreiche Ant- 
wort an, wie sie auch Gedicht XIX 
brachte; die Kürze der Zeit (brevitas) 



90 



Karl Neff, Gedichte des Paulns Diaconus. 



Missilibus contra spatiose aut ludere telis. 
Crastina conspicuo cum lux fulgebit Eoo 

15 Tinxerit et tremulos Titania purpura fluctus 
Errabitque vagis late rubor aureus undis 
Cuncta et ridebunt Phoebo radiante per orbem, 
Excipiet tenues arcu pellente sagittas, 
Qui carum ut hostem iaculis confixit acutis. 

20 Miror, qua numeri textum non contigit arte, 
Extremo nostrum tenuit quod limine Carmen. 
Ardua, divino nitido quae fulgis in horto, 
Cedre, vale et celsos pertinge cacumine nimbos, 
Tu quoque cum fructu, felix cyparisse, per aevum. 



13 spedose Traube \\ 14 cum fehlt in G \ eoo aus euo corr. P, eo G 1 
15 tremulus P || 16 errauitque P G \ robor P || 17 ridebunt aas ribunt corr. G \ 
phebo P, phoeno G \ radiante aus rahante corr. G \\ 18 ezpiet P \ arco P \ 
19 carum] caiin G II 20 emiror G \ arce aus arte corr. G \] 22 nitidoqne 
fulgis P nitido falgis am Rand Requ. G || 23 perüngere G | cacumina am Rfod 
Requ. G l| 24 confructu G | dparisse P. 



hatte ihm dies nicht gestattet, vgl. IX 25 
plura loqui brevitas vetat — ludere 
felis: ludere ist der häufig verwendete 
Ausdruck für das Kurzweiltreiben mit 
Gedichten und Ratsein. 

14—16 Paulus kündigt seine Ant- 
wort für den nächsten Tag an, also einen 
Tag später, als Karl sie von Petrus XVII 
V. 21 verlangt hatte, und gibt dabei 
eine stimmungsvolle Schilderung des er- 
wachenden Tages. — crastina lux vgl. 
Verg. Aen. III 588 postera iamque dies 
primo surgebat Eoo, — tremulos fluctus 
vgl. I V.23; in laudem solis, Riese, Anth. 
lat. 389 (Anm. zum Gedicht des Petrus 
XVII) V. 18 per tremulos currit lux aurea 
fluctus; Nemes. II 75—76 Nondum pur- 
pureos Phoebus cum toUeret ortus Nee 
tremulum liquidis lumen splenderet in 
undis: vgl. Bonif. I 20 v. 27; Verg. Aen. 
VII 9. VIII 22; Ovid. Her. XI 75. — vagis 
undis vgl. Ov. Met. VIII 595. 

17—19 cuncta et ridebunt vgl. Verg. 
Ecl. VII 55 omnia nunc rident, — ex- 
cipiet sagittas: Paulus sagt hier deut- 
lich, daß am Beginn des nächsten Tages 



Petrus die Antwort bekommen soll, .der 
ihn, seinen Freund, wie wenn er seio 
Feind wäre, verwundete'. 

20—21 numeri textum non contigit: 
Paulus spricht seine Verwunderung ans, 
dafi Petrus sein den Schlufi eines Ge- 
dichtes bildendes Rätsel nicht löste, oder 
wie er satirisch sagt, mit welcher Kunst 
er es nicht berührte. Am Schlüsse des 
Gedichtes XXII v. 53 findet sich ein sol- 
ches Rätsd und man könnte deshalb ver- 
sucht sein mit Dümmler dieses Gedicht 
unserem vorauszuschicken. Dag^en 
sprechen aber die in den Vorbemerkungen 
zu XVIII bezüglich der Rdhenfolge aus- 
gesprochenen Grundsätze. Auch ist nicht 
ausgeschlossen, das Paulus aufier diesem 
noch ein anderes Zahlenrätsd stellte. 

22—24 Das überliderte nitido ist 
beizubehalten als nähere Bestimmung zu 
divinus hortus = Gottesgarten, Wdt — 
Mit cedrus, cyparissus, fructus sind Karl, 
seine Gemahlin Hildegard und deren 
Kinder gemeint. Demnach entstand das 
Gedicht noch vor dem 30. April 783, wo 
Hildegard starb. 



XIX. 

Antwort des Paulus. 

'Glücklich ist und singen kann, wem reiche Ernte beschieden, 
unglücklich, wessen Fluren Stürme verwüsten. Nicht Lieder, sondern 
nur Seufzer und Klagen hört man von ihm (1—14). Hätte doch 
mich jener Jüngling mit seinem Zauberstab berührt. Von ihm hängt 
es ab, wie ich singe. Auf ihn setze ich meine Hoffnung, ohne die 
der Mensch nicht sein kann (15 — 27).' — 

Dann löst er das erste der zwei im XVII. Gedicht enthaltenen 
Rätsel und gibt ein neues auf (28—47). 



Der Unglückliche, von dem Paulus hier spricht, ist er selbst 
und in den Stürmen, die Haus und Flur zerstören, sehe ich eine 
Anspielung auf seine persönlichen Verhältnisse, auf die Kriegsstürme, 
die ihn aus dem Vateriand verjagten, sein Haus, d. h. seine Familie 
vernichteten. Deshalb freut ihn auch das Dichten nicht 

Er erkennt auch hier an, daß Kart ihm Zeichen seiner Huld ge- 
geben (v. 23) und ihm dadurch Lust zum Dichten gemacht hat, aber 
seinen Wunsch erfüllte er ihm doch nicht. Wenn er die Bedeutung 
der Hoffnung im menschlichen Leben in solcher Weise hervorhebt, 
so ist's, als ob er sagen wollte: Sie ist das einzige, was auch mir 
gegenwärtig noch bleibt. Karl wird mir meinen Wunsch schon noch 
erfüllen (vgl. auch Dahn S. 44). 

Die Lösung dieses Rätsels und auch der folgenden beweist, dafi 
Paulus die oft schwierigen Aufgaben vielleicht nicht in der erwarteten 
Weise löst, seine Deutung aber gewandt und geistreich zu begründen 
versteht. 



92 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



10 



16 



Candidolum bifido proscissum vomere campum 
Visu et restrictas adii lustrante per occas. 
O nimium felix, conscendens igneus axem 
Perfundit radiis cuius florentia rura 
Cynthius et nebulas ardenti vertice frenat, 
Gliscere dat fructus tempestatesque serenat 
Ulum delectat dulci resonare camena 
Condere et altisonum gracili sub arundine Carmen. 
Infelix ille est, taetris cui nubibus aether 
Inminet et miseros discursat grando per agros 
Subruiturque domus gelida perflante procella. 
Non libet hunc talem calamos inflare labello, 
Sed potius pronum male singultantia verba 
Edere et ubertim perfundere gramina fletu. 
O mihi si iuvenis, quem tecum ludere narras, 



VERSUS PAUU AD PETRUM P f. 125. FFEM VERSUS PAUU DIACOW 
B/.58. 

1 candido lumbifido P, candlddm labifido B \ vomere aus vomre corr, B \ 
2 strictas ^ || 3 oninium P \ conscendens B || 4 perfundit] nadi t ein nidd a 
erkennender Budistabe B \ rorantia B \\ 5 Cinthius B \ frenft P, frenans 
Dammler \\ 6 serenat Traube, serenft P, serent Ober t steht •'^ B, serenans DOmmler \ 
7 dulds B II 8 arundini B \\ 9 tetris P, fehU in B \ ether B \\ 10 immlnet B \ 
12 calam' PB, zwischen talem und calam' Rasur P \\ 13 singultatia P, singultanti 
auerba dazwisdien ober der Linie — B \\ 14 uberti P B, 



1 candidolum campum: vgl. XIII v. 1 
Anm. — restrictas per occas: In der 
Handschrift P f. 135 sind Synonyma auf- 
gezählt und darunter neben gleba auch 
occa und cispis, 

2—6 nimium felix Alcvin Poet 
1311 V. 7; Verg. Aen. IV 657 heu nimium 
felix, — conscendens igneus axem: vgl. 
ähnliche Ausdrucksweise in XVII v.l u.2; 
wiederum ein Beweis für die Zusaramen- 
gehöriglteit beider Gedichte. — florentia 
rura ist rorantia vorzuziehen, da v. 6 
von den Früchten die Rede ist. — caelum 
tempestatesque serenat Verg. Aen. 1 255. 
— gliscere dat: dare c. inf. schon vor 
Vergil in der Konversationssprache üblich 
(vgl. Norden, P. Vergilius Maro Aen. VI 
S. 141). 

7 — 14 gracili sub arundine Carmen 



wörtlich Nemes. Ecl. I 3 entlehnt — Be- 
achte, wie er den einzelnen Punkten der 
Schilderung des Lebens eines Glücklichen 
in scharfem Kontrast das eines Unglück- 
lichen gegenüberstellt — non libet hunc 
talem calamos: wörtlich aus Nemes. Ecl. 
I 4, vgl. auch Verg. Ecl. II 34. V 2. - 
male singultantia verba Calp. Ecl. VI 24; 
Stat. Silv. 5, 5, 26; Propert I 5, 14. - 
perfundere gramina fletu: Die hier zum 
Ausdruck gebrachte traurige Stimmung, 
die darauf schließen läßt, daß sein Wunsch 
noch nicht erfüllt ist, veranlafite mich 
dieses Gedicht vor XXI und XXH zu 
setzen, wo die Trauer der Freude wich 
(XXI V. 3 in quibus sc. versibus exultans 
calamo te ludere posse dixisti). 

15 mihi si iuvenis: Dieser Ober- 
gang beweist deutlich, daß der geschU- 



Antwort des Paulus. 



93 



Cuius vix palmas et odoras pandere lauros 
Minciades poterat seu Zmyraae rare creatus, 
Tangere colla pedo dignatus vellet et esset I 
Non tarn dissimilis sed ut est tua causa duobus, 

20 Aspides tereti me pangere carmina versu 
Replere et densas suavi modulamine Silvas. 
Huius et hoc ipsum est» tenui quod canto susurro. 
Postquam me proprii perfudit lumine vultus, 
Elicuit muti quascumque e gutture voces. 

25 Cuius adhuc fidens de spe sustollor herili. 



16 odor aspandere B \ laurus B || 17 zmirae B || 18 pedo Traube, ped6 
PB II 19 sed] s> P II 20 aspicies tereti] aspiceret stemet B, teriti P || 21 re- 
plerem B \ tt] ^ auf Rasur B \ suabi B \ modulaminf B || 22 cuius B \ cant 
aber t steht •> B \ usurro B \\ 23 perfundit B || 25 cuius] quis Traube \ 
sustollo B, 



derte Unglückliche er selbst ist. Auch 
zeigt diese Stelle, dafi in unserem Ge- 
dicht die Antwort auf Gedicht XVII vor- 
liegt und Paulus mit iuvenis Karl meint, 
dessen Taten kaum ein Vergil oder Homer 
hatte besingen können. 

17—18 Minciades = Vergilius in der 
Nähe des Mincio bei Mantua gebürtig. — 
Zmyrnae rure creatus: Homer; Juvenci 
Hist euangel. Praef. v. 9 Smymae de 
fönte 10 . . . Minciadae . . . Maronis, — 
tangere coUapedo: pedum ein Stab, mit 
dem Vergil (Ecl. V 88) und Homer IL 
XXIII 845 die Hirten ausrüsten. Paulus 
spricht den Wunsch aus: wenn doch Karl 
geruht hätte mit seinem Stab ihm den 
Rücken zu berühren, und wenn er es 
doch noch tun wollte, wie er es bei 
Petrus getan (XVII v. 1 1 hac me sub- 
ridens voluit palpare sagitta). Dann liegt 
leise der Wunsch angedeutet, Karl möge 
ihm noch seine Bitte ertüllen. 

19 — 22 non tarn dissimilis: Aber 
wenn auch das von Dir aufgegebene 
Rätsel (tua causa) eine für Männer wie 
Vergil und Homer passende Aufgabe ist, 
so wirst Du doch sehen, daß auch ich das 
Dichten verstehe. — tereti me pangere 
carmina versu vgl. Calp. Ecl. IV 152 quae 



tereti decurrent carmina versu, 

22—24 huius et hoc ipsum: huius 
bezieht sich auf iuvenis. Paulus sagt: 
Es ist die Schuld Karts, dafi er nur leise, 
nicht mit Begeisterung singt Als Karl 
ihm aber seinen Wunsch erfüllte, da sagte 
Petrus von ihm (XXI v. 6): iamque cavo 
mollis resonat tua lingua palato. — 
postquam me proprii perfudit lumine 
vultus: Karl gab ihm demnach schon 
Zeichen seiner Gunst, vielleicht Ver- 
sprechungen wegen seines Bruders; das 
hier gebrauchte Bild erinnert an v. 4: 
Wie die Sonne in der Natur Blüten zu 
Früchte werden läßt, so vermag auch 
die Sonne der Gnade Karls seinem 
stummen Mund Lieder zu entiocken. 
Diese kunstvolle Anlage des paulinischen 
Gedichtes steht in großem Gegensatz zu 
dem des Petrus, der oft ohne jegliche 
Verbindung einen Gedanken an den 
anderen anreiht 

25 cuius adhuc fidens de spe: cuius 
bezieht sich auf v. 23 lumine vultus 
und ist von spe abhängig. Paulus wird 
immer noch durch die Hoffnung auf Karls 
Gnade aufrecht erhalten, vgl. auch Hist. 
Lang. II 27 de spe iam fidus. 



94 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



Spes Sacra regna poli tribuit, spes omnia confert 
Mortuus est, quisquis de spe titubando tepescit 
Ergo age, perplexes fort! religamine nodos 
Pandere multimoda nitar ratione per auras. 

ao »Unus non genitor, quod se non sentit habere, 
Dat genito, potius multa hoc sed turba facessit." 
Nam mas femineum dat prolis corpore sexum, 
Proditur androgene nonnumquam sexus uterque. 
Hie sine luminibus lumen dat, naribus ille, 

35 Seu pedibus manibusque carens seu parte resectus 
Qualibet integrum generat sine labe puellum. 
Saepe pecus mutilum bruto dat comua nato, 
Sic patre curtato cauditus gignitur agnus. 
Praeterea et rerum species diversa per orbem 

40 Ex se nascenti tribuit, quod non habet ipsa. 

Hoc mare, hoc tellus, concae quoque saepe frequentant 
Hactenus incassum certans si forte cucurri, 
Cum pietate doce flexum, sum scire paratus. 



27 titubante B \ teperdt B || 28 perplezos] proplexor B \ nodis B || 
29 nitas B \\ 31 fehlt in P \ turba Traube, curba B \ facessit it auf Rasur B i 
32 da P I sexus B \\ 35 resecti P \\ 36 laue B \ puella B \\ 37 sfpe ^ = ac 
öfter B I cor nuanato B 1| 38 curtato] r auf Rasur P, aus cunctato corr, B 
agno B II 40 lex senascenti (e?) B || 41 concf ^ auf Rasur B \ quoque] d 
quae B \ Sfpe zwischen ^ und p eine durch Rasur entstandene Lücke P \\ 42 actenus 
P 5 II 43 flexum Dümmler, flexim P B \ sum] sua 5. 



26 — 27 quisquis de spe titubando 
tepescit vgl. Sedul. carm. pasch. I 350 
quisquis sperando tepescit, — Bis jetzt 
haben wir nichts anderes als eine erneute 
Bittschrift, die mit einem Lobpreis der 
Hoffnung abschließt. Mit ergo age (Verg. 
Georg. I 63) rafft er sich gleichsam auf 
um von seiner Herzensangelegenheit weg 
sich der gestellten Aufgabe zuzuwenden. 
— pandere per auras öffentlich kundtun 
wie Verg. Aen. II 158 ferre sab auras. 

30—31 Mit diesen von Traube (Neues 
Archiv XVII 398) verbesserten Versen 
beginnt die Lösung des Rätsels: .Nicht 
nur ein Erzeuger gibt seinem Sprossen, 
was er fühlt selbst nicht zu haben, son- 



dern eine ganze Menge tut dies.* Paulas 
bringt nun die Beweise dafür. 

32—38 prolis Dat. plur. vgl. XVII 
V. 42 in ignis, — androgenus = andrch 
gynus Hermaphrodit. — pecus mutilum 
= dem ein Horn fehlt oder beide, vgl 
Ov. Ars amat. III 249. 

39—42 Paulus bewies den Satz zu- 
erst an Menschen, dann an Tieren und 
an verschiedenen anderen Dingen auf 
der Welt und fasst das Ganze in v.41 
zusammen. .Dies beweisen Meer, Erde 
und auch condiae, eine unverständliche 
Zusammenstellung.* 

43 cum pietate = dementer; doce 
flexum vgl. XVII v. 22 poplite curvato 



Antwort des Paulus. 



95 



Vatibus antiquis parva haec dissolve non impar: 
45 'Die/ rogo, *quis genitor cunctis despectus in orbe 
Seu virtute carens ingenti robore natum 
Procreat egregium, nullus cui sistere contra 
Praevaleat mundique simul quem regna paviscant' 



44 dissoluere B \ inpar P || 45 inspectus B, det pectus Dümmler || 
46 ingerit aus ingenti corr. B \\ 47 pro acreate gregium B || 48 prevaleat P \ 
pavescant B, 



tunc disce. — sum scireparatus vgl. XXII 
V. 50 discere sum promptus rege do- 
cente pio. 

44 — 48 vatibus antiquis non impar: 
wohl eine durch die Worte des Petrus 
XVII V. 26— 27 veranlaßte Bemerkung. 



Mit Vers 44 legt Paulus ehi neues an 
das von Petrus anklingendes Rfltsel vor, 
für welches Traube (Neues Archiv XVII 
398) eine sehr einleuchtende Lösung 
(Kiesel — Feuer) gibt. 



XX. 
Paulus an Petrus. 

'Jetzt habe ich die Lösung des Rätsels. 'Desuie' ist der ver- 
langte Daktylus und Du mahnst mich duldsam und nicht stolz zu 
sein. Diese Mahnung paßt aber eher für Dich (1 — 10).' — Dann gibt 
Paulus ein neues Rätsel auf (11 — 14). 

Dieses Gedicht, das die Antwort auf den 2. Teil von XVIl bildet, 
enthält Andeutungen, welche beweisen, daß Paulus sich am Hofe nodi 
als Fremdling fühlt. Wenn er v. 9 sich gegen den Vorwurf des Hoch- 
muts mit den Worten verteidigt: ,Niedergeschlagenheit und Stolz können 
doch nicht in einem Herzen beisammen wohnen', so enthalt dies nach 
meiner Anschauung das Geständnis, daß er noch keinen Grund zur 
Freude hat, daß er demnach seinen Wunsch noch nicht erfüllt sieht 
und sich mit seinen neuen Verhältnissen noch nicht befreundet hat 

lam puto nervosis religata problemata vinclis 

Discussi digiti suspicione mei. 
*Dentes iam nivei mentis condantur in horto': 

Doctrina est simplex, quaestio nulla quidem. 



Ohne Obersdirift D p, 221. PAULI (Diaconi von Jüngerer Hand dazu- 
gesetzt) CONTRA PETRUM (Diaconum von j\ H) ö p. 7. 

1 vor iam auf der Zeile und am Rand f D \ nervosi G \ proplemata D, 
problemmata G || 2 dicussi Q \ mei] e auf Rasur G !l 3 mentes (das zweite e 
auf Rasur) iam nivei dentes G, mentis] mentes D \ orto G || 4 questio D G. 

1—2 'Jetzt glaub* ich des Rätsels ■ 3 beweist, daß dieses Gedicht die 



Lösung zu haben, d. h. des zweiten in 
XVII V. 37 gegebenen. — problemata, 
aber XXII v. 49 probUma. — discussi 
digiti suspicione mei: Mit dieser eigen- 
tümlichen bildlichen Ausdrucksweise will 
Paulus sagen, er habe die festen Knoten 
des Rätsels gelöst, als Finger diente ihm 
dazu eine gute Idee. 



Antwort auf XVII bringt; vgl. dort v.33 
iam nivei dentes mentis serventur in 
horto. Es ist kein Zweifel, daß Paulus das 
im Namen des Königs zuerst gegebene 
Rätsel auch zuerst beantwortete und dann 
erst diese Antwort Petrus tiberschickte, 
4—6 doctrina est simplex: Zur Lö- 
sung dieses Rätsels braucht es keine Ge- 



Paulus an Petrus. 



97 



10 



Mordaces, mandas, tegat ut patientia sensus. 

'Desine' si dicam, dactilus unus erit. 
Tange supercilium': monitas non tsse superbum, 

Pestis in hospitio non manet ista meo. 
Vistre deiectam non vult elatio mentem. 

Inclytus atque potens, quod mones, ipse cave. 
Ponatur tribrachis, hinc trocheus unus et alter 

Nee fugiat mentem, quae sua tecta vehit. 
Tange solum, fumescat, ut hoc sit limpha nivalis. 

Pandenti abstrusum cymbia munus erit. 



5 mandat D \\ S ospitio D \\ 9 deiectam Dammler, deactam aus deractam 
com D I vult aus vul corr, D || 10 inditus G \\ 12 qu? Z) G || 13 ut hoc sit 
scripsi, uthossit A athossis G, adussit Dümmler, adustis Haupt \ nympha navalis G, 
nympha lavacris Haupt 



lehrsamkeit, es ist keine Streitfrage. — 
mordaces mandas: Damit gibt er die 
Erklärung zu den Worten des Petrus XVII 
V. 33. Daraus kann man wohl entnehmen, 
daß Paulus durch satirische Bemerkungen 
(mordaces sensus) jemand beleidigte und 
sich dessen bewußt war; denn er führt gar 
nichts zur Entschuldigung an, während er 
sich gegen den anderen Vorwurf energisch 
verteidigt — dactilus unus erit ent- 
spricht XVII V.34. 

7—10 lange supercilium: Paulus 
zitiert auch hier wie v. 3 zuerst die Worte 
des Petrus und schließt daran die Deu- 
tung; monitas entspricht dem mandas 
in V. 5; vgl. zum Gedanken Poet. I 65 
V. 5 pone supercilium: Sedul. prol. in 
carm. pasch, v. 3. — pestis ista = su- 
perbia: manet = est, — visere deiectam 
non vult elatio mentem: deiectus Gegen- 
satz zu inclytus atque potens: 'Übermut 
wohnt nicht imHerzen eines gedemütigten, 
eher in dem eines berühmten und einfluß- 
reichen Menschen, wie Du, Petrus, es bist.' 



11 Paulus gibt hier ein neues Rfltsel 
auf und zwar ebenso wie am Schluß 
von XIX ein dem vorausgehenden ent- 
sprechendes. Er mußte einen Daktylus 
ausfindig machen, jetzt verlangt er einen 
Tribrachys und zwei Trochäen, Petrus 
rief ihm zu lange supercilium, er ihm 
lange solum. Es liegt der Gedanke nahe, 
daß er Petrus im Anschluß an v. 10 zur 
Demut auffordert und ihm die am Boden 
kriechende Schnecke (quae sua tecta 
vehit) als Vorbild hinstellt, vielleicht will 
erdasWort hümilifttlönSm! Bonifatius 
Poet. I 7 V. 137 Humilitas: Ima solo 
quantum, tantum fio proxima caelo, 

13—14 fumescat, ut hoc sit limpha 
nivalis: Der Boden dampfe, wie wenn 
er eiskaltes Wasser wäre = der Be- 
scheidene wird erhöht (?), vgl. Mart. 6, 
43,2 nympha navalis. — cymbia: Eine 
Schale (sonst cymbium) soll der Preis 
sein für die Lösung des Rätsels (pan- 
denti abstrusum). 



Quellen u. Untersuch, z. Ut. Philologie des MA. III, 4. 



XXL 

Petrus an Paulus. 

'Habe Dank für Dein Gedicht, in dem Du Deine Freude äußerst, 
daß Du nun zu Ehren angenommen bist, und in dem Du für mich 
zu Gott Gebete sendest (1—12). Aber unsere drei Fragen hast Du 
nicht beantwortet, ob es Dir lieber ist mit Ketten gefesselt zu sein 
oder in einem Kerker zu liegen oder den wilden Sigfrid zu taufen. 
Löse außerdem noch das angegebene Rätsel (13 — 25)/ 



Dieses Gedicht hieher zu stellen dazu veranlaßte mich außer der 
handschriftlichen Überlieferung — in der Pariser Handschrift lat. 528 
steht es als letztes und in der St. Galler folgt es auch auf Jam puto 
nervosis (XX) — besonders der Inhalt. Es ist die Antwort auf ein 
nicht mehr erhaltenes Gedicht des Paulus und hat folgende Vor- 
geschichte, die sich einzelnen Andeutungen entnehmen läßt Karl 
entschloß sich endlich die Bitte des Paulus zu erfüllen und teilte 
diesem seinen Entschluß mit. Damit er aber dabei nicht so leicht 
wegkomme, läßt er ihm in scherzhafter Weise gleichsam zur Sühne 
die Wahl zwischen drei Strafen (vgl. XXII v. 5 supplicü mihi pom- 
tur optio trini). 

Daraufhin schickt Paulus an Karl ein Gedicht, in welchem er 
ihm erklärt, jetzt sei der düstere Kummer aus seinem Herzen ver- 
schwunden und er sei zu Scherzen bereit (v. 3. 5. 12). Er preist in 
diesem Gedicht Gott, der ihn durch Nacht zum Licht geführt, und 
bittet ihn, er möge Karl in seinen Schutz nehmen. In seiner Freude 
und seinem Gefühl des Dankes vergißt er ganz auf jenen Scherz 
Karls einzugehen und deshalb erinnert ihn Petrus in diesem uns vor- 
liegenden Gedicht daran. 



Petrus an Paulus. 



99 



10 



Paule, sub umbroso misisti tramite versus, 
Quos pietas nostri suscepit cuiminis apte, 
In quibus exultans calamo te ludere posse 
Dixisti, quoniam nostro es susceptus honore. 
Triste sub ardenti laetatur pectore viscus 
lamque cavo mollis resonat tua lingua palato 
Et patris egregiis sublimas cantibus agnum 
Cum genitore pio, qui caeli regnat in arce, 
Quod te post tenebras fecit cognoscere lumen/ 
Nos tibi pro tali dicamus carmine grates. 
Quo pro me summum precibus pulsare tonantem 
Sat tibi cura fuit taetro maerore relicto. 
Sed causas mentis clausisti fronte sepulchro 
Dimissa tres, de quibus haut responsa dedisti: 



FFEM VERSUS METRICI P /. 135v. PETRI (von jüngerer Hand Diaconi 
hinzugesetzt) G p. 8. 

5 ardenti aus ardente corr. P \ l^tur P, ^ = ae öfter in PG \\ 7 canticu 
magnum am Rand 4- G II 8 inarte am Rand -^ G || 10 talia G jj 11 per me G || 
12 relicta G || 13 fronte P G, forte Haupt \\ 14 dimissa P G, demissa Beth- 
mann, dimissas Haiq)t. 



1 — 2 sub umbroso tramite: Die ge- 
schriebenen Verse bilden gleichsam einen 
dunklen Pfad, vgl. Petr. XXXVII v. 1 hoc 
opus exiguo quod cernis tramite: Poet. I 
281 V. 2 disrumpis nomen medio de tramite 
totum: 320 v. 6 tramite quo recto penna 
volantis eat. — pietas nostri suscepit 
cuiminis apte = die Gnade unserer Hoheit 
(Karl) nahm sie huldvoll entgegen. 

4 — 9 nostro es susceptus honore 
und V. 9 quod te post tenebras fecit 
cognoscere lumen deuten an, dafi der 
Wunsch des Paulus erfüllt ist, ebenso 
V. 12 taetro maerore relicto. Diese 
letzten jedenfalls dem nicht überlieferten 
Gedicht des Paulus entnommenen Worte 
(V. 9 u. 12) erinnern an eine Stelle im 
Briefe des Paulus an Theudemar: quam 
primum noctem maeroris demiserit, wo- 
bei ihm besonders das Schicksal seines 
Bruders vorschwebt. — cavo mollis re- 



sonat tua lingua palato: vgl. XIX v. 12 ff., 
wo er noch nicht die zu Scherzgedichten 
nötige Stimmung hat 

10—14 pro tali dicamus carmine 
grates: Dieses Gedicht ist unbekannt — 
pro me precibus pulsare tonantem: vgl. 
Bonif. Poet I 4 v. 31 pulsabo tonantem: 
77 V. 4 pro te pulsare tonantem. — Stelle: 
tres causas clausisti dimissa fronte, 
sepuUhro mentis: causa bedeutet ge- 
stellte Aufgabe oderRfltsel, vgl. XIX v. 19; 
dimissa fronte: Die in beiden Hand- 
schriften überlieferte Lesart kann bei- 
behalten werden: dimittere (= remitiere) 
froniem bedeutet, die Stime nicht, wie 
es beim Denken geschieht, in Falten legen. 
Petrus sagt demnach zu Paulus, dieser 
habe sich über das gestellte Rätsel nicht 
besonnen und es gleichsam hinter seiner 
Stime begraben; sepuUhro mentis: ähn- 
liche Bilder vgl. XXXV v. 12. 
7* 



100 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



15 



20 



25 



Si cupis ingenti fem tu pondere frangi 
Carceris aut saevo fessus recubare sub antro, 
Aut si pompiferi Sigifrit perpendere vultum 
Impia pestiferi nunc regni sceptra tenentis, 
Ut valeas illum sacro perfundere fönte. 
Vis, qui te cemens vita spoliabit et arte. 
De bis responsum ne cesses mittere nobis. 
Tange caput, suspecta manus percurrat ad aurem; 
Altera iam teneram festinet tangere ventrem, 
Necnon per teraos consurgat littera ramos/ 
Hoc, precor, ut solvas, Christi venerande minister. 



16 aut G, ft P II 18 nunc] nurnmit darObergesdiriebenem c P \\ 19 font€ G ;| 
20 spoliauit G \\ 21 necesses P G || 22 suspecta P G, suspensa HaupL 



15 — 16 ingenti ferri tu pondere 
f rangt vgl. Poet. 1 390 v. 90 manus sine 
pondere ferri; Dahn (S. 40) sieht in dem 
beigesetzten tu den Gegensatz zu dem 
gefangenen Bruder des Paulus. — carceris 
sub antro vgl. Poet. I 563 v. 13 de car- 
ceris antro. 

\7 pompiferi Sigifrit: Die sog. Ein- 
hardschen Annalen erzählen, im Jahre 777 
habe sich Widukind zu diesem Dänen- 
könig vor Karl geflüchtet (Abel 1 272). 
Im Jahre 782, Mitte Juli, schickte Sigfrid 
eine Gesandtschaft zu Karl nach Lipp- 
springe, aber die Verhandlungen scheinen 
zu keinem Resultat geführt zu haben, 
da sie 789 erneuert werden (Abel I 425, 
426). Wenn er in unserem Gedicht er- 
wähnt ist, so mag die im Jahre 782 bei 
Karl erschienene Gesandtschaft die Ver- 
anlassung gegeben haben und man kann 
mit Recht folgern, daß die Entstehung 
des Gedichtes zeitlich diesem Ereignis 
nahe liegt und jedenfalls ins Jahr 783 
fällt. — pompifer vgl. XXXVIII v. 2 
pompifero gestu; Poet. I 432 v. 9 pom- 
piferi quod vana est gloria mundi. 

18 — 20 impia pestiferi regni sceptra 



tenentis: Sigfrid war wegen seiner Unter- 
stützung der Sachsen Karl gefittirlidL Er 
blieb auch im Jahre 789 noch Heide, 
wie aus einem Briefe Alkvins ersichtUdi 
ist: M. G. Epp. IV 31, 15 mandate mihi 
per litteras . . si spes uUa sä de Dana- 
rum conversione, — sacro perfundere 
fönte vgl. XXXVIII V. 20 baptismate per- 
fundis. 

21—25 de his bezieht sich auf das 
Vorausgehende. Petrus wünscht eine Ant- 
wort auf seine drei Fragen (vgl. v. 14). 
Mit tange caput fügt er (vgl. XVII v.29, 
XX V. 11) unvermittelt ein neues Rätsel 
an; vgl. auch XVII v. 35 tange super- 
cilium; XX v. 13 tange solum. — Die 
Deutung dieses neuen Rätsels folgt XXII 
V. 37 ff. — necnon per ternos consurgat 
littera ramos vgl. Persius sat. III 56 

Et tibi quae Samios deduxit littera 

ramos 

Surgentem dextro monstravit limite 

callem; 
Isid. Orig. I, 3, 7 y* litteram Pythagoras 
Samius ad exemplum vitae humanae 
primus formavit. 



XXII. 
Antwort des Paulus. 

*Vor der Lösung der gestellten Frage ist mir bange, aber ich 
versuch's. Des Gefängnisses und der Ketten bedarf es bei mir nicht, 
da ich in den Banden Deiner Liebe liege. Sie erfüllt mein Herz, 
seitdem Du Gnade geübt hast. Wozu soll ich zu Sigfrid gehen? 
Wir können uns gar nicht verständlich machen, da er meine Sprache 
nicht versteht. Auch fürchtet er Deine Macht zu sehr, als daß er 
mich anzurühren wagte. Er wird entweder freiwillig sich von Dir 
taufen lassen oder gezwungen als Gefangener vor Dir erscheinen 
(1—36).' 

Dann gibt Paulus die Lösung des im vorausgegangenen Gedicht 
(v. 22 — 25) gestellten Rätsels und schließt mit einer rätselhaften An- 
spielung (37—54). 



Aus keinem der früheren Gedichte spricht eine solche freudige 
Stimmung, ein so von Herzen kommender Humor wie aus diesem, 
dem längsten der am Hofe Karls entstandenen. Während die früheren 
nur wenige oder gar keine Andeutung enthalten, daß Paulus von 
Liebe und Verehrung für den König erfüllt ist, so nennt er ihn 
hier in seiner Dankbarkeit und Freude maxime princeps (v. 1), pie- 
tatis amator (v. 15), rex venerande (v. 38), deliciae populi, summus 
et orbis amor (v. 54) und er kann ihm, da er Gewährung seiner 
Bitte erlangt, nicht genug seine Liebe versichern (v. 10. 16). 

Wenn er v. 33 sagt: caelitus et quoniam est vobis conlata po- 
testas, so sehe ich darin nicht eine Schmeichelei, die dem geraden 
Charakter des Dichters ferne liegt, sondern den Beweis, daß in der 
Anschauung des Paulus ein großer Umschwung eingetreten ist. Er sieht 
in Karl nicht mehr den Feind seines Volkes, sondern den von Gott 



102 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

selbst zum Herrscher der Christenheit bestimmten König und widmet 
ihm gerne auch jetzt noch, wo er seinen Zweck erreicht hat, seine 
Dienste. Am deutlichsten bringt Paulus seine Verehrung für Kaii 
zum Ausdruck in seiner Geschichte der Metzer Bischöfe, wo er (GesL 
epp. Mett. SS. II 265) sagt: De quo viro nescias utrum virtatem 
in 60 bellicam an sapientiae claritatem omniumque UberaUum artium 
magis admireris peritiam. 

Da in diesem Gedicht Paulus seine Sinnesänderung zum ersten- 
mal deutlich merken läßt, sah ich mich veranlaßt es erst an diese 
Stelle zu setzen und seine Entstehungszeit ins Jahr 783 zu verl^en. 



Sic ego suscepi tua carmina, maxime princeps, 

Ceu paradiseo culmine missa forent. 
Luminibus tacitis quae postquam cuncta notavi, 

Terruerunt animum fortia verba meum. 
Eheu, supplicii mihi ponitur optio trini 

Artat et incertum quaestio dura satis. 
Dicam equidem, quod mente gero, sed vestra potestas 

Efficiat potius, haurit ut arce poli. 



UERSUS PAULI DIACONI G p. 13. 

3 qu^ ^ = ae öfter G \\ 8 effitiat G \ arcet am Rana R G. 



1 — 4 tua carmina: Damit ist das j rige Frage machte ihm zu schaffen, da 

vorausgehende Gedicht gemeint. — para- er seiner Sache nicht sicher ist — 

diseo culmine: Wie eine Botschaft vom ' quaestio dura vgl. XX v. 4 doctrina est 

Himmel (paradisus = Sitz der Seligen, ' simplex, quaestio nulla quidem, — dicam 

Himmel) mutete ihn das Gedicht Karls | equidem vgl. Verg. Aen. VI 722. — haurit 

an, vgl. auch zum Gedanken XV 26 i ut arce poli: Paulus meint, er werde 

Brief des Paulus an Theudemar: ai//>z5/ar : sagen, was ihm in den Sinn kommt, 

mihi paradisi dilecta sanctorum limina, aber Karl würde wohl Vorzüglicheres 

Dieser Freude beim Empfang des Ge- t leisten, da ihn als König himmlische 

dichtes folgte nach dem Lesen des In- | Eingebung unterstützt. Er vernimmt alles 

halts großer Schrecken. — luminibus ' gleichsam vom Himmel. Diese himm- 

tacitis Verg. Aen. IV 364: , sprachlos vor lische Eingebung findet ihre Begrün- 

Verwunderung*. — terruerunt animum i düng in v. 33; vgl. auch Brief des Pau- 

ist Ov. Amor. III 5, 2 entnommen. lus an Karl M. G. Epp. IV 514, 17 vestra 

5 — S supplicii optio trini: ^Dit^ahl tamen sagax providaque subtilitas, 

zwischen drei Todesarten (vgl. XXI v. 15 ; sicut caelitus mente hauserit, ita dis- 

bis 20).* — artat et incertum: Die schmt' \ ponat. 



Antwort des Paulus. 



103 



Non opus est claustris nee me compescere vinclis: 
10 Vinctus sum domini regis amore mei. 
Nam si parva licet rebus componere magnis 

Et valet a summis hie paradigma trahi: 
Ut sacer inmenso Christi Petrus arsit amore, 

Postquam dimisit crimina Christus ei, 
15 Sic, ubi donasti facinus, pietatis amator, 

Inflammat validus cor mihi vester amor. 
Si peragam Sigifrid truculentum cemere vultum, 

Vix perpendo aliquod utilitatis opus. 
Ille caret Latiis indocto corde loquellis, 
20 lUius est minime cognita lingua mihi: 

Sic similisque ferae et brutum pecus esse putabor 

Deridetque meum stulta caterva caput. 
Sit licet hirsutus hirtisque simillimus hircis 

luraque det haedis imperitetque capris, 



10 domni G \\ 14 ei Traube, eius G || 17 si peragam scripsi, si agft G, 
si satagam Wattenbach \ sigifrid auf Rasur G \\ 21 sie similisque ferae et 5cr//75/, 
similes equi ferunt nebruto G, simia setiferumve brutum Haupt \\ 24 hetis G. 



9—10 nee me compescere vinclis vgl. 
Ov. Epist XIX 85. Paulus beginnt mit 
Humor und Witz die Beantwortung der 
gestellten Fragen und zeigt, daß er ca- 
lamo ludere wirklich versteht (XXI v. 3). — 
vinctus sum domini regis amore: Mit 
diesen Worten und mit v. 16 sagt er, dafi 
er Karl im Herzen näher getreten sei. 

11—16 si parva licet vgl. Verg. Ecl. 
I 23, Georg. IV 176; Poet. I 458 v. 267, 
I 536 V. 167. Paulus wähh in diesem 
Gedicht mehrere griechische Wörter: 
V. 12 paradigma; y. 46 grammata, v. 49 
problema, — ubi donasti facinus: Es 
fragt sich, welche und wessen Frevel- 
tat Karl jetzt verziehen hat Da er sich 
mit dem Jünger Petrus vergleicht, der 
seinen Herrn verleugnete (Matth. 14, 
68 ff.), aber Verzeihung von ihm er- 
hieh und deshalb mit unbegrenzter Liebe 
ihm zugetan war, so ist wohl zuerst an 
eine Tat des Paulus zu denken. Wenn 
man auch nicht durch die märchen- 
haften Erzählungen des Salemitaners ver- 



anlaßt annimmt, daß Paulus einst dem 
König nach dem Leben trachtete, so ist 
es doch wahrscheinlich, daß er seinerzeit 
zu den gefährlichsten Gegnern am lango- 
bardischen Hofe gehörte. Man kann diese 
Stelle aber auch so erklären, daß Paulus 
die Tat seines Bruders, bei welcher er 
jedenfalls nicht unbeteiligt war, hier auf 
sich nimmt. — pietatis amator ein auch 
sonst beliebter Versschluß vgl. XXXII v.lO. 
21 — 24 sie similisque ferae: Da 
Paulus die Sprache des Dänenkönigs 
nicht versteht, so wäre er ihm wie ein 
Tier erschienen; zum Sinn vgl. XIU 11 
mutis similati deridentur statuis, — 
deridetque meum: Ist als Futur zu fassen 
vgl. XIII 11; meum caput ist wohl nur 
Umschreibung für me, vgl. XIII 3, und 
nicht nach Ebert II 51 mit «kahles Haupt' 
zu erklären, wozu jegliche Berechtigung 
fehlt. — hirsutus hirtis hircis: Beachte 
diese Alliteration zur drastischen Schil- 
derung des struppigen Dänenkönigs. — 
iuraque det vgl.Verg.Georg.IV562 dat iura. 



104 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



25 



30 



35 



Sunt illi invalidae pavitanti in pectore vires, 

Nara nimium vestrum nomen et arnia timet 
Hie scierit vestris si me de civibus unum, 

Audebit minimo tangere nee digito. 
Tunc nee iners cupido vitam mihi tollet et artem 

Illum nee palmis abluet unda meis. 
Quin potius properet, vestra et vestigia lambat 

Cumque suo ponat crimina crine simul. 
Caelitus et quoniam est vobis conlata potestas, 

Tinguatur vestris purificandus aquis. 
Sin minus, adveniat manibus post terga revinctis 

Nee illi auxilio Thonar et Waten erunt. 
,Tangere' quid ,caput' est aliut, nisi amare tonantem 

Vel te, qui populi es, rex venerande, caput? 
,Auris' Sit, domini fuerit qui iussa seeutus, 

Seu qui consilium servat, opime, tuum. 
Innumerum vulgus Signatur nomine ,ventris': 

Amplecti hos omnes quaestio vestra docet 

25 invalide G \\ 27 hie scripsi, his G, is Dümmler \\ 29 tollet scripd, 
tollit G II 35 sin minus adveniat Wattenbadi, sin munus advenift G \ post terga 
Wattenbadi, pono terga G \\ 37 quid aus quod corr. G jj 39 Sit scripsi, fit G ü 
41 ventris Dümmler, ufis G \\ 42 amplecti hos Dümmler, amplectib » hos G. 



40 



27 — 30 hie scierit = .wenn er heraus- 
gebracht haben wird (sciscere)," — iners 
cupido: »Der Feigling (v. 25) wird mir 
mein Leben nicht rauben, auch wenn ich 
es aufs Spiel setze ;• iners und artem 
wohl ebenso absichtlich nebeneinander 
wie v. 32 crimina crine. — vitam mihi 
tollet: Das überlieferte toUit ist inmitten 
der anderen Future nicht anzunehmen. — 
ilUim nee palmis abluet unda meis: .Er 
wird sich von mir nicht taufen lassen. 
Diese Aufgabe fällt Dir zu (v.34).' 

33 caelitus et quoniam est vobis 
conlata potestas: Diese Anschauung, 
daß Karl eine göttliche Mission habe, 
bildet sich erst, nachdem Paulus längere 
Zeit in seiner Nähe verweilte, vgl. auch 
V. 8. In XXXIl V. 3—4 und am An- 
fang des Briefes an Karl (XXX) spricht 
Paulus diesen Gedanken deutlicher aus, 
vgl. Gest. epp. Mett. SS. II 265; auch 



Poet. I 61 V. 59--60. 

35—36 manibus post terga revinctis 
vgl. Verg. Aen. II 57. — Thonar et Waten: 
Paulus übertrug jedenfalls aus Unkennt- 
nis der nordischen Götter Thor und 
Odhin die Namen der bei den Sachsen 
verehrten und ihm bekannten auf die 
Dänen, vgl. auch über Wotan Hist. 
Lang. 1 9. 

37—43 Mit V. 37 beginnt ohne jeg- 
liche Überleitung die Lösung des XXI 
V. 22 gestellten Rätsels. — auris sit ist 
die richtige Lesart, da auch v. 37 quid 
caput est steht. — amplecti hos omnes 
quaestio vestra docet: Alle diese zu- 
sammenzufassen lehrt das gegebene Rätsel, 
also Caput auris venter. — iittera, quae 
ternis consurgit in ardua ramis: Damit 
meint Paulus £, vgl. auch Anm. zu XXI 
V. 24. 



Antwort des Paulus. 



105 



Littera, quae temis consurgit in ardua ramis, 

Curam animae summam semper habere monet. 
45 Est fortasse aliut novitas quod repperit apte, 

Nam puto, sie fantur grammata vestra *cave'. 
Ut moneor, faciam nee per me frena regentur, 

lam mea sed potius eautio Christus erit. 
Problema si needum tetigit resolutio vestrum, 
50 Diseere sura proraptus, rege doeente pio. 

Nam eupio vester, eunetos ut vineis in armis, 

Sie mentis superet lumine eelsus apex. 
Quingentos centum postremi quinque sequantur, 

Delieiae populi, summus et orbis amor. 



49 problemma G \ vestrum Dammler, urS am Rand •'- G 
si O II 53 posttremi O. 



52 Sic Dämmten 



47 — 49 nee per me frena regentur: 
Er will der Mahnung des cave folgen, 
fügt aber bei, daß er nicht alles lenken 
kann, sondern seine Sicherheit (cavere 
— eautio) Christus ist. Es ist wahr- 
scheinlich, dafi das von Petrus im Auf- 
trage Karls gegebene Rätsel (cave) mit 
dem vorausgehenden (optio trini sup- 
plicii) im Zusammenhang steht und viel- 
leicht in scherzhafter Weise ihm sagen 
soll: ,Tue so etwas nicht mehr." 

50 — 55 diseere sum promptus, rege 
doeente pio vgl. XIX v. 42 cum pietate 
doce flexum, sum scire paratus. — vester 
eelsus apex = , Euere Hoheit* . DerWunsch 
des Paulus, Karl möge nicht bloß mit 
den Waffen, sondern auch durch das Licht 



seines Geistes alle übertreffen, beweist 
auch seine veränderte Gesinnung. — 
quingentos centum: Paulus schließt mit 
einem von Traube (Neues Archiv XVII 
399) gedeuteten Rfltsel. Die beiden 
D als Bezeichnung für quingenti geben 
die gebräuchliche Abkürzung für David 
(vgl. XVII V. 45 krit. Apparat). Wenn 
auch vielleicht Karl damals diesen Bei- 
namen noch nicht hatte, so konnte doch 
Paulus auf den Gedanken kommen Karl 
mit diesem König zu vergleichen, der, 
wie er, ein Held der Waffen und des 
Geistes war. — delieiae populi, summus 
et orbis amor vgl. Suet. Tit c. 1 amor ac 
delieiae generis humani; vgl. XXXV v. 28 
delieiae, tu generalis amor. 



XXIII. 
Karl an Paulus. 

'Was Du an Jahren mir gewünscht, wünsche ich Dir an Stunden 
(1 — 4). Was treibst Du, der als Soldat meinen Feinden hätte gefähr- 
lich werden wollen, jetzt aber als alterschwacher Greis dem Lager 
ferne bleibt (5—12)?' 



Dieses Gedicht gab zuerst Quercetanus (Andr^ du Chesne) 
inmitten der Gedichte Alkvins im Jahr 1617 heraus und zwar 
nach einer alten, jetzt verloren gegangenen Handschrift der Biblio- 
thek S. Bertini (Alchwini opera p. 1719). Es ist schwer zu deuten 
und hat wahrscheinlich folgenden historischen Hintergrund. Da die 
Sachsen immer den Winter zu neuen Rüstungen benützten, so ent- 
schloß sich Karl einmal diese Jahreszeit in ihrem Lande zu ver- 
bringen (Abel I 475 ff. u. 493 ff.). Deshalb brach er noch vor Ablauf 
des Jahres 784 dorthin auf, feierte das Weihnachtsfest im Lande der 
Engem und verlegte dann seinen Hofhalt nach Eresburg, wo bis 
Juni 785 sein Standquartier war. Dorthin hatte er auch Frau und 
Kinder nachkommen lassen. 

Wahrscheinlich erging damals auch eine Einladung an Paulus, 
da Karl seine Gelehrten stets um sich haben wollte (vgl. Anm. zu 
V. 11 — 12). Für diese dankte er in einem uns nicht bekannten, aber 
aus dieser Antwort Karls leicht inhaltlich zu erschließenden prosaischen 
oder poetischen Schreiben. 

Dieses, von Paulus jedenfalls zu Weihnachten oder Neujahr an 
Karl abgeschickt, enthielt am Anfang Glückwünsche und dann eine 
Entschuldigung, warum er seiner Einladung nicht Folge leisten könne. 
Diese hatte er in humoristischer Weise mit seinem greisenhaften Zu- 



Karl an Paulus. 



107 



stand begründet und dadurch Karl veranlaßt den gleichen Ton an- 
zuschlagen. 

Aus stilistischen Erwägungen glaube ich, daß Karl selbst dieses 
Gedicht, wie XXXIII, XXXIV u. XL, verfaßt hat (vgl. Vorbera. zu XXXIII), 
und zweifle nicht, daß es an unseren Paulus gerichtet ist, da wir von 
keinem anderen dieses Namens etwas wissen, dessen Nähe Karl sogar 
auf seinen Kriegszügen gewünscht hätte. 



En tibi, Paule, deus ter quinas augeat horas, 

Addidit Ezechiae qui tria lustra pio, 
Ut mihi ter quinos optas superaugeat annos 

Post metas vitae carmine Pierio. 
Quid modo miles agis, cultro qui colla secare 

Hostibus a nostris, Paule, paratus eras? 
Nunc tibi dextra, senex, elanguit effera belli, 

Laeva caput supra aut scuta levare nequit. 



Ohne Übersdirift CLXXXVII Quere. 

5 quod Quere, \\ 7 effera seripsi, effeta Quere. || 8 leua Quere. 



1—4 Stelle deus (^itä) tibi augeat 
horas, ut optas, mihi superaugeat annos; 
vgl. 4 Reg. 20, 6; Isai. 38, 5 ecce ego adi- 
ciam super dies tuos quindecim annos; 
Sedul. carm. pasch. 1 189 ter quinos quon- 
dam regi Deus addidit annos; Alcvin 
Poet 1 233 V. 163 huic quoque ter quinos 
ciemens deus addidit annos; M. G. Epp. 
IV 44. 18; 184, 25. — Karl wünscht 
ihm scherzhaft statt der Jahre nur Stun- 
den. Da Paulus um sein Fernbleiben 
zu entschuldigen sich so alterschwach 
hinstellt, als sttinde er schon am Ende 
seiner Tage, so wagt Karl gar nicht ihm 
Jahre zu wünschen. — carmine Pierio 
Alcvin Poet. I 274 v. 6; ähnliche Ver- 
bindungen bei Alcvin Poet. 1 198 v. 1318; 
240 v. 18 Pierio plectro; 252 v. 11 Pierio 
versu. 

5 — 6 quid modo miles agis; quid 
ist statt des überlieferten quod in Rück- 
sicht auf V. 9 zu setzen. Zu dieser humo- 
ristischen Frage veranlaßte jedenfalls Karl 



eine Stelle in dem verlornen Brief des 
Paulus, wo er in scherzhaft übertriebener 
Weise die Heldentaten aufzählte, die er 
im Krieg gegen die Sachsen ausführen 
würde, wenn er noch Jünger wäre. — 
cultro qui colla secare hostibus erinnert 
an eine Stelle aus dem zum Vorbild 
dienenden Epitaph des Constans (Poet. 
I 79 V. 12) munera principibus colla se- 
cuta dedit. 

7—10 effera beUi; Das überlieferte 
effeta zu setzen verbietet die Quantität; 
vgl. Alcvin Poet. 1 197 v. 1261 efferus in 
pravos; Theodulf Poet. 1 447 v. 86 Phle- 
getonteis effera virginibus; vgl. zum 
Gedanken Alcvin Poet. I 246 v. 24 ge- 
üda est cui dextera bello. — laeva 
Caput: Stelle aut laeva nequit supra 
Caput scuta levare; Paulus ist also nach 
Karls Darstellung zum Angriff und zur 
Verteidigung zu schwach. — quid modo 
quod facias: Stelle quid modo facias, 
quod sis proletarius urbe. Diese unge- 



108 



Karl Neu, Gedichte des Paulus Diaconus. 



10 



Quid modo quod facias sis proletarius urbe, 
Laurea qui belli castra videre times. 

Tardus in annoso tabescit corpore sanguis, 
Cor tibi frigidius laudis amore caret 



12 frigidior Quere, 



wohnlichen Stellungen (v.8) sind Kenn- 
zeichen des königlichen Stils. Diese Stelle 
entspricht genau v. 5 und Karl fragt 
Paulus, was er jetzt als proletarius 
(Gegens. miles) in der Stadt treibt. Die 
Konjunktive lassen sich damit erklären, 
dafi der König absichtlich und zum 
Scherz sich dieser urbanen Ausdrucks- 
weise bedient. — Welche Stadt Karl 
meint, ist ungewiß. >^r wissen nur, dafi 
der Hof 783 vor der Verlegung ins 
Sachsenland seinen Winteraufenthalt in 
Heristal nahm und bis Ostern 784 dort 
blieb (Abel I 460). — castra timere 
vides weist auf einen Kriegszug Karls 
hin, zu dem er Paulus eingeladen hatte. 
11—12 Diese ohne Verbindung an- 
gereihten Verse verraten auch den un- 
gewandten Dichter. Der Zusammenhang 
ist: 'Dein Fembleiben begreife ich wohl, 
wenn ich bedenke, wie alterschwach Du 



bist' Dieses wiederholte Hervorheben 
des greisenhaften Zustandes (v. 7), dis 
im Ernst gemeint beleidigend wflre, I2fit 
sich nur dadurch erklären, dafi Paulus 
in seinem Schreiben in scherzhaft über- 
triebener Weise sein Alter als Entschuldi- 
gung anführt Eine ähnliche Entschuldi- 
gung finden wir auch in einem Brief 
Alkvins aus dem Jahre 789, M. G. Epp. 
IV 234, 36 ff.: Quid valet infirmitas Flac- 
ci inter arma? quid inter apros iqms- 
culus? quid inter ieones agmculus, in 
pace nutritus, non in proeläs versatus?. . . 
timidus domi remaneat, ne fadat alias 
timere. Diese Stelle beweist zugleich, 
dafi Karl seine Gelehrten auch auf seinen 
Kriegszügen bei sich haben wollte. — 
Der Wortlaut der Verse 11— 12 erinnert 
an Sedul carm. pasch. 1 109 frigidus an- 
noso moriens in corpore sanguis. 



XXIV. 
Auf das Grab der Rotheid, Tochter Pippins. 

Die Inschriften für Karls Schwestern Rotheid und Adelheid, für 
seine Gattin Hildegard und deren Töchter Adelheid und Hildegard, 
die in Metz in der Kapelle des heiligen Arnulf, des Oberhauptes des 
karolingischen Geschlechtes, begraben lagen, gab zuerst Caesar Ba- 
ronius heraus 'ex ruinis monasterii S. ArnulphV (Ann. eccles. a. 786 
n. 7, 811 n. 48, ed. Col. IX 415, 628). Abschriften jedenfalls nach den 
Grabsteinen, aber fehlerhaft finden sich in der Brüsseler Bibliothek 
6842 und in der Stadtbibliothek zu Metz 64 (G 76) saec. XIV— XV 
(= m). 

Außer dieser selbständigen Überlieferung sind uns diese Grab- 
schriften auch dadurch erhalten, daß Paulus sie selbst seiner Geschichte 
der Metzer Bischöfe einreihte. Sie 5ind aber nicht in allen Hand- 
schriften mit abgeschrieben worden. Zugrunde gelegt wurden hier 
eine aus St. Syraphorian zu Metz stammende Handschrift Paris lat. 
5294 saec. XI (5), nach der ich die Inschriften noch einmal verglichen 
habe, dann die Ausgabe von Du Chesne, im Jahre 1636 nach einer 
unbekannten Handschrift hergestellt (SS. rer. Francic. II 202 — 204), 
und schließlich die von Meurisse aus dem Jahre 1634 (Histoire des 
^vesques de Metz p. 28); außerdem vgl. Neues Archiv IV 110 und 
Poet. aev. Karol. I p. 33. 

Im Parisinus lat. 5294 gehen f. 1 1 v folgende Worte des Paulus 
voraus: . . Hildegardis apud Mettensem urbem in beati Ar- 
nulfi Oratorium requiescit. Pro eo denique, quod a beato 
Arnulfo iam praefati reges originem ducerent, suorum ibi 
carorum Corpora posuere. Nam ibi humatae sunt duae regis 
Pippini filiae, quarum una Rothaidis, altera Adheleidis ap- 
pellata est. Ibi quoque et iunioris regis Karoli duae nihilo- 
minus tumulatae sunt natae, scilicet Adhelaida et Hilde- 



110 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

garda; quae Hildegardis matris nomine nuncupata matrem 
morientem citius subsecuta est. Quarum omnium epitaphia 
iussu gloriosi regis Karoli composita sunt. 

Hier sagt Paulus selbst, daß alle diese oben angeführten In- 
schriften auf Verlangen Karis abgefaßt wurden. Dieser kannte sicher 
die stimmungsvollen Grabgedichte des Paulus für seine Königin Ansa 
und deren Enkelin Sophia, und als Karis Gemahlin Hild^ard am 
30. April 783 starb, da übertrug er Paulus, der ihm gerade in jener 
Zeit viele Beweise seiner dichterischen Begabung gegeben hatte, die 
ehrenvolle Aufgabe für sie eine Grabschrift zu verfassen. Wenn man 
bedenkt, daß damals am Hofe Karis auch andere Dichter von Namen 
sich befanden, so erscheint dieser Auftrag, dessen würdige Durch- 
führung für ihn in diesem Falle Herzenssache war, als der glänzendste 
Beweis der Wertschätzung, der sich Paulus als Mensch und Dichter 
beim König erfreute. 

Als Paulus die Grabschrift für die Königin und später für deren 
** gleichnamiges Töchterchen (XXVI, XXVIII) verfaßt hatte Qedenfalls 
stand sie vor Karls Vermählung mit Fastrada im Oktober oder No- 
^^ vepiber 783 schon auf dem Stein), wünschte dieser, daß Paulus auch 
'^me Gräber seiner beiden Schwestern und seines Töchterchens Adel- 
heid, die schon vor längerer Zeit gestorben waren, nachträglich mit 
Inschriften versehe (XXIV, XXV, XXVII), und wahrscheinlich verfaßte 
Paulus diese in rascher Aufeinanderfolge noch im gleichen Jahre. 
Diese unterscheiden sich von den anderen dadurch, daß weder die 
körperiichen noch geistigen Vorzüge erwähnt sind. Paulus läßt deutlich 
merken, daß es sich hier um Personen handelt, die ihm vollkommen 
ferne stehen und von denen er nichts weiter kennt als Namen und 
Abstammung. So bietet er in diesem Epitaph für Rotheid nichts als 
ihren Stammbaum und sagt nicht ein Wort des Lobes über diese 
ihm zwar unbekannte, aber sicher vorher näher geschilderte Schwester 
Karls, gewiß auch ein Beweis für seine ehrliche Gesinnung. 

Galt es aber eine Persönlichkeit zu ehren, wie die Königin, der 
er persönlich näher stand, dann ftlhlt man heraus, daß sein Herz 
dabei ist, und dann schafft er auch auf diesem Gebiet Werke, die zu 
den besten seiner Zeit gehören. 

Auch in formeller Hinsicht sind die Epitaphien, die Paulus am 
karolingischen Hof verfaßte, von Interesse. Wir haben gesehen, daß er 
bei der Abfassung der Grabschriften für Ansa und Sophia unter dem 
Einfluß einer gewissen, wohl von griechischen Inschriften herrührenden 
Tradition stand. Eine Vergleichung dieser früher entstandenen mit 



Auf das Grab der Rotheid, Tochter Pippins. 1 1 1 

den karolingischen aber ergibt, daß er die am Hofe Karls bekannten 
Vorbilder studiert und immer mehr jene typischen Ausdrucksformen 
angewendet hat, die ich früher zusammenstellte (IX). Diese Um- 
gestaltung seiner Darstellungsweise zeigt sich beim Epitaph für die 
Königin Hildegard (XXVI) und am vollkommensten bei dem für Herzog 
Arichis (XXXV). 



Hie ego quae iaceo, Rothaid de nomine dicor, 
Quae genus excelso nimium de germine duco. 
Nam mihi germanus, gentes qui subdidit armis 
Ausonias, Karolus fretus virtute tonantis. 

5 Pippinus pater est, Karolo de principe cretus, 
Aggarenum stravit magna qui caede tyrannum. 
Pippinus proavus, quo non audacior uUus, 
Ast abavus Anschisa potens, qui ducit ab illo 
Troiano Anschisa longo post tempore nomen. 

10 Hunc genuit pater iste sacer praesulque beatus 
Amulfus, miris gestis qui fulget ubique, 
Hie me spe cuius freti posuere parentes. 



EPITHAPHIUM ROHAIDIS FIUp PIPINI REGIS 5 /. llv. Epitaphium 
Rothaidis filie Pipini regis gloriosi que in isto loco iacet m = Metz 64 (G. 76) saec. 
XIV— XV: ohne Überschrift Meurisse. 

1 haec Meurisse Chesnius \ quf '^' statt 'ae' öfter S | Rotaich m, Rothaidis 
nomine ohne de Meur. Baronius \\ 2 que S^ qui Bar. \ ducor m |i 4 Karlus 
fretus S, Karlus aus Karolus corr. S, fretus Karolus die andern \\ 5 Pipinus S 
Chesn. | Karlo aus Karolo corr, S \ cretus Chesn. Bar., ortus S || 6 Agarenum 
Chesn. \ cede S, dade Bar. \\ 7 Pipinus S Chesn. \\ 8 ast S, est Meur. \ anschisa 
qui ducis, potens fehlt S, Asnchise potens qui ducit Chesn., Anchise potens qui ducis 
Bar. II 9 Anchisa Chesn. \\ 10 presulque S || 12 freti nachträglich dazugesetzt S. 



4 gentes Ausonias vgl. II 9 Ausonia 1 Statthalter Abderrahman zwischen Tours 

regio (Anm.). ^ ' und Poitiers 732. 

5 — 7 de principe cretus vgl. die j 8—9 Anschisa potens vgl. Gest. epp. 

Verse über die Metzer Bischöfe Poet i Mett SS. U 264 cuius Anschisi nomen 

I 60 V. 25; Verg. Aen. III 608. — Agga- ! ab Ansdiise patre Aeneae creditur esse 

renum tyrannum: Bezieht sich auf den ' deductum. 
Sieg Karl Martells über den maurischen j 



XXV. 

Auf das Grab der Adelheid, der Tochter Pippins. 

Bei dieser Grabschrift für Karis Schwester verwendet Paulus vier 
Verse für die Einleitung; von den noch übrigen sechs beziehen sich 
nur zwei auf die Verstorbene, bringen aber auch nichts Persönliches, 
sondern nur ihren Namen und den Wunsch, daß Arnulf sie schützen 
möge. 

Perpetualis amor capiendae et causa salutis, 

Pectore quem vigili huc properare facit, 
Nosse cupis, cur busta sacer numerosa retentet 

Hie locus, astrigeri qua patet aula poli? 
5 Iste sacer, domini qui post servavit ovile, 

Legitimi fuerat germinis ante pater. 
Cuius posteritas atavo confisa patrono 

Hoc cupit in sancto ponere membra loco. 
Pippini hie proles Adheleid pia virgo quiescit, 
10 Quam simul et reliquas, sancte, tuere, pater. 

EPITAPHIUM ADELEIDIS FILIlf CUIUS SUPRA 5 /. 12. Item epitaphium 
alterius filie Adeleidis nomine que eciam in isto loco tumulata est m; Item epi- 
taphium alterius filiae Adheleidis Chesn. 

6 legitimi aus legittimi corr. S || 8 menbra 5 || 9 adeleid 5. 

1 — 2 Diese Verse erinnern formell ; 7—8 atavo confisa patrono: Ähn- 



an die Einleitung zu den Versen über 
die Metzer Bischöfe (Poet. I 60). 
5 iste sacer vgl. XXIV v. 10. 



licher Gedanke XXIV v. 12 hie me spe 
cuius freti posuere. 



XXVI. 

Auf das Grab der Königin Hildegard. 

'Hier ruht Hildegard, einst Karls glückliche Gattin, die durch 
ihren Liebreiz, noch mehr aber durch die Vorzüge ihres Herzens die 
anderen Frauen übertraf (1 — 14). Ihr größter Ruhm aber ist das 
Wohlgefallen eines solchen Mannes, wie Karl ist, erregt zu haben. 
Sie allein war würdig Königin eines so mächtigen Reiches zu sein. 
Jetzt beklagen ihren Tod alle Nationen und selbst trotzige Krieger 
können der Tränen sich nicht enthalten. Schmerz verzehrt das Herz 
des Gatten. Nur der eine Trost ist allen geblieben, daß sie im 
Himmel ihren Lohn finden wird (15 — 35).' 

Hildegard starb im zwölften Jahre ihrer Ehe am 30. April 783 
(vgl. Abel 1 105 und 671). Aus dieser jedenfalls bald nach ihrem 
Tode entstandenen Grabschrift fühlt man heraus, daß Paulus die Ge- 
mahlin Karls wirklich schätzen gelernt hat. 

Vergleicht man dieses Epitaph mit dem für die Königin Ansa (IX), 
so erkennt man deutlich, wie Paulus in beiden Gedichten den gleichen 
Stoff, nämlich Ehrung einer Königin, in ganz veränderter Weise be- 
handelt. 

Aurea quae fulvis rutilant elementa figuris. 

Quam Clara extiterint membra sepulta, docent. 

Hie regina iacet regi praecelsa potenti 
Hildegard Karolo quae bene nupta fuit. 



EPITAPHIUM HILDEGARDIS REGINE 5 /. 12. 

I fultis ^ II 2 menbra ^ || 3 precelsa S (e öfter statt ae) j potenü <po' 
auf Rasur 5 || 4 Karlo aus Karolo corr. S. 



1 In goldenen Buchstaben stand die 
Qrabschrift auf dem Stein; exsistere = 



esse bei Paulus häufig (vgl. Neff de Paulo 
Diacono Festi epitomatore p. 31). 



QueUeo u. Uotenuch. z. Ut. Philologie des MA. HI, 4. 8 



114 



Karl Neu, Gedichte des Paulus Diaconus. 



10 



15 



Quae tantum clarae transcendit stirpis alumnos, 

Quantum, quo genita est, Indica gemma solum. 
Huic tarn clara fuit florentis gratia forniae, 

Qua nee in occiduo pulchrior uUa foret 
Cuius haut tenerum possint aequare decorem 

Sardonix Pario, lilia mixta rosis. 
Attamen hanc speciem superabant lumina cordis 

Simplicitasque animae interiorque deeor. 
Tu mitis, sapiens, solers, iucunda fuisti, 

Dapsilis et cunctis condecorata bonis. 
Sed quid plura feram, cum non sit grandior ulla 

Laus tibi, quam tanto complacuisse viro? 
Cumque vir armipotens sceptris iunxisset avitis 

Cigniferumque Padum Romuleumque Tibrim, 



8 qua non occiduo m Chesn, \\ 9 haud Chesn. \ possunt Chesn, 
10 Pario] patrio S II 11 spetiem 5 || 13 iucunda S, iocunda m Chesn. || 18 Qvi- 
ferumque m, Uniferumque Chesn. Bar. Meur. ] tybrum S. 



5 — 8 clarae transcendit stirpis 
alumnos: Einh. Vita Car. cap. 18 de gente 
Suaborum praecipuae nobilitatis fenünam 
in matrimonium accepit. — Indica gemma 
vgl. XIII 8 (Anm.) gemmas Inäicosque 
lapides; Epit. Lothars Anh. I v. 12 rutilat 
vario Indus honore lapis. — florentis 
gratia formae vgl. Stat. Silv. IV 66 
puUhrae gratia formae, — qua nee 
in occiduo pulchrior ulla foret vgl. X 
V. 4. 

10 Sardonix Pario mixta: Parischer 
Marmor im Verein mit Edelsteinen ver- 
mag nicht den Liebreiz der Königin 
wiederzugeben. — lilia mixta rosis: Eine 
beliebte Zusammenstellung der zartweisen 
Lilie und der roten Rose zur Bezeichnung 
weiblicher Schönheit; vgL Verg. Aen. 
XII 68 mixta rubent ubi lilia multa alba 
rosa; Fortun VI 1, 108, IX 2, 122; Pau- 
linus Poet. 1 128 v. 60; 148 v. 14; Alcvin 
Poet. I 243 V. 10, 310 v. 3. 

11 Der Gedanke, daß die geistigen 
Vorzüge der Verstorbenen ihre körper- 



lichen noch übertrafen, kehrt in den 
gleichzeitigen Epitaphien häufig wieder; 
vgl. auch Angilbert Poet 1 361 v. 54 Prae- 
pulchram speciem vitae iam vidi ho- 
nestas. 

13 Diese Häuhing der Adjektiva 
durch mehrere Verse hindurch ist in den 
Epitaphien oft zu finden. 

15—16 sed quid plura feram? be- 
liebter Abschluß in Epitaphien vgl. Poet 
I 430 V. 27. — laus tibi, quam tanto 
complacuisse viro vgl. Ovid. Trist. II 139 
NuUa quidem . . . gravior poena est 
quam tanto displicuisse viro; vgl. G)n- 
soL ad. Liv. 41 (Lier p. 462) Quid tibi 
nunc mores prosunt et puriter actum 
omne aevum et tanto tarn placuisse 
viro. 

17—18 cignifer Padus: Padusa, eine 
der sieben Mündungen des Po, war ein 
Lieblingsaufenthalt der Schwäne vgl. Verg. 
Aen. XI 456 — 457. — Romuleusque Tibris 
vgl IVi V. 1 Anm. 



Aul das Grab der Königin Hildegard. 



115 



Tu sola inventa es, fueris quae digna tenere 
20 Multiplicis regni aurea sceptra manu. 
Alter ab undecimo iam te susceperat annus, 

Cum vos mellifluus consociavit amor. 
Alter ab undecimo rursum te sustulit annus, 

Heu genitrix regum, heu decus atque dolor! 
25 Te Francus, Suevus, Germanus teque Britannus, 

Cumque Getis duris plangit Hibera cohors. 
Accola te Ligeris, te deflet et Kala tellus 

Ipsaque morte tua anxia Roma gemit. 



21 fehlt Chesn. Meur, \ te naditräglidi hinzugesetzt S \\ 22 fehlt Chesn. 
Meur. II 25 Suevus] suauis (?) S \ teque S m, atque Meur, || 26 gentis S | duris 
fehlt S. 



19—23 alter ab undecimo iam te 
susceperat annus vgl. Verg. Ecl. VIII 39 
alter ab undecimo tum me iam acceperat 
annus; Buecheler, Carm. lat. epigr. 1560 B 
octavus decimus vix te susceperat annus: 
Fort. IV 26 V. 35-36 

Tertüis a decimo ut hanc primum 
acceperat annus, 

Traditur optato consociata viro; 
Fort. VI la V.42 Quam tibi divinus con- 
sociavit amor. — alter ab undecimo be- 
deutet das 12. Jahr, nicht wie Servius in 
seiner Erklärung der angegebenen Vergil- 
stelle will, das 13. Demnach war Hilde- 
gard 12 Jahre alt, als sie sich mit Karl 
vermählte, und war ebensolange seine 
Gattin. Da sie nun, wie feststeht, am 
30. April 783 starb, so erfolgte die 
Vermählung im Jahre 771. Abel glaubt 
nun im Hinblick auf v. 17—20, daß Pau- 
lus von der irrigen Ansicht ausgeht, Karl 
habe Hildegard erst nach der Eroberung 
des Langobardenreichs (774) geheiratet. 
In diesem Sinn sind aber diese Verse 
nicht zu deuten, sondern Paulus will 
sagen: .Als Karl nach der Eroberung des 
Langobardenreichs an der Spitze eines 
so großen Reiches stand, da erwies sie 
sich als die allein seiner würdige Königin.' 
Es liegt nicht der geringste Grund vor 
an den Angaben des Paulus zu zweifeln ; 



denn er kannte die Familiengeschichte 
Karls sehr genau und bekam von ihm 
selbst Aufschlüsse, vgl. GesL epp. Mett. 
SS. II p. 264: Haec ego non a qualibet 
mediocri persona didici, sed ipso totius 
veritatisassertore praecelsorege 
Karolo referente cognovi/Wt sollte 
er dann über ein Hauptereignis im Leben 
der Königin Hildegard in ihrer unter den 
Augen Karls entstandenen Grabschrift 
unrichtige Angaben machen? 

24 heu genitrix regum: Sie hatte 
Kari vier Knaben und fünf Mädchen ge- 
boren; Pippin und Ludwig erhielten schon 
781 den Königstitel; vgl. auch Epit. Lo- 
thars (Anh. I V. 17). — heu decus atque 
dolor vgl. XXXV v. 4. 

25 — 28 Es liegt die auch sonst bei 
den karolingischen Epitaphien übliche 
Anordnung der Gedanken vor: Nach An- 
gabe des Namens und der Herkunft und 
Schilderung der körperlichen und geisti- 
gen Vorzüge erwähnt der Dichter, wel- 
chen Eindruck ihr Tod auf die Ferae- 
und Nahestehenden ausübte. — te Fran- 
cus, Suevus vgl. auch XXXV v. 35—38. 
— accola Ugeris vgl. Verg. Aen. VII 729 
accola VolturnL — te deflet et Itala 
teUus (Ov. Fast. IV 64) vgl. Poet. 1 1 10 v. 13 
hunc deflet Italus, 

8* 



116 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

Movisti ad fletus et fortia corda virorum 
30 Et lacrimae clipeos inter et arma cadunt. 

Heu, quantis sapiens et firmum robore semper 

Ussisti flammis pectus herile viri. 
Solatur cunctos spes haec sed certa dolentes, 
Pro dignis factis quod sacra regna tenes. 
35 lesum nunc precibus, Arnulfe, exores eorum 
Participem fieri hanc, pater alme, tuis. 

30 En Chesn, || 31 quantum Meur. \\ 33 Celatur S | creta 5 II 34 Pro] 
zwisdien P und ro eine Rasur, es stand hier Ihm von der niUhsten Zeile S \ 
quod] quo S || 35 fehlt m Chesn, Meur,, nur Jesum hat S, ergänzt von Pertz \\ 
36 fehU Meur. 

31 firmum robore vgl. Poet. I 61 1 flamma meum pectus ubique cremat, 
V. 29 firmum robore pectus, — ussisti ! 33—34 Diese Verse finden sich fast 

flammis pectus vgl. Poet 1 112 v. 8 cuius ' wörtlich in XXXV v. 49—50. 



XXVII. 
Auf das Grab der Adelheid. 

Diese Tochter Karls und seiner Gemahlin Hildegard wurde im 
Lager vor Pavia 774 geboren (Abel I 149 u. 193), dann noch vor 
der Einnahme der Stadt ins Frankenreich vorausgeschickt und starb 
fem von ihren Eltern auf der Reise nach der Rhone. 

Gewiß keine leichte und angenehme Aufgabe für ein neugeborenes 
Kind eine Grabschrift zu verfassen, und Paulus hilft sich damit, daß 
er mit ein paar Worten die Schicksale des Kindes erzählt 

Dabei aber benützt er die Gelegenheit Karts Macht und Tugenden 
zu preisen und spricht sogar von der Eroberung des langobardischen 
Reiches, gerade als ob er damit zu verstehen geben wollte, daß jetzt 
jeglicher Groll aus seinem Herzen geschwunden sei und er ruhig über 
jene politischen Verhältnisse Sprechen könne, die einst trennend zwischen 
Kart und ihm getreten waren. Da nun dieses Epitaph jedenfalls noch 
im Jahre 783 entstand (vgl. Vorbem. zu XXIV), so nehme ich an, daß 
die Annäherung des Paulus an Kart, die wir schon aus Gedicht XXII 
herausgelesen haben, in diesem Jahre zur Tatsache geworden war, 
nachdem er vorher die Befreiung seines Bruders endlich ertangt hatte. 

Hoc tumulata iacet pusilla puellula busto, 
Adeleid amne sacro quae vocitata fuit. 

Huic sator est Karolus, gemino diademate poUens, 
Nobilis ingenio, fortis ad arma satis. 



EPITAPHIUM ADELEIDIS FILIE KAROLI REGIS QUE IN ITALIA NATA 
EST QUANDO SIBI EAM IPSE SUBEGIT S /. 13; Epitaphium filiac Karoli Magni 
Adheleidis quae nata de thalamo eius quando isdem Italiam subegit Ckesn, 

1 busto aus busta corr. S \\ Z Karlus aus Karolus corr, S \ pollens aus 
poUes corr. S. 

1—4 pusilla puellula busto: Beachte | pollens vgl. die Verse über die Metzer Bi- 
die Alliteration. — gemino diademate \ schöfe Poet I 60 v. 20 caelesti dogmate 



118 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



10 



Sumpserat haec ortum prope moenia celsa Papiae, 
Cum caperet genitor Itala regna potens. 

Sed Rhodanum properans rapta est de limine vitae 
Ictaque sunt matris corda dolore procul. 

Excessit patrios non conspectura triumphos, 
Nunc patris aetemi regna beata tenet 



5 menia S || 6 petens 5 || 7 rodanum 5 | limine 5. 



poUens; Karl ist Herrscher über das 
Frankenreich und Italien. — nobilis in- 
genio erinnert an das zum Vorbild die- 
nende Epitaph des Constans (Poet. I 79 
V. 8): primus in ingenio, primus in arma 
füit: Poet. II 661 v. 22 fortis ad arma 
simul, 

5 prope moenia Papiae: Karl ließ 
seine Frau und Kinder ins Lager kommen, 
als er Pavia vom Ende September 773 
bis Mitte Juni 774 belagerte; vgl. Vita 
Hadriani S. 496: Diiigensque continuo 



Franciam ibidem apud se Papiam ad- 
duci fecit suam coniugem exceUen- 
tissimam Hildegardis reginam et nobi- 
lissimos fHios (Abel I 148). 

8 — 10 ictaque sunt matris corda 
vgl. XXVIII V. 6 regia corda patris, — 
patrios non conspectura triumphos: Sie 
sollte nicht mehr den Fall Pavias erleben; 
patrios triumphos, patris aetemi: Ahn- 
liche Wortspiele finden sich l>ei Paulus 
häufig. 



XXVIII. 

Auf das Grab der kleinen Hildegard. 

'Wie der Nord die Blüten des Frühlings wegreißt, so plötzlich 
raffte der Tod Dich hinweg (1 — 4). Nicht klein ist die Trauer, die 
Du, Kleine, besonders im Herzen Deines Vaters zurückließt. AXTir weinen 
und Du eilst zur ewigen Seligkeit (5 — 10).' 



Wiederum eine Grabschrift für ein kleines Kind, für die Tochter 
Hildegards, die am 9. Mai 783 starb. Paulus zeigt aber hier, wie er 
auch einem so undankbaren Stoff einen poetischen Reiz zu verleihen 
vermag. 



Hildegard, rapuit subito te funus acerbum, 
Ceu raptat Boreas vere ligustra novo. 

Explevit necdum vitae tibi circulus annum 
Annua nee venit lux geminata tibi. 



EPITAPHIUM HILDEGARDIS PILI? CUIUS SUPRA 5 /. 13; Item cpita- 
phium Hildegardis filiae eiusdem Karoli Chesn, 

1 rapuit aus rapuid corr. S \\ A genuina 5. 



1 — 4 rapuit te funus acerbum = im- 
maturum (ätogog ddvaiog in griech. Epit.): 
.Ein zu früher Tod raffte Dich weg;* vgl. 
Vcrg.Aen.VI429,XI28; Poet 1 65 v. 4 mors 
acerba; 112 v. 27 post nati funus acer- 
bum; Buecheler, Carm. epigr. 93 verum 
me mors acerba senibus his prius aetate 



mmatuna abstuät fato invido. — ceu 
raptat boreas: Ahnlicher Vergleich X v. 18. 
Wie der Nord die Blüten des Frühlings 
wegrafft, so der Tod die eben erst ins 
Leben getretene, kaum 40 Tage alte (v.8) 
Hildegard. 



120 



Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 



10 



Parvula, non parvum linquis, virguncula, luctum 
Confodiens iaculo regia corda patris. 

Matris habens nomen renovas de matre dolorem, 
Postquam vixisti vix quadraginta dies. 

Pectore nos maesto lacrimarum fundimus amnes, 
Tu nimium felix gaudia longa petis. 



7 renovans 5 
Standern Lücke S \ 



I morte m Chesn. || 9 nach pectore eine durch Rasur ent- 
mesto 5 I 10 longa aus loga corr. S. 



5 parvula, non parvum Unguis luc- 
tum: Ein Wortspiel, fthnlich dem in 
V. 7. Hier gebraucht Paulus den auch 
schon in filteren Epitaphien sich hfiufig 
findenden Gedanken, dafi der Verstor- 
bene den Hinterbliebenen nur Schmerz 
und Klagen zurücklfißt: Buecheler 55, 16 
reliqui fletum natu genitori meo; 563, 3 
matrique dolore(m) reliquit: 1292 tu 
secura iaces, nobis reliquisti querelas: 
vgl. auch Bonif. Poet. 1 20 v. 13 occidit 



et nobis fletus gemitusque reliquit. 

6 — 10 confodiens iaculo: Ahnlicher 
Vergleich XXXV v. 41 , regia corda patris 
vgl. XXVU V. 8; Poet 1 72 v. 16 vuinißx> 
fodiä corda mucrone patris. Dies BQd 
geht jedenfalls auf Lucas II, 35 zurQck: 
et tuam ipsius (= Mariae) animam 
pertransibit gladius. — lacrimarum fun- 
dimus amnes vgl. Fortun. VI 5, 123; Vffl 
3,255 u.a. — tu nimium felix XIX v.3; 
Fort Vra 3, 299. 



XXIX. 

Auf das Grab des Dichters Fortunat 

'Hier ruht der geistreiche und liebliche Sänger Fortunat, aus 
dessen Munde wir die Taten der Heiligen kennen lernen (1 — 6). 
Heil Dir, Gallien, daß Du solche Männer besitzt. Ich habe diese 
kunstlosen Verse nur um Deinen Ruhm zu verkünden gedichtet. 
Bitte für mich (7—12)!' 

Dieses Epitaph für den bedeutendsten Dichter des 6. Jahrhunderts 
(M. G. Auct. ant. IV, 1 ed. Leo) ist uns in der Pariser Handschrift lat. 
2832 saec. IX med. (= F), die ich noch einmal verglichen habe, in- 
mitten einer Sammlung von Epitaphien (Neues Archiv IV 297 — 299) 
überliefert und dann auch in den Abschriften der Hist. Lang., in 
welches Werk es Paulus später aufnahm. Hier (II 13) gibt er eine 
kleine Biographie dieses Dichters und schließt sie mit den Worten: 
Ad cuius ego tumulum, cum ilUic orationis gratia adventassem, hoc 
epitaphium rogatus ab Apro, eiusdem loci abbate, scribendum 
contexuL 

Aper, der um das Jahr 780 Abt des Hilariusklosters in Poitiers 
war, veranlaßte demnach Paulus, als er während seines Aufenthalts 
im Frankenreich einmal in diese Gegend kam und das Grab Fortunats 
besuchte, diese Grabschrift zu verfassen. Die Werke dieses Dichters 
waren Paulus bekannt, auch Theodulf nennt ihn unter den von ihm 
gelesenen (Poet. I 543 v. 14) und Alkvin verfaßte auf ihn auch eine 
kleine Grabschrift (I 326 XVII). 

Über die Entstehungszeit des Epitaphs läßt sich nur sagen, daß 
es jedenfalls in den Jahren 782 — 786 vor den Metzer Grab- 
schriften abgefaßt wurde, da er in der Darstellung noch seine eigenen 
Bahnen geht. 



122 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

Ingenio clarus, sensu celer, ore suavis, 

Cuius dulce melos pagina multa canit, 
Fortunatus, apex vatum, venerabilis actu, 

Ausonia genitus hac tumulatur humo. 
5 Cuius ab ore sacro sanctorum gesta priorum 

Distimus. Haec monstrant carpere lucis iter. 
Felix, quae tantis decoraris, Gallia, gemmis, 

Lumine de quarum nox tibi tetra fugit. 
Hos modicus prompsi plebeio carmine versus, 
10 Ne tuus in populis, sancte, lateret honor. 

Redde vicem misero. Ne iudice spemar ab aequo, 

Eximiis meritis posce, beate, precor. 

EPITAPHIUM FORTUNATl EPISCOPI Ff, 118; die Handschriften der Hist. 
Lang, = /. 

1 oreque / || 4 tumulatus / || 5 piorum / || 9 modicus F t, modicos 
Waitz II 12 eximiis aus eximis com F, ezimius /. 



1 ingenio clarus, sensu celer: »von 
klarem Geist und rasch im Denken.' — 
ore suavis (dreisilbig) vgl. Hist. Lang. II 13 
versiculos suavi et diserto sermone com- 
posuit. Alcvin schreibt in seinem Epi- 



7—9 tantis decoraris gemmis: Pau- 
lus liebt diesen Vergleich, vgl. VI v.56; 
X V. 2. — modicus: Paulus nennt sich 
im Vergleich zu dem berühmten Dichter 
.unbedeutend*. Es ist kein Grund diese 



taph für Fortunat I 326, 5 überlieferte Lesart zu ändern. — plebeio 

Qui sermone fuit nitidus sensuque i carmine versus Eugen. Toi. p. 268, 3. 

fideUs, I 10—12 ne tuus in populis lateret 

Ingenio calidus^promptus et ore suo. . honor: Den gleichen Grund, warum er 

3 — 5 apex vatum vgl. Hist. Lang. ■ die Grabschrift verfaßte, gibt er in seiner 

II 13 nulli poetarum secundus. — Au- ! Hist. Lang. II 13 an ne eins vitam 

sonia genitus: Er stammt aus Oberitalien. | sui cives funditus ignorarent. — redde 

— sanctorum gesta: Hist. Lang. II 13 vicem misero (Ovid. Am. I 6, 23 redde 



sanctorum gesta partim prosa partim 
metrali ratione conscripsit; Alcvin 326 
V. 3 plurima qui fecit sanctorum car- 
mina metro; gemeint ist besonders vita 
S. Martini: Poet. I 96 v. 10 sanctorum 



vicem meritis): Fortunat möge für ihn 
Fürbitte einlegen, als Gegenleistung für 
diese Grabschrift. Dies ist eine in den 
Epitaphien der karolingischen Zeit be- 
liebte Wendung, vgl. Epitaph AlcvinsPoet 



renovans patrum conscripta priorum; I 350 v. 17; Bernow. Poet. I 420 v. 23; 

vgl. auch Poet. I 19 v. 1 (Epit. Dom- ' II 656 v. 13. 

berchti). 



XXX. 

Paulus an Karl. 

'Ich möchte gerne zu Deiner Bibliothek einen Beitrag liefern 
und habe mir notgedrungen Fremdes entlehnt, da ich Eigenes nicht 
bieten kann. In dem Auszug, den ich Dir aus den 20 Büchern des 
Sextus Pompeius machte, wirst Du vieles finden, was Dich inter- 
essiert: Grammatisches, Etymologisches, Angaben über die Stadt Rom 
und über heidnische Gebräuche, auch die Erwähnung von Ausdrücken, 
die bei Dichtern und Geschichtschreibem beliebt sind. Die gnädige 
Aufnahme dieses kleinen Geschenkes wird mir zu größeren Arbeiten 
Mut machen.' 

Dieses Karl gewidmete Werk des Paulus, dessen Autorschaft 
ich nachgewiesen habe {De Paulo Diacono Festi epitomatore Erlangen 
1891), entstand erst in der Zeit, wo er in Karl nicht mehr den Unter- 
drücker seines Volkes, sondern den von Gott mit einer besonderen 
Mission betrauten König sah, und zwar erst nach seiner Rückkehr 
ins Kloster Montecassirto, nach dem Jahre 786. Das unruhige Leben 
am Hofe Karls, dieses Wandern von einem Hoflager zum andern und 
dabei die Erledigung vieler ihm übertragener anderer Aufgaben lassen 
es als unmöglich erscheinen, daß Paulus noch zwischen 782 — 786 
diese umfangreiche Arbeit erledigte. In Montecassino dagegen fand 
er eher Muße dazu. 

Wenn ich zeigte (a. a. O. p. 36), daß in dem Kommentar zur 
Regula S. Benedikti sich Stellen mit den Exzerpten des Festus be- 
rühren, so beweist dies nicht etwa, daß der Kommentar nicht der lango- 
bardischen Zeit angehört, sondern nur, daß sich Paulus schon damals 
mit Studien über Festus beschäftigte, die er erst später in Monte- 
cassino, angeregt durch die dort befindlichen Handschriften, zum 
Abschluß brachte (vgl. auch Traube, Textgesch. zur Regula S. Bene- 
dict! 110). 



224 ^^^ ^^^* Gedichte des Paulus Diaconus. 

Von den drei Handschriften, in denen das Widmungsschreiben 
überliefert ist, habe ich die Münchner noch einmal verglichen, sonst 
schloß ich mich der Ausgabe Dümmlers an (M. G. Epp. IV p. 508). 



DIVINAE LARGITATIS MUNERE, SAPIENTIA POTENTIA- 

QUE PRAEFULGIDO DOMINO REGI CAROLO REGUM 

SUBLIMISSIMO PAULUS ULTIMUS SERVULUS. 

Cupiens aliquid vestris bibliothecis addere, quia ex proprio 

5 perparum valeo, necessario ex alieno mutuavi. Sextus denique Pom- 

peius Romanis studiis affatim eruditus, tam sermonum abditorum quam 

etiam quarundam causarum origines aperiens opus suum ad viginti 

usque prolixa Volumina extendit. 

Ex qua ego prolixitate superflua quaeque et minus necessaria 

10 praetergrediens et quaedam abstrusa penitus stilo proprio enucleans, 

nonnuUa ita, ut erant posita, relinquens, hoc vestrae celsitudini l^endum 

conpendium obtuli. In cuius serie, si tamen lectum ire non dedigna- 

bimini, quaedam secundum artem, quaedam iuxta ethimologiam posita 



München 14734 saec. X = /, Wolfenbüttel 10. 3 qu. August, s. X f. 4 = A 
Wien 142 saec. X f. 1 = /z. 

2 domino regi fehlt i, domno n \ Caralo / || 4 bibiiotecis n \\ 5 Sextus] 
am Rand verbessert von anderer Hand Festus /, Festus /z || 10 enuciens /i. 



1 — 3 diviniae largitatis munere: \ dient und regte auch die Gelehrten seiner 

Vgl. Vorbem. und Hist. Lang. VI 7 inter \ Zeit zu schriftstellerischer Tätigkeit an; 

reüqua suae largitatis munera. — re- \ vgl. Einh. Vita Car. cap. 33 de libris, 

gum sublimissimo : In ähnlicher Weise I quorum magnam in bibliotheca sua 

sprach er von seinem König auch in dem | copiam congregavit; vgl. auch Traube, 

Dedikationsgedicht zur Homiliensamm- \ Textgesch. S. 75 und 127. — Sextus 

lung, das auch in Montecassino entstand ! denique: Paulus verwendet denique statt 



(vgl. XXXII V. 2.U.3). — ultimus servulus: 
in einer Homilie (Migne XCV p. 1577) 
extremus b. Benedicti servulus: vgl. Eug. 



^nim, aber erst in der Hist Lang., was 
mich noch in der Anschauung bestärkt 
daß die Entstehung des Festusexzerptes 



Toi. p. 27. in die letzte Zeit seines Aufenthalts in 

4 — 5 vestris bibliothecis: Wir sehen, ; Montecassino zu verlegen ist. 

daß Karl bemüht war Bibliotheken anzu- 1 1 — 14 legendum conpendium ob- 

legen und daß er die Gelehrten aufforderte , tuli vgl. Brief an Adelperga III 9 Adel- 

Beiträge zu liefern und ihre eigenen Werke perga legendam historiam optuli. — 

ihm zu übergeben. Dadurch machte er sich ' secundum artem: Da Paulus weiterfährt 

um die Erhaltung klassischer Werke ver- | iuxta ethimologiam posita, so ist jeden- 



Paulus an Karl. 



125 



non inconvenienter invenietis, et praecipue civitatis vestrae Romuleae, 
portarum, viarum, montium, locorura tribuumque vocabula diserta i5 
reperietis, ritus praeterea gentilium et consuetudines varias, dictiones 
quoque poetis et historiographis familiäres, quas in suis opusculis 
frequentius posuere. 

Quod exiguitatis meae tnunusculum si sagax et subtilissimum 
vestrum ingenium non usquequaque reppulerit, tenuitatem meam vita 20 
comite ad potiora excitabit. 



14 Romulf^ n \\ 15 moncium n \\ 16 repperietis / || 17 po^s n, poematis / || 
18 frequencius n \\ 19 sagax] ga auf Rasur i \ subtilismum / || 20 usquequaque] 
usque quare / | repulerit n \\ 21 pociora n. In nomine domini incipiunt excerpta 
ex libris Pompei Festi de significatione verborum folgt in l n. 



falls ars grammatica gemeint. — civi- 
tatis vestrae Romuleae vgl. Gedicht des 
Paulus IV V. 1 Anm. 

17—20 historiographi verwendete 
Paulus auch in seiner Hist.Lang. 1 cap. 15, 
II cap. 23. — exiguitas: Ist wie exiguus 
in der Einleitung zum Brief an Adelperga 
Höflichkeitsformel = meine Wenigkeit. 
— tenuitatem meam ist im gleichen 
Sinn wie in Hist. Lang. III 24 zu fassen: 
iuxta tenuitatis nostrae vires universa 
descripsimus : Gest. epp. Mett SS. II 262 
meae tenuitatis non immemor, — vita 
comite auch sonst von ihm gerne ge- 
braucht, vgl. Schluß der Briefe an Adel- 



perga und Theudemar; betreffs der son- 
stigen stilistischen Eigenttlmlichkeiten 
unseres Briefes vgl. p. 37 ff. in meiner 
in den Vorbem. angeführten Arbeit. Die 
Unechtheit der Verse 
Malta legit paucis, qui librum prae- 
dicat istum; 
Hoc servusfecit, Karolo rege, tuus. 
Sic una ex multis nunc fiat ecclesia 
templis; 
Det David vires scilicet ipse deus, 
hat Traube (Neues Archiv XV 199) nach- 
gewiesen und die genaue Untersuchung 
der Schreibweise des Paulus ergab nur 
eine Bestätigung seiner Behauptung. 



XXXI. 
Brief an Adalhard. 

'Leider war es mir nicht möglich Dich im vergangenen Sommer 
zu sehen, wo ich mich in jenen Gegenden aufhielt. Die gewünschten 
Briefe konnte ich Dir deshalb nicht früher schicken, weil ich keine 
Abschreiber hatte und auch vom September bis Weihnachten krank 
damiederlag (1 — 11). 

Aber auch jetzt kann ich Dir nur 34 überschicken, die ich durch- 
korrigierte. Die lückenhaften Stellen wagte ich nicht zu ergänzen, 
sondern machte am Rande ein Zeta (12 — 17). Verbessere Du gelegent- 
lich die übrigen Briefe nach einer Handschrift mit reinerem Text und 
ergänze auch die Lücken. Zugleich rate ich Dir einzelne Stellen 
nicht allen zugänglich zu machen (18 — 22).' 



Die Schlufiverse enthalten die Versicherung seiner treuen Liebe 
und die Bitte, Adalhard möge seiner eingedenk sein. 

Da die Handschrift (Petersburg cod. S. Germani 169, 858 saec. 
VIII), in der dieser Brief tiberiiefert ist, sich ursprünglich in der Abtei 
Corbie an der Somme in der Picardie sich befand, so weist schon 
die Überiieferung auf Adalhard, den Vetter Karls, der ca. 780 — 826 
dort Abt war (vgl. Abel I 361). 

Ob aber Paulus mit unserem Paulus identisch ist, darüber ist 
bis jetzt keine endgültige Entscheidung getroffen worden. Mabillon, 
Goussainville und die Mauriner zweifeln nicht daran, Bethmann meint 
(Archiv X 297) ohne Beweise anzugeben: „alles paßt recht gut auf 
ihn", Dahn (S. 37) hält die von Mabillon angeführten Gründe nicht 
für überzeugend, wenn auch nach seiner Anschauung hohe Wahr- 



Brief an Adalhard. 127 

scheinlichkeit dafür besteht. Paul Ewald, der in seinen «Studien zur 
Ausgabe des Registers Gregors I" (Neues Archiv III 440, 474) diese 
Frage eingehend untersucht, kommt zu der Anschauung, daß die 
Gründe für und wider nicht zwingend sind. 

Um nun eine Grundlage für die Entscheidung dieser Frage zu 
schaffen möchte ich hier einen Überblick über die philologisch- 
grammatische Tätigkeit des Paulus Diaconus geben, da auch der 
Inhalt des Briefes auf diese hinweist. 

Nach den Untersuchungen Traubes (Textgeschichte S. 41) ist 
der Kommentar zur Regula S. Benedicti noch in der langobardischen 
Zeit entstanden und also die erste derartige uns bekannte Arbeit. Dann 
ist Paulus der Verfasser des grammatischen Rhjrthmus (XV), der mög- 
licherweise die Grundlage bildete bei seiner Lehrtätigkeit in der 
lateinischen Grammatik am Hofe Karls (vgl. XII 7). 

In dem Katalog der Bibliothek des Benediktinerklosters Lorsch, 
einer wichtigen Bildungsstätte der karolingischen Zeit (vgl. Rhein. 
Mus. N. F. XXIII 1868 S. 385 ff.), steht f. 30\- Item minores et mai- 
ores partes donati et prisciani minores partes et asperi grammatici 
in uno cod. Ars grammatici sancti augustini adbreviata. Item 
eiusdem. Item paali diaconi ad Karolum regem item sancti 
isidori episcopi. Das zitierte Werk ist das nämliche, das im Palatinus 
1746 saec. IX, der aus Lorsch stammt, angeführt ist. Hier steht f. 27 
Incipit ars donati quam paulus diac. exposuit und voraus- 
gehen, wie im Lorscher Katalog, grammatische Werke Augustini epis- 
copi und nachher heißt es f. 40^ Incipit sancti isidori episcopi de 
grammatica et partibus eius. Der Beisatz ad Karolum regem in 
dem Lorscher Katalog weist nur auf unseren Paulus hin, da nur er 
für Karl in dieser Hinsicht tätig war. 

In dem gleichen Katalog heißt es f. 32^: über grandis glosarum 
ex dictis diuersorum coadunatus in uno cod. Item lib. glosarum 
et cronica isidori et sententia senice in uno cod. Glose pauli 
diac. Item glose in quaternionibus. Jedenfalls ist damit sein 
Festusexzerpt gemeint. Wichtig ist auch eine Notiz im ältesten 
Katalog von Montecassino, den Traube aus dem Cavensis f. 69 zum 
erstenmal herausgab und der ihm wie ein Verzeichnis der aus dem 
Nachlaß des Paulus zugeflossenen Bücher erscheint (Textgeschichte 
zur Reg. S. Ben. S. 113): brebe (bb Gaetani, W Reifferscheid) facimus 
de ipsi codici: inprimis regum I, salomon, storiale, prophetarum, 
homelie bede, homelie de dibersis doctores (das Werk des Paulus), 
colectariu (colectaru Gaetani, colecta III Reifferscheid) de dibersis 



128 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus. 

doctores, scintillu (das Werk des Defensor), danihel, eptaticu, codice 
betere (d. h. veterem) I, collectariu (collectaru Gaetani^ minores I, 
cronica I, psalteriu I, eUhiomoligiara (etthimoligiaru Gaetani, ^ÄAio- 
moligiarum Reifferscheid^ /, istoria (storia Reifferscheid^ longo- 
bardoru I, lectionani I. insimul totidem sunt cotdici XVII. 

Wenn man ferner bedenkt, daß Karl ihm auch die Herstellung 
der Homiliensammlung (vgl. Gedicht XXXII) übertrug, eine Tätigkeit, 
die sich mit der in dem Brief an Adalhard besprochenen ganz nahe 
berührt, und daß es in den Jahren 782 — 786, wo Paulus am Hofe 
Karls weilte, und auch mehrere Jahre nachher, keinen anderen Paulus 
gab, der für Karl derartige Arbeiten erledigte, dann kann niemand 
als unser Paulus jener Paulus grammaticus gewesen sein, der zwischen 
784 und 791 im Auftrage Karls den Papst Hadrian I. um Zusendung 
des über sacramentorum Gregors I. bat (Jaffö, Bibliotheca Rerum 
Germanicarum IV 27 ff. Epp. III 626). 

Ein weiterer Beweis für die Identität liegt auch darin, daß unser 
Paulus eine Biographie Gregors geschrieben hat (Hist Lang. III 24 
de beato Gregorio plura dicere obmittimus, quia iam ante aliquot 
annos eius vttam Deo auxiliante texuimus) und daß er in seiner 
Hist. Lang., wie Ewald a. a. O. nachwies, eine Kenntnis der Briefe 
Gregors verrät. 

Zu allen diesen Beweispunkten kommt noch hinzu, daß zwischen 
unserem Paulus und Adalhard Beziehungen bestanden. Nach Angabe 
des Biographen Adalhards, des Paschasius Radbertus (Vita Adalh. 
cap. 12 SS. II 525 und Hauck, Kirchengesch. Deutschi. S. 172), hielt 
sich dieser vor 780 als Mönch in Montecassino auf, also in jener 
Zeit, wo Paulus Diaconus dort als Verbannter lebte. Sicherlich 
sind sie dort einander näher getreten. Daher der freundschaftliche 
Ton, in dem der Brief gehalten ist und den er dem einstigen Frater 
gegenüber anschlagen konnte {yg\. carissimo fratri ; dilecte mi; frater 
amabilis). 

Damit wäre eigentlich die Frage schon entschieden, die Er- 
klärung des Briefes selbst aber bringt in stilistischer und inhaltlicher 
Beziehung noch manchen Punkt zur Bestätigung und beweist auch, 
daß seine Abfassung in die Zeit seines Aufenthalts am Hofe Karls 
(782 bis 786) fällt. 



Brief an Adalhard. 



129 



CARISSIMO FRATRI ET DOMINO ADALARDO, VIRO 
DEI, PAULUS SUPPLEX. 

Cupieram, dilecte tni, aestate praeterita videre fadem tuam, quando 
Ulis in partibus fui, sed praepeditus lassitudine sonipedum ad te venire 
non potui. Interioribus tarnen oculis, quibus solis valeo, tuae frater- 5 
nitatis dulcedinem frequenter aspicio. Volueram equidem tuis imperiis 
iam ante parere, sed, utpote pauper et cui desunt librarii, prius hoc 
facere nequivi, maxime cum me tam prolixa valitudo contriverit, ut a 
mense Septembrio paene usque ad diem nativitatis Domini lectulo 
detentus sim nee licuerit clericulo illi, qui haec eadem utcumque 10 
scripsit, manum ad atramentarium mittere. 

Suscipe tarnen, quamvis sero, epistolas, quas desiderasti, et quia 
mihi eas ante relegere prae occupatione totas non licuit, 34 ex eis 
scito relectas et, prout potui, emendatas esse praeter pauca loca, in 
quibus minus inveni, et tamen meo ea sensu supplere nolui, ne viderer 15 
tanti doctoris verba inmutare. Quibus in locis et forinsecus ad oram 
zetam, quod est vitii Signum, apposui. 



= Petersburg, einst S. Germani Prat. 169. 858 f. 1. 
Übersdirift Seiectae epistolae sancti Gregorii papae o 
praepedibus corr, || 10 uticumque 0. 



4 praepeditus aus 



1 — 5 carissimo fratri et domino: 
Diese Anrede hat ihre Begründung darin, 
dafi Adalhard (vgl. Vorbem.) einstens in 
Montecassino mit Paulus gleichzeitig 
Mönch war und nun Abt in Corbie an 
der Somme ist. — Paulus supplex vgl. 
die Anm. zu III. — interioribus tamen 
oculis, quibus solis valeo vgl. Brief an 
TheudeniarXIV21 tota, qua solum valeo» 
mente, 

7 utpote pauper et cui desunt li- 
brarii: Es ist natürlich, daß die Ge- 
lehrien, die der König immer bei sich 
haben wollte (vgl. Vorbem. zu XXIII), bei 
dem oft raschen Wechsel der Hoflager 
in literarischen Hilfsmitteln